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Archiv - März, 2006

Die Hürden zum Web 2.0

Kamaras im Regen, 2006 (Snapshot: © Martin Bruny)

(Musical-)Webtipps 3/2006

Stage Beauty
Dem “Golden Age of Theatre in England”, also der Epoche von 1870 bis 1920, ist die Website Stage Beauty gewidmet. Mit viel Liebe wurde hier ein interessanter Fundus an Biographien online gestellt, den man nur weiterempfehlen kann.

Jason Robert Brown
Jason Robert Brown (”Songs for a New World”, “Parade”, “The Last 5 Years”, …) ist einer jener Musicalkomponisten der Post-Sondheim-Ära, die für das Genre die so wichtigen neuen Impulse bringen, Songs schreiben, die für die Ewigkeit komponiert scheinen, trendlos - Perlen, die man heute genauso schätzt, wie man sie in 20 oder 100 Jahren lieben wird. Lange Zeit war Brown im Internet nur mit einer Fansite vertreten, nun ist seine offizielle Page online gegangen. Sie ist noch im Aufbau begriffen, aber immerhin … und als Begrüßungsgeschenk gibt es im “Weblog”-Bereich der Site die Songs “That’s How Texas Was Born” (unveröffentlichtes Lied aus dem Musical “Urban Cowboy”) und “In this room” (ein Song, den Brown für seine Hochzeit geschrieben hat) zum Gratis-Download.
Brown ist bekannt dafür, dass er sich gerne mit Musicalinteressierten austauscht. In seinem Weblog beantwortet er Fragen sehr ausführlich. Kurz und gut: Browns Site ist schon jetzt ein Musterbeispiel dafür, wie man das Web als Künstler sinnvoll nützt.

Urban Dictionary
Sprache lebt - und verändert sich ständig. Jeder von uns gestaltet mit, der eine mehr, der andere weniger. Das Urban Dictionary bietet für den englischsprachigen/amerikanischen Sprachraum ein Slang-Wörterbuch, das aktuellste Trends auffängt und katalogisiert.
Aktuelles Beispiel: Der Film “Brokeback Mountain” hat gleich mit 5 Redewendungen in das Wörterbuch Eingang gefunden.

Der Wicked-Blog
“Wicked” ist drauf und dran, eines der populärsten Musicals aller Zeiten zu werden. Wie groß diese Show tatsächlich wird, kann man meiner Meinung derzeit noch gar nicht abschätzen, aber die Chancen stehen gut, dass sie sich viele viele Jahre großer Beliebtheit erfreuen wird. Für all die verrückten Fansites rund um Wicked sei mal eine herausgegriffen, die recht witzig ist.

Frank Wildhorn - Global Vision
Am 18. April 2006 werden gleich zwei neue Cast-CDs von Musicals aus der Feder Frank Wildhorns erscheinen: “Jekyll & Hyde: RESSURECTION” (mit Rob Evan als Jekyll/Hyde, Kate Shindle als Lucy und Brandi Burkhardt als Emma) und “Dracula: Concept Recording”. Die Aufnahmen werden vom Label Global Vision veröffentlicht.

Andreas Biebers Lebensrolle: “Hedwig and the Angry Inch”

Andreas Bieber, Wien 2006 (Foto: © Martin Bruny)
Damen und Herren, Hedwig ist in der Stadt. Lassen Sie sich nicht beirren durch krause Untertitel wie “Neo-Glam-Post-Punk-Rock-Musical”, das ist wie bei Starbucks, da können Sie auch einen “Super-Vanille-Latte-Spice-UndwasderDeibelno-Macchiatiodingsbums” bestellen, oder eben nen Espresso. “Hedwig and the Angry Inch”, das ist im Wesentlichen eine One-(Wo)Man-Show, eine Rockshow. Inhaltsmäßig informieren Sie sich bitte hier oder hier.
Andreas Bieber, Wien 2006 (Foto: © Martin Bruny)
Stoßen Sie sich nicht daran, dass Platon zitiert wird oder andere große Namen, es ist schön, wenn Sie die kennen und was damit anzufangen wissen, genausogut können Sie sich auch ins Metropol fallen lassen mit dem Vorsatz, sich mal die Lebensgeschichte von Hansel erzählen zu lassen, einem vor dem Mauerfall in Ost-Berlin geborenen Jungen, der von nem Ami in den Westen mitgenommen wird, wenn, ja wenn er sich zur Frau umoperieren lässt. Wie es im Leben so ist, geht die OP schief, und Hansel, ab jetzt Hedwig, muss fortan mit nem hässlichen kleinen Überbleibsel, einem “anry inch”, zwischen seinen Beinen weiterleben.
Andreas Bieber, Wien 2006 (Foto: © Martin Bruny)
Aber lassen Sie sich die Geschichte von Hedwig selbst, pardon, Andreas Bieber, erzählen. Er macht das famos, und mit Verlaub, es ist mit Abstand die Rolle seines Lebens. An seiner Seite ein tolles Team: Anke Fiedler, Harry Peller (Gitarre), Markus Adamer (Schlagzeug), Matthias Petereit (Bass) und Geheimtipp Bernhard Wagner (Gitarre, Keyboard).
Andreas Bieber, Wien 2006 (Foto: © Martin Bruny)
Hereinspaziert, kommen Sie ins Metropol, haben Sie eine schöne Zeit und empfehlen Sie die Show weiter, denn die hats verdient. Sie dürfen auch gerne öfter kommen. Aber beeilen Sie sich, denn allzu viele Vorstellungen gibt es nicht.
Andreas Bieber, Wien 2006 (Foto: © Martin Bruny)

