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Archiv - Juli, 2006

“Star Wars - The Musical”: Demo als Gratisdownload

Star Wars - The Musical
Es gibt einige “Star Wars”-Musicals da draußen im Universum, sagt man. Wenn man die Quellen im Internet dann recherchiert, landet man auf toten Planeten oder im Narrenhaus. Aber halt, es gibt doch ein “wirkliches” Star Wars-Musical. Aufgeführt wurde es zwar noch nie, aber wer Lust hat, kann sich eine Demo-CD (als ZIP-File) gratis aus dem Netz runterladen. Was gibt es noch? Beispielsweise einen Filmclip, der von der Titelnummer “One Season More” produziert wurde und bei den Star Wars Fan Film Awards den ersten Preis gewonnen hat. Fanart der etwas ulkigeren Art.

London: Musicalboom am West End

Blenden wir zurück ins Jahr 2004. Am West End, der Theatermeile Londons, gab es im Herbst 2004 drei große Musical-Premieren: “The Producers”, “The Woman in White” und “Mary Poppins”. Ging man im West End spazieren, vor allem im Sommer, flanierte man an einem geschlossenen Thetaer nach dem anderen vorbei. Trübe Aussichten.
2006 - nur zwei Jahre später - haben wir am West End das, was man nicht anders als einen Musicalboom bezeichnen kann: 20 neue Musical-Produktionen werden 2006 am West End zu sehen, eines der produktivsten Jahre der Londoner Musicalszene zeichnet sich ab. Laut einer Befragung von 1000 Theaterfans, in Auftrag gegeben von Whatsonstage.com, sind 71 Prozent der Interviewten mit dem Angebot sehr zufrieden, 42 Prozent meinten, zu viele Musicals könne es gar nicht geben.
Was läuft also derzeit am West End ab? Von den 20 neuen Produktionen sind nicht weniger als 12 Revivals, beispielsweise “Evita” oder “Sunday in The Park With George”, und 8 brandneue Shows, darunter “Spamalot” und “Wicked”.
Für fast drei Viertel aller Befragten ist “Wicked” (Premiere im September) jene Show, auf die sie sich am meisten freuen. Auch auf der Must-See-Liste: “Avenue Q” und “Spamalot”.
Mehr als ein Drittel aller Befragten würde gerne mehr Londoner Welturaufführungen statt Broadway-Importe sehen, für weniger Revivals stimmen 46 Prozent. Gar 68 Prozent sind der Ansicht, dass es zu viele Jukebox-Musicals wie “Mamma Mia!” und “We Will Rock You” gibt.
10 Prozent der Interviewten gaben an, sich alle neuen Stücke ansehen zu wollen, und das bei Kartenpreisen bis 55 Pfund.
Eine Übersicht der West End-Produktpalette 2006:

Bereits wieder Geschichte:
* Movin’ Out - Apollo Victoria Theatre
* Mack and Mabel - Criterion
* Show Boat - Royal Albert Hall
* The Rocky Horror Show - Playhouse

Premiere 2006 und noch am Spielplan:
* Sinatra - London Palladium
* Whistle Down the Wind - Palace
* Footloose - Novello
* Sunday in the Park with George - Wyndham’s
* Evita - Adelphi
* Avenue Q - Noel Coward Theatre
* The Boy Friend - Open Air Theatre, Regent’s Park

Open End:
* Billy Elliot - Victoria Palace
* Lion King - Lyceum
* The Producers - Theatre Royal Drury Lane
* Phantom of the Opera - Her Majesty’s Theatre
* Mary Poppins - Prince Edward
* Mamma Mia! - Prince of Wales
* We Will Rock You - Dominion
* Les Miserables - Queens Theatre
* Guys and Dolls - Piccadilly
* Blood Brothers - Phoenix
* Chicago - Cambridge
* The Rat Pack - Savoy
* Dancing in the Streets - Playhouse

Premiere im Herbst:
* Wicked - Apollo Victoria
* Spamalot - Palace
* Cabaret - Lyric
* The Sound of Music - London Palladium
* Dirty Dancing - Aldwych
* Porgy and Bess - Savoy
* Daddy Cool - Shaftesbury Theatre
* Seven Brides for Seven Brothers - Theatre Royal Haymarket

New York: Bühne frei für “The Fartist”

Joseph Pujol
Für alle, die schon Urinetown als Titel für ein Musical etwas merkwürdig fanden, und dann mit der deutschen Übersetzung Pinkelstadt ihre ärgsten Befürchtungen bestätigt sahen, gibt es eine gute/schlechte Nachricht: Man kann alles toppen.
Am 1. Juni 1857 wurde Joseph Pujol geboren. In die Theatergeschichte ist er unter seinem Künstlernamen “Le Pétomane” eingegangen. Der Name leitet sich von dem französischen Verb péter (furzen) ab. Bereits in seiner Jugend entdeckte Pujol sein Talent, durch Kontrolle seines Darmschließmuskels Luft anzusaugen, in Form geruchsfreier Darmgeräusche wieder auszustoßen und dabei die Tonhöhe zu modulieren, wobei er später bei seinen Bühnenauftritten auch einen Schlauch einsetzte oder Blasinstrumente mit dem Hintern spielte. Sein erstaunliches Repertoire umfasste populäre Melodien wie das Kinderlied “Au clair de la lune” oder “Le bon roi Dagobert”, die Imitation von Musikinstrumenten wie der Tuba bis hin zu einer eigenen Improvisation über die Geräuschkulisse des Erdbebens in San Francisco von 1906.
Beim diesjährigen New Yorker Fringe Festival feiert am 11. August im Harry de Jur Playhouse ein Musical über das Leben von Joseph Pujol unter dem Titel “The Fartist” seine Weltpremiere. Charlie Schulman zeichnet für das Buch verantwortlich, Michael Roberts für Musik und Texte. Unter der Regie von John Gould Rubin sind Kevin Kraft (The Fartist), Mark Baker (Toulouse Lautrec), Jim Corti (Charles Zidler), Rebecca Kupka (Elizabeth), Lyn Philistine (La Goulue) und Nick Wyman (Aristide Bruant) sowie Molly Curry, Tom Gamblin, Rachel Kopf, Lindsay Northen, Charly Seamon und Steven Scott zu sehen.

