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Archiv - Oktober, 2014

Sollte man den VBW Subventionen streichen? Vielleicht!

Ich bin nach wie vor dabei, einige der Postings, die in einem deutschen Forum über mich zu lesen sind, zu kontern. Ich halte das für durchaus nötig. Konkret geht es um folgendes Posting:

Zum einen finde ich es gefährlich, von “Massen an Subventionen” zu sprechen. Will er, dass man die Gelder den VBW wegnimmt? Wenn er glaubt, dass diese Gelder dann in die subkulturellen Einrichtungen fließen, dann hat er leider überhaupt keine Ahnung davon, wie “Haushälter” bei der Stadt funktionieren - hier wird einzig und alleine der Gedanke des Futterneids bedient. Man muss das auch mal kosmisch sehen: Historisch betrachtet sind die VBW das Theater an der Wien, auch wenn just dieses Theater schon nicht mehr zur Verfügung steht, weil irgendwelche Ignoranten glauben, dass das mit Oper besser bespielt wird. Das sollte in den Fünfzigern abgerissen werden (nachdem man es für die Oper als Interimsunterbringung nicht mehr gebraucht hat) und wurde dann jedoch als Musicalspielstätte etabliert. Das hat schon mal 20 Jahre gedauert, bis Weck dran kam. Dieser Zustand - nämlich der, dass sich die öffentliche Hand ein Musicalhaus leistet - dauert glücklicherweise bis heute an. Man kann sicher über die Spielplanpolitik diskutieren, aber sind wir doch grundsätzlich froh, dass es das gibt. Wenn Bruny nun die jetzige Spielplanpolitik zum Kotzen findet, wovon auszugehen ist, dann kann er das ja sagen. Aber die Gelder in Frage zu stellen, ist schon Irrsinn - sowas greifen Politiker gerne auf - in der absoluten Konsequenz würde man die VBW dann schließen (wovon die kleinen Theater auch nichts hätten - das ist einfach ein anderer Sachverhalt). Ich kenne die heutigen aktuellen Zahlen nicht, aber es gab mal eine Zeit, da haben die VBW in etwa gleich viel Subventionen bekommen wie das Theater des Westens. In Berlin wurde Ottenthal-Ramsch prouziert und in Wien Musical auf Broadway- und West End-Niveau. Im Übrigen sind die VBW sowieso die einzige staatliche Bühne im deutschsprachigen Raum, die das kann. Wer dann auf die Idee kommt, ständig danach zu schreien, dass man ihnen das Geld wegnehmen soll, der tut dem Musical als solches nichts Gutes (…)
Und zum anderen: Ich möchte wirklich nichts gegen das Stadttheater Baden, das Linzer Landestheater oder das Tiroler Landestheater sagen - diese allerdings als relevanter als die VBW einzustufen, ist wirklich hochgradig albern und nicht ernst zu nehmen.

Mich erinnert der Stil des Verfassers an jenen eines selbst ernannten Musicalproducers, der mir im persönlichen Gespräch und auch in (von mir archivierten) Facebook-Chats stets versicherte, wie toll er doch meine Sicht der Dinge die VBW betreffend finde. Er dürfe das ja nie sagen. Auch in Bezug auf diese Person gilt es noch einiges aufzuarbeiten, soll sie dann doch, wie ich erfahren durfte, anderen gegenüber meine Position als eine Art gefährliche Mobilmachung der »Fans« bezeichnet haben. Da wie auch in Bezug auf das obige Posting gilt: Es gibt nichts, was man totschweigen sollte.

Was Subventionen generell betrifft, so bin ich dafür, dass der Staat dem Kulturbetrieb noch in einem viel höheren Maß Subventionen zur Verfügung stellen sollte als bisher. Alle Theater, die ein engagiertes Programm machen, sollten nicht ständig fürchten müssen, die laufenden Kosten nicht mehr decken zu können. Es sollten nur klare Regeln aufgestellt werden. So sollte den VBW meiner Meinung nach als Grundvoraussetzung für den Erhalt ihrer Subventionen vorgeschrieben werden, das Orchester in keiner Weise zu verkleinern und Stücke so auszuwählen, dass damit die Musiker des Orchesters auch beschäftigt sind. Wie kann es sein, dass eine Produktion wie »Die sieben Todsünden« im Volkstheater läuft und nicht im Ronacher? Wie kann es sein, dass, und da kommen wir zur »Relevanz«, zwar im Stadttheater Baden ein Sondheim gespielt wird, aber nicht in einem Theater der VBW? Zehn Jahre alte Disney-Musicals haben, und diese Meinung darf man vertreten, diese Art der Subventionierung nicht verdient.

