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Archiv - Mai 21, 2009

HitSquad: Frühlings Erwachen (Cast Album Live), 2009

Auch in Zeiten der Weltwirtschaftskrise und der CD-Absatzkrise werden in Wien Cast-CDs auf den Markt gebracht. Das ist mal die gute Nachricht. Die noch bessere Nachricht ist, dass man beim Wiener Label MG-Sound/HitSquad, das seit geraumer Zeit alle Cast-CDs der Vereinigten Bühnen Wien produziert, Wert auf Qualität legt. Im Gegensatz zu anderen Produzenten deutschsprachiger Cast-CDs nimmt man nicht einfach die Orchesterspur aus England oder New York und lässt deutschsprachige Interpreten dazu singen - das wäre auch ziemlich unangemessen, hat man doch mit dem Orchester der Vereinigten Bühnen Wien einen hervorragenden Klangapparat an der Hand.

Die neueste Cast-CD von HitSquad, die am 15. Mai 2009 erschienen ist: “Frühlings Erwachen”, bezeichnet als “Cast Album Live”. Es handelt sich dabei um einen Livemitschnitt einer Vorstellung des Rockmusicals von Steven Sater und Duncan Sheik, genauer gesagt wurden zwei Vorstellungen (17. und 18. April 2009) mitgeschnitten.

Was wir auf der CD hören, ist einerseits alles, was an brauchbarem Output herausgekommen ist, andererseits wurden, im Gegensatz zur Original Broadway Cast CD, auch Dialoge mit auf die CD genommen. Das macht Sinn, so wie es auch Sinn gemacht hätte, einen vollständigen Livemitschnitt zu produzieren. Aber bei der begrenzten Spielzeit und den damit verbundenen Kosten, war das wohl nicht drin.

Eine Highlights-Live-CD ist natürlich gerade bei “Frühlings Erwachen” eine schwierige Sache, sind doch Songs und Dialoge oft eng miteinander verwoben. Dadurch, dass man manche Lieder aus den Dialogszenen herausisolieren musste, mag für all jene, die die Show gesehen haben, der eine oder andere Song “abgeschnitten” klingen. Natürlich ist das so am Anfang von “Meine Sucht” (”My Junk”), allerdings sind das eben Kompromisse, die man machen muss, wenn man nur die Spiellänge einer CD zur Verfügung hat.

Ja, man hört den klanglichen Unterschied zwischen beispielsweise Sprechstellen von Julia Stemberger und Wolfgang Türks. Doch muss man da berücksichtigen, dass Stemberger ausschließlich über ein Kopfmikro aufgenommen wurde, während Türks zum Teil in ein Handmikro gesungen hat. Sicher kann man das im Studio neu aufnehmen, aber das ist nicht primär eine Zeit- und Kostenfrage, sondern vor allem eine Frage der Authentizität der Aufnahme und daher goldrichtig so. Es gibt nichts Schlimmeres als eine Liveaufnahme, bei der man kein “Live-Gefühl” vermittelt bekommt.

Klanglich gesehen wird man diese Show vielleicht in den ersten paar Reihen des Ronacher derart dynamisch erleben können, aber ab der sechsten oder siebenten Reihe wird der Klang im Ronacher bereits zunehmend schwächer. Eine traurige Angelegenheit, lebt doch diese Show sehr von der klanglichen Dynamik der Songs. Hört man sich also die CD an, werden viele auf einmal Nuancen hören, die sie live nie hören konnten. Eigentlich eine absurde Angelegenheit. Aber vielleicht gibt es ja gerade deswegen die Generation iPod, die mit mies gerippten MP3 dann das gleiche Klangerlebnis wie im Ronacher schafft. Oder vielleicht hat man das Ronacher extra für die Generation iPod akustisch downgegradet, das wäre dann wahrlich innovativ. Die Instrumente sind auf der CD so abgemischt, dass man Violine, Viola, Cello auch tatsächlich unterscheidbar wahrnehmen und nicht alles in einem dumpfen Soundbrei bestenfalls erahnen kann. Das könnte man auch im Ronacher erreichen, aber dazu müsste man den gesamten Saal mit einem ausgeklügelten Lautsprechersystem bestücken. Ja macht denn das Sinn? No na, es handelt sich um ein Haus, das MUSIKtheater spielt. Dass man da eine gläserne Kantine errichtet, aber am Soundsystem nichts verbessert, ist geradezu ein Hohn.

Natürlich könnte man die Besprechung der Cast CD dazu nutzen, die gesangliche Qualität der Sänger noch einmal durchzugehen, doch da reichen eigentlich ein paar Bemerkungen. Herausstechend aus der Cast ist von den Damen Jennifer Kothe. Ihr “Winterwind” “(”Blue Wind”) ist rein und makellos, eine Stimme, bei der man sich zurücklehnen und entspannen kann. Man ist sich ganz sicher, dass es da nie einen auch nur ahnbar falschen Ton geben kann, eine Ausnahmestimme. Wolfgang Türks bringt mit ganz eigener Stimmfarbe die Rocksongs wunderbar über die Bühne. Das gesamte Ensemble ist bis in die Nebenrollen perfekt besetzt mit tollen Stimmen. Hanna Kastner hat eine etwas eigene Stimmtechnik, die bewirkt, dass sie die richtigen Töne mal zuerst anvisiert und dann trifft, vermutlich ein Relikt aus ihren “Kiddy Contest”-Zeiten. Rasmus Borkowski ist zweifellos sehr interpretierend unterwegs, sehr gefühlvoll, aber seinen “knödelnden” Touch in den Höhen mag man, oder eben nicht.

