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Archiv - Dezember, 2017

VBW: Jesus Christ Superstar, Drew Sarich und die Standing-Ovations-Narzissten

Standing Ovations. Was hierzulande ohne viel nachzudenken meist nicht übersetzt für eine besondere Form des Applauses, nämlich den Stehapplaus, verwendet wird, meint in Wirklichkeit nicht, dass das Publikum beim Applaus aufsteht. Das Adjektiv »standing« bedeutet in diesem Kontext vielmehr »lang anhaltend«. Damit wollte sich Musicalpublikum freilich nie wirklich auseinandersetzen. Geschult von den tollen Übersetzungen englischsprachiger Musicals, konnte für diese Besucherspezies »standing« nur »stehend« bedeuten. Standing Ovations freilich kann es auch bei Rollstuhlpublikum geben, das begeistert und lang anhaltend applaudiert. Wie so oft würde die deutsche Sprache also weit mehr Nuancen bieten, sie werden aber nicht genutzt.

Nötigung. Stehapplaus ist immer mit den Begriffen Nötigung, Gruppenzwang verbunden. Längst wissen Theater, wo man taktisch Claqueure platzieren muss, damit sie den Applaus bei Premieren so richtig in Schwung bringen. Will man Stehapplaus erzwingen, so geht nichts leichter als das. Im vordersten Bereich genügen ein paar Besucher, die sich quasi wie ein Mann erheben, um eine Massenreaktion auszulösen. Auch andere stehen auf, weil sie sonst nichts sehen würden. Am Schluss stehen also die, die aus taktischen Gründen stehen, und die, die nur stehen, weil sie sonst nichts sehen würden. Und in den Medien wird dann von »Standing Ovations« berichtet, die in Wahrheit nur Fake Applaus waren. So betrügt man Künstler um ehrlichen Applaus.

Die Applaus-Narzissten. Andrew Lloyd Webbers Rockoper »Jesus Christ Superstar« gehört in Wien mittlerweile zur Tradition wie Sisi, Mozartkugeln oder der Christkindlmarkt. Und was nie fehlen darf bei Aufführungen dieser Show durch die VBW (davor durch Aufführungen am Theater an der Wien): der enthusiasmierte Fan. So schrieb Attila E. Láng 2001 in seinem Buch »200 Jahre Theater an der Wien. ›Spectacles müssen seyn.‹«: Bei ›Jesus Christ Superstar‹ siedelte sich durch zwei umjubelte Serien im Theater an der Wien eine ›Fangemeinde‹ an, die bis heute vom Stehplatz schreiend, kreischend ihren jeweils zum Star ernannten Liebling begrüßt. Damals [Österreichische Erstaufführung: 8.12.1981, 137 Vorstellungen, 134.050 Besucher in der Spielzeit 1981/1982] waren es Alexander Goebel, James Brookes und Rainhard Fendrich, heute sind es Uwe Kröger, Maya Hakvoort oder Yngve Gasoy-Romdal …).» In Rolf Kutscheras Memoiren »Glück gehabt. Meine Erinnerungen« (2010) lesen wir: »Zum ersten Mal trat etwas ein, was bei früheren Musicals nicht in diesem Ausmaß der Fall gewesen war: Die Jugend stürmte den Stehplatz. Sang mit. Weinte. Tanzte mit. Quittierte den Auftritt der Lieblinge mit gellenden Schreien. Heute gehört es zum Musicaltheater dazu. Nicht nur am Stehplatz, auch in den Logen und auf den teuersten Plätzen.«
Den Sprung in die Ära der VBW schaffte »Jesus Christ Superstar« 2004 als Fremdproduktion von Markus Prühs. 2004 brachte er die Rockoper konzertant zur Aufführung. Damals hatten die VBW im Raimund Theater »Barbarella« am Start, im gleichen Jahr wurde in Amstetten »Footloose« gezeigt. Im Ronacher waren Yngve Gasoy-Romdal, Maya Hakvoort, Dave Moskin, Ethan Freeman, Pehton Quirante und Previn Moore die Stars von insgesamt zwei Vorstellungen, begleitet wurden sie von einer elf Musiker starken Band, und moderiert wurde die Show von Martin Traxl. Prühs gelang ein Riesenerfolg, und bereits 2005, was für ein Wunder, produzierten die VBW selbst eine konzertante Version. Es spielte unter der Leitung von Caspar Richter das Orchester der Vereinigten Bühnen Wien, in den Hauptrollen waren Drew Sarich (Jesus), Serkan Kaya (Judas), Dennis Kozeluh (Kaiphas), Rob Fowler (Simon/Annas), André Bauer (Pilatus), Roman Stranka (Petrus), Claudia Stangl (Maria Magdalena) und Jacqueline Braun (Herodes/Soulgirl) zu sehen. Drei Vorstellungen waren angesetzt. Seit damals steht »Jesus Christ« fast jedes Jahr am Spielplan der VBW. Die Musicalfans fielen damals noch nicht durch blödsinnige »Standing Ovations« auf, sie ruinierten in jenen Jahren nur »Gethsemane« und nicht gleich die ganze Show, indem sie nach dem ersten Teil des Songs zu klatschen begannen. Das ging einige Jahre so, bis Koen Schoots, der mittlerweile Caspar Richter als musikalischer Leiter des Orchesters abgelöst hatte, 2011 ein neues musikalisches Arrangement schrieb. Geschickt baute er nach dem rockigen Anfangspart von »Gethsemane« ein Gitarren-Delay (Echo) ein, das den Schlussakkord des ersten Teiles im Tempo des neuen Teiles wiederholt. Also ein programmiertes Delay. Es entstand keine »Pause« mehr zwischen dem ersten und zweiten Teil des Songs, und mit dem Klatschen war es endlich vorbei. Natürlich war nicht die Klatscherei der Grund dieser Änderung, der Effekt aber eine nette Nebenwirkung.

