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Archiv - September, 2004

Privatsubstitute - der Anfang vom Ende des guten Rufs der Wiener Philharmoniker?

Berichte von bösen Verrissen einiger Konzerte der Wiener Philharmoniker haben in den letzten Monaten die Runde gemacht. Man beschwerte sich über den unsauberen Klang des sonst so einzigartigen Klangkörpers, man zog sogar in Zweifel, das so weltberühmte Orchester tatsächlich live erlebt zu haben. Und, so unglaublich es klingt, die ärgsten Vermutungen sind wahr. Wer Eintrittskarten für Vorstellungen mit den Wiener Philharmonikern kauft, darf wahrlich nicht sicher sein, auch tatsächlich nur Wiener Philharmoniker zu hören. Ist es doch Sitte unter den hochgelobten und hochbezahlten Musikern geworden, sich Musikdoubles zu leisten, die sie im Orchestergraben vertreten, sogenannte Privatsubstitute, auch Ersatzinstrumentalisten genannt. Überspitzt formuliert geht das Ganze so vor sich: Hat ein Wiener Philharmoniker mal keinen Bock darauf, eine Vorstellung zu spielen, sagen wir mal, weil er mit einem lukrativen Auftritt mit einer anderen Orchesterformation wesentlich mehr verdient an einem Abend, ruft er einen, sagen wir mal Musikstudenten an, der für eine gewisse Summe, sagen wir mal 200 Euro pro Vorstellung, seinen Platz im Orchestergraben einnimmt.
Schön und gut, wenn das ein Mitglied des Orchesters macht, was aber, wenn mehrere auf die glorreiche Idee verfallen, nicht zu spielen, was, wenn das Orchester zunehmend aus sicher nicht unbegabten Studenten, aber eben nicht aus Mitgliedern eines weltberühmten Klangkörpers besteht. Nun, dann leidet eben der Ruf, dann sinkt die Reputation. Wir werden ja sehen, wie und ob Staatsoperndirektor Holender sicherstellen kann, daß im Haus am Ring wieder mehr auf sauberen Klang und Qualität Wert gelegt wird.

Von Vollkoffern, Austrokoffern und Literatur in Österreich

Wir leben in einer Zeit der Literatur-Koffer – in Deutschland sagt man etwas stilsicherer Kanon dazu, lässt Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki eine von ihm jederzeit erklärbare und fundierte Auswahl treffen, in Österreich plant man etwas plump einen Austrokoffer, wobei die Art des Herangehens an dieses Projekt eher etwas Vollkofferartiges an sich hat. Literatur, das sollte sich vielleicht mal bei Verlagen herumsprechen, verkauft man nicht wie Schweineschmalz oder Ochsenschlepp. 5 Kilo Literatur, darfs ein bisserl mehr sein? Österreichische Literatur mit lächerlichen Slogans wie:

… das kleine Österreich ist eine kulturelle Großmacht, der „Austrokoffer“ enthält 18 Bände, 5000 Seiten, 130 Autoren …

anzupreisen, wirkt vulgär und marktschreierisch, in etwa so billig wie die Kinderwebsite, die zu Promotionzwecken erstellt wurde und bunt bis zum Exzess vor sich hinstrahlt. Gänzlich zur Farce wird das Projekt „austrokoffer“ durch eine Anmerkung auf der „offiziellen Website“, die sich wie folgt liest:

Nieder mit der Schlechtschreibreform! Die Texte des Austrokoffers werden sämtlich in der „alten“ Rechtschreibung publiziert. Der Austrokoffer und alle Kulturmenschen sind gegen die Schlechtschreibreform.

Erstens gibt es Autoren, die sich sehr wohl der neuen Rechtschreibung bedienen, doch selbst wenn dem nicht so wäre, der Argumentationsstil, der hier benutzt wird, ist einfach nur abstoßend. Kulturmenschen, wenn man diesen schrecklichen Begriff wirklich verwenden will, definieren sich ganz bestimmt nicht über die Rechtschreibung, und mit Sicherheit haben sie keinen „Austrokoffer“ nötig. „Kulturmenschen“ kennen vermutlich die bedeutendsten Werke der österreichischen Literatur bereits und erfreuen sich wohl eher an Hardcover-Originalausgaben, als billige Paperback-Agglomerate zu erstehen.

