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Archiv - April, 2017

How Do You Solve A Problem Like Maria (Happel)

Wir schreiben das Jahr 2007. Die Musicalsparte der Vereinigten Bühnen Wien hat als Aufführungsstätten: das Raimund Theater. Und sonst nix. Das Theater an der Wien war dem Musical entzogen worden, das Ronacher als neuer Spielort noch nicht umgebaut. Das zeigte die Einstellung der Verantwortlichen gegenüber dem Musicalgenre damals recht klar. Übrigens wurde diese noch viel klarer, als mit dem Ronacher ein für Musicals soundtechnisch bis heute völlig unbrauchbarer Bau wiedereröffnet wurde, aber das nur nebenbei. Nur eine Spielstätte, das war natürlich zu wenig. Man hatte noch ein Orchester in ziemlich guter Besetzung. Kathi Zechner begründete also die Spielreihe »Ronacher Mobile« und mietete sich in diverse Spielstätten ein, so etwa ins MuseumsQuartier. Und dort fand 2007 die Uraufführung von »Die Habsburgischen« statt, dem zu einer musikalischen Farce gewordenen feuchten Traum jedes Geschichtsprofessors, mit dem einzigen kleinen Makel, dass der Rest der Bevölkerung nicht viel damit anfangen konnte, mit Ausnahme des hauseigenen Musical-Personals, das bei der Premiere natürlich demonstrativ Standing usw. Nur standen sie allein. Last Musicalstars standing sozusagen. In einer Hauptrolle: Burgstar Maria Happel. Aber was war das, was die VBW uns damals boten? War es wirklich ein Musical? Ich war der Meinung, dass man diese Show nicht ins Musicalgenre einreihen sollte (siehe –> hier). Die meisten Medien meinten: Musical, ganz klar.

2017: Die Volksoper Wien kündigt ihre musikalischen Pläne für die Saison 2017/2018 an. Unter anderem »Gypsy«. In der Hauptrolle: Burgstar Maria Happel. Wir haben also: die Volksoper Wien, mit auch heute noch einem unbeschädigten, bombastischen Orchester, ein Traummusical, von dem schon mehrere musikalische Direktoren der VBW träumten, es zumindest konzertant einmal bringen zu dürfen. Und wir haben Burgstar Maria Happel. Und dann muss sich irgendwer gedacht haben: Hmm, also irgendwas fehlt da noch. Schreiben wir doch: »Ksch Maria Happel gibt als ehrgeizige Mama Rose ihr Musicaldebüt.« (Die Rolle heißt übrigens Rose, in der ganzen Show wird Rose nie als Mama Rose angesprochen.)
Ja und, was regt er sich auf, könnte man nun meinen, waren die »Habsburgischen« nun auf einmal doch ein Musical?
Nein, das nicht, aber gerade bei Maria Happel von einem Musicaldebüt zu sprechen, ist dennoch falsch. Und zwar aus drei Gründen (und das sind nach meiner Definition unbestreitbar zumindest »auch« Musicals):

1) 1985/1986: Vom dicken Schwein, das dünn werden wollte (Jérôme Savary). Maria Happel spielte in diesem Musical für Kinder das Super-Disco-Huhn im Theater Bremen.

2) 1995/1996: Die Dreigroschenoper (Bertolt Brecht) Maria Happel als Polly Peachum im Burgtheater. Und 2006/2007 als Spelunken-Jenny im Berliner Admiralspalast.

3) 2013–2017: Spatz und Engel (Daniel Große Boymann, Thomas Kary). Maria Happel spielt Edith Piaf im Wiener Burgtheater.

Linz: »Ghost« (2017)

