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Archiv - Bücher

Gerald Nachman: Showstoppers!

shost.pngWenn Burgtheater-Schauspielerin Maria Happel als Rose bei ihrem Volksopern-Debüt in »Gypsy« den Song »Some People« interpretiert, hat sie mit diesem eigentlichen Opener der Show Songmaterial an der Hand, das man einen programmierten Showstopper nennt. Showstopper sind jene Nummern, die Fans immer und immer wieder in dieselbe Show ziehen. Sie definieren einen Theaterabend. »A showstopper is a moment of performance so rousingly expert and energizing that the audience response – usually rapturous applause and noises that sound like ›bravo!‹ – freezes the show in a moment of loud, pagan worship.« (Ben Brantley) Es gab Zeiten und Orte, unter anderem am Broadway in den 1920er- und 1930er-Jahren, da unterbrach ein Showstopper tatsächlich die Show, der Schauspieler nahm die Ovationen an, verbeugte sich. Ja, gab Zugaben. Al Jolsons Spruch »Wait a Minute, wait a minute. I tell yer, you ain’t heard nothing yet« stammt aus dieser Periode. Wird in der Volksoper wohl nicht passieren. Oder doch? Mit einem Showstopper hat man die Chance, zur Theaterlegende zu werden, da kommen Energien ins Spiel, die schwer im Vorhinein abzuschätzen sind.
Warum ein Song zum Showstopper wird, wie einige legendäre Showstopper »gemacht« wurden, warum Showstopper so populär wurden, das untersucht Gerald Nachman in vorliegendem Buch und covert den Zeitraum von 1925 (»Garrick Gaieties«) bis 2005 (»Jersey Boys«).
Nachman (geboren 1938) kann als Journalist auf eine mehr als 50-jährige Karriere als Theaterkritiker und Kolumnist verweisen für Zeitschriften und Magazine wie »New York Post«, »San Francisco Chronicle«, »GQ«, »Esquire«, »Cosmopolitan« und »Theater Week«. Er ist Autor von drei Sachbüchern zur amerikanischen Populärkultur und mehreren Büchern zum Thema Humor. Außerdem schrieb er die Texte zu drei Musical-Revuen.
Für »Showstoppers!« führte er zahlreiche Interviews mit Schauspielern, Komponisten und Autoren, u. a. mit Patti LuPone, Chita Rivera, Marvin Hamlisch, Joel Grey, Edie Adams, John Kander, Jerry Herman, Sheldon Harnick, Tommy Tune, Harold Prince, Donna McKechnie und Andrea McArdle. Gegliedert hat er sein Werk in die Kapitel »Just for Openers«, »They Stopped The Show« und »O Say Can You Hear Me – Broadway Anthems«.
Nachmans Vorgehen ist ein journalistisches. Er bietet zu jedem Song interessante Anekdoten, etwa auch zum ältesten, »Manhattan«, aus der Revue »Garrick Gaieties« »which was a fundraiser meant for only a two-night run, to raise money to buy tapestries for the cash-strapped Theatre Guild at the Garrick Theatre, but the show proved so popular that it ran 211 performances and gave rise to two more editions« – sozusagen Crowdfunding in den 1920er-Jahren. Und er bietet Werturteile, die unter anderem schon durch die Auswahl der von ihm behandelten Showstopper zum Ausdruck kommen – oder durch Einleitungssätze wie folgende: „Wicked has a real story buried under all of its hokey special effects, but it’s hard to find, and almost as hard to care much about—unless you’re a fifteen-year-old girl with identity problems. (…) Like many musicals today, the show’s guiding principle behind each song seems to be, if it’s shouted loudly enough it must be a sensational showstopper.“ Genüsslich zelebriert Nachman Zitate aus den Verrissen, die Stephen Schwartz am Broadway für »Wicked« einstecken musste, aber er liefert auch, und nicht nur hier, im Anhang zu den einzelnen behandelten Musical-Showstoppern ein wenig »Backstage Dish«: „As an inside musical joke, in what he calls a tribute to composer Harold Arlen, Stephen Schwartz incorporated the first seven notes of ›Over the Rainbow‹ into the song ›Unlimited.‹ Schwartz deftly dodged a lawsuit by the Arlen estate by not including an eighth note, which he says is where the copyright law kicks in. He disguised his good-humored theft by changing the tune’s rhythm and reharmonizing it.« Oder: »According to New York writer David Sheward and author Paul R. Laird (…) the electronics in Wicked generate enough power to supply twelve homes, using five miles of cables, and it takes 250 pounds of dry ice to create the smokey effects onstage.“ Und er hat ein kleines Interview mit Stephen Schwartz geführt, in dem er ihn »über die Bande« mit seinen Kritikpunkten konfrontiert, wenn er etwa einen Freund anführt, der meint, »Wicked« sei nicht nur eine Show für junge Girls, sondern auch für Damen in seinem Alter (um die 70) und Schwartz darauf antwortet: »I love that. I think that is very accurate. I like that very much. The producers of Wicked get extremely annoyed when people say it is successful because it’s popular with teenage girls. You can’t run a show ten years in New York or all over the world if the audience consists entirely of teenage girls.«
Kein Problem hat Nachman etwa mit »La Cage aux Folles«. Für diese Show recherchierte er sehr interessante Statements, wie jenes von George Hearn, dem Albin der Musical-Uraufführung am Broadway: „It’s good it came along just before everything turned bad and we began losing people, about half the men in the cast. The zeitgeist changed and then people were at the barricades.“ Nachmann zur Entstehungsgeschichte des Showstoppers »I Am What I Am«: »(Jerry) Herman recalls that the idea for the song, and the title, was born when the show’s book writer, Harvey Fierstein, arrived one day with an impassioned scene to end act 1 that included the phrase, ›I am what I am.‹ Herman asked Fierstein if he could steal the phrase and promised to have a song by the next morning. He delivered it, but instead of making the lyrics overly didactic, Herman purposely created a mainstream song that just might become a hit, a song that, like the show itself, not just gays would respond to but also straight mid-American audiences.«
Dieses Buch ist eine wahre Fundgrube an Geschichten, Fakten, witzigen Randbemerkungen, geschrieben von einem Musical-Liebhaber. Empfehlenswert.

