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Archiv - 2017

I Am From Austria – Im Freien Fall

Wer Wuchtln will, geht ins Simpl, wer Musical für Vollidioten bevorzugt, kann auch im Raimund Theater vorbeischaun. »Im freien Fall« heißt das neue Programm des Kabarett Simpl, und das hat durchaus auch etwas Philosophisches. Denn der freie Fall, das ist ja an sich was Tolles. Bis man halt aufprallt. Wenn Christian Struppeck Pech hat, ist das mit dem Aufprallen bald so weit. Was er für IAFA an Dialogen geschrieben hat, geht nicht mal in einer Soap. Vor allem dann, wenn dieser schlechte Dialog derart schlecht serviert wird. Ich habe im Publikum heute durchaus bekannte ehemalige Theaterdirektoren gesehen, die sich beim x-ten Aufguss des Schmidinger-Running-Gags nur mehr an die Stirn gegriffen haben. Die nur den Kopf geschüttelt haben, als Torten in einer Szene zu singen begonnen haben. IAFA ist Theater für Infantile. Man glaubt nicht, was da an Kitsch von der Bühne rinnt. Hier kommt es in fast keiner Szene zu einem »Break-into-Song«-Moment, weil Gergen es timingmäßig einfach nicht schafft. Er lässt, wenn ihm nicht eine Tanzszene zuhilfe kommt, seine Darsteller auf der Bühne versauern, bis dann endlich ein Lied beginnt. Gern würde ich sagen, es liegt nicht an den Darstellern, aber so ist es eben nicht, oder eben doch, denn Andreas Steppan ist der Einzige der Truppe, der so etwas wie Glaubhaftigkeit auf die Bühne bringt und mit seinem ersten Lied den besten Showmoment dieser Produktion hat. Was die Show halbwegs in Schwung hält, sind die Tanznummern, aber nicht wegen der Tanznummern mit den altbackenen Choreos, sondern weil es einfach klasse Tänzer sind, die sie servieren. Paul Csitkovics, Thomas Höfner, Peter Knauder, das sind einfach Typen, die dir jeden Schas so tanzen, dass du nur mehr Wow sagst. Das wären also zwei Gründe, sich die Fendrich-Show anzusehen, aber es fällt schon sehr schwer, viel mehr Positives zu finden.
(Besuchte Vorstellung: 16. September 2017; Raum Für Kommentare –> hier; Lounge der VBW-Mitarbeiter –> hier)

Und das schrieben die anderen:

»Nun könnte man das alles trotzdem charmant finden, würde die Banalität nicht so schmerzen. Klischee türmt sich hier über Klischee, bis man ein Gipfelkreuz draufstellen könnte.« (»Wiener Zeitung«)
»… zwischen den Evergreens hanteln sich sie Darsteller mit Texten von Nummer zu Nummer, die kaum mehr als Alltagsblabla sind. Drei Stunden lang.« (»Kronen Zeitung«)
»Der Beginn ist fürchterlich, es wird gekreischt und gehüpft, man möchte rufen: ›Armer Fendrich, du kannst nichts dafür‹« (»Die Presse«)
»Mangelnde Personenführung ist seit jeher ein Schwachpunkt in der Regiearbeit von Andreas Gergen. Auch mit Respekt vor Kim Duddys Leistungen in vielen Jahren: Das Bewegungsrepertoire des hüftflexiblen Ensembles kommt einem von anderen Musicals schon so bekannt vor, dass sich die Frage stellt: Wo bleibt der neue choreografische Input?« (»Kurier«)
»Mitunter fliegt sie auch im Hubschrauber Richtung Hüttenzauber und erleidet neben einem Gipfelkreuz einen Anfall von Heimatliebe.« (»Der Standard«)
»Michael Reed hat Fendrichs Nummern für die Verwendung auf der Musicalbühne fit gemacht - dass das keine Schlankheitskur sein wird, war klar. Es darf ein bisserl mehr sein, auch wenn es manchmal wehtut.« (nachrichten.at)