Eine Show, anhand derer man den Zustand der Musicalkritik derzeit ganz gut belegen kann, ist »Ghost« (Bruce Joel Rubin, Dave Stewart und Glen Ballard). So schreiben die »Oberösterreichischen Nachrichten«: »… und Peter Lewys Preston überzeugt in seiner Darstellung von Carl, Sams vorgeblichem Freund.« Die »Tiroler Tageszeitung« dagegen meint »Lediglich Peter Lewys Preston blieb in der Rolle des Carl etwas blass.« 
Das sind zwei Pole. Man kann nicht »überzeugen« und dabei »blass bleiben«. Waren wir nicht alle in derselben Vorstellung, in der Premiere?
Ich habe Peter Lewys Preston vor seinem Engagement in Linz als Singer/Songwriter schätzen gelernt. Auf seiner ersten (zum Teil per Crowdfunding finanzierten) Solo-CD hat er nicht wie viele andere alte Hadern aus den immer gleichen Musicals nachgesungen oder versucht, sich von Songwritern und Managern mit Billigsdorfer-Pop auf Charts hinschnalzen zu lassen, sondern mit melodiösen Songs überzeugt. In Linz war Preston bisher in kleineren Rollen in »The Full Monty« zu sehen, in einer größeren und mit einem Solo-Song in »Préludes« und schließlich in einer der Hauptrollen in »Ghost«. Was seine Performance in »Ghost« betrifft, so würde ich mich keiner der beiden Kritiken anschließen wollen. Weder war Preston blass, noch hat er vollkommen überzeugt. Stimmlich war er in »Préludes« bei seinem Solosong in der von mir besuchten Vorstellung nicht zu hundert Prozent sicher, aber hervorragend inszeniert die ganze Show hindurch. Sein Solosong am Ende der Show war ein Event (eines von mehreren) innerhalb der Produktion. Schade, dachte ich mir damals, dass er diesen Moment nicht optimal nutzen konnte. In »Ghost« erlebte ich Preston sicherer als Sänger, aber schauspielerisch? Nicht wirklich. Vor allem zwei Szenen sind mir in Erinnerung, die man als Regisseur so nicht freigeben sollte. Gegen Ende des ersten Akts sucht Carl (Preston) Sams Mörder in dessen Wohnung auf. Der Dialog, den die beiden führen, ist nicht glaubhaft, sowohl was das Schauspiel betrifft als auch den Text selbst, mit dem eher dem Publikum noch einmal erklärt wird, was bisher geschah. Die Szene ist schon im englischen Original ein Schwachpunkt, in Linz ist sie um nichts besser. Preston hat hier nach der Premiere in einer Folgevorstellung leicht variiert (im Tonfall) und ist etwas glaubhafter geworden, aber nach wie vor gerät alles aus dem Ruder. Tonfall, Lautstärke, Mimik, Timing, er verliert hier die Kontrolle. Wenig später dann die zweite wenig geglückte Szene. In einem Wutanfall kokst Carl, dann krempelt er sich die Ärmel hoch, dann stampft er wütend durch die Szene, kickt mit einem Bein in die Luft – völliges Overacting. Das ist nicht »blass« oder »überzeugend«, es könnte aber ein Resultat von zu wenig Probenzeit sein, zu wenig Regiearbeit.
Was die Regiearbeit betrifft, so hakt es aber nicht nur in diesen Szenen. Erinnern wir uns an eine Szene am Anfang des Stücks. Sam und Molly sitzen in einem Restaurant, der Kellner kommt und schenkt nach. Molly hat mehr im Glas als Sam. Sam nimmt ihr Glas und schüttet etwas Wein von ihrem Glas in seines. Nun haben beide gleich viel Wein und zehn Sekunden später gehen sie, ohne davon etwas getrunken zu haben. Währenddessen lässt man auf der rechten Bühnenseite schon die ganze Zeit über reichlich Nebel in die Szene. Vielleicht gibt es dafür ja eine Überlegung. Auf der Hand liegt sie nicht.
Die Londoner Inszenierung war eine exakt komponierte Show aus Ton, Licht, Effekt, Schauspiel, Tanz. Was passiert, wenn man hier an den Feinheiten rummurkst, hat man nach dem Transfer an den Broadway gesehen. In London musste die Show bald schließen, weil man die beiden Hauptdarsteller Richard Fleeshman und Caissie Levy, die von Beginn der Entwicklung des Musicals an dabei waren, an den Broadway exportiert hatte, und am Broadway wollte die Show nicht in die Gänge kommen. Ein Popmusical hat es am Broadway schon aus Prinzip bei Kritikern schwer. In diesem Fall entschied sich auch das Publikum dagegen.
