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Archiv - 2022

Kevin Clarke (Hg.): Breaking Free (2022)

»Breaking Free« hat Kevin Clarke seinen im Oktober erschienenen Sammelband über »Die wunderbare Welt des LGBTQ-Musicals« genannt. »Breaking Free« ist der Titel eines Songs aus Disneys TV-Film »High School Musical« (2006) und soll, so schreibt der Autor, das »Aufbrechen von Beschränkungen und das selbstbewusste Sich-neu-Finden perfekt« ausdrücken. »Zudem hat High School Musical auch die aktuelle Ära des Musicals in Film und Fernsehen eingeläutet. Mit HSM wurde eine neue Generation von Fans fürs Genre begeistert, nicht nur wegen der Frisur von Zac Efron.«
Im selben Band analysiert Ralf Rühmeier unter dem Titel »This is me. Disney und Diversity« die »Queer-Codierung« des Unterhaltungskonzerns Disney, unter anderem am Beispiel des 2022 veröffentlichten Disney+-Films »Better Nate Than Ever«: »Nate ist offensichtlich schwul. Allerdings fällt in den 94 Filmminuten das Wort gay kein einziges Mal. Dafür gibt es blumige Umschreibungen. […] Wenn sich Nate vor seiner Tante outet, klingt das folgendermaßen: Ich bin der einzige Junge, der den ganzen Text von Corner of the Sky kennt. Das ist nicht schön. Natürlich reagiert die Tante verständnisvoll. Ich verspreche dir, dass du nicht der Einzige bist, der alle Songtexte aus Pippin kennt. Nur ist nicht jeder so mutig, sich allen mitzuteilen.« Laut Rühmeier hat Disney damit in diesem Film das 2022 in Florida von religiös-konservativen Fundamentalisten durchgesetzte (und seit dem 1. Juli 2022 gültige) »Don’t say gay«-Gesetz zu 100 Prozent umgesetzt. In dem Gesetz geht es um eine Reform des Bildungswesens: In Klassenräumen und Kindergärten wird jegliche Diskussion über sexuelle Orientierung und Genderidentität, die nicht der Heteronorm entspricht, bis zur dritten Klasse untersagt. Rühmeier weiter: »Was bedeutet das für die Bühne? Wird die Disney Theatrical Group jemals eine queere Figur in einer ihrer Shows zeigen?«
Das Stichwort Bühne ist wichtig, denn Clarke skizziert, ohne das zu wollen, im Vorwort seines Buchs eigentlich eine recht düstere Zeit für das Musicalgenre an sich – und damit meine ich Musical, das sich dort abspielt, wo es als Liveerlebnis stattfindet: auf der Bühne –, wenn er schreibt: »Diese jugendlichen Fans, die mit Social Media und Internetaktivismus aufgewachsen sind, gehen ganz anders mit Musicals um als die Generationen davor. Sie stellen andere Ansprüche und artikulieren diese anders. Und sie werden von Musicalmacher*innen anders bedient. Musicals sind heute global verfügbar – als Musik bei Spotify und iTunes, gefilmt und über YouTube geteilt, über Streamingdienste, in Diskussionsforen, als Hashtag.« In einem Interview mit dem WDR meinte der Autor unlängst, es sei toll, zu sehen, dass nach den Corona-Lockdowns so viel via Streaming den Weg nach Deutschland gefunden habe, »in Umgehung der Bühnen der Stadt- und Staatstheater und von Stage Entertainment«, die sich an LGBTQ-Themen nicht wagen, weil sie, so Clarke, nicht dürfen oder wollen, keine Schauspieler finden oder nicht glauben, dass sie damit über längere Zeit die Hallen füllen können. – Das scheint mir eine eher dystopische Zukunftsprognose für das Musicalgenre zu sein. Sollten wir nicht eher aufhören, Bühnenerlebnisse mit Filmen und Serien gleichzusetzen?
Clarke verwendet im Buch und in Interviews die Metapher vom Tsunami. So schreibt er, es sei in der angloamerikanischen Musikszene ein »Tsunami von LGBTQ-Stücken ins Rollen gekommen«. Doch ist ein Tsunami nicht stets mit Vernichtung verbunden? Auch in manchen Beiträgen des Autors und Herausgebers ist mitunter diese Tendenz zur Übertreibung auszumachen. Ein Beispiel: Die Musikwissenschafterin Elizabeth Wollman unterrichtet am Baruch College und der City University of New York. Sie ist spezialisiert auf die Geschichte des US-amerikanischen Bühnenmusicals. In ihrem Artikel für »Breaking Free« beschreibt sie die Entwicklung der US-amerikanischen Musicalforschung. Etablieren konnte sich diese ab den mittleren bis späten 1990er-Jahren, davor gab es »wenige wissenschaftliche Untersuchungen zum Musical«, erst am Übergang zum 21. Jahrhundert begann (auch im Zusammenhang mit dem Thema LGBTQ) »eine rundum neue Form der Musicalforschung zu boomen«, und zwar insofern, als dass nun auch Wissenschafter sich mit dem Thema beschäftigten, während es davor eher Journalisten, Komponisten, Publizisten etc. waren. Wollman argumentiert klar und datenbasiert. Subsumierend könnte man sagen, dass aufgrund der enormen Produktivität auf US-amerikanischen Bühnen und einer allgemeinen gesellschaftlichen – inklusiven – Weiterentwicklung die US-Theaterforschung im Bereich Musical nachgezogen hat. Kevin Clarke fügt diesem gelungenen Beitrag ein Postskriptum hinzu. Leider sind seine Ausführungen teils faktenbefreit. Zitat Clarke: »In einer Buchrezension vom Sommer 2021 schreibt Martin Bruny in musicals […], dass die Geschichte der Kunstform Musical (und Operette) in manchen Ländern aufgrund bestimmter Hemmnisse nicht geschrieben wird beziehungsweise über die Landesgrenzen hinaus nicht bekannt ist. Er nimmt Österreich als Beispiel: Die Anzahl der Werke, die sich kritisch mit Musicals in Österreich auseinandersetzen, ist gering. […] Die Gründe? Der Markt. Musicalinteressierte kaufen keine Bücher, sagen die Verlage. Nicht mal Biografien von Musicalstars schaffen respektable Auflagezahlen. Neuerscheinungen werden dadurch immer rarer. Bleibt die akademische Aufarbeitung, doch auch da ist das Interesse überschaubar. Für Deutschland nennt Bruny Wolfgang Jansen als eine Erzählerpersönlichkeit und dessen Cats & Co. von 2008 als wegweisend. Von allen anderen Büchern, die es weltweit zu Musicals und einem Reframing des Musicals gibt, nehmen weder Bruny noch musicals Kenntnis.