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Archiv - November, 2012

„Elisabeth“-Cast-CD (2012)

elisabeth2012.jpgDie Frage, die man sich eigentlich stellen müsste, lautet: Wozu diese „Elisabeth“-Cast-CD? Nicht, warum „noch eine“, sondern, „warum diese“? Es kommt wohl kaum vor, dass von einem Musical innerhalb eines Jahres zwei Cast-CDs auf den Markt gebracht werden, die mit denselben beiden Hauptdarstellern aufwarten. Aber genauso gut könnte man an den Anfang aller Fragen die folgende stellen: Wollten uns die VBW verarschen, als sie die Cast mit etwa folgendem Argument vorgestellt haben, nämlich dass sie die BESTEN für die Rolle ausgewählt haben?

Wie maulfaul muss man eigentlich sein, um nicht erklären zu können, warum man wirklich einen Darsteller ausgewählt hat. Denn einen „Besten“ gibt es nicht, die Wahl eines Darstellers ist immer ein Kompromiss zwischen mehreren Anforderungsprofilen. Eines davon sollte die stimmliche Qualität sein, ein anderes kann natürlich auch der Girlieanziehungsquotient sein oder die Bühnentürltauglichlichkeit, wobei die letzten beiden wohl eher bei den Chippendales Priorität genießen sollten … aber wenn die beiden Hauptdarsteller der aktuellen „Elisabeth“-Produktion tatsächlich die Besten aller Interessenten wären, was ihre stimmlichen Qualitäten betrifft, dann sollte man das Musicalgenre besser abwinken und sich etwas ganz anderem zuwenden.

„Der Beste aller Bewerber“, das ist eines jener Ammenmärchen der Marketingabteilungen, die sie mit ALT + STRG + FTW in ihre Pressemappen kopieren. Wer sich die Tour-CD, also die erste der beiden 2012 veröffentlichten „Elisabeth“-CD angehört hat, konnte da schon nur lachen. Nun, jetzt haben wir also einen neuen Versuch der beiden Hauptdarsteller, Leben in ihre Figuren zu bringen, und erneut ist das hemmungslos gescheitert.

Wobei man sich, bevor man sich der Qualität dessen, was man hört, widmet, noch eine dieser Fragen, die man uns nie beantworten wird, stellen sollte, nämlich: Wie ist denn diese CD entstanden? Nun, es fanden sich zwei Partner, einer, der die CD produzieren wollte, und ein zweiter, wobei die Rollenverteilung vielleicht nicht ganz so klar ist, wie manche es vermuten wollen. Man einigte sich, die CD LIVE aufzunehmen. Anders wird das auch in unserer Zeit fast nicht mehr möglich sein …

… oder vielleicht doch bald wieder, aber momentan haben wir es noch im Falle von „Elisabeth“ mit einer Produktion zu tun, bei der 28 Musiker spielen. Da kommt es doch weit billiger, ihren Sound live aufzufangen, als ihn im Studio oder im Theater unter Studiobedingungen neu einzuspielen. Freilich handelt es sich beim Orchester der VBW um ein nach wie vor sehr gutes, auch wenn beinhart an dessen Ruf gesägt wird, und zwar nicht von außen …

… beinhart etwa, indem in den letzten zwölf Jahren die Zahl der Vollstellen geschrumpft wurde. Bei „Elisabeth“ spielt man noch mit 28 Musikern, aber es könnte das letzte Mal sein, dass man in dieser Stärke bei einem Musical antritt (abgesehen von Alibi-Aktionen wie dem „Phantom der Oper“, bei dem man auf Substitute setzen muss, weil man bei gleichzeitiger Bespielung des Raimund Theaters, etwa im Geigen-Bereich gar nicht mehr genügend Mitglieder des VBW-Orchesters zur Verfügung hat, was dann die ganze Veranstaltung eigentlich zur Farce macht, wenn doch 25 Jahre Orchester gefeiert werden sollten und man teilweise von Substituten unterhalten wird, aber das führt uns nun dann doch zu weit, und wir alle können uns vorstellen, wie gefinkelt man von seiten der VBW mit 16-tel Stellen etc. argumentieren wird und der Definition, was ein Orchester ist. Nun, nochmal zur Klarstellung, ein Klang eines Orchesters, der wiedererkennbar und als solcher verwertbar sein soll, kann nur dann gegeben sein, wenn er von Musikern erzeugt wird, die regelmäßig miteinander spielen, ich gehe also von Vollstellen aus, eine Ansicht, die man nicht teilen muss.