Holenders Universum

Der ORF berichtet über jüngste Äußerungen des Wiener Staatsoperndirektors Ioan Holender, der, nach einem Besuch der Salzburger Festspiele meinte:

Da die Festspiele vor allem durch Steuergelder erhalten werden, sind die Preise unverschämt. Ich würde das nie bezahlen. […] Es kann keine Opernvorstellung geben, die 600 Euro wert ist […] Dann soll man halt weniger machen. Ich finde auch, dass der ‘Jedermann’ bei freiem Eintritt stattfinden sollte. Das wäre ein Zeichen …

Eine interessante Frage, was eine Opernvorstellung wert sein darf. 20 Euro? 50 Euro? 157 Euro oder 600 Euro? Holender wird wohl oder übel der Meinung sein, dass eine Opernvorstellung maximal um die 180 Euro wert sein darf, soviel kosten - im Durchschnitt - die teuersten Tickets an seinem Haus am Ring. Die billigsten Tickets sind an der Staatsoper um 9 Euro im Verkauf, bei den Salzburger Festspielen um: 5 Euro. Und da stellt sich dann die Frage, ob sich jemand, der bereit ist, 180 Euro für ein Ticket auszugeben, nicht sowieso auch die 600 Euro leisten kann.

“Musicalmania” - Andrew Lloyd Webber sucht den Musical-Superstar

Ganz eigene Ansichten hat “Cats”-Pappi Sir Andrew Lloyd Webber in Bezug auf Darstellerschmieden. Er meint an der Performance jedes Absolventen (fast) erkennen zu können, an welcher Schule dieser seine Ausbildung abgeschlossen hat. Im Originalwortlaut:

Stage schools tend to turn out performers with a certain patina. There is a certain sameness. You can almost tell which school they have come from.

Lloyd Webber geht daher einen ganz eigenen Weg beim Casting für die Hauptrolle in der Londoner Neuproduktion von The Sound of Music. Mit der Sendung How Do You Solve A Problem Like Maria? will der Komponist im Rahmen einer Castingshow seine ideale Erstbesetzung finden. 4 Millionen Pfund kostet der Spaß, der ab dem 29. Juli 2006 über die Bühne gehen und von BBC1 ausgestrahlt wird. Der Gewinnerin der Show winkt ein Vertrag für sechs Monate, für 6 Shows pro Woche.

Lloyd Webber betreibt für seine Londoner Produktion von “The Sound of Music” Promotion der etwas anderen Art. Es ist nichts dagegen zu sagen, wenn er im Rahmen einer Castingshow neue Talente entdecken will. Schließlich ist das nichts Neues. Josh Strickland, derzeit als “Tarzan” in der blutleeren Broadway-Produktion des Disney-Musicals zu sehen, wurde im Rahmen der US-Castingshow “American Idol” entdeckt, Jennifer Hudson, ebenfalls “American Idol”-Teilnehmerin, wurde für die Verfilmung des Kultmusicals “Dreamgirls” gecastet, Lukas Perman hat einen Gutteil seiner Publicity ebenfalls einer Castingshow (”Starmania”) zu verdanken, wenngleich er eine fundierte Musicalausbildung hat, und das sind nur einige Beispiele.
Die Art und Weise, wie Llyod Webber generell die Musicalausbildung in seinem Heimatland England diskreditiert, hat viele der Verantwortlichen auf die sprichwörtlichen Barrikaden getrieben. Allein die Vorstellung, dass jemand ohne Ausbildung 6 Shows pro Woche durchsteht, ist völlig illusorisch. Wer wird sich also bewerben? Kommt die große Überraschung erst im Ernstfall, wenn die Auserwählte nach zwei Wochen dann nicht mehr kann. Sie wäre kein Einzelfall. Vor ein paar Jahren erst erlebte Martine McCutcheon in einer Londoner Produktion von “My Fair Lady” ihr ganz persönliches Waterloo, brachte es aufgrund ihrer angeschlagenen Stimme auf weniger Vorstellungen als ihre Understudies und musste ihre Verpflichtung vorzeitig beenden. Promotion also für ein “neues” Sendungsformat, okay, aber nicht auf Kosten jener Studenten, die jahrelang hart trainieren und oft am Existenzminimum leben, nur um dann bei einem Casting mitgeteilt zu bekommen, dass sie zu klein, zu groß, zu dick, zu dünn oder sonstwie nicht geeignet sind. So kontert denn auch Gerry Tebbutt, seines Zeichens “Head of Musical Theatre and Performance” am GSA Conservatoire von Guildford:

What is his point of reference? He should come here and see for himself, we seek out the individual and we look out for what is unique. We may not know what that is when they arrive, but we do when they leave.

Rebecca - erster Probenbericht online

Im Herbst erst feiert Rebecca, das neue Musical von Sylvester Levay und Michael Kunze, seine Premiere im Wiener Raimund Theater. In den Wiener Rosenhügel Studios haben dieser Tage die Proben begonnen. Erste Eindrücke davon bietet die TV-Sendung “Wien Heute”. Der Videostream ist online.