« Diese Interpretation meiner Zeilen ist in mehrfacher Hinsicht falsch. In meiner Buchkritik ging es in der zitierten Passage eben nur um Österreich und im Vergleich dazu Deutschland. Seit mehr als 15 Jahren widme ich mich im Magazin »musicals« interessanten Buchneuerscheinungen aus der ganzen Welt, nicht zuletzt auch unter dem LGBTQ-Aspekt. Aber nicht nur das, in »musicals« gab es in den letzten Ausgaben einen Schwerpunkt zum Thema »HIV und Musicals« (Nr. 203, S. 20–23) von Thomas Thalhammer, ein Plädoyer für mehr Frauen im Musical (Nr. 209, S. 70–83) von Lisanne Wiegand, Produktionen werden stets auch unter einem queeren Blickwinkel analysiert, so sich das anbietet. Die »Unlust am Diskutieren«, die der Autor in Bezug auf das Thema LGBTQ verspürt, wird er nicht in etwas Lustvolles umwandeln können, wenn er mit Unterstellungen operiert.
Der deutsche Musikkritiker Manuel Brug und der australische Opern- und Theaterregisseur Barrie Kosky werfen in »Breaking Free« in ihren Beiträgen unter anderem äußerst spannende und nicht zuletzt ernüchternde Blicke auf die Wiener Musicalszene. Sie könnten damit einen Anfangspunkt gesetzt haben zu einer kritischen Aufarbeitung der Wiener Musicalgeschichte ab 1980. Bisweilen freilich könnte man die von Manuel Brug etwas gar düstere Einschätzung vielleicht etwas aufhellen, wenn man sich mal von der »Tsunami«-Metapher Clarkes verabschiedet und die gesellschaftliche Transformation, die der Entwicklung des Musicals zugrunde liegt, eher als Evolution auffasst. Nehmen wir als Beispiel das Jukebox-Musical »Ich war noch niemals in New York«. In Bezug auf das Thema LGBTQ notiert Brug über die Hamburger Uraufführung dazu: »Selbst für das 2007 komplett neuerfundene Ich war noch niemals in New York […] mussten mit dem schwulen Maskenbildner Fred und dessen Freund Costa Antonidis zwei sehr flachgezeichnete Tunten her […]. Immerhin bekamen die beiden Figuren mit dem Ehrenwerten Haus und Griechischer Wein zwei der vom Publikum begeistert mitgesungenen Hits.« Beim Lesen dieser Zeilen dachte ich mir: Was würde Andreas Bieber wohl zu dieser Einschätzung sagen? Er hat die Rolle des Fred nur wenige Jahre nach der Uraufführung in Wien gespielt. Im vorliegenden Buch kommt er nicht zu Wort. Ich bat ihn um ein Statement, und er ließ mir seine Sichtweise zukommen: »Was IWNNINY anbetrifft, so habe ich das seinerzeit in Hamburg als Zuschauer auch etwas klischeehaft gesehen, was besonders die Figur des Fred angeht. Für die Neuinszenierung 2010 in Wien war das tatsächlich zunächst ein Grund für mich, NICHT zur Audition zu gehen. Als man mich dann doch fragte, ob ich Zeit und Interesse an der Rolle hätte, war es meine klar ausgedrückte Bedingung, meinen Fred ganz natürlich und in erster Linie als lebensfrohen Optimisten darzustellen, der zufällig halt schwul ist. Das hat letztlich dazu geführt, dass der KUSS zwischen Costa und Fred, der in Hamburg noch im Abgang verschwand, bei uns ganz normaler Bestandteil der Geschichte war, der natürlich und offen gezeigt werden durfte. Wo man vorher vielleicht noch dachte, das Publikum damit zu überfordern, gab es hierfür in Wien sogar Szenenapplaus … Wir sind da inzwischen schon sehr viel weiter gekommen, was das Thema LGBTQ in Musicals anbetrifft!«
Manuel Brug spricht auch das VBW-Musical »Elisabeth« an und meint dazu unter anderem: »Eine Diskussion zu queeren Perspektiven auf Elisabeth gab’s übrigens nie, weder in Feuilletons, Fachzeitschriften noch Fan-Foren«. Andreas Bieber dazu: »Wir reden natürlich über 1992! Eine Zeit, wo über queere Perspektiven noch nicht so frei und selbstverständlich berichtet oder auch diskutiert wurde. Der androgyne, zumindest bisexuelle TOD deutete all das natürlich an, schon durch seine Optik (Uwe Kröger), aber es blieb in erster Linie etwas GEHEIMNISvolles, das man damals vielleicht noch nicht so genau thematisieren wollte …«
Zusammenfassend: Mit Schuldzuweisungen, die Medien, einzelne Journalisten würden sich für das Thema LGBTQ nicht interessieren, werden wir vermutlich nicht weit kommen. Medien reflektieren und analysieren, was im Bereich Theater passiert, eingebettet in gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen. LGBTQ ist ein wichtiges Thema im Theater – schön, dass der Sammelband »Breaking Free« auf 328 Seiten einer Vielzahl an diskussionswürdigen Inhalten innerhalb des LGBTQ-Spektrums Raum gibt.
Kevin Clarke (Hg.): Breaking Free. Die wunderbare Welt des LGBTQ-Musicals. Querverlag, Berlin 2022. ISBN 978-3-89656-322-4. € 29,–. querverlag.de

