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Dogfight: Youth Company / Vienna’s English Theatre, Wien (2018)

Als »Dogfight« im Juli 2012 seine Off-Broadway-Premiere feierte, waren die Songwriter Benj Pasek und Justin Paul 27 Jahre alt. 2006 hatten sie an der renommierten, 1880 gegründeten University of Michigan School of Music, Theatre and Dance ihren Abschluss gemacht, bereits 2005 ihren Songzyklus »Edges« zur Aufführung gebracht. 2009 fand die Premiere ihrer Show »A Christmas Story« statt, die es 2012 an den Broadway schaffte und 2017 als TV-Live-Spektakel von Fox produziert wurde.
»Dogfight« war ihr New-York-Debüt und in ihrem Schaffen, was die Qualität der Songs betrifft, ein Höhepunkt – stilistisch noch nicht dermaßen auf Rhythmus und Hookline fixiert wie spätere Arbeiten für Bühne, TV und Film, finessenreicher im Bau der Melodien. Nur wenige Pastiche-Stücke im Stil der 60er-Jahre definieren die Zeit, in der die Show spielt. Von Anklängen an Stephen Sondheim bis zu Jason Robert Brown schrieb die Presse. So gesehen war die Show eine Art Turning Point: Erfolg statt Raffinement war ab da (vorläufig) die Devise. »Dogfight« war in New York nach knapp einem Monat Geschichte.
Am 6. März 2018 feierte »Dogfight« Wien-Premiere. Aufgeführt von der Youth Company von Vienna’s English Theatre auf Englisch. Die Show setzt am 21. November 1963 ein, dem Tag vor dem Attentat auf John F. Kennedy, und handelt von einer Gruppe junger Marines am Abend vor ihrer Verlegung nach Vietnam. Der Höhepunkt dieser Nacht ist für sie der Dogfight, ein Wettstreit, wer von ihnen das hässlichste Mädchen zum Tanz anschleppt. Es ist eines jener Stücke, die durch die #MeToo-Debatte neue Brisanz erhalten. Birdlace, der Protagonist, reißt die junge Kellnerin Rose auf. Als die das brutale Spiel durchschaut, brüllt sie ihn an: »I hope there is a war, and you get killed. All of you, that’s what I hope.« Genau so kommt es. Wenige Szenen später sind alle Marines, bis auf Birdlace, tot, verblutet in Vietnam. Ein Rachedrama? Dazwischen liegt eine zarte Romanze zwischen Birdlace und der Kellnerin. Am Ende haben wir einen traumatisierten Mann, der sich nach wahrer Liebe sehnt.
»Dogfight« basiert auf dem gleichnamigen Film aus 1992, in dem der jung verstorbene Kultmime River Phoenix und die fabelhafte Lili Taylor spielten. Die Musicalversion bietet nicht die Möglichkeit, deren sublimes Spiel auf die Bühne zu transferieren. Der Buchautor der Show (Peter Duchan) setzt mehr auf Komik als auf Zärtlichkeit. Verdeutlicht anhand einer Szene: Als Rose und Birdlace sich für ihre gemeinsame Nacht bereitmachen, drapiert River Phoenix in der Filmversion vorsichtig, liebevoll ein Kondom unter die Kleidung eines Stoffteddys. In der Musicalversion wirft der Hauptdarsteller unbeholfen hastig das Kondom unter einen nackten Teddy. So kann man Lacher generieren, aber es verändert die Charakterzeichnung. Das Problem der Produktion der Youth Company ist, dass die ohnedies angelegte Komik noch verstärkt wird. Als die beiden im Bett liegen und das Licht abgeblendet wird, bumsen zwei Bühnenelemente, die zum Szenenwechsel eingesetzt werden, mit Absicht aufeinander. Sogar dieser intime Moment wird ins Lächerliche gezogen. Im Zentrum steht als Rose Helena Lenn, die stimmlich die Show trägt. Das Problem der Produktion ist die Regie (Adrienne Ferguson), die beim Finetuning versagt und den Moment verpasst, ab dem Rose auf der Bühne zur eindeutig dominanten Kraft wird. Da wäre mehr Fokus erforderlich gewesen. Die starken Solosongs von Rose kommen zu beiläufig, die Schlussszene ist erstaunlich wirkungsarm getimt. Daniele Spampinato ist bemüht, die Wandlung von Birdlace zu zeigen, stimmlich ist er an seinen Grenzen und bei seinem letzten Solo überfordert. Starke Momente und eine großartige Stimme hat Eduardo Medina Barcenas als Boland. Bei dieser Produktion leistet sich Vienna’s English Theatre eine Liveband. Großartig! Das Bühnenbild von Richard Panzenböck mit bewegbaren Trennelementen, die mit Stars & Stripes besprüht sind – ein Hingucker. Roberta Ajello gibt sehr bühnenwirksam die schrille Hure Marcy, die sich kaufen lässt, um mit falschen Zähnen als hässlichstes Mädchen den Dogfight zu gewinnen. Doch auch als sie Rose am Ende des ersten Akts die Regeln des Dogfight enthüllt, und in ihrem Solo »Dogfight«, ist sie durchgehend schrill. Es fehlen die Zwischentöne, andere würden sagen glaubhaftes Schauspiel – ein grundlegendes Problem dieser Produktion. Aber vergessen wir nicht, dass dies die Arbeit einer Youth Company ist, und dafür ist es erstaunlich, was dieses Theater da auf die Bühne gebracht hat.

