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Archiv - 2007

Musical Forever, Wiener Museumsquartier, 21. Dezember 2007

Zwanzig Jahre gibt es nun das Orchester der Vereinigten Bühnen Wien, und da man immer feiern sollte, wenn sich ein Anlass bietet, gingen vom 19. bis 21. Dezember 2007 im Wiener Museumsquartier drei Shows mit dem Titel “Musical Forever” über die Bühne.

Musical Forever

Mit der Wahl des Veranstaltungsorts haben sich die Produzenten keinen großen Gefallen getan hat. Der Bau (die ehemaligen Reitstallungen) ist relativ ungeeignet für Events dieser Art. Sicher, man bekommt eine große Menge an Leuten unter, aber nur die Zuschauer in den vorderen Reihen haben etwas von der Show, hinten wird das Ganze uninteressant. Das betrifft beispielsweise den Ton. Er wurde für die vorderen Sitzreihen optimiert, hinten, auf den billigen Plätzen, nahm man ihn als viel zu leise wahr, der Vergleich macht sicher. Er wirkte so wie der Sound auf alten Videobändern, die man sich auf alten Videorekordern mit verschmutztem Tonkopf anhört. Dumpf und unklar. Wie zum Hohn hängen in der ganzen Halle bis hinten an den Wänden Lautsprecherboxen - allerdings wurden sie nicht in das Soundsystem integriert, die Musik kam ausschließlich von ganz vorne, und das ist in einem sich derart weit nach hinten und oben ziehenden, schlauchartigen Raum fatal. Zu den Vereinigten Bühnen Wien gehört auch das Theater an der Wien, und genau da hätte man die drei Shows spielen müssen. Da gibt es keine Ausreden, das Theater an der Wien wird kaum bespielt, Termine hätten sich finden lassen müssen. Im Theater an der Wien hätte man zumindest für etwas mehr Menschen akzeptablen Ton garantieren können. Und auch eine akzeptable Sicht, denn von hinten erkannte man nicht mal mehr die Darsteller, die man ohnedies schon kaum hörte.

Musical Forever

Die Wahl des Programms war bieder. Caspar Richter, Michael Pinkerton und Werner Sobotka wählten den Mainstream, bis auf wenige Ausnahmen, manchmal war man ganz offensichtlich geradezu gezwungen, bestimmte Songs reinzunehmen, um Stars wie Maya Hakvoort und Pia Douwes in einem Stück “unterzubringen”, so dufte Hakvoort aus “Elisabeth” die “Irrenhausballade” singen und Douwes gab “Ich gehör nur mir”. “Ich gehör nur mir” als Duett zu bringen, wäre wesentlich prickelnder gewesen, sinnvoller, aber auch mit ein wenig mehr Vorbereitungszeit verbunden. Eine solche Version wäre aber dem Abend angemessen gewesen.

Musical Forever

Uwe Kröger musste sich bei den drei Shows wie ein Verurteilter in einem “Murmeltier”-Film vorkommen, den man Abend für Abend zum Schafott führt. Bei keinem seiner Songs war er fehlerfrei, jedes Lied war ihm sichtlich eine Qual. Als Sänger versagte er im Rahmen dieser Produktion völlig. “Die Musik der Dunkelheit” (”Das Phantom der Oper”) zerstörte er mit schiefen Tönen, den “letzten Tanz” (”Elisabeth”) sang er fast nur auf einer Tonhöhe, “Wie kann es möglich sein” (”Mozart!”) killte er mit einem für ihn an diesen Tagen nicht erreichbaren Schlusston. Bei aller Liebe: Das kann man nicht machen. Wenn man weiß, dass man indisponiert ist, muss man die Konsequenzen ziehen. Da funktionieren auch keine Argumente mehr wie “Toll, dass er so ein Profi ist und den Abend gerettet hat.” Freilich war Kröger wie gewohnt charmant bei der Anmoderation der ersten Titel, und beim Weihnachtsmedley am Ende zeigte er allen, wer der Entertainer im Star-Ensemble ist, als er mit kleinen Gesten fröhliche Stimmung in die Halle zauberte. Diese Kunst beherrschen gute Entertainer. Das kann ein Alexander Goebel aus dem Effeff, und auch Kröger ist darin sehr gut.

Musical Forever

Pia Douwes sang ausschließlich Standardware wie “Memory” und “Macavaty” aus “Cats”, “Ich gehör nur mir”, “All that Jazz” (”Chicago”). Schade, dass man sich die Chance entgehen ließ, einen ihrer in den letzten Jahren so raren Wien-Auftritte etwas interessanter zu gestalten. Warum nicht ein Song aus “Freudiana” - aber Caspar Richter und sein Team beschränkten sich darauf, die Ouverture aus diesem unterschätzten Musical zu spielen. Selbstverständlich war Douwes bei ihren Songs makellos, die Choreographie (Ramesh Nair) bei “All that Jazz” grandios.

Musical Forever

Thomas Borchert und Carin Filipcic lieferten ihre Songs solide, abgesehen von “Ich bin Herr im Haus” (”Les Misérables”), das den Charme einer Schulaufführung hatte, Susan Rigvava-Dumas gab ein sensationelles “All by myself” (Eric Carmen) und ein gewohnt perfektes “Rebecca”. Die Ãœberraschung des Abends war Lukas Perman, der am ehesten das umsetzen durfte, was man von einer solchen Gala erwartet hatte. Er sang mit “Warum kannst du mich nicht lieben” aus “Mozart!” und “Close every door/Any dream will do” (”Joseph”) - Songs, die nicht zu seinem Standardrepertoire gehören, er gab als Solo-Interpret “Just the way you are” (Billy Joel) und spielte dabei Saxophon, gemeinsam mit Marjan Shaki interpretierte er schließlich auch noch “You’re the one that I want”.

“Warum kannst du mich nicht lieben” war neben “All by myself” von Susan Rigvava-Dumas rein von der Interpretation her eines der Highlights der Show. Mit seiner reinen Popstimme, die so gar nichts Operettenglucksig-knödelndes an sich hat, und einer wahrhaft glaubhaften Interpretation gab Lukas Perman einen sensationellen “Mozart”. Marjan Shaki mit “Nur für mich” aus “Les Misérables” und “Somebody to love” (Queen), Maja Hakvoort mit “Kuss der Spinnenfrau” - das wäre, was das Konzept der Songauswahl betrifft, ein guter Standard gewesen. Dann wäre aus diesem zweifellos sehr schönen und unterhaltenden Abend, bei dem auch das Orchester mit Instrumentalnummern seine Qualität bewies, tatsächlich ein Event geworden, an das man sich noch lange erinnert hätte.

“Musical Forever - Das Beste Aus Zwanzig Jahren Musical”
1.Akt:
1. Ouverture aus “Freudiana” - Orchester
2. Sei hier Gast aus “Die Schöne und das Biest” - Alle
3. Memory aus “Cats” - Pia Douwes
4. Macavity aus “Cats” - Maya Hakvoort, Pia Douwes & Ensemble
5. Nur für mich aus “Les Misérables” - Marjan Shaki
6. Ich bin Herr im Haus aus “Les Misérables” - Thomas Borchert, Carin Filipcic & Ensemble
7. Phantom der Oper aus “Das Phantom der Oper” - Uwe Kröger & Pia Douwes
8. Die Musik der Dunkelheit aus “Das Phantom der Oper” - Uwe Kröger
9. Leroy Anderson Medley (Buglers Holiday, Clarinet Candy, Fiddle Faddle) - Orchester
10. Nimm mich wie ich bin aus “Jekyll & Hyde” - Thomas Borchert & Maya Hakvoort
11. Dies ist die Stunde aus “Jekyll & Hyde” - Thomas Borchert
12. Close every Door / Any Dream will do aus “Joseph” - Lukas Perman & Ensemble
13. Leonard Bernstein
Lonely town aus “On the town” - Thomas Borchert
I can cook too aus “On the town” - Carin Filipcic
Somewhere aus “West Side Story” - Susan Rigvava-Dumas
Conga aus “Wonderful town” - Orchester
14. Irrenhausballade aus “Elisabeth” - Maya Hakvoort
15. Der letzte Tanz aus “Elisabeth” - Uwe Kröger & Ensemble
16. Ich gehör nur mir aus “Elisabeth” - Pia Douwes

2.Akt
1. Musical Chairs - Orchester
2. Pop-Medley
Somebody To Love - Marjan Shaki & Ensemble
Just The Way You Are - Lukas Perman
All by Myself - Susan Rigvava-Dumas
3. Totale Finsternis aus “Tanz der Vampire” - Thomas Borchert, Marjan Shaki & Ensemble
4. Hier in Wien aus “Mozart” - Ensemble
5. Wie kann es möglich sein aus “Mozart” - Uwe Kröger
6. Gold von den Sternen aus “Mozart” - Carin Filipcic
7. Warum kannst du mich nicht lieben wie ich bin aus “Mozart” - Lukas Perman
8. Kuss der Spinnenfrau aus “Kuss der Spinnenfrau” - Maya Hakvoort
9. ESCAPADES aus “Catch me if you can” - Orchester
10. All That Jazz aus “Chicago” - Pia & Ensemble
11. Liebe aus “Romeo und Julia” - Marjan Shaki , Lukas Perman & Ensemble
12. Siehe da, sie liebt aus “Romeo und Julia” - Carin Filipcic
13. You’re the one that I want aus “Grease” - Marjan Shaki, Lukas Perman & Ensemble
14. Rebecca aus “Rebecca” - Susan Rigvava-Dumas & Ensemble
15. Wenn ich einmal geh aus “A Chorus Line” - Alle
Zugabe: Weihnachtslieder-Medley

Ensemble: Katharina Anná, Sabrina Harper, Esther Hehl, Iris Morakis, Simon Eichenberger, Steven Seale, Ingolf Unterrainer, Ronnie Wagner

Konzept und Zusammenstellung: Caspar Richter/Michael Pinkerton/Werner Sobotka

Musikalische Leitung: Caspar Richter

Regie: Werner Sobotka
Choreographie: Ramesh Nair
Licht: Gustav Vychron
Sound: Erich Dorfinger

Der Reigen, oder so … Ein Musical

Der Reigen, oder so: Foto: Martin Bruny

Ein Musical nach Arthur Schnitzlers “Reigen” zeigte der aktuelle Abschlussjahrgang der Abteilung Musikalisches Unterhaltungstheater der Konservatorium Wien Privatuniversität Wien am 6. Dezember im Leonie-Rysanek-Saal des Konservatoriums.

