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Wenn der Kritiker den Schauspieler zwei Mal ignoriert

Folgendes Szenario. Ein Schauspieler tritt in einer Sommertheaterproduktion auf, er hat nicht einmal eine so kleine Rolle und wird vom Sommertheaterpublikum frenetisch gefeiert. Euphorisch gestimmt, liest er sich die Kritiken durch. All die süßen Regionalblättchen bilden seinen Triumpf in blumigen Phrasen ab. Er ist zufrieden.

Szenenwechsel. Wann immer ich mit Schauspielern ins Gespräch komme, lenke ich das Gespräch irgendwann auch auf das Thema Kritiken. Wie sie mit Kritiken umgehen, wann und ob sie sie lesen. Immer wieder erfahre ich von neuen Umgangsweisen mit Kritiken und auch Kritikern. Es sind immer durchaus interessante Gespräche. Von einem jüngst verstorbenen Publikumsliebling habe ich den Spruch: »Positive Kritiken lese ich immer gern zwei Mal, negative vier Mal, und Kritiken von Produktionen, in denen ich mitgespielt habe, in denen ich aber nicht namentlich erwähnt werde, sechs Mal.«

Führen wir beides zusammen. Unlängst gab es den Versuch eines Schauspielers – ich habe leider den Namen der Produktion und auch jenen des Darstellers bereits wieder vergessen –, in den sozialen Medien eine Art Shitstorm zu provozieren, weil er in einer Kritik doch tatsächlich nicht erwähnt wurde. Ich interpretiere seine Meinungsäußerung dahingehend, dass er dem Rezensenten (den ich nicht kenne), böse Absicht unterstellen wollte. In Wirklichkeit lässt der Darsteller erkennen, dass er eine ganz bestimmte Vorstellung davon hat, wie Kritiken auszusehen haben. Ganz bestimmt, unterstelle ich ihm, fordert er, dass alle wichtigen Darsteller (aus wessen Sicht?) erwähnt werden. Das muss eine Kritik aber nicht. Es kann Gründe geben, die zu der Entscheidung führen, bestimmte Rollen oder Darsteller im Kontext einer Produktion nicht zu erwähnen. Welche das sind, ist irrelevant. Wichtig ist, dass es solche geben kann. Vielleicht ist ein Rezensent zu der Auffassung gelangt, dass eine Interpretation dermaßen schlecht war, dass sie eine Erwähnung schlicht nicht verdient. Die Reaktion des Publikums vor Ort ist kein Gradmesser für einen Kritiker. Wie oft musste ich selbst schon Darbietungen etwa von Musicalsängern hören, die jenseits von Gut und Böse waren – aber den Fans war das egal. Jeden falschen Ton haben sie einzeln bejubelt. Nein, der Maßstab eines Kritikers ist sein Erfahrungshorizont. Und eine Kritik ist kein allumfassender »Bericht« einer Vorstellung, sondern eine Beurteilung. »Kritik« stammt aus dem Griechischen und bedeutet: »Kunst der Beurteilung«. Berichte kann man in Klatschmedien verfolgen, in den »Seitenblicken«, das ist ein gänzlich anderes Genre.

Szenenwechsel. Soziale Medien. Eine Kritikerplattform postet in einer »Gruppe« eine Kritik über eine Vorstellung an einer angesehenen deutschsprachigen Sprechtheaterbühne. Eine positive Kritik. Ein Schauspieler dieser Bühne, der aber in der besprochenen Produktion nicht mitgewirkt hat, postet daraufhin: »Jetzt mal ganz ehrlich: Wen interessiert deine ›Meinung‹. Warum schreibst du das? Würde mich interessieren.« Auch ein spannender Zugang. Warum schreibt man über das Theater. Nächstens fragt noch wer, warum man eigentlich Theater spielt.