Marika Lichter: Mut kann man nicht kaufen

Der Plan war, zuerst im Register des Buchs nachzusehen, wie oft der Name »Uwe Kröger« erwähnt wird. Marika Lichter und Uwe Kröger, das war in musicalaffinen Kreisen immerhin viele Jahre ein Faktor. Doch in der Autobiografie der Agenturchefin und Künstlerin gibt es kein Register. Der schnelle Zugriff auf die gewünschte Information war also nicht möglich. Zurück zum Anfang.
Lichters Werk, in Zusammenarbeit mit der Biografienspezialistin Silke Rabus entstanden, ist gut strukturiert. Die Themenblöcke reichen zurück bis in jene Zeit, als sich ihre Eltern kennengelernt haben, 1946, beim Fünf-Uhr-Tee im Café New York in Budapest (und im Epilog bis zurück in die 1930er-Jahre). Klar in der Sprache, dicht an Informationsgehalt, angenehm und auch spannend zu lesen ist Lichters Lebensgeschichte. Lakonisch und bisweilen knochentrocken kommt die Künstlerin heute, gefiltert durch die Presse, manchmal rüber. Beim Lesen des Buches erkennt man, dass sie das von ihrer Mutter »geerbt« haben könnte. Die soll bekannt gewesen sein für markige Sprüche wie »Wer nicht älter werden will, muss sich rechtzeitig aufhängen« oder »Es gibt immer einen Grund, sich von einem Mann scheiden zu lassen.« Skurrile Sprüche findet man in Lichters Buch jede Menge, so gesehen kann man es fast als Aphorismen-Sammlung betrachten: Alice Gross-Jiresch, eine ehemals bekannte Sängerin, gab Lichter vor ihrer ersten Unterrichtsstunde am Konservatorium Wien den Rat: »Wenn du singst, darfst du niemals die Stirn runzeln. Sonst wirst du furchtbare Falten bekommen und siehst ganz hässlich aus.«
Lichter nahm an Schlagerfestivals noch vor der Matura teil, gewann Preise wie einen Filmvertrag mit Franz Antel. Aus den Filmplänen wurde freilich nichts, denn auf Lichters Frage »Herr Antel, wie wird der Film heißen?« antwortete der Regisseur: »Zieh dich aus, Liebling.« Lichter darauf: »Den Vertrag können Sie sich behalten.« Vor ihrem 18. Geburtstag textete und komponierte Lichter Schlager, interpretierte Songs etwa von André Heller und entschied, dass man mit Schlager zwar viel Geld verdienen kann (»Für einen Auftritt als Schlagersängerin bekam ich 7000 Schilling, das war Ende der 60er-Jahre ein Vermögen! Nie wieder habe ich so viel verdient wie damals.«), sie aber einen anderen Weg gehen will. Mit 18 begann sie an Oscar Bronners Cabaret Fledermaus zu singen, machte fünf Jahre sechs Tage die Woche dort Programm. Nach vielen Engagements als Operettensängerin prophezeite Lichter eine Handleserin 1977: »Sie werden eine weite Reise übers Meer machen.« Was folgte, war ihr erstes Musical-Engagement: »Mayflower« (Premiere: 2.12.1977, Theater an der Wien). Christoph Waltz, ein »Mayflower«-Kollege, wurde ein guter Freund. »Zu Weihnachten schenkte er mir ein Holzspielzeug mit einer Schnur daran. Das war ein ›Erfolgskletterer‹, und wenn ich anzog, kletterte er ein Stück nach oben.« Auch Lichters Liebes- und Familienleben kommt nicht zu kurz in diesem Buch. Sie erzählt entspannt, ohne Peinlichkeiten. Ihre gescheiterte Ehe resümiert sie so: »Als mein Sohn acht oder neun Jahre alt war, fragte er mich: ›Mama, was war die schwerste Entscheidung in deinem Leben?‹ Ich antwortete, weil mir nichts Besseres einfiel: ›Ob ich dich zum Storch zurückschicke.‹ Und er: ›War es nicht die Entscheidung, ob du den Papi rausschmeißt oder nicht?‹ Da brach ich in Tränen aus. Warum muss ein kleines Kind so etwas wissen?« Ende der 1980er-Jahre macht Lichter Karriere als Musicalsängerin bei den VBW, gründet später ihre Agentur Glanzlichter und den Verein »Wider die Gewalt« Jurymitglied bei der Castingshow »Starmania« und nimmt an »Dancing Stars« teil. Sie erzählt eine Fülle an Backstage-Storys. Lesenswert, berührend, unterhaltsam. Ach ja, Uwe Kröger kommt auch kurz vor, an vier Stellen im Buch. Keine Schmutzwäsche. Gute Entscheidung.