Der Reigen, oder so: Foto: Martin Bruny

Rainer Bräuer, Dea Andrea Frohn, Donja Daniela Golpashin, Elisabeth Heller, Peter Kratochvil und Richard Schmetterer sangen Lieder aus “Chicago”, “Songs for a New World”, “The Act”, “Parade”, “Gigi”, “Spring Awakening” und “Sweet Charity” sowie “El Tango De Roxanne” (”Moulin Rouge”), “Wenn du lachst” (Juli), “I’m still standing” (Elton John & Bernie Taupin), “Swing” (Louis Prima), “That Smile” (”It’s only Life” - John Bucchino), “Don’t let the sun go down on me (Elton John & Bernie Taupin) und spielten sechs Szenen aus dem “Reigen”. Von einer Nummernrevue zu sprechen wäre in diesem Fall nicht angebracht, vielmehr handelt es sich um ein klug durchdachtes und konzipiertes Stück Musiktheater. Mehr dazu in der Februar/März 2008-Ausgabe von “musicals”.

Der Reigen, oder so: Foto: Martin Bruny

Die weiteren Vorstellungstermine: 7. Dezember, 10. Dezember und 11. Dezember. Alle Shows sind bereits ausverkauft, es gibt allerdings Restkarten 15 Minuten vor jeder Vorstellung.

Der Reigen, oder so: Foto: Martin Bruny

Leading Team
Regie: Erhard Pauer
Musikalische Leitung: Lior Kretzer
Raum: Erhard Pauer, Ernst Wilfinger
Kostüm: Mimi Zuzanek
Choreografie: Marcus Tesch
Lichtdesign: Barbara Dulcinea Jan
Technische Leitung: Werner Eichelberger
Technische Koordination: Ernst Wilfinger
Bühnenmeister: Harald Lindermann
Ton: Martin Laumann, Michael Schmidt, Hannes Motal
Bühnenbild: Stefan Michaelfeit
Produktionsleitung- und Assistenz: Michaela Riedl-Schlosser
Inspizienz: Doris Richter

Musik
Vienna C@lling Muppets Band Reloaded:
Lior Kretzer, Manuel Brunner, Alfred Kern, Gerfried Krainer
Der Reigen, oder so: Foto: Martin Bruny

Kammeroper: The Last Five Years

Es hat sich mittlerweile zur Tradition unter Kritikern entwickelt, Jason Robert Browns Musical “The Last Five Years” von der Handlung her als “zu kompliziert” abzuqualifizieren. Lang und breit erklären sie, dass es die Liebesgeschichte eines Paares ist, aber er und sie erzählen die Beziehung von unterschiedlichen Zeitpunkten startend. Er steht zu Beginn des Stücks am Anfang ihrer fünfjährigen Lebensgemeinschaft und erlebt sie chronologisch von Beginn bis zum Ende, sie steht am Anfang des Stücks am Ende der Beziehung und erlebt sie quasi im Rückwärtsschritt. Kompliziert? Nicht wirklich, aber man kann “The Last Five Years” ja sowieso auch ganz anders sehen - nämlich als Manifestation reinen Gefühls. Es sind die letzten Zuckungen eines liebenden Herzens, das im Sterben begriffen ist und wie im Schnelldurchlauf noch einmal die letzten fünf Jahre einer Beziehung kammerflimmert. “The Last Five Years” ist schließlich auch so etwas wie eine klassische “Ghost Story”, denn die beiden Hauptdarsteller sind zwar sehr oft gemeinsam auf der Bühne, aber zu verschiedenen Spielzeiten. Sie singen bis auf ein Duett in der Mitte des Stücks, bei dem sie für einen kurzen Moment tatsächlich im Raum- und Zeitgefüge des Plots aufeinandertreffen, sich berühren, küssen und sich die Ehe versprechen, nur Solo-Songs, agieren nie tatsächlich miteinander, sondern nur mit der Imagination des Partners, die durch die reale Person tatsächlich dargestellt wird, aber eben nur, um dem Zuschauer das Mitverfolgen der Handlung zu erleichtern. Hier beginnt dann der andere Zugang zur Story auch schon wieder kompliziert zu werden, und es mag sein, dass deswegen Browns Musical nie der wirkliche Publikumsrenner war, wenngleich viele der Songs längst Klassiker des modernen Musical-Repertoires sind.

Der andere Zugang, die Story zu rezipieren, wird durch die englischsprachige österreichische Erstaufführung von „The Last Five Years“, die am 22. November 2007 in der Wiener Kammeroper über die Bühne ging, perfekt umgesetzt. Das Bühnenbild zeigt einen riesigen Damenkoffer, der am Anfang geschlossen ist, sich mit den ersten Takten der Musik öffnet und eine in vier Stages gegliederte Bühne freigibt. Am Ende schließt sich der Koffer wieder. Mag sein, dass es ein Koffer ist, man kann sich das Szenario aber auch als pumpendes Herz vorstellen.

Rob Fowler als Jamie und Caroline Frank als Catherine bieten eine formidable Ensembleleistung. Wenn man möchte, kann man kann sich streiten, wer der bessere Sänger und wer der wirkungsvollere Schauspieler ist, man mag anführen, dass Rob Fowler sich mehr an die Musik Browns anschmiegt, in sie versinkt und in der Musik aufgeht, dass er mit bemerkenswert fein inszenierter Gestik und Mimik das Maximum herausholt, dass er die Wandlung des von ihm gespielten Jungautors glaubhaft und deutlich herausarbeitet und als Jamie eine der besten Bühnenleistungen seiner Karriere abliefert, doch Caroline Frank setzt ebenso berührende emotionale Höhepunkte, ihr steht die sehnsüchtige Melancholie sehr gut. Beide liefern auch köstliche Proben ihres Talents für Komik, Caroline Frank beispielsweise in der Audition-Szene, Rob Fowler als leicht Verführbarer in einer Bar. Geht man aus der Show und fragt sich, wer nun die Schuld trägt am Scheitern der Beziehung, so fällt die Antwort vielleicht gar nicht so schwer. Sie war es, sie trägt die Schuld. Sie verweigert die Kommunikation, ist nicht mitfühlend genug, teilt nicht die starken Gefühle des Jungautors Jamie, als sein erstes Buch zum Verkaufserfolg wird, ist verbittert, dass ihre eigene Karriere als Musicalsängerin so gar nicht in die Gänge kommt. Es mag sein, dass eine andere Art der Regie oder aber der Darstellung diese eindeutige Schuldzuweisung verhindert hätte, denn in den Songs selbst ist diese Art der Interpretation freilich nicht so eindeutig angelegt, aber das ist eine der größten Stärken dieses Musicals. Es genügen Nuancen, um den Zuschauer in seiner Interpretation in die eine oder andere Richtung zu beeinflussen oder aber auch einfach nur Möglichkeiten der Interpretation zu bieten. Wir haben hier kein Megamusical vor uns, “The Last Five Years“ ist ein äußerst feinsinnig gesponnenes Stück Musiktheater, und auch ein forderndes. Man kann sich nicht einfach im Sessel zurücklehnen und darauf warten, dass einem Affen oder Hexen um die Ohren fliegen, die Abenteuer dieses Stücks fühlt man mit dem Herzen – oder gar nicht.

Jason Robert Browns Kammermusical kann man, wenn man möchte, auch in einem Wohnzimmer ohne jegliche Deko spielen. Die Kammeroper hat eine vergleichsweise pompöse Bühnenmaschinerie entwickelt. Auf der vordersten Stage spielt sich ein Hauptteil des Geschehens auf zwei Minihebebühnen ab, die äußerst wirkungsvolle Effekte und Szenenwechsel erlauben. Für jeden der vierzehn Songs hat Duncan Hayler ein stimmiges Set Design entworfen, die Szenenwechsel erfolgen äußerst präzise und ruhig, um die Stimmung in keiner Weise zu stören. Eine logistische Herausforderung, die gelingt. Michael Schnack, der Musikalische Leiter und Pianist der Show, sitzt mit seiner Band (Gerda Breslmayr, Violine; Peter Profant, Cello 1; Boris Boho, Cello 2; Stefan Först, Bass; Kerstin Neubauer, Gitarre) auf der hintersten und vierten Stage. Sehr wirkungsvoll und durchdacht ist das Beleuchtungskonzept (Harry Michlits). In warme, helle Farben wird der jeweils im Jetzt agierende Darsteller getaucht, während der imaginierte Partner in kalte Farben getaucht wird. Satte Blau- und Rottöne dominieren das Lichtdesign, stärker ausgeleuchtet und in hellere Farben gegossen wird das Set bei den weniger traurigen Nummern wie „A Summer In Ohio“. Nur ein einziges Mal berühren sich die Hauptdarsteller, nur ein einziges Mal sehen sie sich tatsächlich an, und das ist zur Halbzeit der Show. Sensibel hat Regisseur und Choreograph Alonso Barros all die Feinheiten der Darstellungsmöglichkeiten der Songs herausgearbeitet. Ganz wunderbar, wie Rob Fowler “The Schmuel Song” spielt und mit drei verschiedenen, ganz eigenen Singstimmen als Stück im Stück interpretiert. Der Ton (Gregor Neuwirth) ist für das Parkett perfekt gemischt, lediglich am Balkon kommt das Ganze etwas dumpf daher. Wie meistens in der Kammeroper gibt es deutschsprachige Untertitel (Ãœbersetzung: Derek Weber), die man besser nicht verfolgt, weil sie viel zu sehr ablenken und auch nicht immer den Kern der Texte von Jason Robert Brown exakt treffen – als grobes Hilfsmittel sind sie aber durchaus tauglich. Regie und Choreographie fließen in dieser Inszenierung zu einem perfekten Ganzen zusammen und machen gemeinsam mit der musikalischen Umsetzung, für die Michael Schnack verantwortlich zeichnet, “The Last Five Years” zum eindeutig besten in Wien gezeigten Musical des Jahres 2007.