Bret Easton Ellis in Wien - das Leben eine Charade

Theater Rabenhof, Wien 2006 (Foto: © Martin Bruny)
Bret Easton Ellis war in der Stadt. Im Theater Rabenhof gab der umstrittene Kultautor (”American Psycho”) am Donnerstag, den 16. März 2006, einen Leseabend, um seinen neuesten Roman “Lunar Park” in angenehmem Ambiente zu promoten.
Theater Rabenhof, Wien 2006 (Foto: © Martin Bruny)
Wieso hat Ellis diesen Abend eigentlich nicht alleine bestritten - aus seinem Roman zu lesen, ein paar Fragen zu beantworten, das hätte völlig gereicht. So aber steuerten die Veranstalter den Schauspieler Heinz Weixelbraun (”Kommissar Rex”) bei, der Passagen aus der deutschen Übersetzung von “Lunar Park” etwas sehr outrierend zum Besten gab. Sein Tonfall, der wohl eher bei einem, keine Ahnung, altmodischen Detektivroman angebracht gewesen wäre, war unangenehm, die Aussprache der wenigen verbliebenen Anglizismen war meistens daneben. Immer wieder sah sich Weixelbraun genötigt, Worte rauszubrüllen - passend war das nicht, vor allem, wenn man davor/danach Bret Easton Ellis beim Vortragen erleben durfte. Das war unaufgesetzte Coolness, ein Lachen über sich selbst, unterhaltend, ohne bemüht zu klingen.
Ach ja, einen Moderator gab es auch, Claus Philipp. Zu verkrampft, zu uninteressante Fragen, das meiste davon konnte man schon am Tag davor in diversen Interviews lesen, doch selbst auf langweilige Fragen reagierte Ellis sympathisch, witzig, clever wechselnd vom angenehmen Gesprächspartner zum unangreifbaren Kultautor, der seinem Interviewgegenüber dann doch manchmal sehr direkt zu spüren gab, wie langweilig er die eine oder andere Frage fand.
Bret Easton Ellis, Wien 2006 (Foto: © Martin Bruny)
So verbindlich Ellis sich gab, so angreifbar er sich machte, man sollte nie vergessen, dass man es hier nicht mit irgendeinem Proll zu tun hat, der Heimatromane schreibt und jeden Schmarrn beantwortet. Naja, jeden Schmarrn beantworten - vielleicht doch. Bei der anschließenden Signierstunde konfrontierte ich den Autor mit der Frage, ob er in Erwägung ziehen würde, das Buch zu einem Musical zu schreiben. Ellis darauf: “Ja, würde ich in Erwägung ziehen.” Und wovon würde das Musical dann handeln? Die kurze Antwort ist als MP3 downloadbar - zu mehr kam es nicht, weil Brets Verlegerin herbeistürmte und das vermeintliche Interview beendete, weil, nein, nein, Herr Ellis gibt heute keine Interviews mehr. Ellis darauf zum vermeintlichen Interviewer: “Don’t worry.” Ein bisschen entspannter sollte man schon sein, wenn man Bücher von Bret Easton Ellis verlegt.
Bret Easton Ellis, Wien 2006 (Foto: © Martin Bruny)
Am Beginn des Leseabends stand die Frage: “Wer ist Bret Easton Ellis?” Der Moderator meinte, einige Journalistenkollegen hätten ihm genau diese Frage vor der Show gestellt. Nun, während der Veranstaltung hat man viel über das Konstrukt Bret Easton Ellis erfahren, Biographisches, Banales (bezugnehmend auf das Namedropping-Faible des Autors wurde er nach den Herstellern jener Kleidungsstücke gefragt, die er grade am Leib trug, und mit Wonne gab er darauf Antwort) - viel hat man auch über die Art und Weise erfahren, wie Ellis sich selbst im Literaturbetrieb sieht, was er liest, was er gerne schreiben würde, war er fast geschrieben hätte - immer aber blieb da die Frage, ob man tatsächlich etwas über Bret Easton Ellis, den realen Autor erfahren hat, oder über ein Konstrukt, das von Ellis geschaffen wurde, die Hauptrolle in seinem neuen Buch spielt und wie sein Double durch die Welt läuft. Aber vielleicht ist auch diese Charade-artige realunwirkliche Existenz eines der Erfolgsrezepte des Autors.
Bret Easton Ellis, Wien 2006 (Foto: © Martin Bruny)

Jesus Christ Superstar - alle Jahre wieder

Jesus Christ Superstar, Wien 2006 (Foto: © Vereinigte Bühnen Wien)
“Jesus Christ Superstar” (als konzertante Aufführung in englischer Sprache), das wird in Wien, wo man Traditionen gerne begründet, bald zu einer ebensolchen … Ostertradition - wie Eiersuchen und sich an Schokohasen überessen. So steht also auch heuer zu Ostern wieder Andrew Lloyd Webbers Rockoper auf dem Spielplan der Vereinigten Bühnen Wien.
Gezeigt wird die Produktion im Rahmen der Veranstaltungsreihe “Ronacher Mobile”. Um ihren Ruf als ernstzunehmende Player in der deutschsprachigen Musicallandschaft nach der Umwidmung des Theaters an der Wien in ein (selten bespieltes) Opernhaus und während der Renovierung des Ronacher (bis Ende 2007) nicht zu verlieren, möchten die VBW mit der “Ronacher Mobile”-Serie größere und kleinere Produktionen an unterschiedlichen Spielorten zeigen. “Jesus Christ Superstar” ist nach “The Little Match Girl” und “A tribute to BERNSTEIN” die dritte Veranstaltung im Rahmen von “Ronacher Mobile”.
Webbers moderne Version der Passionsgeschichte wird zu den Osterfeiertagen dreimal im RAIMUND THEATER zu sehen sein: am Freitag, den 14. April, um 19:30 Uhr; am Samstag, den 15. April, um 15:00 Uhr, und am Montag, den 17. April, um 19:30 Uhr.
Rob Fowler singt die Titelrolle, Petr Gazdik den Judas, und Caroline Vasicek die Maria Magdalena. In den weiteren Rollen stehen André Bauer, Reinwald Kranner, Roman Straka, Jacqueline Braun, Tina Schöltzke, Kathleen Bauer und Dennis Kozeluh auf der Bühne.
Auf Petr Gazdik darf man gespannt sein, ist er doch auf Wiener Musicalbrettern nicht gerade der bekannteste. Aber das wird sich rasch ändern, ist doch die hiesige Bühnentürlgesellschaft für ihre vorauseilende Götzenverehrung, um halbwegs im Duktus zu bleiben, bekannt, und nicht selten haben Darsteller schon eine Fan-Homepage, bevor sie noch einen Ton in Wien gesungen haben.
Wünschen wir also Petr Gazdik toi,toi, toi, “Jesus Christ” läuft in der Version der Vereinigten Bühnen Wien ohnedies auf Schienen und wird, da fährt die Eisenbahn drüber, ein Erfolg.