Bronski & Grünberg 2017/2018

Kaja Dymnicki, Julia Edtmeier, Salka Weber und Alexander Pschill starten mit ihrem Theater Bronski & Grünberg in die zweite Saison. Die folgenden Premieren stehen am Programm:
»Richard III.« (Regie: Helena Scheuba)
»Rigoletto« (Regie: Alexander Pschill, Julia Edtmeier, Kaja Dymnicki)
»Kevin allein zu Haus« (Regie: Dominic Oley)
»Titanic« (Regie: Dominic Oley)
»Wiener Blut« (Regie: Ruth Brauer-Kvam)
»Kleist – Familie Schroffenstein« (Regie: Fabian Alder)
»Pretty Woman« (Regie: Calle Fuhr)
»Onkel Wanja« (Regie: Lorraine de Sagazanne)

Saisonstart: 22. September 2017 – Premiere »Richard III.«

Die nächsten Premieren:
8. Oktober 2017: »Der Spieler« (Wiederaufnahme)
24. November 2017: »Rigoletto«

Universität Mozarteum Salzburg & Kunst Meran: Frida Parmeggiani

Frida Parmeggiani – vielen galt sie in ihrer aktiven Schaffenszeit von 1978 bis 2008 als weltbeste Kostümbildnerin – wurde durch ihre Arbeiten für Robert Wilson, Samuel Beckett, und Rainer Werner Fassbinder zur Legende. Ihre prägenden Arbeiten für Wilson im Musicalbereich (alle im Thalia Theater Hamburg): „The Black Rider“ mit Tom Waits (1990), „Alice“ mit Tom Waits (1992), „Time Rocker“ mit Lou Reed (1996) und „POEtry“ mit Lou Reed (2000). Ihr Credo: „No color, no time“. Ihre Lieblingsfarbe Schwarz ist die Dominante im vorliegenden Buch, das als Katalog zu einer Ausstellung fungierte, die zum 70. Geburtstag der Künstlerin in Salzburg und Meran 2016/2017 zu sehen war. Schwarz war auch das Leitmotiv dieser Ausstellung, in der sie neun neue Entwürfe, bestehend aus 13 Einzelfiguren, „inszenierte“, erstmals ohne Dramaturgie, Sänger, Schauspieler. Der Katalog wurde 2017 als eines der 15 schönsten Bücher Österreichs ausgezeichnet. Die Jury lobte u. a. die „feine Abstimmung der Papierformate und -qualitäten, der Schriftstärken und Satzspiegel“. Elfriede Jelinek (sie bezeichnet die Kostüme Parmeggianis als „Stoff-Geschöpfe“), Robert Wilson und Bernd Sucher (neben anderen) steuerten zu diesem Band Texte bei, in denen sie über die Arbeit von und ihre Beziehung zu Parmeggiani erzählen. Zu Sucher meinte Parmeggiani einmal: „Sie haben meine Kostüme wahrgenommen. Die meisten Kritiker haben keine Ahnung, wie wichtig die Kostüme sind. Der Job des Kostümbildners wird total unterschätzt.“ Dieses Buch wird in seiner Schönheit, die nicht durch Opulenz beeindruckt, sondern durch seine faszinierende fesselnde kühle Ästhetik, der Bedeutung dieser Künstlerin gerecht. Ein Leseerlebnis.

Universität Mozarteum Salzburg & Kunst Meran: Frida Parmeggiani. Kostümabstraktionen. SCHLEBRÜGGE.EDITOR, Wien 2016. 112 S.; (Broschur) ISBN 978-3-902833-94-5. EUR 34,–. schlebruegge.com

Franz Patay: »Andere machen es ja auch so«

Transkription eines Beitrags von ORF 3, 26.6.2017, »Kultur Heute«

Wie weit darf Freunderlwirtschaft eigentlich gehen? Mit dieser Frage sehen sich derzeit die Vereinigten Bühnen Wien konfrontiert. Im Herbst wird der neue Intendant der Musicalstätten Raimund Theater und Ronacher bekannt gegeben. Die schlechte Auslastung des Musicals »Schikaneder« hat Intendant Christian Struppeck unlängst einen Dämpfer verpasst. Nur 62,5 Prozent der Sitzplätze waren heuer belegt. Und jetzt kommt auch noch der Vorwurf der Freunderlwirtschaft dazu. Auffällig oft inszeniert nämlich der deutsche Regisseur Andreas Gergen. Das Pikante daran: Gergen ist der Lebensgefährte von Struppeck. Der neue VBW-Geschäftsführer Franz Patay zieht Konsequenzen.