In Linz funktioniert die Show vor allem deshalb, weil sie es schafft, Gefühle zu erzeugen, weil die entscheidenden Momente, und das sind nicht unbedingt jene, für die man Spezialeffekte benötigt, überzeugend gespielt werden. Da funktioniert die Chemie zwischen Riccardo Greco und Anaïs Lueken, das zärtliche Spiel mit der Liebe, dem Tod, der Melancholie und der Sehnsucht. In einem Musicalmagazin habe ich über die Musik der Show gelesen, dass die Songs nicht für die Kategorie »Ohrwum« taugen. Interessant, so ungefähr formulierten es auch die Wiener Kritiker bei »Rudolf«, dem Musical von Frank Wildhorn. Beide Shows sind wahre Hitfeuerwerke mit tollen Melodien. Man muss ja für Popmusicals nichts übrighaben, aber man sollte funktionierenden Melodien nicht ihre Wirksamkeit absprechen. Wer Lieder hören will, die nicht funktionieren, muss nur nach Wien fahren und sich »Don Camillo und Peppone« ansehen.
»Ghost« funktioniert in Linz sicher nicht aufgrund der Spezialeffekte. Was mich interessieren würde: Ist das eine Probeversion für die deutsche Version, das heißt, werden die Effekte noch verbessert, oder war’s das? In einem Online-Magazin stand zu lesen, dass Linz die »schwierige Aufgabe hatte, keinen Klon aus London zu produzieren, sondern eine eigene Inszenierung zu liefern, die sich jedoch nicht hinter der bekannten verstecken muss. Gleichzeitig sollte sie tourneetauglich sein und sich am deutschen Markt behaupten können. Dieses Kunststück ist gelungen. Von Anfang bis Ende wohnt der Show unter der Regie von Matthias Davids ein Zauber inne.« Nett, doch übersehen wir nicht die Tatsache, dass Stage Entertainment hier angeblich Geld investiert hat in die »Tricks«, in die »Illusionen«. Dafür ist die Wirkung aber dann doch etwas bescheiden. Das bekommt das Theater der Jugend in Wien bei ihren oft fantasievollen Bühnenillusionen auch ohne deutsche Partner hin.
Nehmen wir nur den Moment, in dem Sam als Geist durch eine Tür geht. Während man am West End hier tatsächlich eine perfekte Illusion kreiert hat, für die es immer Szenenapplaus gab, hat es in Linz den Anschein, als würde sich der Darsteller einfach durch einen kleinen Spalt seitlich an der knallrot beleuchteten Tür durchzwängen. Nicht wirklich ein toller Effekt. Carl lässt man an einer Wand durch »Geisterkraft« hochschweben. Nur schade, dass man genau sieht, wie das gemacht wird. Andererseits auch logisch, weil ja die Darsteller keine Illusionisten sind. Man könnte natürlich etwas besser kaschieren, dass Preston in der Szene unter seinem Hemd einen Gurt trägt, sich mit einem am Haken an einer Vorrichtung an der Wand einhakt und dann nach oben geliftet wird. Das könnte man etwa durch Licht kaschieren. Da haben wir aber das nächste Problem. Die ersten Reihen des Theaters bekommen von dem im Ansatz vorhandenen Versuch, durch grelles Licht das Publikum abzulenken, nicht viel mit, weil die Spots eher nach hinten ausgerichtet sind. Hinten hat man den Eindruck, dass es viel zu wenig Scheinwerfer sind, um wirklich einen tollen Effekt (welchen auch immer, man wundert sich bisweilen über die Blendlichter) zu haben. An den Dimensionen des Theaters scheitert auch ein eigentlich recht netter Trick. Um zu lernen, wie man als Geist physische Objekte tatsächlich fassen kann, statt nur hilflos durch sie hindurchzugreifen, stellt Sam eine Zigarettenschachtel auf eine Bank. Die ersten Male hat es den Anschein, als würde er durch die Packung einfach durchgreifen, doch schließlich klappt es, und er kann sie bewegen. Zwei Probleme haben wir bei diesem Trick. Von weiter hinten bekommt man nicht mit, dass auf der Bühne überhaupt eine Illusion stattfindet, und in der ersten Reihe sieht man natürlich, dass beim »Durchgreifen« die eine Packung nach unten kippt und dahinter eine nächste Packung hochkippt. Es müssen also in einer Art Rad mehrere Zigarettenpackungen angebracht sein. Dass man das sieht, macht den Trick nicht besser, so funktionieren Illusionen nicht. Aber wie gesagt, die Darsteller sind keine Illusionisten.