Ein weiteres Indiz für den Weg in eine VBW-Epoche, in der das Orchester eine unwichtigere Rolle spielen wird: die Verkleinerung des Orchestergrabens im Ronacher im Rahmen der Umbauarbeiten für „Legally Blonde“, damit man eine zusätzliche Reihe im Theater gewinnt. Diese Reihe wird die Spezialkategorie sein, die VBW nennen sie „Silver Chair“, die Fans Nuttensprudel-Reihe, weil man zum überteuerten Eintrittspreis ein Glas Sekt, ein Programm und eine „Überraschung“ bekommt, vielleicht ja ein Säckchen mit Glitter oder einen pinkfarbenen Lippenstift, vielleicht gibts für die Burschen noch ein paar Unterhosen oder Kondome aus dem traurigen Merchandising-Trödelladen vergangener Produktionen, man wird es sicher rechtzeitig erfahren …

… aber wir waren bei der Frage, wie diese CD entstanden ist, und ja, auch wieder ein Punkt, der nie offiziell geklärt werden wird, nämlich die Frage, was an dieser CD live ist, außer den Bühnengeräuschen, dem Applaus und dem Orchester. Fragen wird man sich ja wohl dürfen, zumal, wenn man bei jenen Vorstellungen, bei denen aufgenommen wurde, vor Ort war und etwas VÖLLIG anderes gehört hat, zumal, wenn es zumindest einen Darsteller gibt, der auf seinem öffentlichen Facebook-Profil gepostet hat, dass er zu „Elisabeth“-Nachaufnahmen ins MG-SOUND-Studio unterwegs ist. Was ist also live, wie viel ist an dieser CD live?

Ich stelle mir die entsetzten Gesichter der Toningenieure, eventuell des Texters, des Komponisten, des Dirigenten vor, als sie die Aufnahmen gehört haben. Was haben sie sich wohl gedacht? Schmeißen wir das Ganze einfach in den Gulli? Wir werden es nie erfahren, denn die Musicalwelt ist eine blankpolierte, es wird gelogen, schöngeredet, nur die Wahrheit, die erfährt man nicht. Rein fantasiemäßig weitergedacht, könnte man beschlossen haben, einfach alle Darsteller nachsitzen zu lassen und ihre Parts im Studio neu einsingen zu lassen. Immerhin, es wird nicht so arg gewesen sein wie die ganz besondere Arbeit mit einem der „großen“ Musicalstars vergangener Zeiten, bei der man sicher tagelang bit by bit Songstückchen aneinanderkleistern musste, um dann ein Lied herauszubekommen, das wie die gephotoshoppte Fratze von Bambi ohne Seele und ohne Charakter klingt, aber - keine falschen Töne - Gott sei Dank.

Nun, all das sind Spekulationen, nichts dran ist wahr, nicht klagbar, auch wenn ich da schon den einen oder anderen besonders Klagfreudigen sehe. Manchmal könnte man ja vermuten, dass ein paar Geschäftsleute im Business fehlende Umsätze durch miese Tricks mit Anwälten aufzubessern versuchen, aber … nein, kommen wir zum tollen Endergebnis, also zur Doppel-CD „Elisabeth“, die nun in all ihrer Schönheit vorliegt. Positiv zu erwähnen ist das Booklet, das alle Texte enthält und das, wenn man die Farbe Lila mag, als durchaus hübsch bezeichnet werden kann. Eine Prägung am Cover, sehr schöne Fotos, da passt alles.