Scott Miller: Go Greased Lightning! (2022) / Tom Moore, Adrienne Barbeau, Ken Waissman (Hgg.): Grease (2022)

Gleich zwei Bücher sind 2022 erschienen, die sich »Grease«, der Bühnenshow, widmen – jener Produktion, die am 7. Dezember 1979 mit der 3243. gespielten Vorstellung »Fiddler on the Roof« als »Longest-running Broadway-Show« ablöste und damit die erste »Longest-running Broadway Show« war, die keinen Tony Award gewonnen hatte. 225 Darsteller, die im Lauf der Jahre Teil der »Grease«-Familie waren, versammelten sich an jenem Abend, um das Ereignis zu feiern. Darunter John Travolta, der mit 18 als Doody bei der ersten US-Tour, danach am Broadway (und in der Verfilmung) zu sehen war, Richard Gere ebenso wie Treat Williams und Patrick Swayze. Insgesamt kam diese erste Broadway-Produktion bis zur Dernià¨re am 13. April 1980 auf 3388 Vorstellungen. Das ergibt heute in der Liste der »Longest-running Broadway Shows« noch immer den respektablen 16. Platz. Finanziell war »Grease« ein Treffer für die Investoren. Den Darstellern etwa wurde angeboten, 500 Dollar zu investieren. Denjenigen, die das Angebot annahmen, brachte das schließlich 12.000 Dollar. Bis heute erhalten die Investoren Vergütungen zweimal pro Jahr. Das Revival von 1994 erreichte 1505 Vorstellungen und liegt damit in jener Liste auf Platz 65, das Revival von 2007 brachte es auf 554 Vorstellungen. Bis heute gingen weltweit mehr als 120.000 Produktionen von »Grease« über die Bühne.

Scott Miller: Go Greased Lightning!
Scott Miller, Harvard-Absolvent (Musik und Musiktheater), hat zwölf Musicals geschrieben, zwei Sprechstücke und mehr als ein Dutzend Sachbücher zum Thema Musiktheater. 1991 gründete er in St. Louis das New Line Theatre, dessen künstlerischer Leiter er bis heute ist, und er schreibt einen Blog mit dem Titel »The Bad Boy of Musical Theatre«
Miller ist »Grease«-Fanboy und holt in seinem Buch die Show, die heute oft durch die Verfilmung gefiltert produziert und rezipiert wird, in die Gegenwart. Miller: »Many people underestimate the intelligence, authenticity of Grease and its score, they completely misunderstand what happens at the end of Grease. Admittedly, that’s partly because the movie dialed back the edgier aspects of the story, and inserted a new finale that made the ending less clear. But the film didn’t change the ending. For the record, Sandy does not become a slut to win Danny. The exact opposite is true. She rejects the cultural oppression of the 1950s and her parents, and for the first time, claims her own body, curves, and sexuality. Though it might not be obvious, Sandy is the protagonist, and the story ends not with her submission, but with her newfound freedom and self-possession, with strength. The second reason for this book is that Grease is about the Others, those that don’t conform to mainstream ideas of how we’re supposed to live, act, look. America has always been great at shitting on the Others, Native Americans, African slaves, immigrants, women and black voters, queer people. But here, early in the twenty-first century, America is changing – drastically and fast – and that change is terrifying to some people. As in our past, those who are fearful today are in search of Others to blame. As I write this in mid-2022, America has lost its collective mind, much as we did in the 1960s. And it makes Grease unusually relevant all over again.« Auf 142 Seiten bietet Miller eine Analyse, wie sich das »adult concept musical«, in dem es mehr um eine Idee denn um eine Geschichte geht, zu einer romantischen Musicalkomödie gewandelt hat, in der die Darsteller clean wie Kandidaten bei Castingshows auftreten. »That robs the show of its substantial authenticity. It turns the kids into cardboard cutouts, instead of poor, ignored, working class kids just trying to get laid. Grease is not a show about how crazy those wacky kids in the 50s were, and by the way, isn’t young love cute? No, Grease is a social document.« Sehr empfehlenswert.
Scott Miller: Go Greased Lightning! The Amazing Authenticity of »Grease«. Independently published by Scott Miller 2022 (via Amazon). ISBN: 979-8-84-708619-6. $ 19,95

Tom Moore, Adrienne Barbeau, Ken Waissman (Hgg.): Grease
Dieses Buch ist eine herausgeberische Meisterleistung. Die Idee dazu ist entstanden, als sich die Alumni der ersten US-»Grease«-Produktion (inkl. der US-Tourproduktionen bis 1980) mitten in der Pandemie via Zoom kurzschlossen und besprachen, wie man das 2022 anstehende 50-jährige Jubiläum der Broadway-Premiere feiern könnte. Angelegt ist das Werk als ein verschriftlichtes Gespräch. Beteiligt sind daran mehr als 100 Darsteller, Musiker, Mitglieder des Kreativteams, die in Statements von ihren »Grease«-Erfahrungen berichten. Sie haben den drei Herausgebern Tom Moore (Regisseur der Show), Adrienne Barbeau (Rizzo-Darstellerin) und Ken Waissman (Produzent) ihre schriftlichen Beiträge geschickt, und deren Aufgabe war es, daraus ein funktionierendes Ganzes zu formen. Es gibt viele Bücher über das Musicalgenre, über Epochen, aber nur wenige, die den Lauf einer Produktion komplett abdecken, von der Idee über Castingprozesse, die verschiedenen Versionen der Show vor der Premiere bis zur Premiere, von den CD-Aufnahmen, den Tour-Casts bis zur Dernià¨re. Genau das ist hier auf unterhaltsame, spannende Weise gelungen. Mit einer Vielzahl an Details, zum Beispiel, was die Tony Awards 1972 betrifft. Ken Waissman: »Although geographically located off-Broadway, we were in a 1.,100-seat house, paying Broadway Equity scale to the actors and Broadway scale to the musicians. Our press agent, Betty Lee Hunt, and I decided that Grease should be considered Broadway and eligible for the Tony Award. I spoke to Alexander Cohen, who produced the annual Tony Awards show on behalf of the League of New York Theaters and Producers, the American Theatre Wing, and the ABC network. I was told that in order to qualify, a show must be in a official Broadway house located within the square blocks bound by Forty-First Street and Fifty-Fifth Street, from Ninth Avenue to Sixth Avenue. We decided to file a lawsuit against the League, the Wing, and ABC.« Etwas abgekürzt: Waissman konnte sich durchsetzen, die Show bekam sieben Nominierungen, aber: »The majority of the Tony voters didn’t respond to their invitations to come downtown to see the show, so we knew we wouldnt win any Tonys. However, we were able to publicize the nominations, and Grease was mentioned six times in the national broadcast. With the Tony broadcast, Grease achieved full acceptance as an authentic Broadway musical. We had arrived. This paved the way for our transfer to a theater smack in the middle of the Broadway theater district.« In jedem Beitrag dieses Buchs spürt man den Enthusiasmus und die Leidenschaft für das Musicalgenre. Sehr empfehlenswert.
Tom Moore, Adrienne Barbeau, Ken Waissman (Hgg.): Grease. Tell me more, tell me more. Stories from the Broadway Phenomenon That Started It All. Chicago Review Press, Chicago 2022. ISBN‎ 978-1-64-160758-2. $ 30,00 chicagoreviewpress.com