Fußnoten zur Spielplankonferenz des Burgtheaters 2016/17

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Fußnote 1

Uns allen geht es so, manchmal begegnen wir Menschen, bei denen wir uns denken: Na, die sind auch nicht allein zu Haus. So ähnlich startete Karin Bergmann bei der heutigen Pressekonferenz des Burgtheaters für die Spielzeit 2016/2017 ihre Begründung, warum sie in der kommenden Saison unter anderem wieder auf Boulevard im großen Haus setzt.
Boulevard ist ein Reizthema für Kritiker der Burg. Hat nichts da verloren, hieß es über Hermann Bahrs »Das Konzert«, als es am Akademietheater am 7. Februar 2015 Premiere feierte. Dann wurde es zum Kassenmagneten, man übersiedelte an das große Haus, die Produktion wurde aufgezeichnet und im TV ausgestrahlt. Dass eine Produktion im TV ausgestrahlt wird, ist kein Qualitätsmerkmal. Sie wird dadurch nicht besser, aber solche Produktionen senken vielleicht für einige die Hemmschwelle, mal, wenigstens ein Mal, ins Theater zu gehen. Okay, solche Stücke könnte man eher der Komödie am Kai überlassen, und für manche ist es ja wirklich wurscht, in welches Theater sie gehen, es ist immer alles prinzipiell fulminant, weil sie gar keinen Vergleichshorizont haben, vor dem sich ihre jeweiligen Theaterbesuche abspielen, oder weil sie sich weigern, Inszenierungen zu vergleichen, ein ehrliches Urteil abzugeben. Das sind dann oft jene Leute, die Kritiken als »Berichte« bezeichnen. Das Phänomen des fehlenden Vergleichshorizonts kennt man auch bei Darstellern, die mitunter ganz schockiert sind, wenn man, manchmal durch einen blöden Zufall, zu erkennen gibt, dass man eine ihrer Rollengestaltungen im Gesamtkosmos all der Interpretationen, die man kennt, nicht top-notch fand. Da kommen dann ganz merkwürdige Repliken wie, es »stecke viel Herzblut in dieser Show«, man habe manchmal nur zwei Shows im Monat, und so seien die Möglichkeiten der Entwicklung »sehr gering«, andererseits sei das doch eine Rolle, die »mit der Zeit wächst«. Ja. Eh. Sorry auch, wird nicht wieder vorkommen.
Zurück zu Frau Bergmann. Sie begründete ihre Absicht, weiterhin auch sagen wir ein Boulevardstück in der Saison zu spielen, so: Die Schauspieler wünschen es sich, das Publikum liebt es, und sie wolle »Publikum nicht belehren, aber anregen, mit allem, was uns unser Metier zu Verfügung stellt«. Und ja, natürlich wolle sie auch Publikum ködern. Also wird es ab 22. Oktober 2016 am Burgtheater »Pension Schöller« (Regie: Andreas Kriegenburg) geben. Ein Werk, das »zu dieser Zeit zu Recht seinen Platz findet. Wir alle erleben ständig, wenn wir auf der Straße unterwegs sind, im Geschäft oder in öffentlichen Verkehrsmitteln, dass man sich bei der Begegnung mit dem Gegenüber fragt: Der ist aber nicht allein zu Haus? Es geht darum, wer ist verrückt? Sind wir verrückt? Ist der andere verrückt? Was ist normal? Und was ist angeblich nicht normal? Das wird in ›Pension Schöller‹ verhandelt. Das wird Andreas Kriegenburg intelligent und mit dem, was er besonders gut kann, mit Slapstick und mit Körpertheater mit ner tollen Truppe hier auf die Bühne bringen.«
Eine fantasievolle Begründung. Es geht natürlich auch darum, eine Cashcow zu installieren, und das ist durchaus okay. Das Burgtheater bietet auch in der kommenden Saison eine Vielzahl an ambitionierten Projekten. Mit ungefähr demselben Argument, nämlich »Publikum ins Theater zu holen«, begründete auch mal eine Dramaturgin der Vereinigten Bühnen Wien die Entscheidung des Unternehmens, »Mamma Mia!« zu spielen. Wäre das eine von vielen Produktionen gewesen, kein Mensch hätte sich darüber aufgeregt, aber es sollte der programmierte Hit des Unternehmens sein und wurde, aus meiner Sicht, eine qualitativ besonders minderwertige Produktion, was die musikalische Umsetzung und den Sound betraf, was bei einem Musical ein eher gröberes Problem ist. Keine Rede auch davon, dass damit kleine ambitionierte Produktionen querfinanziert werden sollten. Na, kein Wunder, wenn man dann ein paar Saisonen später ein Musical wie »Schikaneder« einplant und dafür beim Kreativteam international shoppen geht. Regie, Orchestrierung, Choreographie, Lichtdesign, Sounddesign … kein Österreicher dabei. Alle zu schlecht? Glaubt man bei den VBW wirklich, dass man mit solchen teuer erkauften Namen mehr Publikum anlockt?