Gerald Nachman: Showstoppers! The Surprising Backstage Stories of Broadway’s Most Remarkable Songs. Chicago Review Press Incorporated, Chicago 2017. 408 S.; (Broschur) ISBN 978-1-61373-102-4. $ 19,99. chicagoreviewpress.com

Universität Mozarteum Salzburg & Kunst Meran: Frida Parmeggiani

Frida Parmeggiani – vielen galt sie in ihrer aktiven Schaffenszeit von 1978 bis 2008 als weltbeste Kostümbildnerin – wurde durch ihre Arbeiten für Robert Wilson, Samuel Beckett, und Rainer Werner Fassbinder zur Legende. Ihre prägenden Arbeiten für Wilson im Musicalbereich (alle im Thalia Theater Hamburg): „The Black Rider“ mit Tom Waits (1990), „Alice“ mit Tom Waits (1992), „Time Rocker“ mit Lou Reed (1996) und „POEtry“ mit Lou Reed (2000). Ihr Credo: „No color, no time“. Ihre Lieblingsfarbe Schwarz ist die Dominante im vorliegenden Buch, das als Katalog zu einer Ausstellung fungierte, die zum 70. Geburtstag der Künstlerin in Salzburg und Meran 2016/2017 zu sehen war. Schwarz war auch das Leitmotiv dieser Ausstellung, in der sie neun neue Entwürfe, bestehend aus 13 Einzelfiguren, „inszenierte“, erstmals ohne Dramaturgie, Sänger, Schauspieler. Der Katalog wurde 2017 als eines der 15 schönsten Bücher Österreichs ausgezeichnet. Die Jury lobte u. a. die „feine Abstimmung der Papierformate und -qualitäten, der Schriftstärken und Satzspiegel“. Elfriede Jelinek (sie bezeichnet die Kostüme Parmeggianis als „Stoff-Geschöpfe“), Robert Wilson und Bernd Sucher (neben anderen) steuerten zu diesem Band Texte bei, in denen sie über die Arbeit von und ihre Beziehung zu Parmeggiani erzählen. Zu Sucher meinte Parmeggiani einmal: „Sie haben meine Kostüme wahrgenommen. Die meisten Kritiker haben keine Ahnung, wie wichtig die Kostüme sind. Der Job des Kostümbildners wird total unterschätzt.“ Dieses Buch wird in seiner Schönheit, die nicht durch Opulenz beeindruckt, sondern durch seine faszinierende fesselnde kühle Ästhetik, der Bedeutung dieser Künstlerin gerecht. Ein Leseerlebnis.

Universität Mozarteum Salzburg & Kunst Meran: Frida Parmeggiani. Kostümabstraktionen. SCHLEBRÜGGE.EDITOR, Wien 2016. 112 S.; (Broschur) ISBN 978-3-902833-94-5. EUR 34,–. schlebruegge.com

