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Archiv - Januar, 2016

Landestheater Linz und Theater der Zeit (Hg): Wege entstehen dadurch, dass man sie geht. Landestheater Linz 2006 bis 2016

Schon wieder ein Buch über das Landestheater Linz … könnte man sagen – gab es doch schon 2o13 eines … Damals ging es allerdings um die Eröffnung des neuen Linzer Musiktheaters, der heute besprochene Band ist eine Abschiedspublikation des derzeitigen Intendanten Rainer Mennicken (65), der ab der Spielzeit 2016/2017 nach zehnjähriger Amtszeit von Hermann Schneider (52) abgelöst wird.
Das vom Landestheater Linz und dem Verlag Theater der Zeit herausgegebene Werk ist Rückblick und Analyse – auch der fünften Sparte des Hauses, des Musicals, die 2013 installiert wurde. Die Erweiterung des Vier-Sparten-Theaterbetriebs um das Musical mag zwar vor gar nicht langer Zeit erfolgt sein, aber selbst ein Rückblick auf bloß zweieinhalb Jahre Spielbetrieb liefert interessante Erkenntnisse. Nils Grosch und Jonas Menze berichten in ihrem lesenswerten Beitrag „Wider das Klischee: Das Musical im Repertoire“, ja, von einer Erfolgsgeschichte. Aber ist sie tatsächlich derart glorreich, wie in dieser Jubiläumspublikation beschrieben?
Linz verankerte als erstes Theater Österreichs und lediglich zweites Haus im gesamten deutschsprachigen Raum das Musical mit einem zunächst siebenköpfigen fest engagierten Ensemble unter der künstlerischen Leitung Matthias Davids’ sowie dem eigenen Kapellmeister Kai Tietje und dem Dramaturgen Arne Beeker fix im Repertoirebetrieb. Man entschied sich „gegen die gängige Praxis, Musicalproduktionen mit singenden Schauspielern zu besetzen“, so Grosch/Menze. Ja, schon, aber natürlich werden auch „singende Schauspieler“ eingesetzt, etwa bei „Company“ oder „Next to Normal“ war das bisher der Fall. Und eines sollte man auch bedenken: die ursprüngliche Entstehungsgeschichte der „fünften Sparte“, die Thomas Königstorfer (bis 2013 Kaufmännischer Geschäftsführer des Hauses, derzeit Kaufmännischer Geschäftsführer des Wiener Burgtheaters) auf Seite 40 des Buchs so beschreibt: „Es war ein regnerischer Freitag, an dem wir wieder über Spielplan und Betriebsaufwand brüten wollten. Und diesmal überraschte Rainer Mennicken uns alle: Natürlich werde es zwei Musical-Premieren auf der großen Bühne geben, mehr noch: Eine eigene Musical-Sparte werde er begründen. Und alle Sparten sollten darin integriert werden, die Oper, das Ballett und auch das Schauspiel.“
Die Daten zur Auslastung wird man den Autoren glauben: Es sind „nahezu hundert Prozent“.
Etwas problematischer ist es, dass die Autoren zum Beispiel gar nicht auf die Nachteile eines festen Ensembles eingehen. Zweifellos ist dies „Möglichkeit und Herausforderung, die Hauptrollen nicht mit Gästen, sondern aus den eigenen Reihen zu besetzen“, doch da müssten wir dann bei Shows wie Stephen Sondheims „Company“ über den Begriff „Hauptrolle“ diskutieren, übrigens auch bei „Next to Normal“, und kämen zur Erkenntnis, dass mitunter Gäste die strahlenden Stars der einen oder anderen Produktion sind (was zweifellos eine subjektive Einschätzung ist).
