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Archiv - November, 2018

Musical Theater Today: The Anthology of Contemporary Musical Theater Vol. 2

In den letzten Jahren ist selbst im englischen Sprachraum ein signifikanter Rückgang der Zahl von Publikationen über das Musicalgenre zu bemerken. Die Verlagsbranche feuert zwar Biografie-Buchsalven zu bestimmten Jubiläen ab (Sondheim, Bernstein …), doch Fach-/Sachbücher zum aktuellen Musiktheater werden rarer. Musicalgeschichte wird allerdings nur geschrieben, indem sie geschrieben wird. Fehlt das Moment der selbstreflektierenden Analyse, geht Wertvolles verloren, das man nicht mehr nachholen kann. Sei es, weil man die handelnden Personen nicht mehr befragen kann oder notwendige Ressourcen und Quellen verschwinden – es ist allgemein bekannt, wie wenig sorgsam im Musiktheaterbereich oft mit Archivmaterial umgegangen wird. Indem man Musicalgeschichte schreibt, wird das Geschriebene selbst Teil des Archivs der Musicalgeschichte. Die Rückbetrachtung aus entfernter zeitlicher Perspektive bleibt natürlich, doch oft durch einen mal mehr, mal weniger geschmäcklerischen Filter geknetet.
Nun könnte man meinen, die Misere habe mit dem Wandel im Musicalgenre zu tun. Was könnte man über das x-te Disney-Musical schon veröffentlichen, außer hübsche Bilderbücher, und was gar über Jukebox-Musicals, Movicals – über all die Produktionen, die Michael John LaChiusa 2005 in seinem legendären Artikel »The Great Gray Way« für »Opera News« »faux musicals« nannte und mit den Labels »no challenge, no confrontation, no art« versah. Der Komponist meinte damit nicht einmal Disneyspektakel, sondern Shows wie »Hairspray« oder »The Producers«. Wobei man zugeben muss, dass das Totreden des Genres nicht etwa mit seiner Disneyfizierung begonnen hat. Schon 1992 meinte Burton Lane in einem Interview auf die Einleitungsbemerkung eines Journalisten »I want to ask you about musical theater today»: »Does it exist?« Die Firma Walt Disney Theatrical Productions wurde indes erst 1993 gegründet.
LaChiusas Essay machte jedenfalls damals auf einen jungen Mann großen Eindruck, diente ihm als Inspiration: Lucas Tahiruzzaman Syed. Syed studierte Musik und Literatur am Eugene Lang College: The New School for Liberal Arts, wo er eine Reihe von Sprechtheater- und Musiktheaterstücken schrieb und auch Regie führte. Jahre später, 2017, brachte er gemeinsam mit einem Kollegen, dem Komponisten und Musiker Ben Van Buren, eine Sammelbandreihe auf den Markt: »Musical Theater Today«. 2018 erschien der vorliegende Band 2. In einem Interview umriss Syed die Zielsetzung der Publikation folgendermaßen: »I hope that ›Musical Theater Today‹ can encourage and facilitate more in-depth discourse and writing from theater professionals. Also, coming to musical theater writing from a very different educational background than most other writers my age, I’ve observed that so many strong communities of musical theater writers exist and individuals co-mingle but the entities themselves don’t seem to interact as much; by putting all of these names in a single volume, I’d like to think we are reminding everyone about each other’s work, you know?«
»Musical Theater Today« führt an die Front. Ein Beispiel: Casting. In einem dreiseitigen Artikel berichtet Kevin Ray Johnson unter dem Titel »Stop asking black performers to ›sound and /or talk blacker‹ during auditions« von seinen Erfahrungen bei einem Vorsprechen: »The casting director said, ›Good job. Now I want you to sing it again and give me more church. Bring it back to the South.‹ That really caught me off guard but I tried to do what this person said. Next they proceeded to ask me where I’m from and I said Minnesota and they responded with, ›Not surprised. You are like the whitest black person that has ever auditioned for me.‹ […] when ›bring it back to the south and you act white‹ was said I completely lost all interest in the show. (By the way the show doesn’t even take place in the south.)« Ausgehend von seinen Erfahrungen formuliert der Schauspieler vier Statements, »why it is never okay to ask black performers to sound and/or talk blacker«. Drei intensive Seiten.
Das Buch besteht aus drei verschiedenen Inhaltstypen: 1. Einzel-/Gruppeninterviews. 2. Essays und Editorials. 3. Dokumente aus dem aktuellen Schaffensprozess: Scans von Seiten aus Notizbüchern, Fotografien persönlicher Gegenstände der Künstler und von Gegenständen, die ihnen als Inspiration dienen, Faksimiles von Notenblättern, Lyrics-Entwürfe, oft verziert mit Doodles, Screenshots von PCs und Handys. All das dient nicht nur der Illustration, sondern wird bisweilen im Detail besprochen, um mehr von der Arbeitsweise der Künstler zu erfahren.
Die drei Inhaltstypen finden sich im Buch nicht in drei voneinander abgetrennte Sektionen aufgeteilt, vielmehr erkennt man sie an ihrem Design. Layout spielt eine große Rolle in diesem Werk. Es wirkt modern, leicht lesbar, macht neugierig. Überschriften in übergroßen Lettern, der Seitenspiegel mal normal, mal quer …
Band 2 enthält Beiträge von über 50 Künstlern wie Michael John LaChiusa (»The Wild Party«), Max Vernon (»The View Upstairs«), Rachel Bloom (»Crazy Ex-Girlfriend«), Christine Toy Johnson & Bobby Cronin (»Till Soon, Anne«), Stephanie Hsu (»SpongeBob SquarePants«), Michael Kushner (»The Dressing Room Project«), David Henry Hwang (»M. Butterfly«), Timothy Huang (»The View From Here«) …
Das Buch startet mit dem Abdruck einer Rede, die Michael John LaChiusa 2017 für die Rodgers & Hammerstein, Inc. bei einer Konferenz für Community Theatres hielt. Der Titel der Rede: Risk – Risiko. Er schließt mit den Worten: »I encourage all of us to change our audience’s expectations and not be afraid to risk doing so. Let’s not let risk be a dirty word. To not risk is dangerous if only because the rewards, the gratification, and the thrill is so damn worth it.«

Musical Theater Today: The Anthology of Contemporary Musical Theater Vol. 2. Yonkers International Press, Milton Keynes 2018. 474 Seiten. ISBN 978-1-38-821244-5. $ 25,00. yonkersinternational.press