Robert Gordon, Olaf Jubin, Millie Taylor: British Musical Theatre since 1950

Es gibt zu wenig Bücher, die sich wissenschaftlich mit dem Musical-Genre auseinandersetzen, zumal in England. Das haben die Autoren dieses Buchs erkannt, und ihr „Critical Companion“ ist die erste wissenschaftliche Arbeit, die sich dem Britischen Musical im Nachkriegs-Kontext widmet. Neben beliebten Shows wie „Oliver!“, „Matilda“, „Blood Brothers“, „Les Misèrables“, „Mamma Mia!“ skizzieren sie auch Entstehung und Wirkung von Produktionen wie „Poppy“ (Peter Nichols, Monty Norman, 1982) oder „Made in Dagenheim“ (David Arnold, Richard Thomas, Richard Bean) in ihrem gesellschaftspolitischen Zusammenhang. In einer Timeline im Anhang werden Jahr für Jahr die uraufgeführten und im Buch erwähnten Musicals politischen Ereignissen gegenübergestellt. Diese Publikation ist Teil einer größeren Initiative, die dem Musicalgenre in England in der wissenschaftlichen Diskussion zu mehr Bedeutung verhelfen soll. Die Autoren datieren den Anfang dieser Bewegung mit dem Jahr 2006, der Etablierung der Internationalen Konferenz „Song, Stage and Screen“. 2007 folgte die erste Ausgabe der Fachzeitschrift „Studies in Musical Theatre“, 2012 wurde das British Musical Theatre Research Institute geründet. Dadurch wurde eine Reihe von Projekten in Gang gesetzt. Die ersten Resultate: die vorliegende Publikation, das Anfang 2017 erschienene „Oxford Handbook of the British Musical“ und die Buchserie „Palgrave Studies in British Musical Theatre“. Auch auf Initiativen, die Förderung der Entstehung von Musicals betreffend, wird verwiesen: Das Musical Theatre Network (MTN, gegründet 2005) und Mercury Musical Developments unterstützen Musicalautoren und -komponisten mit Aktivitäten, angefangen von Workshops, Awards bis hin zu Showcases. 2007 installierte Musical Theatre Matters (ein 2005 gegründetes Netzwerk aus Theaterproduzenten, -managern und Kreativen) eine Reihe von Preisen, um die nächste Generation von Musiktheater-Schaffenden zu fördern. Spannende Projekte, großartiges Buch.

Robert Gordon, Olaf Jubin, Millie Taylor: British Musical Theatre since 1950. Bloomsbury, London 2016. 274 S.; (Paperback) ISBN 978-1-4725-8436-6. £ 21,99. bloomsbury.com

Ann-Christine Mecke, Martin Pfleiderer, Bernhard Richter und Thomas Seedorf (Herausgeber): Lexikon der Gesangsstimme

Mit der etwas missglückten Einbindung des Musicalgenres in sein „Lexikon des Musiktheaters“ hat der Laaber Verlag 2016 etwas enttäuscht. Das macht er jetzt mit einem interessanten neuen Lexikon wieder wett. Im „Lexikon der Gesangsstimme“ wird auf Artikel zu musikalischen Gattungen verzichtet. Gut so. Spannend ist die Aufnahme von Sängern in das Werk, vor allem in Hinblick auf die Auswahl. Die wird im Vorwort mit den Kriterien „künstlerische Bedeutung“, „sängerisches Wirken, das als paradigmatisch oder schulbildend für einen spezifischen Gesangsstil gelten kann“ und „ästhetische Vorlieben einer bestimmten Zeit“ begründet, und wir wollen das nicht weiter hinterfragen, denn die Artikel zum Beispiel über Hans Albers, Peter Alexander, Zarah Leander, Frank Sinatra oder Udo Lindenberg sind in Hinblick auf die Analyse der Stimme dieser Künstler und ihrer Wandlung im Lauf der Jahre sehr interessant. 796 Stichworte werden in diesem Werk behandelt, der aktuelle Wissensstand von Gesangspädagogik, Phoniatrie, Phonetik, Anatomie, Stimmphysiologie, Musikermedizin sowie historische und systematische Musikwissenschaft fließt ein. Und man kann dieses Werk zum Beispiel auch jener Fernsehreporterin der ORF-„Seitenblicke“ empfehlen, die auf das Eingeständnis von Rainhard Fendrich, Lampenfieber zu haben, vor einem Konzert im Februar 2017 erklärt hat: „Aber du kannst es doch …“ – denn auch ein Artikel zum Thema Lampenfieber findet sich in diesem Lexikon. Empfehlenswert.

Ann-Christine Mecke, Martin Pfleiderer, Bernhard Richter und Thomas Seedorf (Herausgeber); Thomas Hampson (Geleitwort): Lexikon der Gesangsstimme – Geschichte. Wissenschaftliche Grundlagen. Gesangstechniken. Interpreten. Laaber Verlag, Laaber 2016. 800 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-89007-546-4. Subskriptionspreis bis 30.6.2017: EURO 98,–, danach EURO 118,–. laaber-verlag.de

Dominique Mentha, Harald Müller (Hrsg.): Dominique Mentha – Eine Spurensuche

Auf Musical-Spurensuche in Wien. 1999 löst Dominique Mentha Nikolaus (damals noch Klaus) Bachler als Intendant der Volksoper Wien ab. 2003 gibt Mentha die Leitung wieder ab, vorzeitig. Im 2016 im Verlag Theater der Zeit erschienenen Rückblick des Theaterschaffenden aus Anlass des Endes seiner Intendanz in Luzern (2004–2016) nimmt seine Wiener Zeit ein kleines Plätzchen ein, 16 Seiten. Aber die haben es sich. In Interviewform rechnet er mit den Verantwortlichen für seine vorzeitige Ablöse ab. Wer verstehen will, wie in Wien die Säulen des Theatergeschehens errichtet und wieder gestürzt werden, wird hier einiges an Einzelheiten finden (unter anderem eine Aussage des ehemaligen österreichischen Bundespräsidenten, Heinz Fischer). Hauptsächlich ist das Buch natürlich Luzern gewidmet, aber auch Menthas Arbeit am Tiroler Landestheater Innsbruck wird besprochen. Reich illustriert, kluge Texte. Empfehlenswert.
Dominique Mentha, Harald Müller (Hrsg.): Dominique Mentha – Eine Spurensuche. Theaterarbeit in Luzern, Wien, Innsbruck. Verlag Theater der Zeit. Berlin 2016. 224 Seiten (Klappenbroschur) ISBN 978-3-95749-064-3. EUR 20,–. theaterderzeit.de

