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Archiv - September, 2015

Grace Barnes: Her Turn On Stage

Dieses Buch weckt schon bei der Danksagung meine Neugier: „My profound thanks to Cameron Mackintosh and Des McAnuff for so clearly demonstrating to me just how deeply prejudice against women in musical theatre can run and for inspiring me to write this book.“
Grace Barnes, die 1965 in Schottland geborene Autorin des Werks „Her Turn on Stage“, hat ihre Erfahrungen mit Mackintosh gemacht, etwa als Resident Director Anfang der 2000er-Jahre bei dem von ihm produzierten Musical „The Witches of Eastwick“ im Londoner Theatre Royal Drury Lane. Als Einleitungszitat zum Buch, prominent auf einer eigenen Seite platziert, findet sich folgende nette Erinnerung an Sir Cameron: „‚There’s too many bloody women in that building.‘ – Sir Cameron Mackintosh in 2001, referring to the Theatre Royal Drury Lane, where The Witches of Eastwick were playing.“
Barnes ist als Regisseurin und Bühnenschriftstellerin bekannt. Gemeinsam mit Matt Connor (Musik) schrieb sie die Musicals „Nevermore“ (2007) und „Crossing“ (2013), aber auch Sprechtheaterstücke. In Deutschland, England und Australien war sie im Kreativteam von Shows wie „My Fair Lady“, „Fiddler on the Roof“, „Sunset Boulevard“ oder „Martin Guerre“.
Die Rolle von Frauen im Musicalgenre analysiert die Autorin gelassen: „No accusations, no threats; just a truthful exploration of the current state of affairs.“ Als Kampfemanze geriert sie sich in ihrem Buch wahrlich nicht, vielmehr als eloquente Insiderin mit einer großen Leidenschaft für das Musicalgenre. Ein paar Zahlen am Beginn: Zwei Drittel der Theaterbesucher am Broadway sind Frauen (8,2 Mio. Frauen vs. 4,4 Mio. Männer; Stand 2011). Diesen Umstand interpretiert sie pointiert: „This is an industry that relies on women and their financial input for support. Remove them from the audience, and the few gay men are left will not guarantee the genre a future.“ Barnes hat eine ganze Reihe von Punkten, die sie dem männerdominierten Musicalgenre vorwirft. Der simpelste Vorwurf wäre, dass dem frauendominierten Publikum nur so wenige Frauen auf der kreativen Seite gegenüberstehen. Doch das ist noch ihr harmlosestes Argument.
Eine gewichtigere These: In den letzten beiden Jahrzehnten, so die Autorin, gehe der Trend da hin, Frauen aus dem Rampenlicht zu verdrängen. Schrieben früher Musicalautoren Glanzrollen für weibliche Stars (Julie Andrews/My Fair Lady; Patti LuPone/Evita, Angela Lansbury/Mame; Chita Rivera/West Side Story; Barbra Streisand/Funny Girl etc.), waren früher also Frauen die Stars der Shows, so dominieren nun die Jungs. Die Valjeans, Mormonen, die Boys der Four Seasons, Newsboys, Boxer, Dragqueens, Balletttänzer und Bodyguards oder die Show an sich. Frage: „Are male writers and producers deliberately removing women from Center stage and demoting them to ensemble roles, or is this simply a reflection of the changing style of the genre?“
Weitere Beobachtungen. Beispiel: „Les Misérables“. In einem Interview, das Barnes mit Anneke Harrison führte, meinte diese: „The students are all great characters, they’ve all got names, they were all very well researched from the book, and that’s fantastic. They’ve all got very individual looks, and they’re all young, beautiful, idealistic young men. But the women are not named. It’s Crone One, Crone Two. Whore One, Whore Two.“
Oder: 2011, Premiere des Broadway-Revivals von „On a clear day“. Ben Brantley („The New York Times“) schreibt in seiner Kritik: „The big difference is that Daisy is now David, a gay florist with commitment issues“ … und geht dann darauf ein, was dieser Umstand für die musikalische Umsetzung bedeutet. Er beurteilt das vorgenommene Gender Switching in keiner Weise, David Rooney vom „Hollywood Reporter“ lobt sogar die Idee: „Respect to Michael Mayer …“ Und Barnes fragt: „Respect for what exactly? Getting rid of another leading lady? (…) What would Brantley and Rooney’s reaction be to (…) Patti LuPone announcing her intention to play Jean Valjean with a lesbian subtext?“
In dem hochinteressanten Kapitel „He’s No Good, but I’m no Good Without Him“ beschäftigt sich die Autorin mit Musicals, in denen die weibliche Hauptrolle aus der Perspektive des männlichen Protagonisten dargestellt wird. Dazu zählt auch „Next to Normal“. Barnes: „Let’s be honest here: It is a male view of a female depression, and the writers appear to be stuck in theories from the 1950s in terms of the causes and treatment of mental illness among women. (…) It may claim to be Diana’s story, but it is told from her husbands’s point of view. A female lyricist would perhaps have led us to a deeper understanding of the sufferings of the female patient rather than focusing our attention on how her husband copes.“ Ein Song aus der Show bringt die Problematik auf den Punkt: „Superboy and the Invisible Girl“ – genau der Umstand sei, so Barnes, für die Musicalbranche kennzeichnend.
Was zeichnet dieses Buch aus? 1) Es wurde von einer Frau geschrieben, die von der Praxis kommt und aus der Praxis schreibt. Sie braucht keine 2000 Querverweise auf 4000 Werke der Sekundärliteratur. Der Anhangteil zu jedem der acht Kapitel ist überschaubar. 2) Für ihr Buch führte sie ausführliche Interviews mit Damen wie Susan Stroman, Rebekka Luker, Geraldine Turner, Rebecca Caine und anderen. 3) Barnes hat alles andere als eine feministische Suada abgeliefert. Ihre Analysen sind pointiert formuliert, knackig und haben einen ganz eigenen Humor. So meint sie etwa zu „Wicked“: „Can Glinda and Elphaba really claim to being empowering role models when they are fulfilling every sterotype – the cute one is good, the ugly one bad – and they spend most of the show fighting for the same boy?“ 200 Seiten Musicalgeschichte aus einer ganz eigenen Perspektive. Nicht nur für FeministInnen.

Grace Barnes: Her Turn On Stage. The Role of Women in Musical Theatre. McFarland & Company, Inc., Publishers. Jefferson 2015. 210 S.; (Softcover) ISBN 978-0-7864-9861-1 [www.mcfarlandpub.com]