Robert W. Schneider und Shannon Agnew (Hg.): Fifty Key Stage Musicals (2022)

Robert W. Schneider und Shannon Agnew (Hg.): Fifty Key Stage Musicals
In diesem Jahr feiert das unverwüstliche Musical »Grease« sein 50-jähriges Bühnenjubiläum. Die Broadway-Produktion, die vom 14. Februar 1972 bis zum 13. April 1980 in vier verschiedenen Theatern zu sehen war, ist es jedoch nicht, die es als eine von 50 Shows in das von Robert W. Schneider und Shannon Agnew herausgegebene Buch »Fifty Key Stage Musicals« geschafft hat, sondern das »Grease«-Revival, das vom 11. Mai 1994 bis 25. Januar 1998 im Eugene O’Neill Theatre gegeben wurde. Die Gründe, warum es diese Produktion sein musste, heißen unter anderem: Linda Blair, Debby Boone, Sheena Easton, Deborah Gibson, Jasmine Guy und Jody Watley. Sie alle (und einige mehr) standen in der Hitshow als Betty Rizzo auf der Bühne. Sie waren ausschlaggebend dafür, warum das Revival, das nach einer Anfangseuphorie bald schon schwächelte, Jahre am Spielplan blieb. Als Fran und Bran Weissler, die Produzenten des Revivals, feststellten, dass der Ticketvorverkauf rapide abnahm, entwickelten sie nämlich eine Methode, um neue Publikumsschichten ins Theater zu holen. Heute ist das, was damals entworfen wurde, eine gängige Masche: Stunt Casting (im Gegensatz zu Star Casting und Star Replacement Casting). Statt Triple Threats zu casten, suchte man gezielt Celebritys. Im Extremfall mussten sie nicht mal Theatererfahrung haben, sondern einfach die besondere Gabe, Leute ins Theater zu locken. »Grease« war dafür unter anderem deswegen eine ideale Show, weil es Rollen darin gibt, die nicht viel an Allroundfähigkeiten verlangen. Miss Lynch muss nicht singen können, Teen Angel hat nur einen Starauftritt … Mark Madama, der Autor des Essays über »Grease«, formuliert die Regeln des Stunt Castings wie folgt: »Rule one, look for a celebrity who is either currently trending in the news/pop culture, or visit a time machine to rediscover a star who’s still able to ignite warm nostalgic memories. Rule two, hire, sometimes without auditioning, said celebrity and plug them into the role most, or even somewhat, suited for them in your Broadway show. Rule three, devise a marketing campaign to exploit this celebrity’s current or past notoriety. Rule four, hope that your celebrity has the theatre technique to sustain their performance in a grueling eight-show-a-week Broadway schedule. Usually, Broadway contracts can be anywhere from six months to two years, but the stars cast as stunt casting can be as little as a few weeks.« Jazz-Legende Al Jarreau als Teen Angel, Chartsstürmer Jon Secada als Danny Zuko, Brooke Shields als Betty Rizo, sie alle waren Kassenmagneten. Shields brachte zusätzliche 40.000 Dollar pro Woche, Al Jarreau zusätzliche 100.000 Dollar. Zeitweise bestand das Publikum zu 25 bis 30 Prozent aus Besuchern, die noch nie vorher eine Broadway-Show besucht hatten.
Dass diese Show als eines von 50 Key Stage Musicals klassifiziert wurde, sorgt anfangs vielleicht etwas für Erstaunen, die Wahl ist jedoch dem Konzept geschuldet, das die Herausgeber ihrem Werk zugrunde gelegt haben. Sie definierten 50 Musicals, die für die Weiterentwicklung des Genres bestimmend waren, es handelt sich also nicht um eine Auswahl der »besten« Shows. 50 Autoren befassen sich in Essay-Form vor allem mit jeweils einem entscheidenden Faktor, der das von ihnen gewählte Werk essenziell werden ließ für den Erfolg zumindest eines weiteren. 1996 etwa brachten Fran und Bran Weissler ihr nächstes Projekt an den Start: das Revival von »Chicago«. Und ihr Erfolgszezept ging auch hier auf. Die Produktion ist nach wie vor zu sehen (derzeit unten anderem mit Pamela Anderson) und trägt das Label: »Longest running show to have premiered on Broadway«. Am 26. Juni 2022 ging Vorstellung Nummer 10.002 über die Bühne. Ganz offiziell liegt vor »Chicago« als »longest running show on Broadway« nur eine Produktion: »The Phantom of the Opera« (13.645 Vorstellungen).
Die Liste der prominenten Musicals, die bei einem solchen Konzept auf der Strecke blieben, ist lang. »The Music Man«, »The Book of Mormon«, sämtliche Film- und TV-Musicals, Kultmusicals wie »Bare« oder »Spiderman: Turn Off The Dark«, alles von Jason Robert Brown etc. Den Grund formulieren die Herausgeber folgendermaßen: »… we could not find a large enough impact of their works on the creation of other works no matter how much joy they gave audiences throughout their runs or how much they brought musicals into the popular discourse.«
Das Buchprojekt hat auch einen Ableger im Internet, siehe https://tinyurl.com/KeyMusicals. Alle Episoden sind gratis und frei zugänglich, man muss dafür nicht das Buch gekauft haben. Die 50 Musicals des Buches werden hier noch ausführlicher und in Gesprächen zum Beispiel mit den Komponisten oder aber mit den Autoren der jeweiligen Kapitel analysiert.
Dem Konzept des Dominoeffekts entsprechend ist das erste Musical, das besprochen wird, »The Black Crook« (1866) und das letzte »Dear Evan Hansen« (2016). Ganz abgesehen davon, ob man sich mit diesem Konzept anfreunden kann, ist die gewählte Beobachtungsperspektive der 50 Autoren immer eine interessante, und es ist durchaus spannend, wie sie die für sie entscheidenden Aspekte herausarbeiten. Am Beispiel »La Cage Aux Folles«: »When La Cage Aux Folles first opened on Broadway, audiences uproariously laughed when a son looked at a man and called him Mother. In the two subsequent Broadway revivals of this show in 2005 and 2010, when that line was said there was less and less laughter from the audience. Of course, it is natural for a child to have two parents of the same gender, the audience thinks.« Am Beispiel von »Dear Evan Hansen«: The Producers have realized the power that social media holds in ensuring their show’s success. The widespread nature of social media places the power of critique in the fandom’s hands and out of the critics. Everyone is entitled to an opinion, and everyone is granted a space online to share it. A strong online following guarantees that a show, at the very least, will not disappear. Dear Evan Hansen is the proof. The producers of Dear Evan Hansen struck a home run when they tapped into the world of social media, building a show about the internet that could be financed by the internet. Shows like The Lightning Thief (2014) and Be More Chill (2015) are prime success stories of this model; both shows received Broadway runs thanks to large social media followings that kept them alive well after it was assumed their potential had been squashed.« 324 Seiten Lesevergnügen.
Robert W. Schneider und Shannon Agnew (Hg.): Fifty Key Stage Musicals. Routledge, New York 2022. ISBN 978-0-36-744441-9. $ 166,73. https://www.routledge.com

