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Ein Meer von Gefühl - mit Drew Sarich ist die “neue” Wiener Version von “Tanz der Vampire” endlich angekommen

Wenn Wiener Musicalproduktionen manchmal ein ganz eigener Wiener Touch nachgesagt wird, so lässt sich der oft auf eine ganz spezifische, feine Prise Sentiment, man mag es auch Melancholie nennen, zurückführen. Das war das Geheimrezept von “Romeo & Julia” beispielsweise, an dem bemühten Unterdrücken von Sentiment in bestimmten Szenen scheiterte unter anderem “Rudolf” in Wien (im Gegensatz zur Budapester Version, die mit der Figur des Puppenspielers genau in diesem Punkt die eigentliche “Wiener Version” gewesen wäre).

Mit Drew Sarich als neuem Krolock in der aktuellen Produktion von “Tanz der Vampire” im Ronacher ist eine genau durchdachte und von Sarich erarbeitete Portion Sentiment und ein Meer von Gefühl in die Figur des Krolock zurückgekehrt - in einem Ausmaß, und das ist natürlich völlig subjektiv, wie ich es nur aus der Zeit von Steve Barton kenne. Drew Sarich und Steve Barton kann man natürlich stimmlich nicht vergleichen, dazu sind sie zu unterschiedlich. Das Gute ist, dass hier keinerlei Copycat greift. Drew Sarich würde, selbst wenn er es könnte, den Teufel tun und seine Stimme so malträtieren, dass er annähernd in eine Stimmlage wie Steve Barton kommt. Er legt seine Rolle innerhalb gegebener Grenzen neu an, setzt bei seinen Soloparts neue stimmliche Akzente, setzt Varianten ein, die den altbekannten Songs auf einmal eine völlig neue Atmosphäre einhauchen. Hohe Töne kommen bei Sarich stets scheinbar ohne Mühe. Er setzt sie nicht ein, um zu prahlen, er setzt sie wohldosiert ein, um eine Szene wie jene im Tanzsaal, wo er die Stelle “zum Sterben verdammt” in drei Etappen bis zum H jagt, mit einem auch stimmlichen Höhepunkt zu veredeln, unvergesslich zu machen, und das ist die Kunst des Drew Sarich, unter anderem.

Drew Sarich ist eine Bühnenpersönlichkeit, die die Figur des Krolock mit Leben erfüllt. Würde man nun als Vergleich Thomas Borchert heranziehen, so hatte man bei Borchert das Gefühl, dass er bestrebt ist, einen möglichst gefühlsleeren Krolock zu zeigen. So tot wie möglich sollte er sein, kalte Augen, sinnentleerte, steife Gesten, Starrheit. Wenn dann doch so etwas wie “Gefühl” aufblitzte, war es nicht wirklich “glaubhaft” im Rahmen der Gesamtgestaltung, es wirkte eher mechanisch, künstlich. Das mag eine Interpretation dieser Rolle sein, und Thomas Borchert hatte damit verdienten Erfolg. Sarich ist das exakte Gegenteil von Borchert. Dieser Krolock lebt, er lebt intensiver in seinen emotionalen, melancholischen Seiten, er ist expressiv verzweifelter und auch böser, und wenn er Karikatur sein will, wie in der Szene am Ende des Stücks, bevor er in den Bühnenboden fährt, dann ist er das schriller als Borchert. Während von Borchert Mimik äußerst reduziert eingesetzt wird, ist sie bei Sarich vielschichtig, während Borchert seinen Teil der Duette auf die Bühne knallt, harmoniert Sarich mit Marjan Shaki, umschmeichelt mit seiner Stimme die noch zu sehr auf Borchert gedrillte Marjan Shaki, die jetzt vielleicht auch zurückgenommener singen könnte, weil Sarich auch ihr genug Bühnenluft lässt. Jeder Bühnenpartner ist ein Spiegel für seine Mitspieler, und so hat sich die ganze Show durch Drew Sarichs ganz andere Interpretation verändert. Vielleicht ist den Mitwirkenden noch gar nicht bewusst, in welchem Ausmaß.

