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Archiv - Wien

VBW: Jesus Christ Superstar, Drew Sarich und die Standing-Ovations-Narzissten

Standing Ovations. Was hierzulande ohne viel nachzudenken meist nicht übersetzt für eine besondere Form des Applauses, nämlich den Stehapplaus, verwendet wird, meint in Wirklichkeit nicht, dass das Publikum beim Applaus aufsteht. Das Adjektiv »standing« bedeutet in diesem Kontext vielmehr »lang anhaltend«. Damit wollte sich Musicalpublikum freilich nie wirklich auseinandersetzen. Geschult von den tollen Übersetzungen englischsprachiger Musicals, konnte für diese Besucherspezies »standing« nur »stehend« bedeuten. Standing Ovations freilich kann es auch bei Rollstuhlpublikum geben, das begeistert und lang anhaltend applaudiert. Wie so oft würde die deutsche Sprache also weit mehr Nuancen bieten, sie werden aber nicht genutzt.

Nötigung. Stehapplaus ist immer mit den Begriffen Nötigung, Gruppenzwang verbunden. Längst wissen Theater, wo man taktisch Claqueure platzieren muss, damit sie den Applaus bei Premieren so richtig in Schwung bringen. Will man Stehapplaus erzwingen, so geht nichts leichter als das. Im vordersten Bereich genügen ein paar Besucher, die sich quasi wie ein Mann erheben, um eine Massenreaktion auszulösen. Auch andere stehen auf, weil sie sonst nichts sehen würden. Am Schluss stehen also die, die aus taktischen Gründen stehen, und die, die nur stehen, weil sie sonst nichts sehen würden. Und in den Medien wird dann von »Standing Ovations« berichtet, die in Wahrheit nur Fake Applaus waren. So betrügt man Künstler um ehrlichen Applaus.

Die Applaus-Narzissten. Andrew Lloyd Webbers Rockoper »Jesus Christ Superstar« gehört in Wien mittlerweile zur Tradition wie Sisi, Mozartkugeln oder der Christkindlmarkt. Und was nie fehlen darf bei Aufführungen dieser Show durch die VBW (davor durch Aufführungen am Theater an der Wien): der enthusiasmierte Fan. So schrieb Attila E. Láng 2001 in seinem Buch »200 Jahre Theater an der Wien. ›Spectacles müssen seyn.‹«: Bei ›Jesus Christ Superstar‹ siedelte sich durch zwei umjubelte Serien im Theater an der Wien eine ›Fangemeinde‹ an, die bis heute vom Stehplatz schreiend, kreischend ihren jeweils zum Star ernannten Liebling begrüßt. Damals [Österreichische Erstaufführung: 8.12.1981, 137 Vorstellungen, 134.050 Besucher in der Spielzeit 1981/1982] waren es Alexander Goebel, James Brookes und Rainhard Fendrich, heute sind es Uwe Kröger, Maya Hakvoort oder Yngve Gasoy-Romdal …).» In Rolf Kutscheras Memoiren »Glück gehabt. Meine Erinnerungen« (2010) lesen wir: »Zum ersten Mal trat etwas ein, was bei früheren Musicals nicht in diesem Ausmaß der Fall gewesen war: Die Jugend stürmte den Stehplatz. Sang mit. Weinte. Tanzte mit. Quittierte den Auftritt der Lieblinge mit gellenden Schreien. Heute gehört es zum Musicaltheater dazu. Nicht nur am Stehplatz, auch in den Logen und auf den teuersten Plätzen.«
Den Sprung in die Ära der VBW schaffte »Jesus Christ Superstar« 2004 als Fremdproduktion von Markus Prühs. 2004 brachte er die Rockoper konzertant zur Aufführung. Damals hatten die VBW im Raimund Theater »Barbarella« am Start, im gleichen Jahr wurde in Amstetten »Footloose« gezeigt. Im Ronacher waren Yngve Gasoy-Romdal, Maya Hakvoort, Dave Moskin, Ethan Freeman, Pehton Quirante und Previn Moore die Stars von insgesamt zwei Vorstellungen, begleitet wurden sie von einer elf Musiker starken Band, und moderiert wurde die Show von Martin Traxl. Prühs gelang ein Riesenerfolg, und bereits 2005, was für ein Wunder, produzierten die VBW selbst eine konzertante Version. Es spielte unter der Leitung von Caspar Richter das Orchester der Vereinigten Bühnen Wien, in den Hauptrollen waren Drew Sarich (Jesus), Serkan Kaya (Judas), Dennis Kozeluh (Kaiphas), Rob Fowler (Simon/Annas), André Bauer (Pilatus), Roman Stranka (Petrus), Claudia Stangl (Maria Magdalena) und Jacqueline Braun (Herodes/Soulgirl) zu sehen. Drei Vorstellungen waren angesetzt. Seit damals steht »Jesus Christ« fast jedes Jahr am Spielplan der VBW. Die Musicalfans fielen damals noch nicht durch blödsinnige »Standing Ovations« auf, sie ruinierten in jenen Jahren nur »Gethsemane« und nicht gleich die ganze Show, indem sie nach dem ersten Teil des Songs zu klatschen begannen. Das ging einige Jahre so, bis Koen Schoots, der mittlerweile Caspar Richter als musikalischer Leiter des Orchesters abgelöst hatte, 2011 ein neues musikalisches Arrangement schrieb. Geschickt baute er nach dem rockigen Anfangspart von »Gethsemane« ein Gitarren-Delay (Echo) ein, das den Schlussakkord des ersten Teiles im Tempo des neuen Teiles wiederholt. Also ein programmiertes Delay. Es entstand keine »Pause« mehr zwischen dem ersten und zweiten Teil des Songs, und mit dem Klatschen war es endlich vorbei. Natürlich war nicht die Klatscherei der Grund dieser Änderung, der Effekt aber eine nette Nebenwirkung.