The Last Five Years
Einfühlsame englischsprachige österreichische Erstaufführung in der Kammeroper
von Martin Bruny

The Last Five Years – Buch, Musik und Texte: Jason Robert Brown / Musikalische Leitung: Michael Schnack / Inszenierung & Choreographie: Alonso Barros / Ausstattung: Duncan Hayler / Licht: Harry Michlits. Darsteller: Rob Fowler (Jamie) / Caroline Frank (Catherine). Englischsprachige österreichische Erstaufführung: 22. 11. 2007, Wiener Kammeroper. www.kammeroper.

International Theatre Vienna: “A Christmas Carol”

A Christmas Carol1985, also vor 23 Jahren,
- programmierte Alexey Pajitnov das Computerspiel Tetris;
- siegte Boris Becker als erster Deutscher und (mit 17 Jahren) jüngster Tennisspieler aller Zeiten beim Grand Slam-Turnier von Wimbledon;
- wurden die beiden Formel-1-Piloten Lewis Hamilton und Nico Rosberg sowie Daniel Küblböck geboren;
- startete in der Bundesrepublik Deutschland mit “Sat 1″ das erste private Satelliten-Fernsehprogramm;

und in Wien feierte “A Christmas Carol” in der Inszenierung des International Theatre Premiere.

Gegründet wurde das International Theatre Vienna 1974 von Marilyn Close und William Wallace, die erste Vorstellung des Theaterunternehmens fand im November 1974 in Graz statt. Man gab Noel Cowards “Blithe Spirit”. Einige Jahre zog das International Theatre Vienna als Tourneetheater durch die Lande, bis man 1980 in der Porzellangasse 8 geeignete Räumlichkeiten fand. Am 14. Januar 1980 ging mit Paul Zindels “The Effect of Gamma-Rays On Man-In-The-Moon Marigolds” die erste Vorstellung im neuen Haus des Vienna International Theatre über die Bühne. Bis heute hat das Theaterunternehmen rund 150 Stücke zur Aufführung gebracht, darunter auch Musicals wie “Into the Woods” oder “You’re a good man, Charlie Brown” - und seit 23 Jahren alljährlich: “A Christmas Carol”, von Charles Dickens.

Seit 1990 bespielt das International Theatre zusätzlich ein Kellergewölbe der Servitenkirche, ein paar Gehminuten vom Haupthaus entfernt. Rund 400 Quadratmeter ist “The Fundus” groß, ab 1994 gingen die “A Christmas Carol”-Vorstellungen hier, unter der Erde, über die “Bühne”.

“A Christmas Carol” hat sich in Wien längst zur Weihnachts-Institution entwickelt. Manche sehen die Show als Schüler im Rahmen einer “Exkursion” im Fundus und kommen dann Jahre später wieder. Es gibt auch Besucher, die sich alljährlich, ähnlich wie mit “Dinner for One” zu Silvester, in eine bestimmte Stimmung versetzen lassen wollen und “A Christmas Carol” bereits viele Male erlebt haben. Es ist fast eine Art “gemeinsames Älterwerden” dann, auch wenn nicht alle Schauspieler viele Jahre am International Theatre bleiben.

Im Fundus gibt es keine Bühne im traditionellen Sinn, in einem Halbkreis rund um einen gedachten Bühnenbereich werden Stühle aufgestellt. Rund 70 Besucher finden Platz und erleben hautnah die Geschichte von Ebenezer Scrooge, einem alten grantigen Geizhals, der in einer einzigen Nacht zunächst Besuch von seinem verstorbenen Teilhaber Jacob Marley und dann von drei weiteren Geistern erhält, die ihm schließlich dazu verhelfen, sein Leben zu ändern. 1843 veröffentlichte Dickens seine sozialkritische Erzählung, seit 1901 wurde “A Christmas Carol” viele Male verfilmt. 2009 soll ein 3D-Film mit Jim Carrey in die Kinos kommen. Robert Zemeckis wird bei dieser Produktion Regie führen. Im Fundus zeigt man eine von Jack Babb dramatisierte Version. Den Text dazu können sich beispielsweise Lehrer, die ihre Schüler auf das Stück vorbereiten wollen, von der Website des International Theatre downloaden. Selten ist man als Zuschauer näher am Geschehen dran, die Schauspieler sind im Fundus buchstäblich in Griffweite, und umgekehrt. Das gibt der Aufführung durchaus eine eigene, intime Note. Geht man die Stufen ins Gewölbe hinunter, ist es, als würde man in eine eigene Welt und Zeit abtauchen. Wer immer ein Faible hat für die englische Sprache und englisches Theater, ist bei “A Christmas Carol” im Fundus gut aufgehoben. Wer sich partout nicht in Weihnachtsstimmung versetzen kann, ab in den Fundus, nichtmal Ebenezer Scrooge könnte da hart bleiben.

A CHRISTMAS CAROL by Charles Dickens
The Fundus, November 19 to December 29, 2007
Mondays through Saturdays
All performances start at 7.30 pm.
Adapted by Jack Babb

Directed by Jack Babb
Stage Manager: Cheryl Carabelli
Lights and Sound: Cheryl Carabelli
Costumes: Gloria Sattél and Laura Mitchell
Properties: Laura Mitchell
Technical Director: Eric Lomas

With:
Kevin Brock (Ebenezer Scrooge)
Eric Lomas (Fred, Scrooge as a young man, Peter Cratchit, child)
Jack Babb (Narrator, Bob Cratchit, Topper)
Marilyn Close (Lady doing charitable work, Mrs. Fezziwig, Mrs. Dilber, Ghost of Christmas Present)
Laura Mitchell (Lady doing charitable work, Ghost of Christmas Past, Mrs. Cratchit, A Confused Guest)
Roxanne Carless (Narrator, A Girl Singing Christmas Carols, Belle, Martha Cratchit, Fred’s Sister in Law)
Gene De Wild (Ghost Of Jacob Marley, Mr. Fezziwig, A Lamplighter, Ghost Of Christmas Future)
Amanda Wilkins (Narrator, Fan, Tiny Tim, Fred’s Wife, Child)

International Theatre
Porzellangasse 8/Ecke Müllnergasse
1090 Wien
office@internationaltheatre.at
www.internationaltheatre.at

The Fundus
Müllnergasse 6A
1090 Wien

Karten: 01/319 62 72 oder
an der Tageskassa (Mo - Fr von 11.00-15.00)
Normalpreise: € 20.- bis 24.-
Preis für Schüler, Studenten (-26), Senioren (ab 60/65): € 14.-

“schnurlos” - Marjan Shaki & Lukas Perman live im Cenario

schnurlos, Foto: Martin Bruny
“Schnurlos” nannten Marjan Shaki und Lukas Perman ihr zweites Soloprogramm, das sie am 17. und 18. November 2007 im Wiener Szenelokal Cenario zur Aufführung brachten. Schnurlos im Sinne von konzeptlos, also ohne roten Faden. Roterfadenlos geht nicht wirklich, also: schnurlos. Natürlich war der Abend alles andere als konzeptlos, aber schnurlos ist auch als Untertreibung ein sympathischer Titel, in den man auch manch anderes hineininterpretieren konnte, zumindest bis zur Erklärung des Titels.

schnurlos, Foto: Martin Bruny

Das Cenario ist an und für sich schon ein sehr gemütliches Lokal, mit Platz für schätzungsweise 40 bis 60 Leute, je nach Kuschelwilligkeit. Stimmungsmäßig waren die Abende dann auch von den Performern ganz auf Gemütlichkeit getuned. Es gab Räucherkerzen und eine Sweetie-Time, in der Marjan Shaki Schokolade verteilte. Das alles kann so ungeheuer peinlich rüberkommen, wenn man nicht weiß, wie man diese Stimmung vermitteln soll, dafür gibt es unter all den Soloprogrammen, die in Wien im Laufe der letzten Jahre über die Bühne gegangen sind, wahrhaft schreckliche Musterbeipiele.

schnurlos, Foto: Martin Bruny

Bei “schnurlos” ging das alles problemlos und ganz natürlich. Natürlichkeit hat man oder nicht, sie allerdings einem Publikum vermitteln zu können, ist auch Teil einer persönlichen Entwicklung. So kann ich mich noch an eine ganz in sich versunkene Marjan Shaki bei einem Benefiz-Konzert im Wiener Museumsquartier am 29. Dezember 2003 erinnern. Sie sang Songs von Tori Amos und Barbra Streisand und hatte die Augen meist geschlossen. Den Wechsel zum Singing Actor, der auch zeigt, dass die Augen neben der Stimme ein enorm wichtiges Instrument des Performens sind, den hat sie mittlerweile auch für das Publikum sichtbar vollzogen.

schnurlos, Foto: Martin Bruny

Die Gemütlichkeit des Abends war eine Art Konzept, und zwar ein sympathisches, und eines, das voll aufging. Umgesetzt wurde das Konzept beispielsweise mit zum Großteil improvisierten Zwischenmoderationen. Wer Konzerte, Shows und Musicals gerne öfter sieht und bei beiden Abenden dabei war, hatte so die Chance, zwei doch in vielen Nuancen sehr unterschiedliche Performances der beiden Darsteller zu erleben.