Andrew B. Harris (Foreword by Carol Burnett, Preface by Sheldon Harnick): The Performing Set – The Broadway Designs of William and Jean Eckart

Wenn im Raimund Theater bei „Rebecca“ neben Uwe Kröger, Wietske van Tongeren und Susan Rigvava-Dumas das Set Design als gleichwertiger Performer in Erscheinung tritt, dann haben zwei Künstler diese Entwicklung hin zum „Performing Set“, also zum mit agierenden Bühnenbild, ermöglicht: William und Jean Eckart. Sie waren es, die, neben unzähligen anderen Innovationen, den szenischen Flow von Musicals revolutionierten. Vor den Eckarts fanden beispielsweise Szenenwechsel meist versteckt hinter dem Vorhang statt, seit den Eckarts ist das Wechseln der Szenerie integrativer Bestandteil der Show, sei es nun, dass Bühnenelemente sich scheinbar von selbst über die Bühne bewegen, oder dass sie von Bühnenarbeitern geschoben werden und auch das zum Bestandteil der Show, der Choreographie, wird.
Angela Lansbury, die in zwei Set Designs der Eckarts performt hat („Mame” und „Anyone Can Whistle”): „The sets for “Mame” were the first of the really magnificently choreographed sets. The furniture and the set pieces moved on and off without breaking the flow of the action. We never needed a curtain to come down for a change of scenery. It never stopped. Everything was just so fluid and marvelous.”
“The Performing Set” von Andrew B. Harris ist eines der schönsten Bücher, die in den letzten Jahren zum Thema Set Design erschienen sind. Reich illustriert, mit weit über 500 Abbildungen, durchgehend vierfärbig und auf hervorragendem Papier gedruckt, mit Leineneinband in einem klug gewählten Querformat produziert und ganz dem Werk von William und Jean Eckart gewidmet, zwei Set Designern, die mit vielen neuen Ideen und Techniken Geschichte geschrieben und die Geschichte des Set und Licht Designs geprägt haben.
Das Ehepaar Jean (1921–1993) und William (1920–2000) Eckart gehörte in den 50-er und 60-er Jahren des 20. Jahrhunderts zur Elite der Bühnenbildausstatter sowohl für die Bereiche Musical und Sprechtheater als auch für den Film. Die Eckarts wurden für insgesamt drei Tony Awards nominiert: 1960 für “Fiorello!” (Best Scenic Design) und “Once Upon A Mattress” (als Koproduzenten des auch in der Kategorie “Best Musical” nominierten Stücks) sowie 1966 für “Mame” in der Kategorie “Best Scenic Design”. Dieser kargen Tony-Award-Statistik steht ihre enorme Bedeutung gegenüber, die sie für die Entwicklung des Set Designs haben.
Zwischen 1951 und 1970 entwarfen die Eckarts Bühnenbilder für insgesamt 34 Broadway-Shows (drei davon feierten am Off-Broadway ihre Premiere, bevor sie an den Broadway kamen), sieben weitere Off-Broadway-Shows und fünf Produktionen, die die Probenphase nicht überlebten. Für 16 Shows erarbeiteten die beiden Künstler auch das Licht Design, für vier Produktionen auch die Kostüme. Darüber hinaus konzipierten sie das Set Design für diverse regionale Produktionen, drei Filme (”The Pajama Game”, “Damn Yankees” und “The Night They Raided Minsky’s”) sowie diverse Fernsehproduktionen.
Zu den größten Erfolgen der Eckarts zählen die Bühnenproduktionen von “Damn Yankees” (1955), “Once Upon a Mattress” (1959) (in der Hauptrolle: Carol Burnett) und “Mame” (1966) mit Angela Lansbury.
Fotos von Kostümentwürfen, Storys und umfassende Einblicke, wie diese Entwürfe entstanden, angefangen von der Stoffwahl, der Farbwahl, dem Schnitt, der Diskussion zwischen Darstellern und den Designern bis hin zu Zitaten aus der Presse, wie diese Entwürfe von der Kritik rezipiert und besprochen wurden; Fotos von Aufführungen, die zeigen, wie aus den Entwürfen Realität wurde – und das für die zehn wichtigsten Erfolgsproduktionen der beiden im Detail (u. a. “Mame”, “The Golden Apple”, “Damn Yankees” und “She loves me”) und auch für ihre Flops mit faszinierenden Bildern – was in diesem Werk geboten wird, ist ein schier ungeheurer Bestand an Material. Es ist fast schade, dass viele der farbprächtigen Aquarelle nur stark verkleinert abgedruckt werden konnten, aber auch in dieser Größe sind auf den Bildern derart viele Details erkennbar, dass man mit diesem Buch Tage verbringen kann.
Der Text von Andrew B. Harris kann leider qualitativ mit dem Bildmaterial nicht ganz mithalten. Er latscht etwas geschwätzig daher, viele Anekdoten sind natürlich unterhaltsam, bleiben aber ohne exakte Quellenangabe, genau so wie viele der wiedergegebenen Gespräche. Mit der Zeit nerven Wiederholungen, Rechtschreibfehler, Grammatikfehler und falsche Namenschreibweisen. Die Gliederung des Werks in nicht logisch nachvollziehbare Kapitel und der Mangel an Struktur zwingen den Leser fast dazu, quer einzusteigen und schöne Bilder als Fenster zu nutzen, um in diese Werkschau einzutauchen. Ist man erst einmal ganz bei den Bildern, liest man dann auch ein wenig Text und, hoffentlich, auch der eine oder andere, das ganze Buch.
Das Kapitel “Chronology” fasst das Schaffen der Eckarts, das insgesamt 115 verschiedene Produktionen umfasst, auf 19 Seiten zusammen. Für jede der Shows, angefangen von “The Little Screwball” (1951) bis “Macbeth” (2000) steht stellvertretend ein meist vierfärbig gedrucktes Szenenfoto, weiters sind Angaben zum Autor des Stückes vorhanden, ein Hinweis auf das Theater, in dem die Produktion gespielt wurde, das Datum der Premiere, der Name des Produzenten sowie der Hauptdarsteller und natürlich all die Funkionen, die die Eckarts bei den einzelnen Produktionen übernommen haben. Dokumentiert ist ein fast 50-jähriges Schaffen, das William Eckart nach dem Tode seiner Frau 1993 allein weiterführte. William Eckart starb im Jahre 2000 im Alter von 80 Jahren.
Entwürfe für Set Designs sind meistens schnell ein Opfer der Zeit. Ist eine Produktion Geschichte, ist auch das Set Design schon vergessen. Nur selten werden Entwürfe und Skizzen in Museen ausgestellt, noch seltener in Büchern verewigt. “The Performing Set” ist ein ideales Geschenkbuch. Es ist einfach hinreißend schön und im reichhaltigen Bildmaterial kann man stundenlang und immer wieder faszinierende Details erkennen.