Aber nun schnell weg von diesem Unwort. Was ist denn die Hauptzielgruppe des Ueberreuter-Verlags? Sind es eventuell junge Menschen, die um wenig Geld „viel Literatur“ erstehen wollen? Ist es nicht auch schon jene Generation, die in der Schule zu der neuen Rechtschreibung frönenden „Nicht-Kulturmenschen“ erzogen wurde. Wie dreist, einer ganzen Generation Kultur abzusprechen. Und wie lächerlich.

Der Sommer ist vorbei, „Elisabeth“ regiert wieder im Theater an der Wien

Lukas Perman, 12.9.2004, Foto: Martin Bruny
Nadine Hammer, 12.9.2004, Foto: Martin Bruny
Mate Kamaras & Serkan Kaya, 12.9.2004, Foto: Martin Bruny

Lange mussten wir sie entbehren, nun ist sie wieder da: Elisabeth. Seit 10. September ist das Kult-Musical von Levay/Kunze wieder im Theater an der Wien live zu erleben. Besetzungsmäßig hat sich einiges geändert über das Sommerpäuschen. Lukas Perman (ehemals Permanschlager) ist nun Erstbesetzung Rudolf, Rob Fowler gibt den Tod alternierend. Für die Rolle des kleinen Rudolf wurden Gregor Hülbig, Matthias Ladstätter und Johann Ebert engagiert. Luzia Nistler, einst die Christine im „Phantom der Oper“, spielt Ludovika und Frau Wolf.
Weiters neu im Ensemble: Andrea Malek (Gouvernante, 2. Besetzung Ludovika/Frau Wolf), Wietske van Tongeren (Gräfin Sztaray), Fritz Schmid (Ein ungarischer Adeliger, 2. Besetzung Rudolf), Lars Stockmann (Ein Professor, 2. Besetzung Franz Joseph), Martina Dorothea Rumpf (Swing), Christoph Sommersguter (Swing), Vivianne Voge (Swing) und Murray Grant (Todesengel).

„Zuständ’ wie im alten Rom“ - Das 82er spielt Sondheim

Stephen Sondheim-Fans haben in diesem Herbst noch eine Pflicht-Pilgerfahrt vor sich. Ort des Geschehens: Gablitz bei Wien. Genau da präsentiert das Theater 82er Haus ab 29. Oktober 2004 Sondheims Opus A Funny Thing Happened on the Way to the Forum („Zuständ’ wie im alten Rom“). Die irrwitzige Handlung in Kurzfassung:

Ort der Handlung ist eine Straße im alten Rom. Im Zentrum steht das Haus des römischen Bürgers Senex und seiner herrschsüchtigen Frau Domina. Ihr Sohn Hero hat sich verliebt. Doch die Jungfrau Philia, seine Angebetete, ist das Prachtstück des angrenzenden Freudenhauses. Und sie ist von ihrem Besitzer Marcus Lycus bereits dem großen Hauptmann Miles Gloriosus verkauft worden. Dieser wird bald mit seinen Soldaten kommen, um seine Ware abzuholen. Was nur Senex’ halbblinder Nachbar Erronius mit der Sache zu tun hat, der seine schon lange verschollenen Kinder sucht?
Die Chancen für ein Happy End stehen gut: Senex und Domina verreisen. Hero verspricht seinem Leibsklaven Pseudolus die Freiheit, wenn er ihm zu seiner Liebsten verhilft. Und mit Hysterium, dem Chefsklaven, scheint Pseudolus leichtes Spiel zu haben.
Rasch denkt er sich einen Plan aus und schreitet zu dessen Verwirklichung. Doch das Leben hat seine Tücken: temporeiche Verwechslungen, böse Intrigen, schlimme Überraschungen und unvorhersehbare Turbulenzen vereiteln seine Absichten. Plötzlich werden die Jungfrauen immer zahlreicher, der lüsterne Senex ist auf der Flucht vor seiner Gattin, Miles Gloriosus hat genug von den Frauen, der greise Erronius sieht Gespenster, Lycus ist von der Pest befallen und Hero droht mit Selbstmord.
Ob Pseudolus unter diesen Umständen seine Freiheit erlangen kann?