schnurlos, Foto: Martin Bruny

Die “Band” der beiden bestand aus Lior Kretzer am Keyboard und Ulrich Permanschlager an der Gitarre und am Bass. Zum Saxophon hat Lukas Perman bei einigen Songs selbst gegriffen. Lior Kretzer, von Lukas Perman und Marjan Shaki als “bester Pianist Wiens” gelobt, ist all jenen, die beispielsweise die Aufführungen der Konservatorium Wien Privatuniversität besuchen, mit Sicherheit ein Begriff. Er ist derzeit stellvertretender Abteilungsvorstand für Musikalisches Unterhaltungstheater, Korrepetitor und Musikalischer Leiter der Eigenproduktionen des Hauses - und er ist vor allem Klavierspieler mit Drive und Seele. Er liefert die nötige Power an den Tasten und das gewisse verspielte Etwas bei Balladen. Neben Ulrich Permanschlager am Bass und der Gitarre wäre auch noch Lukas Permans Schwester am zweiten Abend als Bandmitglied zur Verfügung gestanden, allerdings spielt sie Harfe, und da hätte man zum Cenario vermutlich noch ein Lokal dazumieten müssen.

schnurlos, Foto: Martin Bruny

Es waren unterhaltsame Shows mit gut gewählten Songs aus Musicals wie “Annie Get Your Gun”, “Phantom”, “Mozart!”, “The Lion King”, “City of Angels” oder “The Scarlet Pimpernel” - und klassische Pop-Balladen wie “Promise me” von Beverly Craven oder “Just the way you are” von Billy Joel. Ein Song aus Frank Wildhorns “Civil War” (”Sarah”) wurde am zweiten Abend durch das etwas flottere “Have you met Miss Jones” von Richard Rodgers & Lorenz Hart aus dem Musical “I’d rather be right” ersetzt. Balladen blieben aber dennoch dominant, und das ist auch gut so.

schnurlos, Foto: Martin Bruny

Nicht zuletzt war “schnurlos” ein Benefiz-Konzert. Rund 1700 Euro Reinerlös brachten die beiden Abende der Aktion “Menschen für Menschen” - ein schöner Erfolg auch in dieser Hinsicht.

schnurlos, Foto: Martin Bruny

Setlist:
01) Unehrlichkeiten - Lukas Perman (”City of Angels”, Cy Coleman/David Zippel)
02) My Funny Valentine - Marjan Shaki (”Babes in Arms”, Richard Rodgers/Lorenz Hart)
03) Can You Feel The Love Tonight - Lukas Perman (”The Lion King”, Elton John/Tim Rice)
04) Promise Me - Marjan Shaki (Beverly Craven)
05) Dich kennen heißt dich lieben - Marjan Shaki & Lukas Perman (”Mozart!”, Sylvester Levay/Michael Kunze)
06) Have You Met Miss Jones - Lukas Perman (”I’d Rather Be Right”, Richard Rodgers/Lorenz Hart)
07) When I Look At You - Marjan Shaki (”The Scarlet Pimpernel”, Frank Wildhorn/Nan Knighton)
08) Medley: Hasta que vuelvas - Lukas Perman (Felipe Gil/Mario Arturo)/Historia de un amor - Marjan Shaki (Carlos Eleta Almaran)
09) Who Could Ever Have Dreamed Up You (in japanischer Sprache gesungen) - Lukas Perman (”Phantom”, Maury Yeston)
10) Rosen und Prinzen - Marjan Shaki (Marjan Shaki)
11) Anything You Can Do, I Can Do Better - Marjan Shaki & Lukas Perman (”Annie Get Your Gun”, Irving Berlin)
12) Fly Me To The Moon - Lukas Perman (Bart Howard)
13) Autumn Leaves - Marjan Shaki (Joseph Kosma/Johnny Mercer)
14) Just The Way You Are - Lukas Perman (Billy Joel)
15) I’m With You - Marjan Shaki (Avril Lavigne/Lauren Christy/Graham Edwards/Scott Spock)
16) Endless Love - Marjan Shaki & Lukas Perman (Lionel Richie)

schnurlos, Foto: Martin Bruny

Kammeroper Wien bringt “The Last Five Years” von Jason Robert Brown

The Last Five Years Foto: Martin Bruny
Am Donnerstag, dem 22. November 2007, geht die Musicalpremiere der diesjährigen Wiener Herbstsaison schlechthin über die Bühne der Wiener Kammeroper: “The Last Five Years” von Jason Robert Brown (geboren 1970). Man kommt, wenn man sich mit der Zukunft der Kunstform Musical beschäftigt, am Komponisten (und Texter und Autor) dieser Show nicht vorbei.
The Last Five Years Foto: Martin Bruny
Jason Robert Brown liefert mit “The Last Five Years” einen sensiblen, feinen Score mit Elementen aus Pop, Jazz, Latin, Klezmer, Klassik, Rock und Folk. Jeder einzelne Song ist ungeheuer fein gepinselt, kann für sich allein stehen und hat eine Vielzahl an Melodie-Nuggets in sich geborgen, die, wenn man auch nur halbwegs dafür offen ist, eine unverwechselbare Wohlfühlstimmung schaffen.
The Last Five Years Foto: Martin Bruny
“The Last Five Years” ging Off-Broadway am 3. März 2002 im Minetta Lane Theatre ins Rennen und war da bis zum 5. Mai 2002 zu sehen. Jason Robert Brown wurde für seine Show mit einem Drama Desk Award ausgezeichnet (”Outstanding Music and Lyrics”). Nominiert war das Musical auch in den Kategorien “Outstanding Musical”, “Outstanding Actor [Norbert Leo Butz]”, “Outstanding Actress [Lauren Kennedy]”, “Outstanding Orchestrations” und “Outstanding Set Design”. Weitere Nominierungen: Lucille Lortel Award Nominierung als “Outstanding Musical” und “Outstanding Actor” sowie Outer Critics Circle Award Nominierung als “Outstanding Off-Broadway Musical”.
The Last Five Years Foto: Martin Bruny
In der Wiener Kammeroper ist, und das ist eine Ideallösung, die englischsprachige Originalversion zu sehen. Es spielen Rob Fowler (Jamie) und Caroline Frank (Catherine). Die Musikalische Leitung hat Michael Schnack übernommen, Alonso Barros zeichnet für Inszenierung und Choreographie verantwortlich.

Gloria Theater Wien: Little Shop of Horrors

Little Shop of Horrors; Foto: Martin Bruny

Es gibt sie noch, die Musical-Ãœberraschungen. Das Wiener Gloria Theater ist (noch) nicht dafür bekannt, eine Heimstätte für Musicalevergreens zu sein, eher schon für Boulevard und Komödien - mit den alten Publikumslieblingen wie beispielsweise Götz Kauffmann, Peter Lodynski oder Brigitte Neumeister als Zugpferde. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Am 16. November 2007 feierte jedenfalls im Gloria Theater Howard Ashmans & Alan Menkens Show “Little Shop of Horrors” Premiere, eine liebenswerte Version in einem gelungenen wunderbar verspielten altmodischen Bühnenbild (Robert Sinn, Gerold Kubitschek) mit knallig grünblau designten fleischfressenden Audreys II in verschiedensten Entwicklungsstufen bis hin zur riesengroßen fleischfressenden Furie, in einer Inszenierung von Gerhard Ernst, der, und das muss man bei den Versionen, die bisher in Wien zu sehen waren, fast betonen, auch den Schauspielszenen in diesem Musical die angemessene Beachtung zukommen lässt. Gerade bei “Little Shop of Horrors” erkennt man oft die Tendenz, die Schauspielszenen entweder aufs Notwendigste zu kürzen oder in furiosem Tempo runterzunudeln. Das ist bei der Version des Gloria Theaters nicht der Fall. Da ist es vielleicht ganz gut, an diesem Theater eine Art Crossover-Produktion von Boulevard und Musical zu haben, in der Wert auf gut getimte Pointen gelegt wird, vor allem vom Prinzipal des Hauses, Gerald Pichowetz.

Little Shop of Horrors; Foto: Martin Bruny

Mit Pichowetz in der Rolle des Blumenladenbesitzers Mr. Mushnik steht der Direktor des Gloria Theaters selbst in einer Hauptpartie auf der Bühne und gibt die Rolle mit fein einstudierter Mimik und Gestik, mit wunderbarem jiddischen Akzent, was dem Ganzen zusätzliches Flair verleiht - auch das eine Facette, die man nicht in jeder Produktion hört. Und auch eine flotte Tanzszene legt er gemeinsam mit Gernot Kranner (in der Rolle des Seymour) auf die Bühne, choreographiert von Cedric Lee Bradley, der damit einmal mehr beweist, dass man mit dem nötigen Know-how auch vermeintlichen Nichttänzern einen unpeinlichen und durchaus schwungvollen Tanzauftritt auf den Leib schneidern kann.

Little Shop of Horrors; Foto: Martin Bruny

Little Shop of Horrors; Foto: Martin Bruny

Gernot Kranner als “schüchterner Lehrling” Seymour ist ein schwieriger Fall. Im Prinzip könnte man es sich einfach machen und sagen, dass die Rolle mit ihm nicht altersadäquat besetzt ist, doch man nimmt Kranner den Seymour zum Teil durchaus ab, vor allem, was sein Schauspiel betrifft. Dass er einen Pepi trägt, damit man ihm die von der Rolle geforderte jugendliche Kraft oder auch Tollpatschigkeit bis in die (falschen) Haarspitzen ansieht, ist nicht das Problem. Es liegt schon eher daran, dass Seymours Songs nicht wirklich zu Kranners Stimme passen, denn den Körper kann man mit allerlei Mittelchen auf jung trimmen, aber die Stimme? Auch schien Kranner zumindest bei der Premiere nicht ganz wohl in seiner Haut zu sein, nicht ganz in der Rolle, aber das mag ein tatsächlich viel zu subjektiver Eindruck sein. Freilich kann es auch daran liegen, dass bei dieser Vorstellung in der ersten Reihe Mitte drei ältere Damen saßen, die sozusagen ohne Rücksicht auf Verluste ihre eigene, ganz private Show abzogen und ein Benehmen an den Tag legten, wie ich es in all den Jahren, die ich ins Theater gehe, noch nie erlebt habe. Die drei Damen könnten buchstäblich aus dem “Kaisermühlenblues” stammen. Im tiefsten Wiener Slang waren sie sich nicht zu dumm, fast jede Szene zu kommentieren oder sogar Vorschläge auf die Bühne zu brabbeln, wie ihrer Meinung nach die Handlung weitergehen könnte. Vielleicht mag es ja zu seiner Rolle gehören, aber als Mat Schuh als sadistischer Zahnarzt Dr. Orin Scrivello endlich das Zeitliche segnete und röchelnd zu Boden ging, zeigte er mit der rechten Hand, quasi als schene Leich, in Richtung der drei lärmenden Hausmeisterinnen den Stinkefinger. Wäre fast zu schön, wenn das eine spontane Geste gewesen wäre, aber letztlich blieb sie ohnedies ohne Wirkung, denn die drei waren schon dabei, eifrig Ratschläge zu geben, was Gernot Kranner denn als nächstes tun sollte. Gaben sie Kranner vor ein paar Sekunden noch lauthals den Rat “DASCHIESS EAM”, fragten sie ihn nun: “NA WOS MOCHST JETZA?”