Andrew B. Harris (Foreword by Carol Burnett, Preface by Sheldon Harnick): The Performing Set – The Broadway Designs of William and Jean Eckart. University of North Texas Press, Denton, Texas 2006, 238 S.; ISBN 978-1-57441-212-3. $ 37,95. www.web3.unt.edu/untpress

Elizabeth L. Wollman: The Theater Will Rock – A History of the Rock Musical, from Hair to Hedwig

Michael Cerveris, Hauptdarsteller in der Uraufführung von “The Who’s Tommy”, wird die Nacht vor der Presseprobe dieses Rock-Musicals wohl nie vergessen. Das Team wollte schon ein wenig vorfeiern. Peter Townshend von The Who, Michael Cerveris und einige andere Mitglieder von Cast und Band gaben eine kleine private Rockshow. Die Presseprobe am Morgen war von Bedeutung. Fernsehteams hatten sich angesagt, zum ersten Mal sollten der Öffentlichkeit einzelne Szenen präsentiert werden. Um zwei Uhr morgens machte sich Cerveris brav dran, sich von Townshend zu verabschieden und sagte zu ihm: “Ich glaube, ich sollte jetzt wirklich gehen.” Townshend darauf: “Weißt du, was du wirklich tun solltest? Ich sollte mit dir die Nacht durchmachen, wir sollten uns betrinken und morgen in der Früh solltest du, fertig, wie du sein würdest, auf die Bühne gehen, fünf Minuten vom ersten Song bringen, die Show abbrechen und sagen: “No, no, no, fuck it, I hate this, I hate you, I hate it all.” Und dann würdest du abgehen. DAS wäre wahrer Rock’n'Roll, aber ich schätze mal, dass du das nicht wirklich machen kannst.” Zumindest ein Teil von Townshend glaubte tatsächlich, dass es genau das wäre, was man hätte tun müssen.
Es gibt wohl keine bessere Geschichte, die die Faszination und die Probleme besser verdeutlicht, die Rock-Musicals auszeichnen. Elizabeth L. Wollman zeichnet in ihrem Werk “The Theater Will Rock – A History of the Rock Musical, from Hair to Hedwig”, ein lebendiges Portrait des Genres Rock-Musical, das am Broadway nach wie vor, mit wenigen Ausnahmen, nicht willkommen ist. Sie beginnt nicht, wie es im Untertitel heißt, bei “Hair”, sondern bei den ersten Anfängen, den ersten Einflüssen, die die Rockmusik auf das “traditionelle” Musical hatte, und auch ein allererstes Musical mit einer Art Rocksong lässt sich festmachen. Der Name des Lieds: “I Don’t Wanna Rock”, das Jahr: 1957. Der Name der Show: die letzte Produktion der legendären „Ziegfeld Follies“ – ein Flop, aber der Song von David Rogers und Colin Romoff, gesungen vom 55-jährigen Billy de Wolfe in der Rolle des “Juvenile Delinquent” und dem Chor der “Tenth Street Sheiks” sollte in die Geschichte eingehen. Die Show wurde nie aufgezeichnet, die Noten sind unauffindbar, und so kann man nicht genau nachvollziehen, wie der Rock’n‘Roll das Musical geentert hat, aber es fand 1957 statt.
Auch die nächste Musical-Produktion, die einen Rocksong enthielt, floppte: “The Girls Against The Boys” (Musik: Richard Lewine & Albert Hague; Texte: Arnold B. Horwitt) aus dem Jahre 1959. “Too Young To Live” hieß der Rocksong, gesungen von “a pair of rock and rollers, he in blue jeans, one of those crazy loafer jackets and a T-shirt of blue and white stripes, she in pleated skirt and blue jacket.”
Schließlich, wir schreiben das Jahr 1960, landen Michael Stewart, Charles Strouse und Lee Adams mit einer Show einen Erfolg, die als erstes kommerziell erfolgreiches Broadway-Musical mit Rock’n'Roll-Elementen in die Geschichte eingeht: “Bye Bye Birdie”.
Das ist die Ausgangsbasis von der aus Wollmann in ihrem Werk unter anderem akribisch die Gründe untersucht, warum den Rock und das Musical eine so problematische Beziehungsgeschichte kennzeichnet. Sie gliedert ihre Analyse in die Zeit vor „Hair“ und nennt das erste Kapitel „The Birth of the Rock Musical in New York City“, daran anschließend widmet sie sich „Hair and its Imitators“. Es folgen:
- „Rock Concept Albums and the Fragmented Musical of the 70s“ [“Dude”, “Via Galactica”, “Rainbow”, “Godspell”, “Jesus Christ Superstar”, “Evita”, “Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band on the Road”, “Ain’t Supposed To Die A Natural Death”]
- „Spectacels of the 1980s“ [“Little Shop Of Horrors”, ”Dreamgirls”, “Carrie”]
- „Rock Musicians in the Musical Theater: The 1990s“ [“The Who’s Tommy”, “Rent”, “The Capeman”, “Hedwig and the Angry Inch”, “Bright Lights, Big City”]
- „Rock Influenced Musicals of the Millennium: The Dawning of the Age of … The Revival” [“The Donkey Show”, “Jesus Christ Superstar Redux”, “The Rocky Horror Show”, “Saturday Night Fever”, “Mamma Mia!”]
Jedem Kapitel ist ein Einschub vorangestellt. Diese „Interludes“, wie Wollman sie nennt, bilden das vor allem theoriebezogene Fundament, auf dem sukzessive die ausführlichen Entwicklungsgeschichten der einzelnen Rock-Musicals aufgebaut werden. Hier geht es um die verschiedenen Definitionsmöglichkeiten von Rock, Pop, Musical, Rock-Oper, Pop-Opera, um die Rezeption von Rock-Musicals im Spiegel der zeitgenössischen Medien, Wollman untersucht auch die Geschichte des Publikums in der westlichen Welt, und die Rollen, die es sowohl bei Rock-Shows als auch bei Musicals spielt. Ein ausführlicher Einschub ist der Veränderung der wirtschaftlichen Grundlagen in der amerikanischen Theaterwelt gewidmet, beginnend mit dem Niedergang der Megamusicals anfangs der 1990er Jahre. Anhand von praktischen Beispielen zeigt die Autorin, wie die steigenden Kosten und die verstärkte Konzentration auf die internationale Vermarktung die Art und Weise beeinflusst hat, wie Musicals entwickelt, aufgeführt und vermarktet werden. In einem weiteren theoretischen Einschub zeigt die Autorin, wie Theaterproduktionen die Ästhetik von Rockkonzerten nützen, um Publikum zu generieren.
Schrittweise erschließt Wollman dem Leser im Wechselspiel von Theorie, Praxis und Analyse der Erfolgsgeschichten und der Lehren, die man aus unzähligen Flops gezogen hat, die Geschichte dieses Genres. Basierend auf Fakten, jeweils auf konkrete Quellen verweisend, mit einem hervorragend recherchierten Anhang mit Anmerkungen, einer sehr umfangreichen Bibliographie und einem Index.
Fazit: „The Theater Will Rock“ ist durchaus das, was man für dieses Genre als Standardwerk bezeichnen könnte, und höchst lesenswert.