Ich bin der Meinung, dass man, und das wird wohl nur mit einem größeren Cut in der Managementebene möglich sein, die Programmierung des Spielplans der VBW komplett neu gestalten muss. Revivals sollten den VBW untersagt werden. Im Fokus sollte die Schaffung neuer Stoffe sein, die Förderung von Komponisten. Die VBW sollten pro Jahr einen Auftrag für ein Musical vergeben, Workshop-Produktionen dieser Auftragsmusicals sollten auf der Probebühne stattfinden, öffentlich zugänglich. Mit der Opernabteilung des Unternehmens sollte man einen Deal aushandeln, dass per sofort das Theater an der Wien an spielfreien Tagen wieder von der Musicalsparte genutzt werden darf. Und wenn das alles nur über den Umweg der Androhung einer Streichung von Subventionen erreicht werden kann, ja, dann bin ich auch dafür.

Unverständliches.

Zitiertes Statement von Thomas Drozda im »Kurier«, anlässlich der »Tanz der Vampire«-Premiere in Paris. (Link)

VBW-Chef Thomas Drozda merkt an, »dass wir in Wien schon mit großem Orchester gespielt haben, was heute längst nicht mehr selbstverständlich ist«.

Fragen
- Wer ist wir?
- Wird hier eine führende Rolle Wiens behauptet? Wenn ja, im Vergleich zu wem?
- Wie sieht es heute aus?
- Was ist ein »großes Orchester«?

Will man heutzutage eine »große« Orchesterformation der VBW sehen, muss man ins Volkstheater. »Die sieben Todsünden« ist nach Jahren für mich die erste wirklich relevante Produktion (nicht eingerechnet einzelne Konzertproduktionen) der VBW bzw. mit VBW-Beteiligung. Und eines sollte man nicht vergessen. Früher hat das Orchester der VBW sehr oft nicht »nur Musical« gespielt, das ist alles andere als eine »Erfindung« der derzeitigen VBW-Führung.

»Theater braucht selbstverständlich keine skrupellosen Geschäftsmänner als Geschäftsführer«

Interessante Lektüre für alle, die Theater lieben:

[…] Und Theater braucht keine künstlerischen Leiter, die vor allem gute Politiker sind – das kann die Öffentlichkeitsarbeit oder die Geschäftsführung übernehmen –, sondern künstlerische Leiter. Und Theater braucht selbstverständlich keine skrupellosen Geschäftsmänner als Geschäftsführer, sondern – wie eigentlich jeder öffentlich finanzierte Bereich – zuallererst eine grundsätzlich offengelegte, transparente Geldvergabe, wodurch sich derzeitige Frechheiten durch ungleiche Verteilung von selbst erledigen sollten.

Den ganzen Artikel findet man –> hier.

Der Herr Bruny meidet die VBW. Jo derf denn der des?

In einem deutschen Forum war heute zu lesen:

Ich finde es für ein “fachmagazin” indiskutabel, einer produktion wie “Mary Poppins” keinen Aufmerksamkeitswert beizumessen, in Form eines eigenen Artikels. Ich finde es für einen “journalisten” indiskutabel, in einem Nebensatz die Bemrkung zu lesen “Besuch der alten Dame war das schlechteste VBW Musical ever ever ever” (sinngemäß zitiert), ohne irgendwo auch im Archiv irgendeinen beleg dafür zu finden, dass herr Bruny sich überhaupt jemals diese oder andere Shows der VBW unlängst angeschaut hat. Jedenfalls hat er es nicht erwähnt und adurch ensteht der verdacht: er mneidet diese Produktionen und urteilt per ferndiagnose aus persönlichen Enttäuschungen und Kränkungen motiviert. Das ist dann aber 0 Journalismus. Sorry.

