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Beryl Bainbridge: Front Row – Evenings at the Theatre: Pieces from «The Oldie”

Kritiken mal nicht von einem Journalisten verfasst, sondern von einer Schriftstellerin, das hat was – es ist ein anderer Blick, eine gewisse andere Art zu schreiben, man erfreut sich an ungewohnten Einstiegen, am oft gänzlich anderen Blick auf die Leistung der Darsteller und auf die Stücke, kurz: Manchmal würde man sich wünschen, dass auch hierzulande Schriftsteller mit Ernst die Profession des Theaterkritikers ausüben würden. In der Tat sind dann so verfasste Kritiken auch Kunst, und zwar unbestreitbar.
Dame Beryl Bainbridge wurde 1934 in Liverpool geboren und lebt heute im Norden von London. Sie begann ihre literarische Karriere in den 1950er-Jahren mit dem Roman »Harriet Said«. Bekannt wurde die Autorin mit ihren schwarzen Komödien, historischen Novellen und Dramen, die sie für Theater und Fernsehen schrieb. 1996 wurde Bainbridge mit dem Whitbread-Preis für ihren Roman “Nachtlicht” (»Every Man for Himself«) ausgezeichnet, mit »The Bottle Factory Outing« gewann sie 1974 den »Guardian Fiction Prize«. Sie gilt als eine der bedeutendsten britischen Schriftstellerinnen der Gegenwart und war mit ihren Romanen fünfmal in der Endauswahl für den begehrten Booker-Preis. Ihr Roman “An Awfully Big Adventure” (»Eine sachliche Romanze«) wurde mit Hugh Grant und Alan Rickman verfilmt, «The Dressmaker« 1988 mit Jane Horrocks und Tim Ransom.
85 Kritiken, geschrieben von 1992 bis 2002, sind in Bainbridges Buch »Front Row – Evenings at the Theatre« enthalten, davon etliche über Musicals, beispielsweise über “Notre-Dame de Paris”, “Sunset Boulevard”, “Les Misà©rables”, “Passion”, “Blood Brothers” oder “Bombay Dreams”. Es handelt sich um eine Sammlung von Besprechungen, die Bainbridge für das monatlich erscheinende englische Print-Magazin »The Oldie« verfasst hat. Nach wie vor publiziert sie in »The Oldie« Monat für Monat eine Kritik, und es ist jedes Mal eine Freude, ihre so eigene Sicht auf Theaterproduktionen zu lesen.
Über »Notre-Dame des Paris« schreibt die Autorin im Dezember 2000: »It’s interesting the way songs are now constructed: first there are four lines spoken more or less on one note, followed by another sliding upwards and ending in a prolonged and deafening shout. Example: «You are lying there / I see you lying there! You do not look at me / I who love you …/ YOUR LOVE WILL KILL ME”. I kept thinking of a description I’d read of how the theatrical gestures and articulation used by actors of a bygone generation, Kean and Irving and Garrick, if used today would cause modern audience to fall about laughing. I suppose every age has its own style, and no one doubt a pre-20th-century audience would find today’s performers equally comical. (…) If you do go and see it, there is no need to take hearing aids, as the sound is amplified fit to burst eardrums.”
Beryl Bainbridge, die nicht nur als Schriftstellerin eine Größe ist, sondern auch als Schauspielerin und Tänzerin auf der Bühne zuhause war, bevor sie 1960 dieses Kapitel beendete, legt großen Wert aus Artikulation, Mimik und Gestik. Ihre sehr genauen Beobachtungen verpackt sie in kleine Geschichten und unterfüttert sie mit Erlebnissen aus ihrer eigenen Zeit als Kinderstar – sie stand schon mit fünf Jahren auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Fazit: Wunderbare Lektüre über das Londoner Theater und Einblicke in das Leben einer großen Schriftstellerin, äußerst empfehlenswert.

Beryl Bainbridge: Front Row – Evenings at the Theatre. Continuum, London 2006, 214 S.; ISBN 978-0-826-482785. £ 9,99. www.continuumbooks.com

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