Nicht zufrieden kann man mit der Gesamtauslastung der Show im Ronacher sein. Und dass die Show schlecht ausgelastet ist, ist eigentlich nicht verständlich, wenn man sich diese Cast-CD angehört hat. Ein bisschen mehr Promotion hätte “Frühlings Erwachen” in Wien zu einem Hit machen müssen. Man kann eine Cast auch mal zu Live-Auftritten schicken, man kann der Cast auch die Möglichkeit geben, auf Eigeninitiative Promotion zu betreiben und nicht im Vorfeld derartige Initiativen untersagen.

Ein Beispiel, wie man blendend für die Show werben kann, ist der “Notizblog” von Matthias Bollwerk. Er schafft es, mit seinen YouTube-Videos neben seiner Arbeit im Theater wesentlich sinnvollere Promotion für die Show zu machen als das ganze “Frühlings Erwachen”-Blog der VBW. Das ist nun keine Kritik am Blog der VBW, nur muss man, wenn man sich auf das Internet einlässt, auch ein paar der grundlegenden Regeln befolgen. Ein Blog, das im Vorfeld recht brav alle paar Tage mit Updates versorgt wird und danach einfach vergessen wird, ist völlig sinnlos. Eine Website, die keine Keywords hat, keine Meta-Tags und in der Blogosphäre nicht sichtbar ist, macht einfach keinen Sinn. Wenn man das Medium Blog wählt, dann muss man auch versuchen, sich mit den wichtigsten Seiten zu verlinken. Tägliche Postings sind eine so große Zeitfrage nicht. Man hat die Leute im Theater an der Hand, wo ist das Problem?

Zurück zur CD. Im Booklet finden sich auch die Songtexte. Ein guter Trend zeichnet sich da ab, fehlten die Lyrics doch bei vielen vorangegangenen Cast-CDs.

Fazit: Kaufempfehlung!

Tracks
01 MAMA (Wendla)
02 MAMA Reprise (Wendla & Girls)
03 DIESE WELT (Melchior & Boys)
04 SO´N VERFICKTES LEBEN (Moritz & Boys)
05 MEINE SUCHT (Girls & Boys)
06 SPÜR MICH (Boys & Girls)
07 MEHR ALS NUR WORTE (Wendla & Melchior)
08 WAS SICH NICHT ERZÄHL´N LÄSST (Martha, Ilse)
09 UND DANN IST´S VORBEI (Moritz)
10 ICH VERTRAU (Boys & Girls)
11 MACH NICHT AUF TRAURIG (Moritz)
12 WINTERWIND (Ilse)
13 ES BLEIBT ZURÜCK (Melchior, Boys & Girls)
14 VÖLLIG IM ARSCH (Melchior, Boys & Girls)
15 HÖR NUR HIN (Wendla)
16 DAS LIED VOM WIND DES SOMMERS (Ilse, alle)

Porgy & Bess: Jeff Ballard / Larry Grenadier / Mark Turner „Fly“

21. Mai 2009
20:30bis22:30

Porgy & Bess: Jeff Ballard / Larry Grenadier / Mark Turner „Fly“
Donnerstag, 21. Mai 2009, 20.30 Uhr

Jeff Ballard: drums
Larry Grenadier: bass
Mark Turner: tenor saxophone

Wenn sich Musiker von solcher Qualität in einem Trio zusammenfinden, bedarf es keiner nennenswerten Vorstellungsgabe sich auszumalen, dass das Ergebnis zunächst wenigstens ein interessantes sein dürfte. Wenn sich, wie in diesem Fall, die Auffassungen von Spiel und Herangehensweise derart gut ergänzen, dann haben wir es mit einer musikalischen Wunderwaffe zu tun. Alle drei, Mark Turner, Larry Grenadier, sowie Jeff Ballard (die beiden Letztgenannten bilden übrigens zwei Drittel des Brad Mehldau Trios) werden in den weltweiten Jazz-Medien als führende Köpfe einer neuen Musikergeneration bezeichnet. Hört man, wovon da die Rede ist, erschließen sich die am häufigsten verwandten Begriffe wie von selbst. Von „Vielschichtigkeit“ wird immer wieder geschrieben. Diese Vielschichtigkeit bezieht sich auf die Deutungs- und Rezeptionsmöglichkeiten, die das Spiel der drei den Zuhörern lässt. Nicht nur insofern ist der Titel des Trios mit „Fly“ mehr als passend gewählt. (Pressetext)

Eintritt:
EUR 18,00