Elton Johns “AIDA” in Österreich

Vom 27. Januar 2007 bis 04. März 2007 ist eine Tourproduktion von AIDA, einem Musical von Elton John und Tim Rice, im Festspielhaus Bregenz zu sehen, als erste “Langzeitproduktion” im völlig neu gestalteten Festspielhaus. STAGE ENTERTAINMENT tastet sich langsam an Österreich heran.
Termine: Di, Do & Fr: 20:00 Uhr, Mi 18:30 Uhr, Sa 15:00 + 20:00 Uhr, So 14:30 + 19:00 Uhr/Preise: 29,90 - 84,90 Euro (zzgl. Vorverkaufsgebühr und 2,- Euro Systemgebühr)/Karten: bei den bekannten Vorverkaufsstellen oder im Internet unter www.aida-on-tour.de/

Vorhang frei für “I Do! I Do!” in Steyr

Susanne Kerbl und Jürgen Hirsch; Foto: Musikfestival Steyr
Am 5. Dezember 1966 ging im 46th Street Theatre in New York die Premiere von I Do! I Do! über die Bühne. Das Musical aus der Feder von Harvey Schmidt (Musik) und Tom Jones (Libretto/Songtexte) brachte es auf insgesamt 560 Vorstellungen und ging in die Musicalgeschichte als die erste Show ein, die mit nur zwei Darstellern auskommt. Die Dernière fand am 15. Juni 1968 statt. Mit Mary Martin (She/Agnes) und Robert Preston (He/Michael) standen zwei der bekanntesten Showstars aller Zeiten auf der Bühne.
Die Deutschsprachige Erstaufführung fand am 24. August 1968 im Schauspielhaus Düsseldorf statt. Die Übersetzer Peter Goldbaum und Walter Brandin machten aus “I Do! I Do” kurzerhand “Das musikalische Himmelbett”.
Im Rahmen des Musikfestivals Steyr, das vom 27. Juli bis 13. August läuft, findet am 10. August im Alten Theater Steyr eine österreichische Premiere von I Do! I Do! statt, mit Susanne Kerbl als Agnes und Jürgen Hirsch als Michael. Am 13. August ist die Produktion noch ein zweites Mal zu sehen.

Kartenvorverkauf:
Tourismusverband Steyr, Stadtplatz 27, A-4402 Steyr Tel. +43/ (0)7252/53229-0, Fax: +43/ (0)7252/53229-15 / Email: info@tourism-steyr.at oder tickets@musikfestivalsteyr.at

Benjamin Lebert: “Kannst du” (2006)

Benjamin Lebert: Kannst du, 2006; Foto: Martin Bruny
“Aber warum, zum Teufel, wollen wir uns überhaupt alle immer in Geschichten wiederfinden? Alle halten wir immerzu nur Ausschau nach Geschichten, in denen wir uns selbst entdecken!” [Benjamin Lebert, “Kannst du”, 2006]

Freut ihr euch auch so auf den Sommer? Ich freue mich tierisch. Ist das nicht herrlich, rauszugehen und zu spüren, dass alles wieder leichter und freier wird um einen herum, dass sich die eisige Umklammerung, in der man so lange gefangen war, nun nach und nach lockert? Oh, ich liebe das!

Wer so in einen Roman eingeführt wird, kann eigentlich nur eines sein: verrückt - ungefähr so verrückt wie jene, die dem Sommer 2006 noch irgendwas abgewinnen können, oder die Wiener Verkehrsbetriebe, die die neuen klimatisierten U-Bahn-Waggons pünktlich zu Herbstbeginn in Betrieb nehmen werden, keinesfalls im Sommer, oder die halbdebilen Radiomoderatoren, die jeden Morgen vom ach so tollen BADETAG gackern, bei 37 Grad Hitze -, wie auch immer, Tanja, die Figur, die Benjamin Lebert so in seinen Roman einführt, ist in der Tat nicht ganz von dieser Welt.
Tanja, 18, die weibliche Protagonistin in “Kannst du”, und Tim Gräter, die männliche Hauptfigur, lernen sich in einer Kneipe kennen und durchleben auf 266 Seiten eine amour fou, eine Liebesbeziehung, die nach gewöhnlichen Maßstäben nicht vernünftig ist. Es gibt in der Literatur einige Musterbeispiele dieses durchaus beliebten Motivs, Tristan und Isolde, beispielsweise. Eine geradezu idealtypische amour fou schildert der französische Kultautor Philippe Djian in seinem Roman “Betty Blue - 37,2 Grad am Morgen”. Djian erzählt von einer jungen Frau, die einen Nachwuchsschriftsteller mit aggressiver Zuneigung geradezu überschüttet. Die in ihrer Heftigkeit zunehmend ausufernden Hysterieanfälle des hochgradig neurotischen Mädchens enden schließlich in einer Katastrophe.
So schlimm endet es bei Lebert freilich nicht. Tim und Tanja gehen auf eine Interrailreise durch Skandinavien, und schon bald entdeckt Tim, dass mit seiner Freundin so einiges nicht stimmt. Sie ritzt sich am ganzen Körper mit Glasscherben auf, versinkt in Depressionen und nächtlichen Heulkrämpfen, reagiert nicht normal - aber was ist schon normal?
Wie bei Djian ist auch bei Lebert die männliche Hauptfigur, Tim, ein Schriftsteller, wenn auch ein wesentlich jüngerer: 21 Jahre alt, bordellsüchtig, beziehungsunfähig, wandert er von einer flüchtigen Bettbekanntschaft zur nächsten, unfähig, unwillig sich zu binden. Als Teenager hat er einen Bestseller geschrieben, jetzt “kann er” nicht mehr. Schreibblockade - auch ein beliebtes Thema in der Literatur. John Updike schreibt darüber in “Bech in Bedrängnis”, Siegfried Lenz in “Deutschstunde”, Truman Capote in “Frühstück bei Tiffany” oder Armistead Maupin in “Der nächtliche Lauscher” - und Lebert zitiert selbst berühmte Beispiele wie Stephen Kings “Misery” oder auch gerne mal nen Film: “Mission Impossible 2″:

