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Archiv - März 12, 2010

Georg Markus, Otto Schenk, Heinz Marecek, Elfriede Ott: Wenn’s euch nur gefällt – 100 Jahre Kammerspiele 1910–2010

100 Jahre Wiener Kammerspiele, das war dem Wiener Amalthea Verlag Anlass, einen Jubiläumsband diesem traditionsreichen Theater zu widmen, einem Theater, mit dem man bis vor kurzem unter anderem den Begriff „Opas Lachtheater“ assoziierte. In den 70er, 80er und 90er Jahren kultivierte man an diesem Haus das seichte Lustspiel mit – Hauptsache – Publikumslieblingen. Die regelmäßig ausverkauften Vorstellungen des damals als En-Suite-Betrieb geführten Theaters in der City von Wien sorgten dafür, dass sich das „Mutterhaus“, das Theater in der Josefstadt, der seriöseren Theaterliteratur widmen konnte. Als Herbert Föttinger 2006 das Haus als Direktor übernahm, positionierte er die Kammerspiele radikal neu, mit der Absicht, sie ins 21. Jahrhundert zu führen. Einzug hielten die moderne Stadtkomödie und (wieder) das Musiktheatergenre. „Im weißen Rössl“ (2008), „Sugar – Manche mögen’s heiß“ (2009), „Ladies Night“ (2010), „Cabaret“ (2010) und „Judy – Somewhere over the rainbow“ (2011) lockten und locken neue Publikumsschichten ins Haus.
Musiktheater war an den Kammerspielen schon einmal populär: In den großen Ausstattungsrevuen und Operetten der 20er Jahre spielten hier Stars – und solche, die es später wurden, wie Peter Lorre oder Marlene Dietrich, in Wien 1927 unter anderem in der Operette „Wenn man zu dritt …“ zu sehen – zwei Jahre später begann die Dietrich mit den Dreharbeiten zum „Blauen Engel“. Oder Luise Rainer, die von den Kammerspielen weg 1934 nach Hollywood vermittelt wurde und 1936 für ihre Darstellung der Anna Held in „The Great Ziegfeld“ einen Oscar als beste Hauptdarstellerin bekam.
Georg Markus, der Star unter den österreichischen Sachbuchautoren, schildert auf 105 Seiten die aufregende Geschichte der Kammerspiele, bringt viele unterhaltsame und auch tragische Geschichten über die vielen Publikumslieblinge des Hauses. Gleich drei dieser Lieblinge, Otto Schenk, Heinz Marecek und Elfriede Ott, führen in kurzen Erinnerungen den Leser hinter die Kulissen und vermitteln nicht zuletzt viele interessante Einblicke in das Handwerk des Schauspielens in einem En-Suite-Betrieb. Im Anhang findet man auf 63 Seiten alle Premieren des Hauses seit 1910 aufgelistet, mit dem Datum der Premierenvorstellung, Angaben zu den Autoren, der Regie und den Darstellern. Ein Stück (Wiener) Theatergeschichte, sehr lesenswert.

Georg Markus, Otto Schenk, Heinz Marecek, Elfriede Ott: Wenn’s euch nur gefällt – 100 Jahre Kammerspiele 1910–2010. Mit einem Vorwort von Herbert Föttinger. Amalthea, Wien 2010. 208 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-85002-724-3. EUR 24,95.