Elizabeth L. Wollman: The Theater Will Rock – A History of the Rock Musical, from Hair to Hedwig. The University of Michigan Press, Ann Arbor 2006, 272 S.; ISBN 978-0-472-11576-1. $ 29,95. www.press.umich.edu

Armin Geraths (ed.): Creating the „New Musical“: Harold Prince in Berlin

Anfang Juni 2003 fand in Berlin in Zusammenarbeit der GUBK, der Technischen Universität Berlin, der Neuköllner Oper und der Universität der Künste ein Symposion zu Ehren von Harold Prince statt (siehe auch „musicals“, Heft 102, S. 32–41).
Drei Tage waren dem Regisseur und Produzenten gewidmet, seine Arbeiten auf dem Gebiet des Musicals, des Theaters allgemein wurden mit den verschiedensten methodischen Mitteln beleuchtet, analysiert, hinterfragt, gelobt und gepriesen. Eine Reihe von Akademikern (Rüdiger Bering/UdK Berlin, Peter Erdmann/TU Berlin, Armin Geraths/TU Berlin, Foster Hirsch/Brooklyn College, Wolfgang Jansen/Folkwang Hochschule Essen, Peter Lund/UdK Berlin, Miguel Angel Esquivel Rios/Freie Universität Berlin), Autoren (Michael Kunze), Dramaturgen & Direktoren (Michael Pinkerton, Daniel Brunet, Thomas Siedhoff) diskutierten mit Harold Prince, nahmen an Workshops teil und trugen ihre Erkenntnisse in Referaten vor.
Knapp drei Jahre später, im Oktober 2006, veröffentlichte Armin Geraths (Herausgeber) einige der Beiträge (in englischer Sprache) jener drei Tage als Studienband bei “Peter Lang – Europäischer Verlag der Wissenschaften”. Harold Prince nahm sich die Zeit, alle in diesem Band veröffentlichten Texte zu checken und mit Anmerkungen zu versehen.
Herausgekommen ist ein buntes Spektrum an Versuchen, die Arbeit von Harold Prince einerseits aus “akademischer” Sicht zu sezieren, andererseits auf sehr direkte Weise beispielsweise in Interviewform die theoriebasierten Erkenntnisse auf ein sehr lebendiges Fundament zu stellen, ganz nach Motto von Harold Prince: “Though I’m impressed by “deep thinking”, I tend to be put off by theories. My process is to read and travel and absorb sensory responses.”
Ab und zu nehmen die Lobpreisungen für meinen Geschmack etwas überhand. Wenn beispielsweise Armin Geraths “Evita” (1978) als “high point of his [Harold Prince’s] career and the high point of the genre as a whole” bezeichnet, mit dem Zusatz “The text, music, direction and choreography were raised to a standard that not even Bayreuth, Covent Garden or the Metropolitan Opera have surpassed in the last 30 years”, dann darf das doch zumindest, jedenfalls meiner Meinung nach, bezweifelt werden. Vor allem, wenn dann auch noch der Satz folgt: “One would like to take a curious look into the future in order to see what some member of a young generation of directors in the year 2030 could do with the classic “Evita”, without falling short with Prince’s achievement.” Da spricht nicht so sehr der Wissenschaftler, da klingt schon mehr der “Fan” durch.
Spannend werden die Ausführungen dann, wenn beispielsweise Armin Geraths eine “Was wäre wenn”-Analyse durchführt. Was wäre, wenn Prince “The Lady’s Got Potential” aus dem Concept-Album des Musicals “Evita” nicht gestrichen hätte. Was hat den Regisseur an dem Lied gestört, welche Auswirkungen hatte die Streichung auf die Charakterzeichnung – Fragen, denen der Musicalexperte im Detail nachgeht und auf die man sich gerne einlässt. Geraths tendiert recht stark dazu, die Arbeiten von Prince gedanklich in konstruierte Raster einzuordnen, basierend auf Kriterien wie beispielsweise künstlerischer Erfolg versus kommerzieller Erfolg, “Old Musical” versus “New Concept Musical” – das ist sicher eine “akademische” Möglichkeit, das Schaffen des Regisseurs und Produzenten zu fassen. Miguel Angel Esquivel Rios zeichnet die interessante Geschichte des Musicals „The Kiss oft he Spider Women“, Thomas Siedhoff untersucht die europäischen Spuren in den Arbeiten von Prince, Wolfgang Jansen beginnt in seinem Beitrag gleich bei Null und erklärt erstmal die unterschiedlichen Voraussetzungen, der sich die Kunstform Musical in Europa und am Broadway stellen muss. Rüdiger Bering setzt ebenfalls recht tief an und