Sinngemäß schließe ich aus diesem Posting, der Schreiber meint, als Journalist, der sich mit Musicals in Wien beschäftigt, sei man geradezu verpflichtet, über Produktionen der VBW zu schreiben. Dass er ein Blog mit einem Fachmagazin verwechselt, na, das lassen wir nochmal durchgehen. Aber für den Rest gilt: Einspruch! Widerspruch!

Aber zunächst meine ganz persönliche Einschätzung der VBW. Ich finde es großartig, dass sich die Stadt Wien ein Musicalunternehmen dieser Größenordnung leistet und es meiner Meinung nach mehr als angemessen mit finanziellen Mitteln ausstattet. Ich komme beim Orchester der VBW geradezu ins Schwärmen … In Zeiten Peter Wecks konnte man brandaktuelle Shows in Wien sehen, es wurde begonnen, eigene Shows zu entwickeln, und das, so habe ich es zumindest immer verstanden, war auch der Auftrag an die Nachfolger Wecks. Rudi Klausnitzer und Kathrin Zechner sind diesen Weg durchaus gegangen. Scheitern gehört dazu, aber der Anspruch, Neues zu schaffen, war da.

Heute sehe ich das weniger verwirklicht. Und auch das ist meine Meinung. Shows wie »Legally Blonde«, »Mary Poppins«, »Mamma Mia!« sind alles andere als aktuell, und was die Ausführung betrifft, überwiegend Replika-Shows. Es wird eine vorgegebene Inszenierung mehr oder weniger 1:1 umgesetzt. Damit kann ich nichts mehr anfangen, da waren wir schon einen Schritt weiter. Nicht bei den Massen an Subventionen. Gleichzeitig sehe ich, wie immer mehr kleine Theater in Wien ums Überleben kämpfen, bis hin zu kleinen Multikulti-Theatern. Beinhart wird ihnen der Subventionshahn abgedreht. Die Grünen, die sich angeblich so für Theater mit Migrationshintergrund einsetzen … schweigen.

Bin ich also als Journalist verpflichtet, mich ernsthaft damit auseinanderzusetzen, wie toll oder nicht so toll »Mamma Mia!« in Wien gespielt wird, oder gar »Mary Poppins«? Ich denke nicht. Was nicht heißt, dass ich mich nicht doch mit den Shows für mich ganz privat auseinandersetzen würde. Es gilt aber dennoch, ihre Relevanz halbwegs in ein Bedeutungsraster einzuordnen, und da, wieder mal meine Meinung, hat mittlerweile sogar das Stadttheater Baden die VBW überflügelt, vom Linzer Landestheater oder dem Tiroler Landestheater gar nicht zu reden.

Die Frage ist: Wie geht es weiter? 2015 wird in Wien gewählt. Das sind good News. Ein wichtiger Termin sicher auch für die Kulturpolitik in Wien. Und wenn sich bewahrheiten sollte, was als Gerücht durch die Wiener Musicallandschaft schwirrt, dass 2015 bei den VBW Revivals angesagt sind, dann würde ich doch vorschlagen, dass die Kulturpolitik Koalitionsthema wird. Mit allen Konsequenzen.

PS:
»Cats«: Uraufführung: 1981; Wien-Premiere: 1983 (+ 2 Jahre)
»The Phantom of the Opera«: West End: 1986; Wien-Premiere: 1988 (+ 2 Jahre)
»Les Misérables«: West End: 1985; Wien-Premiere: 1988 (+ 3 Jahre)
»Der Kuss der Spinnenfrau«: West End: 1992; Wien-Premiere: 1993 (+ 1 Jahr)

»Mamma Mia!«: West End: 1999; Wien-Premiere: 2014 (+ 15 Jahre)
»Mary Poppins«: West End: 2004; Wien-Premiere: 2014 (+ 10 Jahre)

Steffi Paschke & Susanna Hirschler: »Sex sells«

sexsells.jpgAm 26. Oktober 2014 feiert »Sex sells«, ein Music-Comedy-Programm mit Steffi Paschke und Susanna Hirschler, in der Kulisse (Wien) Premiere. Unter der Regie von Thomas Smolej geht’s unter anderem mit Songs wie »Verbotene Frucht«, »Dr. Frühling«, »Sex ist toll« und »Orgasmusdiät« tabulos um Liebe, Lust und Leidenschaft.