Marika Lichter: Mut kann man nicht kaufen. Das war’s noch lange nicht. Ueberreuter, Wien 2017. 192 S.; (Hardcover) ISBN 978-3800076840. EUR 19,95 ueberreuter-sachbuch.at

Pasek & Paul, Jason Robert Brown, David Bowie … Top-Musicals & Musical Unplugged in und rund um Wien 2018

Sehr erfreulich ist das Angebot an sehenswerten Musicals 2018 in Wien und Umgebung. Ein kurzer Rundblick.

Noch bis 20. März ist in Vienna’s English Theatre das Musical »Dogfight« von Benj Pasek und Justin Paul (Buch Peter Duchan) zu sehen. Gespielt wird in englischer Sprache, man muss also keine tollpatschige Nachdichtung in Kauf nehmen, wie bei den meisten Musicals, die hierzulande am Spielplan stehen. Mehr über »Dogfight« gibt es ab Anfang April in der Zeitschrift »musicals«. Infos findet man –> hier.

Die Performing Academy bringt in Kooperation mit dem Theater der Jugend vom 4. bis 7. April Jason Robert Browns (Buch: Dan Elish und Robert Horn) Show »13« als Österreichische Erstaufführung in die Wiener Gasometer – Music Hall. Angesetzt sind sechs Vorstellungen in der rund 1500 Plätze fassenden Veranstaltungshalle. Fünf Vorstellungen sind für das Theater der Jugend reserviert und daher nicht im freien Verkauf. Für die Aufführung am 5. April gibt es Tickets –> hier.

Das Wiener Volkstheater zeigt ab 9. Mai »Lazarus«, das Musical von David Bowie (Buch: Enda Walsh). Infos und Tickets –> hier.

An der Wiener Volksoper, seit Jahren die wichtigste Musical-Bühne in Wien, gibt es im Frühjahr eine Reihe an sehenswerten Produktionen: So feiert dort kommenden Samstag Richard Rodgers’ Musical »Carousel« Premiere, im April und Mai sind Richard Rodgers’ »The Sound of Music« zu sehen sowie Harold Arlens »Der Zauberer von Oz«, und am 12. Juni gibt es eine Wiederaufnahme von Stephen Sondheims »Sweeney Todd«. Weitere Infos –> hier.

Die Bühne Baden bietet ab 28. Juli die Österreichische Erstaufführung von Frank Wildhorns Musical »Bonnie & Clyde« (Buch: Ivan Menchell, Liedtexte: Don Black). Die Show basiert auf dem gleichnamigen Film, dem wahre Begebenheiten zugrunde liegen. Erzählt wird die Geschichte des Gangsterpärchens Bonnie Elizabeth Parker und Clyde Champion Barrow, beginnend von deren 20. Lebensjahr bis zu ihrem Tod mit 24 Jahren. In der berühmten Verfilmung spielte der 27-jährige Warren Beatty die männliche Hauptrolle, in der Broadway-Produktion 2011 der 27-jährige Jeremy Jordan. Infos zur Produktion von Baden und deren Besetzung gibt es –> hier.

Keine Musicalproduktion, aber ein Hochamt der gepflegten Musicalparodie ist neben vielem anderen die Veranstaltungsreihe »Musical Unplugged« von Florian Schützenhofer mit wechselnder Besetzung und am 23. April auch mit einem neuen musikalischen Leiter. In dieser Reihe wird Musical genau so ernst genommen, wie es sich das verdient. Mit Walter Lochmann als musikalischem Leiter hat man diesmal einen Mastermind an Bord, der ganze Abende auch solo damit gestalten könnte, auf humorvolle und gescheite Art zu erklären, worin sich etwa ein Levay von einem Sondheim unterscheidet. Fixpunkt von »Musical Unplugged« sind die bereits angesprochenen Musicalparodien, und auf dem Gebiet macht es einem das Jagdrevier Numero uno, die VBW, schon länger nicht einfach. Sämtliche Produktionen der letzten Jahre sind nur ernst zu nehmen, wenn man sie als Parodie rezipiert, sozusagen als Musical-Version der Löwinger Bühne oder einfach für alle jene, denen die theatralischen Experimente eines Gerald Pichowetz zu komplex sind. Man darf also gespannt sein, was dem Team um Lochmann zu diesem Thema einfällt. Infos –> hier.