erklärt die Fachtermini “Book Musical” und “Concept Musical”, danach veranschaulicht er das “wahrlich Revolutionäre” am Musicalkonzept von Prince anhand von “Company”. Drei Dinge könnte man an dieser Stelle anmerken: Wie so oft in einem Aufsatzband kommt es auch in diesem öfters zu thematischen Überschneidungen. Weiters: Gefallen an dem Werk werden auch all jene finden, die mit gewissen Grundbegriffen, wie eben “Book Musical”, noch nichts anzufangen wissen. Und schließlich: Es war gut, dass Prince sich die Aufsätze vor Drucklegung nochmal durchgesehen hat. Rüdiger Bering beispielsweise schreibt in seinen Ausführungen zu “Company”: “Prince admitted his own personal motivation in this musical – “35-year-old Bobby was me”, he confessed, “making my decision to marry,” whereas Sondheim explained that they had wanted to show how difficult it was to have a successful relationship in our urban world, but that remaining alone was a worse choice.” Prince in einer Anmerkung dazu: “I never said this. I have been misquoted. I believe in marriage. Mine has lasted forty-two years and is still going strong. I believe Bobby is a poor candidate for that institution.” Es sind auch solche Kleinigkeiten, die diesen Sammelband zur spannenden Lektüre machen – spannend auch für all jene, die sich auf eine intensive Auseinandersetzung mit zum Teil Detailaspekten der Arbeiten von Prince einlassen wollen.
Etwas schade ist die fehlende Aufarbeitung der Masterclass bzw. des Workshops, die/den Prince im Rahmen des Symposions leitete. Umso bemerkenswerter ist es, dass Prince in einer seiner Anmerkungen die Leistung eines Workshop-Teilnehmers besonders hervohebt: „A word about the master class that I led there. It was a privilege to be introduced to singers/actors of such high quality. They had chosen to interpret material from shows of mine, and in each instance displayed prodigious talent, insight into characters, and great taste. In particular, a young man, Tilmann von Blomberg, chose the nearly impossible task of interpreting “Come Up To My Office” – a schizophrenic and abstract number from “Parade”, a show he had never seen. Apologizing beforehand, he delivered a performance equal, I dare say, to the brilliant one Brent Carver provided on Broadway.” Auch solche kleinen Passagen sind es, die Harold Prince als vom Theater und dem Theatervolk Begeisterten zeigen.
Spannend geschrieben und empfehlenswert ist der Beitrag Michael Kunzes zu diesem Sammelband. Unter dem Titel “Harold Prince – Highly Personal” skizziert der Story-Architekt seine persönliche Beziehung zu, wie er erklärt, seinem Mentor, ohne dessen Einfluss er Musicals wie “Elisabeth” eventuell nie geschaffen hätte. Prince war es, der Kunze riet, über ein Thema zu schreiben, das ihm wirklich etwas bedeutet, das sein Leben verändern würde. Es war im Hotel Sacher in Wien, als Prince Kunze ein altes Foto beschrieb, das großen Eindruck auf ihn gemacht hatte, ein Foto aus dem Jahre 1916, auf dem die letzte Reise Franz Josef I. zu sehen war. Auf einem Leichenwagen wurde der Kaiser durch die Straßen Wiens zu seinem Grab gefahren. Monarchen aus aller Welt hatten sich versammelt und waren Zeugen ihres eigenen Begräbnisses. Letztlich war es die Beschreibung dieses Bildes, die Kunze nach vielen Überlegungen dazu brachte, ein Musical über “Elisabeth” zu schreiben. Prince hatte “Mayerling” als Thema vorgeschlagen. Kunze dazu: “I decided fairly against “Mayerling”. I knew too much about Crown Prince Rudolf to believe in a love story. And I didn’t think a political suicide was a suitable subject for a musical.”
“Bounce”, die letzte Arbeit des Regisseurs vor dem Symposion, wird in diesem Sammelband zwar auch erörtert, das dreitägige Event fand jedoch knapp nach der Premiere in Chicago statt, sodass es über, lassen wir es offen, den (künstlerischen versus kommerziellen) Erfolg dieser Show in diesem Buch keine relevanten Aussagen geben kann.
Fazit: Ein Lesevergnügen für Musicalfans, Musicaltheoretiker und alle, die auch nur irgendwie mit dem Theater zu tun haben – äußerst empfehlenswert.

