Anthony Deane Rapp, am 26. Oktober 1971 in Chicago geboren, aufgewachsen in Joliet, Illinois, USA, entdeckt seine Liebe zum Performen bereits als Kind. Mit sechs Jahren spielt er in einer Schulproduktion die Rolle des Löwen in »The Wizard of Oz«. 1981, neun Jahre alt, beginnt er seine professionelle Karriere mit einer Tourproduktion von »Evita«. An der Seite von Yul Brynner tourt Rapp 1982 in »The King and I« durch die USA, mit zehn Jahren gibt er sein Broadway-Debüt in dem Musical »The Little Prince and the Aviator«, einer wenig erfolgreichen Show, basierend auf Antoine de Saint-Exupà©ries Werk »Der kleine Prinz«. 1986 spielt Rapp die Hauptrolle in der Broadway-Produktion »Precious Sons« an der Seite von Ed Harris und Judith Ivey. Für seine Leistung erhält er einen Outer Critics Circle Award. Am Off-Broadway ist Rapp 1992 in »Sophistry« und »The Destiny of Me« zu sehen. 1991 wird er Mitbegründer der Theatergruppe »Mr und Mrs Smith Productions«, für die er bei den Produktionen »The Bald Soprano« und »Marco Polo Sings a Solo« Regie führt. Gemeinsam mit seinem Bruder Adam Rapp schreibt Anthony das Theaterstück »Ursula’s Permanent«, bei dessen Uraufführung 1993 er Regie führt. 1994 spielt er in Adam Rapps Schauspiel »Prosthetics and the $ 25,000 Pyramid« in New York die Hauptrolle. Rapps Filmkarriere startet mit dem Chris Columbus-Streifen »Adventures in Babysitting« (1987). In den folgenden Jahren wirkt er unter anderem in »School ties« (1992), »Dazed and Confused« (1993) und »Six Degrees of Separation« (1993) mit.
Wir schreiben das Jahr 1994, September. Anthony Rapp hat’s eilig. »I sat down on the curb of Forty-fourth Street between Seventh and Eighth avenues, in front of the St. James Theatre, and glanced at my watch: no way was I going to be on time for my audition. Fuck. I raced to get my shoes off and my skates and helmet on, and launched myself into traffic, my skates gliding, my arms pumping, my breath quickening, my skin relishing the balmy autumnal breeze that flowed around me …†Mit derartiger Verve startet der Performer in seine Autobiografie “Without you: a memoir of love, loss, and the musical Rent”. Eben noch bei einem Gedenkgottesdienst für einen nahen Freund, rast er zur Audition für einen neuen Job: die Workshop-Produktion eines neuen Musicals eines gewissen Jonathan Larson mit dem Titel »Rent«. Zur gleichen Zeit bekommt Anthony Rapps Mutter von ihren Ärzten eine erschreckende Diagnose: Sie ist erneut an Krebs erkrankt.
“Without you« ist eine berührende, fesselnde und bewegende Mischung von Familiengeschichte, Charakterstudie und Blick hinter die Kulissen der Bühnenproduktionen des Musicals “Rent”. Beginnend mit der Audition für die Workshop-Produktion von »Rent« im September 1994 schildert der Autor vier Jahre seines Lebens. Vier Jahre, in denen er in der Rolle des »Mark Cohen« mit »Rent« endgültig zum Star avanciert, privat aber einen schweren Schicksalsschlag zu verkraften hat: die zweite Krebserkrankung, das Leiden und schließlich den Tod seiner Mutter. Sie stirbt 1997, knapp ein Jahr nach der Broadway-Premiere von »Rent«. Rapp hat zeitlebens ein sehr enges Verhältnis zu seiner Mutter, die Sorge um sie scheint ihn in manchen Momenten dieser vier Jahre schier zu zerreißen. Der Musicalstar schildert sich in seinem Buch ganz offen als Mensch, der Probleme, Angst und Wut über lange Zeit in sich hineinfrisst – so lange, bis alles auf einmal aus ihm herausbricht. Als kleiner Junge, von seiner Mutter geohrfeigt, passiert dies das erste Mal. Er schreit sie an: »Wenn du das noch einmal machst, schlage ich zurück.« Und tatsächlich kommt es zum Exzess: Als ihn seine Mutter noch einmal ohrfeigt, schlägt er zurück. Jahre später verliert er unmittelbar vor einer “Rent”-Vorstellung völlig die Kontrolle, als er und sein Freund sich nach einer Auseinandersetzung trennen. Wild schlägt er auf ihn ein. Rapps Geschichte ist die eines liebenden, verzweifelten Begeisterten. Er lernt in diesen vier Jahren, mit seinem Aggressions-Problem umzugehen und begibt sich in therapeutische Behandlung. Letztlich liest sich seine Autobiografie in manchen Passagen wie eine Selbstanalyse. In vielen kleinen Flashbacks und Miniszenen erzählt er von den Problemen, die er mit seiner Familie, seiner Mutter, seinen Lebenspartnern hat, aber auch, wie sehr seine Liebe zu ihnen davon letztendlich unberührt bleibt. Eines der Hauptthemen des Buchs ist Anthony Rapps Bisexualität, mit der seine Mutter nie wirklich fertig wird, womit seine ganze Familie anfangs nicht klarkommt. Der Künstler outet sich im Privaten schon sehr früh (1990), sein öffentliches Coming-out hat er 1992, als er sich in einem Theaterprogramm bei einem ehemaligen Lebenspartner bedankt. Seitdem ist er ein bekannter Gay-, Lesbian-, Bisexual- und Transgender-Aktivist, er selbst bezeichnet sich als »queer«.
