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Presseschau: Das Musical ist das Musical unserer Zeit

Am 4. Januar 2009 veröffentlichte WELT ONLINE-Autor Alan Posener eine Art Analyse aktueller Musicals mit dem (un)sinnigen Titel “Das Musical ist die Oper unserer Zeit”. Bezeichnet wird der Artikel als “Liebeserklärung” an das verachtete Genre des Musiktheaters. Fakt ist aber, dass man gerade mit solchen Nullschlagzeilen eher das Gegenteil dessen erreicht, was man denn so anstreben möchte.

Der Artikel ist stellenweise pures Schönreden, wenn es beispielsweise heißt:

Abend für Abend strömt das Publikum in die ausverkauften deutschen Musical-Theater.

Lebe ich in einer anderen Welt? Habe nur ich die mittlerweile recht ausgeprägte Krise des Musicals nicht mitbekommen? Kann man das Musicalgenre auf drei oder vier Big-Budget-Musicals reduzieren, die freilich auch nicht “Abend für Abend” ausverkauft sind, weil bestimmte Preiskategorien gar nicht mehr in den Verkauf gelangen?

Der eigentlich lächerlichste und ärgerlichste Teil des Artikels betrifft dann die vom Autor als “Hitler-Musical” bezeichnete Show “The Producers”:

Doch gibt es zu denken, dass eine derart glänzende Inszenierung wie “The Producers / Frühling für Hitler” von Mel Brooks nach nur sieben Monaten in Wien die Zelte abbrechen und nach Berlin umziehen muss. Ist das Stück zu intelligent? Reicht es, das Publikum mit Klamauk und Schwulenwitzen wie beim “Schuh des Manitu” oder mit einer Nummernrevue wie beim “Queen”-Musical in Stuttgart und, wenn man ehrlich ist, bei “Mamma Mia!” abzufüttern? Wollen die Leute nicht mehr als ein Kessel Buntes und am Ende einen Rausschmeißer, bei dem sie auf dem falschen Beat mitklatschen können?

Hier irrt der Autor. Au contraire, gerade hier beweist das Publikum, dass es immer recht hat. Denn im Vergleich zu den einfallsreichen Melodien, die ein Martin Lingnau zu komponieren imstande ist, kommt der Musikabklatsch eines Mel Brooks billig daher, gleich, ob er 8, 19 oder 9000 Tony Awards dafür bekommen hat. Und ob jemand über Hitler lachen will, hat tatsächlich etwas mit Intelligenz zu tun, nämlich mit emotionaler Intelligenz. Eine Show, die für amerikanisches Publikum geschrieben wurde, 1:1 nach Europa und da ausgerechnet nach Wien zu verfrachten, wo man nach wie vor im Stadium des Verdrängens und maximal des Vergessens steckt, hat sich eben als falsche Strategie herausgestellt.

Ein wenig liest sich der Artikel wie ein Jubelruf auf eine Firma: Stage Entertainment. Aber ist es nicht gerade diese Firma, die, wie oben zitiert, das Publikum mit Shows wie “Mamma Mia” abfüttert? Die Stage Entertainment Group mag übrigens ihre eigene Kaderschmiede haben, wie der Autor erwähnt, aber nicht vergessen sollte man, dass es gerade in Deutschland eine Unzahl an Ausbildungsstätten gibt. Einen Ãœberblick gibt es –> hier

Schön, dass jemand eine “Art Liebeserklärung” schreiben möchte, nur sehe ich sie nicht ganz.

…………………………………….

Der KURIER veröffentlichte in seiner aktuellen Ausgabe ein Interview mit “Rudolf”-Regisseur David Leveaux. Auch hier wird das Thema “The Producers” angesprochen:

“The Producers” am Ronacher hätten besser laufen sollen. Haben Sie als Tony-Award-Gewinner einen Rat für die Vereinigten Bühnen?
Nein. Ich denke, es war sehr mutig von Kathrin Zechner, es hier mit den „Producers“ zu versuchen. Eine Herausforderung! Und interessant! Ich hab’s mir angeschaut und denke, es ist ein ziemlicher Brocken fürs hiesige Publikum.

Vielleicht wäre besser, die Amerikaner würden nicht verlangen, dass hier nur die Kopie einer Broadway-Produktion auf die Bühne kommt.
Da bin ich vollkommen bei Ihnen. Doch die VBW haben Musicalstandards gesetzt, die einzigartig in Europa sind. Die Europäer glauben nach wie vor, der Broadway ist der Standard für alles. Von dieser Idee muss man sich lösen. Abgesehen davon, dass ich auch nicht wüsste, was das Broadway-Musical ausmachen soll. Es gibt keine Formel. Oder doch: Alles, was du dem Publikum bieten musst, ist eine großartige Show. Ich würde keine meiner Broadway-Shows für Wien wiederholen. Hier muss man was Neues machen – zum Beispiel “Rudolf”.

Schöner Schlusssatz.

Links
- Welt Online: Das Musical ist die Oper unserer Zeit
- KURIER: Der Tod als letztes Kunstwerk

1 Kommentar »

[…] so lustig ist: Aus dem unlängst hier besprochenen Artikel (–> Link) von Alan Posener für “Welt Online” mit der Schlagzeile “Das Musical ist die […]

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