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Fußnote 2

Was ging für ein Raunen durch die Medien, als Martin Wuttke bei einer Preisverleihung im TV live wissen ließ, er sei mit der Burg fertig, er würde nicht mehr hier spielen.
Bergmann heute: »Martin Wuttke war nie weg. Martin Wuttke ist hier fest im Ensemble. Martin Wuttke wird in neuen Produktionen spielen. Und so wie ich immer Peter Zadek zitiere, obwohl es viele für sich beanspruchen: ›Was interessiert mich mein dummes Geschwätz von gestern.‹ Das ist bei Künstlern so. Ich zoff mich mit vielen von denen. Das bleibt auch nicht aus in meiner Position. Und vor allem, weil ich jemand bin, die den Leuten ins Gesicht ganz klare Dinge sagt, die ich eigentlich erwarte in einer Partnerschaft. Das hat aber meist auch etwas Bereinigendes,«

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Fußnote 3

In der Saisonübersicht findet man die Ankündigung: »Geächtet. Ayad Akhtar. Österreichische Erstaufführung.« Dabei handelt es sich um das Stück »Disgraced«, das seine Österreichische Erstaufführung (in englischer Sprache) allerdings schon 2015 hatte, am 9. Februar im Theater Drachengasse in einer Produktion des Vienna Theatre Project.

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Fußnote 4

Eine Übersicht über alle kommenden Premieren gibt es –> hier

Oedo Kuipers: Cover Art (2016)

oedo_kuipers_cover_art-1.jpgAm 20. Mai 2016 veröffentlicht HitSquad Records die erste Solo-CD des Musicalsängers Oedo Kuipers. Er spielte in der großartigen aktualisierten Version des VBW-Musicals »Mozart!« 2015/2016 die Titelrolle, und nach wie vor bin ich der Meinung, dass seine Leistung einerseits nicht verstanden und andererseits unterschätzt wurde. Die Hardcore-Fans wollten ihren Original-Mozart wiederauferstanden wissen auf der Bühne. Jede Abweichung interpretierten sie nicht als anderen Zugang, sondern als Fehler. Die Art und Weise, wie Kuipers Mozart spielte, wurde als »er ist halt noch nicht in der Rolle« bezeichnet, ohne zu bemerken, dass er die ganze Zeit in der Rolle war, auf seine Art. Es ist auch die Kunst eines Darstellers, in einem Stück, dessen Dialoge sagen wir mal nicht gerade auf hohem Level sind, wenigstens eine gewisse Atmosphäre zu vermitteln, durch sein Schauspiel in Schwingung mit der Musik zu gelangen. Man mag zur Musik von Levay stehen, wie man will, man mag sie als rhythmusbasiert, nicht gerade kompliziert gebaut bezeichnen, aber sie spricht durch ihre einfachen Melodien und im besten Fall durch ein bisschen raffinierter gebaute Arrangements Gefühle sehr effizient an. Und das konnte auch Kuipers durch sein Schauspiel.
Wie auch immer. Längst ist Mozart! wieder Geschichte. Da müsste man eigentlich schon wieder viel über die Umstände erzählen, die dazu führten, aber ersparen wird uns diese VBW-Interna.
Erfreulich ist, dass es wieder mal eine Solo-CD eines Musicalsängers gibt, den man ernstnehmen kann. Produzent Martin Böhm über das CD-Projekt: »Ziel war, für die heutige Zeit etwas Ungewöhnliches zu produzieren und zwar: Songs aus vollkommen unterschiedlichen Epochen und Stilen zu einem! konsistenten Hörerlebnis zu vereinen. Von ›Unchained Melody‹ aus den 60ern bis ›Chandelier‹ aus der Jetztzeit wird alles zu einer homogenen Klangwelt vereint.« Begleitet wird Kuipers von einem Sinfonieorchester der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien

Tracklist:
1 Wonderful
2 Broken Wings
3 Unchained Melody
4 Lady In Red
5 How Am I Supposed
6 Now And Forever
7 You Raise Me Up
8 Don‘t Dream It‘s Over
9 Say Something
10 1000 Years
11 Wind Beneath My Wings
12 Chandelier
13 Send In The Clowns

Titel: Cover art
Interpret: Oedo Kuipers
EAN: 9120006683708
Katalog: 668370
Packaging: CD Jewel Case
Label: HitSquad Records
VÖ: 20.05.2016
CREDITS (Foto): Hilde van Mas

Das kann Musical. »Next to Normal« in Wien

Wer die Kunstform Musical mag und sich für eine zeitgemäße Variante dieses Genres interessiert, wird noch bis 1. Mai im Wiener MuseumsQuartier mit einem Hit bedient. Auf dem Programm steht die mit einem Pulitzerpreis und drei Tony Awards ausgezeichnete Show »Next to Normal«.
Erstmals in Österreich war eine Inszenierung dieses Musicals vor ein paar Jahren in Linz zu sehen. Und es war eine gute Show in Linz. Allerdings nicht mit dem zu vergleichen, was derzeit im MuseumsQuartier geboten wird. Einer der Gründe, warum die in Wien zu sehende Version so gut ist, ist die Besetzung. Linz hat ein Musicalensemble, aus dem heraus Darsteller bisweilen in Rollen gezwängt werden, die sie nicht packen. Ein Musicalensemble hat eben Vor- und Nachteile. Geschenkt. (Regie, Textbearbeitung waren im Vergleich zur in Wien zu sehenden … auch geschenkt.)
Felix Martin, in der Regie von Titus Hoffmann nun in Wien als Dan zu sehen, bietet dagegen in dieser Rolle so viele packend gespielte Momente, wie ich sie ihm nie zugetraut hätte. Er legt so viel Gefühl in seine Songs, dass es einen körperlich geradezu mitnimmt. Wie er mit Dirk Johnston (als Gabe) die Szene »I am the One (Reprise)« spielt, ist allein den Besuch dieser Show wert. Das kann Theater, das kann auch Musical. Wenn Musicaldarsteller spielen und nicht nur von einer Lichtstimmung in die nächste trampeln. Wenn sie von einem fähigen Regisseur geleitet werden. Pia Douwes gestaltet die bipolare Diana Goodman und ihre Wandlung mit einer Intensität und schauspielerischen Momenten, die man etwa in ihrer letzten Rolle in einer VBW-Produktion, »Der Besuch der alten Dame«, nicht feststellen konnte. Man darf nicht sagen, dass Douwes schlecht war als »alte Dame« (aber sie war schlecht). Die Show war grottenschlecht. Was da den Darstellern und Tänzern für Blödsinn abverlangt wurde, wird noch einmal in einer Musicalgeschichte ausführlich zu behandeln sein. Wenn ein Intendant (gleich welcher) die Musicals, die am Haus aufgeführt werden, auch selbst schreibt, frage ich mich: Wer ist die kritische Instanz, die die Qualität prüft. Und jetzt soll mir bitte niemand kommen und antworten: der Geschäftsführer. Wie Douwes in »Next to Normal« etwa die Abschiedsszene von ihrem Mann gestaltet, glaubhaft, der Tonfall, ganz stark.
Der Zuschauer wird übrigens auch nicht mit Choreografien bis aufs Blut gequält wie etwa beim »Besuch der alten Dame«. – Ich komm nicht los von der »Dame« … diese Show bereitet mir nach wie vor manch schlaflose Nacht, wenn ich mir überlege, wie ein Intendant es zulassen konnte, derartigen Nonsens Theaterwirklichkeit werden zu lassen. Eine derartige Regie. Darsteller mit eigenartigen Vorstellungen vom Beruf des Schauspielers. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ein Ensemblemitglied von »Der Besuch der alten Dame« bei einem Auftritt bei einer Gala auf seine Art geradezu vorexerziert hat, welche Vorstellungen von Schauspiel er hat. Gerade eben sitzt er mit seinen Kollegen noch gemütlich tratschend auf einer Couch. Nun ist er an der Reihe, ein Lied zu performen. Er stellt sein Sektglas aufs Tischchen, geht nach vor an den Bühnenrand, hockerlt sich auf den Boden – und flennt los. Vom Aperol Sprizz zum Abheulen in zwei Sekunden. Eher Pawlow denn Stanislawski.
Die Choreografien in »Next to Normal« passen. Sie sind enorm wirkungsvoll, elegant, etwa wenn Dirk Johnston sich in einer der letzten Szenen das Bühnenkonstrukt hinunter wieder in die Wirklichkeit seiner Eltern schwingt und zwingt. Gänsehautmomente.
Der Sound könnte knackiger sein. Lauter. Rockshow und so, aber die Band gibt Stoff, und gegen die Gegebenheiten einer Halle kann man nicht immer an. Immer noch besser als der Sound im Ronacher, wo man oft in einem muffigen Soundgatsch frustriert nur mehr an eines denkt: Nie mehr geb ich so viel Geld für so was aus.
»Next to Normal« ist das beste Musical, das derzeit in Wien läuft. Wer das verpasst, ist selbst schuld.

