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Archiv - Bücher

Wolfgang Kos: 99 Songs

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts, gespiegelt in 99 für diesen Zeitraum essenziellen Songs, was »gesellschaftliche Hintergründe, kollektive Sehnsüchte oder Konsumentwicklungen und Zeitbrüche« betrifft, versucht der Journalist und ehemalige Direktor des Wien Museums, Wolfgang Kos, in seinem neuen Buch zu skizzieren. Mit dabei jede Menge Musicalsongs. Jede Menge vor allem deswegen, weil seit dem Zeitalter des Jukebox-Musicals ja praktisch jeder Song der Musikgeschichte Teil eines Musicals werden kann. Konzentriert man sich nun auf den Musicalaspekt in diesem Buch, zeigen sich Schwachstellen. Okay, dass Andrew Lloyd Webber im Register unter W wie Webber und nicht unter L wie Lloyd Webber eingereiht ist, kann passieren. Problematischer wird es beim Song »Don’t Cry For Me Argentina«. Da schreibt Kos: »Kennen Sie zwei Songs aus ›Cats‹? Oder zumindest einen aus ›Phantom der Oper‹ [sic!]? Wer kein Musical-Fan ist, wird sich mit den Antworten schwertun. Anders als Melodien aus klassischen Musicals wie ›Kiss Me Cate‹ [sic!] oder ›My Fair Lady‹ haben die Songs der Ära von Andrew Lloyd Webber so gut wie nie den Weg in das breite populäre Gedächtnis gefunden. Es gab kaum Auskoppelungen, Grenzüberschreitungen in Richtung Hitparadenpop. ›Cats‹ wurde zwar weltberühmt, sein bekanntester Song ‚Memories‘ [sic!] wurde aber kaum im Radio gespielt.«
Flapsig formuliert könnte man diese gesamte Passage als Quatsch bezeichnen. Alleine von dem von Kos falsch geschriebenen Song ›Memory‹ aus ›Cats‹ gibt es drei Single-Veröffentlichungen: von Barry Manilow, Barbra Streisand und Elaine Paige. »The Music of the Night« kam zwei Mal in die Charts (Michael Crawford 1987, David Cook 2008). »Any Dream Will Do« aus »Joseph« war in der Version von Jason Donovan 1991 auf Platz 3 sogar der österreichischen Charts zu finden, »No Matter What“ aus dem Musical »Whistle Down the Wind“ darf man als globalen Hit bezeichnen, und das sind nur einige der Chartstreffer von Lloyd Webber. Kos nimmt auch ABBAs »Dancing Queen« auf, vergisst aber ABBAs Jukebox-Musical »Mamma Mia!« zu erwähnen, über dessen Wirkung bereits kulturtheoretische Werke publiziert wurden. Nichtsdestotrotz ist »99 Songs« ein sehr empfehlenswertes Buch, das, wie eben bewiesen, Ausgangspunkt vieler Diskussionen sein kann.

Wolfgang Kos: 99 Songs. Eine Geschichte des 20. Jahrhunderts. Brandstätter Verlag, Wien 2017. 320 S.; (Hardcover) ISBN 978-3710600227. EUR 39,90. brandstaetterverlag.com

Staatsoperette Dresden: »… wie die Stadt schön wird.« Leonard Bernstein: »Wonderful Town«

Anlässlich des 100. Geburtstags von Leonard Bernstein 2018 gibt es an der Staatsoperette Dresden die volle Dosis »Wonderful Town«: eine Inszenierung, eine Cast-CD und eine Werkmonografie. In ihr reißt Wolfgang Rathert das ewig aktuelle Thema an: Was ist ein Musical? Andreas Jaensch skizziert Entstehungsgeschichte, Story, Stoff und Songs der Show. Daniel Grundlach widmet sich der Nostalgie in »Wonderful Town«, Giselher Schubert befasst sich mit dem musikalischen Stil und Andreas Eichhorn mit dem Geheimnis des Erfolgs dieser Show. Gisela Maria Schubert schließlich untersucht New York als Schauplatz von Musicals. Einen wichtigen Platz (31 Seiten) nehmen Kritik-Clippings der Broadway-Produktion (1953), aber auch jener von Dresden (2017) ein. Und Christoph Wagner-Trenkwitz steuert seinen bereits 2007 (bei Amalthea: »›Es grünt so grün …‹ Musical an der Wiener Volksoper«) veröffentlichten Artikel zur deutschsprachigen Erstaufführung in Wien bei (mit verändertem Schlusssatz). Das Problem: Es gibt keinen Textnachweis für diesen Artikel. Handelt es sich bei den anderen Artikeln also auch um Zweitverwertungen? Man weiß es nicht. Das ist das Problem, wenn man solche Angaben nicht liefert. Alle Artikel sind wissenschaftlich fundiert mit ausführlichem Anmerkungsteil. Für eine erste Einführung ist dieses Büchlein bestens geeignet.