Geht man jetzt davon aus, und das ist natürlich nur meine Meinung, dass vieles von dem, was man auf dieser CD hört, nicht aus dem live aufgenommenen Material stammt, sondern nachträglich neu aufgenommen wurde, ist das für mich ganz persönlich, nein, nicht Betrug, aber nicht ernstzunehmen. Man schneidet den Applaus, der teilweise nach Darbietungen gespendet wurde, die fast schön körperlichen Schmerz verursacht haben (ich spreche natürlich nur von mir), an Sequenzen, die nun natürlich nicht mehr falsch klingen (aber bisweilen immer noch körperlichen Schmerz verursachen), das Ganze ist ein so absurder Vorgang der Geschichtsumschreibung, unglaublich. Man müsste sich ja fast fragen, ob das noch legitim ist, schließlich haben Kritiker die Premiere, die hier angeblich LIVE vorliegt, gesehen, besprochen … Hier nun vorzugeben, dass alles ganz anders war …

… und es ist ja nicht so, dass man – sogar mit all dem schnieken High-Tech-Studiozeugs – heutzutage tricksen kann, ganz ohne dass man den Umstand merkt, dass getrickst wurde. Wenn ich da eventuell auf den Beginn von „Ich gehör nur mir“ (CD 1, Track 14) verweisen darf, wo man den Übergang von einer Live-Passage zu einem Teil, na ja, es ist dann zufällig der gesungene Teil des Liedes, hört, eindeutig hört, das Ausfaden des Halls, aber was schreibe ich, sicher alles nur Einbildung. Sicher, Annemieke van Dam hat vielleicht erst im Studio einen entscheidenden Hinweis bekommen, dass „Elisabeth“ am Ende der Show doch ein Eitzerl älter klingen sollte als am Beginn. Auf der Studioaufnahme hört sich die „Totenklage“ im ersten Moment dann auch an, als würde sie jemand ganz anderer singen. Live wurde das so nicht serviert. Den Übergang zur Neuaufnahme hört man, wenn man genau hinhört, sogar als ganz unauffälligen Knackser auf der CD (CD 2, Track 21).

Das alles ist kein Vorwurf an die Plattenfirma, es ist vielleicht ein Appell, ein wenig mehr Ehrlichkeit Raum zu geben und in das Booklet zu schreiben, welche Nummern nachträglich im Studio synchronisiert wurden. Insgesamt gesehen hat sich natürlich an der Einschätzung der Cast auch anhand dieser Cast-CD nichts geändert. Die beiden Hauptdarsteller sind in ihren gesanglichen Qualitäten auch im Studio in ihren Limits gefangen. Wie krass der Unterschied zwischen der Cast-CD und dem Live-Erlebnis ist, muss jeder für sich erfahren. Ich persönlich empfehle sogar den Kauf der Cast-CD und dann den Besuch einer Vorstellung – bei der Rory Six den Tod singt. Das ist, als würde man auf der Cast-CD einen Sänger erleben, dessen Stimmvolumen, aber vor allem Interpretationsfähigkeit extrem limitiert ist, während man bei Rory Six das Gefühl hat, dass erst bei ihm die Figur des Todes zu leben beginnt. Er muss sich nicht darauf konzentrieren, die hohen Töne aus sich rauszuquetschen, er gestaltet sie, macht sie zu einem Erlebnis. Wenn sich Seibert ins Stöhnen, Ächzen und Quetschen flüchtet, weil er meint, das würde … ja, was eigentlich, so kann man bei Six davon ausgehen, dass er es versteht, die Interpretationsmöglichkeiten der Songs auszuschöpfen. Das ist nicht der Unterschied zwischen Live-Erlebnis und CD, das ist der Unterschied zwischen Rory Six, dem herausragenden Künstler, und der derzeitigen Erstbesetzung des Todes bei einer VBW-Produktion, womit wir eigentlich noch ausführlich über die Castingmethoden an diesem Haus … aber das hat ja auch ein anderes Mal Zeit.

