Home RSS Go RED Go BLACK

Archiv - Februar, 2006

Kammeroper Wien: “Ain’t misbehavin’” - Fats Waller verleiht Flügel

Ain't misbehavin' (Foto: © Martin Bruny)
Die Musical-Revue Ain’t misbehavin’ feierte im Jahre 1978 ihre Broadway-Premiere. Vom 28. April 1978 bis zum 21. Februar 1982 brachte sie es auf 14 Previews und 1604 reguläre Vorstellungen. Nell Carter, André De Shields, Armelia McQueen, Ken Page und Charlaine Woodard bildeten die Premierenformation. Ihr Lohn: “Best Musical” bei den Tony Awards 1978, Nell Carter “Best Featured Actress in a Musical”, eine Nominierung in derselben Kategorie für ihre Kollegin Charlaine Woodward. Die Auszeichnung “Best Direction of a Musical” ging an Richard Maltby Jr., eine Nominierung für die Kategorie “Best Choreography” gab es für Arthur Faria. Weitere Auszeichnungen: 2 Theatre World Awards (Nell Carter und Armelia McQueen), 3 Drama Desk Awards (”Outstanding Musical, “Actor in a Musical” [Ken Page], “Outstanding Actress in a Musical” [Nell Carter]) sowie Nominierungen in 3 weiteren Kategorien. Outer Critics Circle Award 1978 als “Best Musical” und ein “Obie Award” in der Kategorie “Best Musical”.

In Wien feierte die Show am 8. Juni 1982 im Theater an der Wien im Rahmen der Wiener Festwochen ihre Premiere - es war das Jahr, in dem auch “Evita” und “Jesus Christ Superstar” im Theater an der Wien zu sehen waren.

Am 9. August 1988 ging der Vorhang zum Broadway-Revival der Show auf, doch nach 8 Previews und 176 regulären Vorstellungen war Schluss - immerhin gab es eine Nominierung für den Tony Award als bestes Revival, doch zum Zeitpunkt der Preisverleihung am 4. Juni 1989 war die Show schon Geschichte.

In der Wiener Kammeroper ging die Premiere von “Ain’t misbehavin” am 16. Februar 2006 über die Bühne. Noch bis zum 24. März 2006 steht die Show am Programm. Seit einigen Jahren produziert die Kammeroper in einer als “Kammer-Musical” benannten Programmnische durchwegs sehenswerte Musicals. Angefangen von der “Cole Porter Story” (2003) über Stephen Sondheims “Company” (2004) bis hin zum Vorjahreserfolg “Avenue X”.

“Ain’t Misbehavin’”, im Untertitel “The Fats Waller Musical Show” basiert auf einer Idee von Murray Horwitz und Richard Maltby Jr. Es handelt sich dabei nicht um ein herkömmliches Bio-Musical, das die Lebensgeschichte eines Künstlers anhand von gespielten Szenen nacherzählt, vielmehr werden die Zuschauer ins Harlem der 30er Jahre, in einen Nachtclub entführt, in die goldene Zeit des Jazz und Swing. Rund 30 Songs aus der guten alten Zeit des Jazz werden interpretiert, darunter 19 Kompositionen von Fats Waller (”Honeysuckle Rose”, “The Jitterbug Waltz”, “Black and Blue” u. v. a.). Die Lieder erzählen die Geschichte, die Performer lassen die Geschichte, das Flair der alten Jazzclubs durch ihre Interpretation der Songs lebendig werden.

Im Bühnenhintergrund sehen wir die 7-köpfige Band (deren Mitglieder im Programmheft und auf der Website nicht angeführt sind) unter der Leitung von Michael Schnack, der am Piano brilliert. Die Bühne (Ausstattung: Cordelia Matthes) kommt ohne großartige Requisiten aus. Eine Theke, ein paar Sessel, eine Discokugel, das wärs dann auch schon. Ein Glitzervorhang (eigentlich zwei davon) darf nicht fehlen, den Rest erledigt die großartige Lichtregie (Harry Michlits). Mal wird der Saal in eine dunkle, verruchte Atmosphäre getaucht, mal knallen weiße Spots auf die Protagonisten; eine clevere Mischung aus dem Flair eines Nachtclubs der 30er Jahre und modernem High-Tech-Lichtdesign in Black & Blue, White & Pink. Schlichtheit und Eleganz, kühle Präsenz und brodelnde Atmosphäre, eine wohl durchdachte Einheit von Ausstattung und Lichtdesign.

