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Archiv - September 8, 2010

Marco Franke: Stephen Sondheims „Sweeney Todd“ – Ein Werkporträt

Wie schreiben das Jahr 2010 – Stephen Sondheim, geboren am 22. März 1930 in New York, einer der bedeutendsten Musicalkomponisten & -texter, Preisträger eines Oscars (1990, für „Sooner or later“ aus dem Film „Dick Tracy“) sowie mehrerer Tony- und Grammy-Awards und des Pulitzer-Preises (1985, für „Sunday in the Park with George“), feierte seinen 80. Geburtstag.
Man könnte meinen, ein solches Jubiläum wäre der perfekte Anlass für zumindest einige wenige Buchpublikationen – eventuell Bildbände mit den schönsten Szenenfotos der Uraufführungen von Sondheims Werken, kommentiert von all jenen, die darin große Erfolge feiern konnten, vielleicht auch umfangreiche Biographien, Interviewbände, Einzeluntersuchungen zur Wirkung beziehungsweise Rezeption – doch auf dem Buchsektor, nicht nur auf dem deutschen, ist es merkwürdig ruhig.
Immerhin – mit „Finishing the Hat“, benannt nach einem Lied aus Sondheims 1984 uraufgeführter Show „Sunday in the Park with George“, [der Untertitel des Buches wird pfiffig-verspielt lauten: „v. 1: The Collected Lyrics of Stephen Sondheim with Attendant Comments, Principles, Heresies, Grudges, Whines and Anecdotes“] erscheint im Herbst 2010 der erste Teil eines auf zwei Bände angelegten Werks, das einerseits die Memoiren des Komponisten und Texters beinhaltet, Erinnerungen an seine Shows und an seine Kollegen umfasst, andererseits auch eine Sammlung seiner wichtigsten Songtexte, von ihm selbst kommentiert, werden wird. „Finishing the Hat“ erscheint in England bei Virgin Books und in den USA bei Alfred A. Knopf. 2011 folgt mit „Look, I made a Hat“[der Titel ist ein Zitat einer Zeile aus dem Lied „Finishing the Hat“] der zweite Teil des zweibändigen Werks.
Viel mehr wird es 2010 nicht mehr an Buchneuerscheinungen zum Thema Stephen Sondheim geben, im deutschsprachigen Raum also gar keine. Da trifft es sich gut, dass 2009 mit Marco Frankes „Stephen Sondheims Sweeney Todd“ ein Werkporträt des wohl populärsten Musicals des Komponisten erschienen ist.
Marco Franke, geboren 1979, studierte Musik- und Theaterwissenschaft an der Ludwig Maximilians-Universität München. Derzeit ist er Referent für Presse und Öffentlichkeitsarbeit und Konzertdramaturg beim Sinfonieorchester „basel sinfonietta“. Sein Werkporträt hat er bereits im Jahre 2005 fertiggestellt; einige Jährchen, bis Herbst 2009, hat es dann gedauert, bis die Hamburger Diplomica Verlag GmbH die wissenschaftliche Abschlussarbeit in ihr Programm aufgenommen hat und sie nun wahlweise als E-Book oder auch als gedrucktes Exemplar anbietet.
154 Seiten umfasst Frankes Analyse, den ersten Teil widmet er einer Stoffgeschichte. In einem dreistufigen Werkvergleich untersucht er Übereinstimmungen und Abweichungen des Musicals zur 1968 entstandenen Schauspielvorlage von Christopher Bond und zu den vielen „Sweeney Todd“-Melodramen des 19. Jahrhunderts, hier vor allem George Didbin Pitts Version von 1847, aber auch zurückgehend bis zu einer französischen Ballade aus dem 14. Jahrhundert über einen mordenden Barbier, der mit einer Gehilfin seine Opfer zu Fleischpasteten weiterverarbeitet haben soll. Berücksichtigt wird dabei auch die szenische Realisierung von Harold Prince, dem Regisseur der Broadway-Uraufführung.
Im zweiten Teil widmet sich Franke dem eklektischen Werkcharakter des Musicals und seiner Schauspielvorlage im Hinblick auf Erzählstrukturen und Motive.
Der dritte Teil stellt eine ausführliche und detailreiche musikdramaturgische Analyse von „Sweeney Todd“ dar, einem Musical, das gerade wegen seiner Opernhaftigkeit und dem Umstand, dass es ohne Probleme auch mit Opernsängern zu besetzen ist, einerseits nur schwer in die gängigen Schemata des amerikanischen „Musical Theaters“ schubladisierbar ist, andererseits zu einem der meistgespielten Werke Sondheims avancierte.
Der Autor unterfüttert seine Analyse mit einem gigantischen Anmerkungsapparat, fast könnte man meinen, jede These und jede Aussage sei dutzendfach abgesichert. Zweifellos eine gute Sache, und so nebenbei bemerkt lohnt es sich gerade bei diesem Buch, einen genaueren Blick auf den Fußnotenteil zu werfen. Es ist fast schon ein bisschen schade, dass hier, ein wenig versteckt, eine Unmenge an guten Geschichten ausgelagert wurden. Amerikanische Sachbuchautoren hätten beispielsweise rund um die Frage, ob es denn nun tatsächlich einen „Sweeney Todd“ gegeben hat, ein eigenes spannendes Kapitel gemacht. Franke verweist auf amerikanische Studien und Internetforen, ohne dem „angeblich“ im London des späten 18. Jahrhundert existierenden Barbier eine eigene längere Passage zu widmen – jenem Sweeney Todd, der am 25. Januar 1802 vor den Toren Londons aufgrund 160-fachen Mordes hingerichtet wurde. Schön herausgearbeitet dagegen ein anderes der gerade in diesem Werk recht drastischen Motive wie jenes des Kannibalismus.
Dem Hauptteil der Untersuchung angeschlossen findet sich ein sehr ausführliches Literaturverzeichnis mit sämtlicher Primär- und Sekundärliteratur, diversen Hinweisen zu Internetquellen und zu Zeitungsartikeln, Programmheften und schließlich ein Video- und DVD-Verzeichnis mit einer Aufstellung der daran beteiligten Leading Teams und Darsteller.
Im Anhang des Werks schließlich bietet Marco Franke ein Interview mit Christopher Bond, das er am 24. September 2004 unmittelbar nach der Generalprobe von „Sweeney Todd“ in der Kantine der Komischen Oper in Berlin geführt hat. Bond besorgte 2004 an der Komischen Oper die Berliner Erstaufführung des Musicals und erzählt sehr ausführlich über seine langjährige Erfahrung mit Sondheims Musical, das er bis dahin bereits sieben Mal inszeniert hatte. Franke nutzt die Gelegenheit, sehr detailreiche Fragen bis hin zur Charakteristik einzelner Personen zu stellen wie „Isn’t Johanna a little bit hysterical? I mean at least in the Sondheim version …“ Das sind dann Stellen im Buch, die aus der manchmal vielleicht etwas zu trocken aufgezogenen Studie ein höchst lesenswertes Werk machen.
Was Franke schließlich zum Abschluss erarbeitet hat, ist ein tabellarischer Überblick über die wichtigsten literarischen und dramatischen Bearbeitungen des „Sweeney Todd“-Stoffs, von 1846 bis 1997, und eine genaue Auflistung der einzelnen Szenen von drei Versionen des Stoffs: jener von George Didbin Pitt, jener von Christopher Bond und jener von Stephen Sondheim.
Fazit: Ein Werkporträt vollgepackt mit Fakten, Quellenhinweisen und einem interessanten Interview. Sondheim-Fans sind damit sicher bestens bedient.