Springen wir ins Jahr 2017. Wieder einmal stand »Jesus Christ Superstar« am Spielplan, und diesmal hatte eine Gruppe von Fans ganz offensichtlich eine Agenda: Sie wollte ihren persönlichen Superstar Drew Sarich nach dem Song »Gethsemane« feiern. Koste es, was es wolle. Dass die Stelle in der Show völlig unpassend ist, um sie durch Stehapplaus zu unterbrechen – egal. Ich hätte ja nichts gegen »Standing Ovations«, wenn sie tatsächlich Ausdruck spontaner Begeisterung wären, aber das, was sich im Ronacher abspielte, war strategisch geplant. Hier demonstrierte eine Gruppe von Fans sich selbst, wie sehr sie es zu würdigen weiß, was Drew Sarich auf der Bühne leistet. Schaut her, wie gut wir einschätzen können, was er da leistet, wollten die Jubel-Streber signalisieren. Einerseits. Andererseits gibt es einen englischen Ausdruck dafür, wie dieser Jubel eigentlich zu verstehen ist. Er hat eher etwas mit gönnerhaftem (»patronizing«) Schulterklopfen zu tun. Schau doch Drew, was du für tolle Fans hast, die zu schätzen wissen, was du machst. Da stehen sie dann, brüllen, pfeifen, schreien gellend, ohne Rücksicht, wie am Fußballfeld und glauben tatsächlich, dass man das noch als »normales« Verhalten bezeichnen kann. Sie machen sich selbst zur Show. Narzissmus pur. Und auch in ihren Foren geht es dementsprechend zu. Kritiker werden gnadenlos auf persönlicher, nicht fachlicher Ebene niedergeschrieben. Über eine Kritikerin der Tageszeitung »Die Presse« stand in einem jener Foren zu lesen (die Tippfehler wurden übernommen): »Mein erster Eindruck : hier schrieb eine leicht verkniffene, unzufriedene, ältliche Dame,die im Leben wohl selten Freude hatte. Freude an einem wunderbaren, modernen Stück, welches das Publikum zu Recht jeden Abend aufs neue zu Begeisterungsstürmen hinreisst ! also wirklich…….. so verbiestert das ganze,dass es schon wieder komisch ist.«

Auch 2018 steht »Jesus Christ Superstar« wieder am Spielplan der VBW. Was wird dieser Fangruppe dieses Mal einfallen? Vielleicht Transparente, Trillerpfeifen?

Andreas Gergen bis 2025 nicht als Regisseur bei den VBW tätig …

Bekanntlich wurde Christian Struppeck als Intendant der VBW bis zum Jahr 2025 verlängert. Damit gilt wohl auch, was ihm sein Boss unlängst via ORF ausgerichtet hat: Solange Struppeck Intendant ist, so Franz Patay, wird Andreas Gergen ab sofort keine Regiearbeiten mehr übernehmen.
Nur dass wir das alle nicht vergessen.

I Am From Austria – Im Freien Fall

Wer Wuchtln will, geht ins Simpl, wer Musical für Vollidioten bevorzugt, kann auch im Raimund Theater vorbeischaun. »Im freien Fall« heißt das neue Programm des Kabarett Simpl, und das hat durchaus auch etwas Philosophisches. Denn der freie Fall, das ist ja an sich was Tolles. Bis man halt aufprallt. Wenn Christian Struppeck Pech hat, ist das mit dem Aufprallen bald so weit. Was er für IAFA an Dialogen geschrieben hat, geht nicht mal in einer Soap. Vor allem dann, wenn dieser schlechte Dialog derart schlecht serviert wird. Ich habe im Publikum heute durchaus bekannte ehemalige Theaterdirektoren gesehen, die sich beim x-ten Aufguss des Schmidinger-Running-Gags nur mehr an die Stirn gegriffen haben. Die nur den Kopf geschüttelt haben, als Torten in einer Szene zu singen begonnen haben. IAFA ist Theater für Infantile. Man glaubt nicht, was da an Kitsch von der Bühne rinnt. Hier kommt es in fast keiner Szene zu einem »Break-into-Song«-Moment, weil Gergen es timingmäßig einfach nicht schafft. Er lässt, wenn ihm nicht eine Tanzszene zuhilfe kommt, seine Darsteller auf der Bühne versauern, bis dann endlich ein Lied beginnt. Gern würde ich sagen, es liegt nicht an den Darstellern, aber so ist es eben nicht, oder eben doch, denn Andreas Steppan ist der Einzige der Truppe, der so etwas wie Glaubhaftigkeit auf die Bühne bringt und mit seinem ersten Lied den besten Showmoment dieser Produktion hat. Was die Show halbwegs in Schwung hält, sind die Tanznummern, aber nicht wegen der Tanznummern mit den altbackenen Choreos, sondern weil es einfach klasse Tänzer sind, die sie servieren. Paul Csitkovics, Thomas Höfner, Peter Knauder, das sind einfach Typen, die dir jeden Schas so tanzen, dass du nur mehr Wow sagst. Das wären also zwei Gründe, sich die Fendrich-Show anzusehen, aber es fällt schon sehr schwer, viel mehr Positives zu finden.
(Besuchte Vorstellung: 16. September 2017; Raum Für Kommentare –> hier; Lounge der VBW-Mitarbeiter –> hier)

