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Archiv - März, 2017

Kritiker im Krähennest

Ehre, wem Ehre gebührt. Die wenigen Male, die ich bei den VBW um Pressekarten angefragt habe, wurden mir immer Plätze zugewiesen, die völlig in Ordnung waren. Völlig in Ordnung bedeutet nicht etwa, dass es sich um die beste Kategorie handeln muss, nein, man muss das, was auf der Bühne abläuft, gut sehen und gut hören können. Das sind die minimalen Voraussetzungen. Das schließt schon mal aus, dass es Plätze weit hinten sind. Nicht etwa, weil man sich zu schlecht ist, um weiter hinten zu sitzen, sondern weil es keinen Sinn hat, über eine Show zu schreiben, bei der man die Mimik der Schauspieler auf der Bühne nicht ausmacht. Okay, ich bekomme mit, wenn ein Hauptdarsteller gut singt, aber in manchen Szenen in derartiges Overacting verfällt, nur weil der Regisseur nicht lange genug mit ihm gearbeitet hat. (Manchmal ist natürlich auch der Schauspieler daran schuld.) Ich erkenne auch, dass eine Hauptdarstellerin eine grandiose Tanz-/Gesangsnummer hinlegt, die dann im zweiten Teil aber zu einer der schrecklichsten ever wird, weil … Egal, also das erkenne ich, ja, aber die Feinheiten erkenne ich nicht. Und je weiter hinten ich sitze, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich bei kleinen Rollen nicht einmal weiß, wer gerade auf der Bühne steht. Und wir kennen doch alle die Tragödien, die sich in Darstellerleben abspielen, wenn jemand mal nicht in einer Kritik genannt wird. Es soll vorkommen, dass Darsteller vor lauter Gram gar nicht mehr auftreten können, oder das zumindest behaupten. Wir kennen den Spruch, dass Schauspieler Kritiken, in denen sie gelobt werden, ein Mal lesen, in denen sie verrissen werden, zwei Mal, aber in denen sie gar nicht genannt werden, zehn Mal. Ja Kinder, beschwert euch bei euren Presseleuten. You’ll get what they let us see. Noch ärger ist es natürlich, wenn ich als Kritiker keine Chance habe, Feinheiten von optischen Tricks zu erkennen. Was schwebt da grad durch die Luft. Ein nasser Fetzen? Eine Zeitung? Keine Chance.
Und was das Hören betrifft. Klar, man kann ein großes Theater nur mit viel Aufwand in allen Rängen optimal beschallen. Aber wenn man schon weiß, dass man im sagen wir 1. Rang nur mehr Soundbrei bekommt und Texte nur mit größter Anstrengung und oft gar nicht versteht, setze ich dann dorthin Kritiker, die zumindest vermitteln könnten, was man hören könnte, würde man sich Plätze weit vorn gönnen? Neben mir dreht eine Besucherin den Monitor mit der deutschen Untertitelung auf. Sie versteht nada. Würd ich rufen: A bisserl lauter bitte, man würde es 3000 Meter weiter auf der Bühne gar nicht hören. »Es ist leicht ein Werk zu kritisieren; aber es ist schwer es zu würdigen.« Ja eh, und manchmal hat man keine Chance dazu.

Werk X-Eldorado: »Freaks«

(c) Matthias FueggerJoey Goebel (1980 geboren) startete seine künstlerische Laufbahn mit 16 Jahren als Frontman der Band The Mullets. Bis 2001 brachten er und seine Gruppe vier Alben auf den Markt. Danach versuchte er sich an Drehbüchern. Einen dieser Versuche, »The Anomalies«, arbeitete er in Romanform um. Er jobbte gerade auf einer Pferderennbahn, als ihn das Verlagshaus MacAdam/Cage 2003 verständigte, man wolle den Roman des 23-Jährigen veröffentlichen. – 2007 brachte Diogenes das Werk auf Deutsch unter dem Titel »Freaks« heraus. Am 27. März 2017 findet die Österreichische Erstaufführung der Bühnenversion der Popgroteske im Werk X-Eldorado in Wien statt.

Goebel erzählt in »Freaks« die Geschichte einer fünfköpfigen Band, in der ein Zyniker, eine greise Gitarristin, eine achtjährige wohlstandsverwahrloste Bassistin mit Gewaltfantasien, eine Stripperin für die Moral und ein emigrierter Iraker aufeinandertreffen. Auf der Bühne umgesetzt wird »Freaks« von der »offshore group« unter der Regie von Markus Kubesch.

Goebel, um das noch kurz auszuführen, hat sich im deutschen Sprachraum nicht mit »Freaks« etabliert. 2004 erwarb Diogenes auf der Frankfurter Buchmesse die deutschsprachigen Rechte für Goebels zweiten Roman: »Torture the Artist«, brachte ihn unter dem Titel »Vincent« heraus und landete mit mehr als 100.000 verkauften Büchern einen Hit. Erst danach kam »Freaks« auf den Markt, und Goebel avancierte mit seinen Lesungen in Punkrock-Clubs zum Kultautor. Musikalisch ging es bei Goebel auch nach dem Ende der Mullets weiter. Zuerst mit der Band Novembrists und danach solo als Dr. Lawyer.