Little Shop of Horrors; Foto: Martin Bruny

Mat Schuh als Dr. Orin Scrivello ist eine helle Freude. Der Vollblutentertainer entert die Bühne auf eine Weise und mit einem Gesichtsausdruck, den man wohl nur dann schafft, wenn man einen Blutdruckwert von 280 zu 140 hat und in ein Paar sensiblen Körperteilen Elektroden stecken, die sämtliche Gesichtsmuskeln gleichzeitig in alle vier Himmelsrichtungen reißen. Was immer Schuh vor seinem Auftritt getan hat, er sollte es sich patentieren lassen. Nicht mal ein Jim Carrey bekommt eine solche Mimik ohne Special Effects hin. Schuh war eindeutig eines der Glanzlichter dieses Premierenabends.

Little Shop of Horrors; Foto: Martin Bruny

Die Rounder Girls (Tini Kainrath, Kim Cooper und Lynne Kieran) geben als Crystal, Chiffon und Ronnette quasi ein Dacapo jener Rollen, die sie seinerzeit schon im Wiener Metropol spielten. Dieses Mal stimmlich noch überzeugender, sympathisch und mit witzigen wienerischen Einwürfen.

Little Shop of Horrors; Foto: Martin Bruny

Der Star des Premierenabends war Caroline Vasicek. Wenn man von ihr das typische lispelnde hysterische Blondinchen erwartet hätte, wäre man vermutlich enttäuscht. Weder lispelt sie übertrieben noch gestaltet sie ihre Rolle als Zerrbild eines billigen Blondinenwitzes. Was sie jedoch abliefert, sind wunderbare Interpretationen ihrer Songs. Da hört man im Theater keinen Mucks, bis zur letzten Reihe lauscht man dem sanften weichen Ausklingen von Liedern wie “Im Grünen irgendwo”. Sie verleiht ihrer Rolle weniger den Charakter einer Comicfigur, wie das bei vielen Inszenierungen des “Kleinen Horrorladen” der Fall ist, sondern gestaltet sie glaubhaft und berührend, auf jeden Fall auf ihre ganz eigene Weise.

Little Shop of Horrors; Foto: Martin Bruny

Der kleine und am Ende ganz große Pflanzenschreck Audrey II wird von Eddie Cole gesungen, einem Original-Mitglied der legendären US-TV-Show “Soul Train”. Als Sänger hat Cole mit Größen wie Diana Ross, Aretha Franklin, Tom Jones, The Pointer Sisters, Chaka Khan und Prince zusammengearbeitet. Cole ist ein begnadeter Soulsänger, und was den Gesang betrifft, liefert er eine perfekte Leistung beim “Kleinen Horrorladen” im Gloria Theater ab. Ein kleines Handicap hat er leider: Man versteht ihn relativ schlecht, wenn er Texte in deutscher Sprache singt. Noch dazu scheint ausgerechnet bei ihm die Tonregie (Walter Berger), die bei allen übrigen Darstellern ausgezeichnete Arbeit geleistet hat, keinen Weg gefunden zu haben, seine Gesangspassagen klarer auf die Bühne zu bekommen.

Die Band, bestehend aus Mario Pecoraro (Keyboard), Bernhard Eder (Keyboard), Juan Garcia (Bass), Christoph Helm (Gitarre), Michael Höglinger (Gitare) und Silvio Berger (Drums) liefert einen soliden Klangteppich, manchmal leiern die Synthis ein bisschen zu sehr, aber an und für sich macht man das Beste aus den Gegebenheiten.

Der “Kleine Horrorladen” im Floridsdorfer Gloria Theater ist ein Hit, den man nicht versäumen sollte.

Gloria Theater: “Little Shop of Horrors” - “Der Kleine Horrorladen”
Buch und Liedtexte: Howard Ashman
Deutsch von Michael Kunze
Musik: Alan Menken
Nach dem Film von Roger Corman
Drehbuch von Charles Griffith
Bühnenrechte: Gallissas Theaterverlag

Premiere: 16. November 2007 (Vorstellungen bis zum 27. Dezember)
Regie: Gerhard Ernst
Musikalische Leitung: Mario Pecoraro
Choreographie: Cedric Lee Bradley
Bühnenbild: Robert Sinn, Gerold Kubitschek
Kostümbild: Barbara Langbein
Maske: Harry Pfeifer, Wolfgang Haller
Inspizienz: Franz Mifkovic
Regie-Assistenz: Kirsten Rochhart
Licht: Thomas Feratova
Ton: Walter Berger

Seymour: Gernot Kranner (Leopold Paul Dallinger)
Audrey: Caroline Vasicek (Sandra Högl)
Mr. Mushnik: Gerald Pichowetz (Peter Faerber)
Dr. Orin Scrivello: Mat Schuh (Chris Kaye)
Crystal: Tini Kainrath
Chiffon: Kim Cooper
Ronnette: Lynne Kieran
Audrey II: Eddie Cole
Mrs. Luce: Kathrin Unterrainer
Sandler/Reporter: Rochus Millauer

Keyboard: Bernhard Eder, Mario Percoraro
Bass: Juan Garcia
Gitarre: Christoph Helm, Michael Höglinger
Drums: Silvio Berger

Karten & Information:
Online: tickets.jet.at
Hotline: +43 1 278 54 04
Fax: +43 1 278 54 04 4
Adresse: Gloria Theater, Prager Straße 9, 1210 Wien

Wiener Stadthalle: Carmen Cubana, a latin pop opera

Am 13. September 2007 feierte das Musical “Carmen Cubana” in der Halle F der Wiener Stadthalle als Tourproduktion seine Wien-Premiere.

In Anlehnung an die Novelle von Prosper Mérimée und Georges Bizets Oper erzählt das Stück die Geschichte der verführerischen Carmen, projiziert die ursprünglich in Sevilla spielende Handlung jedoch auf Kuba und den US-Stützpunkt Guantánamo.
1994 versuchen mehr als 30.000 Kubaner, mit Booten nach Miami zu flüchten. Unter ihnen ist Carmen, die in Amerika als Sängerin Karriere machen will. Das Floß mit ihr und ihrer Familie kentert, sie werden von amerikanischen Soldaten verhaftet und mit anderen Flüchtlingen nach Guantánamo gebracht. Dort verführt sie den schüchternen Soldaten Joe (bei Bizet José), der ihr schließlich aus Liebe zur Flucht verhilft. Zurück auf Kuba verlässt Carmen Joe und lässt sich mit dem Pop-Sänger Escamillo ein, um ihren Traum von der großen Bühne, Berühmtheit und Luxus zu verwirklichen.

“Carmen Cubana” überzeugt am meisten, wenn Bühnenpersönlichkeiten wie Walter Reynolds (Lilas Pastia), Alvin Le-Bass (Sergeant Cooper) oder Dennis Le Gree (Rum) performen. Nehmen wir als Beispiel das groovige “Nothing is for free”, gesungen von Dennis Le Gree - ein Highlight von “Carmen Cubana”. In solchen Momenten hebt das Musical ab und erreicht Qualitäten einer perfekten R’n'B-Show. Hier verlassen sich Beat For Feat auf ihre wahre Stärke: auf das Redesign von Grooves & Sounds. Musterbeispiel für gutes Redesign: “L’amour est un oiseau rebelle”, die berühmte Arie aus Georges Bizets “Carmen”, die auf einer der populärsten Habaneras, “El arreglito”, beruht. Für ein paar Sekunden bauen Beat For Feet da eine Rhythmussequenz ein, die den Weg hätte weisen können und zeigt, was alles möglich gewesen wäre, um dann zwar in eine gute groovige Version einzumünden, aber letztlich doch eher konventionelle Neubearbeitung. “Habanera” hätte etwas wirklich Großartiges werden können innerhalb von “Carmen Cubana”, so ist immer noch ein stimmiges Redesign herausgekommen.

Carmen Cubana

Nicht immer ganz glücklich sind die Versuche geraten, opernhafte Elemente in diese Latin Pop Opera zu flechten. Weder hat Lana Gordon in dieser Hinsicht bestechende Qualitäten, noch passen gesynthesizerte Violinverwaberungen in den dominierenden Latin Rhythm Sound von “Carmen Cubana”. Das könnte man schon machen, aber dann müssten echte Streicher her und eine andere Carmen, die auch klassisch geschult ist. In diesen Passagen klingt Gordon seltsam dünn. Manche Zitate aus Bizets “Carmen” sind nett gemeint, aber letztlich im Rahmen des Gebotenenen dann doch eher Schnickschnack. Musterbeispiel: “Lena”, eine schöne, groovige Nummer, ein wenig im Earth, Wind & Fire-Stil, die kein “Carmen”-Zitat nötig gehabt hätte. Keine schlechte Idee wäre es übrigens gewesen, anzumerken, welche Songs tatsächlich neu für die Show geschrieben beziehungsweise welche Zitate für die einzelnen Songs verwendet wurden. Ein idealer Platz für diese Infos wäre das Programmheft gewesen.