Und das schrieben die anderen:

»Nun könnte man das alles trotzdem charmant finden, würde die Banalität nicht so schmerzen. Klischee türmt sich hier über Klischee, bis man ein Gipfelkreuz draufstellen könnte.« (»Wiener Zeitung«)
»… zwischen den Evergreens hanteln sich sie Darsteller mit Texten von Nummer zu Nummer, die kaum mehr als Alltagsblabla sind. Drei Stunden lang.« (»Kronen Zeitung«)
»Der Beginn ist fürchterlich, es wird gekreischt und gehüpft, man möchte rufen: ›Armer Fendrich, du kannst nichts dafür‹« (»Die Presse«)
»Mangelnde Personenführung ist seit jeher ein Schwachpunkt in der Regiearbeit von Andreas Gergen. Auch mit Respekt vor Kim Duddys Leistungen in vielen Jahren: Das Bewegungsrepertoire des hüftflexiblen Ensembles kommt einem von anderen Musicals schon so bekannt vor, dass sich die Frage stellt: Wo bleibt der neue choreografische Input?« (»Kurier«)
»Mitunter fliegt sie auch im Hubschrauber Richtung Hüttenzauber und erleidet neben einem Gipfelkreuz einen Anfall von Heimatliebe.« (»Der Standard«)
»Michael Reed hat Fendrichs Nummern für die Verwendung auf der Musicalbühne fit gemacht - dass das keine Schlankheitskur sein wird, war klar. Es darf ein bisserl mehr sein, auch wenn es manchmal wehtut.« (nachrichten.at)

Franz Patay: »Andere machen es ja auch so«

Transkription eines Beitrags von ORF 3, 26.6.2017, »Kultur Heute«

Wie weit darf Freunderlwirtschaft eigentlich gehen? Mit dieser Frage sehen sich derzeit die Vereinigten Bühnen Wien konfrontiert. Im Herbst wird der neue Intendant der Musicalstätten Raimund Theater und Ronacher bekannt gegeben. Die schlechte Auslastung des Musicals »Schikaneder« hat Intendant Christian Struppeck unlängst einen Dämpfer verpasst. Nur 62,5 Prozent der Sitzplätze waren heuer belegt. Und jetzt kommt auch noch der Vorwurf der Freunderlwirtschaft dazu. Auffällig oft inszeniert nämlich der deutsche Regisseur Andreas Gergen. Das Pikante daran: Gergen ist der Lebensgefährte von Struppeck. Der neue VBW-Geschäftsführer Franz Patay zieht Konsequenzen.

Unverhältnismäßig oft setzt Musicalintendant Christian Struppeck bei Neuproduktionen auf Regisseur Andreas Gergen. Insgesamt vier Mal standen Inszenierungen und Regiearbeiten seines Lebensgefährten am Spielplan. Wer nachfragt, erfährt auch, dass Gergen für das Projekt »Messiah Rocks« im vorigen April ebenfalls vorgesehen war. Nur habe er damals keine Zeit gehabt. Beim Musical »I Am From Austria« diesen Herbst wird Gergen nun seine fünfte Regiearbeit übernehmen, das aber auf Wunsch von Rainhard Fendrich.
Den Vorwurf der Freunderlwirtschaft kann der neue VBW-Geschäftsführer Franz Patay nicht verstehen. Andere machen es ja auch so.
Franz Patay: »Wenn wir mal bisschen weiter schauen, ich sage mal in das Volkstheater, da war auch der Herr Schottenberg mit der Frau Maria Bill, die jahrelang dort gearbeitet haben. Noch ein Stückchen weiter im Theater in der Josefstadt ist der Herr Föttinger mit einer seiner Protagonistinnen verheiratet und inszeniert und spielt mit ihr.«
Umstritten ist auch Struppecks Auslegung seines Auftrags, neben seiner Funktion als Intendant zusätzlich auch Stücke zu schreiben. So hat er drei der vier neu produzierten Musicals, bei denen die Vereinigten Bühnen beteiligt waren, selbst verfasst oder zumindest als Koautor fungiert. Tantiemen dafür sind ihm nach seiner Intendantenzeit sicher. Stücke zu schreiben, sei Struppecks ausdrücklicher Auftrag, betont Franz Patay. Dass er aber so gut wie jedes neue Stück selbst schreiben muss, besagt der Auftrag nicht. Oder?
Franz Patay: »Richtig. Da geb ich Ihnen recht. Ist so.«
Eine offene Frage ist auch, warum 2016 das gut ausgelastete VBW-Musical »Mozart!« nicht bis Saisonende gespielt wurde. Stattdessen wurde von April bis Ende Juni die Tourneeproduktion »Ich war noch niemals in New York« vom Konkurrenzunternehmen Stage Entertainment eingesetzt. Koautor des Stücks: Christian Struppeck. Ob er dafür Tantiemen bekommen hat, lässt sich nicht herausfinden. Fragen wie diese hätten wir Struppeck gerne persönlich gestellt, für ein Interview sei aber keine Zeit, so eine Sprecherin der VBW.
Die bisherige Bilanz der Ära Struppeck ist durchwachsen. Nach einem Anfangsdämpfer mit »Natürlich Blond« gelang ihm mit »Mary Poppins« im letzten Jahr ein Publikumshit. Die Musicals »Evita« und »Mamma Mia!« wurden aufgrund des großen Erfolgs sogar verlängert. Unter den Hits der letzten Jahre sind die Stücke von Struppeck und die Regiearbeiten von Gergen aber nicht dabei. Bei der letzten großen Eigenproduktion, »Schikaneder«, hat Christian Struppeck das Buch geschrieben. Die Auslastung ging von 65,5 Prozent im letzten Kalenderjahr heuer noch einmal um drei Prozentpunkte zurück, auf 62,5 Prozent. Ein Flop, sagen die einen, Patay verteidigt.
Franz Patay: »Wir hatten zum Schluss 180.000 Besucher in diesem Stück. Das ist sehr, sehr viel für ein einzelnes Stück.«
Im letzten April wurde Struppeck als Musicalintendant bis 2020 verlängert, allerdings nicht von Franz Patay. Er wurde erst im Oktober zum VBW-Chef bestellt. Sein Vorgänger: der jetzige Kulturminister Thomas Drozda. Er verweist auf Patay.
Sollen auch in Zukunft Bücher von Struppeck und Regiearbeiten von Gergen übernommen werden? Patay spricht Klartext:
Franz Patay: »Wir können nicht immer, auch wenn’s erfolgreich ist, das gleiche Team haben. Und daher wird es mit dem Anspruch, den wir haben, zu Veränderungen kommen müssen.«
Solange Struppeck Intendant ist, so Franz Patay, wird Andreas Gergen ab sofort keine Regiearbeiten mehr übernehmen. Auch eine Beschlussfassung des Aufsichtsrates der VBW soll Konstellationen wie diese in Zukunft unterbinden.
Ob Struppeck auch weiterhin als Intendant und Autor fungieren darf, ließ Patay offen. Intern jedenfalls laufen bereits die Vorbereitungen für das Musical »Casanova«. Koautor: Christian Struppeck.