FREAKS
Inszenierung: Markus Kubesch
Eine Produktion von offshore group in Kooperation mit WERK X
Dramaturgie, Produktion: Iris Raffetseder
Bühne: Christina Pointner
Kostüme: Valerie Liegl
Assistenz: Viktoria Klimpfinger
Mit: Cecilia Steiner, Caner Sunar, Malte Sundermann

Premiere: Mo 27.3.2017, 20.00 Uhr
Weitere Vorstellungen (jeweils 20.00 Uhr): 28.3., 29.3., 3.4., 4.4. und 5.4.2017
Ort: WERK X-Eldorado
Petersplatz 1, 1010 Wien
Tickets: 01 535 32 00 11, reservierung@werk-x.at, werk-x.a

Was sind wir doch froh, dass wir die VBW-Insider haben

In einem deutschen Musicalforum treiben sich seit Jahren immer wieder User herum, die sich mit VBW-Insiderinformationen, VBW-Gerüchten wichtig machen. Meist handelt es sich um wilde Spekulationen, was den Spielplan der nächsten 2000 Jahre betrifft. So geht in diesem Forum gerade das Gerücht um, dass »Cats« von den VBW gebracht werden wird oder der »Glöckner von Notre-Dame« oder »Beethoven«, das neue Projekt von Levay/Kunze, oder »Casanova« von Frank Wildhorn.
Mitunter wird das Ganze so skurril, dass man für allgemeine Verbreitung sorgen muss. So wird es laut diesem »Insider« in absehbarer Zeit zu keinem »Rebecca«-Revival in Wien kommen, weil die Transportkosten der Fetzen, die noch immer in New York lagern, zu teuer kommen würden.
Also, wer immer dieser VBW-Insider ist, nur weiter so, ich freue mich auf den neuesten VBW-Klatsch.

Nathan Trent. War das nötig?

Als am Montag, dem 27. Februar, ein Video von Österreichs Beitrag zum Song Contest auf YouTube auftauchte, dachte ich mir: Gutes Lied. Vielleicht ist es ja mal wieder möglich, einfach mit einem guten Lied zu punkten.
Aber, es wäre nicht der ORF, wenn er nicht am Tag danach eine passende »Story« zu diesem Lied geliefert hätte: In einer »Krise nach seinem Musicalstudium« sei der Song entstanden, meinte Nathan Trent, der Sänger. Er habe nach Abschluss seines Studiums nicht gewusst, was er machen soll. Um diese Aussage einzuschätzen, muss man ein paar Dinge wissen:
– Der Begriff »Musical« ist für die den Song Contest bestimmenden Leute ein Feindbegriff. Es gibt unvergessliche Szenen, wie Musicalsänger bei diversen Castingformaten des ORF regelrecht vorgeführt wurden, wie ihre Ausbildung, ihre Attitude allein deswegen kritisiert wurden, nur weil sie ein einschlägiges Musicalstudium absolviert hatten. Kam von dieser Richtung also der Tipp, dem Song mit dieser Story Sinn zu geben?
– Nathan Trent hatte vor seinem Musicalstudium reichlich Gelegenheit, ins Popstar-Business reinzuschnuppern. 2011 nahm er als 19-Jähriger am Castingformat »X Factor« teil und belegte den 11. Platz. Damals schien ein Musicalstudium danach durchaus Sinn zu haben.
– Trent hatte nach dem Abschluss seines Musicalstudiums eine Hauptrolle in einem Musical in Amstetten (»Footloose«). Er hatte schon während seines Studiums Rollen in Baden, im Theater in der Josefstadt und im Metropol. Er wird diese Chancen wohl auch seinem Studium zu verdanken haben. Ist es nun notwendig, seine Musicalausbildung in ein derartiges Licht zu stellen, selbst wenn das Ganze vielleicht falsch rübergekommen sein sollte. Hätte man die Musicalausbildung nicht ganz im Gegenteil in einem positiven Kontext erwähnen können? Andere mit vielleicht ebenso großem Talent und einer abgeschlossenen Musicalausbildung verdingen sich bei Musicaltankern wie den VBW als Ticketabreißer. Es ist schon richtig, was mir der Leiter eines anderen Ausbildungszentrums für Musicaldarsteller unlängst gesagt hat: »Wir bilden Leute aus, die auch in den Job wollen.« Vielleicht geht das nur, wenn man dafür auch zahlt und zwar richtig viel im Gegensatz zum Kons, an dem Trent seine Ausbildung absolviert hat. Ja, man kann ein Musicalstudium auch als Persönlichkeitsbildung ganz allgemein ansehen, aber solche Leute nehmen anderen Talenten dann einfach einen Platz weg. Talenten, die nicht gleich in eine Sinnkrise stürzen, wenn sie nicht als Johnny Awesome zum Instant-Musicalstar mutieren.

Karl Markovics: Alles in Ordnung – Ein Alfred-Polgar-Abend

25. März 2017
19:30bis21:30

Geschichten des »Kaffeehaus-Literaten« Alfred Polgar (1873–1955), rezitiert von Karl Markovics in Begleitung der Neuen Wiener Concert Schrammeln.

Peter Uhler: Violine
Nikolai Tunkowitsch: Violine
Helmut Th. Stippich: Chromatische Knopfharmonika
Peter Havlicek: Kontragitarre

Datum:
25. März 2016

Ort:
Theater Akzent

Tickets:
Theater Akzent