Infos gibt es –> hier.

»Next to Normal« – ein Musicaluniversum jenseits des Disneyquaks

Ende April (Premiere: 27. April) läuft das Musical »Next to Normal« im Wiener MuseumsQuartier. Außerordentliches Musiktheater neben dem Normalzustand. Wie kann man den beschreiben, diesen Normalzustand? So vielleicht: Disneyquak in der Wiener Stadthalle, Disneyquak im Ronacher, Matrosenschwachsinn im Ronacher, Disneyquak mit dem Personal des Disneyquak-Universums im Theater Akzent. Normalzustand eben. Viel näher der Hochschaubahn und dem Autodrom als an dem, was es so gern vorgibt, zu sein: Broadway. Bezeichnend, dass Wiener Musicalproducer wie Otto Normalo, der es einfach nicht besser gelernt hat und nicht bereit ist, dazuzulernen, simple Begriffe wie »Broadway-Musical« nicht richtig schreiben können. Sie schreiben »Broadway Musical«. Und ich frage mich. Was soll das? Ist das die subtile Art der Anbiederung? Die am Broadway schreiben ja auch »Broadway Musical«. Bindestriche, Rechtschreibung, Zeichensetzung, nicht wichtig. Ignoranten.
Nun gut, aber jetzt kommt tatsächlich mal ein »Broadway-Musical« nach Wien. Übrigens meine ich gelesen zu haben, dass in der Presse stand, es handle sich um die Österreich-Premiere. Ist es nicht. Es ist die Wien-Premiere – und die Österreich-Premiere dieser Produktion in dieser Übersetzung. Die Österreich-Premiere des Musicals an sich (in einer davon abweichenden Übersetzung) fand vor ein paar Jahren in Linz statt.
»Next to Normal« ist, abgesehen davon, dass es eine fabelhafte Show ist, für die Presse hierzulande, vor allem in der Besetzung, leicht thematisch aufzugreifen. Pia Douwes spielt Diana. Was für eine starke Rolle für eine Frau in einem Musical. Sicher. Und wieso sollte Pia Douwes nicht ganz dieses Klischee bedienen, ganz nach dem Motto: Die aktuelle Rolle ist immer die superste. Aber.
»Next to Normal« ist nur scheinbar ein Musical, das geeignet ist, »für die Sache der Frauen« instrumentalisiert zu werden, auch wenn das gerne vor allem in deutschen Blogs von Emanzen-Musicalfans gemacht wird. Wie kommt’s? Zuerst einmal: Das Kreativteam, das hinter der Broadway-Produktion stand, bestand nur aus Männern. Und.
»Next to Normal« bietet eine ausschließlich männliche Sicht auf weibliche Depression. Mann, wie der Mann leidet. Dieser tolle Dan. Diana mag die starke Rolle der Show sein, aber erzählt wird aus der Perspektive des Mannes. Ganz richtig merkt Grace Barnes in ihrem Buch »Her turn on Stage. The Role of Women in Musical Theatre« (2015) an: »A female lyricist would perhaps have led us to a deeper understanding of the sufferings of the female patient rather than focusing our attention on how her husband copes. A female doctor onstage may have alleviated some of my misgivings about two men discussing electric shock treatment for a woman, requiring her husband’s permission, without including her in the discussion. A great role should empower both the actress playing it and the women in the audience experiencing it. I’m not sure what is empowering by her weaknesses instead of her strengths.«
Was macht denn Diana krank? Der langweilige Ehemann, die nicht gerade kommunikative Tochter, ein Leben ohne Karriere? Warum vermisst sie Berge? Die Höhen und Tiefen des Lebens? Vielleicht, weil sie die gehabt hätte, wenn sie ihr Kind, das sie bekommen hat, während sie im College war, abtreiben lassen hätte? Sie vermisst ihr Leben, sie sagt es, und niemanden juckt’s. Alle arbeiten am Comeback der »guten Mutter«. Als sie endlich den faden Tropf Dan verlässt, was singt er da?