Vienna’s English Theatre: »Dogfight« statt »Bare« 2018

War das ursprünglich angekündigte »Bare« schon eine großartige Stückauswahl, so ist die Entscheidung des English Theatre, die Wien-Premiere von »Dogfight« zu bringen, um nichts schlechter. Zu sehen ist das Stück der »Dear Evan Hansen«-Masterminds Benj Pasek & Justin Paul (Buch: Peter Duchan) in einer Produktion des Youth Ensembles vom 5. bis 20. März 2018.
Details zu dieser Produktion gibt es –> hier.

Ticketpreise: Ronacher / »Tanz der Vampire« / Herbst 2017

Die Entwicklung der Tickethöchstpreise im Ronacher:
bis 2010: 78 bis 98 Euro
ab 2010: 89 bis 109 Euro
ab 2013: 99 bis 109 Euro + VIP 119
ab Herbst 2014: 79 bis 119 + VIP 89 bis 129
ab Herbst 2017: 99 (nur am Dienstag) bis 129 + VIP 129 bis 149

Tickethöchstpreise 2013 / 2014 / 2017 (nach Wochentagen):
DI 99 / 89 / 129 
MI 99 / 99 / 129
DO 109 / 109 / 129
FR 119 / 119 / 149
SA 119 / 129 / 149
SO 109 / 119 / 139

Kategorie Grün (je nach Wochentag)
2012: 29/39 Euro
2013: 29/39/49 Euro
2014: 19/29/39/49/59 Euro
2017: 29/ 39/ 49/ 59

Kategorie Orange (je nach Wochentag)
2012: 49/59 Euro
2013: 49/59/69 Euro
2014: 39/49/59/69/79 Euro
2017: 49/ 59/ 69/ 79

Es wird Zeit für ein kleines Update der Ticketpreise der VBW im Ronacher. Vor allem in einschlägigen Foren werden in jüngster Zeit Poster geradezu beflegelt, die ihrer Verwunderung Ausdruck geben, wie stark die Ticketpreise bei den VBW steigen. Die Personen, die hier agieren, vergleichen die VBW oft mit privaten Unternehmen wie Stage Entertainment. Es kann uns allen egal sein, wie Stage Entertainment seine Preise gestaltet. Es handelt sich dabei um ein privates Unternehmen, und wenn dieses beschließt, dass man nur mehr in eine Show kommt, wenn man vorher beim Blutspenden war, dann ist das eben so.
Anders bei den VBW. Dieses Unternehmen ist nur aufgrund von Subventionen überlebensfähig. Bei subventioniertem Theater in Wien ging es immer schon auch und ganz wesentlich darum, die Leute zum Theater zu verführen. Betrachten wir die Rahmenbedingungen. 2006 erschien Michael Schenks Buch »Medienwirkungsforschung«. In seiner Untersuchung bietet er unter anderem Zahlen zum Theaterbesuch im Deutschland:

89 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren nutzen mehrmals pro Woche das Fernsehen.
81 Prozent konsumieren Hörfunk
79 Prozent lesen Zeitungen
42 Prozent hören CDs, Schallplatten und Kassetten
35 Prozent greifen zu Zeitschriften und Illustrierten
33 Prozent lesen Bücher
0,5 Prozent gehen ins Theater oder Kino

Im »Handbuch Theatermanagement« von Henning Röper (erschienen 2001) findet man folgende Angabe: 1997 gaben bei einer Erhebung (Allensbacher Werbeträger Analyse) 4,2 Prozent der Befragten an, »regelmäßig ins Theater, in die Oper oder ins Schauspielhaus« zu gehen. Das entspricht 2,7 Millionen regelmäßigen Theatergehern pro Jahr. 40,5 Prozent gaben an, gelegentlich ins Theater zu gehen (25,7 Millionen).