Es spielen: Lilly Kugler, Julia Vurglics, Bernd J. Arends, Terry Chlat, Sam Madwar, Matthias S. Raupach, Markus Richter und als Gast: Otto Novacek

Robert Stadlober, der Sommerstürmer zwischen Wien und Rilke

Robert Stadlober, der Sommerstürmer

“Die Österreicher checken nicht, dass ich Österreicher bin. Die denken sich, depperter Piefke, den brauchen wir nicht besetzen. Leider, weil ich den österreichischen Film um einiges höher schätze als den deutschen. Barbara Albert, ein Genie, Ulrich Seidl … (…) Für die bin ich zu sehr in der Popkultur verhaftet. Die Filme, die ich mache, werden von einer bestimmten Intelligentsia nicht ernst genommen.” [Robert Stadlober, 3. August 2004]

Robert Stadlober, in Kärnten geborener Steirer mit (seit kurzem) Wohnsitz in Wien, hat gerade einen “Tatort” abgedreht, ist am 10. September mit Tom Hanks bei “Kerner” zu Gast, wird im Herbst mit Rilke-Texten durch Deutschland touren und wohl auch wieder mit Gary Konzerte geben. Er ist einer der “Großen 10″ im deutschsprachigen twentysomething Schauspielerpool und wird derzeit mit seinem neuesten Film Sommersturm mal wieder als “Shootingstar” abgefeiert. Das war schon bei Sonnenallee (1999) so und auch bei crazy (2000). Wollen wir doch hoffen, dass er vom Shootingstar-Status mal endlich wegkommt.

Grimms „Deutsches Wörterbuch“ auf 2 CD-ROMs: für Österreicher zum „Wucherpreis“

49,90 Euro, so viel kostet das laut Marcel Reich-Ranicki “allerwichtigste Buch in deutscher Sprache” in digitaler Form in Deutschland, das Deutsche Wörterbuch von Wilhelm und Jacob Grimm. Das ist der Preis, den der Verlag, Zweitausendeins, festgesetzt hat. In Österreich kostet dasselbe Produkt 68 Euro, also um rund 35 Prozent mehr. Anfragen an den Verlag, warum es eine solch enorme Preisdifferenz für ein und dasselbe Produkt gibt, enden sehr unbefriedigend. In meiner ersten Anfrage erhielt ich zum Beispiel die folgende Auskunft:

Zweitausendeins liefert eigentlich nur direkt an den Kunden und nicht ueber Buchhandlungen. Die Preise bei uns sind sehr knapp kalkuliert um unseren Kunden die niedrigsten Preise offerieren zu koennen. Wenn eine Buchhandlung bei uns bestellt, so koennen wir keine Rabatte gewaehren und die Buchhandlung muss auch noch die Portokosten tragen. Dies fuehrt dann dazu, dass manche Buchhaendler, wenn sie denn bei uns bestellen, den Verkaufspreis unverhaeltnismaessig erhoehen.
Dies sollte aber in Zukunft nicht mehr passieren, da wir seit kurzer Zeit auch mit einem Auslieferdienst fuer Buchhaendler (ÖBZ) in Oesterreich zusammenarbeiten. Somit erhalten die Buchhaendler die Ware weit guenstiger und sind eigentlich auch der Preisbindung fuer Oesterreich unterworfen.
Nichtsdestotrotz scheint mir der Preis von Euro 68 zienlich unproportional erhoeht, auch wenn unsere Versandkosten nach Oesterreich Euro 8,80 betragen.

Nun, ich habe mein Exemplar des „digitalen Grimm“ über das ÖBZ bestellt, und angenommen, dieser Auslieferer würde 8,80 Euro auf den Originalpreis von 49,90 draufschlagen, so würden wir bei 58,70 Euro liegen. Freilich gilt der „digitale Grimm“ als Bestseller, und kein Kunde würde verstehen, wenn man auf Produkte, die ohnedies nicht extra für Einzelkunden bestellt werden müssen, noch Portokosten draufschlägt … Aber wie auch immer, bei 68 Euro würden wir nicht ankommen. Was das Ganze aber noch abstruser macht, ist der offizielle Eintrag für dieses Produkt im Verzeichnis Lieferbarer Bücher (VLB). Da kann man folgendes lesen:

Verlag : ZWEITAUSENDEINS
ISBN : 3-86150-628-9
Einband : CD-ROM
Seiten/Umfang : 14 schwarz-weiß Abbildung(en), mit 1 Begleitb. in Leinen: 131 Seiten, 1 Handb.: 44 Seiten - 24 × 15,5 cm
Erschienen : 2. Auflage 08.07.2004
Gewicht : 300 g
Preisinfo : 49,90 Eur[D] / 68,00 Eur[A] / 140,00 sFr (unverb. Preisempfehlung

Oha, die 68 Euro sind also kein Produkt des Zufalls, kein Ergebnis eines Buchhändlers, der unverhältnismäßig viel Porto auf seine Produkte draufschlägt, nein nein, der Preis wurde vom Verlag selbst so festgesetzt. In der Regel ist es nämlich so, dass VLB-Einträge IMMER vom Verlag vorgenommen werden, und wieso sollte es in diesem Fall anders sein?
Gänzlich verwirrt richte ich eine neuerliche Anfrage an den Verlag “Zweitausendeins” und bekomme eine noch unverständlichere Antwort, die sich wie folgt liest:

Der Hintergrund ist leicht zu erläutern. Zweitausendeins liefert in Deutschland nicht über den Buchhandel aus, sondern nur über den Versand und die Zweitausendeins-Läden. Wir verzichten also auf buchhändlerische Infrastruktur und müssen sie deshalb auch nicht bezahlen: Unser deutscher Ladenpreis enthält weder Zwischenhändlerrabatte noch Buchhandelsrabatte.
Dafür kann man unsere Produkte auch nicht bequem innerhalb von einem Tag in jeder Buchhandlung bekommen.
Der ganze Service, den der Buchhandel leistet, wird mit den Rabatten finanziert (dazu natürlich auch das Buchhandelsunternehmen: Gehälter, Miete, Betriebskosten).
Wie gesagt: Wir machen da nicht mit, deshalb sind unsere Bücher billiger.
Das ÖBZ ist nicht unsere (!) Auslieferung. Zweitausendeins liefert selbst nicht an den Handel.
Seit ein paar Monaten gibt es eine engagierte Österreicherin, die unsere Bücher auf Ihr Risiko nach Österreich importiert und dort im Buchhandel anbietet. Diese Dame muß rechnen wie jeder andere Verlag auch: Sie muß das ÖBZ bezahlen (Auslieferungskosten), den Buchhändlern Rabatt vom Verkaufspreis geben und auf eigene Kosten reisen und die Bücher als Vertreterin anbieten.
Da wir selbst diese Kosten nicht in unserem Preis drin haben, bekommt sie unsere Bücher nur zu einem Preis, der all diese Kosten nicht deckt. Darum legt unsere Vertragspartnerin für Österreich höhere Preise fest (wir machen das nicht).
Wir haben mit ihr ausgemacht, daß wir Privatkunden von Deutschland aus zu deutschen Preisen beliefern dürfen, österreichische Buchhandlungen werden von ihr zu ihren Preisen beliefert. Beide Preise sind im Verzeichnis lieferbarer Bücher von uns angegeben. Unsere eigenen Euro (D)-Preise sind jederzeit in unserem Katalog und auf unserer Homepage www.Zweitausendeins.de nachzusehen.
Wer also in Österreich in die Buchhandlung geht, zahlt einen höheren Preis, als wenn er bei Zweitausendeins direkt bestellt. Bei niedrigpreisigen Büchern hat er dennoch einen Vorteil, weil der Ladenpreis niedriger als eine Einzelbestellung plus Porto ist. Und er kann sich die Titel gleich in der Buchhandlung anschauen.
Bei teureren Titeln lohnt sich das Nachrechnen und Bestellen in Deutschland.

Fazit: Ob das ÖBZ nun Auslieferer von Zweitausendeins ist, wissen wir nicht. Man scheint sich da selbst bei Zweitausendeins nicht sicher zu sein, vielleicht sollte man auch das ÖBZ bitten, den Eintrag aus der Kundenliste zu löschen. Auf der Strecke bleibt jedenfalls der Konsument, denn wer rechnet schon damit, dass ein und dasselbe Produkt um 35 Prozent teurer als im Ursprungsland verkauft wird.

Update 2012
Mittlerweile ist der „digitale Grimm“ völlig gratis im Netz verfügbar –> hier.