I am the one who loved you
I am the one who stayed
I am the one and you walked away
I am the one who waited
And now you act like you just don’t give a damn
Like you never knew who I am

Oh Mann, was für ein Märtyrer!
Dennoch, was für eine Show! Was für eine Wohltat. Nicht versäumen!

Nähere Infos unter: lskonzerte.at

Maike Katrin Merkel: »Rapunzels Lied«

RAPUNZELS LIED aus dem Liederzyklus ALLES MÄRCHEN
Musik: Michael Bellmann Text: Ralf Rühmeier

Gesang: Maike Katrin Merkel
Klavier: Michael Bellmann

aufgezeichnet am 11.1.2016 in THE BALLERY in Berlin bei dem Konzert

ALLES MÄRCHEN - in concert

Kamera: Silvie Firat, Marcus Müller-Witte, Ron Schneider

Noten verfügbar über Message an facebook.com/bellmannundruehmeier

Mehr Infos gibt es unter
alles-märchen.de

Nein, es ist keine Wiederaufnahme, Herr Struppeck

Dieser Tage war Christian Struppeck, zurzeit noch Intendant der Vereinigten Bühnen Wien, zu Gast in der TV-Sendung »Café Puls«. Es ging eigentlich um »Evita«, doch am Ende kündigte er die »Wiederaufnahme« von »Ich war noch niemals in New York« an. Und genau das ist die Produktion, die demnächst im Raimund Theater zu sehen sein wird, eben nicht. Um Markus Spiegel zu zitieren: Diese Produktion wird »nichts anderes als ein Tournee-Import des deutschen Veranstalters Stage Entertainment – mit Musik vom Band« (Zitat: Markus Spiegel). Eine Wiederaufnahme würde bedeuten, dass exakt die gleiche Produktion wie vor vier Jahren eben wieder aufgenommen wird. Das scheint nicht der Fall zu sein.
Zum Puls 4-Video geht’s –> hier.