Ich musste an eine Szene aus dem Film “Mission Impossible 2″ denken, als der alte Anthony Hopkins, ein mysteriöser Auftraggeber, zu dem Agenten Ethan Hunt, gespielt von Tom Cruise, sagt: “Well, this is Mission Impossible, Mister Hunt. Mission Difficult would be a walk in the park for you!”

Da wird der Roman auch zu einem netten Terrain brauchbarer Zitate, beispielsweise von Jandl:

Das Blatt seien weißen geblieben.
Seien weißen geblieben.
Weißen geblieben.

Lebert/Gräter sieht die Rolle eines Schriftstellers auf eine ihm ganz eigene Weise:

Hinzu kommt, dass jemand meiner Ansicht nach nur dann Schriftsteller ist, wenn er schreibt. Und nicht, wenn er durch die Gegend flaniert. Und dabei spielt es keine Rolle, ob das, was er schreibt, gut ist. Ein Mann, der vor siebzehn Jahren einmal ein Buch geschrieben hat, das auf der ganzen Welt gut verkauft wurde, ist für mich viel weniegr ei n Schriftsteller als jemand, der ununterbrochen an der Schreibmaschine sitzt, aber keinen Verleger für seine Sachen findet.

“Kannst du” ist die Beschreibung eines Schwebezustands, hat die Frequenz einer halb in den Raum gestellten Frage. Passieren kann alles jederzeit, nichts ist ausgeschlossen. Als Tanja sich auf einen Dreier mit einem anderen Schriftsteller und dessen “Muse” einlässt, schlägt Tim in einem Anfall von Eifersucht seinen Schriftstellerkollegen brutal zusammen, der durchsticht ihm mit einem Säbel die Hand. Absurde Action, aber das alles kann passieren in diesem flirrenden Schwebezustand. So wie der Titel “Kannst du” etwas Unfertiges symbolisiert, ist auch die erzählte Handlung in vielen Aspekten unfertig, nach vielen Seiten offen, ein schwirrendes Etwas. Vieles wird nur kurz angerissen, gerade zum Thema Schreibblockade wäre sicher stoffmäßig noch jede Menge dringewesen, aber das ist nicht Leberts Stil. Er ist nicht der wortgewaltige Erzähler, der mit dicken Strichen ein Ölgemälde auf die Leinwand zaubert, Lebert skizziert, und das eine oder andere - unerwartete - Detail gestaltet er genauer aus. Er hat einen ganz eigenen Stil entwickelt - es hat etwas zärtlich Flimmerndes, wie er den Leser durch seinen Roman führt.
“Kannst du” lebt nicht zuletzt von einer Spannung, die sich aus der vermeintlichen Deckungsgleichheit von Autor und Roman-Hauptfigur ergibt. Wieviel Tim Gräter steckt in Benjamin Lebert und umgekehrt, eine Frage, die sich durch alle Bücher des Autors zieht, ein Spielchen, das Lebert gerne mit seinen Lesern treibt. Über Matthias, den jüngeren Bruder von Tim Gräter, scheibt er:

Matthias war drei Jahre jünger als ich. Bei der Geburt hatte er die Nabelschnur um den Hals geschlungen gehabt, war ganz blau auf diese Welt gekommen und hatte deshalb eine linksseitige Lähmung davongetragen. Mit seiner linken Hand konnte er fast gar nichts machen, nichts greifen, nichts halten, nichts öffnen. Und sein linkes Bein zog er nach. Sein Fuß war ein wenig nach innen geneigt. Mich nervte diese Behinderung. Er war nicht nur der Kleine, er war auch noch der Behinderte. Alles wurde für ihn erledigt …

Im wirklichen Leben ist es Lebert, der eine leichte linksseitige Lähmung hat und mit diesem geschickten Verwirrspiel alle Spekulationen, wieviel Lebert in Gräter steckt, ad absurdum führt. Matthias, so erfahren wir, hat sich das Leben genommen, mit 30 Rohypnol. Tod, Selbstmord, Angst, Depressionen, aber auch die Sehnsucht, lieben zu können, das sind die dominierenden Themen in diesem Buch.

Weißt du - Hermann Hesse oder Camus? Welcher von beiden war es? Es kann in einem der essayistischen Teile des Steppenwolf stehen oder in einem Aufsatz von Camus über den Selbstmord im Allgemeinen. Jedenfalls, einer von den beiden hat geschrieben, dass man sich nicht tatsächlich umbringen muss, um ein Selbstmörder zu sein. Dass man auch die Leute zu den Selbstmördern zählen sollte, die ihr ganzes Leben lang, oder immer wieder, mit dem Gedanken spielen, sich das Leben zu nehmen, aber es nicht tun, weil sie einfach zu feige sind. Dass diese Leute eigentlich noch viel schlimmer dran sind, hörst du? Weil ein Entschluss, eine Tat ja immer von größerer Stärke zeugt als ein verharrendes, ängstliches Nichtstun. Von der ausbleibenden Erlösung ganz zu schweigen.