Mit Drew Sarich wird die “Unstillbare Gier” wieder zum Höhepunkt der Show. Mit welchem Körpereinsatz Sarich hier seine Verzweiflung gestaltet, ist beeindruckend. Und ja, es kommt manchmal auf drei Skunden in einer Show an, auf drei Sekunden, die eine Interpretation unvergesslich machen können. Wie Sarich sich von den Gräbern in die “Tiefe” stürzt und gerade noch an der Rampe am Boden liegend Halt findet, das ist nicht nur auf Effekt konzipiert, es ist vor allem passend, es verleiht der Figur einen Hauch von Magie, ebenso wie der Körpereinsatz bei Steve Barton passend war, der es ebenfalls bei diesem Lied an nichts mangeln ließ, wenn auch nicht in einem derartigen Ausmaß, wie es Drew Sarich derzeit zeigt. Beide zeichnete auch die Fähigkeit aus, ihre Lieder erzählen zu können, beide beherrsch(t)en die Kunst, ihren Liedvortrag mit weichen Zwischentönen so vielschichtig und nuancenreich zu gestalten. Nur so wurde “Tanz der Vampire” zu einer Show, die die Fans hunderte Male besuchten. Sie wurden süchtig, süchtig nach dieser Gestaltungskraft.

Natürlich gibt es auch spannende Innovationen, was das Ronacher betrifft. Das Theater ist mittlerweile so eingepackt in schützende Umhüllungen, dass auch ja niemand von abbröckelnden Steinen erschlagen wird. So sieht man von der Fassade praktisch nichts mehr. Vom Schriftzug “Ronacher” ist gerade mal CHER zu erkennen. Vielleicht mal eine Idee für die Zukunft, da ja vom VBW-Management gerne in Hollywoodstars investiert wird. Cher würde sicher auch gerne im Ronacher für viel Geld auftreten. Für vergleichsweise weniger Geld gibt es in der Pause der aktuellen Produktion “Tanz der Vampire” nun Eis zu kaufen. Londoner Verhältnisse also im Ronacher. Muss man schon haben. Ist doch wunderbar, wenn die Leute dann bei der totalen Finsternis den totalen Eisgenuss in sich reinschmatzen. Und wenn dann alles vorbei ist, am Ende der Show, exakt beim Beginn des Schlussapplauses, bauen sich links und rechts des Mittelblocks direkt neben der ersten Reihe Orchester Billeteusen der VBW auf, stieren das Publikum an und versperren die Sicht auf die Bühne. Verkleidet als Vampirchen und verdrahtet wie die Agenten des FBI, damit sie auch ja alle Anweisungen direkt ins Ohr geflüstert bekommen. Natürlich können diese armen Menschen nichts dafür. Sie sind Befehlsempfänger und dürfen nicht mal die Kugeln für einen Präsidenten in Gefahr abfangen, sondern müssen aufpassen, dass auch ja niemand es wagt, beim Schlussapplaus vielleicht zu fotografieren. Nur sollten sich die Verantwortlichen bei den VBW auch klar sein, dass sie damit ausgerechnet denjenigen das Ende der Show ruinieren, die am meisten Geld dafür bezahlt haben. Ich will nicht angestarrt werden beim Applaus. Danke, dass diese Unsitte hoffentlich bald wieder Vergangenheit ist.

[Besuchte Vorstellung: 12. November 2010]

15 Kommentare »

  Elisabeth wrote @ April 10th, 2011 at 15:03

Nachdem ich Drew Sarich nun endlich selber sehen durfte, habe ich auch Ihre Kritik gelesen und sie spricht mir aus dem Herzen. Danke dafür.