Unverhältnismäßig oft setzt Musicalintendant Christian Struppeck bei Neuproduktionen auf Regisseur Andreas Gergen. Insgesamt vier Mal standen Inszenierungen und Regiearbeiten seines Lebensgefährten am Spielplan. Wer nachfragt, erfährt auch, dass Gergen für das Projekt »Messiah Rocks« im vorigen April ebenfalls vorgesehen war. Nur habe er damals keine Zeit gehabt. Beim Musical »I Am From Austria« diesen Herbst wird Gergen nun seine fünfte Regiearbeit übernehmen, das aber auf Wunsch von Rainhard Fendrich.
Den Vorwurf der Freunderlwirtschaft kann der neue VBW-Geschäftsführer Franz Patay nicht verstehen. Andere machen es ja auch so.
Franz Patay: »Wenn wir mal bisschen weiter schauen, ich sage mal in das Volkstheater, da war auch der Herr Schottenberg mit der Frau Maria Bill, die jahrelang dort gearbeitet haben. Noch ein Stückchen weiter im Theater in der Josefstadt ist der Herr Föttinger mit einer seiner Protagonistinnen verheiratet und inszeniert und spielt mit ihr.«
Umstritten ist auch Struppecks Auslegung seines Auftrags, neben seiner Funktion als Intendant zusätzlich auch Stücke zu schreiben. So hat er drei der vier neu produzierten Musicals, bei denen die Vereinigten Bühnen beteiligt waren, selbst verfasst oder zumindest als Koautor fungiert. Tantiemen dafür sind ihm nach seiner Intendantenzeit sicher. Stücke zu schreiben, sei Struppecks ausdrücklicher Auftrag, betont Franz Patay. Dass er aber so gut wie jedes neue Stück selbst schreiben muss, besagt der Auftrag nicht. Oder?
Franz Patay: »Richtig. Da geb ich Ihnen recht. Ist so.«
Eine offene Frage ist auch, warum 2016 das gut ausgelastete VBW-Musical »Mozart!« nicht bis Saisonende gespielt wurde. Stattdessen wurde von April bis Ende Juni die Tourneeproduktion »Ich war noch niemals in New York« vom Konkurrenzunternehmen Stage Entertainment eingesetzt. Koautor des Stücks: Christian Struppeck. Ob er dafür Tantiemen bekommen hat, lässt sich nicht herausfinden. Fragen wie diese hätten wir Struppeck gerne persönlich gestellt, für ein Interview sei aber keine Zeit, so eine Sprecherin der VBW.
Die bisherige Bilanz der Ära Struppeck ist durchwachsen. Nach einem Anfangsdämpfer mit »Natürlich Blond« gelang ihm mit »Mary Poppins« im letzten Jahr ein Publikumshit. Die Musicals »Evita« und »Mamma Mia!« wurden aufgrund des großen Erfolgs sogar verlängert. Unter den Hits der letzten Jahre sind die Stücke von Struppeck und die Regiearbeiten von Gergen aber nicht dabei. Bei der letzten großen Eigenproduktion, »Schikaneder«, hat Christian Struppeck das Buch geschrieben. Die Auslastung ging von 65,5 Prozent im letzten Kalenderjahr heuer noch einmal um drei Prozentpunkte zurück, auf 62,5 Prozent. Ein Flop, sagen die einen, Patay verteidigt.
Franz Patay: »Wir hatten zum Schluss 180.000 Besucher in diesem Stück. Das ist sehr, sehr viel für ein einzelnes Stück.«
Im letzten April wurde Struppeck als Musicalintendant bis 2020 verlängert, allerdings nicht von Franz Patay. Er wurde erst im Oktober zum VBW-Chef bestellt. Sein Vorgänger: der jetzige Kulturminister Thomas Drozda. Er verweist auf Patay.
Sollen auch in Zukunft Bücher von Struppeck und Regiearbeiten von Gergen übernommen werden? Patay spricht Klartext:
Franz Patay: »Wir können nicht immer, auch wenn’s erfolgreich ist, das gleiche Team haben. Und daher wird es mit dem Anspruch, den wir haben, zu Veränderungen kommen müssen.«
Solange Struppeck Intendant ist, so Franz Patay, wird Andreas Gergen ab sofort keine Regiearbeiten mehr übernehmen. Auch eine Beschlussfassung des Aufsichtsrates der VBW soll Konstellationen wie diese in Zukunft unterbinden.
Ob Struppeck auch weiterhin als Intendant und Autor fungieren darf, ließ Patay offen. Intern jedenfalls laufen bereits die Vorbereitungen für das Musical »Casanova«. Koautor: Christian Struppeck.