Problematisch sehe ich auch eine Formulierung wie „Das Musical erstrahlt in künstlerisch überzeugenden Inszenierungen als eine ernste und ernst zu nehmende Gattung“. Derart glorios ist es eben nicht gewesen bis jetzt, kann man dem entgegensetzen. Ja, in Linz macht man Musical, das es auch wert ist, diskutiert zu werden. Und das ist schon mal eine tolle Leistung. Hier stehen Dramaturgen, Regisseure etc. dahinter, die ihre Bühne nicht zur reinen Abspielstation machen. Das ist großartig. Aber ein wenig Differenzierung wäre angebracht gewesen. Gerade in Musicalkreisen wurden dramaturgische Eingriffe bei einzelnen Produktionen besprochen, man denke etwa an das geänderte Finale von „Show Boat“ (einer Produktion, die Grosch/Menze besonders hervorheben).
Ja, „die Werke Stephen Sondheims (gelten) in Deutschland und Österreich als problematisch aufzuführen“, aber wenn Sondheim gespielt wird, dann zählen die von Linz gewählten Shows „Company“ und „Into the Woods“ doch zu den Favoriten. Das soll nicht die Leistung des Linzer Landestheaters schmälern, nur fehlt mir bei Formulierungen wie der folgenden der genaue Maßstab: „Einem mehr als eingeweihten Publikum durch die Kinoversionen von ‚Sweeney Todd‘ und jüngst ‚Into the Woods‘ gerade ansatzweise bekannt, ist Sondheim im Mehrspartenbetrieb noch immer eine Seltenheit.“ Oder anders formuliert: Das hat das Linzer Landestheater gar nicht nötig, so klein ist es gar nicht, dass man es so groß machen muss.
Nicht näher ausgeführt werden von Grosch/Menze einige tatsächlich äußerst bemerkenswerte Leistungen wie die österreichische Erstaufführung von „The World Goes Round“, die großartige Leistung des Jugendensembles bei der Linzer Produktion von „Leben ohne Chris“, die österreichische Erstaufführung von „Grand Hotel“, die deutschsprachige Erstaufführung von „The Wiz“, die österreichische Erstaufführung von „Next to Normal“ mit einer eigens adaptierten Übersetzung. Fazit: Linz bringt mit einzelnen Produktionen tatsächlich Sensationelles auf die Bühne, da braucht man dann auch mit Jubelformulierungen nicht sparen. Zu diskutieren wäre, ob Nils Grosch und Jonas Menze diese Punkte getroffen haben.
Natürlich ist dem Musicalgenre in diesem Buch nicht übermäßig viel Platz gewidmet, man sollte es im Rahmen des Landestheaters auch nicht überschätzen, und so bieten rund 30 weitere Textbeiträge in dem reich und beeindruckend illustrierten Werk Gelegenheit nachzuvollziehen, wie wichtige Player der anderen Bereiche die letzten zehn Jahre erlebt haben. So hat etwa der österreichische Autor Franzobel, er hat drei Sprechstücke und drei Libretti für das Haus geschrieben, ebenso einen Beitrag abgeliefert wie der österreichische Dramatiker Thomas Arzt. Arzt kam 2011 als Thomas-Bernhard-Stipendiat ans Haus und schrieb hier in den drei Monaten seines Aufenthaltes das Theaterstück „Alpenvorland“. Sein Beitrag für den Jubiläumsband zeigt sehr schön, mit welchen Vorurteilen man Linz anfangs begegnen kann, wie aus einer „Linz ist Provinz“-Einstellung fast das Gegenteil wird.
„Wege entstehen dadurch, dass man sie geht“, der Titel des Buchs, ist ein Zitat von Franz Kafka. Einen neuen Weg wird der nächste Intendant im Musicalbereich gehen, nämlich den der Uraufführungen. Die erste große Uraufführung der Musicalsparte musste besetzungsbedingt in die erste Spielzeit der neuen Intendanz verschoben werden.

Landestheater Linz und Theater der Zeit (Hg.): Wege entstehen dadurch, dass man sie geht. Landestheater Linz 2006 bis 2016. Theater der Zeit. Berlin 2015. 208 S. (Broschur) ISBN 978-3-95749-044-5. 20,00 Euro. [www.theaterderzeit.de]