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Archiv - Juli, 2006

“Star Wars - The Musical”: Demo als Gratisdownload

Star Wars - The Musical
Es gibt einige “Star Wars”-Musicals da draußen im Universum, sagt man. Wenn man die Quellen im Internet dann recherchiert, landet man auf toten Planeten oder im Narrenhaus. Aber halt, es gibt doch ein “wirkliches” Star Wars-Musical. Aufgeführt wurde es zwar noch nie, aber wer Lust hat, kann sich eine Demo-CD (als ZIP-File) gratis aus dem Netz runterladen. Was gibt es noch? Beispielsweise einen Filmclip, der von der Titelnummer “One Season More” produziert wurde und bei den Star Wars Fan Film Awards den ersten Preis gewonnen hat. Fanart der etwas ulkigeren Art.

London: Musicalboom am West End

Blenden wir zurück ins Jahr 2004. Am West End, der Theatermeile Londons, gab es im Herbst 2004 drei große Musical-Premieren: “The Producers”, “The Woman in White” und “Mary Poppins”. Ging man im West End spazieren, vor allem im Sommer, flanierte man an einem geschlossenen Thetaer nach dem anderen vorbei. Trübe Aussichten.
2006 - nur zwei Jahre später - haben wir am West End das, was man nicht anders als einen Musicalboom bezeichnen kann: 20 neue Musical-Produktionen werden 2006 am West End zu sehen, eines der produktivsten Jahre der Londoner Musicalszene zeichnet sich ab. Laut einer Befragung von 1000 Theaterfans, in Auftrag gegeben von Whatsonstage.com, sind 71 Prozent der Interviewten mit dem Angebot sehr zufrieden, 42 Prozent meinten, zu viele Musicals könne es gar nicht geben.
Was läuft also derzeit am West End ab? Von den 20 neuen Produktionen sind nicht weniger als 12 Revivals, beispielsweise “Evita” oder “Sunday in The Park With George”, und 8 brandneue Shows, darunter “Spamalot” und “Wicked”.
Für fast drei Viertel aller Befragten ist “Wicked” (Premiere im September) jene Show, auf die sie sich am meisten freuen. Auch auf der Must-See-Liste: “Avenue Q” und “Spamalot”.
Mehr als ein Drittel aller Befragten würde gerne mehr Londoner Uraufführungen statt Broadway-Importe sehen, für weniger Revivals stimmen 46 Prozent. Gar 68 Prozent sind der Ansicht, dass es zu viele Jukebox-Musicals wie “Mamma Mia!” und “We Will Rock You” gibt.
10 Prozent der Interviewten gaben an, sich alle neuen Stücke ansehen zu wollen, und das bei Kartenpreisen bis 55 Pfund.
Eine Übersicht der West End-Produktpalette 2006:

Bereits wieder Geschichte:
* Movin’ Out - Apollo Victoria Theatre
* Mack and Mabel - Criterion
* Show Boat - Royal Albert Hall
* The Rocky Horror Show - Playhouse

Premiere 2006 und noch am Spielplan:
* Sinatra - London Palladium
* Whistle Down the Wind - Palace
* Footloose - Novello
* Sunday in the Park with George - Wyndham’s
* Evita - Adelphi
* Avenue Q - Noel Coward Theatre
* The Boy Friend - Open Air Theatre, Regent’s Park

Open End:
* Billy Elliot - Victoria Palace
* Lion King - Lyceum
* The Producers - Theatre Royal Drury Lane
* Phantom of the Opera - Her Majesty’s Theatre
* Mary Poppins - Prince Edward
* Mamma Mia! - Prince of Wales
* We Will Rock You - Dominion
* Les Miserables - Queens Theatre
* Guys and Dolls - Piccadilly
* Blood Brothers - Phoenix
* Chicago - Cambridge
* The Rat Pack - Savoy
* Dancing in the Streets - Playhouse

Premiere im Herbst:
* Wicked - Apollo Victoria
* Spamalot - Palace
* Cabaret - Lyric
* The Sound of Music - London Palladium
* Dirty Dancing - Aldwych
* Porgy and Bess - Savoy
* Daddy Cool - Shaftesbury Theatre
* Seven Brides for Seven Brothers - Theatre Royal Haymarket