Fazit: Kaufen, warum nicht, die CD ist ein Dokument für ein sehr gut spielendes und geleitetes Orchester, die Plattenfirma hat getan, was sie konnte, um eine perfekte Arbeit, bei den gegebenen Sängern, abzuliefern, die Aufnahme bestätigt, dass Anton Zetterholm ein großartiger Rudolf ist, der es auf CD und live schafft, große Momente zu gestalten, und ich glaube, es gibt Karaoke-Maschinen, mit denen man ja einzelne Tonspuren ausblenden kann, wenn man das Bedürfnis haben sollte.

Peter Kraus: Für immer in Jeans (DVD)

peter_kraus_2012.jpgDie letzte Tournee von Peter Kraus, die der Altrocker 2012 rund 75 Mal in deutsche und österreichische und vermutlich auch Schweizer Hallen brachte, wurde bei einem seiner Wien-Auftritte von MG SOUND festgehalten und dieser Tage als DVD veröffentlicht. Ein völlig unpeinliches, unterhaltsames Spektakel mit einem Entertainer, der weiß, wie er seine Zielgruppe optimal bedient. Das Buch und die Dialoge steuerten Peter Kraus, Markus Gull, Peter Hofbauer und Wuchtel-King Dieter Chmelar bei. Regie führte Thomas Smolej und dass diese Tour ein solcher Erfolg war, ist, neben dem musikalischen Faktor, sicher auch darauf zurückzuführen, dass in dem rund zweieinhalbstündigen Konzert auch kurzweilig geblödelt und einfach gut unterhalten wurde. Die Musik wird von einer routinierten Band beigesteuert, und es darf bezweifelt werden, dass Peter Kraus allzu viel Arbeit im Studio noch hatte, um etwaige unsaubere Sellen auszubessern. Das, was man in der Halle beim Konzert zu hören bekam, war ein guter, voller Sound. Das musikalische Programm ist eine gelungene Mischung aus den alten Hadern von Kraus wie “Mit Siebzehn”, “Diana”, Tracks von aktuelleren CDs des Altmeisters bis hin zu Klassikern wie “Don’t worry, be happy” und “Rockin’ all over the world” sowie Gesangseinlagen seiner Gäste Mike Kraus und Andy Lee Lang. Eine sehr schön produzierte DVD für alle Fans. Die DVD ist im Fachhandel erhältlich.

Scene 22: „Die ferne Lust“

die-ferne-lust-logo.jpgIm Haus der Begegnung Mariahilf zeigt die Scene 22 am 13. Dezember 2012 „Die ferne Lust“, ein Stück von Thomas Hold nach Arthur Schnitzlers „Das weite Land”. Es kommen sechs Charaktere aus Schnitzlers Original vor. Allerdings gibt es nur zwei Darsteller.

Zur Handlung
Die Geschichte nimmt ihren Lauf, kurz nachdem der Klavierspieler Korsakow beerdigt wurde. Friedrich ahnt eine dunkle Geschichte zwischen seiner Frau Genia und Korsakow. Ein verhängnisvoller Brief an Genia lässt das Karussell der Seitensprünge und Intrigen sich immer schneller drehen. Alle Charaktere suchen die ferne Lust in sich und in anderen Personen. Jedoch bleibt nur eine leere Fassade zurück. Oder schafft eine Person doch den Ausbruch aus der eintönigen Lügerei?

Es spielen Thomas Hold und Daniela Moser. Daniela Moser hat die Schauspielakademie Elfriede Ott abgeschlossen und Thomas Hold studiert ab Januar 2013 an der New York Film Academy.