Forever Young: Landestheater Linz (2017)

Die bunte Pop-/Musical-Revue des Linzer Landestheaters, „Forever Young“, benannt nach dem Motto der Spielsaison 2017/18, ist der erwartete Crowd-Pleaser. Schon vor der Premiere: alle Vorstellungen ausverkauft. Freilich gönnt man sich eine groß konzipierte Bühne (Charles Quiggin), nur knapp 200 Zuschauer passen in den Saal. Auf der Bühne im Hintergrund eine Wand aus beweglichen Spiegelelementen, rechts die Band, ein Umkleidebereich, der bisweilen auch benützt wird. Abgangsmöglichkeiten nach allen Seiten.
Bös formuliert gliedert sich die Show in zwei Elemente: gute Performances und durch klischeehafte Musicalregie zerstörte Performances (Inszenierung, Choreografie: Simon Eichenberger; Dramaturgie: Arne Beeker). Ein Beispiel: Kristin Hölck singt „Halt mich“ von Herbert Grönemeyer. Regieeinfall 1: Bei der Anmoderation muss ein Gag bezüglich Oli P. (berühmt für sein »Flugzeuge im Bauch«-Cover) und Grönemeyer (das Original) rein. Ein witziger Wortwechsel zwischen Riccardo Greco und Hölck. Regieeinfall 2: Rob Pelzer begleitet Hölck auf der Ziehharmonika. Die Idee, den Song mit Klavier und Ziehharmonika zu begleiten: toll! Regieeinfall 3: Beim emotionalen Höhepunkt werden die Spiegel im Hintergrund durchsichtig, man sieht ein Kind auf seine Eltern zulaufen. Eine Familienszene. Das ist, mit Verlaub, respektlos: dem Publikum gegenüber, es mit Kitsch zu behelligen, Hölck gegenüber, von der die volle Aufmerksamkeit, die sie mit ihrem starken Auftritt verdient, abgezogen wird. – Aber es geht auch anders. Die besten Momente in dieser Show hat Riccardo Greco. Die Erzählungen aus seiner Jugend sind liebenswert, sein „River Deep – Mountain High“ ein Knaller, den Höhepunkt des Abends setzt er mit einer Interpretation von Des’rees „Kissing You“, ohne Schnickschnack (mit raffiniertem Arrangement). So nimmt man ein Lied mit all seinen Gefahren und packt ein Publikum. Peter Lewys Preston, der Mann mit der großen Popstimme, irritiert nach wie vor mit einer Gestik und Mimik, die bisweilen ihre Wucht aus der Imagination zu ziehen scheint, gerade ein Rockkonzert im Madison Square Garden zu performen. Es kommt ein entscheidendes Bisschen zu viel, auch wenn er die Song-Contest-Hymne „Gente di Mare“ effektvoll interpretiert. Dann wird er noch vom Choreografen im Stich gelassen, der zwar das Problem hat, „Dancin’ Fool“ aus Barry Manilows „Copacabana“ auf der zwar nicht kleinen, aber für einen solchen Tanz-Act immer noch Minibühne zu inszenieren. Dennoch: etwas mehr als ein Rutsch-Fake-Step wäre schon drin gewesen. Ganz unverständlich die Jackson-5-Sequenz („I want you back“/„ABC“). Ja, man trug damals eine andere Art von Kleidung, aber sie war im Kontext der Zeit passend geschneidert. In Linz passen den Darstellern die Kostüme „schlecht“ – lautes Lachen im Publikum. (Kostüme: Richard Stockinger) Das wäre, wenn beabsichtigt, Ironie auf falscher Ebene. Auch was die Harmonie der Stimmen betrifft, eine eher unglückliche Songwahl.
Noch eine Bemerkung zu den Moderationen. Die Darsteller erzählen kleine Storys aus ihrem Leben, mit Wortwitz, sentimentalen Pointen, teilweise in ihrem Heimatdialekt. Warum hat man dieses Konzept nicht durchgezogen? Entbehrlich: typischer Musicalchoreografie-Nonsens, wenn etwa das Ensemble wie bei einer Wischbewegung am Handy, von rechts nach links oder umgekehrt über die Bühne latscht, nur damit sich etwas tut. Mehr Rock statt Musicalregie hätte bei Nirvanas „Smells like Teen Spirit“ nicht geschadet. Da wird von den Darstellern während des Songs der Drummer in die Szene geschoben, sie nehmen Sticks, liefern eine mitreißende Drum-Sequenz, aber statt diese Rocknummer ausarten zu lassen und mit einem Bang zu beenden, wird der Drummer schön brav wieder mitten im Song aus der Szene geschoben. Schade. Nicht wirklich passend: die Arrangement-Attitüde bei „Think“, einer Nummer der Queen of Soul, Aretha Franklin. Statt mit albernen leuchtenden Papierhütchen zu performen, könnte man der Queen in Zeichen von #metoo etwas mehr Respect erweisen. Ihre Entertainerqualitäten beweist Ariana Schirasi-Fard mit einem sehr effektvoll arrangierten „The Rose“ (Bette Midler), und mit wie viel Freude sie sich an dem Nonsens-Song „I like to move it“ (Reel 2 Reel) abarbeitet – Respekt. Rob Pelzer berührt mit seinen ironisch-sarkastischen Erinnerungen an seine ersten musikalischen Begegnungen mit Bob Dylan und seiner Version von „The Times The Are a-Changin“. Fazit: Ein Abend zwischen Kitsch und packendem Entertainment.

