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Benjamin Lebert: “Kannst du” (2006)

Benjamin Lebert: Kannst du, 2006; Foto: Martin Bruny
“Aber warum, zum Teufel, wollen wir uns überhaupt alle immer in Geschichten wiederfinden? Alle halten wir immerzu nur Ausschau nach Geschichten, in denen wir uns selbst entdecken!” [Benjamin Lebert, “Kannst du”, 2006]

Freut ihr euch auch so auf den Sommer? Ich freue mich tierisch. Ist das nicht herrlich, rauszugehen und zu spüren, dass alles wieder leichter und freier wird um einen herum, dass sich die eisige Umklammerung, in der man so lange gefangen war, nun nach und nach lockert? Oh, ich liebe das!

Wer so in einen Roman eingeführt wird, kann eigentlich nur eines sein: verrückt - ungefähr so verrückt wie jene, die dem Sommer 2006 noch irgendwas abgewinnen können, oder die Wiener Verkehrsbetriebe, die die neuen klimatisierten U-Bahn-Waggons pünktlich zu Herbstbeginn in Betrieb nehmen werden, keinesfalls im Sommer, oder die halbdebilen Radiomoderatoren, die jeden Morgen vom ach so tollen BADETAG gackern, bei 37 Grad Hitze -, wie auch immer, Tanja, die Figur, die Benjamin Lebert so in seinen Roman einführt, ist in der Tat nicht ganz von dieser Welt.
Tanja, 18, die weibliche Protagonistin in “Kannst du”, und Tim Gräter, die männliche Hauptfigur, lernen sich in einer Kneipe kennen und durchleben auf 266 Seiten eine amour fou, eine Liebesbeziehung, die nach gewöhnlichen Maßstäben nicht vernünftig ist. Es gibt in der Literatur einige Musterbeispiele dieses durchaus beliebten Motivs, Tristan und Isolde, beispielsweise. Eine geradezu idealtypische amour fou schildert der französische Kultautor Philippe Djian in seinem Roman “Betty Blue - 37,2 Grad am Morgen”. Djian erzählt von einer jungen Frau, die einen Nachwuchsschriftsteller mit aggressiver Zuneigung geradezu überschüttet. Die in ihrer Heftigkeit zunehmend ausufernden Hysterieanfälle des hochgradig neurotischen Mädchens enden schließlich in einer Katastrophe.
So schlimm endet es bei Lebert freilich nicht. Tim und Tanja gehen auf eine Interrailreise durch Skandinavien, und schon bald entdeckt Tim, dass mit seiner Freundin so einiges nicht stimmt. Sie ritzt sich am ganzen Körper mit Glasscherben auf, versinkt in Depressionen und nächtlichen Heulkrämpfen, reagiert nicht normal - aber was ist schon normal?
Wie bei Djian ist auch bei Lebert die männliche Hauptfigur, Tim, ein Schriftsteller, wenn auch ein wesentlich jüngerer: 21 Jahre alt, bordellsüchtig, beziehungsunfähig, wandert er von einer flüchtigen Bettbekanntschaft zur nächsten, unfähig, unwillig sich zu binden. Als Teenager hat er einen Bestseller geschrieben, jetzt “kann er” nicht mehr. Schreibblockade - auch ein beliebtes Thema in der Literatur. John Updike schreibt darüber in “Bech in Bedrängnis”, Siegfried Lenz in “Deutschstunde”, Truman Capote in “Frühstück bei Tiffany” oder Armistead Maupin in “Der nächtliche Lauscher” - und Lebert zitiert selbst berühmte Beispiele wie Stephen Kings “Misery” oder auch gerne mal nen Film: “Mission Impossible 2″:

Ich musste an eine Szene aus dem Film “Mission Impossible 2″ denken, als der alte Anthony Hopkins, ein mysteriöser Auftraggeber, zu dem Agenten Ethan Hunt, gespielt von Tom Cruise, sagt: “Well, this is Mission Impossible, Mister Hunt. Mission Difficult would be a walk in the park for you!”

Da wird der Roman auch zu einem netten Terrain brauchbarer Zitate, beispielsweise von Jandl:

Das Blatt seien weißen geblieben.
Seien weißen geblieben.
Weißen geblieben.

Lebert/Gräter sieht die Rolle eines Schriftstellers auf eine ihm ganz eigene Weise:

Hinzu kommt, dass jemand meiner Ansicht nach nur dann Schriftsteller ist, wenn er schreibt. Und nicht, wenn er durch die Gegend flaniert. Und dabei spielt es keine Rolle, ob das, was er schreibt, gut ist. Ein Mann, der vor siebzehn Jahren einmal ein Buch geschrieben hat, das auf der ganzen Welt gut verkauft wurde, ist für mich viel weniegr ei n Schriftsteller als jemand, der ununterbrochen an der Schreibmaschine sitzt, aber keinen Verleger für seine Sachen findet.