New York: Bühne frei für »The Fartist«

Joseph Pujol
Für alle, die schon Urinetown als Titel für ein Musical etwas merkwürdig fanden, und dann mit der deutschen Übersetzung Pinkelstadt ihre ärgsten Befürchtungen bestätigt sahen, gibt es eine gute/schlechte Nachricht: Man kann alles toppen.
Am 1. Juni 1857 wurde Joseph Pujol geboren. In die Theatergeschichte ist er unter seinem Künstlernamen »Le Pétomaneq eingegangen. Der Name leitet sich von dem französischen Verb péter (furzen) ab. Bereits in seiner Jugend entdeckte Pujol sein Talent, durch Kontrolle seines Darmschließmuskels Luft anzusaugen, in Form geruchsfreier Darmgeräusche wieder auszustoßen und dabei die Tonhöhe zu modulieren, wobei er später bei seinen Bühnenauftritten auch einen Schlauch einsetzte oder Blasinstrumente mit dem Hintern spielte. Sein erstaunliches Repertoire umfasste populäre Melodien wie das Kinderlied »Au clair de la lune« oder »Le bon roi Dagobert«, die Imitation von Musikinstrumenten wie der Tuba bis hin zu einer eigenen Improvisation über die Geräuschkulisse des Erdbebens in San Francisco von 1906.
Beim diesjährigen New Yorker Fringe Festival feiert am 11. August im Harry de Jur Playhouse ein Musical über das Leben von Joseph Pujol unter dem Titel »The Fartist« seine Uraufführung. Charlie Schulman zeichnet für das Buch verantwortlich, Michael Roberts für Musik und Texte. Unter der Regie von John Gould Rubin sind Kevin Kraft (The Fartist), Mark Baker (Toulouse Lautrec), Jim Corti (Charles Zidler), Rebecca Kupka (Elizabeth), Lyn Philistine (La Goulue) und Nick Wyman (Aristide Bruant) sowie Molly Curry, Tom Gamblin, Rachel Kopf, Lindsay Northen, Charly Seamon und Steven Scott zu sehen.

Holenders Universum

Der ORF berichtet über jüngste Äußerungen des Wiener Staatsoperndirektors Ioan Holender, der, nach einem Besuch der Salzburger Festspiele meinte:

Da die Festspiele vor allem durch Steuergelder erhalten werden, sind die Preise unverschämt. Ich würde das nie bezahlen. […] Es kann keine Opernvorstellung geben, die 600 Euro wert ist […] Dann soll man halt weniger machen. Ich finde auch, dass der ‘Jedermann’ bei freiem Eintritt stattfinden sollte. Das wäre ein Zeichen …

Eine interessante Frage, was eine Opernvorstellung wert sein darf. 20 Euro? 50 Euro? 157 Euro oder 600 Euro? Holender wird wohl oder übel der Meinung sein, dass eine Opernvorstellung maximal um die 180 Euro wert sein darf, soviel kosten - im Durchschnitt - die teuersten Tickets an seinem Haus am Ring. Die billigsten Tickets sind an der Staatsoper um 9 Euro im Verkauf, bei den Salzburger Festspielen um: 5 Euro. Und da stellt sich dann die Frage, ob sich jemand, der bereit ist, 180 Euro für ein Ticket auszugeben, nicht sowieso auch die 600 Euro leisten kann.

“Musicalmania” - Andrew Lloyd Webber sucht den Musical-Superstar

Ganz eigene Ansichten hat “Cats”-Pappi Sir Andrew Lloyd Webber in Bezug auf Darstellerschmieden. Er meint an der Performance jedes Absolventen (fast) erkennen zu können, an welcher Schule dieser seine Ausbildung abgeschlossen hat. Im Originalwortlaut:

Stage schools tend to turn out performers with a certain patina. There is a certain sameness. You can almost tell which school they have come from.

Lloyd Webber geht daher einen ganz eigenen Weg beim Casting für die Hauptrolle in der Londoner Neuproduktion von The Sound of Music. Mit der Sendung How Do You Solve A Problem Like Maria? will der Komponist im Rahmen einer Castingshow seine ideale Erstbesetzung finden. 4 Millionen Pfund kostet der Spaß, der ab dem 29. Juli 2006 über die Bühne gehen und von BBC1 ausgestrahlt wird. Der Gewinnerin der Show winkt ein Vertrag für sechs Monate, für 6 Shows pro Woche.