Harold Faltermeyer, Janneck Herre: Grüß Gott, Hollywood
Der aus München stammende Harold Faltermeyer (geboren 1952) hat vor allem mit zwei Arbeiten Geschichte geschrieben: mit „Axel F“, der Titelmelodie aus „Beverly Hills Cop“, und „Top Gun Anthem“ aus „Top Gun“. Zwei Grammy Awards konnte der Münchner Musiker, Komponist und Produzent mit seiner Arbeit an diesen beiden Filmen gewinnen. 2016 legt Faltermeyer seine Biografie vor, und neben all den positiven Kapiteltiteln wie »Arbeiten mit Giorgio! Yeahh!“ oder „Sweet Home Bavaria“ gibt es auch einen, der ein bisschen nüchterner formuliert scheint: »Ich bin nicht unbesiegbar«. Das Kapitel behandelt die Zeit, als Faltermeyer in Wien an seinem Musical mit Rainhard Fendrich, „Wake Up“, arbeitete. Um nicht zu viel zu versprechen: Das Kapitel ist nur 13 Seiten lang, aber wen würde es nicht interessieren, über diese Show etwas aus der Sicht des Komponisten zu erfahren, nach so vielen Jahren. Bald schon stellt sich heraus, dass der leicht negativ klingende Titel nichts mit dem Musical an sich zu tun hat, sondern mit den privaten amourösen Verhältnissen Faltermeyers in dieser Zeit. Aber immerhin, wie es dazu kam, dass ein Gockelhahn die erste Coverversion eines Songs aus „Wake Up“ „produzierte“, ist recht amüsant. Ein paar Sätze verliert der Komponist übrigens auch zu seinem neuen Musical »Sweet Home Bavaria“, das bald zu „Oktoberfest – The Musical“ umgetauft wurde und mittlerweile schon seine Uraufführung gefeiert hat. Da hat die Realität das Buch bereits eingeholt, obwohl es recht frisch am Markt ist. Infos zum neuen Faltermeyer-Musical gibt es hier: oktoberfestthemusical.com
Harold Faltermeyer, Janneck Herre: Grüß Gott, Hollywood. Mein Leben zwischen Heimat und Rock ’n’ Roll. Bastei Lübbe AG. Köln 2016. 272 Seiten (Hardcover) ISBN 978-3-7857-2573-3. EUR 24,–. luebbe.de

Musicals. Geschichte – Shows – Komponisten

Das Buch blendet. In mehrfacher Weise. Schon allein in Größe und Ausstattung. Es ist im besten Sinne dem Genre des Coffee Table Book zuzuordnen. Ein Großformat mit 25 mal 30 Zentimeter Größe, funkelnde Glitzereffekte am Cover, mehr als 570 Fotos im Innenteil. Wow. Vorfreude. Das könnte doch mal ein ideales Weihnachtsgeschenk sein. Das englischsprachige Original ist im Oktober 2015 bei Random House erschienen, mit einem Vorwort von Elaine Paige. Das fehlt in der deutschen Ausgabe. Geschrieben hat die einleitenden Worte zur deutschen Ausgabe Kristin Freter. Wer das ist? Keine Ahnung. Nicht mal Google findet halbwegs brauchbare Details zu ihr. Und das Vorwort beginnt so: „‚Das Phantom der Oper‘, ‚Starlight Express‘ oder ‚Das Dschungelbuch‘: Schon allein die Namen dieser Musicals stehen für außergewöhnlich emotionale Momente.“ Was für ein Musical namens „Das Dschungelbuch“ mag hier wohl gemeint sein? Ein Blick ins Register führt zu einem Kurzeintrag: Es handelt sich um eine Show von Christian Berg, die 2002 ihre Uraufführung hatte, im Sommertheater Cuxhaven. Na klar, da hätte man doch gleich draufkommen können. Unter dem Vorwort, gleich neben dem Bild eines schönen Theaterinnenraums, steht, statt einer Information, um welches Theater es sich handelt, der Satz: „Musicals unterhalten und machen immer gute Laune, ganz gleich, ob man sie live im Theater oder auf dem heimischen Bildschirm verfolgt.“ Wie kann man ein Genre nur so leichtfertig auf eine derart billige Aussage reduzieren? Musical kann weit mehr als nur gute Laune machen, und Musical ist in erster Linie ein Live-Erlebnis.
Ein paar Highlights noch auf der Textebene: „Das dramatische Bühnenbild und die atmosphärische Musik erinnern an Wagner-Opern“ (gemeint ist Levay/Kunzes „Elisabeth“). Jason Robert Brown „erregte durch seine kultige Off-Broadway-Show ‚Songs for a New World‘ (1995) Aufsehen, die den Kabarett-Liebling ‚Stars and the Moon‘ hervorbrachte.“ „Kabarett“ also – womit wir beim klassischen schweren Übersetzungsfehler angelangt sind. Bill Russell sucht man in diesem Buch vergeblich, ebenso Michael John LaChiusa …
Was die Bildebene betrifft, hat man leider bei der arbeitsintensiven Bildbearbeitung gespart. Etliche Fotos scheinen qualitativ nicht geeignet, dermaßen vergrößert zu werden, sodass sie nun unscharf wirken, sehr viele sind freigestellt, aber auf eine so hässliche Art und Weise, wie es bei einem solchen Buch nicht sein sollte. Retusche ist kostenintensiv, mag sein, schlecht retuschierte Bilder wirken billig.
Das Werk ist sicher ganz gut geeignet dafür, einen groben ersten Blick auf die bekanntesten Musicals zu werfen, dafür hat man auch ein flippiges Magazin-Layout gebastelt. Wer mehr erwartet, wird enttäuscht. Schade drum. Fazit: Mit jedem Geschenk gibt man auch etwas von sich her. Ich würde dieses Buch nicht verschenken wollen.
Musicals. Geschichte – Shows – Komponisten. Dorling Kindersley Verlag. München 2016. 320 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-8310-3157-3. EUR 34,95. dorlingkindersley.de