Statista.com hat für das Jahr 2016 die Anzahl der Personen in Deutschland erhoben, die ins Theater, die Oper oder in ein Schauspielhaus gehen. Das Ergebnis: 2,59 Millionen Menschen gehen regelmäßig.

Subventionen wurden unter anderem deswegen eingeführt, um allen leistbare Theaterbesuche zu ermöglichen. Das hat bei den VBW lange Jahre wunderbar funktioniert. Seit dem Beginn der Ära Drozda blieb allerdings kein Stein mehr auf dem anderen. Nicht nur die Ticketpreise der Topkategorien stiegen, sondern man dehnte die Topkategorien auch immer weiter auf andere Kategorien aus und verteuerte vergleichsweise die billigeren Kategorien überproportional stark. Betroffen sind davon vor allem jene, die auf leistbare Tickets angewiesen sind. Diese Zielgruppe leistet es sich nun ganz offensichtlich immer weniger, ins Musical zu gehen.
Die Taktik, sukzessive die Ticketpreise zu verteuern, um sie dann mittels diverser Aktionen wieder kostengünstiger zu machen, halte ich für unseriös. Gerade die, die sich fürs Theater interessieren und frühzeitig Karten kaufen, werden so benachteiligt. Man müsste die Konsequenz daraus ziehen und den Vorverkauf boykottieren. Das würde sich in den Zahlen wohl weniger gut ausmachen.
Ab und an wird damit argumentiert, dass die Preise an der Staatsoper etwa noch viel höher seien. Das ist richtig. Aber hier werden zwei Systeme verglichen, die nicht verglichen werden können. Die Staatsoper ist jene Oper, die weltweit das größte Ensemble hat, sie spielt täglich eine andere Produktion, sie bietet dem Publikum Weltstars. Betrachten wir die VBW, so haben wir mit »Tanz der Vampire« 2017 folgende Situation: Zwei Hauptrollen sind mit Musicalstudenten besetzt. Das richtet sich nun nicht gegen diese Studenten, man kann auch als Student in einer Musicalproduktion seinen Durchbruch erleben. Es richtet sich sehr wohl gegen die Preispolitik der VBW.

Make Musical Great Again: »On the Town« (Linz) / »I Am From Austria« (Wien)

Wer über die Linzer Produktion von Bernsteins »On the Town« mit einem Bezug zum Musicalgenre in Österreich schreiben möchte, sollte bei Rainhard Fendrich beginnen. Fendrich war und ist ein sogenannter Liedermacher. Der Text, die Botschaft dominiert die Musik, die man als reine Gebrauchsmusik bezeichnen kann. Der Text ist wichtig, die Musik sekundär. Wenn man einen künstlerischen Aspekt finden möchte in Fendrichs Songs, dann liegt der sicher in den Texten. Im Rahmen der Castpräsentation von »I Am From Austria«, dem neuen Fendrich-Musical der VBW, hat man erfahren, dass in den wichtigen Teil seiner Songs, also in den Text, eingegriffen wird. Clever, wie die VBW sind, andere würden Begriffe wie manipulativ verwenden, haben sie aber vorgebaut. Im Rahmen der Castpräsentation lotste man Arrangeur Michael Reed an ein Piano, wo er von ein paar alten Fendrich-Gassenhauern leichte Variationen klimperte. Damit wollte man zeigen, wie toll doch der Musikteil der Fendrich’schen Lieder sei. Und wenn Michael Reed das sagt, na dann muss das doch stimmen. Wie große Teile der Castpräsentation ist auch dieser Part am Piano zum Brüllen komisch (Ist nach wie vor abrufbar –> hier). Sicher, ein interessanter Versuch, etwas aufzuwerten, was man nicht aufwerten kann. Schon gar nicht, wenn man glaubt, es verhübschen zu müssen, indem man minimale Variationen davon am Piano klimpert. Der Castpräsentation war auch zu entnehmen, dass von der Haupthandlung der Show ausgehend immer wieder in Revueszenen abgedriftet wird. Zusammenfassend wird das Fendrich-Musical also vermutlich aus Gebrauchsmusik bestehen (verpackt in atemberaubend peinlichen Revueszenen), während man den Zynismus und den Witz der originären Fendrich-Texte opfert, um sie showtauglich zu machen. Es war schon immer der große Irrtum deutscher Musicalautoren, zu glauben, dass man aus allem, was mal in den Charts war, ein Jukebox-Musical fabrizieren kann. Nicht jeder Künstler/jede Gruppe hat das Potenzial oder gar die Absicht, Songs à la Abba, Queen oder David Bowie zu schaffen.
Während der Castpräsentation wurde ein Aspekt überhaupt nicht erwähnt: das Orchester. Sonst rühmen sich die VBW gerne, über ein Orchester mit traditionsreicher Geschichte zu verfügen, man brüstet sich mit der Größe des Orchesters. Aber wenn man nachfragt, wie groß das Orchester denn nun wirklich ist, bekommt man keine exakten Antworten. Und selbst wenn man eine Zahl bekommt, müsste man auch hier wieder hinterfragen: Handelt es sich um Vollstellen? Machen wir uns nichts vor. Das Ansehen des Orchesters der VBW hat in den Jahren seit 2006 enorm gelitten. Die kreativen Ausflüge in Richtung »klassisches Musical« sind radikal gestrichen worden. Stattdessen müssen sich die Instrumentalisten mit minderwertigem Mist wie »Ich war noch niemals in New York« abmühen, jahrzehntelang »Elisabeth« ertragen und bald schon wieder monatelang »Tanz der Vampire« über sich ergehen lassen. Dazwischen werden sie gar nicht gebraucht, etwa, wenn man Shows wie »Mamma Mia!« spielt. Und dann setzt man den Wienern Pasticheschmarrn erster Güte vor, wie etwa »Schikaneder«, und betont immer wieder, wie sehr das doch nach Schwartz klinge. Nur, dass es eben gerade nicht nach Schwartz klingt. Ich frage mich, wie die Arbeit an »Schikaneder« vor sich gegangen ist. Warum wollte man denn Schwartz engagieren? Damit er Knaller wie die paar bekannten Songs aus »Wicked« abliefert? Ja? Nein? War es ein Briefingproblem, das zu der Katastrophe »Schikaneder« geführt hat? Und wieso ist es möglich, dass man einem Intendanten eine Katastrophe nach der anderen durchgehen lässt, angefangen von »Legally Blonde« bis zu »Schikaneder«? Selbst wenn das Orchester der VBW also noch den Stellenwert genießen würde, den es einmal hatte, und ich stelle das infrage, es bekommt kein Material, mit dem es dem einstigen Ruf gerecht werden könnte.