Staatsoperette Dresden: »… wie die Stadt schön wird.« Leonard Bernstein: »Wonderful Town«

Anlässlich des 100. Geburtstags von Leonard Bernstein 2018 gibt es an der Staatsoperette Dresden die volle Dosis »Wonderful Town«: eine Inszenierung, eine Cast-CD und eine Werkmonografie. In ihr reißt Wolfgang Rathert das ewig aktuelle Thema an: Was ist ein Musical? Andreas Jaensch skizziert Entstehungsgeschichte, Story, Stoff und Songs der Show. Daniel Grundlach widmet sich der Nostalgie in »Wonderful Town«, Giselher Schubert befasst sich mit dem musikalischen Stil und Andreas Eichhorn mit dem Geheimnis des Erfolgs dieser Show. Gisela Maria Schubert schließlich untersucht New York als Schauplatz von Musicals. Einen wichtigen Platz (31 Seiten) nehmen Kritik-Clippings der Broadway-Produktion (1953), aber auch jener von Dresden (2017) ein. Und Christoph Wagner-Trenkwitz steuert seinen bereits 2007 (bei Amalthea: »›Es grünt so grün …‹ Musical an der Wiener Volksoper«) veröffentlichten Artikel zur deutschsprachigen Erstaufführung in Wien bei (mit verändertem Schlusssatz). Das Problem: Es gibt keinen Textnachweis für diesen Artikel. Handelt es sich bei den anderen Artikeln also auch um Zweitverwertungen? Man weiß es nicht. Das ist das Problem, wenn man solche Angaben nicht liefert. Alle Artikel sind wissenschaftlich fundiert mit ausführlichem Anmerkungsteil. Für eine erste Einführung ist dieses Büchlein bestens geeignet.

Heiko Cullmann (Hg.); Michael Heinemann (Hg.): »… wie die Stadt schön wird.« Leonard Bernstein: Wonderful Town. Eine Werkmonografie in Texten und Dokumenten. Staatsoperette Dresden/Thelem, Dresden 2017. 164 S.; (Paperback) ISBN 978-3945363638. EUR 12,80. thelem.de

VBW: Jesus Christ Superstar, Drew Sarich und die Standing-Ovations-Narzissten

Standing Ovations. Was hierzulande ohne viel nachzudenken meist nicht übersetzt für eine besondere Form des Applauses, nämlich den Stehapplaus, verwendet wird, meint in Wirklichkeit nicht, dass das Publikum beim Applaus aufsteht. Das Adjektiv »standing« bedeutet in diesem Kontext vielmehr »lang anhaltend«. Damit wollte sich Musicalpublikum freilich nie wirklich auseinandersetzen. Geschult von den tollen Übersetzungen englischsprachiger Musicals, konnte für diese Besucherspezies »standing« nur »stehend« bedeuten. Standing Ovations freilich kann es auch bei Rollstuhlpublikum geben, das begeistert und lang anhaltend applaudiert. Wie so oft würde die deutsche Sprache also weit mehr Nuancen bieten, sie werden aber nicht genutzt.