Heiko Cullmann (Hg.); Michael Heinemann (Hg.): »… wie die Stadt schön wird.« Leonard Bernstein: Wonderful Town. Eine Werkmonografie in Texten und Dokumenten. Staatsoperette Dresden/Thelem, Dresden 2017. 164 S.; (Paperback) ISBN 978-3945363638. EUR 12,80. thelem.de

Gerald Nachman: Showstoppers!

shost.pngWenn Burgtheater-Schauspielerin Maria Happel als Rose bei ihrem Volksopern-Debüt in »Gypsy« den Song »Some People« interpretiert, hat sie mit diesem eigentlichen Opener der Show Songmaterial an der Hand, das man einen programmierten Showstopper nennt. Showstopper sind jene Nummern, die Fans immer und immer wieder in dieselbe Show ziehen. Sie definieren einen Theaterabend. »A showstopper is a moment of performance so rousingly expert and energizing that the audience response – usually rapturous applause and noises that sound like ›bravo!‹ – freezes the show in a moment of loud, pagan worship.« (Ben Brantley) Es gab Zeiten und Orte, unter anderem am Broadway in den 1920er- und 1930er-Jahren, da unterbrach ein Showstopper tatsächlich die Show, der Schauspieler nahm die Ovationen an, verbeugte sich. Ja, gab Zugaben. Al Jolsons Spruch »Wait a Minute, wait a minute. I tell yer, you ain’t heard nothing yet« stammt aus dieser Periode. Wird in der Volksoper wohl nicht passieren. Oder doch? Mit einem Showstopper hat man die Chance, zur Theaterlegende zu werden, da kommen Energien ins Spiel, die schwer im Vorhinein abzuschätzen sind.
Warum ein Song zum Showstopper wird, wie einige legendäre Showstopper »gemacht« wurden, warum Showstopper so populär wurden, das untersucht Gerald Nachman in vorliegendem Buch und covert den Zeitraum von 1925 (»Garrick Gaieties«) bis 2005 (»Jersey Boys«).
Nachman (geboren 1938) kann als Journalist auf eine mehr als 50-jährige Karriere als Theaterkritiker und Kolumnist verweisen für Zeitschriften und Magazine wie »New York Post«, »San Francisco Chronicle«, »GQ«, »Esquire«, »Cosmopolitan« und »Theater Week«. Er ist Autor von drei Sachbüchern zur amerikanischen Populärkultur und mehreren Büchern zum Thema Humor. Außerdem schrieb er die Texte zu drei Musical-Revuen.
Für »Showstoppers!« führte er zahlreiche Interviews mit Schauspielern, Komponisten und Autoren, u. a. mit Patti LuPone, Chita Rivera, Marvin Hamlisch, Joel Grey, Edie Adams, John Kander, Jerry Herman, Sheldon Harnick, Tommy Tune, Harold Prince, Donna McKechnie und Andrea McArdle. Gegliedert hat er sein Werk in die Kapitel »Just for Openers«, »They Stopped The Show« und »O Say Can You Hear Me – Broadway Anthems«.
Nachmans Vorgehen ist ein journalistisches. Er bietet zu jedem Song interessante Anekdoten, etwa auch zum ältesten, »Manhattan«, aus der Revue »Garrick Gaieties« »which was a fundraiser meant for only a two-night run, to raise money to buy tapestries for the cash-strapped Theatre Guild at the Garrick Theatre, but the show proved so popular that it ran 211 performances and gave rise to two more editions« – sozusagen Crowdfunding in den 1920er-Jahren. Und er bietet Werturteile, die unter anderem schon durch die Auswahl der von ihm behandelten Showstopper zum Ausdruck kommen – oder durch Einleitungssätze wie folgende: „Wicked has a real story buried under all of its hokey special effects, but it’s hard to find, and almost as hard to care much about—unless you’re a fifteen-year-old girl with identity problems. (…) Like many musicals today, the show’s guiding principle behind each song seems to be, if it’s shouted loudly enough it must be a sensational showstopper.