Musical findet derweil woanders statt. Etwa in Linz. Dort feierte am 4. Juni »On the Town« Premiere, als halbkonzertante Version, Mit dem Chor des Landestheaters Linz, dem Bruckner Orchester und 18 Sängern/Schauspielern/Tänzern. Wenn man hört, wie die VBW von einem 27-köpfigen Orchester bei einigen wenigen Produktionen schwärmen, haben wir es bei dieser Produktion allein bei den Streichinstrumenten mit rund 40 Musikern zu tun. Für den Musikalischen Leiter Dennis Russell Davies ist es die Abschlussproduktion am Linzer Landestheater. 16 Jahre nach der Linzer »West Side Story« arbeitet er wieder mit Regisseur Matthias Davids zusammen, und das Orchester ist der Star der Produktion. Während man bei den VBW bei Shows wie »I Am From Austria« versucht, sinnvoll Gebrauchsmusik für 27 oder wie viele auch immer Musiker zu arrangieren, liegen bei Bernstein so viele Details in der Musik, dass es auch tatsächlich sinnvoll ist, mit großem Orchester zu spielen.
Natürlich ist auch diese halbkonzertante Version nicht »perfekt«. Sie hat von der Inszenierung bisweilen etwas Beliebiges. Nehmen wir zum Beispiel das Element Tanz. Man entschied sich gegen eine szenische Produktion, eben weil man in erster Linie das Orchester unter seinem Dirigenten ins Rampenlicht stellen wollte. Und doch wollte man »Lonely Town« & »Lonely Town Pas des Deux« zeigen. In dieser Sequenz tanzt und singt Gabey, das Pas des Deux übernehmen Tänzer. In Linz sind das Alexander Novikov und Nuria Gimenez Villarroya, die ihren Part ansprechend erfüllen. Nur schade, dass diese Sequenz nicht wirkt, in sich zerfällt, weil der Tanzpart, den Gabey zu übernehmen hätte, sagen wir: anders gestaltet ist. Das hätte man dann allerdings auch anders lösen müssen, da geht viel an Wirkung verloren. Auch geht mir Lewys Preston mit seiner Interpretation seiner Songs viel zu weit in Richtung Pop. Aber das ist eine andere Baustelle. Wenn man Teil eines Musicalensembles ist, hat man eben nicht immer Parts, die man zu 100 Prozent ausfüllen kann.
Doch um neben dem Orchester wieder zum Positiven zu kommen: Die Produktion hat eine Reihe von gediegenen Momenten. Nehmen wir nur Christoph Wagner-Trenkwitz, den Erzähler, der seinen Part mit großer Souveränität und Eleganz füllt und der Produktion schon allein dadurch ein Alleinstellungsmerkmal verpasst. Und er singt auch noch ein paar Zeilen, spielt ein paar Zeilen. Da ist fast alles stimmig. Das passt auch zum Charme dieses Musicals.
Karen Robertson (Mitglied des Opernensembles des Landestheaters) sorgt als besoffene Gesangslehrerin Madame Dilly für hinreißend komische Momente. Tomaz Kovacic, (Mitglied des Chors des Landestheaters) spielt Richter Pitkin. Bei ihm demonstriert die Tonregie, dass es doch möglich ist, am Landestheater im Musicalbereich fein nuanciert abzustimmen, um bisweilen auch ganz einfache, aber sehr wirkungsvolle Effekte zu erzielen, nämlich schlicht zu zeigen, was er für eine mächtige Stimme hat.
Gernot Romic hat die bisher beste Rolle als Mitglied des Musicalensembles. Er spielt den Chip so wohltuend natürlich und nicht aufgesetzt, ist als toller Tänzer auch von seiner Körperbeherrschung ideal und singt ansprechend. In einem Interview meinte Matthias Davids, er könnte sich vorstellen, auch eine szenische Version dieser Show für Linz zu machen. Einen Darsteller für den Chip müsste er nicht mehr suchen.
Nein, es ist nicht unfair, »On the Town« in Kontrast zu »I Am From Austria« zu setzen. Auch Linz hat seine Popshows wie »Ghost«. Nur kann man in Linz eine Art Feintuning in der Programmauswahl erkennen und ein Bemühen, auch Qualität, was die Stücke betrifft, auf die Bühne zu bringen, während ich in Wien derzeit vor allem sehe, wie sich ein Intendant immer wieder mit mediokren Jukebox-Konzepten selbstverwirklichen möchte, oder mit Konzepten, die nicht aufgehen. Aber die kritischen Stimmen werden lauter. Wie schrieb Alexander Goebel auf seiner Facebook-Site anlässlich der »Vivaldi«-Uraufführung an der Wiener Volksoper: »Politik: Wir haben mit Kolonovits einen Könner in der Stadt, brauchen also keine Ex-Broadway-Komponisten mehr die sie sich im Loop wiederholen, Steuergelder bleiben im Land! Make Musical great again« Zeit wird’s.