Lloyd Webber betreibt für seine Londoner Produktion von “The Sound of Music” Promotion der etwas anderen Art. Es ist nichts dagegen zu sagen, wenn er im Rahmen einer Castingshow neue Talente entdecken will. Schließlich ist das nichts Neues. Josh Strickland, derzeit als “Tarzan” in der blutleeren Broadway-Produktion des Disney-Musicals zu sehen, wurde im Rahmen der US-Castingshow “American Idol” entdeckt, Jennifer Hudson, ebenfalls “American Idol”-Teilnehmerin, wurde für die Verfilmung des Kultmusicals “Dreamgirls” gecastet, Lukas Perman hat einen Gutteil seiner Publicity ebenfalls einer Castingshow (”Starmania”) zu verdanken, wenngleich er eine fundierte Musicalausbildung hat, und das sind nur einige Beispiele.
Die Art und Weise, wie Llyod Webber generell die Musicalausbildung in seinem Heimatland England diskreditiert, hat viele der Verantwortlichen auf die sprichwörtlichen Barrikaden getrieben. Allein die Vorstellung, dass jemand ohne Ausbildung 6 Shows pro Woche durchsteht, ist völlig illusorisch. Wer wird sich also bewerben? Kommt die große Überraschung erst im Ernstfall, wenn die Auserwählte nach zwei Wochen dann nicht mehr kann. Sie wäre kein Einzelfall. Vor ein paar Jahren erst erlebte Martine McCutcheon in einer Londoner Produktion von “My Fair Lady” ihr ganz persönliches Waterloo, brachte es aufgrund ihrer angeschlagenen Stimme auf weniger Vorstellungen als ihre Understudies und musste ihre Verpflichtung vorzeitig beenden. Promotion also für ein “neues” Sendungsformat, okay, aber nicht auf Kosten jener Studenten, die jahrelang hart trainieren und oft am Existenzminimum leben, nur um dann bei einem Casting mitgeteilt zu bekommen, dass sie zu klein, zu groß, zu dick, zu dünn oder sonstwie nicht geeignet sind. So kontert denn auch Gerry Tebbutt, seines Zeichens “Head of Musical Theatre and Performance” am GSA Conservatoire von Guildford:

What is his point of reference? He should come here and see for himself, we seek out the individual and we look out for what is unique. We may not know what that is when they arrive, but we do when they leave.

Rebecca - erster Probenbericht online

Im Herbst erst feiert Rebecca, das neue Musical von Sylvester Levay und Michael Kunze, seine Premiere im Wiener Raimund Theater. In den Wiener Rosenhügel Studios haben dieser Tage die Proben begonnen. Erste Eindrücke davon bietet die TV-Sendung “Wien Heute”. Der Videostream ist online.

Elton Johns “AIDA” in Österreich

Vom 27. Januar 2007 bis 04. März 2007 ist eine Tourproduktion von AIDA, einem Musical von Elton John und Tim Rice, im Festspielhaus Bregenz zu sehen, als erste “Langzeitproduktion” im völlig neu gestalteten Festspielhaus. STAGE ENTERTAINMENT tastet sich langsam an Österreich heran.
Termine: Di, Do & Fr: 20:00 Uhr, Mi 18:30 Uhr, Sa 15:00 + 20:00 Uhr, So 14:30 + 19:00 Uhr/Preise: 29,90 - 84,90 Euro (zzgl. Vorverkaufsgebühr und 2,- Euro Systemgebühr)/Karten: bei den bekannten Vorverkaufsstellen oder im Internet unter www.aida-on-tour.de/

Vorhang frei für “I Do! I Do!” in Steyr

Susanne Kerbl und Jürgen Hirsch; Foto: Musikfestival Steyr
Am 5. Dezember 1966 ging im 46th Street Theatre in New York die Premiere von I Do! I Do! über die Bühne. Das Musical aus der Feder von Harvey Schmidt (Musik) und Tom Jones (Libretto/Songtexte) brachte es auf insgesamt 560 Vorstellungen und ging in die Musicalgeschichte als die erste Show ein, die mit nur zwei Darstellern auskommt. Die Dernière fand am 15. Juni 1968 statt. Mit Mary Martin (She/Agnes) und Robert Preston (He/Michael) standen zwei der bekanntesten Showstars aller Zeiten auf der Bühne.
Die Deutschsprachige Erstaufführung fand am 24. August 1968 im Schauspielhaus Düsseldorf statt. Die Übersetzer Peter Goldbaum und Walter Brandin machten aus “I Do! I Do” kurzerhand “Das musikalische Himmelbett”.
Im Rahmen des Musikfestivals Steyr, das vom 27. Juli bis 13. August läuft, findet am 10. August im Alten Theater Steyr eine österreichische Premiere von I Do! I Do! statt, mit Susanne Kerbl als Agnes und Jürgen Hirsch als Michael. Am 13. August ist die Produktion noch ein zweites Mal zu sehen.