Punkten kann “Carmen Cubana” vor allem auch mit Balladen, selbst wenn diese teilweise zu sehr zu Whitney-Houston-Soundalikes gestaltet wurden. “The Rose Song”, gesungen vom souveränen Rob Fowler, hat seine Qualitäten ebenso wie “If I had to do it all again”, sehr schön von Lana Gordon interpretiert, auch wenn man hier Whitney Houston fast schon mitsingen hört.

Carmen Cubana

Der größte Minuspunkt der Produktion sind die Dialoge. Wenn man die Darsteller bei den in englischer Sprache performten Songs besser versteht als bei den in deutscher Sprache gesprochenen Dialogen, ist etwas schiefgegangen. Es wirkt manchmal so, als würden die Musicalsänger nicht einmal wissen, was die Worte, die sie aufsagen, bedeuten. Sie betonen falsch, haben eine völlig kervehrte Satzmelodie und rauben sich selbst auf diese Weise jeglichen dramatischen Effekt. So wirkt “Carmen Cubana” in den Dialogszenen manchmal wie eine Schüleraufführung. Schade. Das “burst out in song”-Phänomen wird hier in ein “burst out in dialogue”-Phänomen transferiert. Vielleicht hätte man ein bisschen radikaler sein müssen und eine gänzlich englischsprachige Version produzieren sollen. Wenn dann noch, wie in der Schlussszene, die Regie danebengreift, hat das Konsequenzen. Joe ersticht Carmen, ohne dass diese Szene tatsächlich effektvoll gestaltet wurde. Fast hat man den Eindruck, dass sich Regisseurin Kim Duddy an diesem tragischen Ende vorbeischwindeln wollte, um die gute Laune nicht zu massakrieren. Ein paar Sekunden später ist die Show auch schon vorbei und das Publikum ratlos, bis dann eine schmissige Zugabe den Showkarren wieder auf Touren bringt.

Hervorragend und mitreißend die Tanzszenen, bei denen Kim Duddy in ihrer Funktion als Choreographin ihre Qualitäten voll ausspielen kann. Man spürt die Energie des Ensembles, und das könnte theoretisch sogar ansteckend sein, allerdings sind wir in Wien, und da sitzt man doch eher auf seinem Sesselchen und schaut anderen beim Tanz zu. Aus dem Tanzensemble hervorstechend: José Wanderley. Er ist in den meisten Szenen purer Tanz, wie man es sehr selten erlebt. Sprühend im Ausdruck und äußerst präzise, ein Ausnahmetalent. Am Schluss hält es an doch niemanden in den Sitzen: Standing Ovations!

Carmen Cubana

Für eine Tourproduktion sind die Kulissen sehr ordentlich und multifunktional ausgefallen, Andrew Follers Lichtdesign sorgt für viel Abwechslung und interessante Nuancen.

“Carmen Cubana” ist in der Halle F der Wiener Stadthalle zu sehen. Die Halle F dient seit Anfang 2006 als Alternativlocation zur großen Halle D der Wiener Stadthalle. Bietet die Halle D bis zu maximal 16.000 Besuchern Platz, hat man in der Halle F für rund 2000 Zuschauer eine Showbühne geschaffen, die wenig bekanntere Pop- und Rock-Acts heutzutage füllen können. Sicher ist diese Halle auch für Musicals geeignet, allein man müsste zwei Dinge beachten. Der Ton müsste besser ausgesteuert werden. Wie, ist mir als Konsument egal. Von einer modernen Halle erwarte ich mir, dass der Sound glasklar ist und nicht schlechter als im Happel-Stadion. Ich möchte keinen Hall bei Sprechszenen und keine Trommelfellverletzung bei den Songs (insofern enthalte ich mich beim Sounddesigner von “Carmen Cubana”, Andreas Frei, der Stimme).
Zweitens müsste die Ticketpreisgestaltung adaptiert werden. Sowohl die ganz rechte als auch die ganz linke Tribüne sind zumindest in den ersten Reihen Positionen mit Sichtbehinderung. Diese Plätze der teuersten Kategorie zuzuordnen, ist fahrlässig. Man hat in den ersten Reihen eine “Säule” vor sich, und wenn man Pech hat, einen Fotografen, der tatsächlich glaubt, direkt an der Bühne stehen zu müssen. Das ist, mit Verlaub, eine Zumutung, vor allem, wenn man weiß, welche Anweisungen Fotografen erhalten. Sitzt man ganz rechts beziehungsweise ganz links, hat man auch keine Möglichkeit, die ganze Tiefe der Bühne zu erfassen. Man nimmt also alles bruchstückhaft auf. Da müssen sich die Verantwortlichen sicher mal Gedanken machen, ob das Sinn macht, den vollen Preis abzukassieren.

Carmen Cubana

Fazit: Alle, die bei Tourproduktionen normalerweise mit allergischen Reaktionen zu kämpfen haben und die eine oder andere dieser Shows schon mal fluchtartig verlassen haben, können sich an “Carmen Cubana” vielleicht kurieren. Das Level ist recht hoch, die Darsteller zwar keine Household Names, aber immer für eine Ãœberraschung gut. Und, was nicht unwesentlich ist: Nach all den Dramen, die man in Wiener Musicals oft geboten bekommt, ist man am Ende dieser Show mit Sicherheit besser gelaunt als am Anfang.

Carmen Cubana - a latin pop opera
Nach der Novelle von Prosper Mérimée und der Oper „Carmen“ von George Bizet

Kreativteam
Buch: Kim Duddy
Musik: Martin Gellner & Werner Stranka
Regie & Choreographie: Kim Duddy
Musikalische Leitung Martin Gellner & Werner Stranka / Beat 4 Feet
Dt. Buch: Mike Majzen
Bühne: Walter Vogelweider
Kostüme: Robert Schwaighofer
Lichtdesign: Andrew Voller
Tondesign: Andreas Frei
Produzent: Peter Fröstl / mc events & musicpromotions Gmbh
Produktionsleitung: Ulrike Bruckner / mc events & musicpromotions Gmbh

Cast
Carmen: Lana Gordon
Joe: Rob Fowler
Escamillo: Ruben Heerenveen
Lilas Pastia: Walter Reynolds
Francesca: Kudra Owens
Mercedes: Jacqueline Braun
Rum: Dennis Le Gree
Sergeant Cooper: Alvin Le-Bass
Morales: Pehton Quirante
Chuck: Steven Seale
Sam: Dominik Hofbauer
Jimmy: Andras Simonffy
Gabriella: Kenia Bernal Gonzales
Rum’s Girl: Michelle Marier
Rum’s Girl: Karen Henry
Rum’s Girl: Ines Hengl-Pirker
Rum’s Girl/Dance Captain: Lorna Dawson
Alicia: Laura Fernandez
Margarite: Carla Weissmann
Cousin Carlos: Brian Carmack
Juan: Hugo Cortes
Barato: Jose Wanderley

Band
Gitarre: Martin Gellner (Musical Director), Ariel Ramirez, Pedro Tagliani
Bass: Peter Schönbauer, Mathias Petereit
Keyboards: Martin Payr, Bernie Eder
Drums: Shayan Fathi, Florian Holoubek

Volkstheater Wien: »Cabaret«

Hilde Sochor und Heinz Petters. Foto: Volkstheater

Die Frage ist: Würde das Volkstheater am Broadway liegen und hätte “Cabaret” da seine Uraufführung erlebt, wäre dann jemals eine Cast-CD erschienen? Man kann Musicals in verschiedensten Inszenierungen auf die Bühne stellen, aber man sollte doch nie darauf vergessen, sie doch mehr als ein kleines bisschen Musical bleiben zu lassen.
“Cabaret” im Volkstheater ist gefühlsmäßig viel mehr in Richtung Franz Antels “Bockerer” getuned als in Richtung von Kander/Ebbs Kultshow. Wobei nichts dagegen spricht, filmreife Szenen auf die Bühne zu zaubern: Wenn am Ende des ersten Akts die Nazifahnen “im ganzen Theater” (subjektiver Eindruck) wehen (auch subjektiv, weil sie ja einfach nur runterhängen, aber da greift die Inszenierung), dann ist das einer der guten Momente in der Show. Gut im Sinne von wirkungsvoll. Eine Reihe von wirkungsvollen Momenten war auch scheinbar das Hauptanliegen des Regisseurs. Da ist am Anfang die “Szene am Flugfeld”, die sich bei jedem Zuschauer nur im Kopf abspielt, weil auf der Bühne eigentlich ja nicht mehr als dunkles Schwarz zu sehen ist, in den Erinnerungsfetzen im Kopf aber alles an Flughafenszenen abläuft, was man je live und im TV/Kino erlebt hat, endend bei “Casablanca”. Wenn der Vorhang dann aufgeht und man den alten schmuddeligen Kit-Kat-Klub sieht, dann ist auch das großes Kino. Eine Szene geht fließend in die andere über, die Theatermaschine schnurrt und funktioniert. Man kann also der Inszenierung in diesen Punkten keine großen Vorwürfe machen - der Rahmen, in dem sich eine perfekte Musicalshow abspielen könnte, ist durchaus gegeben, aber … wenn dann die Darsteller ins Spiel kommen, beginnen die Probleme.
Die “Bill”, einer der Stars der Produktion, war schon in der zweiten Vorstellung abwesend, ihr Understudy Katharina Straßer hat zwar die Looks, aber stimmlich ist sie alles andere als beeindruckend. Star wird man nicht, indem man eine Rolle spielt, die Starqualitäten fordert, die Ausstrahlung eines Stars bringt man mit oder nicht (zum jeweiligen Punkt der eigenen Karriere in einem gegebenen Stück). Straßer ist weit entfernt davon, in “Cabaret” diese Starqualitäten servieren zu können. Sie meistert die Schauspielszenen überzeugend, aber “Sally Bowles” ist sie keine. Stimmtechnik, Interpretation, Auftreten, Mimik, Gestik - all das ist bei Straßers “musicalischen” Darbietungen mehr als ausbaubar. Noch in der Pause rätselten einige Besucher des Volkstheaters: “Wann kommt denn die Bill? Das muss aber eine kleine Rolle sein!” Sie hatten nicht bemerkt, dass Bills Understudy längst an der Arbeit war. Und, meine Güte, wenn man das Stück nicht kennt, man kann es ihnen fast nicht verdenken. Ich kann Michael Schottenbergs Argument, mit dem er seine Besetzungsstrategie begründet, nachvollziehen, wenn er meint, dass es sicher viele Zuschauer interessiert, wie sich ihre Lieblinge, die sie aus den Sprechstücken kennen, in einem Musical machen, aber “Sally Bowles” so zu besetzen, ist, natürlich nur rein musicalisch gesehen, fahrlässig. Straßers Erfahrung mit dem Genre Musical, nachzulesen auf der Website ihrer Agentur, beschränkt sich auf “mehrere Musicals als Kind in Innsbruck”. Mehr ist dazu dann auch nicht zu sagen. oder doch, eines noch. Es liegt nicht so sehr an der Stimme als an der Art und Weise, wie Straßer “Sally Bowles” anlegt. Man könnte sich durch diese Rolle vermutlich auch mit einer noch schlechteren Stimme kämpfen und doch als Star über die Rampe kommen. Betrachtet man das Ganze von dieser Angelegenheit, würde das Problem wiederum im Bereich des Schauspiels liegen. Das wahre Problem ist einfach, dass man für die Rolle der “Sally Bowles” eine Entertainerin sein muss oder zumindest so ausgebildet, dass man eine spielen kann. Maria Bill hat das drauf, so wie auch, kein charmanter Vergleich, aber wurscht, Johannes Heesters, der sich auch noch mit 185 Jahren ein kleines Zigarettchen anzünden würde als Graf “Danilo Danilowitsch” in “Die lustige Witwe”. “Sally Bowles” in der Broadway-Uraufführung 1966 von “Cabaret” wurde von Jill Haworth nicht als “First Class Entertainerin” gezeichnet wie jene “Sally Bowles”, die Liza Minnelli in der Verfilmung von 1972 gegeben hat, aber immerhin als Entertainerin, wenn auch als zweit- oder drittklassige. Katharina Straßer ist mehr die Unschuld vom Land als der verruchte Kit-Kat-Vamp.