Fünf Darsteller tragen die Show: Carole Alston, Aisha Lindsey, Amanda Whitford, Alvin Le-Bass und Previn Moore.
Previn Moore (Foto: © Martin Bruny)
Previn Moore kennen Musical-Fans schon lange, und man schätzt ihn. Er hat die Fähigkeit, einen Song ins Magische zu treiben, er ist ein Meister der Mimik, der Gestik. Moore hat die seltene Gabe, die Spannung eines Songs sukzessive aufzubauen und dann mit vollem Körper- und Stimmeinsatz in Bruchteilen von Sekunden zu entladen. Previn Moore ist imstande, wie eine stimmliche Naturgewalt zu wirken, und das schaffen nicht viele im deutschsprachigen Raum arbeitende Künstler.
Alvin Le-Bass (Foto: © Martin Bruny)
Alvin Le-Bass zeigt im Laufe des Abends immer neue Facetten seiner Darstellungskunst. Seine seidensamtene Stimme, die in manchen Momenten ein wenig an Lou Rawls erinnert, ist im Ensemble die perfekte Ergänzung zu Previn Moore. Die Tanzszenen mit ihm, blendend choreografiert von Giorgio Madia, sind atemberaubend, “The Viper’s Drag” ist einer der Höhepunkte des Abends - eine hervorragende Komposition aus Lichtdesign, Regie, Bühnentechnik und Darstellerkunst. Le-Bass singt auf einem Sessel sitzend. Es ist fast dunkel im Saal. Langsam wird der Sessel hochgefahren, während der Darsteller über den Köpfen der Zuschauer seine laszive Interpretation abzieht. Perfekt.
Carole Alston (Foto: © Martin Bruny)
Carole Alston, die schon im Vorjahr bei “Avenue X” mitgewirkt hat, ist seit 1982 in Wien ansässig. Sie unterrichtet seit 1988 an der Ballettschule der Wiener Staatsoper. Als Sängerin reicht ihr Repertoire von “Kiss me Kate” über “West Side Story” und “Jesus Christ Superstar” bis zu Partien in zeitgenössischen Opern, so sang sie in Nancy Van der Vates Oper “Venal Vera” sowie die Partie der Lil in der Oper “Cocaine Lil”. 2004 verkörperte sie Billie Holiday in dem von ihr selbst konzipierten und geschriebenen Stück “Tribute to a Blue Lady” in Joe Zawinuls Birdland. 2005 präsentierte sie in ihrer Show “Ladies, you’re on!” Soul- und Jazzklassiker. Ihre Stimme wirkt in ihren besten Momenten, als würde sie von einem Klangkörper aufsteigen, der aus einem wogenden, unendlichen Meer geformt ist.
Amanda Whitford (Foto: © Martin Bruny)
Amanda Whitford, in New York geboren und aufgewachsen, studierte Journalismus und Gesang. Mit der Broadway European Tour “Little Shop of Horrors” kam sie nach Europa, blieb in Deutschland und ist seitdem freischaffend in vielen Musicalproduktionen zu erleben, wie z. B. in “West Side Story”, “Hair”, “Jesus Christ Superstar” und “Les Misèrables”. Dank ihrer deutschen Sprachkenntnisse tritt sie auch als Schauspielerin (”Hexenjagd”, “Kleiner Mann, was nun?”) auf. Soloprogramme mit ihrem Pianisten und ihrer Band sowie Galaabende mit Sarah Brightman gehören genauso zu ihrem Repertoire wie Bridget Fogels “The Gospel Experience”.
Aisha Lindsey (Foto: © Martin Bruny)
Aisha Lindsey ist ausgebildete Tänzerin und Sängerin aus New York. Sie war Mitglied der Duke Ellington Dance Company in Washington D. C. von 1993-1997. Aisha Lindsey absolvierte einen BA in Musik (Vocal performance) am New England Conservatory in Boston/Mass. von 1997-2002. Sie war Mitglied der Harlem Gospel Singers, hat als Background-Sängerin u. a. für Stevie Wonder und in verschiedenen Musicalproduktionen in den Vereinigten Staaten gesungen. 2004 hat Aisha Lindsey ihr Theaterdebut in Wien als “Sandrina” in der Mozart-Oper “Die Gärtnerin aus Liebe” am Schlosstheater Schönbrunn im Rahmen ihrer Weiterbildung an der Universität für Musik und darstellende Kunst gegeben.