Springen wir ins Jahr 2017. Wieder einmal stand »Jesus Christ Superstar« am Spielplan, und diesmal hatte eine Gruppe von Fans ganz offensichtlich eine Agenda: Sie wollte ihren persönlichen Superstar Drew Sarich nach dem Song »Gethsemane« feiern. Koste es, was es wolle. Dass die Stelle in der Show völlig unpassend ist, um sie durch Stehapplaus zu unterbrechen – egal. Ich hätte ja nichts gegen »Standing Ovations«, wenn sie tatsächlich Ausdruck spontaner Begeisterung wären, aber das, was sich im Ronacher abspielte, war strategisch geplant. Hier demonstrierte eine Gruppe von Fans sich selbst, wie sehr sie es zu würdigen weiß, was Drew Sarich auf der Bühne leistet. Schaut her, wie gut wir einschätzen können, was er da leistet, wollten die Jubel-Streber signalisieren. Einerseits. Andererseits gibt es einen englischen Ausdruck dafür, wie dieser Jubel eigentlich zu verstehen ist. Er hat eher etwas mit gönnerhaftem (»patronizing«) Schulterklopfen zu tun. Schau doch Drew, was du für tolle Fans hast, die zu schätzen wissen, was du machst. Da stehen sie dann, brüllen, pfeifen, schreien gellend, ohne Rücksicht, wie am Fußballfeld und glauben tatsächlich, dass man das noch als »normales« Verhalten bezeichnen kann. Sie machen sich selbst zur Show. Narzissmus pur. Und auch in ihren Foren geht es dementsprechend zu. Kritiker werden gnadenlos auf persönlicher, nicht fachlicher Ebene niedergeschrieben. Über eine Kritikerin der Tageszeitung »Die Presse« stand in einem jener Foren zu lesen (die Tippfehler wurden übernommen): »Mein erster Eindruck : hier schrieb eine leicht verkniffene, unzufriedene, ältliche Dame,die im Leben wohl selten Freude hatte. Freude an einem wunderbaren, modernen Stück, welches das Publikum zu Recht jeden Abend aufs neue zu Begeisterungsstürmen hinreisst ! also wirklich…….. so verbiestert das ganze,dass es schon wieder komisch ist.«

Auch 2018 steht »Jesus Christ Superstar« wieder am Spielplan der VBW. Was wird dieser Fangruppe dieses Mal einfallen? Vielleicht Transparente, Trillerpfeifen?

Andreas Gergen bis 2025 nicht als Regisseur bei den VBW tätig …

Bekanntlich wurde Christian Struppeck als Intendant der VBW bis zum Jahr 2025 verlängert. Damit gilt wohl auch, was ihm sein Boss unlängst via ORF ausgerichtet hat: Solange Struppeck Intendant ist, so Franz Patay, wird Andreas Gergen ab sofort keine Regiearbeiten mehr übernehmen.
Nur dass wir das alle nicht vergessen.

Werk X: Homohalal (2018)

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Eigentlich sollte »Homohalal« im Frühjahr 2016 am Wiener Volkstheater uraufgeführt werden. Doch kurz vor der Premiere wurde Ibrahim Amirs Stück vom Spielplan genommen. »Grund«: die aufgeheizte Diskussion rund um das Flüchtlingsthema. Es war eine der sich häufenden nicht nachvollziehbaren Spielplanentscheidungen des Volkstheaters. Vor allem aber wurde sie schlecht und nur mit vielen Andeutungen kommuniziert. Gerade das Theater, dem sich Anna Badora verschrieben hat, sollte nicht kneifen, wenn es darum geht, aktuelle Themen mit den Mitteln des Theaters zu hinterfragen.

Weltweit sind rund 65 Millionen Menschen auf der Flucht, gut eine Million kam im Jahr 2015 nach Europa, wo seither eine hysterische Debatte tobt. Der in Syrien geborene Arzt und Autor Ibrahim Amir schaut den Leuten aufs Maul: den Flüchtlingen sowie den Hetzern und den Wohlmeinenden hierzulande. Sein Theatertext »Homohalal« nimmt die Vorurteile über Asylsuchende aufs Korn. Er verschont niemanden und seziert kriminalisierende wie idealisierende Klischees.