Beworben wird Leberts Roman am Klappentext mit dem Spruch: “Eine Geschichte, die ein Leben retten könnte.” Mit Verlaub, eine derartige Plattitüde hat sich dieses Buch nicht verdient, und auch nicht einen Werbeslogan wie: “Das neue Buch von Benjamin Lebert, dem Autor von “Crazy”, ist ein Roman über Einsamkeit und heldenhafte Versuche, diese zu überwinden.” Nichts passt weniger als der Begriff “heldenhaft”. Auch die mangelnde Ausstattung des Buches ist eine merkwürdige verlagspolitische Entscheidung. Es wäre durchaus an der Zeit, einen Lebert als Hardcover auf den Markt zu bringen.

Benjamin Lebert/Kannst du/Roman/ISBN: 3-462-03664-5/Kiepenheuer & Witsch/288 Seiten/Taschenbuch/Euro (D) 9,95, sFr 18,20, Euro (A) 10,20/

“Kannst du” von Benjamin Lebert kann man ganz einfach via untenstehenden Link bestellen. Damit kann man auch den Kultur-Channel unterstützen, wenn man will.

“Kiss me, Kate”, in Wunsiedel

Am 30. Dezember 1948 ging am Broadway im New Century Theatre die Weltpremiere von Kiss me, Kate über die Bühne. In den Hauptrollen: Alfred Drake (Fred Graham/Petruchio), Patricia Morison (Lilli Vanessi/Katharine), Lisa Kirk (Lois Lane/Bianca) und Harold Lang (Bill Calhoun/Lucentio). Diese erste Produktion brachte es auf insgesamt 1077 Aufführungen, die Dernière fand am 28. Juli 1951 statt. Bei den Tony Awards 1949 war “Kiss me, Kate” der Abräumer: 5 Auszeichnungen konnte die Produktion für sich entscheiden: Best Musical, Best Author (Bella Spewack, Samuel Spewack), Best Composer (Cole Porter), Best Costume Design (Lemuel Ayers), Best Producer (Saint Subber, Lemuel Ayers).
Die Deutschsprachige Erstaufführung fand am 19. November 1955 in Frankfurt/Main (Städtische Bühnen) statt und seit damals ist das Musical aus den Spielplänen vieler Bühnen Deutschlands und Österreichs kaum wegzudenken. 2006 beispielsweise ist “Kiss me, Kate” in einer Produktion der Luisenburger Festspiele zu sehen. Die Besetzung: Gudrun Schade, Sissy Staudinger, Ina Nadine Wagler, Kai Bronisch, Wolfgang Haubner, Axel Herrig, Gerry Hungbauer, Mario Mariano, Manfred Molitorisz, Stephan Wapenhans, Frank Wünsche, sowie Sophie Blümel, Susanna Kratsch, Thorsten Kugler, Kerstin Löcker, Korbinian Reile, Barbara Schmid, Walter Spanny, Uwe Schwalbe, Christian Zmek,und Wolfgang Fellinger, Stephan Först, Christian Frank, Martin Grünzweig, Matthias Klausberger, Hans Lassnig, Bernd Leichtfried, Markus Leinholz, Klaus Lippitsch, Primus Sitter und Heimo Trixner. Für einige Vorstellungen konnte als Stargast Rainhard Fendrich verpflichtet werden. Zu sehen ist er noch in den Vorstellungen am 4. und 5. August.
Wer es nicht nach Wunsiedel schafft, kann sich per Webcam einen kleinen Eindruck von der Atmosphäre verschaffen. Die wird allerdings nur alle 30 Minuten aktualisiert, aber immerhin. Interessante Backstage- und Szenenfotos sind auf der Website von Thorsten Kugler (unter “News” zu finden), der selbst bei der Produktion im Ensemble mitwirkt.

Uwe Kröger als Phantom? DefCon1!

Juli 2006: Uwe Kröger, einer der bekanntesten und beliebtesten deutschsprachigen Musicalstars möchte man meinen, gibt in Essen die Rolle des Phantoms in Andrew Lloyd Webbers Musical “Das Phantom der Oper”.
In einem Interview mit dem Donaukurier nimmt er Stellung zu einigen Drohbriefen, die man ihm freundlicherweise zukommen ließ:

Wie ist denn die bisherige Resonanz mit Ihnen in der Rolle des Phantoms?
Kröger: Die Resonanz war sensationell, selbst ein bekannter Regisseur, der im Publikum saß, sagte mir anschließend, dass er nie gedacht hätte, dass es so spannend sein könnte. Allerdings bekam ich im Vorfeld auch einige anonyme Drohbriefe von einschlägigen Phantom-Fans, die mit dem Boykott der Premiere drohten.

Belastet Sie so etwas?
Kröger: Anfangs ja, weil mir Briefe, in denen mir gesagt wird, dass ich meines Lebens nicht mehr froh werde, Angst machen und ich so etwas geradezu erschreckend finde. Doch letztlich sind solch feige Briefe nicht nur unverschämt, sondern sogar anmaßend. Man kann nicht jedem gefallen und das will ich auch gar nicht. Zum Glück überwog die positive Resonanz.

Der Fan, das unbekannte Wesen. Und täglich schrauben sie die Grenzen etwas weiter runter.

