Home RSS Go RED Go BLACK

Archiv - November, 2015

Peter Filichia: The Great Parade

filichia.jpgDer Autor und Journalist Peter Filichia (1946) ist einer der pointierten Erzähler auf dem Gebiet der amerikanischen Theaterliteratur („Strippers, Showgirls and Sharks: A Very Opinionated History of the Broadway Musicals That Did Not Win the Tony Award“ (2013), „Broadway Musical MVPs: 1960–2010: The Most Valuable Players of the Past Fifty Seasons“ (2011)). Nach seiner aktiven Berufslaufbahn als Theaterkritiker bei diversen Zeitungen ist er neben der Tätigkeit als Buchautor nun online als Kolumnenschreiber präsent, so etwa für Kritzerland (kritzerland.com/filichia.htm; wöchentlich), masterworksbroadway.com und Music Theatre International (mtiblog.mtishows.com). Vier Mal wurde er zum Präsidenten der Drama Desk Awards gewählt, darüber hinaus ist er Verfasser vieler Booklets für Cast CDs.
Worum es in seinem neuen Buch geht, erschließt sich aus dessen Untertitel: Broadway’s Never-to-be-forgotten 1963–1964 Season“. 75 Produktionen (Sprech- & Musiktheater) kamen 1963/64 in die Broadway-Theater, die brandneuen Musicalshows hießen: „Hello, Dolly!“, „Funny Girl“, „Here’s Love“, „Anyone Can Whistle“, „110 in the Shade“, „The Girl Who Came to Supper“, „High Spirits“, „The Student Gypsy“, „What Makes Sammy Run?“, „Jennie“, „Fade Out – Fade In“, „Rugantino“ und „Café Crown“, dazu gab’s noch Revivals von „West Side Story“ und „My Fair Lady“.
Es war die Saison der Stars. Carol Channing in „Hello, Dolly!“, Barbra Streisand in „Funny Girl“, Carol Burnett in „Fade In – Fade Out“. Aber auch das Sprechtheater hatte in diesem Jahr die Großen zu Gast: Richard Burton gab den Hamlet, Sir Alec Guiness spielte Dylan, Albert Finney Luther, Kirk Douglas und Gene Wilder waren die Stars von „Einer flog über das Kuckucksnest“, Paul Newman & Joanne Woodward waren in „Baby Want a Kiss“ zu sehen, Robert Redford in „Barefoot in the Park“, Gene Hackman in „Any Wednesday“ – und das waren längst nicht alle.
Diese Spielzeit ist wie geschaffen für den Anekdotenspezialisten Filichia. Er bietet Hintergrundinfos zu den großen Flops der Saison und zu den Hits. Im Anhang findet man zu jeder Produktion die Anzahl der Aufführungen, die erreicht wurde, sowohl die für einen Tony Nominierten und mit einem dieser Awards Ausgezeichneten als auch die prominentesten Nichtnominierten werden aufgelistet.
In einem eigenen Kapitel behandelt Filichia die veröffentlichten Tonträger der Shows von 1963/1964. 1983 veröffentlichte das Fachmagazin BILLBOARD eine Auflistung der „Top 20 Original Cast Albums of The Last 20 Years“, beginnend mit 1962. In den Top 5: „Hello, Dolly!“ (1964): 90 Wochen in den Charts, erreichte Platz 2; „Funny Girl“ (1964): 51 Wochen in den Charts, erreichte Platz 2; weiters in den Top 20: „What Makes Sammy Run?“ (1964): 14 Wochen in den Charts, erreichte Platz 28, „The Girl Who Came to Supper“ (1963): 14 Wochen in den Charts, erreichte Platz 33 und „110 in the Shade“ (1963): 15 Wochen in den Charts, erreichte Platz 37. Auffallend: Elf der 20 erfolgreichsten Cast Records von 1962 bis 1983 stammen von Shows, die in einem engen Zeitraum ihre Broadway-Premiere feierten, nämlich in den zwei Jahren von März 1962 bis März 1964.
Ein weiteres Kapitel ist einem der bedeutendsten politischen Ereignisse dieser Zeit gewidmet: der Ermordung von John F. Kennedy am 25. November 1963 – und wie man am Broadway darauf reagierte. Das Magazin „Variety“ textete flapsig: „All Show Biz Dims in Grief“. Eine kleine Anekdote darf nicht fehlen: „A week after the assassination, Jacqueline Kennedy gave an interview to noted historian Theodore H. White. While musing about the human side of the president, she said, ‚The song he loved most came at the very end of this record, the last side of Camelot, sad Camelot: ‚Don’t let it be forgot, that once there was a spot, for one brief shining moment that was known as Camelot.‘‘ Since then, of course, ‚Camelot‘ has been the unofficial name of the Kennedy administration.“ Alle Shows gingen 24 Stunden nach dem Tod des Präsidenten zwar wieder über die Bühne, doch bei etlichen hinterließ das Attentat Spuren. Es wurden Szenen und Texte geändert (im Titelsong der Show „Here’s Love“ wurde etwa aus der Textzeile „JFK to U.S. Steel“ nun „C.I.A. to U.S. Steel“, was völlig sinnbefreit war, aber der Hektik geschuldet war, in der man Anpassungen dieser Art vornehmen musste) , die für den 23. November geplante TV-Premiere des Films „Singin’ in the Rain“ wurde in den Dezember verlegt … Filichia rekonstruiert all die Folgen der Ermordung Kennedys detailliert.
1963/1964 waren Minderheiten ein wichtiges Thema. Dazu bietet der Autor einiges an Material, etwa über eine der Minderheiten, die doch noch ein paar Jährchen auf Akzeptanz warten musste. Filichia zitiert aus der 1964 erschienenen Ausgabe des „Webster’s Dictionary“ die Definitionen des Wortes „gay“. Eine Bedeutung im Sinne von „homosexuell“ sucht man vergeblich, und viele Broadway-Autoren hielten sich streng an die Webster’s-Definition. Filichia: „Were Broadway’s playwrights unaware of a more sexually charged meaning of ‚gay‘? Of course not. But they knew what the word still meant to much of the theatregoing public.“ Ja, 1963 hatte Musical wohl tatsächlich eine andere Zielgruppe? Filichia: „The erroneus belief that musicals were the exclusif province of gays wouldn’t take hold for some years. In 1963–64, musicals were still considered the domain oft he upper middle class (and higher) with decidedly heterosexual inclinations.“
Ein Buch, das viele Musicalfans wohl ganz gern unterm Weihnachtsbaum finden würden.

Peter Filichia: The Great Parade. Broadway’s Astonishing Never-to-be-forgotten 1963–1964 Season. St. Martin’s Press. New York 2015. 290 S.; (Hardcover) ISBN 978-1-250-05135-6 [www.stmartins.com]