Arnold Jacobshagen, Elisabeth Schmierer (Hg.): Sachlexikon des Musiktheaters

Als Richard Nixon 1972 Peking besuchte, plauderte er bei der Gelegenheit mit dem chinesischen Ministerpräsidenten Tschou En-lai u. a. über die Auswirkungen der Französischen Revolution, einem Ereignis, das 200 Jahre davor stattgefunden hatte. Tschou konnte nichts Verbindliches dazu sagen. Seine knappe Antwort: »Too early to say.«
An diese kleine Anekdote musste ich beim Studieren vorliegenden Lexikons denken. Vielleicht ist auch die Musicalgeschichte einfach zu aktuell für die Autoren gewesen, um sie adäquat zu fassen. Einfach: »Too early to say.«
Ich beschränke mich bei meiner Einschätzung, das muss ich meiner Kritik voranstellen, aus Platzgründen vor allem auf den Musicalteil dieses »Sachlexikons des Musiktheaters«, und auch da auf wenige Punkte. Leider sind sie relevant.
Natürlich schlägt man bei einem Lexikon, das unter anderem auch Musicalbegriffe und Musicalgeschichte behandelt, recht bald nach, wie denn die Autoren »Musical« definieren. Und trotz des knapp bemessenen Raums sollten nicht derart massive Fehleinschätzungen auftreten, meine ich. So wird Stephen Sondheim etwa unter ferner liefen als einer der führenden Komponisten der »1940er- bis 1960er-Jahre« abgehandelt, und zwar genau so: »Stephen Sondheim (A Funny Thing Happened on the Way to the Forum)«. Das war’s. Mehr gibt’s dazu im gesamten Buch nicht. Unter den »Rockmusicals der 1970er-Jahre« findet sich, Zitat: »The Rocky Horror Picture Show (Richard O’Brian, 1975)«. Das macht genau drei Fehler in dieser kurzen Angabe: 1) Die Bühnenversion heißt »The Rocky Horror Show«, 2) sie hatte 1973 Premiere und 3) der Mann heißt Richard O’Brien. Unter dem Begriff »Book-Musical« findet sich der lustige Satz: »Nach wie vor sind Book-Musicals wie (…) Wicked (…) eine bestimmende Musicalform, von der sich andere Formen wie Jukebox- oder Disney-Musical ableiten bzw. gegen die sie sich abgrenzen, wie das Konzeptmusical.« Und dann gibt es doch tatsächlich einen eigenen Eintrag zur »Musicalform« »Disney-Musical«. Das kann man nur noch so toppen: »Musicaldarsteller sind vielseitige Akteure, idealerweise Bühnenschauspieler mit guter Gesangs- und Tanzausbildung. Sie müssen gleichzeitig tanzen, spielen, singen und sprechen können (…)« Das muss echt ein triple threat sein, das gleichzeitig singen und sprechen kann. Die Popularität Lloyd Webbers mag für die Ausführlichkeit sprechen, mit der er im Vergleich zu Sondheim behandelt wird, aber dann nichts zu »Tanz der Vampire« (außer in einer Statistik) oder »Elisabeth«? Positiv ist zu vermerken, dass die insgesamt 841 Stichwörter leicht verständlich formuliert sind und ein großes Spektrum abdecken – nur für das Musicalgenre hätte ich mir einen etwas genaueren Blick gewünscht.

Arnold Jacobshagen, Elisabeth Schmierer: Sachlexikon des Musiktheaters. Praxis. Theorie. Gattungen. Orte. Laaber 2016. 672 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-89007-781-9. EUR 88,–. laaber-verlag.de

Claus G. Budelmann, Thomas Collien und Ulrich Waller (Hg.): Broadway auf dem Kiez.

