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Archiv - August, 2016

Wenn der Kritiker den Schauspieler zwei Mal ignoriert

Folgendes Szenario. Ein Schauspieler tritt in einer Sommertheaterproduktion auf, er hat nicht einmal eine so kleine Rolle und wird vom Sommertheaterpublikum frenetisch gefeiert. Euphorisch gestimmt, liest er sich die Kritiken durch. All die süßen Regionalblättchen bilden seinen Triumpf in blumigen Phrasen ab. Er ist zufrieden.

Szenenwechsel. Wann immer ich mit Schauspielern ins Gespräch komme, lenke ich das Gespräch irgendwann auch auf das Thema Kritiken. Wie sie mit Kritiken umgehen, wann und ob sie sie lesen. Immer wieder erfahre ich von neuen Umgangsweisen mit Kritiken und auch Kritikern. Es sind immer durchaus interessante Gespräche. Von einem jüngst verstorbenen Publikumsliebling habe ich den Spruch: »Positive Kritiken lese ich immer gern zwei Mal, negative vier Mal, und Kritiken von Produktionen, in denen ich mitgespielt habe, in denen ich aber nicht namentlich erwähnt werde, sechs Mal.«

Führen wir beides zusammen. Unlängst gab es den Versuch eines Schauspielers – ich habe leider den Namen der Produktion und auch jenen des Darstellers bereits wieder vergessen –, in den sozialen Medien eine Art Shitstorm zu provozieren, weil er in einer Kritik doch tatsächlich nicht erwähnt wurde. Ich interpretiere seine Meinungsäußerung dahingehend, dass er dem Rezensenten (den ich nicht kenne), böse Absicht unterstellen wollte. In Wirklichkeit lässt der Darsteller erkennen, dass er eine ganz bestimmte Vorstellung davon hat, wie Kritiken auszusehen haben. Ganz bestimmt, unterstelle ich ihm, fordert er, dass alle wichtigen Darsteller (aus wessen Sicht?) erwähnt werden. Das muss eine Kritik aber nicht. Es kann Gründe geben, die zu der Entscheidung führen, bestimmte Rollen oder Darsteller im Kontext einer Produktion nicht zu erwähnen. Welche das sind, ist irrelevant. Wichtig ist, dass es solche geben kann. Vielleicht ist ein Rezensent zu der Auffassung gelangt, dass eine Interpretation dermaßen schlecht war, dass sie eine Erwähnung schlicht nicht verdient. Die Reaktion des Publikums vor Ort ist kein Gradmesser für einen Kritiker. Wie oft musste ich selbst schon Darbietungen etwa von Musicalsängern hören, die jenseits von Gut und Böse waren – aber den Fans war das egal. Jeden falschen Ton haben sie einzeln bejubelt. Nein, der Maßstab eines Kritikers ist sein Erfahrungshorizont. Und eine Kritik ist kein allumfassender »Bericht« einer Vorstellung, sondern eine Beurteilung. »Kritik« stammt aus dem Griechischen und bedeutet: »Kunst der Beurteilung«. Berichte kann man in Klatschmedien verfolgen, in den »Seitenblicken«, das ist ein gänzlich anderes Genre.

Szenenwechsel. Soziale Medien. Eine Kritikerplattform postet in einer »Gruppe« eine Kritik über eine Vorstellung an einer angesehenen deutschsprachigen Sprechtheaterbühne. Eine positive Kritik. Ein Schauspieler dieser Bühne, der aber in der besprochenen Produktion nicht mitgewirkt hat, postet daraufhin: »Jetzt mal ganz ehrlich: Wen interessiert deine ›Meinung‹. Warum schreibst du das? Würde mich interessieren.« Auch ein spannender Zugang. Warum schreibt man über das Theater. Nächstens fragt noch wer, warum man eigentlich Theater spielt.