“ Genüsslich zelebriert Nachman Zitate aus den Verrissen, die Stephen Schwartz am Broadway für »Wicked« einstecken musste, aber er liefert auch, und nicht nur hier, im Anhang zu den einzelnen behandelten Musical-Showstoppern ein wenig »Backstage Dish«: „As an inside musical joke, in what he calls a tribute to composer Harold Arlen, Stephen Schwartz incorporated the first seven notes of ›Over the Rainbow‹ into the song ›Unlimited.‹ Schwartz deftly dodged a lawsuit by the Arlen estate by not including an eighth note, which he says is where the copyright law kicks in. He disguised his good-humored theft by changing the tune’s rhythm and reharmonizing it.« Oder: »According to New York writer David Sheward and author Paul R. Laird (…) the electronics in Wicked generate enough power to supply twelve homes, using five miles of cables, and it takes 250 pounds of dry ice to create the smokey effects onstage.“ Und er hat ein kleines Interview mit Stephen Schwartz geführt, in dem er ihn »über die Bande« mit seinen Kritikpunkten konfrontiert, wenn er etwa einen Freund anführt, der meint, »Wicked« sei nicht nur eine Show für junge Girls, sondern auch für Damen in seinem Alter (um die 70) und Schwartz darauf antwortet: »I love that. I think that is very accurate. I like that very much. The producers of Wicked get extremely annoyed when people say it is successful because it’s popular with teenage girls. You can’t run a show ten years in New York or all over the world if the audience consists entirely of teenage girls.«
Kein Problem hat Nachman etwa mit »La Cage aux Folles«. Für diese Show recherchierte er sehr interessante Statements, wie jenes von George Hearn, dem Albin der Musical-Uraufführung am Broadway: „It’s good it came along just before everything turned bad and we began losing people, about half the men in the cast. The zeitgeist changed and then people were at the barricades.“ Nachmann zur Entstehungsgeschichte des Showstoppers »I Am What I Am«: »(Jerry) Herman recalls that the idea for the song, and the title, was born when the show’s book writer, Harvey Fierstein, arrived one day with an impassioned scene to end act 1 that included the phrase, ›I am what I am.‹ Herman asked Fierstein if he could steal the phrase and promised to have a song by the next morning. He delivered it, but instead of making the lyrics overly didactic, Herman purposely created a mainstream song that just might become a hit, a song that, like the show itself, not just gays would respond to but also straight mid-American audiences.«
Dieses Buch ist eine wahre Fundgrube an Geschichten, Fakten, witzigen Randbemerkungen, geschrieben von einem Musical-Liebhaber. Empfehlenswert.

Gerald Nachman: Showstoppers! The Surprising Backstage Stories of Broadway’s Most Remarkable Songs. Chicago Review Press Incorporated, Chicago 2017. 408 S.; (Broschur) ISBN 978-1-61373-102-4. $ 19,99. chicagoreviewpress.com