175 Jahre St. Pauli Theater, das ist ein Grund, um zu feiern. Claus G. Budelmann (Bankier, Gründer und Vorsitzender des Fördervereins für das St. Pauli Theater), Thomas Collien (seit 2001 Leiter des Theaters) und Ulrich Waller (Regisseur, Intendant und seit 2003 künstlerischer Leiter des Theaters) haben aus diesem Anlass eine prächtige Monografie des ältesten Privattheaters in Hamburg herausgegeben. 240 Seiten stark, mit mehr als 200 Abbildungen. 13 Gastautoren konnten sie gewinnen, u. a. Journalisten von »Die Welt«, »Spiegel«, »BILD Hamburg« und »Hamburger Abendblatt«.
Die Autoren führen uns bis an den Beginn der Geschichte des Theaters mit Bedeutung zurück, ins Jahr 1841. Da wurde am 30. Mai das »Urania Theater« eröffnet. Man spielte den eigens für dieses Ereignis geschriebenen Prolog »Uranias Weihe« und Ernst Raupachs Stück »Schule des Lebens«. Eine im Buch abgebildete Lithografie zeigt das Theatergebäude, eine weitere den Spielbudenplatz zwischen Hamburg und Altona, der damals bereits eine Vergnügungsinsel mit Spiel- und Holzbuden war. Immer schon kamen die Hamburger gern nach St. Pauli, um sich zu amüsieren. Das heutige St. Pauli Theater war ein Theater der vielen Namen. So hieß es von 1844 bis 1863 Actien-Theater, 1863 bis 1895 Varieté-Theater, 1895 bis 1941 Ernst Drucker Theater, 1941 bis 2011 St. Pauli Theater und ab 2001 St. Pauli Theater – ehemals Ernst Drucker Theater. Es ist ein Erlebnis, das Buch allein anhand der Bilder durchzugehen. Da findet man etwa ein Szenenfoto aus »Der Junge von St. Pauli« (1970) mit Freddy Quinn, der diesem Theater lange Jahre verbunden war, ebenso Schnappschüsse von Marika Rökk, Manfred Krug oder etwa ein berührendes Bild von Monica Bleibtreu in »Nachtgespräche mit meinem Kühlschrank« (2007), ihrer letzten Theaterrolle. Auch das Musicalgenre kommt nicht zu kurz, fand doch hier z. B. 1988 die deutschsprachige Erstaufführung von »Little Shop of Horrors« statt. Und die Idee, ein Udo-Lindenberg-Musical zu schreiben, ging vom St. Pauli Theater aus. Sie wurde bereits 2002 geboren, erste Songs gab es auf einer Gala 2010 im St. Pauli Theater, das Musical selbst aber wurde woanders produziert. Knapp formuliert es Armgard Seegers so: »Ein Udo-Lindenberg-Musical zu schreiben, wurde dann aber doch ein so gigantisches Projekt, dass es für das gar nicht mal so kleine St. Pauli Theater zu groß wurde und Lindenberg zusammen mit Regisseur Uli Waller für das Musical ein Theater suchte, das zu den größten in Deutschland zählt, das Stage Theater am Potsdamer Platz in Berlin (…)« Anekdoten, Hintergrundinformationen, Interviews – es ist ein Vergnügen, diese Theatergeschichte zu lesen. Kleines Manko: Gerade bei einer solchen Theatergeschichte würde man sich im Anhangsteil mehr Datenfülle wünschen. Produktionen bis 1970 finden sich gar nicht aufgelistet, jene von 1970 bis Mitte 2003 nur als Auswahl, und erst ab dann ist die Auflistung perfekt. Dennoch: empfehlenswert.

Claus G. Budelmann, Thomas Collien und Ulrich Waller (Hg.): Broadway auf dem Kiez. 175 Jahre St. Pauli Theater. Ellert & Richter Verlag, Hamburg 2016. 240 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-831-90641-3. EUR 25,–. ellert-richter.de