Laura Frankos: The Broadway Musical Quiz Book

Vor diesem Buch müsste man eigentlich ausdrücklich warnen. Zartbesaitete Musicalkenner könnten es nach den ersten der insgesamt mehr als 1200 Fragen einfach desillusioniert in die Ecke werfen, in der fixen Überzeugung, nicht allzu viel Ahnung vom Musicalgenre zu haben. Doch alles halb so wild: Erstens betreffen die in diesem Quizbuch gestellten Fragen „nur“ das „Broadway-Musical“, zweitens hat es die Autorin geradezu darauf angelegt, nur den echten und wahren „Broadway-Babys“ die Antworten leicht zu machen, drittens gibt es auch jede Menge weniger schwere Nüsse zu knacken, und überhaupt: So brauchbar das Werk als Quizbuch ist, hat Laura Frankos doch auch einfach ein informatives Kompendium von wissenswerten, höchst interessanten und bisweilen skurrilen Details aus der spannenden Broadway-Geschichte zusammengestellt.
Aufgeteilt hat sie ihren Fragenkatalog grob gesagt in zwei Akte und einige Sonderkapitel. Die Akte untergliedern sich in Szenen. Die ersten beiden „Szenen“ des ersten Akts behandeln die großen Meister (Komponisten und Autoren) wie Leonard Bernstein, Kurt Weill, Jule Styne, Stephen Sondheim; die dritte Szene ist Choreographen gewidmet. In der „Pause“ gibt es Unterhaltsames wie zum Beispiel ein „A Chorus Line Mini-Quiz“, bei dem zehn Fragen à la „What former collaborator of Bennett’s did some uncredited (and unpaid!) work on the libretto while the show was still at the Public Theatre?“ zu beantworten sind. Die Antwort: Neil Simon. Im Sonderkapitel „Setting“ geht’s um Wissenswertes von Shows, die etwa in Italien, Frankreich, … spielen, oder aber man muss einer Figur eines Musicals eine bestimmte Wohnadresse zuordnen. „Time“ widmet sich Produktionen von 1900 bis 2000 – die älteste Show, die im Buch Erwähnung findet, ist allerdings „The Black Crook“ (1866), und das aktuellste Musical „Catch me if you can“ (2010). Bonus-Broadway-Fragen widmen sich skurrileren Details: „What did John Gallagher, Jr., do with his handheld mike during „The Bitch of Living“ on Spring Awakenings’s opening night at the Eugene O’Neill? (Antwort: „Good Lord, you people have dirty minds: here’s the truth: Gallagher brought his hand mike up to his mouth with such force on opening night that he chipped his front teeth.“) Oder aber der Bonus geht an die wahren Kenner, die Fragen wie die folgende beantworten können: „Which is the only show directed by Hal Prince not to receive a cast album recording?“ (Antwort: „Roza“ (1987) is the only show directed by Prince not to have a cast album recorded.“) Das Buch bietet thematische Fragenkataloge unter anderem zu Sport, Literatur und Geschichte in Musicals, es wird das Wissen bezüglich Broadwaystars, Komponisten, Regisseuren, Produzenten abgefragt, zwischendurch eingestreut finden sich amüsante Fragen zu „Sachthemen“ wie Essen & Trinken, Nachtclubs & Ärzte in Musicals – oder Songtitel mit Zahlen.
Frankos Quellen sind hunderte Libretti, Memoiren, Biographien, Chroniken, Geschichtsbücher und Audio- sowie Videomaterial. Eine Bibliographie wäre nett gewesen, hätte aber wohl den Rahmen gesprengt. Die Autorin liefert im Antwortenteil oft reiches Hintergrundwissen, viele Einzelheiten, und so ist bei „The Broadway Quiz Book“ Lesevergnügen garantiert, auch wenn man nicht alle Fragen zu den insgesamt mehr als 700 Musicals, die Erwähnung finden, beantworten kann.

Laura Frankos: The Broadway Musical Quiz Book. Foreword Peter Filichia. Applause Theatre & Cinema Books – An Imprint of Hal Leonard Corporation, New York 2010. 272 S.; (Paperback) ISBN 978-1-4234-92675-7. $ 16.99.

Rolf Kutschera: Glück gehabt – Meine Erinnerungen / Peter Weck: War’s das? – Erinnerungen