Josh Chetwynd: Totally Scripted

Dieses kleine Büchlein ist eine wahre Fundgrube für alle, die sich für Sprache interessieren. Und Sprache, das steht schon im ersten Satz des Vorworts, ist im Showbusiness essenziell. Zitiert wird Gregory Peck, der sagte: “You struggle, you claw, and you scratch trying to camouflage a bad script. When the script is sound and the structure is there, you just sort of sail through.” Josh Chetwynd hat in seinem Buch Redewendungen, Fachbegriffe sowie legendäre Filmzitate nicht nur gelistet und erklärt, sondern er leitet sie von ihren Ursprüngen ab, geht zurück bis zur ersten schriftlichen/mündlichen Erwähnung, und das ist bisweilen richtig spannend und immer unterhaltend. Es geht um Begriffe aus dem Film, dem Theater, dem Musicalbereich. Nehmen wir als Beispiel die “Drama Queen”. Ursprünglich war dies als ehrenvolle Bezeichnung gedacht. Chetwynd führt neben Presseartikeln dafür auch eine Werbung aus dem Jahr 1937 für den Film ‘The Emperor’s Candlesticks’ an. Luise Rainer hatte dafür den Oscar als beste Hauptdarstellerin gewonnen und wurde in der Werbung als “Academy drama queen” gelobt. Erst in den 60ern erfuhr der Ausdruck eine Bedeutungswandlung durch die Gay Community. Und in den 70ern begann sich die negative Hauptbedeutung durchzusetzen. Als Beweis führt der Autor Pressemeldungen über die erste Drama Queen dieser Art an: Barbara Rush in der ‘New Dick Van Dyke Show’. In den 90ern schließlich gab es einen regelrechten Hype um den Ausdruck, da sich von Madonna bis Angela Bassett alle Stars als Drama Queens bezeichneten, und heutzutage spielt auch das Geschlecht keine Rolle mehr. Beleg dafür: “He’s a drama queen”, sagte der ehemalige Footballtrainer Jimmy Johnson 2010 über Quarterback Brett Favre. Ein blendend recherchiertes Buch, witzig, fundiert, ein Leseerlebnis.

Josh Chetwynd: Totally Scripted. Lyons Press, Guilford 2017. 224 Seiten; (Paperback). ISBN 978-1-63076-282-7. $ 14,95. rowman.com

Universität Mozarteum Salzburg & Kunst Meran: Frida Parmeggiani

Frida Parmeggiani – vielen galt sie in ihrer aktiven Schaffenszeit von 1978 bis 2008 als weltbeste Kostümbildnerin – wurde durch ihre Arbeiten für Robert Wilson, Samuel Beckett, und Rainer Werner Fassbinder zur Legende. Ihre prägenden Arbeiten für Wilson im Musicalbereich (alle im Thalia Theater Hamburg): „The Black Rider“ mit Tom Waits (1990), „Alice“ mit Tom Waits (1992), „Time Rocker“ mit Lou Reed (1996) und „POEtry“ mit Lou Reed (2000). Ihr Credo: „No color, no time“. Ihre Lieblingsfarbe Schwarz ist die Dominante im vorliegenden Buch, das als Katalog zu einer Ausstellung fungierte, die zum 70. Geburtstag der Künstlerin in Salzburg und Meran 2016/2017 zu sehen war. Schwarz war auch das Leitmotiv dieser Ausstellung, in der sie neun neue Entwürfe, bestehend aus 13 Einzelfiguren, „inszenierte“, erstmals ohne Dramaturgie, Sänger, Schauspieler. Der Katalog wurde 2017 als eines der 15 schönsten Bücher Österreichs ausgezeichnet. Die Jury lobte u. a. die „feine Abstimmung der Papierformate und -qualitäten, der Schriftstärken und Satzspiegel“. Elfriede Jelinek (sie bezeichnet die Kostüme Parmeggianis als „Stoff-Geschöpfe“), Robert Wilson und Bernd Sucher (neben anderen) steuerten zu diesem Band Texte bei, in denen sie über die Arbeit von und ihre Beziehung zu Parmeggiani erzählen. Zu Sucher meinte Parmeggiani einmal: „Sie haben meine Kostüme wahrgenommen. Die meisten Kritiker haben keine Ahnung, wie wichtig die Kostüme sind. Der Job des Kostümbildners wird total unterschätzt.“ Dieses Buch wird in seiner Schönheit, die nicht durch Opulenz beeindruckt, sondern durch seine faszinierende fesselnde kühle Ästhetik, der Bedeutung dieser Künstlerin gerecht. Ein Leseerlebnis.