Pia Douwes: Augen.Blicke aus dem Barock

Pia Douwes hat ein Buch am Markt. Es ist keine Autobiografie, und das ist vielleicht sogar eine gute Sache. Sicher würden Fans der Künstlerin und auch viele andere am Musicalgenre Interessierte gerne eine Autobiografie der Musicalsängerin lesen, vielleicht würden sie dann aber auch enttäuscht werden, denn: Wie oft wird mit der Wahrheit in diesen Druckwerken ein wenig zwangsoriginell umgegangen. Man möchte kein »Kollegenschwein« sein – andererseits, warum sollte man Kollegen loben, oder überhaupt erwähnen? Und wen? Man muss aufpassen bei der Preisgabe von Informationen, die eventuellen weiteren Karriereschritten hinderlich sein könnten. Schwer. Am besten schreibt man wohl erst über sein Leben, wenn man in Rente ist. Wobei: Rente als Künstlerin? Also dann eher ab 80.
Nein, Pia Douwes hat gemeinsam mit der Wiener Fotografin Simone Leonhartsberger einen Bildband herausgebracht. Thema: das Barock.
Leonhartsberger hat Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien studiert, orientierte sich dann in Richtung Grafik, Design und Fotografie. Seit 13 Jahren arbeitet sie als selbstständige Fotografin. Beim vorliegenden Bildband, der im Eigenverlag erschienen ist, fungiert sie gemeinsam mit Pia Douwes als Herausgeberin. Daneben war sie verantwortlich für die Fotos (Set Design: Matthias Büchse; Make-up & Hair: Bobby Renooij), Cover, Satz und Layout. „Augen.Blicke“ ist im Moment exklusiv über die Website von Pia Douwes erhältlich (piadouwes.com/webshop). Apropos Website. Auch die ist eines von mehreren Projekten, die Leonhartsberger mit/für Douwes konzeptuell und grafisch umgesetzt hat. Als Teil der Wiener Designfirma KOMO („Büro für visuelle Angelegenheiten“) gestaltete sie aber nicht nur die Website der Künstlerin, sondern auch zum Beispiel das Artwork der CD „Dezemberlieder“.
Ein Bildband also. Aber mit Texten. Da wird die Sache interessant. Ein Teil der Texte besteht aus Zitaten von Künstlern aus der wohl eher kunst-, nicht literaturgeschichtlich definierten Zeit des Barock, also in etwa aus dem 17. Jahrhundert. Das Problem der Zuordnung zu einem bestimmten Stil betrifft die im Buch zitierten Dichter Ben Johnson und Shakespeare. Barock, oder doch Renaissance beziehungsweise Manierismus? Darüber werden aber wohl nur Literaturwissenschafter diskutieren wollen. Weiters mit dabei: Robert Herrick, Angelus Silesius, Anna Maria van Schurman, Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau, Friedrich von Logau, Joost van den Vondel und Andreas Gryphius. Es sind also auf jeden Fall ein paar echte Barock-Götter dabei. Eine bunte Mischung. Großteils werden die Texte auf Deutsch gebracht, einen Ausschnitt aus dem Brief der holländischen Kurtisane, Salonière und des Stars am Hofe Ludwigs XIV., Ninon de Lenclos, an Marquis de Sévigne bekommen wir auf Holländisch, ebenso ein kurzes Gedicht von Joost van den Vondel. Alles nachvollziehbar, bis auf die Zitate von Molière, die wir im Buch auf Englisch finden, eines etwa aus dem Stück „Der Bürger als Edelmann“ (1670).
All die Texte, die Pia Douwes selbst zu diesem Buch beigesteuert hat, sind auf Deutsch, Englisch und Holländisch abgedruckt. Es sind die Gedanken der Darstellerin unter anderem zu Schlüsselbegriffen des Barock, wie etwa „Melancholie“. Douwes: „Manchmal frage ich mich, warum die Melancholie mich begleitet hat. Hat sie mich eingehüllt, fast liebevoll, in der Sicherheit der bereits gelebten Erfahrungen? Oder hat sie mich beschützt, wie eine fürsorgliche Mutter, vor einem Alltag, der nicht zu bewältigen war? Sich von der Schwere der Vergangenheit zu befreien, bedeutete Abschied zu nehmen, loszulassen, das gehen zu lassen, was ohnehin schon gegangen war. Nach diesem Abschied erwartete mich die Leichtigkeit der Gegenwart – das Leben!“ Weitere Schlüsselbegriffe: „Begierde“, „Schein und Sein“, „Langeweile“, „Sinnlichkeit“, „Opulenz“, „Memento Mori“/„Carpe Diem“, „Selbstverwirklichung“. Es sind die Extreme, die Polaritäten, die Douwes am Barock faszinieren. Der Tod war im Barock allgegenwärtig. Pia Douwes über das Älterwerden: „Mein Vater möchte alles noch abschließen, alles ordentlich hinterlassen und noch jeden Tag genießen, bevor er von dieser Welt gehen muss. Deshalb digitalisiert er alle Familienfotos und Dokumente, als Nachlass für uns jüngere Generationen. Meine Mutter lebt in ihrer eigenen inneren Welt, und ihre Antwort auf die Frage, wie es ihr geht, lautet immer: ‚Wir sind jetzt Tages-Menschen …‘ Sie leben von Tag zu Tag, nicht wissend, ob auf den einen Tag der nächste folgen wird.“ Am Ende bekommen wir zwar keine Autobiografie, aber Texte, von denen wir wohl ausgehen können, dass die wahr sind. Das zählt doch einiges.
Pia Douwes’ Lust am Verkleiden, am Hineinschlüpfen in andere Rollen, all das macht aus dem Buch einen optischen Genuss. An die 100 Fotos von Douwes in opulenten Kostümen, prächtigen Perücken, geschminkt, eingeleuchtet und in Szene gesetzt bietet das Buch. Tolle Fotos. Ein großer Wunsch sei es gewesen, schreibt die Künstlerin im Vorwort, für ein paar Augenblicke in ein längst vergessenes Zeitalter einzutauchen und so ein paar Erfahrungen zu dieser Zeit zu machen, wie „Suske en Wiske“ (ein holländischer Comic), „die in einer Zeitmaschine ins Mittelalter oder in die Urzeit zurückversetzt wurden. Was für ein Abenteuer!“. Schöne, lustige und berührende Bilder sind es geworden. Für mich das beste: auf Seite 68/69. Pia Douwes, in schlafender Pose, in vollem Barockkostüm am Boden liegend. Beim Lesen ist sie eingeschlafen. Das Buch liegt neben ihrem Gesicht, die (wenig geschminkten) Hände liegen auf dem Buch. Sie scheint entspannt und glücklich. Das Foto strahlt etwas aus, sodass man eine Weile auf dieser Seite bleibt. Auf den letzten Seiten des Buchs findet man ein kleines Making-of in Form einer Bildserie, bekommt einen kleinen Eindruck davon, wie groß der Aufwand war, der in dieses Buch investiert wurde. Er hat sich gelohnt.