Kölner Lichter 2006 - ein “musicalisches” Feuerwerkspektakel

Feuriges Vergnügen über Köln - die Kölner Lichter ziehen bis zu 1 Mio. Menschen an den Rhein. Foto: obs/WECO Pyrotechnische Fabrik GmbH
Am 29. Juli 2006 geht am Kölner Himmel die Post ab. Kölner Lichter nennt sich ein Feuerwerkspektakel, das einmal jährlich Hunderttausende anlockt. Das Motto dieses Jahres: Cologne goes Musical.
WECO Feuerwerk, der Weltmeister der Pyrotechnik, wird mit seinem mehr als 45-köpfigen Pyrotechnikerteam rund um Chefpyrotechniker Georg Alef alle Großfeuerwerke anlässlich der “Kölner Lichter” ausrichten. Neben den mittlerweile schon traditionell stattfindenden 6 Großfeuerwerken entlang des Rheins von Köln-Porz an bis nach Mühlheim, liegt das Hauptaugenmerk auf dem großen Abschlussfeuerwerk, abgeschossen aus einem auf dem Rhein schwimmenden Container-Schiff, zwischen Hohenzollern- und Deutzer Brücke.
“Unter dem Motto “Cologne goes Musical” werden wir 28 Minuten lang spektakulärste und imposante Großfeuerwerkseffekte zu Musikstücken aus den bekanntesten Musicals der Welt schießen”, so Markus Schwarzer, Pressesprecher des Unternehmens mit Stammsitz in Eitorf, bei Bonn. Das Programm:
1. Phantom der Oper
2. Tanz der Vampire
3. Elisabeth
4. Jesus Christ Superstar
5. We will rock you
6. Rocky Horror Picture Show
7. Roberta
8. Cats
9. Starlight Express
10. Dirty Dancing
11. Finale: Tanz der Vampire
Mit einer Dauer von ca. 28 Minuten ist es das bis dato längste musik-synchrone Grossfeuerwerk anlässlich der “Kölner Lichter”. Nicht weniger als 2,8 Tonnen Pyrotechnik werden allein aus dem Schiff herausgeschossen. “Pyrotechnische Highlights sind u. a. ganz neue portugiesische Blitz-Salven-Bomben”, fährt Schwarzer fort. Dazu wird es noch mehr imposant-synchron gesteppte Feuertopfläufe geben. Die Charakteristik des Großfeuerwerks in Kombination mit den abgespielten Musikstücken ist Romantik, gepaart mit sehr temperamentvollen Effekten. “Somit wird es in diesem Jahr ein besonders lautstarkes Abschlussfeuerwerk geben.”

Broadway: “Hot Feet” - Flop oder nicht, das ist die Frage

Hot Feet
Das Hilton Theater, gelegen am Broadway, New York, war die letzten drei Monate Aufführungsort der Musicalproduktion Hot Feet. 1821 Sitzplätze bietet das Hilton - in keiner einzigen Aufführungswoche schaffte die Show, die mit Songs der legendären R&B-Truppe “Earth, Wind & Fire” punkten wollte, eine Auslastung von mehr als 50 Prozent. Konsequenz: Letzter Vorhang nach 109 Vorstellungen nächsten Samstag. So geht es den meisten Shows am Broadway. Hits sind die Ausnahmen. So ist das eben.
Ein Flop tut weh, am meisten wohl den Produzenten, sollte man meinen. 8 Millionen Dollar hat Hot Feet gekostet, 4 Millionen davon stammen vom “Financial Services”-Unternehmen TransAmerica. Ein Verlustgeschäft? Mitnichten. “Hot Feet” ist das, was TransAmerica “gutes Investment” nennt. Sicher, aus Ticketverkäufen konnte man wenig Einnahmen erzielen, aber aus der Sicht des Unternehmens ist eine Broadway-Produktion, egal ob erfolgreich oder nicht, ein perfektes Tool, die eigene Marke noch bekannter zu machen, Branding nennt man das im Fachjargon. TransAmerica Presents Hot Feet - ein paar Tausend Theaterbesucher sind an den Schildern an der 42nd Street vorbeiflaniert und haben sie gelesen, ob sie es wollten oder nicht, in Magazinen, Zeitschriften, auf Websites, in Rezensionen - “TransAmerica Presents Hot Feet”. “Klar wärs super, wenn die Show erfolgreicher gewesen wäre”, meint Lon Olejniczak, Chief Distribution Officer von Transamerica Capital Inc. Aber letztlich stammt das Kapital, das für die Show notwendig war, aus dem Marketingbudget, eine simple Ausgabe, alles durchkalkuliert.
Die Idee, eine Show als Marketingtool einzusetzen, hatte Hollywood-Dealmaker Rudy Durand. Durand - ein Tausendsassa mit vielen Jobs, angefangen von Drehbuchautor über Musikproduzent bis hin zu Werbespot-Regisseur. Er spielt Golf mit Jack Nicholson und taucht in den gleichen Klatschkolumnen auf wie Warren Beatty oder Annette Benning. Er ist einer, der viele kennt und Deals schmiedet wie kein anderer. Durand: “Wenn man 50 Millionen Dollar in Werbung investiert, Print, Radio, was auch immer, sind diese 50 Millionen weg. Was, wenn man eine Broadway-Show finanziert und die zum Hit wird?”
Gesagt, getan. 2003 investierte TransAmerica auf Anraten Durands 1 Million Dollar in “Like Jazz”, ein Musical von Larry Gelbart (Buch)/Cy Coleman (Musik)/Alan & Marilyn Bergman (Lyrics). Die Produktion lief in Los Angeles 10 Wochen, ein Broadway-Transfer kam nicht zustande.
2004 investierte TransAmerica in Brooklyn: The Musical. Als einer der Investoren nur Wochen vor der Broadway-Premiere zurückzog, sprang TransAmerica ein.
Noch ist TransAmerica der große Broadway-Hit verwehrt geblieben, aber die Sache mit “Hot Feet ist noch nicht gegessen. Eine Tour durch die USA ist in Planung. Japan, Singapur und Australien sind an dem Musical interessiert. Auch ein “Hot Feet”-Trainingsvideo wird in Erwägung gezogen. “Hot Feet” - ein Broadway-Flop? Mag sein, aber Verlustgeschäft sicher keines.
Die nächste Frage, die sich stellt: Welche Musicals präsentieren uns demnächst Visa, McDonald’s und Mercedes-Benz?