Nötigung. Stehapplaus ist immer mit den Begriffen Nötigung, Gruppenzwang verbunden. Längst wissen Theater, wo man taktisch Claqueure platzieren muss, damit sie den Applaus bei Premieren so richtig in Schwung bringen. Will man Stehapplaus erzwingen, so geht nichts leichter als das. Im vordersten Bereich genügen ein paar Besucher, die sich quasi wie ein Mann erheben, um eine Massenreaktion auszulösen. Auch andere stehen auf, weil sie sonst nichts sehen würden. Am Schluss stehen also die, die aus taktischen Gründen stehen, und die, die nur stehen, weil sie sonst nichts sehen würden. Und in den Medien wird dann von »Standing Ovations« berichtet, die in Wahrheit nur Fake Applaus waren. So betrügt man Künstler um ehrlichen Applaus.

Die Applaus-Narzissten. Andrew Lloyd Webbers Rockoper »Jesus Christ Superstar« gehört in Wien mittlerweile zur Tradition wie Sisi, Mozartkugeln oder der Christkindlmarkt. Und was nie fehlen darf bei Aufführungen dieser Show durch die VBW (davor durch Aufführungen am Theater an der Wien): der enthusiasmierte Fan. So schrieb Attila E. Láng 2001 in seinem Buch »200 Jahre Theater an der Wien. ›Spectacles müssen seyn.‹«: Bei ›Jesus Christ Superstar‹ siedelte sich durch zwei umjubelte Serien im Theater an der Wien eine ›Fangemeinde‹ an, die bis heute vom Stehplatz schreiend, kreischend ihren jeweils zum Star ernannten Liebling begrüßt. Damals [Österreichische Erstaufführung: 8.12.1981, 137 Vorstellungen, 134.050 Besucher in der Spielzeit 1981/1982] waren es Alexander Goebel, James Brookes und Rainhard Fendrich, heute sind es Uwe Kröger, Maya Hakvoort oder Yngve Gasoy-Romdal …).» In Rolf Kutscheras Memoiren »Glück gehabt. Meine Erinnerungen« (2010) lesen wir: »Zum ersten Mal trat etwas ein, was bei früheren Musicals nicht in diesem Ausmaß der Fall gewesen war: Die Jugend stürmte den Stehplatz. Sang mit. Weinte. Tanzte mit. Quittierte den Auftritt der Lieblinge mit gellenden Schreien. Heute gehört es zum Musicaltheater dazu. Nicht nur am Stehplatz, auch in den Logen und auf den teuersten Plätzen.«
Den Sprung in die Ära der VBW schaffte »Jesus Christ Superstar« 2004 als Fremdproduktion von Markus Prühs. 2004 brachte er die Rockoper konzertant zur Aufführung. Damals hatten die VBW im Raimund Theater »Barbarella« am Start, im gleichen Jahr wurde in Amstetten »Footloose« gezeigt. Im Ronacher waren Yngve Gasoy-Romdal, Maya Hakvoort, Dave Moskin, Ethan Freeman, Pehton Quirante und Previn Moore die Stars von insgesamt zwei Vorstellungen, begleitet wurden sie von einer elf Musiker starken Band, und moderiert wurde die Show von Martin Traxl. Prühs gelang ein Riesenerfolg, und bereits 2005, was für ein Wunder, produzierten die VBW selbst eine konzertante Version. Es spielte unter der Leitung von Caspar Richter das Orchester der Vereinigten Bühnen Wien, in den Hauptrollen waren Drew Sarich (Jesus), Serkan Kaya (Judas), Dennis Kozeluh (Kaiphas), Rob Fowler (Simon/Annas), André Bauer (Pilatus), Roman Stranka (Petrus), Claudia Stangl (Maria Magdalena) und Jacqueline Braun (Herodes/Soulgirl) zu sehen. Drei Vorstellungen waren angesetzt. Seit damals steht »Jesus Christ« fast jedes Jahr am Spielplan der VBW. Die Musicalfans fielen damals noch nicht durch blödsinnige »Standing Ovations« auf, sie ruinierten in jenen Jahren nur »Gethsemane« und nicht gleich die ganze Show, indem sie nach dem ersten Teil des Songs zu klatschen begannen. Das ging einige Jahre so, bis Koen Schoots, der mittlerweile Caspar Richter als musikalischer Leiter des Orchesters abgelöst hatte, 2011 ein neues musikalisches Arrangement schrieb. Geschickt baute er nach dem rockigen Anfangspart von »Gethsemane« ein Gitarren-Delay (Echo) ein, das den Schlussakkord des ersten Teiles im Tempo des neuen Teiles wiederholt. Also ein programmiertes Delay. Es entstand keine »Pause« mehr zwischen dem ersten und zweiten Teil des Songs, und mit dem Klatschen war es endlich vorbei. Natürlich war nicht die Klatscherei der Grund dieser Änderung, der Effekt aber eine nette Nebenwirkung.