Ich hoffe, die Szene, in der der U-Bahn-Geist auf eine Turnmatte in den Orchestergraben jumpt, wird nicht in die Reihe der Illusionen eingereiht, das ist eher einer der albernsten Momente des Stücks. Am besten funktionieren immer noch die »Illusionen«, für die man keine Technik braucht, sondern vor allem der Fantasie des Publikums vertrauen muss. Etwa, wenn der Geist Sam in das Medium Oda Mae Brown »schlüpft«. Licht, Verkleidung Schatten und danach gelungenes Schauspiel und perfekte Songs. Das reicht.
Vielleicht reichte am Ende einfach das Budget für bessere Tricks nicht oder die Zeit war zu knapp. Anders ist es auch nicht erklärbar, dass man den Song »Rain« zu Beginn des zweiten Akts gestrichen hat. Hier hätte der Choreograf Lee Proud seine Chance gehabt, sich so richtig auszutoben. Er hat großteils zwar einen fabelhaften Job gemacht, und das Ensemble tanzt sensationell, exakt, aber die überschüssige Energie, mit der Herr Proud »I’m outta here« einen Showstopper des Musicals, zuerst glänzend aufgebaut und im zweiten Teil beinhart zerstört hat, hätte er lieber in »Rain« investieren sollen. »I’m outta here«, das Solo von Ana Milva Gomes, ist das Powerstück der Show, eine Tanznummer, in der Proud die Fetzen fliegen lässt, leider im wortwörtlichen Sinn. Es ist der Song, in dem Oda Mae Brown davon fantasiert, was sie mit dem vielen Geld, das sie in Form eines Schecks vermeintlich durch Sam bekommen hat, anstellen will. Sie singt davon, auf die Bahamas zu fliegen … Ein großartiges Tanzstück von Gomes und Ensemble, rasant bis … Nein, hab ich mir in dem Moment gedacht. Bitte, das machen die nicht wirklich jetzt … Statt diese Szene ganz auf Gomes zu fokussieren und spannend zu bleiben, beginnt sich das Ensemble auszuziehen, auf einmal stehen sie in knallbunten Badehosen da und Bikinis. Man kann es nicht anders bezeichnen als den Einbruch der Peinlichkeit in eine perfekte Szene. Billigstes Musicalklischee, kunterbunter Schwachsinn. Warum kann es nicht ein Mal ein Musical geben, für das man sich nicht zumindest in einer Szene fremdschämen muss. Nichts ist weniger sexy als sich angestrengt aus ihren Klamotten schälende Tänzer, die so tun, als würden sie das wahnsinnig elegant und lasziv durchziehen können. Gleichzeitig lenken sie alle von Gomes ab. Aus. Die Szene ist kaputt. Besser könnte es Gergen auch nicht. Jetzt hätte nur noch gefehlt, dass ein paar Leute vom linken Bühnenrand zum rechten Bühnenrand gehen, und wie am Handy die Szenerie freiwischen.
»Ghost« zeigt die Grenzen des Musiktheaters Linz auf. Soundtechnisch gesehen schrammt die Produktion nahe an der Katastrophe vorbei. Sitzt man hinten, versteht man akustisch kaum was, selbst in der ersten Reihe kommt der Ton extrem hallig rüber. Was mich interessieren würde, ist, wie sich die Darsteller selbst auf der Bühne hören. Man hat den Eindruck, dass einige Probleme haben. Lichttechnisch hat Michael Grundner zwar die gegebenen Möglichkeiten gut ausgenutzt, aber eine Show wie »Ghost« hätte mehr vertragen. Erinnern wir uns, wie »We Will Rock You« ins Raimund Theater eingezogen ist und Lichttechnik bis zum Anschlag aufgefahren hat. Mit dem vorhandenen Budget wird man aber wohl kaum Besseres bekommen.
»Ghost«, um zum Schluss zu kommen, funktioniert, weil es eine packende Geschichte erzählt und das hat, was jedes gute Musical hat: ein bisschen Magie, und die kommt nicht von den »Zaubertricks«, oder sagen wir: nicht nur. Die Show hat Szenen, die man nicht vergisst und die man noch einmal sehen möchte. Und das ist das Wichtigste überhaupt: dass ein Theaterereignis süchtig macht, nach dem Kick, den man in einer Vorstellung bekommt. Das Musicalensemble und die Gäste spielen in dieser Produktion groß auf. Allen voran Riccardo Greco, der in dieser Saison einen Lauf hat, für jede Produktion eine überzeugende Interpretation gefunden hat und sich als Leading Man des Ensembles etablieren konnte. Ana Milva Gomes erhält aufgrund ihrer derzeitigen »Dancing Stars«-Prominenz viel Extraapplaus, hätte ihn sich aber auch so aufgrund ihrer Powerhouse-Leistung verdient. Eine Show zum Immerwiedersehen.