How Do You Solve A Problem Like Maria (Happel)

Wir schreiben das Jahr 2007. Die Musicalsparte der Vereinigten Bühnen Wien hat als Aufführungsstätten: das Raimund Theater. Und sonst nix. Das Theater an der Wien war dem Musical entzogen worden, das Ronacher als neuer Spielort noch nicht umgebaut. Das zeigte die Einstellung der Verantwortlichen gegenüber dem Musicalgenre damals recht klar. Übrigens wurde diese noch viel klarer, als mit dem Ronacher ein für Musicals soundtechnisch bis heute völlig unbrauchbarer Bau wiedereröffnet wurde, aber das nur nebenbei. Nur eine Spielstätte, das war natürlich zu wenig. Man hatte noch ein Orchester in ziemlich guter Besetzung. Kathi Zechner begründete also die Spielreihe »Ronacher Mobile« und mietete sich in diverse Spielstätten ein, so etwa ins MuseumsQuartier. Und dort fand 2007 die Uraufführung von »Die Habsburgischen« statt, dem zu einer musikalischen Farce gewordenen feuchten Traum jedes Geschichtsprofessors, mit dem einzigen kleinen Makel, dass der Rest der Bevölkerung nicht viel damit anfangen konnte, mit Ausnahme des hauseigenen Musical-Personals, das bei der Premiere natürlich demonstrativ Standing usw. Nur standen sie allein. Last Musicalstars standing sozusagen. In einer Hauptrolle: Burgstar Maria Happel. Aber was war das, was die VBW uns damals boten? War es wirklich ein Musical? Ich war der Meinung, dass man diese Show nicht ins Musicalgenre einreihen sollte (siehe –> hier). Die meisten Medien meinten: Musical, ganz klar.

2017: Die Volksoper Wien kündigt ihre musikalischen Pläne für die Saison 2017/2018 an. Unter anderem »Gypsy«. In der Hauptrolle: Burgstar Maria Happel. Wir haben also: die Volksoper Wien, mit auch heute noch einem unbeschädigten, bombastischen Orchester, ein Traummusical, von dem schon mehrere musikalische Direktoren der VBW träumten, es zumindest konzertant einmal bringen zu dürfen. Und wir haben Burgstar Maria Happel. Und dann muss sich irgendwer gedacht haben: Hmm, also irgendwas fehlt da noch. Schreiben wir doch: »Ksch Maria Happel gibt als ehrgeizige Mama Rose ihr Musicaldebüt.« (Die Rolle heißt übrigens Rose, in der ganzen Show wird Rose nie als Mama Rose angesprochen.)
Ja und, was regt er sich auf, könnte man nun meinen, waren die »Habsburgischen« nun auf einmal doch ein Musical?
Nein, das nicht, aber gerade bei Maria Happel von einem Musicaldebüt zu sprechen, ist dennoch falsch. Und zwar aus drei Gründen (und das sind nach meiner Definition unbestreitbar zumindest »auch« Musicals):

1) 1985/1986: Vom dicken Schwein, das dünn werden wollte (Jérôme Savary). Maria Happel spielte in diesem Musical für Kinder das Super-Disco-Huhn im Theater Bremen.

2) 1995/1996: Die Dreigroschenoper (Bertolt Brecht) Maria Happel als Polly Peachum im Burgtheater. Und 2006/2007 als Spelunken-Jenny im Berliner Admiralspalast.

3) 2013–2017: Spatz und Engel (Daniel Große Boymann, Thomas Kary). Maria Happel spielt Edith Piaf im Wiener Burgtheater.