Im Pressetext liest man dazu:

Es war doch gerade Sommer. Aber wie oft haben Sie geschwitzt? Ernüchternde Antwort?
Kopf hoch! Denn zwei Damen sorgen dafür, dass Ihnen ab 26. Oktober so richtig schön heiß wird.
Mit ihrem ersten gemeinsamen Kabarettprogramm »SEX SELLS«! Lüstern ersehnt, sinnlich erobert, prall gefüllt: Steffi Paschke und Susanna Hirschler!
Frivol, frech, offenherzig witzige Aussichten und sinnliche Bekenntnisse über das, was Mann/Frau heutzutage tun muss, oder kann, oder soll… für ein bisschen Liebe.
Sie sind willig. Sie sind tabulos. Sie machen alles. Eben für ein bisschen Liebe…
Denn sie sind alt und brauchen das Geld!
Die beiden freuen sich, wenn Sie kommen!

Sex sells: Steffi Paschke & Susanna Hirschler
Regie: Thomas Smolej
Choreografie: Daniel Feik
Produktionsassistenz: Natascha Ties
Buch und Musik: Eva Schuster, Stefan Konrad und Ronnie Veró Wagner
Graphik & Web: Markus Pendl
Fotos: Marvin Dietmann

Susanna Hirschler
war lange Zeit am Ingolstadttheater, sowie am Volkstheater, Ronacher, Metropol und Kabarett Simpl in Wien als Schauspielerin engagiert. Ebenso arbeitet sie als Sängerin und Sprecherin und entwickelt seit einiger Zeit eigene Programme. 2013 war Susanna Hirschler Teilnehmerin der ORF Show »Dancing Stars«.

Steffi Paschke
hat jahrelang im Kabarett Simpl, bei diversen Musicalproduktionen sowie in den Erfolgsserien »Kaisermühlen Blues«, »Novoty & Maroudi«, »Die liebe Familie – Next Generation« gespielt und war Gründungsmitglied der »Rounder Girls«. Weitere Arbeiten als Regisseurin (Kabarettprogramme) und Sprecherin.

Thomas Smolej
arbeitet als Darsteller in allen Bereichen des Theaters und war jahrelang fixes Ensemblemitglied des Kabarett Simpl. Des weiteren ist er als Sprecher für Werbung und Voice-overs tätig. Regiearbeiten bei Theaterstücken, Musik-Shows sowie Kabarett- und Comedy-Programmen mit Künstlern wie Dagmar Koller, Elke Winkens, Peter Kraus, Christoph Fälbl und Angelika Niedetzky.

Links
- Website zu »Sex sells«
- Kulisse Wien

Subventionskürzungen: Interkulttheater geschlossen

Wien verliert die kleinen Theater. Man fragt sich, welcher Masterplan dahintersteckt. Nun betrifft es sogar schon Häuser, die einen gewissen Multikulti-Anspruch haben. Jüngstes Opfer: das Interkulttheater.
Aret Güzel Aleksanyan, der Leiter des Interkult, von den Subventionskürzungen betroffen: »Ich will nicht mehr weiter machen. Mit Ende September ist das Theater geschlossen worden.«

(Infos-> hier)

Wien, die Stadt der gemeuchelten Kleintheater

Und wieder ist es passiert. Ein kleines Theater in Wien muss dichtmachen. Diesmal ist es das stadtTheater. Vor ein paar Jahren war es die Kammeroper, und auch das International Theatre gehört in diese Reihe. Bald wird man eigene Touristenroute einrichten können, zu all den den Theatern, die in der Ära Mailath-Pokorny schließen mussten oder den großen Molochen der Stadt überantwortet wurden. Die Begründung liest sich zum Zeitpunkt der Schließung immer wunderbar geschönt. Um die Zukunft des Hauses finanziell abzusichern, hat sich Anita Ammersfeld entschlossen, das stadtTheater ab der Saison 2015/16 der Wiener Staatsoper zu überlassen, nein, nein, zu vermieten. Das muss man sich mal vorstellen. Statt dass man eine der aktivsten Wiener Bühnen fördert, fördert man lieber den Moloch Staatsoper, damit er noch ein Haus übernehmen kann. So als ob es nicht schon genug Opernspielstätten in Wien geben würde. Oder will jemand ernsthaft behaupten, Anita Ammersfeld würde ihre Bühne schließen, wenn sie ausreichend Subventionen bekäme?
(orf.at)