Marcello de Nardo, der den Conférencier (und Grenzbeamten) gibt, kann man nun Musicalerfahrung nicht absprechen, auch wenn es einige Jährchen her ist. Ganz sicher ist auch seine Interpretation eine mögliche, aber es hat etwas von einer gewissen Derbheit, die eher an einen schmierigen Zuhälter erinnert als an jenes androgyne Wesen, das man von manchen Darstellern dieser Rolle kennt. Gewiss, das ist Absicht, und wenn man die insgesamt unsexieste Version von “Cabaret” wählen würde, die Schottenbergsche Inszenierung würde haushoch gewinnen.

Das große Problem bei der Volkstheater-Version von “Cabaret” ist die Lieblosigkeit, mit der manche Lieder von Kander/Ebb über die Bühne kommen. Wie viel man aus den Songs rausholen kann, ist jederzeit nachzuhören, beispielsweise auf dem Original Soundtrack der Verfilmung mit Liza Minnelli oder jeder x-beliebigen Cast-CD. Da liegen interpretatorisch Welten dazwischen. Und das muss nicht sein. Wir haben in diesem Land genügend ausgebildete Musicaldarsteller, die singen und schauspielen können, und trotzdem in Würschtlbuden oder sonstwo jobben, um über die Runden zu kommen.

Raphael von Bargen als Clifford Bradshow, spielt brav und blass. Heike Kretschmer holt fast das Maximum aus ihrer Rolle “Fräulein Kost”. Die Kit-Kat-Girls sind ganz nett anzusehen, aber nicht in einer Liga mit dem, was man sich normalerweise tänzerisch und gesanglich erwartet. Susa Meyer hat den Damen eine Choreographie maßgeschneidert, die sie in keinem Augenblick überfordert - man darf auch hier nicht vergessen, dass man es großteils mit Schauspielern und nicht mit ausgebildeten Musicaldarstellern zu tun hat.

Kommen wir zu den wahren Stars von “Cabaret”: zwei Wiener Volksschauspieler, Hilde Sochor und Heinz Petters. Sochor als Pensionswirtin Fräulein Schneider und Heinz Petters als jüdischer Obst- und Gemüsehändler Schultz brillieren in jeder ihrer Szenen. Dass die beiden Publikumslieblinge für diese Produktion engagiert wurden, kommt nicht von ungefähr. Es scheint durchaus Strategie zu sein, mit Hilfe einiger Stars das Theater zu füllen. Das ist beliebt, das funktioniert weltweit für eine gewisse Anzahl von Vorstellungen immer, so auch im Fall von “Cabaret”. Heinz Petters und Hilde Sochor haben Verehrer, Fans, wie immer man das bezeichnen mag - sie werden vom Publikum geliebt, und da geht man sich schon mal das neue Stück ansehen, in dem sie spielen. “”Cabaret”? Da gabs doch mal einen alten Film vom Willi Forst, oder? Ach is das nett, dass sie den jetzt im Volkstheater als Stück bringen.” So in etwa kann man sich das vorstellen. Und seien wir ehrlich, nicht mal die Erwartungshaltung eines 95-jährigen Sochor-Fans wird durch dieses “Cabaret” enttäuscht, denn die Songs stören kaum. Sie sind Beiwerk, wie in den alten Kinofilmen, wenn Hans Moser mal die Ballade von der Reblaus anstimmt. “Cabaret” im Volkstheater wäre konsequenterweise als urwienerisches Stück zu verwirklichen gewesen, denn die Art und Weise, wie die Thematik Nationalsozialismus gefühlsmäßig transportiert wird, eben vor allem durch die beiden (in dieser Inszenierung) Hauptdarsteller Hilde Sochor und Heinz Petters, hat etwas von der Wehmut, die man eben auch in den besten Momenten von Filmen wie “Der Bockerer” kennt. Die beiden Volksschauspieler können allein mit einer kleinen Geste mehr ausdrücken, als so manch anderer mit einem ganzen Lied. Der dritte Star, neben Hilde Sochor und Heinz Petters, dieser Produktion wäre beziehungsweise ist, wenn sie denn spielt, Maria Bill. Das Drama dieser Besetzungsstrategie: ein dreibeiniger Sessel “funktioniert” nur, wenn alle drei Beine vorhanden sind.

Soundmäßig ist die Volkstheater-Inszenierung eine Zumutung. Werden die Gesangspassagen mit Mikros verstärkt, so ist das bei den Sprechpassagen (natürlich) nicht der Fall. Das Ergebnis ist ein Mischmasch, in dem viele Textstellen schwer verständlich sind, wenn man nicht gerade in den ersten sieben Reihen sitzt - nur die “alten Meister” Sochor und Petters versteht man (natürlich) auch im hintersten Eck des Theaters.

Das Bühnenbild (Hans Kudlich) ist ein Traum, gut durchdacht, zum Teil sehr üppig und bis in die Einzelheiten mit Liebe gestaltet. Es ist auch der Wille zu spüren, zumindest zu versuchen, das ganze Theater in einen riesigen Kit-Kat-Klub zu verwandeln, was natürlich scheitern muss bei einem Repertoirebetrieb.

Das Beste, was man normalerweise über Kostüme (Erika Navas) sagen kann, ist ja, dass sie nicht weiter auffallen, weil sie einfach so stimmig sind. Das trifft in diesem Fall zu. Sie sind stimmig, passen in die Zeit, in der die Handlung spielt. Qualitätsarbeit.

Das Kit-Klub-Orchester unter der Leitung von Herbert Pichler bleibt dezent im Hintergrund und liefert guten Sound zu oft mittelmäßigem Gesang. Eine kleine Tragödie.

Fazit: Drei Stars am Wiener Volkstheater, eine gelungene Inszenierung mit vielerlei Grellem, ein perfektes Set in einem Musical, das mehr Schauspiel als Musical ist. Dennoch sehenswert. Mit Karten wird es allerdings schwer, denn das Stück hat sich zum Renner gemausert. Musicals füllen die Theater in Wien, man muss nur wissen, wie.

Cabaret
Musical nach “Ich bin eine Kamera” von John van Druten und Erzählungen von Christopher Isherwood
Buch: Joe Masteroff
Musik: John Kander
Texte: Fred Ebb
Deutsche Ãœbersetzung: Robert Gilbert
Fassung von Chris Walker 1997

Kreativteam
Regie: Michael Schottenberg
Bühne: Hans Kudlich
Kostüme: Erika Navas
Musikal. Einrichtung/Leitung: Herbert Pichler
Choreographie: Susa Meyer
Dramaturgie: Hans Mrak
Regieassistenz: Kristina Burchhart
Bühnenbildassistenz: Kerstin Bennier
Kostümassistenz: Tina Hildenbrandt
Ton: Bernhard Sodek
Korrepetition: Herbert Pichler/Bernhard van Ham
Inspizienz: Franz Puzej, Sigmar Kusdas
Souffleuse: Romy Martinis

Cast
Maria Bill/Understudy Katharina Straßer (Sally Bowles)
Jennifer Frank (Lulu)
Katarina Hartmann (Dolly)
Amelie Hois/Oscar Schöller (Ein Kind)
Annette Isabella Holzmann (Topsy)
Heike Kretschmer (Fräulein Kost)
Rita Sereinig (Swing/Dance Captain)
Hilde Sochor (Fräulein Schneider)
Doris Weiner (Helga)
Raphael von Bargen (Clifford Bradshaw)
Peter Becker (Ernst Ludwig)
Andy Hallwaxx (Horny)
Christoph F. Krutzler (Rausschmeißer/Gorilla)
Marcello de Nardo (Conférencier)
Heinz Petters (Herr Schultz)

Kit-Kat-Orchester
Herbert Pichler/Bernhard van Dam (Piano), Klaus Göhr/Rudolph Fischerlehner (Schlagzeug), Johannes Strasser/Heinrich Werkl (Kontrabass), Gerald Preinfalk/Romed Hopfgartner (Blasinstrumente), Alexander Shevchenko/Alen Dcambix (Akkordeon)

Gäste im Kit-Kat-Klub/Matrosen
Leopold Böhm, Gerhard Fuchs, Erich Gratzl, Marco Herse, Wolfgang Kandler, Jürgen Kapaun, Mathias Messner, Stefan Pohl, Tobias Strohmaier, Robert Weixler

Tickets: www.volkstheater.at

Raimund Theater Wien: “Jesus Christ Superstar” 2007

Walter Lochmann Superstar

“Jesus Christ Superstar” regiert derzeit am Wiener Raimund Theater. Die Vorstellungen vom 6. und 7. April 2007 sind geschlagen, noch einmal geht der Vorhang auf, und zwar am 9. April 2007 um 19:30. Ein paar Beobachtungen zu den beiden ersten Vorstellungen im Folgenden.