Liebe Grüße
elisabeth

  S.Z. wrote @ November 18th, 2010 at 14:01

@ Udo: das klingt extrem arg, das ist kein Musiktheater mehr das sind Synthesizer und Keyboards die grade mal besser klingen als midi files…

Zum Glück war Koen Shoots so klug dass er im Vertrag stehen hat dass die VBW nicht weniger als 24 Musiker pro Vorstellung engagieren dürfen…trotzdem für einen Klangkörper von etwa 140 Musikern eine Frechheit

  Udo wrote @ November 18th, 2010 at 10:55

Zu der orchestralen Diät kann man noch dies sagen: es ist wahr dass die Orchesterbesetzung kleiner ist als damals bei der UA, dennoch ist sie mit 24 Musikern immer noch die größte Besetzung die es derzeit für Tanz der Vampire gibt. in Stuttgart spielen sie mit 15, in Antwerpen sogar nur mit 11 Musikern. Ich habe Stuttgart gesehen und (leider) gehört, Antwerpen tue ich mir deswegen gar nicht erst an und kann nur sagen: die Show klingt in Wien immer noch am besten!

  S.Z. wrote @ November 17th, 2010 at 10:17

@ Andreas: Als Laien bezeichne ich jeden der nicht in der Richtung etwas gelernt/studiert hat, nur weil man einige Aufführungen diverser Stücke gesehen hat hat man noch lange keine Ahnung von den organisatorischen Vorgängen im Theater, oder von der Arbeit mit der Musik und dem Stück an sich. Leute die nur die Unterschieden zwischen Darstellern erkennen aber nicht die Unterschiede in der Gestaltung der Dirigenten ist für mich persönlich keiner der sich mit Musiktheater auskennt.

Zu TdV am Broadway muss man sagen das es nicht Kunzes Schuld war, sie mussten die Kreative Kontrolle seiner Rollengestaltung an Michael Crawford abgeben damit er zusagte, das er so töricht ist die Rolle unverstanden ins Lächerliche zu ziehen konnte niemand mehr aufhalten, Kunze hat die Änderungen zum Teil erst bei der Premiere zu sehen bekommen!

  Taeryon wrote @ November 16th, 2010 at 15:50

Auch ich kann Herrn Bruny nur zustimmen! Die Show ist wie ausgewechselt. Endlich hab ich wieder Spaß und das Verlangen mir dieses Stück noch einmal anzusehen.

  Andreas wrote @ November 16th, 2010 at 08:50

@ S.Z.

da stimme ich Elisabeth zu, man muss es ja nicht mögen und die “vielen Jahre an Erfahrung” bedeuten ja nicht automatisch, dass er immer 100% sicher sein kann, dass das wa er “macht” auch richtig ist und auch wirklich beim Publikum ankommt. Heißt nicht, dass ich die Arbeit des Hr. Kunze nicht ABSOLUT schätze und toll finde, aber er ist eben auch nicht unfehlbar.

Diese Erfahrung hat ihm übrigens genau nix geholfen, als er TDV an den Broadway verkauft hat und zugelassen hat, was die daraus gemacht haben. Oder MARIE ANTOINETTE, betreffend Spielzeit & Ort: hätte ich auch ganz anders gemacht

Das hätte ich z. B. NIE, NIE IM LEBEN SO ZUGELASSEN.

Ãœbrigens: als Laie *LOL* - wenn man mehrere Dutzend Musicals gesehen hat, immer wieder Shows besucht hat, in allen Teilen dieser Welt, würde ich mich persönlich auch nicht mehr als Laie bezeichnen! Und ich nehme an, den meisten Musicalfans geht’s hier ebenso.

  Elisabeth wrote @ November 14th, 2010 at 22:46

@S.Z. mir ist klar dass das Leadingteam das Recht hat Änderungen in einem Stück einzuführen aber ich habe durchaus das Recht die Sinnhaftigkeit solcher zu hinterfragen wenn sie sich mir nicht erschließen und diese nicht gut finden zu müssen. Dass ich es zu akzeptieren habe ist mir durchaus bewusst aber ich bin nicht verpflichtet es deshalb auch zu mögen.

  der G. wrote @ November 14th, 2010 at 20:19

@elisabeth: ich finde stärker als wir sind eine Bereicherung für die show!
die orchestrale diät missfällt mir allerdings auch sehr, die overture klingt wie aus nem cd player!
mit drew sarich haben wir einen grandiosen Grafen bekommen!
mich wird das ronacher nun wieder öfters sehen!