Wäre “Ain’t misbehavin’” in Flaschen abgepackt erhältlich, könnte Red Bull einpacken. Es gibt kaum eine Show, die energiegeladener, witziger, berührender und so hemmungslos exaltiert ist wie dieses “Fats Waller Musical”. Gute Laune ist garantiert. Wäre Wien nicht Wien, hätten die Leute am Ende der Show auf den Stühlen getanzt, alte Omas würden mit ihren Krückstöcken zum Takt auf den Boden gestampft haben, ein paar völlig enthusiasmierte Fans wären auf die Bühne gestürmt, um mit den Performern Party zu machen. So aber gabs frenetischen Applaus, Bravo-Rufe und lautes Johlen, und hey, das ist für Wien gar nicht so übel!

Broadway: “Les Misérables” 2.0 - das Revival des Jahres?

Nach nur dreieinhalb Jahren Broadway-Abstinenz und nach einer ersten Spielzeit von 16 Jahren kehrt “Les Misérables” an den Broadway zurück - als Revival für zumindest 6 Monate.
6680 Mal ging der Vorhang zwischen 1987 und 2003 für die Cameron Mackintosh-Produktion hoch, dann hieß es Abschied nehmen. Am 21. Oktober 2006 freilich geht es im Broadhurst Theatre wieder los. “Les Miz” 2.0 wird aus der derzeit laufenden US-Tour, die gerade in Boston gastiert, geformt. 4 Millionen Dollar soll es kosten, das Meisterwerk von Boublil/Schönberg wieder an den Broadway zu bekommen, ein Schnäppchen im Vergleich zu den Kosten für andere Produktionen.
2006, das wird aber nicht nur das Jahr von “Les Miz” 2.0. Am Londoner West End wird “Les Misérables” im Oktober offiziell zum “Longest Running Musical” gekrönt.
Kleines, wenn auch nicht unwichtiges Detail am Rande: “Les Miz” 2.0 wird auch bei den Tony Awards 2006/07 in der Kategorie “Best Revival” teilnahmeberechtigt sein. Die einzige Voraussetzung, eine dreijährige Broadway-Abstinenz, ist erfüllt.

“Once On This Island”: Slideshow der Derniere online

Nadine Denise Zeintl (Foto: © Martin Bruny)
Ein kleiner Rückblick auf “Once On This Island”, eine Produktion der Konservatorium Wien Privatuniversität, ist ab sofort online verfügbar. 39 Fotos der Derniere vom 2. Februar 2006 sind als Slideshow oder auch als Einzelfotos bei Flickr.com abrufbar.

“Mozart!”: Schlussapplausfotos online

Rasmus Borkowski (Foto: © Martin Bruny)
Einige wenige Schlussapplausfotos der konzertanten Mozart!-Produktion der Vereinigten Bühnen Wien sind nun als Slideshow und auch als Einzelfotos bei Flickr.com abrufbar. In den nächsten Wochen werden die Archive bei Flickr auch noch um Fotos älterer Events ergänzt.

Barry Manilow knackt die US-Charts - “The Greatest Songs of the Fifties” neue Nr. 1