Vienna’s English Theatre: »Dogfight« statt »Bare« 2018

War das ursprünglich angekündigte »Bare« schon eine großartige Stückauswahl, so ist die Entscheidung des English Theatre, die Wien-Premiere von »Dogfight« zu bringen, um nichts schlechter. Zu sehen ist das Stück der »Dear Evan Hansen«-Masterminds Benj Pasek & Justin Paul (Buch: Peter Duchan) in einer Produktion des Youth Ensembles vom 5. bis 20. März 2018.
Details zu dieser Produktion gibt es –> hier.

brut, Schauspielhaus 2017/2018: »Dirty Dancing Faust« und die »Seestadt-Saga«

Die Programmpräsentation von Schauspielhaus und brut für die Saison 2017/2018 folgt im Herbst. Erste Ankündigungen gibt es schon:

brut: »A Dirty Dancing Faust«
Ende Oktober startet das Projekt »A Dirty Dancing Faust« von Nesterval (in Kooperation mit brut). Das Kollektiv, in Wien für seine immersiven Theater- und Stadtabenteuer gefeiert, wird das Publikum in einem leerstehenden Gebäude (Simmering-Donaustadt-Floridsdorf) für zwei Monate in eine Fusion aus Goethes »Faust« und »Dirty Dancing« involvieren und sich gemeinsam auf Ermittlungen rund um den Tod eines jungen Hotelangestellten begeben.

Schauspielhaus Wien: Seestadt-Saga
Eine Gruppe von jungen, in Wien lebenden Autoren diverser Herkunft konzipiert nach Vorgabe einer Storyline eine Film- und Theaterserie, die Seestadt-Saga, die in Echtzeit über Social-Media-Kanäle gepostet wird und das interaktive Rezipieren ermöglicht. Die virtuelle Auseinandersetzung wird begleitet von Performances, Partys, Versammlungen und Wohnungsbesuchen vor Ort.

Am West End gelandet: »Everybody’s Talking About Jamie«

»Everybody’s Talking About Jamie«, das neue Musical von Dan Gillespie Sells und Tom MacRae, das im Februar 2017 seine Uraufführung in Sheffields Crucible Theatre gefeiert hat, ist ab November am West End im Apollo Theatre zu sehen.
John McCrea wird wieder die Hauptrolle übernehmen, unter der Regie von Jonathan Butterell.
Mehr Infos zur Show –> hier.

»Bare« und »13 – Das Musical« 2018 in Wien

Schöne Neuzugänge am Musicalspielplan für Wien in der Saison 2017/18.
Das English Theatre zeigt in einer Produktion seiner Youth Company die Produktion »Bare: A Pop Opera« (Damon Intrabartolo/Jon Hartmere). Und das Theater der Jugend setzt Jason Robert Brown auf den Spielplan. »13 – Das Musical« (Jason Robert Brown/Dan Elish/Robert Brown) feiert seine Wien-Premiere.