Kartenvorverkauf:
Tourismusverband Steyr, Stadtplatz 27, A-4402 Steyr Tel. +43/ (0)7252/53229-0, Fax: +43/ (0)7252/53229-15 / Email: info@tourism-steyr.at oder tickets@musikfestivalsteyr.at

Benjamin Lebert: “Kannst du” (2006)

Benjamin Lebert: Kannst du, 2006; Foto: Martin Bruny
“Aber warum, zum Teufel, wollen wir uns überhaupt alle immer in Geschichten wiederfinden? Alle halten wir immerzu nur Ausschau nach Geschichten, in denen wir uns selbst entdecken!” [Benjamin Lebert, “Kannst du”, 2006]

Freut ihr euch auch so auf den Sommer? Ich freue mich tierisch. Ist das nicht herrlich, rauszugehen und zu spüren, dass alles wieder leichter und freier wird um einen herum, dass sich die eisige Umklammerung, in der man so lange gefangen war, nun nach und nach lockert? Oh, ich liebe das!

Wer so in einen Roman eingeführt wird, kann eigentlich nur eines sein: verrückt - ungefähr so verrückt wie jene, die dem Sommer 2006 noch irgendwas abgewinnen können, oder die Wiener Verkehrsbetriebe, die die neuen klimatisierten U-Bahn-Waggons pünktlich zu Herbstbeginn in Betrieb nehmen werden, keinesfalls im Sommer, oder die halbdebilen Radiomoderatoren, die jeden Morgen vom ach so tollen BADETAG gackern, bei 37 Grad Hitze -, wie auch immer, Tanja, die Figur, die Benjamin Lebert so in seinen Roman einführt, ist in der Tat nicht ganz von dieser Welt.
Tanja, 18, die weibliche Protagonistin in “Kannst du”, und Tim Gräter, die männliche Hauptfigur, lernen sich in einer Kneipe kennen und durchleben auf 266 Seiten eine amour fou, eine Liebesbeziehung, die nach gewöhnlichen Maßstäben nicht vernünftig ist. Es gibt in der Literatur einige Musterbeispiele dieses durchaus beliebten Motivs, Tristan und Isolde, beispielsweise. Eine geradezu idealtypische amour fou schildert der französische Kultautor Philippe Djian in seinem Roman “Betty Blue - 37,2 Grad am Morgen”. Djian erzählt von einer jungen Frau, die einen Nachwuchsschriftsteller mit aggressiver Zuneigung geradezu überschüttet. Die in ihrer Heftigkeit zunehmend ausufernden Hysterieanfälle des hochgradig neurotischen Mädchens enden schließlich in einer Katastrophe.
So schlimm endet es bei Lebert freilich nicht. Tim und Tanja gehen auf eine Interrailreise durch Skandinavien, und schon bald entdeckt Tim, dass mit seiner Freundin so einiges nicht stimmt. Sie ritzt sich am ganzen Körper mit Glasscherben auf, versinkt in Depressionen und nächtlichen Heulkrämpfen, reagiert nicht normal - aber was ist schon normal?
Wie bei Djian ist auch bei Lebert die männliche Hauptfigur, Tim, ein Schriftsteller, wenn auch ein wesentlich jüngerer: 21 Jahre alt, bordellsüchtig, beziehungsunfähig, wandert er von einer flüchtigen Bettbekanntschaft zur nächsten, unfähig, unwillig sich zu binden. Als Teenager hat er einen Bestseller geschrieben, jetzt “kann er” nicht mehr. Schreibblockade - auch ein beliebtes Thema in der Literatur. John Updike schreibt darüber in “Bech in Bedrängnis”, Siegfried Lenz in “Deutschstunde”, Truman Capote in “Frühstück bei Tiffany” oder Armistead Maupin in “Der nächtliche Lauscher” - und Lebert zitiert selbst berühmte Beispiele wie Stephen Kings “Misery” oder auch gerne mal nen Film: “Mission Impossible 2″:

Ich musste an eine Szene aus dem Film “Mission Impossible 2″ denken, als der alte Anthony Hopkins, ein mysteriöser Auftraggeber, zu dem Agenten Ethan Hunt, gespielt von Tom Cruise, sagt: “Well, this is Mission Impossible, Mister Hunt. Mission Difficult would be a walk in the park for you!”