Ich bin Purist. Zumindest, wenn es um “Jesus Christ Superstar” geht. Ich möchte “Gethsemane” so hören, wie es Ian Gillan und noch viel intensiver Ted Neeley Anfang der 1970er Jahre für alle Zeiten geprägt haben. Vorbilder, an denen jeder scheitern muss? Na sicher nicht. Drew Sarich hat 2005 eine verdammt gute Version von “Gethsemane” im Wiener Ronacher auf die Bühne gezaubert, Yngve Gasoy Romdal im Jahr davor ebenso, auch Rob Fowler, 2006 im Wiener Raimund Theater. Manchmal ist es gescheiter, verlockende Angebote nicht anzunehmen, und ich bin mir nicht sicher, ob Rasmus Borkowski (geboren 1980) 2007 nicht gut daran getan hätte zu sagen: “Leute, vielen Dank für das Angebot, aber die Rolle spiele ich vielleicht in zehn Jahren, wenn überhaupt.”
Um den Jesus zu spielen, braucht man eine Stimme, die man im entscheidenden Moment der Show, im entscheidenden Moment des Songs “Gethsemane” frei lassen muss, zumindest scheinbar frei lassen muss, für den Zuhörer unbemerkbar kontrolliert. Die Stimme muss vor Verzweiflung gequält in den Himmel steigen. Nichts sonst zählt in dieser Show, überspitzt formuliert. Kaum ein anderer Musicalsong ermöglicht so viele Möglichkeiten der Interpretation. Es ist die entscheidende Szene im ganzen Musical. “Gethsemane” ist eine Nummer, bei der der Darsteller völlig allein gelassen ist, er allein hat es in der Hand, mit seinem Können aus dem Abend etwas Besonderes zu machen, an das man sich noch Jahre danach erinnert. So war es bei Gasoy Romdals Version, so war es bei Drew Sarich, weniger schon bei Fowler, und Borkowskis Version ist bereits am Tag danach vergessen.
Es ist ja nicht so, dass die Master-Interpretationen aus Jux und Tollerei derart gestaltet wurden. Die Leute haben sich schon etwas dabei gedacht. Wenn man die Höhen, die “Gethsemane” verlangt, nicht hat, soll man doch einfach die Finger von der Rolle lassen. Das wusste Steven Seale unlängst in Amstetten nicht zu beherzigen und Rasmus Borkowski 2007 im Raimund Theater auch nicht. Putzig sind dann immer wieder die Verteidigungsversuche der Fans, die meinen, dass ihre Idole eben genau das singen würden, was “in der Partitur steht”. Selbst wenn das so wäre, würde es nicht reichen, nicht mal bei “Heidi” oder “Schneewittchen”. Einfach zu singen, was steht, einfach zu sprechen, was im Text steht, das geht nicht mal bei einer Schüleraufführung. Die Zeit freilich ist auf Seiten der “Fans”. Mit zwölf oder vierzehn Jahren hat man “Gethsemane” vermutlich noch in keiner anderen Version gesehen oder gehört, und die Devise lautet “Trau keinem über 20″, also ist Borkowski eh schon praktisch Vaterfigur. Aber das gilt eben nur für die Hardcore-Fans.
Rasmus Borkowski gestaltet, neben den stimmlichen Gegegebenheiten, seinen Jesus als verinnerlichten Traumtänzer, er betritt nicht die Bühne, er tappst auf die Bretter des Raimund Theaters, versucht Fuß zu fassen und scheitert doch in jedem Moment. Die Probezeit scheint zu kurz gewesen zu sein, um die Figur Jesus mit mehr Charakter zu füllen, um mehr an Mimik zu entwickeln, einfach der Figur Glaubwürdigkeit zu verschaffen. So positiv Rasmus Borkowski bei “Mozart!” überrascht hat, so negativ hat er das bei “Jesus Christ Superstar” getan.
Stefan Cerny als Kaiphas hätte sicher Chancen, als Motiv für die ulkigste Postkarte der Welt, gleich nach dem Mann, der seine Nase in den Mund nehmen kann, gecastet zu werden. Was er in dieser Rolle für eine blasierte Mimik aufsetzt, wohin er seine Augenbrauen verzieht, das ist reif fürs “Guiness Buch der Rekorde”. Mit Schauspielkunst hat das wenig zu tun.
Noud Hell als Petrus macht einen sympathischen Eindruck. Mehr geht nicht, aber das liegt an der Inszenierung. Mehr hat auch Roman Straka, sein Vorgänger, aus der Rolle nicht herausholen können. “Could we start again, please”, sein Duett mit “Maria Magdalena” Caroline Vasicek, bringt er doch gut über die Rampe.
Caroline Vasicek gibt eine mitfühlende, überzeugende, wohlig klingende Maria Magdelena. Wunderbar gespielt, souverän, bereit, auch tatsächlich mit Jesus zu interagieren, wenngleich Borkowski zu sehr bemüht ist, seinen Gesangspart zu meistern, um auf das Schauspielerische achten zu können.
André Bauer liefert als Pilatus eine solide Leistung. Jacqueline Braun ist wieder als Soulgirl und vor allem als Herodes flott unterwegs. “King Herod’s Song” ist gut serviertes Entertainment, bühnenfüllend, wunderbar.
Sean Gerard als “Judas” enttäuscht nicht gerade, reicht aber an die großen Vorgänger bei weitem nicht heran, die mit Wucht und Verve ihren Part auf die Bühne zu donnern wussten. Der eine oder andere falsche Ton, die für alle sichtbare enorme Nervosität - aber immerhin, er hat es jedenfalls geschafft, ohne sich groß zu blamieren.
Kommen wir zu den Stars des Abends, Walter Lochmann und Max Volt. Max Volt alias Reinwald Kranner hat seinen Künstlernamen gut gewählt. Gilbert Bécaud trug den Spitznamen “Monsieur 100.000 Volt” voller Stolz, Reinwald Kranner IST nun Max Volt, Max “100.000″ Volt. Als Simon legt er mit “Simon Zelotes - Poor Jerusalem” eine Performance voller Energie und Drive auf die Bühne und erhält dafür - zurecht - den meisten Szenenapplaus des Abends. Unvergessen ist nach wie vor Pehton Quirantes Version, anno 2004 im Wiener Ronacher, als er durch den ganzen Saal stürmte und das Publikum buchstäblich von den Sitzen riss. Volt schafft das auch. Er hat das Können, sich in einem Song völlig aufzugeben, und doch die Kontrolle zu behalten, während er sich selbst in Ekstase singt. Große Kunst.
Walter Lochmann schließlich, der Dirigent des Orchesters der Vereinigten Bühnen Wien, ist immer schon ein Gesamtkunstwerk gewesen. Er fängt den Sound des Orchesters wie ein Boxer mit herunterhängenden Armen, nur mit seinem Bauch auf. Stets konzentriert, Herr jedes Tons, bietet er seinen Künstlern eine jederzeit taktangebende Instanz, auf die man sich verlassen kann. Die einzige Gefahr besteht darin, sich als Zuschauer zu sehr auf den Dirigenten zu konzentrieren, und darauf, wie er mit seinem Team, dem Orchester und den Darstellern, interagiert - aber auch das ist wert, gesehen zu werden.
Hannes Muik sorgt bei der Produktion 2007 für die Regie, wobei am Original-Staging von Dennis Kozeluh, der in diesem Jahr leider nicht mit dabei ist, nicht umwerfend viel geändert wurde.
Der Sound im Wiener Raimund Theater nähert sich im zweiten Akt gesundheitsgefährdenden Ausmaßen. Ich mag es laut, aber das war nicht nur zu laut, es war viel zu laut.
Wer immer dafür verantwortlich ist, dass die Rampen von der Bühne in den Zuschauerraum so gelegt wurden, wie sie gelegt wurden: ganz schlechte Idee! Auf den Plätzen links und rechts der Rampen, im Cercle, zu 58 Euro pro Platz, sieht man praktisch nichts. Ganz schlimm erwischt es jene Damen und Herren, die links beziehungsweise rechts sitzen und links beziehungsweise rechts von sich nur mehr den Balken im Blickfeld haben. 58 Euro für 5 Prozent Blickmöglichkeit auf die Bühne, wo sich dann 0 % des Geschehens abspielt. Das ist inakzeptabel.
“Jesus Christ Superstar”, Andrew LLoyd Webbers Rockoper, die 1971 ihre Uraufführung erlebte, ist nach wie vor ein Hit. Begeistern in einem Jahr mal nicht alle Darsteller, so sorgt allein die Musik dafür, dass der Saal tobt. Daher ist auch dieses Jahr ein Triumph am Wiener Raimund Theater zu vermelden. Die wenigen Restkarten für die letzte Vorstellung am Montag werden rasch vergeben sein.

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