“Tarzan”: Cast-CD oder doch lieber ne Kaffeetasse?

Tarzan Cast-CD
Im April 1994 startete “The Walt Disney Company” das “Unternehmen Broadway”. Manche bezeichnen jene Produktionen, die seit damals alle paar Jahre den Broadway entern, lieber als “Theatrical Shows”, um den Begriff “Musical” zu vermeiden, aber letzten Endes, was solls.

“Beauty And The Beast” (1994)
Die erste Produktion - mit 9 Tony Award-Nominierungen war der Beginn gar nicht übel. Gewonnen wurde zwar nur eine Trophäe für “Best Costumes”, aber man konnte sich wenigstens damit trösten, dass der Tony für “Best Musical” tatsächlich an ein solches gegangen ist: “Passion”, von Stephen Sondheim, und: “Beauty And The Beast” läuft auch heute noch am Great White Way.
[Musik: Alan Menken/Lyrics: Howard Ashman; Tim Rice]

“The Lion King” (1997)
11 Tony Award-Nominierungen, 6 davon konnte man für sich entscheiden, darunter “Best Musical”. Auch “The Lion King” läuft nach wie vor am Broadway.
[Musik: Elton John/Lyrics: Tim Rice]

“Aida” (2000)
Was für ein Desaster. “Aida” schickte man vor dem Broadway-Start nach Atlanta zum Try-out, wo die Show schlichtweg geschlachtet wurde. Dabei hatte man es doch so gut bzw. innovativ gemeint und zum ersten Mal ein Musical produziert, das nicht auf einem Film basiert. Mit viel Mühe konnte man die Show doch an den Broadway bringen, 5 Tony Award-Nominierungen waren die Belohnung, allerdings wurde die Produktion nicht für die Kategorie “Best Musical” zugelassen. 4 Awards konnte man einfahren, darunter “Best Score”. “Aida” läuft längst nicht mehr am Broadway.
[Musik: Elton John/Lyrics: Tim Rice]

“Tarzan” (2006)
Tarzan ist nach der deutschen Produktion “Der Glöckner von Notre-Dame” [Musik: Alan Menken/Lyrics: Stephen Schwartz] und dem Tour-Musical “On the Record” die jüngste Disney-Show am Broadway. Als Komponist konnte man den Oscar- und Grammy-Preisträger Phil Collins gewinnen. Der hat 1999 für den Zeichentrickfilm “Tarzan” 5 Songs komponiert: “Two Worlds”, “Son of a man”, “Trashin’ the cam”, “Strangers Like Me” und “You’ll Be In My Heart”.
“You’ll Be In My Heart” holte sich 2000 den Oscar als “Song of the Year” und belegte in den USA 10 Wochen den Spitzenplatz der Billboard Adult Contemporary Charts, in weltweit 14 Ländern war der Song Nr. 1. Der Soundtrack erreichte in den USA Doppelplatin, der Film: ein internationaler Erfolg; Einspielergebnis: weltweit 447 Millionen Dollar. Von der DVD konte man 13 Millionen Einheiten absetzen.
Für sein Broadway-Musical ließ sich Collins 9 weitere Songs einfallen: “Who Better Than Me”, “For the First Time”, “Everything That I Am”, “Waiting for This Moment”, “No Other Way”, “I Need to Know”, “Sure as Sun Turns to Moon”, “Different” und “Like No Man I?ve Ever Seen”.