Rolf Kutschera, geboren 1916 in Wien, und Peter Weck, geboren 1930 in Wien, prägten jeder auf seine Weise das Musicalgenre in Wien nachhaltig. 2010 legten beide ihre Autobiographien vor.
Der Pianist, Textautor, Komponist für Kabarett und von Chansons, Schauspieler und Regisseur Rolf Kutschera übernahm 1965 das herabgewirtschaftete Theater an der Wien, etablierte das Musical als Genre in Wien, revolutionierte hier auf seine Weise den Spielbetrieb und leitete es bis 1982.
Peter Weck putschte alles bisher Dagewesene am Musicalsektor Wiens, und auch im deutschsprachigen Raum. 1983 bis 1987 leitete er das Theater an der Wien, 1987 bis 1992 übernahm er die Generalintendanz der Vereinigten Bühnen Wien, die neben dem Theater an der Wien auch das Raimund Theater und das Ronacher umfassten. Sein größter Erfolg, „Elisabeth“, ist heute noch einer der wichtigsten Geldbringer der VBW.
„Glück gehabt“ und „War’s das?“, so lauten die Titel der beiden Biographien der Theatermacher.
Während Rolf Kutschera dem Musical, seiner Arbeit am Theater an der Wien, breiten Raum in seiner Biographie einräumt, 129 Seiten von 285 Seiten, kommt Peter Weck mit, alles eingerechnet ca. 40 Seiten aus (von 344) – die haben es allerdings in sich.
Wecks Biographie ist wohl ausformuliert, tendenziell eher ironisch distanziert als zu gefühlsbetont, in einer Sprache geschrieben, die das Buch perfekt dafür erscheinen lässt, vom Autor vorgelesen zu werden. Man hört fast Wecks Stimme, wie er rezitiert. Das macht das Werk einfach und sehr angenehm lesbar. Das Wunderbare an Weck ist, dass er sich nie ein Blatt vor den Mund nimmt. So liebevoll er im Großteil seiner Memoiren über sein Schauspielerleben und seine Kollegen erzählt, so präzise und scharf wird er vergleichsweise in der Musicalabteilung des Buchs. Da stützt er sich auf exakte Zahlenangaben, zitiert beispielsweise aus einem Kontrollamtsbericht der Stadt Wien, um seinen Erfolg als Intendant zu betonieren: „Insgesamt wurden in den Jahren 1983 bis 2007 bei 20 Eigenproduktionen (…) 10,75 Millionen Karten verkauft (…) Die drei Produktionen ‚Elisabeth‘ (59,58 Mio. EUR), ‚Cats‘ (42,21 Mio. EUR) und ‚Phantom der Oper‘ (42 Mio. EUR) erwirtschafteten 42,9 Prozent der gesamten Kartenerlöse von 335,12 Mio. EUR.“ Da wird mit der „roten Ursel“, Kulturstadträtin Ursula Pasterk, und Franz Häußler, nach all den Jahren, beinhart abgerechnet: „Das besonders Bedauerliche war, dass mein direkter Partner in Sachen Theaterleitung, Franz Häußler, nach anfänglicher Loyalität mir gegenüber, geleitet durch seinen vorauseilenden Gehorsam, den er politischen Entscheidungsträgern entgegenbrachte, diesen Personen gegenüber zum Jasager wurde. Soll von mir aus sein, jeder muss seinem Charakter entsprechend handeln. Aber was mich persönlich betraf: Er praktizierte ab einem bestimmten Zeitpunkt keine teambezogene Arbeit mehr in der Geschäftsführung mit mir. So haben sich gegen Ende meiner Zeit mehr und mehr Dinge hinter meinem Rücken abgespielt.“ Weck nützt seine Biographie, um – knapp – die Umstände darzulegen, unter denen er als Intendant agieren musste, wie man ihm unter anderem seine Erfolgsproduktion „Cats“ im Ronacher abgeschossen hat, trotz ausverkaufter Vorstellungen bis zum Schluss und einer „Kostendeckung von über 100 Prozent“, er findet auch klare Worte, was die Schließung des „Tanz-Gesang-Studio Theater an der Wien“ betrifft: „Es hieß von kulturpolitischer Seite – unterstützt von der kaufmännischen Leitung des Hauses –, es koste zu viel. Ein weiteres Argument lautete. ‚Wir werden doch nicht Musicaldarsteller ausbilden, die dann ins Ausland und nach Deutschland gehen …‘ So einen Unsinn muss man sich erst einmal einfallen lassen Aber man sieht, welche profunden Theaterleute die Geschicke nach mir übernommen haben. Mit einem Weitblick für die Sparte Musical, der dann dort hingeführt hat, wo man jetzt steht.” Wahre Worte, die die Biographie zur messerscharfen Analyse der Entwicklung bis heute machen. Diese Schärfe hat seine Berechtigung, war der erfolgreiche Weck doch während seiner Amtszeit ein von vielen Angefeindeter, der letztlich seine Konsequenzen zog und sich via Medien mit dem legendären Satz verabschiedete: „Ich gehe nicht im Bösen, aber ich werde freier atmen, wenn ich die Heuchelei nicht mehr ertragen muss.“ Für alle Fans des ehemaligen Sängerknaben, verhinderten Dirigenten, (Theater-)Schauspielers und Regisseurs ist „War’s das?“ ein ungemein unterhaltsames Werk geworden, in dem sich sehr wirksam und kurzweilig herausgearbeitet Anekdote an Anekdote reiht, Berührendes, Lustiges, Trauriges und Überraschendes, viele Blicke hinter die Kulissen der Theater-, Film- und TV-Landschaft, unterstützt durch eine hervorragend Bildauswahl.
Vor allem eines haben Peter Weck und Rolf Kutschera gemein: Beiden sagte man voraus, sie würden mit ihren Wiener Musicalplänen scheitern. Im Falle von Weck war das sein Vorhaben, Longrun-Produktionen in Wien zu etablieren, bei Kutschera das ehrgeizige Bestreben, das Theater an der Wien zu einem erfolgreichen Musicalhaus zu entwickeln. In den 32 Kapiteln des Musicalteil seines Buches spannt Kutschera den Bogen vom 21. Dezember 1965, der Premiere von „Wie man was wird im Leben, ohne sich anzustrengen“, bis zum 8. Dezember 1981, der Premiere von „Jesus Christ Superstar“. Kutschera schildert von jeder Produktion spannende und berührende Erlebnisse in einer Emotionen auslösenden Weise. Man spürt, wie sehr er bei der Auswahl, den Vorbereitungen und der Produktion jeder einzelnen Show emotionell beteiligt war. Das im Titel erwähnte „Glück“, das hatte Kutschera in Form eines glücklichen Händchens bei der Auswahl seiner Shows und Darsteller so manches Mal. Die Schnurren aus dem von der Wiener Bürokratie oft beeinflussten Theateralltag und über Eitelkeiten, Freuden und Niederlagen so mancher Wiener Publikumslieblinge sind herrlich – ein Blick zurück in die goldene alte Zeit, die für Kutschera so endete: „‘Jesus Christ Superstar‘ war das erste Musical in meiner Direktionszeit, wo alle Schauspieler mit Mikroports und Verstärkern sangen. […] Mit ‚Jesus Christ Superstar‘ und den weiteren Werken von Andrew Lloyd Webber begann die Zeit des elektronischen Musicals, wodurch sich ein vollkommen neuer Darstellungs- und Gesangsstil entwickelte. Meine Zeit des Musicals mit direktem Spiel und Gesang der Schauspieler, ohne elektronische Tonverstärkung, war vorbei.“
An der Sprache wurde bei Kutscheras Biographie weit weniger gefeilt als bei jener Wecks, doch dafür wirkt alles viel emotioneller, direkter. Letztlich sind beide Werke Mosaiksteine in einer Geschichte des Wiener Musicals und höchst lesenswert.