Da wird der Roman auch zu einem netten Terrain brauchbarer Zitate, beispielsweise von Jandl:

Das Blatt seien weißen geblieben.
Seien weißen geblieben.
Weißen geblieben.

Lebert/Gräter sieht die Rolle eines Schriftstellers auf eine ihm ganz eigene Weise:

Hinzu kommt, dass jemand meiner Ansicht nach nur dann Schriftsteller ist, wenn er schreibt. Und nicht, wenn er durch die Gegend flaniert. Und dabei spielt es keine Rolle, ob das, was er schreibt, gut ist. Ein Mann, der vor siebzehn Jahren einmal ein Buch geschrieben hat, das auf der ganzen Welt gut verkauft wurde, ist für mich viel weniegr ei n Schriftsteller als jemand, der ununterbrochen an der Schreibmaschine sitzt, aber keinen Verleger für seine Sachen findet.

“Kannst du” ist die Beschreibung eines Schwebezustands, hat die Frequenz einer halb in den Raum gestellten Frage. Passieren kann alles jederzeit, nichts ist ausgeschlossen. Als Tanja sich auf einen Dreier mit einem anderen Schriftsteller und dessen “Muse” einlässt, schlägt Tim in einem Anfall von Eifersucht seinen Schriftstellerkollegen brutal zusammen, der durchsticht ihm mit einem Säbel die Hand. Absurde Action, aber das alles kann passieren in diesem flirrenden Schwebezustand. So wie der Titel “Kannst du” etwas Unfertiges symbolisiert, ist auch die erzählte Handlung in vielen Aspekten unfertig, nach vielen Seiten offen, ein schwirrendes Etwas. Vieles wird nur kurz angerissen, gerade zum Thema Schreibblockade wäre sicher stoffmäßig noch jede Menge dringewesen, aber das ist nicht Leberts Stil. Er ist nicht der wortgewaltige Erzähler, der mit dicken Strichen ein Ölgemälde auf die Leinwand zaubert, Lebert skizziert, und das eine oder andere - unerwartete - Detail gestaltet er genauer aus. Er hat einen ganz eigenen Stil entwickelt - es hat etwas zärtlich Flimmerndes, wie er den Leser durch seinen Roman führt.
“Kannst du” lebt nicht zuletzt von einer Spannung, die sich aus der vermeintlichen Deckungsgleichheit von Autor und Roman-Hauptfigur ergibt. Wieviel Tim Gräter steckt in Benjamin Lebert und umgekehrt, eine Frage, die sich durch alle Bücher des Autors zieht, ein Spielchen, das Lebert gerne mit seinen Lesern treibt. Über Matthias, den jüngeren Bruder von Tim Gräter, scheibt er:

Matthias war drei Jahre jünger als ich. Bei der Geburt hatte er die Nabelschnur um den Hals geschlungen gehabt, war ganz blau auf diese Welt gekommen und hatte deshalb eine linksseitige Lähmung davongetragen. Mit seiner linken Hand konnte er fast gar nichts machen, nichts greifen, nichts halten, nichts öffnen. Und sein linkes Bein zog er nach. Sein Fuß war ein wenig nach innen geneigt. Mich nervte diese Behinderung. Er war nicht nur der Kleine, er war auch noch der Behinderte. Alles wurde für ihn erledigt …

Im wirklichen Leben ist es Lebert, der eine leichte linksseitige Lähmung hat und mit diesem geschickten Verwirrspiel alle Spekulationen, wieviel Lebert in Gräter steckt, ad absurdum führt. Matthias, so erfahren wir, hat sich das Leben genommen, mit 30 Rohypnol. Tod, Selbstmord, Angst, Depressionen, aber auch die Sehnsucht, lieben zu können, das sind die dominierenden Themen in diesem Buch.