Die Mary-Poppins-Killer: Dinosaurier! in Wien

dino2.jpg

Ehrlich gestanden hätte ich mir ja nie im Leben gedacht, mir jemals freiwillig ein Musical über Dinosaurier anzusehen. Ich bin vermutlich einer der wenigen, die schon bei Elton Johns König-der-Löwen-Odyssee spätestens nach gefühlten 599 Minuten selig entschlummert sind und reflexartig bis heute runterratschen: Hast du die ersten fünf Minuten vom König gesehen, hast du alles gesehen. Mehr kommt dann eh nich mehr.

Heute also »Dinosaurier!«, ein Musical von Robert Reale (Musik) und Willie Reale (Buch und Texte). Machen wir’s kurz, soll auch nur ein schneller Eindruck sein: Was ich heute im Renaissancetheater gesehen habe, war ein perfekter zweiter Akt. Wer auch immer sich mit Musicals beschäftigt, sollte versuchen, ein Ticket für diese Show zu bekommen. Jeder Platz, der leer bleibt (und das sind ohnedies nicht viele), wäre eine Schande. Das muss man einfach gesehen haben.

Man kann über den ersten Akt diskutieren, freilich sollte man nicht vergessen, dass hier viel von jener Dynamik aufgebaut wird, die im zweiten Akt wie ein einstündiges Feuerwerk über das Publikum hereinbricht: glänzende Soloszenen von Carin Filipcic, von Patricia Nessy, Lukas Satori, Armin Kahl, vom gesamten Ensemble. Ein Highlight nach dem anderen. Jazzy Balladen, poppige Songs, all das oft so subtil und wahnsinnig witzig als Parodie angelegt und manchmal als richtige Hammer-Showstopper. Eine glaubhafte Figurenzeichnung, so wohl dosiert in Komik und Outrieren, und auch hier wieder vom gesamten Ensemble umgesetzt. Wie umwerfend etwa Patricia Nessy die Sängerin Carlotta Devries anlegt, die nichts sehnlicher als an ihrem Comeback arbeitet und sich in … Aber hier ist jetzt keine Zeit, den Plot zu erzählen. Oder Carin Filipcic, die in einer furios-grandiosen Szene den Saal zum Kochen bringt, in der sie uns lehrt, wie Dinosaurier die Spaghetti erfunden haben. Und bleiben wir doch gleich bei den Spaghetti. Da fällt mir Mary Poppins ein … und die »sentimentalen Erinnerungen«, die viele angeblich damit verbinden. Bullshit. Ich frage mich ja nach wir vor: Wer bitte hat in Österreich »Mary Poppins« gelesen, wer hat den Film im Kino gesehen, und wie alt sind diese Leute heute? Ich schätz mal 70+, der Rest hat den Film vielleicht mal im TV gesehen, aber kann man davon »sentimentale Erinnerungen« ableiten? Von Thema/Bekanntheitsgrad/Relevanz her ist diese Show ein ebenso großer Fehlgriff wie »Legally Blonde«. Kinder werden wohl dieses Ronacher-Ammenmärchen sehen, wenn ihre Großeltern sie reinschleppen. Die hilflosen Hascherln. Fragt sich, was sie dann davon haben. Wie ich auf »Mary Poppins« komme? Im Gegensatz zu der realitätsfremden Kindermädchenstory haben die Dinos eine Message: Vegan ist hier ein Thema, und für Lehrer ist das ganz sicher ein interessanter Ansatzpunkt, über dieses Thema mit den Kindern zu reden.
Armin Kahl. Wie groß ist die Gefahr, als T-Rex Reginald van Cleef, Anführer der Résistance gegen die Fleischfresser und tougher Super-Dino, zum lächerlichen Tiefpunkt der Show zu werden, wenn man so, wie man es von einigen Musicaldarstellern kennt, hemmungslos outriert, und wie gut spielt er diese Rolle. Lukas Satori, als Swifty Malone, ehemals »Vorgruppe« von Sängerin Carlotta Devries: was für eine Bandbreite an Talent von Stand-up bis Step, elegant mit Understatement serviert. Simon Eichenberger (Choreo) macht hier wieder vieles wett, was er beim »Besuch der alten Dame«, dem für mich schlechtesten Musical, das die VBW jemals aufgeführt haben, »verbrochen« hat. Hier passen die Choreografien, hier arbeitet er sogar mit genialen Zitaten, das macht Sinn und zeugt wohl auch davon, dass bei dieser Show mit Werner Sobotka ein Regisseur leitend war, der tatsächlich weiß, was Musical ist, was Humor ist, und was Timing ist, und: wie man das alles zu einem perfekten Ganzen kombiniert. Dazu gehört etwa auch das Licht. Das Lichtdesign stammt von Michael Grundner, und die Vielzahl an Stimmungen, die er schafft, ist nicht allein eine Ausgeburt des Rekordwahnsinns, damit der Intendant dann bei einer PK von 3,9 Millionen Lichteinstellungen, die in 276 Wochen programmiert werden mussten, faseln kann, sondern, und vor allem bei den Dinos, das Licht erzählt die Geschichte mit, und bei den Dinos mehr als bei vielen anderen Musicals. Aber das sollte jeder selbst miterleben. Nähere Infos –> hier.