“Kannst du” ist die Beschreibung eines Schwebezustands, hat die Frequenz einer halb in den Raum gestellten Frage. Passieren kann alles jederzeit, nichts ist ausgeschlossen. Als Tanja sich auf einen Dreier mit einem anderen Schriftsteller und dessen “Muse” einlässt, schlägt Tim in einem Anfall von Eifersucht seinen Schriftstellerkollegen brutal zusammen, der durchsticht ihm mit einem Säbel die Hand. Absurde Action, aber das alles kann passieren in diesem flirrenden Schwebezustand. So wie der Titel “Kannst du” etwas Unfertiges symbolisiert, ist auch die erzählte Handlung in vielen Aspekten unfertig, nach vielen Seiten offen, ein schwirrendes Etwas. Vieles wird nur kurz angerissen, gerade zum Thema Schreibblockade wäre sicher stoffmäßig noch jede Menge dringewesen, aber das ist nicht Leberts Stil. Er ist nicht der wortgewaltige Erzähler, der mit dicken Strichen ein Ölgemälde auf die Leinwand zaubert, Lebert skizziert, und das eine oder andere - unerwartete - Detail gestaltet er genauer aus. Er hat einen ganz eigenen Stil entwickelt - es hat etwas zärtlich Flimmerndes, wie er den Leser durch seinen Roman führt.
“Kannst du” lebt nicht zuletzt von einer Spannung, die sich aus der vermeintlichen Deckungsgleichheit von Autor und Roman-Hauptfigur ergibt. Wieviel Tim Gräter steckt in Benjamin Lebert und umgekehrt, eine Frage, die sich durch alle Bücher des Autors zieht, ein Spielchen, das Lebert gerne mit seinen Lesern treibt. Ãœber Matthias, den jüngeren Bruder von Tim Gräter, scheibt er:

Matthias war drei Jahre jünger als ich. Bei der Geburt hatte er die Nabelschnur um den Hals geschlungen gehabt, war ganz blau auf diese Welt gekommen und hatte deshalb eine linksseitige Lähmung davongetragen. Mit seiner linken Hand konnte er fast gar nichts machen, nichts greifen, nichts halten, nichts öffnen. Und sein linkes Bein zog er nach. Sein Fuß war ein wenig nach innen geneigt. Mich nervte diese Behinderung. Er war nicht nur der Kleine, er war auch noch der Behinderte. Alles wurde für ihn erledigt …

Im wirklichen Leben ist es Lebert, der eine leichte linksseitige Lähmung hat und mit diesem geschickten Verwirrspiel alle Spekulationen, wieviel Lebert in Gräter steckt, ad absurdum führt. Matthias, so erfahren wir, hat sich das Leben genommen, mit 30 Rohypnol. Tod, Selbstmord, Angst, Depressionen, aber auch die Sehnsucht, lieben zu können, das sind die dominierenden Themen in diesem Buch.

Weißt du - Hermann Hesse oder Camus? Welcher von beiden war es? Es kann in einem der essayistischen Teile des Steppenwolf stehen oder in einem Aufsatz von Camus über den Selbstmord im Allgemeinen. Jedenfalls, einer von den beiden hat geschrieben, dass man sich nicht tatsächlich umbringen muss, um ein Selbstmörder zu sein. Dass man auch die Leute zu den Selbstmördern zählen sollte, die ihr ganzes Leben lang, oder immer wieder, mit dem Gedanken spielen, sich das Leben zu nehmen, aber es nicht tun, weil sie einfach zu feige sind. Dass diese Leute eigentlich noch viel schlimmer dran sind, hörst du? Weil ein Entschluss, eine Tat ja immer von größerer Stärke zeugt als ein verharrendes, ängstliches Nichtstun. Von der ausbleibenden Erlösung ganz zu schweigen.

Beworben wird Leberts Roman am Klappentext mit dem Spruch: “Eine Geschichte, die ein Leben retten könnte.” Mit Verlaub, eine derartige Plattitüde hat sich dieses Buch nicht verdient, und auch nicht einen Werbeslogan wie: “Das neue Buch von Benjamin Lebert, dem Autor von “Crazy”, ist ein Roman über Einsamkeit und heldenhafte Versuche, diese zu überwinden.” Nichts passt weniger als der Begriff “heldenhaft”. Auch die mangelnde Ausstattung des Buches ist eine merkwürdige verlagspolitische Entscheidung. Es wäre durchaus an der Zeit, einen Lebert als Hardcover auf den Markt zu bringen.

Benjamin Lebert/Kannst du/Roman/ISBN: 3-462-03664-5/Kiepenheuer & Witsch/288 Seiten/Taschenbuch/Euro (D) 9,95, sFr 18,20, Euro (A) 10,20/

“Kannst du” von Benjamin Lebert kann man ganz einfach via untenstehenden Link bestellen. Damit kann man auch den Kultur-Channel unterstützen, wenn man will.

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