Christoph Wagner-Trenkwitz: Willkommen, bienvenue, welcome! (2022)

Vor 15 Jahren, zu Beginn der Direktionszeit von Robert Meyer an der Volksoper Wien, hat Christoph Wagner-Trenkwitz (CWT, so das für ihn gängige Kürzel) das Buch »â€šEs grünt so grün …‘ Musical an der Wiener Volksoper« veröffentlicht. Im Vorwort schrieb Meyer: »Musical gehört in dieses Haus. Wir wissen, dass dieses Genre von der Volksoper aus seinen kontinentaleuropäischen Siegeszug angetreten hat. Jedem Volksopern-Direktor muss es daher ein Anliegen sein, Musical hier zu pflegen.« Leicht überspitzt formuliert könnte man dieser Tage meinen: Mag sein, aber vielleicht nicht jeder Volksopern-Direktorin …
In ihrer ersten Saisonpräsentation am 20. April 2022 war die Wortspende der neuen Direktorin Lotte de Beer zum Thema Musical im Bereich der Wiederaufnahmen angesiedelt. Wortwörtlich sagte sie: »Und ‚Anatevka‘, wobei wir Dominique Horwitz gefunden haben, um Tevje zu spielen.« Das war’s, kein weiteres Wort zum Thema Musical.
Objektiv gesehen kann man noch nicht sagen, welchen Stellenwert Musical an der Volksoper unter de Beer haben wird. Objektiv gesehen muss man aber auch sagen, dass es in der ersten Spielzeit von Robert Meyer (der Publikumsliebling bleibt der Volksoper als Ensemblemitglied in diversen Übernahmen weiterhin treu; CWT verlässt das Haus und bindet sich als Dramaturg stärker ans Gärtnerplatztheater) ebenfalls keine Musical-Neuproduktion gab. Die Schlussworte von CWT in seinem neuen Buch »Willkommen, bienvenue, welcome! Musical an der Volksoper Wien«, das in Kooperation von Amalthea Verlag und Volksoper entstanden ist, lauten: »Ein Schlusswort? Das erscheint nicht nötig, denn das Thema ‚Musical an der Volksoper‘ ist keineswegs abgeschlossen und wird es wohl auch nie sein. Aber, so viel steht bereits fest, das Musical wird zunächst keine so prominente Rolle mehr spielen wie in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten. Für die erste Saison unter der Direktion von Lotte de Beer ist keine Premiere in diesem Genre angekündigt, doch kann sie, was Repertoirestücke und potenzielle Wiederaufnahmen betrifft […], aus dem Vollen schöpfen. Künstlerische, aber auch kommerzielle Überlegungen werden wohl dafür sorgen, dass das Publikum der Volksoper wieder bei einer Musical-Neuproduktion willkommen geheißen wird!«
Kann man daraus tatsächlich ableiten, dass ein Schatten über der näheren Zukunft des Musicals an der Volksoper liegt? Ich glaube, es verhält sich ein wenig wie mit Schroedingers Katze. Liest man die von CWT verfasste Passage, vielleicht. Da aber Michael Bertha, ein Pressesprecher der Volksoper, in einer Aussendung Anfang Mai formulierte »Musical in Wien ist ohne die Volksoper nicht vorstellbar. Und umgekehrt ist dieses Haus ohne Musical nicht vorstellbar«, warten vielleicht einige Überraschungen.
Musicalgeschichte wird zuerst gemacht – auf der Bühne – und danach geschrieben, meist von Kritikern und im Anschluss daran von Autoren, die zu Themen, Genres oder einer bestimmten Epoche Analysen verfassen. Aus der Sicht eines Theaters/einer Intendanz ist es klug, ein eigenes Reading der konzipierten und verwirklichten Ära schriftlich festzuhalten. Schon wenige Jahre nach ihrem Abtreten ist nicht mehr gar so viel problemlos zu recherchieren, was denn tatsächlich stattgefunden hat, wie Produktionen entstanden sind. Immer weniger an Hintergrundgeschichten bleibt in erzählbarer Erinnerung, es mag auch das Interesse daran schwinden. Ein Buch ist eine gute Möglichkeit, Anekdoten auszugraben, interessante Hintergrundgeschichten zu formulieren, eine Ära also im Rückblick gut auszuleuchten. CWT macht das in seinem Buch ausführlich. Ein Mal noch zieht er erzählerisch den Bogen ganz zurück bis in die Ära von Marcel Prawy, rafft die Musicalgeschichte der Volksoper Wien von 1952 bis 2007 auf 128 Seiten zusammen, um sich danach auf rund 120 Seiten der Ära Meyer zu widmen. Die Bausteine seiner Erzählung sind Gespräche mit Mitwirkenden, Anekdoten, in denen er Begegnungen mit Protagonisten der Musicalgeschichte wie Stephen Sondheim schildert, aber auch Blicke hinter die Kulissen auf Castingprozesse, dramaturgische Entscheidungen. Und ironisch formulierte Abrechnungen mit Kritikern, wenn sie nicht mit der nötigen Genauigkeit gearbeitet haben. Eine Premierenkritik zu »Hello, Dolly!« (2010) etwa kommentiert CWT wie folgt: »Die einzige abfällige Kritik stammte aus der Feder des Musical-Skeptikers Heinz Sichrovsky (‚News‘), die sich selbst allerdings schon mit der Einleitung richtete: ‚Unter den spärlichen [!] Meisterwerken des Genres hatte Jerry Hermans Musical ‚Hello, Dolly!‘ nie Platz [!]. Die klassische Verfilmung und das Titellied camouflierten die musikalische und literarische Substanzarmut der kuriosen Nestroy-Adaption John Steinbecks.‘ Wohl wurden im Programmheft einige Zitate Steinbecks abgedruckt, doch fußt das Musical auf einer Komödie von Thornton Wilder, wie bereits auf der ersten Seite des betreffenden Heftes nicht verschwiegen wurde …«
Zahlen und Daten kommen in dem Buch nicht zu kurz. Prägnant lässt sich damit die Bedeutung des Musicalgenres in der Ära Meyer illustrieren: In der Spielzeit 2009/2010 wurde an 27 Abenden Musical gegeben. In der letzten Saison (2021/2022) werden es 70 gewesen sein. In der Ära Prawy (1956–1972) gab es 7 Musicalpremieren, von 1972 bis 2007, dem Beginn der Direktion Meyers brachten 6 Direktoren ebenfalls 7 Musicalpremieren auf die Bühne. In Meyers Amtszeit, die 15 Jahre umfasst, waren es 23 Premieren, davon 15 Volksopern-Erstaufführungen. Das Resümee der Wiener Volksoper von 1952 bis 2022: 1 Europäische Erstaufführung (»Wonderful Town«), 8 Österreichische Erstaufführungen (»Porgy and Bess«, »Kiss me, Kate«, »Show Boat«, »South Pacific«, »Brigadoon« sowie die deutschsprachigen Erstaufführungen »Annie Get Your Gun« »West Side Story« und »Karussell«), 3 Wiener Erstaufführungen (»La Cage aux Folles«, »Der Zauberer von Oz«, »Gypsy«) und 1 Uraufführung (»Vivaldi«).
Für den Anhang des Buches hat Rainer Schubert, der Vizedirektor der Volksoper, für alle Produktionen seit 1952 die Vorstellungszahlen inkl. Premiere und Voraufführungen exkl. öffentliche Gastproben zusammengestellt. Mit Stand 9. April 2022 kommt er auf 2299 Aufführungen von 29 verschiedenen Werken in 44 Inszenierungen. Die vollständige Besetzung (inkl. der Zahl der Vorstellungen die jede Darstellerin bzw. jeder Darsteller gespielt hat) kann via QR-Code abgerufen werden und ist Teil der E-Book-Ausgabe. Im Buch aufgelistet sind alle Inszenierungen mit den Premierendaten, Angaben zum Dirigenten, zur Inszenierung, Bühnenbild, Kostüme … Eine gelungene letzte Zugabe der Ära Meyer.
Christoph Wagner-Trenkwitz: Willkommen, bienvenue, welcome! Musical an der Volksoper Wien. Amalthea, Wien 2022. ISBN 978-3-99050-224-2. € 30,–. www.amalthea.at