“Tarzan”, die Cast-CD
Disney ist ein Medienunternehemn, das seine Produkte meistens perfekt vermarktet. Kein Wunder also, dass die “Tarzan” Cast-CD seit 27. Juni (USA) bzw. 14. Juli (Europa), also bereits wenige Wochen nach der Welturaufführung (10. Mai 2006), erhältlich ist. Für Theaterbesucher zum Beispiel neben einem Kaffeebecher ideal.
Ich muss gestehen, dass ich kein übergroßer Phil Collins-Fan bin und mit seinem “You’ll Be In My Heart”, einer Endlos-Leier eines mediokren Refrains, nicht viel anfangen kann. Ich mag Balladen, aber sie sollten einen gewissen Spannungsaufbau haben, dem Interpreten Möglichkeit geben, etwas daraus zu machen und nicht nur einfach lauter werden, das hat die Haus- und Hoftruppe von Phil Collins, Genesis, früher einmal ganz gut verstanden, aber bei diversen Collins-Solosingles stellt sich bei mir vor allem eines ein: Langeweile. Und auch gefühlvoll gesungene Langeweile ist letzten Endes eines: Langeweile. Genau so hört sich auch der Titelsong auf der “Tarzan” Cast-CD (”You’ll Be In My Heart”, Track 2) an. Merle Dandridge (als Kala) interpretiert ihn, als würde sie einen Schnellkurs im Fach “Wie singe ich besonders kitschklebrig” belegt haben. Sie versucht noch gefühlvoller als gefühlvoll zu singen und tut damit dem Lied nichts Gutes, und leider keinem einzigen Song, bei dem sie auf dieser CD beteiligt ist. Sie schleimt sich in jede Zeile des Refrains derart rein, dass das Schmalz schon nach 1 Minute alles flutet. Der Chor im Background macht den Song für Kiddies zur Einschlaf- und für den Rest wohl zur Lachnummer. Am Schluß seufzt bzw. stöhnt sie noch ein “Always” drauf. Das kann doch einfach nicht wahr sein! Alles Schlechte, was man je dem Genre “Musical” nachgesagt hat, es findet sich in diesem Song gebündelt wieder. Bei so viel falschem Schleim muss man erst einmal schlucken. Track 3, “Who better than me”, präsentiert uns den “jungen Tarzan”, ebenfalls mit einem völlig harmlosen, wenigstens etwas poppigeren Liedchen. Daniel Manche, auf diesem Track als junger Tarzan zu hören, singt wie die personifizierte amerikanische Barbiepuppe, ohne Gefühl, einfach nur quietschig.
“No other way” (Track 4), auch hier keine brauchbare Melodie. Shuler Hensley, Darsteller des Kerchak, hantelt sich von einem langgezogenen Ton zum nächsten, als müsse er sich auf einen Stock stützen, um den nächsten dieser elenden langgezogenen Töne zu schaffen; die aufgesetzte Pseudodramatik in der Intonation ist nervig. Kann ein Erwachsener derart schlecht und überzogen gespielte Dramatik wirklich ernstnehmen? Jeder (Mini-)Dialog auf dieser CD ist derart unecht, dass man den Eindruck gewinnt, es handle sich dann doch eher um die Persiflage einer Cast-CD eines Disney-”Musicals”.
Der junge Tarzan, diesmal Alex Rutherford, singt uns mit Track 5 ein Sololiedchen: “I need to know”. Wieder ein Nichts von einer Melodie, die Stimme des Jungen könnte auch ein geklonter R2D2 sein, ohne eigenen Charakter, piepsig, weiter nichts. Dass auf das langsame Nichts ein etwas rhythmischer dahinschlurfender Song kommt, war klar. “Son of man” nennt er sich. Viel Rhythmus, wieder eine 08/15-Melodie, die man schon dreitrillionenmal gehört hat, scheinbar billig mit Synthesizern produziert, zumindest hört es sich so an. (Gefakte) Bläser lassen an von Phil Collins gern verwendete sussudieske Schemata zurückdenken, aber selbst dazu reichts nicht. Allerdings kommt Chester Gregory II, Interpret des Terk, gut rüber und macht auch mit seinen anderen Songs auf dieser CD (”Trashin’ the Camp”, “Who better than me (Reprise)”) einen ausgezeichneten Eindruck.
Jenn Gambatese als Jane ist neben Chester Gregory II die positive Überraschung auf dieser Cast-CD. Mit “The First Time” hat sie einen Song, aus dem sich stimmlich zumindest ein wenig mehr als aus vielen anderen der Collins-Panzer machen lässt. Josh Strickland interpretiert seine Songs ganz angenehm, aber Wiedererkennungswert hat er nur bedingt.
Das Grundproblem der “Tarzan” Cast-CD ist die Unbrauchbarkeit der Collins-Kompositionen für ein Musical. Jeder Versuch, in seine Songs Dramatik “hineinzusingen” (beispielsweise in “Everything That I Am”), lässt sie kippen und unglaubwürdig erscheinen. So haben wir mehr oder weniger nur einen wirklich überzeugenden Song auf dieser CD: Track 19, “Everything That I Am”, ein Bonustrack, diesmal von Phil Collins selbst gesungen, und wenn man die Augen schließt, sieht man nicht Tarzan, Jane oder irgendwelche Affen, sondern man ist in einem Stadion, Phil Collins steht auf der Bühne, einfach als Phil Collins, und macht den Job, den er am besten kann - als Interpret der von ihm geschriebenen Songs, und wie heißt es so schön in “Everything That I Am”: “The future is clear for me to see, to be the man I’m meant to be.”

“Hello, Dolly!” oder Womit Astronauten im Weltall geweckt werden

41 Jahre existiert diese Tradition nun schon: der Weckruf für die NASA-Astronauten durch die Flugüberwachungszentren mit Songs, die entweder von Mission Control selbst ausgewählt werden oder von Familienangehörigen der Astronauten.
Begonnen wurde die Tradition bei der Gemini 6-Mission mit einem Klassiker: “Hello, Dolly!”, das war 1965. Sehr oft gewünscht in den letzten vier Jahrzehnten unter anderem “I got you babe” von Sonny & Cher.
Beim aktuellen Shuttle-Flug durften die Töchter von Discovery-Pilot Mike Kelly ihrem Vater ein Lied ins Weltall beamen lassen, und sie entschieden sich für: ABBA. Kelly: “Naja, für mich war es in Ordnung, aber ich glaube, es hat nicht allen gefallen!”
Andere Songs, die man in den letzten Tagen auf der Discovery gehört hat: Lieder von Elton John und Coldplay oder “Good Day Sunshine” von den Beatles. Voriges Jahr gab Ex-Beatle Paul McCartney den Song sogar live für die Besatzung der Raumstation.
1999 kam es zu einer kleinen Unstimmigkeit. Die Frau eines Astronauten wollte für ihren Mann unbedingt ein Lied von Barry Manilow gespielt wissen. Das war dem NASA Flight Director zu viel, Veto. Letztendlich aber konnte sich die Frau des Astronauten durchsetzen, und Barry Manilow bekam seinen “Auftritt” im Weltraum.

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