GHOST
Musikalische Leitung/Stefan Diederich
Nachdirigat/Borys Sitarski
Inszenierung/Matthias Davids
Choreografie/Lee Proud
Bühne und Videodesign/Hans Kudlich
Kostüme/Leo Kulaš
Lichtdesign/Michael Grundner
Sounddesign/Andreas Frei
Videoanimation/Atzgerei
Illusionen/Nils Bennett
Dramaturgie/Arne Beeker

Sam Wheat/Riccardo Greco
Molly Jensen/Anaïs Lueken
Oda Mae Brown/Ana Milva Gomes
Carl Bruner/Peter Lewys Preston
Krankenhaus-Geist, Detective Beiderman, Furgeson/Rob Pelzer
U-Bahn-Geist, Ensemble/Gernot Romic
Clara, Officer Wallace, Ensemble/Ariana Schirasi-Fard
Louise, Ensemble/Gina Marie Hudson
Willie Lopez, Ensemble/Mischa Kiek
Ensemble/Nicolas-Boris Christahl, Rachel Colley, David Eisinger, Ruth Fuchs, André Naujoks, Raphaela Pekovsek, Thomas Karl Poms, Anna-Julia Rogers, Jan-W. Schäfer, Rita Sereinig, Nina Weiß

Swings/Wei-Ken Liao, Lynsey Thurgar
(Angaben zur Vorstellung am 2.4.2017)

Caspar Richter: 30 Jahre Musical & »Sofies Welt« – Idealismus statt Kommerz

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Caspar Richter, der langjährige musikalische Direktor der Vereinigten Bühnen Wien, feiert. Er hat mehrere Anlässe dazu. Einer davon: 30 Jahre ist das Musicalgenre ein Teil seines künstlerischen Wirkens. 1987 war er Gründungsmitglied der Vereinigten Bühnen Wien und wurde ihr Musikdirektor. Er baute das Orchester der VBW für drei Theater auf: das Theater an der Wien, das Raimund Theater und das Ronacher. In den folgenden Jahren studierte und dirigierte er bei den VBW über 30 Musicals, daneben etablierte er erfolgreiche Aufführungsserien wie »Musical Christmas«, konzertante Aufführungen von »Jesus Christ Superstar«, »Mozart!« und vieles andere mehr. Am 27. Juni 2010 verabschiedete sich Richter mit dem Konzert »Musical Forever 2« von den VBW. Offiziell. Von der Außenperspektive aus gesehen schien spätestens ab dem Jahr 2006 schleichend künstlerische Lähmung von der Spitze des Unternehmens aus um sich zu greifen. Indem man etwa Richters kreative konzertante Schiene budgetär kastrierte und dann abstellte – jenes Musical Cleansing, also kleine feine Produktionen, mit dem sich, wenn man das so formulieren will, die künstlerisch Verantwortlichen beim Publikum für den Schwachsinn entschuldigten, den sie bisweilen zeigten. Als bei einem Bernstein-Special nicht alle Plätze verkauft wurden, schien das den Verantwortlichen wie gerufen, um Anspruchslosigkeit nachdrücklich zum Mantra zu erheben. Kathrin Zechner meinte einmal zu mir, was eine der Musical-Cleansing-Produktionen betraf: Die leisten wir uns jetzt einfach. Das war wohl die Zeit, als sie mit Herrn Drozda bei ihren »Jour-fixe«-Terminen »zu 90 Prozent« über Themen gesprochen hat, die »nicht unmittelbar mit dem Musicalbereich zu tun hatten« (das Zitat über den Inhalt der Jour-fixe-Termine kann man –> hier nachhören) und sie noch das Sagen hatte. Wäre es doch dabei geblieben und hätte die Buchhaltung nicht das künstlerische Ruder übernommen.
Was ich an Richter geschätzt habe, war seine unverblümte Art, auch offiziell, schriftlich, ins Mikro zu sagen, was er sich denkt. So meinte er 2010 (siehe hier) auf meine Frage:

Martin Bruny: Im Booklet zur CD »Musical Forever 2« schreiben Sie vom »Mangel an guten, gehaltvollen Musicals«. Beschreiben Sie doch bitte, wie Sie den Musicalmarkt in Österreich sehen und was Sie gerne ändern würden. Gab es eine Musicalproduktion der VBW, bei der Sie am liebsten mit Arbeitsverweigerung gedroht hätten oder auch gedroht haben.
Caspar Richter: Man hat es versäumt, rechtzeitig neue Autoren und Komponisten zu fördern, in Workshops etc. Das ist einfach abgelehnt worden, und nun ist fast nichts Gutes nachgewachsen. Ideen dafür hätte ich genügend gehabt. Eine Produktion, der ich mich am liebsten verweigert hätte, gab es eigentlich nicht wirklich, bei »Freudiana« war nur die Umsetzung eines tollen Stücks noch nicht entwickelt und nicht gut genug. Auch »Wake Up« hätte ein gutes, krasses Musical werden können, wenn man einen richtigen Regisseur gehabt hätte. Da gab es einige Fehlentscheidungen.

Das sind Statements, die man in der Zeit nach 2010 nie wieder in einem Interview mit einem Angestellten der VBW hören konnte. Ich erinnere mich noch gut an ein Interview mit einem Mitglied des Leading Teams von »Sister Act«. Das Interview war mit den VBW vereinbart, es fand im Auftrag einer Zeitschrift statt, die VBW durften also von einer größeren Geschichte ausgehen, dementsprechend hatte ich mich darauf vorbereitet. Und wie heißt es so schön bei Clickbait-Artikeln: Sie werden nicht glauben, was dann passierte. Nicht nur, dass man dem Interview in etwa 30 bis 40 Minuten gab, saß auch eine Mitarbeiterin der Presse-Abteilung mit am Tisch und observierte das Gespräch, spielte mit ihrer Uhr. Kurz: störte. Interviews ohne Zeitdruck oder mit Darstellern, ohne vorher die VBW einzubinden? Keine Chance. Die Absurdität wurde Normalzustand.
Das alles lag da schon längst hinter Caspar Richter, und obwohl er anlässlich seines Abschieds von den VBW angekündigt hatte, auch das Musicalgenre hinter sich lassen zu wollen, hat er ganz im Gegenteil 2012 gemeinsam mit Markus Olzinger und Elisabeth Sikora ein Musical-Festival, den »Musical Frühling in Gmunden«, begründet. 2015 ging mit »Blutsbrüder« die erste Produktion über die Bühne, 2016 folgte »Der geheime Garten«, und 2017 ist noch am 21., 22. und 23. April die österreichische Erstaufführung des Musicals »Sofies Welt« zu sehen. Caspar Richter dazu:

1987 und jetzt 2017 sind zwei magische Zahlen für mich, da es sich mit SOFIES WELT in Gmunden wieder um eine österreichische Erstaufführung handelt, und das wieder mit einem eigens für den Musicalfrühling in Gmunden gegründeten 20 Mann starken Orchester. Es handelt sich um Musiker der drei besten Brünner Institutionen, Opernhaus, Philharmonie und Stadttheater, drei Häuser, an denen ich schon seit Jahrzehnten arbeite und die ich für ihre hohe künstlerische Qualität schätze.
Die Zusammenarbeit mit dem jungen und innovativen Team des Musicalfrühlings, Markus Olzinger und Elisabeth Sikora, ist besonders reizvoll, weil hier Idealismus über Kommerz steht. Wir spielen nun in Gmunden Werke, die künstlerisch höchst wertvoll sind, in Österreich aber noch nie bis selten gespielt wurden. Besonders SOFIES WELT, ein Stück bei dem ich bereits die Welturaufführung dirigierte, ist sowohl inhaltlich als auch musikalisch eine Herausforderung. Es kommt aber sehr gut an. Standing Ovations und ein mehr als zufriedener Komponist und Autor, was will man mehr.

Idealismus statt Kommerz. Das ist mal eine Ansage.

Weitere Infos zum »Musical Frühling in Gmunden« unter: musical-gmunden.com
Foto: Rudi Gigler