Barry Manilow
In den 70er Jahren war an Barry Manilow chartsmäßig kein Vorbeikommen möglich. 25 US-Top 40 Hits konnte er verbuchen, manchmal war er mit mehreren Songs gleichzeitig in den Charts vertreten, mit seinen Tourneen knackte er Zuschauerrekorde von Stadien und Hallen in den USA, Japan, England und auch Europa.
Anfang der 80er Jahre war es chartsmäßig plötzlich vorbei. Ein letzter Stoßgesang in Richtung Top Ten ging mit dem Jim Steinman-Song “Read’em and weep” daneben, danach waren die US Top 40 unerreichbares Terrain. Warum es zu dieser Entwicklung kam, das kann so richtig niemand begreifen, aber die Vermutung liegt nahe, dass Manilow sich zu einem Teil selbst aus dem Spiel genommen hat, weil ihm der Rummel, dem er als Popstar ausgesetzt war, den letzten Nerv gezogen hat. Der Performer konzentrierte sich fortan auf seine musikalischen Leidenschaften Jazz, Big Band-Sound, Swing und Musical, veröffentlichte weiter fast jedes Jahr eine CD, komponierte Film-Soundtracks, publizierte seine Autobiographie, produzierte Künstler wie Diane Schuur, Bette Midler und Nancy Wilson, tourte nach wie vor in ausverkauften Hallen - und wurde nach wie vor von der Journaille als Schnulzensänger verhöhnt.
Und damit sind wir auch schon beim eigentlichen Grund angelangt, warum es auf dieser Site regelmäßig Postings über Manilow gibt. Es gibt kaum einen Popsänger, der jahrzehntelange Verhöhnungen derart lässig weggesteckt hat wie Barry Manilow. Seit Anfang der 70er Jahre ist er im Geschäft, seinem Stil ist er treu geblieben, hat seine musikalische Bandbreite aber kontinuierlich erweitert, und langsam, sehr langsam, konnte er einzelne Kritikergruppen für sich gewinnen. Die einen fanden an seinem Jazz-Album “2. a.am. Paradise Cafe” Gefallen, die anderen an seinen Arbeiten als Produzent, wieder andere begeisterten sich für seine Musicalprojekte (”Copacabana”, “Harmony”).
Die harte Arbeit hat sich gelohnt, das Durchhalten allemal. Am 8. Februar 2006 katapultierte sich die neue Manilow-CD “The Greatest Songs of the Fifties” von 0 auf Platz 1 der BILLBOARD-Charts. Mit 156.000 verkauften Exemplaren pulverisierte er damit auch den Rekord an meisterverkauften CDs innerhalb einer Woche. 29 Jahre sind ins Land gezogen, seit Barry Manilow mit seiner Doppel-LP “Live” auf Platz 1 der US-Charts landen konnte. Auch das ein rekordverdächtiger Zeitraum. Mittlerweile wurde aus dem Schnulzensänger, zumindest in den USA, der King of Easy Listening. Nach Monaten der Rap-Herrschaft an den Spitzen der US-Charts ist mit Manilow ein wenig Musik zurückgekehrt. Niemand macht sich Illusionen darüber, dass das allzu lange anhalten könnte, aber letztlich ist das egal. Manilow: “I’ve had some pretty amazing experiences in my career, but this one tops them all … if you live long enough, anything is possible!”

Broadway: Abruptes Aus für “The Woman in White”

Am 19. Februar bereits wird für Andrew Lloyd Webbers Musical “The Woman in White” der letzte Vorhang fallen. 20 Previews, 109 Vorstellungen, so wird diese Broadway-Produktion in die Statistiken eingehen. Der Grund ist leicht erklärt: In der Woche vom 23. bis 29. Jänner 2006 war das Marquis Theatre nur zu 58 Prozent ausgelastet, was Einnahmen von weniger als 493.000 Dollar ergibt.
Ein wenig jenseits von Gut und Böse begründet Andrew Loyd Webber das Aus: “There have been performances when two or more leads have been absent due to illness. I’m not sure even The Phantom of the Opera could have survived the illnesses which have beset this wonderful company.”
So leicht hätte also das Phantom baden gehen können. Interessant eigentlich.