Das Musical »Rent« nimmt in Anthony Rapps Autobiografie einen wichtigen, jedoch nicht dominanten Stellenwert ein. Für Rentheads sind aber jede Menge interessante Passagen und Stories enthalten: beispielsweise Details des ersten Meetings von Jonathan Larson mit Rapp und der Workshop-Cast, der Arbeit an der Workshop-Produktion, der Off-Broadway-Version und schließlich der finalen Broadway-Inszenierung. Für Fans sicher interessant ist das erste Treffen Rapps mit Adam Pascal, das sich wie folgt liest:
«I said my hellos, giving Daphne a huge hug, and then Jonathan pulled me aside.
»I want you to meet the guy playing Roger. His name’s Adam Pascal. We’re really excited about him. He’s never done anything on stage before, but he’s got an amazing voice. He can really sing.â€
«Great, « I said, and Jonathan took me to him. Never done anything? Not anything? This should be interesting, I thought.
«Adam,†Jonathan said, «this is Anthony. Anthony, Adam.â€
«Hey, nice to meet you,†Adam said, and grabbed and shook my hand vigorously.
«You, too,†I said. If Jonathan hadn’t told me that this guy was playing Roger, I never would have predicted it. His disposition was too outgoing and friendly, and the combination of his dyed blonde hair, in a caesar cut; his close-cropped, dirty-blond beard; and his outfit – a forest green sweatshirt with a medieval-style lace-up collar, underneath denim overalls – made him seem to me more like one of Robin Hood’s Merrie Men than an ex-junkie wannabe rock star. But I trusted Jonathan; I knew how long they’d sought a good Roger. I looked forward to hearing him sing.â€
Dieser kleine Ausschnitt aus «Without you†ist repräsentativ für den Stil Rapps. Er rekreiert Szenen aus seinem Leben in einer sehr lebendigen Form, wenn möglich, versucht er Dialoge aus der Erinnerung wiederzugeben. Der Leser kann natürlich nicht prüfen, ob diese Szenen tatsächlich so stattgefunden haben, aber man kann sich nur schwer der Sogwirkung entziehen, die diese emotionalisierende Schreibweise ausübt. Packend auch die Schilderung, wie das »Rent«-Ensemble vom Tod Larsons erfährt, wie diese menschliche Tragödie aufgenommen, verarbeitet und in einen kreativen Prozess umgewandelt wird.
Ein Fleckerlteppich der Erinnerungen an vier wichtige Jahre ist Anthony Rapps Biografie geworden. Nicht mit Tinte oder Schlepptop, sondern mit Herzblut und purer Energie scheint sie geschrieben. Es ist faszinierend, beim Lesen mitzuerleben, welche Energien bei den Proben und Aufführungen von »Rent« entstehen, wie sich etwa die Clintons beim Besuch einer Vorstellung verhalten, oder aber auch, wie sehr sich Rapp bemüht, von seiner Mutter akzeptiert zu werden.
In einem Epilog schildert Rapp auf vier Seiten einige Eindrücke der Dreharbeiten zur Verflmung von «Rentâ€. Da hätte man sich doch ein paar Informationen mehr gewünscht, aber andererseits – der Künstler Anthony Rapp mag zwar 2005 die Rolle des Mark Cohen für die große Leinwand noch einmal verkörpern, in seinem Lebensweg jedoch liegen die »Rent«-Jahre schon wieder weit hinter ihm. Im Jahr 2000 veröffentlicht er mit »Look around« seine erste Solo-CD, wird Leadsänger der Band »Albinokid«. 2001 wirkt er im vielfach ausgezeichneten Blockbuster »A Beautiful Mind« mit. Neben seiner Filmkarriere kann er sich im Fernsehen mit Gastrollen in Serien wie »X-Files«, »Law & Order« oder »The Beach Boys: An American Family« ein Standbein schaffen; musicalmäßig erweitert er sein Repertoire um Paraderollen in »Hedwig And The Angry Inch« (2003) und »Little Shop of Horrors« (2004). Privat scheint er nach Jahren des Suchens eine stabile Beziehung aufbauen zu können, oder wie heißt es so schön: »He lives in New York City with his partner, Rodney To, and their three cats, Emma, Sebastian, and Spike.«
Fazit: »Without you« ist eine faszinierende Autobiografie geworden. Sie beschränkt sich auf vier prägende Jahre, erwähnt die Karrierestationen vor und nach diesen vier Jahren kaum, ist dermaßen brutal offen und ehrlich, dass man immer wieder ins Staunen kommt. Auf jeden Fall hält das Buch, was es im Titel verspricht: Exakt in der Reihenfolge »love, loss and the musical Rent« ist Rapps Buch eine Geschichte voller Liebe, Verlust, und auch mit vielen interessanten Schilderungen rund um das Musical »Rent«. Anthony Rapp ist mit diesem Werk nicht einer jener vielen Künstler, die halt auch mal ihre Memoiren zu Papier bringen wollen, er ist angetreten als Schriftsteller, und hat mit diesem Erstling auf jeden Fall Lust auf mehr gemacht.
Anthony Rapp: Without you: a memoir of love, loss, and the musical Rent. SIMON & SCHUSTER, New York 2006, 320 S.; ISBN: 0-7432-6976-4. 25 $ (Hardcover). www.simonsays.com