Info und Reservierung unter thomas.hold2@chello.at
Termin: 13. Dezember 2012
Königseggasse 10, 1060 Wien
Beginn: 19:30 Uhr

„Catch Me If You Can“: Europäische Erstaufführung 2013 in Wien

Die Wiener Kammerspiele bringen 2013 die europäische Erstaufführung des Musicals „Catch Me If You Can“. Die Auditions dafür finden Mitte Dezember statt. Nähere Infos –> hier.

„Catch Me If You Can” wurde 2011 für drei Tony Awards nominiert. Norbert Leo Butz konnte den Award in der Kategorie „Best Performance by an Actor in a Leading Role in a Musical“ für sich entscheiden. Die Show wurde weiters für sechs Drama Desk Awards nominiert und auch hier holte sich Norbert Leo Butz einen Award.

„Catch Me If You Can“
Von: Terence McNally, Marc Shaiman und Scott Wittman
Choreografie: Simon Eichenberger
Musikalische Leitung: Christian Frank
Regie: Werner Sobotka

Maria Happel & Sona MacDonald: „Spatz und Engel”

Schauspielhaus Graz: »Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs«

»Eine andere Tiefe in das leicht verschriene Genre« Musical bringen zu können, davon war Bernadette Sonnenbichler, die Regisseurin der deutschsprachigen Erstaufführung des Musicals »Women on the Verge of A Nervous Breakdown«, vor der Premiere im Schauspielhaus Graz in einem Interview überzeugt. Sie meinte damit eine »schauspielerische« Tiefe, denn sie hatte die Show mit dem Ensemble des Schauspielhauses zu besetzen, und dabei handelt es sich um Schauspieler, nicht um Musicaldarsteller. Im Grunde genommen ein dreistes Statement, geht es doch eigentlich von dem Klischee aus, dass Musicaldarsteller von allem ein bisschen können, aber nichts so richtig, schon gar nicht die Kunst des Schauspiels. Aus Musicalsicht ist das natürlich eine Ansage, die man gern kontern würde – allein, es ist schon hinreißend, was das Schauspielhaus mit dieser Show auf die Beine gestellt hat.
Trivial beginnend könnte man in den Raum stellen, dass es auf der Bühne sicher mehr echtes ungezügeltes Feuer gibt als bei »Rebecca« in Manderley, und das, ohne es marketingschreierisch als besonderen Anreiz zu »vermarkten«. Da rückt dann schon mal die Feuerwehr selbst auf die Bühne und löscht das abgefackelte Bett; Rauchschwaden, Gestank hängen in der Luft und das passt so herrlich in dieses irrwitzig-flirrende Drama am Rande des Lustspiels (oder umgekehrt). Das ist »the real deal« – kein steriles Etwas – das hat Saft und Kraft.
Inhalt: könnte man erzählen, macht aber nicht viel Sinn. Es geht um Pepa (Pia Luise Händler), eine Schauspielerin, die von ihrem Liebhaber Iván (Franz Xaver Zach) verlassen wird, um Lucía (Steffi Krautz), Iváns Ex-Frau, die 19 Jahre in der Psychiatrie verbracht hat, weil sie es nicht verkraften konnte , verlassen und betrogen worden zu sein, und nun eher von der anderen Seite des Nervenzusammenbruchs rübergrinst, es geht um Lucías Sohn Carlos (Wojo van Brouwer) und dessen Freundin Marisa (Julia Jelinek), um einen Taxifahrer (Florian Köhler), um Candela (Evi Kehrstephan), Pepas beste Freundin, ein durchgeknalltes Model, das sich mit einem schiitischen Terroristen einlässt, und um Paulina (Verena Lercher), eine Anwältin, die für Lucía vor Gericht durchsetzen soll, dass ihre Mandantin 19 verlorene Jahre zurückbekommt: Madrid, die 1980er Jahre, Irrsinn, Chaos, Sex & Verzweiflung.
Der Showstopper in dieser Produktion ist Steffi Krautz – in jeder Szene, in der sie zu sehen ist. Sie legt ihre Lucía völlig enthemmt in ihrer Verrücktheit an, es gelingt ihr, diese Figur derart lustvoll, verspielt-verrückt mit Leben zu erfüllen, dass man verblüfft und fasziniert ihren darstellerischen Kammerstückchen zuschaut. Allein die eine Szene, in der sie ihren Sohn Carlos vor dessen Freundin Marisa intensiv küsst, ihn an ihren Busen zieht, und dem Mädl damit beweist, wie sehr er ein Mamabübchen ist, gleichzeitig damit aber auch so viele Konnotationen in das Spiel bringt, die gar