Weißt du - Hermann Hesse oder Camus? Welcher von beiden war es? Es kann in einem der essayistischen Teile des Steppenwolf stehen oder in einem Aufsatz von Camus über den Selbstmord im Allgemeinen. Jedenfalls, einer von den beiden hat geschrieben, dass man sich nicht tatsächlich umbringen muss, um ein Selbstmörder zu sein. Dass man auch die Leute zu den Selbstmördern zählen sollte, die ihr ganzes Leben lang, oder immer wieder, mit dem Gedanken spielen, sich das Leben zu nehmen, aber es nicht tun, weil sie einfach zu feige sind. Dass diese Leute eigentlich noch viel schlimmer dran sind, hörst du? Weil ein Entschluss, eine Tat ja immer von größerer Stärke zeugt als ein verharrendes, ängstliches Nichtstun. Von der ausbleibenden Erlösung ganz zu schweigen.

Beworben wird Leberts Roman am Klappentext mit dem Spruch: “Eine Geschichte, die ein Leben retten könnte.” Mit Verlaub, eine derartige Plattitüde hat sich dieses Buch nicht verdient, und auch nicht einen Werbeslogan wie: “Das neue Buch von Benjamin Lebert, dem Autor von “Crazy”, ist ein Roman über Einsamkeit und heldenhafte Versuche, diese zu überwinden.” Nichts passt weniger als der Begriff “heldenhaft”. Auch die mangelnde Ausstattung des Buches ist eine merkwürdige verlagspolitische Entscheidung. Es wäre durchaus an der Zeit, einen Lebert als Hardcover auf den Markt zu bringen.

Benjamin Lebert/Kannst du/Roman/ISBN: 3-462-03664-5/Kiepenheuer & Witsch/288 Seiten/Taschenbuch/Euro (D) 9,95, sFr 18,20, Euro (A) 10,20/

“Kannst du” von Benjamin Lebert kann man ganz einfach via untenstehenden Link bestellen. Damit kann man auch den Kultur-Channel unterstützen, wenn man will.

»Kiss me, Kate«, in Wunsiedel

Am 30. Dezember 1948 ging am Broadway im New Century Theatre die Uraufführung von Kiss me, Kate über die Bühne. In den Hauptrollen: Alfred Drake (Fred Graham/Petruchio), Patricia Morison (Lilli Vanessi/Katharine), Lisa Kirk (Lois Lane/Bianca) und Harold Lang (Bill Calhoun/Lucentio). Diese erste Produktion brachte es auf insgesamt 1077 Aufführungen, die Dernière fand am 28. Juli 1951 statt. Bei den Tony Awards 1949 war “Kiss me, Kate” der Abräumer: 5 Auszeichnungen konnte die Produktion für sich entscheiden: Best Musical, Best Author (Bella Spewack, Samuel Spewack), Best Composer (Cole Porter), Best Costume Design (Lemuel Ayers), Best Producer (Saint Subber, Lemuel Ayers).
Die Deutschsprachige Erstaufführung fand am 19. November 1955 in Frankfurt/Main (Städtische Bühnen) statt und seit damals ist das Musical aus den Spielplänen vieler Bühnen Deutschlands und Österreichs kaum wegzudenken. 2006 beispielsweise ist “Kiss me, Kate” in einer Produktion der Luisenburger Festspiele zu sehen. Die Besetzung: Gudrun Schade, Sissy Staudinger, Ina Nadine Wagler, Kai Bronisch, Wolfgang Haubner, Axel Herrig, Gerry Hungbauer, Mario Mariano, Manfred Molitorisz, Stephan Wapenhans, Frank Wünsche, sowie Sophie Blümel, Susanna Kratsch, Thorsten Kugler, Kerstin Löcker, Korbinian Reile, Barbara Schmid, Walter Spanny, Uwe Schwalbe, Christian Zmek,und Wolfgang Fellinger, Stephan Först, Christian Frank, Martin Grünzweig, Matthias Klausberger, Hans Lassnig, Bernd Leichtfried, Markus Leinholz, Klaus Lippitsch, Primus Sitter und Heimo Trixner. Für einige Vorstellungen konnte als Stargast Rainhard Fendrich verpflichtet werden. Zu sehen ist er noch in den Vorstellungen am 4. und 5. August.
Wer es nicht nach Wunsiedel schafft, kann sich per Webcam einen kleinen Eindruck von der Atmosphäre verschaffen. Die wird allerdings nur alle 30 Minuten aktualisiert, aber immerhin. Interessante Backstage- und Szenenfotos sind auf der Website von Thorsten Kugler (unter “News” zu finden), der selbst bei der Produktion im Ensemble mitwirkt.

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