Heinz Rudolf Kunze: Werdegang (2021)

Heinz Rudolf Kunze: Werdegang (2021)»Hör mal, Heinz, ich bin gerade mit Falco auf Tour und habe den Artikel gelesen, den du in der Männer Vogue über ihn veröffentlicht hast. Großartiger Text. Allein schon, was du über den Kommissar geschrieben hast – eine mürbe, ironische Koks-Feier, ein Rap mit einem böhmisch-jiddischen Zungenschlag, hahaha! Und du hast natürlich völlig recht, Falco ist im Moment der einzige Künstler, den wir hierzulande haben, der Bowie das Wasser reichen kann. Genau so will ich das! So einen Tonfall brauche ich von dir.« Mit diesen Worten startete der deutsche Konzertveranstalter Marek Lieberberg 1987 in ein Gespräch mit dem deutschen Rocksänger, Liedermacher und Schriftsteller Heinz Rudolf Kunze. Worum es in dem Telefonat ging? Kunze: »Ich hatte keinen Schimmer, wovon er sprach. Marek fuhr fort: Sagt dir das Musical Les Misà©rables etwas? Ich habe die Rechte für die deutschsprachige Erstaufführung gekauft. Das Ganze wird in Wien stattfinden, im Raimund Theater. Ich mache das zusammen mit Peter Weck. Und du wirst den Text übersetzen! […] Auf zwar wenigen, aber faszinierenden Seiten skizziert Kunze (in Zusammenarbeit mit Oliver Kobold) seine zweite Karriere als Übersetzer. »Marek, es freut mich wahnsinnig, dass du an mich gedacht hast. Aber wieso denkst du denn, dass ich dafür der Richtige sein könnte? Ich habe in meinem Leben nur Lola von den Kinks übersetzt, mehr nicht. Und mit Musicals kenne ich mich überhaupt nicht aus. Ich habe nicht mal ein einziges auch nur gesehen. Das ist mir egal. Ich weiß, dass du das kannst. Höchste Zeit, dass mal ein frischer Wind reinkommt bei den deutschen Musical-Texten. Und du bist der richtige Mann dafür. Ich will einen anderen Zungenschlag, einen anderen Tonfall. Genauer, poetischer, musikalischer. Ich gebe dir drei Monate Probezeit, dann sehen wir weiter.« In den darauffolgenden Passagen schildert Kunze seine Arbeit am Text und in Wien vor Ort in der letzten heißen Phase vor der Premiere der Show 1988: »Der erste große Dialog zwischen Valjean, dem ehemaligen Häftling, und Javert, dem Polizisten, schnürte mir die Kehle zu. Enthüllt wird die Ähnlichkeit der beiden Männer, denn Javert ist selbst im Gefängnis aufgewachsen, als Sohn eines Wärters. Das ist der Grund für die Unerbittlichkeit, mit der er Verbrecher jagt – sie halten die Erinnerung an seine Kindheit wach, die er so gerne hinter sich lassen würde. Im Original lautete sein Geständnis: You know nothing of Javert / I was born inside a jail / I was born with scum like you / I am from the gutter, too! Besonders die Zeile I was born inside a jail kostete mich Nerven. Ich fand und fand keine Entsprechung, die mir gefiel. Erst als ich den Teil fürs Ganze nahm, wurde es Poesie und war nicht mehr nur Dienstleistung: Ich liebe die Zeilen bis heute. Was weißt du schon von Javert? / Gitter brach mein Wiegenlicht / Dreck sah meiner Mutter zu / Ich stamm aus dem Dreck wie du. Während der Proben in Wien holten sie bei solchen Passagen kurz Luft und steckten die Köpfe zusammen: Hos d’ dös g’hert, wos der do gschrieb’n hot?« »Miss Saigon«, Andrew Lloyd Webbers »Joseph« und »Rent« sind Kunzes weitere Karrierestationen als Übersetzer. Mit viel Witz und auch gnadenloser Offenheit skizziert er seine Sicht auf die Musicalbranche. Am Beispiel »Rent«: »An der Qualität des Musicals bestand keine Zweifel. Aber ob das deutsche Publikum wirklich zu einer Konfrontation mit dem richtigen Leben bereit war, noch dazu ohne entlastenden Orchesterschmelz, sondern mit der Wucht einer richtigen Rockband […]« Wir wissen, wie es ausging. »Rent« lief in Düsseldorf 1999 keine drei Monate, in Berlin nur wenig länger. Kunze: »Das deutsche Publikum fand keinen Zugang zu dem Stück und blieb beim Bewährten. Bei Zuckerguss und Utopie.« Aber nicht nur die Musicalpassagen entwickeln einen beeindruckenden Sog. Kunzes Autobiografie ist voller Anekdoten mit deutschen, österreichischen und internationalen Stars. Spannend, oft berührend, eine großartige Biografie, immer im Bestreben, den richtigen Tonfall zu treffen: »Peter Weck kam vorbei […] und wollte sich persönlich vom Fortgang der Proben überzeugen: »Na, Kinder, wos hobt’s Schöns ’mocht? Darf i amoi schaun? Charme, den man nicht lernen, nur haben kann. Das Wien von Sissi und Hans Moser; das Wien, das an der schönen blauen Donau liegt und wo im Prater wieder die Bäume blühen – wenn Peter Weck den Raum betrat, existierte es noch immer. Er setzte sich zwischen Gale Edwards und mich und ließ sich einige Szenen zeigen, erst nach einer Weile traute ich mich, den Kopf zu drehen. Weck liefen die Tränen übers Gesicht. Er weinte vor Glück. Und ich war plötzlich zehn Zentimeter gewachsen.«