Update: Statt »Bare« kommt »Dogfight«. Siehe –> hier

Ticketpreise: Ronacher / »Tanz der Vampire« / Herbst 2017

Die Entwicklung der Tickethöchstpreise im Ronacher:
bis 2010: 78 bis 98 Euro
ab 2010: 89 bis 109 Euro
ab 2013: 99 bis 109 Euro + VIP 119
ab Herbst 2014: 79 bis 119 + VIP 89 bis 129
ab Herbst 2017: 99 (nur am Dienstag) bis 129 + VIP 129 bis 149

Tickethöchstpreise 2013 / 2014 / 2017 (nach Wochentagen):
DI 99 / 89 / 129 
MI 99 / 99 / 129
DO 109 / 109 / 129
FR 119 / 119 / 149
SA 119 / 129 / 149
SO 109 / 119 / 139

Kategorie Grün (je nach Wochentag)
2012: 29/39 Euro
2013: 29/39/49 Euro
2014: 19/29/39/49/59 Euro
2017: 29/ 39/ 49/ 59

Kategorie Orange (je nach Wochentag)
2012: 49/59 Euro
2013: 49/59/69 Euro
2014: 39/49/59/69/79 Euro
2017: 49/ 59/ 69/ 79

Es wird Zeit für ein kleines Update der Ticketpreise der VBW im Ronacher. Vor allem in einschlägigen Foren werden in jüngster Zeit Poster geradezu beflegelt, die ihrer Verwunderung Ausdruck geben, wie stark die Ticketpreise bei den VBW steigen. Die Personen, die hier agieren, vergleichen die VBW oft mit privaten Unternehmen wie Stage Entertainment. Es kann uns allen egal sein, wie Stage Entertainment seine Preise gestaltet. Es handelt sich dabei um ein privates Unternehmen, und wenn dieses beschließt, dass man nur mehr in eine Show kommt, wenn man vorher beim Blutspenden war, dann ist das eben so.
Anders bei den VBW. Dieses Unternehmen ist nur aufgrund von Subventionen überlebensfähig. Bei subventioniertem Theater in Wien ging es immer schon auch und ganz wesentlich darum, die Leute zum Theater zu verführen. Betrachten wir die Rahmenbedingungen. 2006 erschien Michael Schenks Buch »Medienwirkungsforschung«. In seiner Untersuchung bietet er unter anderem Zahlen zum Theaterbesuch im Deutschland:

89 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren nutzen mehrmals pro Woche das Fernsehen.
81 Prozent konsumieren Hörfunk
79 Prozent lesen Zeitungen
42 Prozent hören CDs, Schallplatten und Kassetten
35 Prozent greifen zu Zeitschriften und Illustrierten
33 Prozent lesen Bücher
0,5 Prozent gehen ins Theater oder Kino

Im »Handbuch Theatermanagement« von Henning Röper (erschienen 2001) findet man folgende Angabe: 1997 gaben bei einer Erhebung (Allensbacher Werbeträger Analyse) 4,2 Prozent der Befragten an, »regelmäßig ins Theater, in die Oper oder ins Schauspielhaus« zu gehen. Das entspricht 2,7 Millionen regelmäßigen Theatergehern pro Jahr. 40,5 Prozent gaben an, gelegentlich ins Theater zu gehen (25,7 Millionen).

Statista.com hat für das Jahr 2016 die Anzahl der Personen in Deutschland erhoben, die ins Theater, die Oper oder in ein Schauspielhaus gehen. Das Ergebnis: 2,59 Millionen Menschen gehen regelmäßig.