PS: Und wer ein Programmheft kauft, bekommt nen echten Dino dazu. Na, wenn das nicht wirklich sentimentale Erinnerungen weckt :)

Good News für das Landestheater Linz: Ausverkauft!

Gute Nachrichten für das Landestheater Linz. Sämtliche Vorstellungen von »Les Misérables« sind ausverkauft, und das sind immerhin 22 (bis Mai 2015), also nicht gar so wenig.
War zu erwarten, könnte man sagen. Wenn es zu erwarten war, dann ein Grund mehr, Linz zu gratulieren, auf dieses Stück gesetzt zu haben. Offensichtlich hat man Verhandlungsgeschick bewiesen, oder vielleicht wusste man einfach, was man wollte. Auch das soll’s geben. (Landestheater Linz)

PS: Restkarten wird es vermutlich immer wieder geben (gerade aktuell: einige Tickets für den 8. Oktober).

Schaun Sie sich das an: [Title of Show] im Theater Drachengasse

Warum ich meine, dass man das Musical [Title of Show] gesehen haben sollte.

1
Es gibt wahnsinnig viele Gründe, sich Musicals anzusehen oder auch nicht anzusehen. Oft sind all diese Beweggründe natürlich reine Geschmackssache und sprechen weder für noch gegen eine Produktion an sich. Fliegende Autos zum Beispiel oder fliegende Kindermädchen. Ich fand das schon als Kind sterbenslangweilig. Ich weiß auch nicht, welcher Rechtepool da übergeschwappt sein muss, dass wir derzeit in Wien und weiterer Umgebung (salopp definiert) mit all diesen Kinder- oder meinetwegen auch Familienmusicals geradezu überschwemmt werden. Ich lass mir noch einreden, dass das erste Musicaltheater der Stadt, die Wiener Volksoper, derartige Shows am Spielplan hat: »The Wizard of Oz« mit großem Orchester, das könnte ja wenigstens nett klingen. Ich schätze mal, man wird in Presseerklärungen des Hauses auch nirgendwo einen Satz finden wie: Leider dürfen wir aus rechtlichen Gründen nur die Version für arme Würschtln spielen, Sie wissen schon, uns sind die Hände gebunden, wir haben zwar 2809 Musiker, aber wenn unser geschätzter Rechtepartner will, dass wir nur 16 (fiktive Zahl) Musiker einsetzen, was sollen wir tun?
Wie auch immer, interessiert mich also nicht, kann man sich natürlich mal ansehen, um am Laufenden zu bleiben, outputmäßig.
Wobei ich mich frage: Gab’s früher so an ein oder zwei Häusern der Stadt nicht Musicals mit einem gewissen Kultfaktor? Shows, die man sich öfter angesehen hat? Und war nicht zuletzt das einer der Erfolgsfaktoren für den Wiener Musicalboom? Und sollen fliegende Kindermädchen ernsthaft da auch nur irgendwie anschließen? Hat man den Traum, mal wieder einen wirklichen Treffer landen zu können, eh schon mit der Außerbetriebsetzung der letzten Vampirfluganlage begraben?