Heinz Rudolf Kunze: Werdegang. Reclam, Ditzingen 2021. ISBN 978-3-15-011379-0. $ 19,90 €. www.reclam.de

Ariane Swoboda: Mein Audition-Journal (2021)

Ariane Swoboda: Mein Audition-Journal (2021)Die Situation kennt jeder. Man steht vor einer Herausforderung und sucht … Orientierung, Tipps, Hilfe, möglichst in einer Form, die eine Instant-Erleichterung verschafft, etwa indem grundlegende Fragen leicht erfassbar erklärt werden, Aspekte, die man vielleicht auf den ersten Blick gar nicht als wichtig erkannt hat, thematisiert werden. Profis mit möglichst reicher Erfahrung sind in all diesen Fällen die Ansprechpartner der Wahl.
Ariane Swoboda arbeitet seit vielen Jahren in der Musicalbranche. Sie hat am Konservatorium der Stadt Wien sowie am Tanz-Gesang-Studio im Theater an der Wien, das Peter Weck 1984 gegründet hat (und das Mitte der 1990er-Jahre geschlossen wurde), studiert und ist seit ihrem Abschluss Anfang der 1990er-Jahre in zahlreichen Rollen, etwa bei den Wiener Produktionen von »Grease«, »Die Schöne und das Biest«, »Elisabeth«, »Tanz der Vampire«, »The Producers« »Evita«, und vielen anderen zu sehen gewesen, 2021 als Olivia in »I Feel Love«, einer Produktion der Vereinigten Bühnen Bozen. An der Wiener Broadway Academy gibt sie Audition Classes und unterrichtet Liedinterpretation.
Ihr Ratgeber startet mit Tipps für die Zeit des Studiums. Methodisch geschickt werden Anleitungen in leicht zu merkenden Schritt-für Schritt-Programmen formuliert, organisatorische Rahmenbedingungen wie Jahrgangsprüfungen besprochen, ebenso Bewerbungstools oder der Umgang mit Social Media. Man findet Listen von Agenturen, nützliche Hinweise für den Bereich Finanzen (steuerliche Absetzbarkeit von Fotos; Audition-Bestätigungen/Reisekosten für die Steuererklärung) und einen Test, der einem dabei hilft, zu erkennen, welcher Audition-Typ man ist. Infos zu E-Casting und About-me-Videos gibt es ebenso. Im Tonfall wertschätzend, Wissen und Erfahrung vermittelnd, reicht das Buch von sehr konkreten Tipps, etwa was man zu Fotoshootings alles mitnehmen muss, bis zu Praxisübungen, zum Beispiel, welche Erkenntnisse man daraus gewinnen kann, Theater aus einer anderen Perspektive wahrzunehmen: »Ich möchte, dass Sie ins Theater gehen! Sie werden sagen: Das mache ich sowieso – Ich liebe Musicals. Aber ich möchte, dass Sie sich diesmal nicht verzaubern lassen. Dieses Mal möchte ich, dass Sie sich Notizen machen. […] Seien Sie analytisch – am besten gehen Sie alleine. Kaufen Sie sich ein Ticket weiter hinten – damit Sie die ganze Bühne übersehen. […]« Punkt für Punkt wird skizziert, welche Aspekte der Show analysiert werden sollten. Die Vorgehensweise entspricht in etwa jener, die Theaterkritiker anwenden, wenn auch mit einem anderen Resultat. Dem Dechiffrieren von Auditionausschreibungen folgt im Hauptteil eine ausführliche Anleitung, wie man in fünf Schritten zu einer organisierten Präsentation kommt und einen Auditiontag zu einem Erfolg für sich gestaltet, egal ob ein konkretes Jobangebot am Ende steht oder nicht.
Ariane Swoboda hat nicht nur einen Ratgeber und ein Arbeitsbuch (mit Arbeitsblättern) verfasst, sondern auch ein Motivationsbuch. Praxistipps von u. a. Simon Eichenberger (Regisseur, Choreograf, Agent), Stefan Huber (Regisseur), Carsten Paap (Dirigent), Koen Schoots (Dirigent, Arrangeur), Andreas Gergen (Regisseur), Sascha Oliver Bauer (Regisseur), Josef E. Köpplinger (Staatsintendant), Matthias Davids (Regisseur und künstlerische Leitung Landestheater Linz), Bettina Bogdany (Musicalsängerin, Pianistin, Musikkabarettistin, Songschreiberin und musikalische Leiterin), Jerà´me Knols (Choreograf und Dance Captain), Alex Balga (Intendant der Sommerfestspiele Amstetten und Regisseur), Caspar Richter (Musikdirektor), Christopher Tölle (Regisseur, Choreograf), Bela Fischer Jr. (Musiker), Ricarda Regina Ludigkeit (Regie, Choreografie, Tanzpädagogik) und Christian Struppeck (Musicalintendant VBW) zeigen, was bei Auditions von Praktikern konkret erwartet wird.
Zurück zu den am Beginn angesprochenen Aspekten, die manche eventuell gar nicht im Fokus haben. Koen Schoots: »Jede*r musikalische*r Leiter*in, jede*r Dirigent*in wird sich freuen, wenn im Lebenslauf bei der Auflistung der Produktionen nicht nur der*die jeweilige Regisseur*in und Choreograph*in genannt werden, sondern auch der Musikdirektor. Jedenfalls hat der*die Bewerber*in dann bei mir schon ein paar Pluspunkte gutgeschrieben, denn das zeugt von Respekt für unseren Beruf, der mit den Jahren leider immer weniger respektiert wird.«
Ariane Swoboda: Mein Audition-Journal. Wegbegleiter & Arbeitsbuch für Musicaldarsteller*innen. myMorawa, Dataform Media GmbH, Wien 2021. ISBN 978-3-99125-717-2. $ 19,90 €. www.morawa.at