Rolf Kutschera: Glück gehabt – Meine Erinnerungen. Aufgezeichnet von Birgit Thiel. Mit einem Vorwort von Michael Heltau und einer Nachbetrachtung von Ernst Stankowski. Styria Verlag, Wien-Graz-Klagenfurt 2010. 288 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-222-13311-4. EUR 24,95.
Peter Weck: War’s das? – Erinnerungen. Mitarbeit: Felicitas Wolf. Amalthea Verlag, Wien 2010. 344 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-85002-721-2. EUR 22,95.

The Legion of Extraordinary Dancers

Kabarett Simpl: Melodie des Lachens - Karlheinz Hackl & Heinz Marecek

12. März 2010
20:00bis22:00

Kabarett Simpl: Melodie des Lachens - Karlheinz Hackl & Heinz Marecek
Ein Jahrhundert lässt Revue passieren.
Premiere: 12. März 2010, 20 Uhr

100 Jahre Cabaret in Liedern und Texten. Karlheinz Hackl und Heinz Marecek erzählen vom „Mann mit dem Überzieher“, den „Pollaks, mit denen man nicht verkehren soll“, was mit den „Novaks aus Prag“ passiert ist, vom„Gewissenhaften Maurer“, wie schön es nach dem Krieg an der „Schönen roten Donau“ wirklich war, vom „Mann mit dem schwarzen Bart“, verraten Ihnen das Geheimnis, „Wovon die Leute wirklich leben“, erzählen aber auch vom„G’schupften Ferdl“, von dem „Mädchen mit den drei blauen Augen“, vom„Zirkus, der in Flammen stand“….usw.

Der Bogen spannt sich von der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, geht über die 20er und frühen 30er Jahre, in denen das Cabaret eine nie wieder erlebte Hochblüte in dieser Stadt verzeichnen konnte, bis zum Jahr 38, in dem alles schlagartig zu Ende war. Und weiter, als nach dem Krieg die ersten Versuche unternommen wurden – die Zeit hatte eine unfassbare Schneise in die Landschaft der Autoren und Interpreten geschlagen – in dieser Stadt wieder Cabaret zu machen. Alle Großmeister des Genres kommen zu Wort: Armin Berg, Fritz Grünbaum, Franz Engel, Karl Farkas, Hermann Leopoldi, Fritz Löhner-Beda, Peter Hammerschlag, Gerhard Bronner, Carl Merz, Georg Kreisler und viele andere.

Am Klavier: Florian Schäfer