Marco Franke: Stephen Sondheims Sweeney Todd – ein Werkporträt. Diplomica Verlag GmbH, Hamburg 2009. 154 S.; (Softcover) ISBN 978-3-8366-7127-9. EUR 48

Theater Ansicht: Scheinbar Treibgut

8. September 2010
20:00bis22:00

Theater Ansicht: Scheinbar Treibgut
Schauspiel mit Bänkelgesang/Uraufführung

Geschwister, die nicht voneinander lassen können, die sich lieben, die, obwohl sie es wollen – und dürfen – da sie keine Halbgeschwister, sondern Stiefgeschwister sind, dennoch voneinander getrennt werden, um “das Schlimmste zu verhindern”, um “den Schein zu wahren”, sich selbst und dem anderen gegenüber.

Im Brennpunkt: die eigene Familie, ihre Geschichte, ihr Handeln, ihre Versäumnisse, ihre gemeinsam einsame Prägung in Hinblick auf das soziale Umfeld, auf die Gemeinschaft der anderen - Gesellschaft genannt. Diese Gesellschaft wiederum, die schaut zu und schaut weg und glaubt zu wissen. Genauso wie wir.

Inzest, der keiner ist.
Liebe, die einmal war - in früherer Zeit -, die trotz Trennung die Zeit übersteht, sich jedoch ändert, ständig verändert. In innigere Liebe zueinander? In Liebe, die die frühere Liebe sucht? In Liebe zu einer Zeit, die man hatte?

Geschwisterliebe, die harmlos ist.
Der Blick zurück, von Schuld geprägt. Oder doch nur von einer Teilschuld? Immerhin waren ja mehrere daran beteiligt.

Verantwortung, die auf den Schultern lastet, wie der Stein der Vergangenheit, von der man nicht spricht. Nicht sprechen kann, weil sie bedrückt, erdrückt.

Ein Moment nur - schon ist er vorbei! - und alles ist anders als geplant, erwünscht, erhofft, ersehnt. Hat man versagt? Nicht aufgepaßt? Verdrängt? Verfehlt?

Die einen verirren sich, die anderen wiederum fliehen, vielleicht nach vor – oder doch zurück? Man toleriert, man akzeptiert, man verliert und gewinnt. Einen Freund, eine Freundin, die Mutter, die man nie verstand, den Vater, der an allem Schuld?

Ein Spiel der Zeit, die die Gesellschaft prägt, deren Teil wir sind. Sowohl im sozialen, wirtschaftlichen und politischen Sinn, als auch im mikroskopischen Geflecht von Beziehungen, Lebensinhalten und Geschichten. Treibgüter der Welt.

Leading Team
Text: Flo Staffelmayr
Regie: Artur Ortens & Flo Staffelmayr
Gesang: Karoline Gans
Bühnenmusik: N. N.
Komposition: Maurizio Nobili
Bühnenbild: Juliana Eck
Lichtdesign: Sabine Wiesenbauer
Regieassistenz: Helmut Käfer
Produktionsleitung: Catrin Arming

Darsteller
Martina Ebm, Wolfgang Oliver, Christina Scherrer, Markus Schöttl

Termine/Spielort/Tickets
Uraufführung am 8. September 2010 um 20h
Weitere Termine: 9. bis 12. September 2010 jeweils um 20h
Spielort: Schauspielhaus Wien (Porzellangasse 19, 1090 Wien)
Kartenreservierung unter: +43 0681 10 209 623
oder catrin@theateransicht.at

Nähere Infos –> hier