nicht ausgewiesene Teile der Handlung sind und doch so viel in die Grundkonstellation der Handlung einbringen, ist unglaublich. Oder die Art und Weise, wie sie den besten Song des Stücks, »Unsichtbar« (»Invisible«) interpretiert, ganz tief in ihre verzweifelte Seele und ihre Vergangenheit eintaucht, sich durch diesen musikalisch so vielschichtigen Song haucht, seufzt und singt –ganz großes Kino. Jede Chance auf eine Pointe nutzt sie mit allem, was ihr zur Verfügung steht. Wenn wir nun wieder zum Ausgangsstatement zurückkommen: Ja, schauspielerisch ist das brillant, rein gesanglich betrachtet … wird Frau Krautz wohl nicht an eine Patti LuPone herankommen, aber so muss man dieses Lied einmal interpretieren, durchleben können. Da stellt sich dann doch gerade bei dem Stück die Frage: Broadway oder nicht doch lieber Burgtheater?
Natürlich, die Musik ist ein wesentlicher Faktor dieses Musicals. Wenn es um die Nachfolge der Komponistengeneration rund um Sondheim/Lloyd Webber etc. geht, gibt es viele Stimmen, die Yazbek an die vorderste Stelle reihen. »The Full Monty«, »Dirty Rotten Scoundrels« – klasse Talentproben, aber »Woman on the Verge …« ist ein (verkanntes) Meisterstück. Yazbeks Lieder erzählen Geschichten, unterhalten – niveauvoll, ohne den kleinsten Touch Schlager. Es ist eine gelungene Kombination von Samba, Mambo, Tango, Bossa Nova, Pop, Broadway; es ist alles da, was Latin-Feeling erzeugt, und doch klingt es nie wie eine dieser heutzutage in deutschen und österreichischen Musicalproduktionen so verbreiteten abgekupferten Pastiche-Tapeten. Innovation, Tradition, Variation, keine Fahrstuhlmusik. Yazbek hat einen eigenen Stil, er komponiert und textet Lieder, die den Darstellern die Chance geben, eigene Interpretationen zu erarbeiten, es sind so clever gebaute Songs mit intelligenten, fantasievollen, poetischen Texten. Dass dies in der deutschsprachigen Übersetzung von Kevin Schroeder nur bruchstückhaft zu erkennen ist, dass seine Grazer bzw. österreichischen Texteinsprengsel höchst entbehrlich sind, mag traurig stimmen, aber nur ein bisschen, denn der Rest ist immer noch wohltuend anders als jener Standard, mit dem wir es oft zu tun haben.
Stroboskop-Stakkatos als greller Blitz eines grandiosen Lichtdesigns, ein rasantes Spiel mit Film-im-Film bzw. Bühne-im-Film-Effekten, filmreif inszenierte irrwitzig komische Verfolgungsjagden, effektvolle Videozuspielungen von Evil Frog, ein einfallsreiches Set Design, das auf pfiffige Weise die Handlung auf mehreren Ebenen abspielen lässt, mit fast schon filigran wirkenden Konstruktionen, versteckten Falltüren, fallenden Projektionsflächen, eine großartig aufspielende Band mit ausgesuchten Jazz-Musikern rund um Posaunist Bernhard Neumaier, eine Cast, bei der man als Zuschauer das Gefühl hat, dass jeder seine Rolle voll auskostet, von der 80-jährigen Schauspielhaus-Legende Gerti Pall als bigotte Concierge bis zu Julia Jelinek als jungfräuliches Wesen, das eine ganz eigene skurrile Komik entwickelt … und inmitten des Chaos – die eine oder andere zeitlose, fast varietémäßige Nummer im besten Sinne, etwa von Iván-Darsteller Franz Xaver Zach, poetisch herausstechend, und das diametral etwa zur machohaften, aber doch charmanten Attitude der von ihm dargestellten Figur, wenn er mit einem riesigen roten Luftballon durchs Publikum geht, den dann eine der Wahnsinnigen auf der Bühne zerplatzen lässt; in einer anderen Szene demonstriert einer der Musiker die Kunst des Glasspiels.
Atmosphäre, eine Art Lebensgefühl, Schwingungen, Slapstick, wie in den guten alten französischen Spielfilmen, das ist der Gehalt dieses Stückes, der Charme, und sowohl die Cast, aus der man niemanden hervorheben muss, weil alle auf hohem Level spielen, als auch sämtliche Mitglieder des Leading Teams verwirklichen diesen Trip in die Zone des Fast-Wahnsinns mit ihrem Können und ihrer Kunst beeindruckend.