Armin Geraths (ed. In Collaboration with Daniel Brunet and Miguel Angel Esquivel Rios): Creating the “New Musical”: Harold Prince in Berlin. Peter Lang – Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main, 2006, 224 S.; ISBN 3-631-55878-0. € 29,80. www.peterlang.de

Thomas S. Hischak: Enter the Playmakers – Directors and Choreographers on the New York Stage

2000 Jahre lang hatte er bei weitem nicht die Bedeutung, die ihm heute zugemessen wird. Erst im 19. Jahrhundert formte sich eine konkrete Idee von dem, was man heute „Regisseur“ nennt. Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen (1826–1924) gilt als der Vater des modernen Regietheaters, Konstantin Sergejewitsch Stanislawski (1863–1938) entwickelte ein faszinierendes neues „System“ des Schauspielens – sie sind die beiden wichtigsten Erneuerer des Theatersystems ihrer Zeit und prägten es anhaltend. Ihnen ist es zu verdanken, dass „er“ in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts langsam immer stärker ins Rampenlicht wanderte: der „Regisseur“.
Eine ähnliche Entwicklung ist bei der „Emanzipation“ der Choreograph festzustellen. Hier gilt Agnes de Mille (1905–1993) als entscheidende Persönlichkeit, die dem Choreograph zur Position eines Regisseurs des Tanzes verhalf.
Heute steht der Regisseur im Zentrum aller Theaterproduktionen, egal ob es sich um eine Schulproduktion von „Annie“ handelt oder um „Rebecca“ am Raimund Theater. Er wurde zur treibenden Kraft am Theater, ist bei den Auditions ebenso dabei wie bei den Proben, bei ihm laufen alle Fäden zusammen, im Extremfall steht er für die gesamte Produktion, beispielsweise, wenn es sich beim Regisseur/Choreograph um ein Genie wie Bob Fosse handelte. So wurde in den 1970er Jahren plakatiert: „The New Bob Fosse Musical“ –Komponist, Texter, Schauspieler kamen erst danach.
Thomas S. Hischak, „Professor of Theatre” an der “State University of New York College at Cortland”, ist einer der profiliertesten Autoren, wenn es um die Performing Arts geht. 15 Bücher hat er für den Verlag Scarecrow Press bereits verfasst, mit „Enter the Playmakers“ versucht er, die wichtigsten Regisseure und Choreographen am New Yorker Theater zu erfassen. Auf 142 Seiten listet Hischak mehr als 300 von ihnen auf, alphabetisch geordnet. Über jeden Regisseur/Choreograph finden wir kurze biographische Angaben sowie eine Liste seiner Arbeiten am New Yorker Theater, also am Broadway, Off-Broadway und Off-Off-Broadway. Natürlich sind nicht alle Regisseure, die am Broadway gewirkt haben, vertreten, ebenso wenig konnten all die Workshop-Produktionen berücksichtigt werden, und es war auch nicht möglich, alle Off-Off-Produktionen in das Buch aufzunehmen. Das ist einerseits zu verstehen, andererseits eine vergebene Chance. Hischak hätte versuchen können, eine wahre Enzyklopädie der in New York wirkenden Regisseure zu erstellen. So ist sein Buch immerhin – zumindest –eine höchst interessante Auflistung geworden.
Was sich etwa gut herauslesen lässt aus der bloßen Aufzählung der Regiearbeiten ist der Aufstieg eines Regisseurs vom Off-Off-Broadway bis hinauf zum Broadway, aber auch die Stagnation mancher Kreativer. Erklärende biographische Angaben erleichtern die Karriereinterpretationen, beispielsweise, wenn Regisseure am Broadway, aber auch am West End erfolgreich gewirkt haben.
Der erfasste Zeitraum beginnt knapp vor 1900. Chronologisch gesehen ist Augustin Daly (1838–1899) der von Hischak erste aufgelistete amerikanische Theaterproduzent und Manager, der im modernen Sinne als Regisseur gewirkt hat.
Gemeinsam mit Hischaks Werk „Enter the Players: New York Stage Actors in the Twentieth Century“ aus dem Jahre 2003 bildet das hier besprochene Buch eine gut recherchierte Datenbasis. In Zeiten des Internets und Wikipedia könnte man vielleicht glauben, dass man diese Daten doch leicht online recherchieren kann. Weit gefehlt! Es bedarf schon eines vom Theater Begeisterten, mit viel Mühe die hier präsentierten Fakten zu recherchieren, zu ordnen, zu prüfen und dann zu vereinheitlichen und zu präsentieren. Hischak ist ein Begeisterter, und seine Bücher kann ich nur empfehlen.

Thomas S. Hischak: Enter the Playmakers: Directors and Choreographers on the New York Stage. The Scarecrow Press, Inc., Lanham, Maryland, Toronto, Oxford, 2006, 142 S.; ISBN: 0-8108-5747-2. $ 45,00 (Paperback). http://www.scarecrowpress.com/