Universität Mozarteum Salzburg & Kunst Meran: Frida Parmeggiani. Kostümabstraktionen. SCHLEBRÜGGE.EDITOR, Wien 2016. 112 S.; (Broschur) ISBN 978-3-902833-94-5. EUR 34,–. schlebruegge.com

Robert Gordon, Olaf Jubin, Millie Taylor: British Musical Theatre since 1950

Es gibt zu wenig Bücher, die sich wissenschaftlich mit dem Musical-Genre auseinandersetzen, zumal in England. Das haben die Autoren dieses Buchs erkannt, und ihr „Critical Companion“ ist die erste wissenschaftliche Arbeit, die sich dem Britischen Musical im Nachkriegs-Kontext widmet. Neben beliebten Shows wie „Oliver!“, „Matilda“, „Blood Brothers“, „Les Misèrables“, „Mamma Mia!“ skizzieren sie auch Entstehung und Wirkung von Produktionen wie „Poppy“ (Peter Nichols, Monty Norman, 1982) oder „Made in Dagenheim“ (David Arnold, Richard Thomas, Richard Bean) in ihrem gesellschaftspolitischen Zusammenhang. In einer Timeline im Anhang werden Jahr für Jahr die uraufgeführten und im Buch erwähnten Musicals politischen Ereignissen gegenübergestellt. Diese Publikation ist Teil einer größeren Initiative, die dem Musicalgenre in England in der wissenschaftlichen Diskussion zu mehr Bedeutung verhelfen soll. Die Autoren datieren den Anfang dieser Bewegung mit dem Jahr 2006, der Etablierung der Internationalen Konferenz „Song, Stage and Screen“. 2007 folgte die erste Ausgabe der Fachzeitschrift „Studies in Musical Theatre“, 2012 wurde das British Musical Theatre Research Institute geründet. Dadurch wurde eine Reihe von Projekten in Gang gesetzt. Die ersten Resultate: die vorliegende Publikation, das Anfang 2017 erschienene „Oxford Handbook of the British Musical“ und die Buchserie „Palgrave Studies in British Musical Theatre“. Auch auf Initiativen, die Förderung der Entstehung von Musicals betreffend, wird verwiesen: Das Musical Theatre Network (MTN, gegründet 2005) und Mercury Musical Developments unterstützen Musicalautoren und -komponisten mit Aktivitäten, angefangen von Workshops, Awards bis hin zu Showcases. 2007 installierte Musical Theatre Matters (ein 2005 gegründetes Netzwerk aus Theaterproduzenten, -managern und Kreativen) eine Reihe von Preisen, um die nächste Generation von Musiktheater-Schaffenden zu fördern. Spannende Projekte, großartiges Buch.

Robert Gordon, Olaf Jubin, Millie Taylor: British Musical Theatre since 1950. Bloomsbury, London 2016. 274 S.; (Paperback) ISBN 978-1-4725-8436-6. £ 21,99. bloomsbury.com

Ann-Christine Mecke, Martin Pfleiderer, Bernhard Richter und Thomas Seedorf (Herausgeber): Lexikon der Gesangsstimme

Mit der etwas missglückten Einbindung des Musicalgenres in sein „Lexikon des Musiktheaters“ hat der Laaber Verlag 2016 etwas enttäuscht. Das macht er jetzt mit einem interessanten neuen Lexikon wieder wett. Im „Lexikon der Gesangsstimme“ wird auf Artikel zu musikalischen Gattungen verzichtet. Gut so. Spannend ist die Aufnahme von Sängern in das Werk, vor allem in Hinblick auf die Auswahl. Die wird im Vorwort mit den Kriterien „künstlerische Bedeutung“, „sängerisches Wirken, das als paradigmatisch oder schulbildend für einen spezifischen Gesangsstil gelten kann“ und „ästhetische Vorlieben einer bestimmten Zeit“ begründet, und wir wollen das nicht weiter hinterfragen, denn die Artikel zum Beispiel über Hans Albers, Peter Alexander, Zarah Leander, Frank Sinatra oder Udo Lindenberg sind in Hinblick auf die Analyse der Stimme dieser Künstler und ihrer Wandlung im Lauf der Jahre sehr interessant. 796 Stichworte werden in diesem Werk behandelt, der aktuelle Wissensstand von Gesangspädagogik, Phoniatrie, Phonetik, Anatomie, Stimmphysiologie, Musikermedizin sowie historische und systematische Musikwissenschaft fließt ein. Und man kann dieses Werk zum Beispiel auch jener Fernsehreporterin der ORF-„Seitenblicke“ empfehlen, die auf das Eingeständnis von Rainhard Fendrich, Lampenfieber zu haben, vor einem Konzert im Februar 2017 erklärt hat: „Aber du kannst es doch …“ – denn auch ein Artikel zum Thema Lampenfieber findet sich in diesem Lexikon. Empfehlenswert.