Slamming the critics

Dieser Tage hatte Jacqueline Braun, eine Musicaldarstellerin, die ich persönlich sehr schätze, in Bristol Premiere mit einer Tourproduktion des Musicals »Mamma Mia!« (die Show gastiert auch in Manchester und Edinburgh). Auf Facebook postete sie eine Kritik, die der Produktion die allerbesten Noten ausstellt (–> hier nachzulesen).
Als Reaktion auf dieses Posting kam von einem Facebook-User eine Meldung ungefähr folgenden Inhalts: »Musicalkritiken können also auch nett und gut sein und am Punkt. Etwas, was Wiener Kritiker auch mal überlegen könnten.«
Okay. Nehmen wir mal an, jemand wollte diese Tourproduktion mit einer Produktion der VBW vergleichen … Stopp. Und da endet auch schon jeder sinnvolle Versuch, das zu tun. Denn an Produktionen der VBW muss man andere Maßstäbe anlegen als an eine englische Tourproduktion.
Eines der wertvollsten Assets der VBW ist das Orchester. Gut, schauen wir uns mal an, was die »Bristol Post« zum Orchester … Nein, gibt es nicht. In Ordnung, also zur Band schreibt: nada. Nichts. Da steht: »The music is simply fabulous.« Und das hat nichts mit der Qualität der Band zu tun, zumindest meiner Interpretation nach, sondern einzig und allein mit ABBA.
Das ist also eine gute, ausgewogene Kritik? Wissen Sie, könnte man da antworten. So schreibt man natürlich gerne über Stadttheater-Produktionen, die handwerklich prima gemacht sind, mit Darstellern, die überzeugen. Da spricht dann auch nichts dagegen, dass eben eine Band, von mir aus auch in kleiner Bandversion, die Musik liefert und jede Menge Musik vom Band kommt. Aber wenn die VBW mit ihren Millionensubventionen »Mamma Mia!« machen, dann erwarte ich mir einen Flash. Und nicht Erklärungen, dass man eine bestimmte Version spielen musste, mit der kleinsten oder zweitkleinsten Besetzung. Dann erwarte ich mir nicht einen dermaßen hohen Playbackanteil. Ich erwarte mir vor allem nicht ausgerechnet von den VBW Produktionen, die längst zum Stadttheater-Repertoire gehören.
In einem der vielen Musicalforen habe ich unlängst gelesen: »Ja, wie haben sie denn begonnen, die VBW, gab’s denn da Eigenproduktionen?« Nein, am Anfang lag die Leistung der Intendanz Peter Weck auf anderen Gebieten, aber er hat eine Entwicklung in Richtung Eigenproduktionen eingeleitet. Da war das Ziel klar, in der Umsetzung gab es Erfolge und Misserfolge, aber immer Mut. Und Mut vermisse ich derzeit. Mit Ausnahmen.

Die Musicalhasser mal wieder …

Nichts ist schrecklicher in der superbunten Musicalwelt, als wenn jemand mal Wahres sagt. Mit der Wahrheit ist es in diesem Genre nicht so gut bestellt. Zu viel Politik und Business geigen da hinter den Kulissen, als dass man als Konsument auch nur annähernd die Wahrheit erfährt. Beispiele? Nicht nur blöd herumreden? Okay.

Also. Beispiel Ronacher. Und formulieren wir es als Fragen, auf die ich gerne Antworten hätte. Gut. Ist es richtig, dass sich im Zuschauerraum des Ronacher mehrere Überwachungskameras befinden? Wie viele sind es? Wo genau stehen sie? Wird mit diesen Kameras aufgezeichnet? Werden die Streams gespeichert? Wer sieht diese? Wer hat entschieden, Überwachungssysteme im Ronacher zu installieren? Was haben sie gekostet? Laufen die Kameras auch bei Mitarbeiterversammlungen mit?

Beispiel Ronacher. Ist es richtig, dass Billeteure vor ein paar Wochen auf ein billigeres Gehaltsschema umgestellt wurden? Wie viel bekommen Billeteure nun pro Stunde, wie viel davor? Ist es richtig, dass die Volksoper nun viel mehr bezahlt? Wer hat das entschieden?

Beispiel Raimund Theater. Wer hat entschieden, dass »Ich war noch niemals in New York« wieder auf den Spielplan kommt? Was waren die Gründe? War die Entscheidung umstritten? Wer war dagegen, und warum? Wer war dafür, und warum?

Beispiel Raimund Theater, Silvester. Wie viele Streicher waren im Orchester?