»Homohalal« basiert auf Amirs Zusammenarbeit mit Geflüchteten und Aktivisten, die 2012 die Wiener Votivkirche besetzten, um auf ihre prekäre Lebenssituation in Österreich aufmerksam zu machen. Nach der Absage in Wien erlebte das Stück 2017 in Dresden seine umjubelte Uraufführung. Unter der Regie von Ali M. Abdullah unternimmt das Meidlinger WERK X 2018 einen neuen Anlauf, die Österreichische Erstaufführung von »Homohalal« auf die Bühne zu bringen.

Ali M. Abdullah, Regisseur und Co-Leiter des WERK X: »Bitterböse Komödien sind das beste Werkzeug, um alltägliche zwischenmenschliche und interkulturelle Konflikte auseinanderzunehmen. Vor dem Hintergrund des dramatischen Rechtsrucks in Europa zeigt ›Homohalal‹, dass Menschen unterschiedlichster Herkunft sich letztlich weniger unterscheiden, als manche Zeitgenossen glauben.«

HOMOHALAL
von Ibrahim Amir
Österreichische Erstaufführung

Inszenierung: Ali M. Abdullah
Bühne und Kostüm: Renato Uz
Dramaturgie: Hannah Lioba Egenolf

Mit: Constanze Passin, Stephanie K. Schreiter, Yodit Tarikwa, Christoph Griesser, Daniel Wagner, Arthur Werner u. a.

PREMIERE: Do 18.1.2018, 19:30 Uhr
WEITERE TERMINE (jeweils 19:30 Uhr): Sa 20.1.2018, Do 25.1.2018, Fr 26.1.2018 (Publikumsgespräch im Anschluss)
ORT: WERK X, Oswaldgasse 35 A, 1120 Wien
Weitere Infos –> hier

Ateliertheater Wien: »Quartett«

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Zwei Mal noch (am Donnerstag, dem 7. Dezember, und am Freitag, dem 8. Dezember) ist Heiner Müllers »Quartett« im Wiener Ateliertheater zu sehen. Müller reduziert in seiner Bearbeitung des dem Stück zugrundeliegenden Briefromans »Gefährliche Liebschaften« (Choderlos de Laclos, 1782) die Personen der Handlung auf die beiden Antagonisten Marquise de Merteuil und Valmont. Sie trägt ihm auf, er solle ihre Nichte verführen, den ehemaligen Geliebten der Marquise aber interessiert die Entehrung einer anderen mehr. Eine giftige Auseinandersetzung nimmt ihren Lauf. Im weiteren Verlauf des Stückes wechseln die Geschlechterrollen: So wird Merteuil zum geübten Verführer, Valmont zur jungfräulichen Nichte, die es zu »vernichten« gilt. Ritualhaft vollzieht sich zwischen diesen beiden gegen ihren Untergang ankämpfenden Hofintriganten ein zerstörerischer, zeitloser Kampf der Geschlechter, der keine Gewinner kennt.

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35 Jahre nach der Uraufführung ist es Zeit, »Quartett« im Hinblick auf gegenwärtige Gender-Debatten neu zu befragen. Aussagen wie »Grab her by the pussy« und Parteiprogramme, die auf alleinerziehende Mütter vergessen, lassen darauf schließen, dass der Geschlechterkampf, den Müller in seinem Werk recht drastisch skizziert, noch immer andauert. Dass er vielleicht durch einen konservativen Backlash wieder verstärkt wird.

VALMONT: Ich glaube, ich könnte mich daran gewöhnen, eine Frau zu sein, Marquise.
MERTEUIL: Ich wollte, ich könnte es.

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Regie und Raumkonzept: Thomas Thalhammer
Video: Sebastian Kraner
Mit Maria Astl und Maks Suwiczak
Fotos: Sebastian Kraner

Spieltermine:
7. und 8. Dezember, Beginn: 2o Uhr (Dauer: ca. 70 Minuten)

Tickets:
VVK: 18,–
AK: 21,–
Erm: 16,–

Nähere Infos –> hier

Wiener Stadthalle: »Royal Christmas Gala« mit Sarah Brightman

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Am 23. Dezember findet in der Wiener Stadthalle (Halle F) die »Royal Christmas Gala«, ein Weihnachtsevent mit Sarah Brightman, statt. Gemeinsam mit Gregorian, Mario Frangoulis, Narcis und Fernando Varela bringt Brightman ein Pop-Meets-Classic-Programm auf die Bühne – begleitet werden die Künstler vom Royal Symphony Orchestra und Band.

Zuletzt war Brightman vor 17 Jahren im deutschsprachigen Raum auf Tournee, eine gute Gelegenheit also, die Sopranistin wieder einmal live zu erleben. Sollte die Christmas-Gala-Tour ein Erfolg werden, bestehen Pläne, ein mehrjähriges Projekt daraus zu machen, mit Auftritten auch in den USA und anderen Ländern.

Tickets für die Show gibt es –> hier