Ann-Christine Mecke, Martin Pfleiderer, Bernhard Richter und Thomas Seedorf (Herausgeber); Thomas Hampson (Geleitwort): Lexikon der Gesangsstimme – Geschichte. Wissenschaftliche Grundlagen. Gesangstechniken. Interpreten. Laaber Verlag, Laaber 2016. 800 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-89007-546-4. Subskriptionspreis bis 30.6.2017: EURO 98,–, danach EURO 118,–. laaber-verlag.de

Dominique Mentha, Harald Müller (Hrsg.): Dominique Mentha – Eine Spurensuche

Auf Musical-Spurensuche in Wien. 1999 löst Dominique Mentha Nikolaus (damals noch Klaus) Bachler als Intendant der Volksoper Wien ab. 2003 gibt Mentha die Leitung wieder ab, vorzeitig. Im 2016 im Verlag Theater der Zeit erschienenen Rückblick des Theaterschaffenden aus Anlass des Endes seiner Intendanz in Luzern (2004–2016) nimmt seine Wiener Zeit ein kleines Plätzchen ein, 16 Seiten. Aber die haben es sich. In Interviewform rechnet er mit den Verantwortlichen für seine vorzeitige Ablöse ab. Wer verstehen will, wie in Wien die Säulen des Theatergeschehens errichtet und wieder gestürzt werden, wird hier einiges an Einzelheiten finden (unter anderem eine Aussage des ehemaligen österreichischen Bundespräsidenten, Heinz Fischer). Hauptsächlich ist das Buch natürlich Luzern gewidmet, aber auch Menthas Arbeit am Tiroler Landestheater Innsbruck wird besprochen. Reich illustriert, kluge Texte. Empfehlenswert.
Dominique Mentha, Harald Müller (Hrsg.): Dominique Mentha – Eine Spurensuche. Theaterarbeit in Luzern, Wien, Innsbruck. Verlag Theater der Zeit. Berlin 2016. 224 Seiten (Klappenbroschur) ISBN 978-3-95749-064-3. EUR 20,–. theaterderzeit.de

Harold Faltermeyer, Janneck Herre: Grüß Gott, Hollywood
Der aus München stammende Harold Faltermeyer (geboren 1952) hat vor allem mit zwei Arbeiten Geschichte geschrieben: mit „Axel F“, der Titelmelodie aus „Beverly Hills Cop“, und „Top Gun Anthem“ aus „Top Gun“. Zwei Grammy Awards konnte der Münchner Musiker, Komponist und Produzent mit seiner Arbeit an diesen beiden Filmen gewinnen. 2016 legt Faltermeyer seine Biografie vor, und neben all den positiven Kapiteltiteln wie »Arbeiten mit Giorgio! Yeahh!“ oder „Sweet Home Bavaria“ gibt es auch einen, der ein bisschen nüchterner formuliert scheint: »Ich bin nicht unbesiegbar«. Das Kapitel behandelt die Zeit, als Faltermeyer in Wien an seinem Musical mit Rainhard Fendrich, „Wake Up“, arbeitete. Um nicht zu viel zu versprechen: Das Kapitel ist nur 13 Seiten lang, aber wen würde es nicht interessieren, über diese Show etwas aus der Sicht des Komponisten zu erfahren, nach so vielen Jahren. Bald schon stellt sich heraus, dass der leicht negativ klingende Titel nichts mit dem Musical an sich zu tun hat, sondern mit den privaten amourösen Verhältnissen Faltermeyers in dieser Zeit. Aber immerhin, wie es dazu kam, dass ein Gockelhahn die erste Coverversion eines Songs aus „Wake Up“ „produzierte“, ist recht amüsant. Ein paar Sätze verliert der Komponist übrigens auch zu seinem neuen Musical »Sweet Home Bavaria“, das bald zu „Oktoberfest – The Musical“ umgetauft wurde und mittlerweile schon seine Uraufführung gefeiert hat. Da hat die Realität das Buch bereits eingeholt, obwohl es recht frisch am Markt ist. Infos zum neuen Faltermeyer-Musical gibt es hier: oktoberfestthemusical.com
Harold Faltermeyer, Janneck Herre: Grüß Gott, Hollywood. Mein Leben zwischen Heimat und Rock ’n’ Roll. Bastei Lübbe AG. Köln 2016. 272 Seiten (Hardcover) ISBN 978-3-7857-2573-3. EUR 24,–. luebbe.de