Ein heikles Thema hat dieser Tage auch Sänger und Moderator Gunther Emmerich auf welt.de thematisiert. Er meinte, an Musicalschulen werde nach einem bestimmten Schema ausgebildet, und es kämen verwechselbare Künstler heraus, nichts Außergewöhnliches. Natürlich mag das etwas übertrieben sein. Und doch ist es völlig richtig. Wie viel Prozent der Absolventen von Musicalschulen sind denn nach fünf Jahren noch regelmäßig im Business beschäftigt? Wie viele sind fünf Minuten nach dem Abschluss wieder hauptberuflich als Finanzberater, Fitnesscoachs, Fashionisters oder in anderen Jobs tätig? Wie viele bieten sich, noch bevor sie auch nur eine relevante Rolle bekommen haben, als Lehrer an? Spricht man mit Leitern von Musicalschulen, so wird nicht selten der Aspekt betont, dass eine Musicalausbildung als Teil der Persönlichkeitsentwicklung betrachtet werden muss. Völlig richtig. Erkennt jemand, dass sein Talent doch woanders liegt, dann ist das eben so. Freilich. Man könnte auch andere Auswahlkriterien anlegen. Man könnte mit Sicherheit einen Teil der angehenden Pizzaverkäufer mit Musicalausbildung minimieren. Sicher nicht alle. Doch hier kommt wieder der Aspekt der Wahrheit ins Spiel. Gehen wir lieber nicht drauf ein.

Noch interessanter wird es, wenn Musicalsänger eine Meldung wie jene Emmerichs als Basis für eine »We fight back«-Initiative hernehmen, weil sie angesichts des schlechten Rufs des Musicalbusiness im deutschsprachigen Raum, und nur hier, völlig frustriert sind. Niemand behauptet etwa, dass Musicalsänger generell schlechte Schauspieler sind. Aber sehr viele von ihnen. Oft werden gerade die eher mäßig Talentierten von triebgesteuerten Minderjährigen in den Musicalhimmel gehpyt, weil sie im Theater ihres Vertrauens offensichtlich zum ersten Mal einen halbnackten Mann LIVE gesehen haben (der auch nach ganz passabel singt). Billiges Argument. Trotzdem. Kein guter Musicaldarsteller müsste Ablehnung im Business begegnen, wenn er sich nicht für Schrott hergeben würde. Und das ist der Punkt. Nicht »die anderen« sind schuld. Da ist das Musicalgenre im deutschsprachigen Raum schon selbst schuld. Wer so viel Schrott bietet, dem wird eben auch irgendwann imagemäßig die Rechnung präsentiert. Es gibt genug Theater, die tatsächlich Ansprüche an ihre Musicalproduktionen stellen. Suchen sie dann geeignete Musicaldarsteller aus dem Pool der Absolventen, spielt sich bei den Auditions Grausames ab, so hört man. Ist es da ein Wunder, wenn lieber auf Schauspieler, die auch singen können, zurückgegriffen wird. Das Reinhardt Seminar etwa bietet mitunter Musicalproduktionen, die um Welten interessanter sind als das mit Millionensubventionen hochgejazzte Musicalnichts, das die großen Theatertanker bisweilen in die Lust blasen.

PS: Man ist kein Musicalhasser, wenn man »Ich war noch niemals in New York« ablehnt. Im Gegenteil, man ist einer, wenn man diese Show mag.

Ein großer Tag für das Filmmusical-Genre

30 Millionen Dollar hat der FIFA-Film »United Passions« gekostet. Unter der Regie von Frederic Auburtin spielt Tim Roth unser alles Hero: Sepp Blatter. Letzte Woche ist der Streifen in den US-Kinos angelaufen. Und hat in seiner ersten Woche 918 Dollar eingespielt. In Worten: neunhundertundachtzehn. Prompt wurde das Kunstwerk aus den Kinos auch wieder abgezogen.

Gut für alle Filmmusical-Fans, denn damit ist »United Passions« in der Welt der Statistik ganz offiziell der Streifen mit dem niedrigsten Einspielergebnis aller Zeiten (in den USA). Und diesen Rekord hielt bisher das Vampir-Rockmusical »I Kissed a Vampire« (1380 Dollar).

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