Pia Douwes: Augen.Blicke aus dem Barock. Herausgeber: Pia Douwes und Simone Leonhartsberger, Wien 2016. 128 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-200-04460-9. EUR 29,90. www.piadouwes.com / www.leonhartsberger.net

Tom Rowan: A Chorus Line FAQ

FAQ (Frequently Asked Questions) sind eine Zusammenstellung von häufig gestellten oder der meistgestellten Fragen zu einem Thema. Hatte ich bisher die fixe Idee, dass es sich meist um kurze Fragen und knappe Antworten handelt, wurde ich jetzt von Tom Rowan eines Besseren belehrt. Es gibt in seinem Buch „A Chorus Line FAQ“ gar keine Fragen, sondern einfach 24 Kapitel. Und das ganze Werk umfasst schlanke 464 Seiten. Buchtitel und Inhalt sind also nicht fein abgestimmt, aber die Entstehungsgeschichte des Werks ist keine übliche.
Rowan ist Bühnenschriftsteller, Regisseur, Lehrer, Casting Director und „Fan“ des Musicals „A Chorus Line“. Im Vorwort zu seiner Liebeserklärung an dieses Musiktheaterwerk schildert er seine jahrzehntelange Beziehung zu „A Chorus Line“ sehr sympathisch. Er war zwölf, als 1975 die Broadway-Premiere der Show über die Bühne ging, das war auch das Jahr, in dem seine Familie von New York nach Colorado umzog. So kannte er zwar die Songs, aber das erste Mal sehen konnte er das Musical (in Denver) erst 1981, in dem Jahr, als er an der High School seinen Abschluss machte. Als er in den späten 1980er-Jahren Regie studierte, lief „A Chorus Line“ noch immer am Broadway. Immer wieder, wenn er für Bewerbungsgespräche in die Stadt kam, war das Shubert Theater ein Fixpunkt seines Trips. Und, um das Ganze abzukürzen: Die Show begleitete ihn sein ganzes Leben. 2016 führte er bei einer Produktion des Stücks im Secret Theatre von Long Island City Regie, für ihn ein Höhepunkt seines Lebens. Ein anderer: der Moment, als er entdeckte, dass der Verlag Applause Theatre and Cinema Books einen Autorenwettbewerb sponserte. Der Gewinner sollte einen Band der FAQ-Serie des Verlags zu populären Musicals schreiben … Obwohl der Verlag also über sein Konzept für das vorliegende Buchs Bescheid wusste, konnte Rowan überzeugen. Und mag sein Werk auch kein „FAQ“ im üblichen Sinn sein, liefert er eine Datenmenge ab, die beeindruckend ist. Er bietet eine zeitgenössische Musicalgeschichte, Biografien zu jedem Beteiligten aus dem Kreativteam, der Originalcast der ersten Broadway-Produktion, behandelt ausführlich die Auditions, Workshops, die Probenphase, die Previews, widmet sich der Geschichte des Public Theater (bis zu „Hamilton“), jenem Theater, in dem die ersten 101 Vorstellungen stattfanden, bis man ins größere Shubert Theater umzog. Er analysiert die einzelnen Charaktere der Show, jeden einzelnen Song, liefert ein Lexikon aller kulturellen Begriffe, die in der Show eine Rolle spielen, und behandelt die Kritiken zur Show. Er widmet sich ebenso den diversen Tourproduktionen und der Verfilmung. Rowan bietet einen kommentierten Überblick über die Literatur, die zu „A Chorus Line“ erschienen ist, und er bespricht eingehend nicht weniger als 63 amerikanische Regional- und Amateurproduktionen der Show, alphabetisch geordnet und beginnend bei einer Inszenierung an der Analy High School, Sebastopol, CA, 1986. Ausführlich auch der Anhang. Es gibt eine Timeline beginnend 1974, als es erste Besprechungen von Michael Bennett, Michon Peacock und Tony Stevens bezüglich eines Projekts für Tänzer gab, bis zum 31. August 2013, als die Londoner Produktion im Palladium den letzten Vorhang hatte. In diversen Castlisten werden sämtliche Darsteller der Broadway Produktion von 1975 bis 1990 und weiterer Produktionen aufgelistet. Ich glaube, offene Fragen gibt es jetzt fast keine mehr.
Tom Rowan: A Chorus Line FAQ. All That’s Left to Know About Broadway’s Singular Sensation. Applause Theatre and Cinema Books. Montclair 2015. 464 Seiten (Softcover) ISBN 978-1-4803-6754-8. 19,99 $ [www.applausebooks.com]

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