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Armin Geraths (ed.): Creating the „New Musical“: Harold Prince in Berlin

Anfang Juni 2003 fand in Berlin in Zusammenarbeit der GUBK, der Technischen Universität Berlin, der Neuköllner Oper und der Universität der Künste ein Symposion zu Ehren von Harold Prince statt (siehe auch „musicals“, Heft 102, S. 32–41).
Drei Tage waren dem Regisseur und Produzenten gewidmet, seine Arbeiten auf dem Gebiet des Musicals, des Theaters allgemein wurden mit den verschiedensten methodischen Mitteln beleuchtet, analysiert, hinterfragt, gelobt und gepriesen. Eine Reihe von Akademikern (Rüdiger Bering/UdK Berlin, Peter Erdmann/TU Berlin, Armin Geraths/TU Berlin, Foster Hirsch/Brooklyn College, Wolfgang Jansen/Folkwang Hochschule Essen, Peter Lund/UdK Berlin, Miguel Angel Esquivel Rios/Freie Universität Berlin), Autoren (Michael Kunze), Dramaturgen & Direktoren (Michael Pinkerton, Daniel Brunet, Thomas Siedhoff) diskutierten mit Harold Prince, nahmen an Workshops teil und trugen ihre Erkenntnisse in Referaten vor.
Knapp drei Jahre später, im Oktober 2006, veröffentlichte Armin Geraths (Herausgeber) einige der Beiträge (in englischer Sprache) jener drei Tage als Studienband bei “Peter Lang – Europäischer Verlag der Wissenschaften”. Harold Prince nahm sich die Zeit, alle in diesem Band veröffentlichten Texte zu checken und mit Anmerkungen zu versehen.
Herausgekommen ist ein buntes Spektrum an Versuchen, die Arbeit von Harold Prince einerseits aus “akademischer” Sicht zu sezieren, andererseits auf sehr direkte Weise beispielsweise in Interviewform die theoriebasierten Erkenntnisse auf ein sehr lebendiges Fundament zu stellen, ganz nach Motto von Harold Prince: “Though I’m impressed by “deep thinking”, I tend to be put off by theories. My process is to read and travel and absorb sensory responses.”
Ab und zu nehmen die Lobpreisungen für meinen Geschmack etwas überhand. Wenn beispielsweise Armin Geraths “Evita” (1978) als “high point of his [Harold Prince’s] career and the high point of the genre as a whole” bezeichnet, mit dem Zusatz “The text, music, direction and choreography were raised to a standard that not even Bayreuth, Covent Garden or the Metropolitan Opera have surpassed in the last 30 years”, dann darf das doch zumindest, jedenfalls meiner Meinung nach, bezweifelt werden. Vor allem, wenn dann auch noch der Satz folgt: “One would like to take a curious look into the future in order to see what some member of a young generation of directors in the year 2030 could do with the classic “Evita”, without falling short with Prince’s achievement.” Da spricht nicht so sehr der Wissenschaftler, da klingt schon mehr der “Fan” durch.
Spannend werden die Ausführungen dann, wenn beispielsweise Armin Geraths eine “Was wäre wenn”-Analyse durchführt. Was wäre, wenn Prince “The Lady’s Got Potential” aus dem Concept-Album des Musicals “Evita” nicht gestrichen hätte. Was hat den Regisseur an dem Lied gestört, welche Auswirkungen hatte die Streichung auf die Charakterzeichnung – Fragen, denen der Musicalexperte im Detail nachgeht und auf die man sich gerne einlässt. Geraths tendiert recht stark dazu, die Arbeiten von Prince gedanklich in konstruierte Raster einzuordnen, basierend auf Kriterien wie beispielsweise künstlerischer Erfolg versus kommerzieller Erfolg, “Old Musical” versus “New Concept Musical” – das ist sicher eine “akademische” Möglichkeit, das Schaffen des Regisseurs und Produzenten zu fassen. Miguel Angel Esquivel Rios zeichnet die interessante Geschichte des Musicals „The Kiss oft he Spider Women“, Thomas Siedhoff untersucht die europäischen Spuren in den Arbeiten von Prince, Wolfgang Jansen beginnt in seinem Beitrag gleich bei Null und erklärt erstmal die unterschiedlichen Voraussetzungen, der sich die Kunstform Musical in Europa und am Broadway stellen muss. Rüdiger Bering setzt ebenfalls recht tief an und erklärt die Fachtermini “Book Musical” und “Concept Musical”, danach veranschaulicht er das “wahrlich Revolutionäre” am Musicalkonzept von Prince anhand von “Company”. Drei Dinge könnte man an dieser Stelle anmerken: Wie so oft in einem Aufsatzband