Musicals. Geschichte – Shows – Komponisten

Das Buch blendet. In mehrfacher Weise. Schon allein in Größe und Ausstattung. Es ist im besten Sinne dem Genre des Coffee Table Book zuzuordnen. Ein Großformat mit 25 mal 30 Zentimeter Größe, funkelnde Glitzereffekte am Cover, mehr als 570 Fotos im Innenteil. Wow. Vorfreude. Das könnte doch mal ein ideales Weihnachtsgeschenk sein. Das englischsprachige Original ist im Oktober 2015 bei Random House erschienen, mit einem Vorwort von Elaine Paige. Das fehlt in der deutschen Ausgabe. Geschrieben hat die einleitenden Worte zur deutschen Ausgabe Kristin Freter. Wer das ist? Keine Ahnung. Nicht mal Google findet halbwegs brauchbare Details zu ihr. Und das Vorwort beginnt so: „‚Das Phantom der Oper‘, ‚Starlight Express‘ oder ‚Das Dschungelbuch‘: Schon allein die Namen dieser Musicals stehen für außergewöhnlich emotionale Momente.“ Was für ein Musical namens „Das Dschungelbuch“ mag hier wohl gemeint sein? Ein Blick ins Register führt zu einem Kurzeintrag: Es handelt sich um eine Show von Christian Berg, die 2002 ihre Uraufführung hatte, im Sommertheater Cuxhaven. Na klar, da hätte man doch gleich draufkommen können. Unter dem Vorwort, gleich neben dem Bild eines schönen Theaterinnenraums, steht, statt einer Information, um welches Theater es sich handelt, der Satz: „Musicals unterhalten und machen immer gute Laune, ganz gleich, ob man sie live im Theater oder auf dem heimischen Bildschirm verfolgt.“ Wie kann man ein Genre nur so leichtfertig auf eine derart billige Aussage reduzieren? Musical kann weit mehr als nur gute Laune machen, und Musical ist in erster Linie ein Live-Erlebnis.
Ein paar Highlights noch auf der Textebene: „Das dramatische Bühnenbild und die atmosphärische Musik erinnern an Wagner-Opern“ (gemeint ist Levay/Kunzes „Elisabeth“). Jason Robert Brown „erregte durch seine kultige Off-Broadway-Show ‚Songs for a New World‘ (1995) Aufsehen, die den Kabarett-Liebling ‚Stars and the Moon‘ hervorbrachte.“ „Kabarett“ also – womit wir beim klassischen schweren Übersetzungsfehler angelangt sind. Bill Russell sucht man in diesem Buch vergeblich, ebenso Michael John LaChiusa …
Was die Bildebene betrifft, hat man leider bei der arbeitsintensiven Bildbearbeitung gespart. Etliche Fotos scheinen qualitativ nicht geeignet, dermaßen vergrößert zu werden, sodass sie nun unscharf wirken, sehr viele sind freigestellt, aber auf eine so hässliche Art und Weise, wie es bei einem solchen Buch nicht sein sollte. Retusche ist kostenintensiv, mag sein, schlecht retuschierte Bilder wirken billig.
Das Werk ist sicher ganz gut geeignet dafür, einen groben ersten Blick auf die bekanntesten Musicals zu werfen, dafür hat man auch ein flippiges Magazin-Layout gebastelt. Wer mehr erwartet, wird enttäuscht. Schade drum. Fazit: Mit jedem Geschenk gibt man auch etwas von sich her. Ich würde dieses Buch nicht verschenken wollen.
Musicals. Geschichte – Shows – Komponisten. Dorling Kindersley Verlag. München 2016. 320 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-8310-3157-3. EUR 34,95. dorlingkindersley.de