Fritz Wepper: Ein ewiger Augenblick (2021)

Fritz Wepper: Ein ewiger Augenblick (2021)Im Mai 1973 eröffnete sich dem deutschen Schauspieler Fritz Wepper die Chance seines Lebens. Im Zuge eines Promotion-Trips nach New York für das Filmmusical »Cabaret« hatte der 31-Jährige ein Meeting mit der Music Corporation of America (MCA), der damals einflussreichsten Schauspieleragentur Hollywoods, bei der Größen wie Kirk Douglas, Fred Astaire, James Stewart und Bette Davis unter Vertrag standen. Die Vertreter kamen mit konkreten Angeboten: ein Theaterstück am Broadway, danach ein Film in Kanada und ein weiterer in Los Angeles. Auf die Frage nach seinen terminlichen Verpflichtungen antwortete Wepper bei diesem Treffen: »I’m busy this year and I have an option for next year.« Ein fataler Fehler. »Forget it, Fritz. Good luck«, war die Antwort der Vertreter der Agentur. Der Grund für die Abfuhr: Der Begriff »Option« bedeutet im Deutschen für einen Schauspieler ein Rollenangebot, das er auch ablehnen kann. Im amerikanischen Fachjargon besagt eine solche Aussage allerdings, dass man vertraglich gebunden ist. Die MCA ging davon aus, dass Wepper nicht vor 1975 verfügbar sei, und hatte ihr Interesse an ihm verloren.
Fritz Wepper widmet »Cabaret« demgemäß in seiner Autobiografie zwar ein Kapitel, aber ein mit 18 Seiten recht schmales. Doch erstens sind O-Töne, so kurz sie auch sein mögen, stets Gold wert, und immerhin bietet der Schauspieler kurze Einblicke in die Zeit der Auditions und Dreharbeiten für »Cabaret«: »In der Bavaria kannte ich fast alle Bühnenbildner und Beleuchter, schließlich hatte ich dort schon mit zwölf meinen ersten Film gedreht. Einen fragte ich: Wie läuft’s denn so? Und er antwortete: Du, der Fosse sagt mir bei jedem Nagel genau, wie ich den in die Deko haun’n soll. Der hat ’ne klare Vision. […] Bob Fosse rauchte ziemlich viel. Mit Fluppe im Mund gab er ständig Anweisungen. Wenn einer von uns vieren [Liza Minnelli, Michael York, Marisa Berenson und Fritz Wepper] in Großaufnahme zu sehen war, stellte er die anderen neben die Kamera und forderte sie auf, möglichst intensiv zu spielen. So wollte er dafür sorgen, dass alle ihr Bestes gaben, Wer gerade im Bild war, wurde also nicht zum pausierenden Stichwortgeber, sondern forderte seine Kollegen richtiggehend heraus, das sieht man auch am Ergebnis. So was hatte ich vorher noch nie erlebt. Das war handwerkliches Neuland für mich.« Innerhalb dieses Abschnitts konzentriert sich die weitere Erzählung dann auf die Freundschaft mit Liza Minnelli und Treffen mit Showgrößen der damaligen Zeit. Wepper abschließend zu diesem Kapitel in seiner Karriere: »Hollywood habe ich im Nachhinein nie ernsthaft vermisst, denn es öffneten sich für mich stattdessen viele andere Türen.«
Fritz Wepper: Ein ewiger Augenblick. Die Autobiographie. Heyne, München 2021. ISBN 978-3-453-21819-2. $ 20,– €. www.heyne.de