Was sind wir doch froh, dass wir die VBW-Insider haben

In einem deutschen Musicalforum treiben sich seit Jahren immer wieder User herum, die sich mit VBW-Insiderinformationen, VBW-Gerüchten wichtig machen. Meist handelt es sich um wilde Spekulationen, was den Spielplan der nächsten 2000 Jahre betrifft. So geht in diesem Forum gerade das Gerücht um, dass »Cats« von den VBW gebracht werden wird oder der »Glöckner von Notre-Dame« oder »Beethoven«, das neue Projekt von Levay/Kunze, oder »Casanova« von Frank Wildhorn.
Mitunter wird das Ganze so skurril, dass man für allgemeine Verbreitung sorgen muss. So wird es laut diesem »Insider« in absehbarer Zeit zu keinem »Rebecca«-Revival in Wien kommen, weil die Transportkosten der Fetzen, die noch immer in New York lagern, zu teuer kommen würden.
Also, wer immer dieser VBW-Insider ist, nur weiter so, ich freue mich auf den neuesten VBW-Klatsch.

»Schikaneder«: Scheiß auf die Nibelungentreue oder ein Flop ist ein Flop

Auf futurezone.at war in den letzten Tagen ein Beitrag zu lesen mit dem Titel »Wenn der Innenminister vor eure Türe scheißt«. Angeblich intervenierte die ÖVP ob der eindeutigen Wortwahl, der Chefredakteur des »Kurier«, Helmut Brandstätter, jedenfalls, gleich ob Intervention oder nicht, ließ den Titel und Teile des Inhalts ändern. Wer das nachverfolgen möchte, kann das –> hier gut nachlesen. Die Diskussion, ob das Zensur oder nicht ist, erspar ich mir.

Die Brücke zum eigentlichen Thema des Beitrags ist leicht geschlagen. Brandstätters Vorgehen brachte das Gegenteil des Gewünschten, der sogenannte »Streisand-Effekt« kam voll zur Wirkung. Als »Streisand-Effekt« bezeichnet man den Versuch, eine unliebsame Information zu unterdrücken oder entfernen zu lassen. Dieser Versuch zieht in der Folge öffentliche Aufmerksamkeit nach sich und man erreicht das Gegenteil dessen, was man erzielen wollte. Benannt nach Barbra Streisand – und schon sind wir beim Musical gelandet. Was für ein Zufall, genau in der Branche, in der gelogen wird wie sonst kaum wo. Wobei: Lügen … Wir leben ja in Zeiten der »alternativen Fakten«. Fast könnte man meinen, Donald Trump habe mal einen Fernkurs bei Thomas Drozda gebucht, denn was Drozda in seiner Zeit bei den VBW an alternativen Fakten geliefert hat, war sensationell.

Kann sich noch jemand daran erinnern, als er uns das Musical »Der Besuch der alten Dame« eine Zeit lang als »Uraufführung« oder »Wiener Uraufführung« andrehen wollte? Was haben wir gelacht. Es war am 27. Mai 2013, als Drozda im obersten Geschoß des Wiener Ronacher sich hinsetzte und diese alternativen Fakten zu einer Produktion, die in der Schweiz ihre Uraufführung erlebte, präsentierte. Nachlesen und nachhören kann man das –> hier. Übrigens eine der letzten Pressekonferenzen, für die ich eine Einladung erhalten habe, aber auch diese Vorgehensweise kennt man (siehe –> hier). Wunderbare »alternative Fakten« gab’s auch in Zusammenhang mit dem Orchester der Vereinigten Bühnen Wien. Hier musste man ernsthaft zwischen »Nichverlängerung« und »Kündigung« von Orchestermitgliedern unterscheiden.

Mit »alternativen Fakten« haben wir es auch immer zu tun, wenn es um den Erfolg der Produktionen der VBW geht. Und da wird die Sache ärgerlich und in jüngster Zeit unerträglich. Die Rahmenbedingungen sind klar. Wir, die interessierte Öffentlichkeit, werden nie genau erfahren, wie erfolglos eine Show gerade ist. Punkt!, wie man bei Trumps Administration sagen würde. Wir werden deswegen nie erfahren, wie schlecht es um eine Produktion steht, weil eine wichtige Angabe zu den Ticketverkäufen verschwiegen wird: die genaue Anzahl der zum Vollpreis verkauften Karten, die genaue Anzahl an ermäßigten und verschenkten Karten pro Abend. Erfahren wir nicht. Insofern sind alle Angaben, die wir von den VBW zur Auslastung erhalten, uninteressant. Denn wir wissen nicht, worauf sich diese Angaben genau beziehen.
Ob Mark Seibert da mehr Informationen hat, wissen wir ebenfalls nicht, aber als nibelungentreuer VBW-Angestellter hat er sich vor einigen Tagen in die Schlacht geworfen und gepostet: »bei Schikaneder von Flop zu reden, finde ich schon etwas übertrieben…und ich versuche das so neutral wie möglich zu sehen…« Da würde ich doch nun gern mehr über die Faktenlage wissen. Mir ist klar, dass man den Flop eines Musicals nicht nach Besucherzahlen definieren muss. Ich habe abstruse Artikel in Musicalmagazinen über »Schikaneder« gelesen. Man konnte mitverfolgen, dass ein Hollywoodstar die Show besucht hat. Auch so kann man marketingmäßig »alternative Fakten« schaffen. Fakt ist, dass die Laufzeit verkürzt wurde. Fakt ist, dass es für diesen Sonntag bei Wien-Ticket 311 freie Karten gibt, wobei im 2. Rang nur Stehplatzkarten angezeigt werden, also vermutlich der 2. Rang gesperrt ist (Stand:4.2., 23.00 Uhr). Man sollte als Darsteller seinem Arbeitgeber loyal gegenüber sein, aber alles hat Grenzen. Das Schaffen von »alternativen Fakten« wäre eine Grenzüberschreitung.

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