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Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs – Musik/Texte: David Yazbek; Buch: Jeffrey Lane; nach dem Film von Pedro Almodóvar; Regie: Bernadette Sonnenbichler; Choreografie: Otto Pichler; Bühne: Jens Burde; Kostüme: Tanja Kramberger; Licht: Thomas Trummer; Video: Evil Frog; Musikalische Leitung: Bernhard Neumaier; Dramaturgie: Britta Kampert
Darsteller: Pepa (Pia Luise Händler), Verena Lercher (Paulina), Steffi Krautz (Lucía), Franz Xaver Zach (Iván), Florian Köhler (Taxifahrer), Wojo van Brouwer (Carlos), Evi Kehrstephan (Candela), Gerti Pall (Concierge), Franz Solar (Regisseur, Arzt, Richter, Hauptkommissar), Florian Kaufman (Regisseur, Arzt, Richter, Hauptkommissar), Juliette Eröd (Cristina). Broadway-Premiere: 04.11.2011, Belasco Theatre, New York; Deutschsprachige Erstaufführung: 10.11.2012, Schauspielhaus Graz (www.schauspielhaus-graz.com)

Oper Graz: Premiere für „HONK – Das hässliche Entlein“

Basierend auf einem Märchen von Hans Christian Andersen feiert „HONK – Das hässliche Entlein“, eine Musical-Komödie von Anthony Drewe und George Stiles, am 25. November (Beginn: 11:00 Uhr) im Grazer Opernhaus Premiere.

Leading Team
Buch und Gesangstexte: Anthony Drewe
Musik: George Stiles
Deutsches Buch: Stephan Kopf, Zelma und Michael Millard
Musikalische Leitung: Maurizio Nobili
Inszenierung: Michael Schilhan
Ausstattung: Alexia Redl
Choreographie: Allen Yu
Singschul’: Andrea Fournie
Opernballettschule: Diana Ungureanu

Cast
Gnomy: Johannes Huth
Ida, Entenmutter: Antje Kohler
Kater: Terry Chladt
Erwin Erpel / Graufuß, Graugans: János Mischuretz
Truthahn / Krötenfrosch / u. a.: Michael Rutz
Grazia, Mandarinente / Stummel, Henne / u. a.: Jutta Panzenböck
Moni Moorhuhn / Prinzesschen, Katze / u. a.: Elisabeth Sikora
Henriette, Huhn / Sissi, junger Schwan / u. a.: Rita Sereinig

Tickets gibt es –> hier.