“Mozart”! Musical in Concert” - Borkowskis Meisterstück

Rasmus Borkowski, 10.2.2006; Foto: © Martin Bruny
Eigentlich würde ich ja dazu tendieren, diese Site zur mozartfreien Enklave zu erklären … Aber dann gibt es doch musicalrelevante Events mit Mozartbezug, an denen man nur schwer vorbeikommt, wenn man das denn nun überhaupt möchte. Im Falle von Mozart! Musical in Concert kam ein Vorbeischwindeln eigentlich nie in Betracht. Hat es sich denn nun ausgezahlt, Prinzipien in spe aufzugeben? Ja, uneingeschränkt ja.
Die Mozart! Musical in Concert-Premiere ging am 4. Februar 2006 als überarbeitete, condensed Version der Wiener Originalproduktion von 1999 mit Einflüssen von diversen anderen Inszenierungen über die Bühne des Wiener Raimund Theaters und, wenn man so möchte, könnte man versucht sein zu prophezeien, wird dies irgendwann mal als jene Produktion gelten, mit der Rasmus Borkowski endgültig in die Liga der Leading Men Europas aufgestiegen ist. Er präsentiert einen Mozart, der auf der einen Seite in Gestik und Mimik sogar die springlebendige Performance eines Yngve Gasoy Romdal betulich wirken lässt (ohne dessen Leistung schmälern zu wollen), andererseits beweist er in manchen Szenen eine Feinfühligkeit, die, bei aller Abgebrühtheit, die man auf den Brettern dieses Theaters schon miterleben durfte, doch bemerkenswert ist. Seine Mozart!-Interpretation hat eine Verve, die ihn erstaunlich modern, stark und filigran gleichzeitig, wirken lässt. Die Kostüme, das Bühnenlicht, all das steuert ihr Übriges bei, um keine überbordende Musicalinszenierung abrollen zu lassen - man glaubt eher durch Mozarts Gefühlswelt gebeamt zu werden. Stimmlich ist im Bereich des Feintunings noch sicher Potenzial vorhanden, aber es gibt keine Stelle in dieser Aufführung, bei der man das Gefühl haben könnte, dass Borkowski unsicher ist. Man kann sich zurücklehnen und seine Performance genießen, was nicht bei allen Darstellern an diesem Abend der Fall war.
Eine Musicalperformance, so wie ich sie gerne habe, birgt in sich irgendwann, egal wann, einen Moment des Strahlens, einen Moment, da man meint, der Raum fülle sich mit Licht, mit der ganz besonderen Kraft, Darstellungskraft, Witz, Humor, unglaublichen Variationen in Gesang oder Ausdruck. Ein schönes Beispiel dafür bietet Carin Filipcic. Ihr “Gold von den Sternen” war nach einer eher blassen Performance von Harald Tauber so, als hätte jemand im Theater das Licht angeknipst, und dankbar feierte das Publikum ihr Solo mit dem stärksten und längsten Szenenapplaus - der Showstopper des Abends.
André Bauer, langjährig gedienter Elisabeth-Franzl erweckt in manchen Momenten den Eindruck, als würde er noch einmal mit seiner Sisi sprechen; Gestik, Mimik, wirken ab und an ein wenig zu deckungsgleich mit seiner Franzl-Performance. Wie auch immer, da steht ein Sänger auf der Bühne mit einer wunderbaren Stimme, und stünde mehr Einspielzeit zur Verfügung, so würde auch mehr an Eigenprofil rausspringen.
Jana Stelley legt ihre Rolle ein wenig zu Lolita-like an, so nimmt man ihr die Constanze in “Irgendwo wird immer getanzt” nicht so recht ab, ihr Duett mit Borkowski “Dich kennen heisst Dich lieben” allerdings wird zu einem der darstellerischen Highlights des Abends, leider ein wenig getrübt durch stimmliche Unsicherheiten bei Jana.
Dennis Kozeluh bietet eine pointierte, witzige Performance, immer am Punkt, im Rahmen dieser kleinen Rolle perfekt.
Uwe Kröger ist die Diva, der STAR des Abends, seine schauspielerische Leistung ist top, die Rolle des Colloredo wusste er schon immer sehr bühnenwirksam zu gestalten, daran hat sich auch in dieser Inszenierung nichts geändert. Die Szenen mit Borkowski sind vom Feinsten und voller Spannung.
Caroline Vasicek gibt ein da capo ihrer Interpretation von 1999, leider gibt die Rolle einfach nach wie vor und eher noch stärker zu wenig her, um wirklich beeindrucken zu können. In weiteren Rollen ein starkes Ensemble: Jacqueline Braun (Cäcilia Weber), Ines Hengl-Pirker (Aloysia Weber), Carmen Wiederstein (Josepha Weber), Tina Schöltzke (Sophie Weber), Oliver Mülich (Fridolin Weber); weiters: Lisette Groot, Kerstin Ibald, Noud Hell, Karsten Kammeier und Roman Straka.
Es spielt das Orchester der Vereinigten Bühnen Wien unter der musikalischen Leitung von Caspar Richter. Regie & Adaption der Originalchoreographie: Doris-Marie Marlis; Kostüme: Yan Tax; Produktionsleitung: Robert Wann; Inspizienz: Hubert Auinger