Subventionen wurden unter anderem deswegen eingeführt, um allen leistbare Theaterbesuche zu ermöglichen. Das hat bei den VBW lange Jahre wunderbar funktioniert. Seit dem Beginn der Ära Drozda blieb allerdings kein Stein mehr auf dem anderen. Nicht nur die Ticketpreise der Topkategorien stiegen, sondern man dehnte die Topkategorien auch immer weiter auf andere Kategorien aus und verteuerte vergleichsweise die billigeren Kategorien überproportional stark. Betroffen sind davon vor allem jene, die auf leistbare Tickets angewiesen sind. Diese Zielgruppe leistet es sich nun ganz offensichtlich immer weniger, ins Musical zu gehen.
Die Taktik, sukzessive die Ticketpreise zu verteuern, um sie dann mittels diverser Aktionen wieder kostengünstiger zu machen, halte ich für unseriös. Gerade die, die sich fürs Theater interessieren und frühzeitig Karten kaufen, werden so benachteiligt. Man müsste die Konsequenz daraus ziehen und den Vorverkauf boykottieren. Das würde sich in den Zahlen wohl weniger gut ausmachen.
Ab und an wird damit argumentiert, dass die Preise an der Staatsoper etwa noch viel höher seien. Das ist richtig. Aber hier werden zwei Systeme verglichen, die nicht verglichen werden können. Die Staatsoper ist jene Oper, die weltweit das größte Ensemble hat, sie spielt täglich eine andere Produktion, sie bietet dem Publikum Weltstars. Betrachten wir die VBW, so haben wir mit »Tanz der Vampire« 2017 folgende Situation: Zwei Hauptrollen sind mit Musicalstudenten besetzt. Das richtet sich nun nicht gegen diese Studenten, man kann auch als Student in einer Musicalproduktion seinen Durchbruch erleben. Es richtet sich sehr wohl gegen die Preispolitik der VBW.

Robert Gordon, Olaf Jubin, Millie Taylor: British Musical Theatre since 1950

Es gibt zu wenig Bücher, die sich wissenschaftlich mit dem Musical-Genre auseinandersetzen, zumal in England. Das haben die Autoren dieses Buchs erkannt, und ihr „Critical Companion“ ist die erste wissenschaftliche Arbeit, die sich dem Britischen Musical im Nachkriegs-Kontext widmet. Neben beliebten Shows wie „Oliver!“, „Matilda“, „Blood Brothers“, „Les Misèrables“, „Mamma Mia!“ skizzieren sie auch Entstehung und Wirkung von Produktionen wie „Poppy“ (Peter Nichols, Monty Norman, 1982) oder „Made in Dagenheim“ (David Arnold, Richard Thomas, Richard Bean) in ihrem gesellschaftspolitischen Zusammenhang. In einer Timeline im Anhang werden Jahr für Jahr die uraufgeführten und im Buch erwähnten Musicals politischen Ereignissen gegenübergestellt. Diese Publikation ist Teil einer größeren Initiative, die dem Musicalgenre in England in der wissenschaftlichen Diskussion zu mehr Bedeutung verhelfen soll. Die Autoren datieren den Anfang dieser Bewegung mit dem Jahr 2006, der Etablierung der Internationalen Konferenz „Song, Stage and Screen“. 2007 folgte die erste Ausgabe der Fachzeitschrift „Studies in Musical Theatre“, 2012 wurde das British Musical Theatre Research Institute geründet. Dadurch wurde eine Reihe von Projekten in Gang gesetzt. Die ersten Resultate: die vorliegende Publikation, das Anfang 2017 erschienene „Oxford Handbook of the British Musical“ und die Buchserie „Palgrave Studies in British Musical Theatre“. Auch auf Initiativen, die Förderung der Entstehung von Musicals betreffend, wird verwiesen: Das Musical Theatre Network (MTN, gegründet 2005) und Mercury Musical Developments unterstützen Musicalautoren und -komponisten mit Aktivitäten, angefangen von Workshops, Awards bis hin zu Showcases. 2007 installierte Musical Theatre Matters (ein 2005 gegründetes Netzwerk aus Theaterproduzenten, -managern und Kreativen) eine Reihe von Preisen, um die nächste Generation von Musiktheater-Schaffenden zu fördern. Spannende Projekte, großartiges Buch.

Robert Gordon, Olaf Jubin, Millie Taylor: British Musical Theatre since 1950. Bloomsbury, London 2016. 274 S.; (Paperback) ISBN 978-1-4725-8436-6. £ 21,99. bloomsbury.com

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