Arnold Jacobshagen, Elisabeth Schmierer (Hg.): Sachlexikon des Musiktheaters

Als Richard Nixon 1972 Peking besuchte, plauderte er bei der Gelegenheit mit dem chinesischen Ministerpräsidenten Tschou En-lai u. a. über die Auswirkungen der Französischen Revolution, einem Ereignis, das 200 Jahre davor stattgefunden hatte. Tschou konnte nichts Verbindliches dazu sagen. Seine knappe Antwort: »Too early to say.«
An diese kleine Anekdote musste ich beim Studieren vorliegenden Lexikons denken. Vielleicht ist auch die Musicalgeschichte einfach zu aktuell für die Autoren gewesen, um sie adäquat zu fassen. Einfach: »Too early to say.«
Ich beschränke mich bei meiner Einschätzung, das muss ich meiner Kritik voranstellen, aus Platzgründen vor allem auf den Musicalteil dieses »Sachlexikons des Musiktheaters«, und auch da auf wenige Punkte. Leider sind sie relevant.
Natürlich schlägt man bei einem Lexikon, das unter anderem auch Musicalbegriffe und Musicalgeschichte behandelt, recht bald nach, wie denn die Autoren »Musical« definieren. Und trotz des knapp bemessenen Raums sollten nicht derart massive Fehleinschätzungen auftreten, meine ich. So wird Stephen Sondheim etwa unter ferner liefen als einer der führenden Komponisten der »1940er- bis 1960er-Jahre« abgehandelt, und zwar genau so: »Stephen Sondheim (A Funny Thing Happened on the Way to the Forum)«. Das war’s. Mehr gibt’s dazu im gesamten Buch nicht. Unter den »Rockmusicals der 1970er-Jahre« findet sich, Zitat: »The Rocky Horror Picture Show (Richard O’Brian, 1975)«. Das macht genau drei Fehler in dieser kurzen Angabe: 1) Die Bühnenversion heißt »The Rocky Horror Show«, 2) sie hatte 1973 Premiere und 3) der Mann heißt Richard O’Brien. Unter dem Begriff »Book-Musical« findet sich der lustige Satz: »Nach wie vor sind Book-Musicals wie (…) Wicked (…) eine bestimmende Musicalform, von der sich andere Formen wie Jukebox- oder Disney-Musical ableiten bzw. gegen die sie sich abgrenzen, wie das Konzeptmusical.« Und dann gibt es doch tatsächlich einen eigenen Eintrag zur »Musicalform« »Disney-Musical«. Das kann man nur noch so toppen: »Musicaldarsteller sind vielseitige Akteure, idealerweise Bühnenschauspieler mit guter Gesangs- und Tanzausbildung. Sie müssen gleichzeitig tanzen, spielen, singen und sprechen können (…)« Das muss echt ein triple threat sein, das gleichzeitig singen und sprechen kann. Die Popularität Lloyd Webbers mag für die Ausführlichkeit sprechen, mit der er im Vergleich zu Sondheim behandelt wird, aber dann nichts zu »Tanz der Vampire« (außer in einer Statistik) oder »Elisabeth«? Positiv ist zu vermerken, dass die insgesamt 841 Stichwörter leicht verständlich formuliert sind und ein großes Spektrum abdecken – nur für das Musicalgenre hätte ich mir einen etwas genaueren Blick gewünscht.

Arnold Jacobshagen, Elisabeth Schmierer: Sachlexikon des Musiktheaters. Praxis. Theorie. Gattungen. Orte. Laaber 2016. 672 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-89007-781-9. EUR 88,–. laaber-verlag.de

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