Gebt den Schlussapplaus frei

Fast jeder von uns liebt es, sich von freudigen Ereignissen Andenken mitzunehmen, je persönlicher, desto besser, besser desto. Nichts eignet sich da mehr als zum Beispiel nette Fotos. Man zeigt die Fotos gerne Freunden, Bekannten, macht diesen wiederum Lust, das auf den Fotos Gesehene auch zu erleben … worauf ich hinauswill: Wenn Theaterunternehmen es verbieten, beim Schlussapplaus zu fotografieren, verderben sie nicht nur einem begeisterten Publikum das letzte Quentchen Freude, nämlich die Freude an einer ganz persönlichen Erinnerung, sie nehmen vielmehr auch sich selbst die Chance, an kostenlose Werbung zu kommen. Jeder Zuschauer, der ein Foto am Ende der Vorstellung knipsen möchte, ist für das Theater ein potentieller kostenloser Werbeträger. Zeigt man Freunden Fotos, sehen Freunde die Begeisterung auf den Fotos, ist der Impuls, Vorstellungen zu buchen, noch viel größer, als wenn man ihnen bloß den Nachmittagskaffee aus einem “Joseph”-Häferl serviert.
Was teilweise in den Theatern abgeht, ist sagenhaft. Da laufen aufgeschreckte Ordner wie wild durcheinander und blenden das Publikum mit ihren Taschenlampen, nur um jeden Schnappschuss zu verhindern. Auf rüde Art und Weise werden Touristen aufgefordert, ihre Filme abzugeben, Speicherchips zu löschen. Wozu? Dass es auch anders geht, hat bis zuletzt das Theater an der Wien bewiesen. Ein Grund mehr, diesem schönen Musicalhaus nachzutrauern.
Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass das Theater an der Wien wieder in ein Musicalhaus umgewidmet werden muss.

“Once on this Island” (Konservatorium Wien) [2006]

copyright: martin bruny
Vom 27. Januar bis 2. Februar 2006 stand das Konservatorium Wien ganz im Zeichen karibischer Rhythmen. Als deutschsprachige Erstaufführung (deutsche Übersetzung: Johannes Glück) wurde “Once On This Island” gegeben – ein Tanzmusical, basierend auf dem Roman “My love, my love: Or The Peasant Girl” von Rosa Guy. 1990 feierten Lynn Ahrens und Stephen Flaherty (”Lucky Stiff”, “Ragtime”, “Seussical”, “A Man Of No Importance”) mit dieser karibischen Musicalversion von Hans Christian Andersens Märchen von der kleinen Seejungfrau ihren ersten großen Broadway-Erfolg (8 Tony-Nominierungen, 1 Drama Desk Award-Nominierung und der Theatre World Award für die Darstellerin LaChanze). Im New Yorker Booth Theatre stand die Show vom 2. Oktober 1990 bis 1. Dezember 1991 am Spielplan und brachte es auf insgesamt 19 Previews und 469 reguläre Aufführungen.

“Once On This Island” läuft auf zwei Handlungsebenen ab. Auf der kleinen karibischen Insel “Juwel der Antillen” tobt ein Sturm. Geschichtenerzähler versuchen ein verängstigtes Kind mit einem Märchen zu beruhigen (Handlungsebene 1) – sie erzählen von Ti Moune, einem armen Bauernmädchen, das Daniel, einem Jungen der Upperclass, nach einem Autounfall das Leben rettet und sich rettungslos in ihn verliebt. (Handlungsebene 2) In der strengen Zweiklassengesellschaft dieser Insel der Dritten Welt haben die beiden keine Chance, aber hey, wir sind ja mitten drin in einem Märchen. Auftritt: die Götter der Erde, des Wassers, der Liebe und des Todes. Sie lenken das Schicksal der jungen Liebenden und senden Ti Moune auf eine Reise, die die Kraft ihrer Liebe auf die Probe stellt. Am Ende bleibt es dabei, die beiden haben tatsächlich keine Chance. Daniel heiratet Andrea, ein Mädchen seiner eigenen Gesellschaftsschicht. Kein schmalziges Happyend, vielmehr ein sinnlich-poetisch-verklärendes: Die Götter verwandeln Ti Moune in einen Baum, der fortan über die Nachkommen Daniels wacht. Das kleine verängstigte Mädchen schläft friedlich ein.