2
Thema? Ja. Was mich interessiert, also. Zum Beispiel ein Plot, der erzählt, wie ein paar junge Typen ein Musical schreiben. Als Hunter Bell und Jeff Bowen 2004 den Beschluss gefasst hatten, ein Musical beim New York Musical Theatre Festival einzureichen, hatten sie ein Problem. Sie wussten nicht, worüber sie ein Musical schreiben sollten. Die fliegenden Sekretärinnen und Kindermädchen waren wohl grad aus, fliegende Autos vermutlich etwas zu teuer, und die Idee, einen »Vampir« an einem Seil durch ein Theater zu ziehen, fanden sie wohl ziemlich deppert. So machten sie schlicht und einfach aus nichts eine Show. Im Formular, in dem im Feld »Title of Show« der Name der geplanten Show einzutragen war, trugen sie ein: »[Title of Show]«. Und wie wir alle wissen: Anzufangen ist schon mal die halbe Miete. Wie sie also aus nichts eine Show machten, die es schlussendlich bis zum Broadway brachte und dort gnadenlos floppte, das ist die Geschichte, die hier erzählt wird.
Das mit dem Flop am Broadway hat seine eigenen Gründe. »[Title of Show]« ist ein typisches Off-Broadway Musical, eventuell sogar Off-Off-Broadway, und als es am 2o. Juli 2006 im Vineyard Theatre Premiere feierte, kamen die Leute, weil sie neugierig waren. Im intimen Rahmen funktionierten die zahllosen Insider-Anspielungen auf den Musicalbetrieb bestens, die melodiösen Pop-Nummern hatten Power und boten diverse musikalische Anspielungen (etwa auf Stephen Sondheims »Into the Woods«). Das Ganze auf Broadway aufzublasen: schlechte Idee. Zehn Wochen spielte man mit tollem Erfolg Off-Broadway und genau für diese Dimension ist diese Show maßgeschneidert, also auch für das Theater in der Drachengasse.

3
Drachengasse. Mein Lieblingstheater, was sehenswerte Musicals betrifft. Intimer Rahmen, die Darsteller spielen keinen Meter von den Zuschauern entfernt, und sie können spielen. Da das hier keine Kritik sein soll (die folgt in musicals im Dezember), lass ich das mal so pauschal formuliert stehen. Aber hier sind schon mal drei weitere Gründe, warum man »[Title of Show]« gesehen haben sollte:

a
Das Theater in der Drachengasse entdecken, falls man es noch nicht kennt, ist einer.

b
Ein weiterer: »[Title of Show]« wurde vom Vienna Theatre Project in Szene gesetzt, einer kleinen Gruppe von Leuten rund um Joanna Godwin-Seidl (Regie) und Birgit Zach (Musikalische Leitung), die englischsprachige Stücke in Wien produzieren, unter anderem auch Musicals, großteils ohne/mit wenig finanzielle(r) Hilfe. Die Musicals werden professionell und nicht mit dieser geschleckten Disney-Arschfreundlichkeit aufbereitet, sondern mit, na sagen wir: Herz. So was kann man dann auch mal mit einem Besuch unterstützen. Und jetzt hier der Megadeal: Kaufen Sie sich statt einer Kategorie-I-Karte einer VBW-Produktion doch mal eine etwas billigere, und schon ist der Besuch der Drachengasse querfinanziert. Und wer weiß, wo Sie dann besser unterhalten wurden.

c
Noch ein Grund: Oliver Watton entdecken. Es gibt Darsteller, die eine besondere Gabe haben. Er gehört dazu.

[Title of Show]: 4. Oktober und 6. bis 11. Oktober im Theater Drachengasse
Nähere Details: –> hier

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