Springen wir ins Jahr 2017. Wieder einmal stand »Jesus Christ Superstar« am Spielplan, und diesmal hatte eine Gruppe von Fans ganz offensichtlich eine Agenda: Sie wollte ihren persönlichen Superstar Drew Sarich nach dem Song »Gethsemane« feiern. Koste es, was es wolle. Dass die Stelle in der Show völlig unpassend ist, um sie durch Stehapplaus zu unterbrechen – egal. Ich hätte ja nichts gegen »Standing Ovations«, wenn sie tatsächlich Ausdruck spontaner Begeisterung wären, aber das, was sich im Ronacher abspielte, war strategisch geplant. Hier demonstrierte eine Gruppe von Fans sich selbst, wie sehr sie es zu würdigen weiß, was Drew Sarich auf der Bühne leistet. Schaut her, wie gut wir einschätzen können, was er da leistet, wollten die Jubel-Streber signalisieren. Einerseits. Andererseits gibt es einen englischen Ausdruck dafür, wie dieser Jubel eigentlich zu verstehen ist. Er hat eher etwas mit gönnerhaftem (»patronizing«) Schulterklopfen zu tun. Schau doch Drew, was du für tolle Fans hast, die zu schätzen wissen, was du machst. Da stehen sie dann, brüllen, pfeifen, schreien gellend, ohne Rücksicht, wie am Fußballfeld und glauben tatsächlich, dass man das noch als »normales« Verhalten bezeichnen kann. Sie machen sich selbst zur Show. Narzissmus pur. Und auch in ihren Foren geht es dementsprechend zu. Kritiker werden gnadenlos auf persönlicher, nicht fachlicher Ebene niedergeschrieben. Über eine Kritikerin der Tageszeitung »Die Presse« stand in einem jener Foren zu lesen (die Tippfehler wurden übernommen): »Mein erster Eindruck : hier schrieb eine leicht verkniffene, unzufriedene, ältliche Dame,die im Leben wohl selten Freude hatte. Freude an einem wunderbaren, modernen Stück, welches das Publikum zu Recht jeden Abend aufs neue zu Begeisterungsstürmen hinreisst ! also wirklich…….. so verbiestert das ganze,dass es schon wieder komisch ist.«

Auch 2018 steht »Jesus Christ Superstar« wieder am Spielplan der VBW. Was wird dieser Fangruppe dieses Mal einfallen? Vielleicht Transparente, Trillerpfeifen?

Andreas Gergen bis 2025 nicht als Regisseur bei den VBW tätig …

Bekanntlich wurde Christian Struppeck als Intendant der VBW bis zum Jahr 2025 verlängert. Damit gilt wohl auch, was ihm sein Boss unlängst via ORF ausgerichtet hat: Solange Struppeck Intendant ist, so Franz Patay, wird Andreas Gergen ab sofort keine Regiearbeiten mehr übernehmen.
Nur dass wir das alle nicht vergessen.

Werk X: Homohalal (2018)

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Eigentlich sollte »Homohalal« im Frühjahr 2016 am Wiener Volkstheater uraufgeführt werden. Doch kurz vor der Premiere wurde Ibrahim Amirs Stück vom Spielplan genommen. »Grund«: die aufgeheizte Diskussion rund um das Flüchtlingsthema. Es war eine der sich häufenden nicht nachvollziehbaren Spielplanentscheidungen des Volkstheaters. Vor allem aber wurde sie schlecht und nur mit vielen Andeutungen kommuniziert. Gerade das Theater, dem sich Anna Badora verschrieben hat, sollte nicht kneifen, wenn es darum geht, aktuelle Themen mit den Mitteln des Theaters zu hinterfragen.

Weltweit sind rund 65 Millionen Menschen auf der Flucht, gut eine Million kam im Jahr 2015 nach Europa, wo seither eine hysterische Debatte tobt. Der in Syrien geborene Arzt und Autor Ibrahim Amir schaut den Leuten aufs Maul: den Flüchtlingen sowie den Hetzern und den Wohlmeinenden hierzulande. Sein Theatertext »Homohalal« nimmt die Vorurteile über Asylsuchende aufs Korn. Er verschont niemanden und seziert kriminalisierende wie idealisierende Klischees.

»Homohalal« basiert auf Amirs Zusammenarbeit mit Geflüchteten und Aktivisten, die 2012 die Wiener Votivkirche besetzten, um auf ihre prekäre Lebenssituation in Österreich aufmerksam zu machen. Nach der Absage in Wien erlebte das Stück 2017 in Dresden seine umjubelte Uraufführung. Unter der Regie von Ali M. Abdullah unternimmt das Meidlinger WERK X 2018 einen neuen Anlauf, die Österreichische Erstaufführung von »Homohalal« auf die Bühne zu bringen.