  Nina wrote @ November 14th, 2010 at 15:59

Sehr gute Kritik, spricht mir aus dem Herzen.

Ich habe dereinst Barton noch live gesehen und als Krolock hoch geschätzt. Vor ca. 4 Wochen habe ich dann erstmals Borchert gesehen und gedacht, er hätte einen schlechten Abend gehabt. Seine Gestik war einstudiertes Herumhampeln, man hatte nicht das Gefühl, dass er bei der Sache sei. Ich habe prinzipiell nichts gegen Borchert, aber ich fand mich gelangweilt und enttäuscht.
2 Wochen später wurde dann der Castwechsel bekannt, und ich bin wie ein Pfeil nochmal ins Theater und habe mir Sarichs Premierenauftritt angesehen. Grandios. Ich kann nur jedes Wort unterschreiben, das Martin Bruny hier schrieb. Eine andere Stimmlage, ja, aber endlich wieder Gefühl! Außerdem hat der Mann eine unglaubliche Bühnenpräsenz, obwohl ich die Geschichte mehr als gut kenne, war ich wie früher (bei Barton) bis zum Schluss gespannt.

  S.Z. wrote @ November 14th, 2010 at 14:21

@ Pierre: das sehe ich auch so
@Elisabeth: Diese Striche und Umstellungen hat Michael Kunze bewusst gesetzt, ich denke das man das zu respektieren hat, es ist sein und Jim Steinmans Werk und wenn beide das so wollen dann wird das seine Gründe haben die man besonders als Laie nicht hinterfragen braucht, er hat zig Jahre Erfahrung und dem sollte man vertrauen!

  Pierre wrote @ November 14th, 2010 at 10:00

also ich empfinde “Stärker als wir sind + Gebet” als ein highlight der show

  Elisabeth wrote @ November 14th, 2010 at 00:16

@S.Z. ich meinte eher dass ich gerne alle Striche wieder offen, “Für Sarah” an der Originalstelle und statt “Stärker als wir sind + Gebet” lieber “Die roten Stiefel” hätte. Mir gefallen durchwegs alle musikalischen Neuerungen nicht weil mir ihre Sinnhaftigkeit nicht ganz nachvollziehbar ist.

  S.Z. wrote @ November 13th, 2010 at 20:06

@ Elisabeth das wäre eine Eintscheidung von Frau Zechner, die war nämlich der Meinung dass man das Orchester auf 24 Musiker herabsetzen muss und dadurch wurden dann auch neue Arrangements fällig deren Erstellung auch eine Menge Geld verschlungen hat…

  M. wrote @ November 13th, 2010 at 14:08

Was für Zustände, die am Ende des Artikels beschrieben werden. Ich sehe das so wie der Autor: für mich ist ein (teurer) Theaterabend etwas besonderes, das ich regelrecht zelebriere. Ich zahle viel Geld, putze mich raus, genieße (hoffentlich) eine gute Darbietung auf der Bühne - und soll mich am Ende wie ein potenzieller Straftäter behandeln lassen, weil mich derart verkabelte Theater-Agenten genauestens taxieren, da ich ja nun einmal als Teil des Publikums unter Generalverdacht gestellt gehöre? So fühlt man sich, schlimm genug, wenn man in die USA einreist: weniger als harmloser, interessierter Tourist denn als potenzieller Straftäter, generell suspekt, mit einem Bein schon auf Guantanamo. Ich bin aber nicht bereit, derartiges auch noch in einem Wiener Theater hinzunehmen.

  Elisabeth wrote @ November 13th, 2010 at 10:11

wenn mir jetzt noch jemand die alte musikalische Fassung zurückgibt wäre mein Glück vollkommen. Aber zumindest der Garf ist “back to the roots”.

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