Ahrens/Flaherty haben es mit ihrem Musical geschafft, eine kleine karibische Soundmärchenwelt zu kreieren, in die man nur zu gerne eintaucht. Story und Musik finden einen direkten Weg ins Herz der Zuschauer, die bilderreiche, poetische Sprache ist primär darauf ausgerichtet, Emotionen auszulösen. Text, Rhythmik, Licht und Performance verbinden sich zu einem karibischen Rauscherlebnis, musicalische Ekstase erster Güte.

Das große Plus der Produktion des Konservatoriums Wien: Mit großem Aufwand wurde aus den vorhandenen Mitteln ein perfektes Umfeld für dieses Musicalmärchen geschaffen wurde. Hier haben Sam Madwar (Bühnenbild), Barbara Jan (Licht), Doris Richter (Kostüme) sowie Wilhelm Galli und Karin Neuhold (Maske), Wolfgang Groller (Regie) und Ricarda Regina Ludigkeit (Choreografie) Großartiges vollbracht. Die Bühne strahlt, die Ausstattung und Requisiten sind funktionell und blendend durchdacht. Thomas Faltin (Gitarre), Vera Rausch (Reed), Günther Schiebeck (Bass), Laurinho Bandeira (Percussion) und Peter Uwira (Keyboard, Musikalische Leitung) liefern den Sound, auf dem die Darsteller wie auf Wolken tanzen.
Auf der Bühne zu erleben: Studenten des 2. und 3. Jahrgangs des Konservatoriums Wien: Oliver Arno, Rainer Bräuer, Irena Flury, Andrea Frohn, Donja Golpashin, Elisabeth Heller, Otto Jaus, Peter Kratochvil, Birgit Radeschnig, Nicole Radeschnig, Richard Schmetterer, Elisabeth Sikora, Daniela Sukop, Bernhard Viktorin und Nadine Zeintl. Ein kunterbunter Haufen Talent in völlig unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Nehmen wir Oliver Arno als Beispiel. Er hat im Sommer 2005 bei den Thuner Seespielen in Schönberg/Boublils “Miss Saigon” die Rolle des “Chris” (Zweitbesetzung) verkörpert, im Sommer 2006 wird er in der Schweizer Neuinszenierung von Levay/Kunzes “Elisabeth” als Zweitbesetzung Rudolf zu sehen sein. Im Internet ist er unter www.oliver-arno.com vertreten. Arno ist ein gutes Beispiel dafür, wie man sich heutzutage professionell an den Job eines Musicaldarstellers herantastet. Sein Solo “Andere Frauen” als Daniel in “Once On This Island” liefert er mit seinem angenehmen Broadway-Bariton sehr gefühlvoll.
Jedes der jungen Talente spielt in “Once On This Island” mehrere Rollen, die Hauptrollen wurden doppelt besetzt, was die Vielseitigkeit zusätzlich auf die Probe stellt. Ein Teil des Charmes der Aufführungen von Musicalstudenten ist das zu fühlende Spannungsfeld zwischen noch Amateur oder “in Ausbildung befindlich” und bereits vorhandenem bzw. ausgeprägtem Professionalismus: Man merkt, wie die Darsteller ihre Grenzen testen, ihre Rollengestaltung manchmal selbstbewusst, manchmal noch unsicher von einer zur anderen Vorstellung verändern. Bei manch einem ist erkennbar, dass es noch einiges auf dem Gebiet der Stimmbildung oder des Tanzes zu lernen gilt, aber was beeindruckt, ist die Spielfreude und die Gesamtleistung des Ensembles, da wäre es fast unfair, beispielsweise eine Nadine Zeintl oder eine Irena Flury hervorzuheben, die die Rolle der Ti Moune sehr ausdrucksstark geben, oder eine Elisabeth Heller, die als “Mama” clever besetzt ist – Peter Kratochvil als “Tonton”, Rainer Bräuer als Armand und Richard Schmetterer als Papa Ge, Gott des Todes, nicht zu vergessen. Otto Jaus sollte man einmal eine etwas größere Rolle anvertrauen, könnte auch ganz schön spannend sein. Bernhard Viktorin überzeugt tänzerisch. Eine eindrucksvolle Vorstellung des jungen Ensembles!