Ali M. Abdullah, Regisseur und Co-Leiter des WERK X: »Bitterböse Komödien sind das beste Werkzeug, um alltägliche zwischenmenschliche und interkulturelle Konflikte auseinanderzunehmen. Vor dem Hintergrund des dramatischen Rechtsrucks in Europa zeigt ›Homohalal‹, dass Menschen unterschiedlichster Herkunft sich letztlich weniger unterscheiden, als manche Zeitgenossen glauben.«

HOMOHALAL
von Ibrahim Amir
Österreichische Erstaufführung

Inszenierung: Ali M. Abdullah
Bühne und Kostüm: Renato Uz
Dramaturgie: Hannah Lioba Egenolf

Mit: Constanze Passin, Stephanie K. Schreiter, Yodit Tarikwa, Christoph Griesser, Daniel Wagner, Arthur Werner u. a.

PREMIERE: Do 18.1.2018, 19:30 Uhr
WEITERE TERMINE (jeweils 19:30 Uhr): Sa 20.1.2018, Do 25.1.2018, Fr 26.1.2018 (Publikumsgespräch im Anschluss)
ORT: WERK X, Oswaldgasse 35 A, 1120 Wien
Weitere Infos –> hier

Ateliertheater Wien: »Quartett«

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Zwei Mal noch (am Donnerstag, dem 7. Dezember, und am Freitag, dem 8. Dezember) ist Heiner Müllers »Quartett« im Wiener Ateliertheater zu sehen. Müller reduziert in seiner Bearbeitung des dem Stück zugrundeliegenden Briefromans »Gefährliche Liebschaften« (Choderlos de Laclos, 1782) die Personen der Handlung auf die beiden Antagonisten Marquise de Merteuil und Valmont. Sie trägt ihm auf, er solle ihre Nichte verführen, den ehemaligen Geliebten der Marquise aber interessiert die Entehrung einer anderen mehr. Eine giftige Auseinandersetzung nimmt ihren Lauf. Im weiteren Verlauf des Stückes wechseln die Geschlechterrollen: So wird Merteuil zum geübten Verführer, Valmont zur jungfräulichen Nichte, die es zu »vernichten« gilt. Ritualhaft vollzieht sich zwischen diesen beiden gegen ihren Untergang ankämpfenden Hofintriganten ein zerstörerischer, zeitloser Kampf der Geschlechter, der keine Gewinner kennt.

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35 Jahre nach der Uraufführung ist es Zeit, »Quartett« im Hinblick auf gegenwärtige Gender-Debatten neu zu befragen. Aussagen wie »Grab her by the pussy« und Parteiprogramme, die auf alleinerziehende Mütter vergessen, lassen darauf schließen, dass der Geschlechterkampf, den Müller in seinem Werk recht drastisch skizziert, noch immer andauert. Dass er vielleicht durch einen konservativen Backlash wieder verstärkt wird.

VALMONT: Ich glaube, ich könnte mich daran gewöhnen, eine Frau zu sein, Marquise.
MERTEUIL: Ich wollte, ich könnte es.

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Regie und Raumkonzept: Thomas Thalhammer
Video: Sebastian Kraner
Mit Maria Astl und Maks Suwiczak
Fotos: Sebastian Kraner

Spieltermine:
7. und 8. Dezember, Beginn: 2o Uhr (Dauer: ca. 70 Minuten)

Tickets:
VVK: 18,–
AK: 21,–
Erm: 16,–

Nähere Infos –> hier

Wiener Stadthalle: »Royal Christmas Gala« mit Sarah Brightman

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Am 23. Dezember findet in der Wiener Stadthalle (Halle F) die »Royal Christmas Gala«, ein Weihnachtsevent mit Sarah Brightman, statt. Gemeinsam mit Gregorian, Mario Frangoulis, Narcis und Fernando Varela bringt Brightman ein Pop-Meets-Classic-Programm auf die Bühne – begleitet werden die Künstler vom Royal Symphony Orchestra und Band.

Zuletzt war Brightman vor 17 Jahren im deutschsprachigen Raum auf Tournee, eine gute Gelegenheit also, die Sopranistin wieder einmal live zu erleben. Sollte die Christmas-Gala-Tour ein Erfolg werden, bestehen Pläne, ein mehrjähriges Projekt daraus zu machen, mit Auftritten auch in den USA und anderen Ländern.

Tickets für die Show gibt es –> hier

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