kommt es auch in diesem öfters zu thematischen Überschneidungen. Weiters: Gefallen an dem Werk werden auch all jene finden, die mit gewissen Grundbegriffen, wie eben “Book Musical”, noch nichts anzufangen wissen. Und schließlich: Es war gut, dass Prince sich die Aufsätze vor Drucklegung nochmal durchgesehen hat. Rüdiger Bering beispielsweise schreibt in seinen Ausführungen zu “Company”: “Prince admitted his own personal motivation in this musical – “35-year-old Bobby was me”, he confessed, “making my decision to marry,” whereas Sondheim explained that they had wanted to show how difficult it was to have a successful relationship in our urban world, but that remaining alone was a worse choice.” Prince in einer Anmerkung dazu: “I never said this. I have been misquoted. I believe in marriage. Mine has lasted forty-two years and is still going strong. I believe Bobby is a poor candidate for that institution.” Es sind auch solche Kleinigkeiten, die diesen Sammelband zur spannenden Lektüre machen – spannend auch für all jene, die sich auf eine intensive Auseinandersetzung mit zum Teil Detailaspekten der Arbeiten von Prince einlassen wollen.
Etwas schade ist die fehlende Aufarbeitung der Masterclass bzw. des Workshops, die/den Prince im Rahmen des Symposions leitete. Umso bemerkenswerter ist es, dass Prince in einer seiner Anmerkungen die Leistung eines Workshop-Teilnehmers besonders hervohebt: „A word about the master class that I led there. It was a privilege to be introduced to singers/actors of such high quality. They had chosen to interpret material from shows of mine, and in each instance displayed prodigious talent, insight into characters, and great taste. In particular, a young man, Tilmann von Blomberg, chose the nearly impossible task of interpreting “Come Up To My Office” – a schizophrenic and abstract number from “Parade”, a show he had never seen. Apologizing beforehand, he delivered a performance equal, I dare say, to the brilliant one Brent Carver provided on Broadway.” Auch solche kleinen Passagen sind es, die Harold Prince als vom Theater und dem Theatervolk Begeisterten zeigen.
Spannend geschrieben und empfehlenswert ist der Beitrag Michael Kunzes zu diesem Sammelband. Unter dem Titel “Harold Prince – Highly Personal” skizziert der Story-Architekt seine persönliche Beziehung zu, wie er erklärt, seinem Mentor, ohne dessen Einfluss er Musicals wie “Elisabeth” eventuell nie geschaffen hätte. Prince war es, der Kunze riet, über ein Thema zu schreiben, das ihm wirklich etwas bedeutet, das sein Leben verändern würde. Es war im Hotel Sacher in Wien, als Prince Kunze ein altes Foto beschrieb, das großen Eindruck auf ihn gemacht hatte, ein Foto aus dem Jahre 1916, auf dem die letzte Reise Franz Josef I. zu sehen war. Auf einem Leichenwagen wurde der Kaiser durch die Straßen Wiens zu seinem Grab gefahren. Monarchen aus aller Welt hatten sich versammelt und waren Zeugen ihres eigenen Begräbnisses. Letztlich war es die Beschreibung dieses Bildes, die Kunze nach vielen Überlegungen dazu brachte, ein Musical über “Elisabeth” zu schreiben. Prince hatte “Mayerling” als Thema vorgeschlagen. Kunze dazu: “I decided fairly against “Mayerling”. I knew too much about Crown Prince Rudolf to believe in a love story. And I didn’t think a political suicide was a suitable subject for a musical.”
“Bounce”, die letzte Arbeit des Regisseurs vor dem Symposion, wird in diesem Sammelband zwar auch erörtert, das dreitägige Event fand jedoch knapp nach der Premiere in Chicago statt, sodass es über, lassen wir es offen, den (künstlerischen versus kommerziellen) Erfolg dieser Show in diesem Buch keine relevanten Aussagen geben kann.
Fazit: Ein Lesevergnügen für Musicalfans, Musicaltheoretiker und alle, die auch nur irgendwie mit dem Theater zu tun haben – äußerst empfehlenswert.

Armin Geraths (ed. In Collaboration with Daniel Brunet and Miguel Angel Esquivel Rios): Creating the “New Musical”: Harold Prince in Berlin. Peter Lang – Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main, 2006, 224 S.; ISBN 3-631-55878-0. € 29,80. www.peterlang.de

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