Tom Santopietro: The Importance of Being Barbra

Ein Tony Award, zwei Oscars, sechs Emmys, acht Grammys, zehn Golden Globes, dreizehn Mehrfachplatin-, einunddreißig Platin-Alben, fünfzig Goldene Schallplatten – über Barbra Streisand und ihre zahlreichen Auszeichnungen kann man dicke Wälzer schreiben. Das hat beispielsweise James Spada in seinem Buch „Barbra Streisand. Die Biographie“ gemacht. Basierend auf 200 Interviews, die er mit Kollegen und Freunden der Performerin geführt hat, veröffentlichte er 1996 einen 590-Seiten-Wälzer über die Diva (Verlag Heyne, 1996. 590 Seiten. (Hardcover) ISBN 345311518X).
Aber es geht auch anders: 189 Seiten, kompaktes A5-Format, wunderschön verpackt, das Cover veredelt mit stilvoller Prägeschrift: „The Importance Of Being Barbra“, verfasst von Tom Santopietro, erschienen im Juni 2006 in den USA. Zu den 189 Seiten kommen etliche Seiten eines Kapitels, das der Autor “Career Scorecard” (dazu später mehr) nennt, außerdem ein profundes Quellenverzeichnis und ein ausführliches Register, sehr sauber recherchiert und ausgearbeitet.
Wer mit neuen Details über das Liebesleben der Streisand gefüttert werden will, intimen Details über Affären der Diva mit Prinz Charles, Warren Beatty, Richard Gere, Jon Voigt, Pierre Trudeau und all die anderen – der wird mit diesem Buch ganz schlecht beraten sein. Da müsste man dann zu einem aktuellen Klatschbuch über die Streisand greifen, nämlich Christopher Andersens „The Way She Is“ (Verlag William Morrow, 2006. 448 Seiten. (Hardcover) ISBN 0060562560).
Wer über die Gefühle der Streisand mehr erfahren will, beispielsweise, wie sie sich am Abend ihres Broadwaydebüts gefühlt hat – falsche Baustelle. Nicht in Santopietros Buch. Natürlich wird auch die Broadway-Karriere der Streisand abgehandelt, aber den Fakten entsprechend. Und die Fakten stellen sich so dar: “(…) this icon, forever identified with New York City and Broadway musicals, had an extraordinarily brief theatrical career as a professional actress: three shows in four and one half years: 1961–1966. End of story. Over and out. And no more theater work for forty years and counting.”
Santopietro widmet dem Theaterstar Streisand gerade mal acht Seiten. Er geht wie ein Chirurg an das Phänomen Streisand heran und seziert ihre Karriere. Seine Analysen, die er mit Absicht auf keinerlei Interviews oder seitenweisen Zitatschnickschnack von „Weggefährten“ basiert, packt er in generell recht kurz gehaltene Kapitel zu den Themenbereichen „Beginnings“, „Recordings“, „Film“, „Television“, „Concerts“, „Theater“ und „Politics“. Er beschließt seine Analyse mit einem Kapitel „What about Today?“ und fasst dann seine Analysen in einer Scorecard zusammen.
Und diese Scorecard ist wirklich interessant. Der Autor untergliedert sie in die Rubriken „Work“, „Grade“ und „Comment“, listet chronologisch den bedeutsamen künstlerischen Output Streisands auf, bewertet diesen nach amerikanischem System von A–F und kommentiert ganz kurz. Die Scorecard startet im Jahre 1962 mit „Wholesale“, das Streisand den Titel „Best Supporting Actress“ der NY Drama Critics und eine Tony-Award-Nominierung als „Best Supporting Actress“ einbrachte. Bewertet mit „B“, kommentiert mit „Barbra as Broadway Baby“. Der letzte Eintrag stammt aus dem Jahre 2005 und betrifft die Streisand-CD „Guilty Pleasures“, bewertet mit „C“, kommentiert mit „Gold Record. Pleasant but disposable pop fluff“.
Tom Santopietro ist vom Fach, vom Theaterfach. In den letzten zwanzig Jahren hat er als Stage Manager mehr als zwei Dutzend Broadway-Shows betreut, unter anderem Produktionen von „A Few Good Man“, „Noises Off“, „Marilyn“ oder „Someone Who’ll Watch Over Me“. Seine Streisand-Biographie ist erholsames gossip-freies Terrain, das die Diva mit Respekt, aber auch in sehr nüchterner Art und Weise unter die Lupe nimmt. Kein Hehl macht Santopietro in Interviews daraus, dass er Streisand-Fan ist. Sein Buch ist allerdings alles andere als ein Kniefall vor der Performerin. Santopietros Grundthese lautet wie folgt: “From the start, Barbra Streisand had her eye set on stardom, and that meant movie stardom. Like a general planning an invasion – in this case the invasion of Hollywood by a very different-looking, very ethnic girl – Streisand launched an all-stops-out assault on live appearances, records, and theater as a means to do that. Upon obtaining the goal of movie stardom, theater could be jettisoned, but in the beginning, Streisand viewed theater as the way to prove she could act; even then she saw herself not as a singer, but as an actress who sings. In her eyes it was simple. Singing was a gift she possessed, a gift for which she was fairly grateful, but one whose value lay in the fact that it could get her roles in theater, which would lead to starring roles, which would lead to Oz, a.k.a. Hollywood.”
Als Fan wird Santopietro auch zum erbarmungslosen Kritiker seines Idols. Filme wie „The Mirror Has Two Faces“ stuft er als reine Zeitverschwendung im kreativen Leben der Streisand ein: „“At its worst, as in The Mirror Has Two Faces, there is no sense of a character being portrayed. It is just Barbra Streisand forcing the audience to consider her beautiful, imposing her will while she continues to work out childhood issues. This is a particularly pointless battle, and has severely hampered her screen legacy (…).”
In unseren Zeiten freilich, wo in Fernsehshows Kids von der Straße in null Komma nichts zu Stars gecastet werden, ohne auf irgend etwas zurückblicken zu können, was man „künstlerisches Schaffen“ nennen könnte, scheint es Santopietro ein Anliegen zu sein, gerade die Bedeutung dessen zu betonen, was er „body of work“ nennt: 40 Jahre an künstlerischem Backup, unglaubliches Talent auf vielen Gebieten und die Kraft, sich auch dann neu zu beweisen, wenn sich die Kultur, in der man lebt, völlig ändert. Beispielsweise, als Streisand versuchte, im Rockmusik-Genre Fuß zu fassen, Ende der 60er Jahre, aber vor allem Anfang der 1970er Jahre mit ihren CDs „Stoney End“ und „Barbra Joan Streisand“. Damals waren die Tin-Pan-Alley-Standards out. Streisand war so alt wie ihre Kollegen im Rock-Business, imagemäßig aber in der Frank Sinatra/Dean Martin-Schublade. Dieser wichtigen Periode im künstlerischen Schaffen der Sängerin widmet Santopietro viel Raum, und er analysiert sie auf sehr spannende Art und Weise.
Was einen wirklichen Star ausmacht, hat Dizzy Gillespie einmal treffend formuliert: “The professional is the guy who can do it twice.” Das hat die Streisand mehrfach gezeigt, und noch so einiges darüber hinaus. Santopietros Barbra-Streisand-Biographie ist ein Beweisstück dafür.

Santopietro, Tom – The Importance of Being Barbra. Thomas Dunne Books, New York 2006. 228 Seiten. ISBN: 0312348797. $ 22,95 (Hardcover) www.thomasdunnebooks.com

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