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Archiv - Rezensionen

Arnold Jacobshagen, Elisabeth Schmierer (Hg.): Sachlexikon des Musiktheaters

Als Richard Nixon 1972 Peking besuchte, plauderte er bei der Gelegenheit mit dem chinesischen Ministerpräsidenten Tschou En-lai u. a. über die Auswirkungen der Französischen Revolution, einem Ereignis, das 200 Jahre davor stattgefunden hatte. Tschou konnte nichts Verbindliches dazu sagen. Seine knappe Antwort: »Too early to say.«
An diese kleine Anekdote musste ich beim Studieren vorliegenden Lexikons denken. Vielleicht ist auch die Musicalgeschichte einfach zu aktuell für die Autoren gewesen, um sie adäquat zu fassen. Einfach: »Too early to say.«
Ich beschränke mich bei meiner Einschätzung, das muss ich meiner Kritik voranstellen, aus Platzgründen vor allem auf den Musicalteil dieses »Sachlexikons des Musiktheaters«, und auch da auf wenige Punkte. Leider sind sie relevant.
Natürlich schlägt man bei einem Lexikon, das unter anderem auch Musicalbegriffe und Musicalgeschichte behandelt, recht bald nach, wie denn die Autoren »Musical« definieren. Und trotz des knapp bemessenen Raums sollten nicht derart massive Fehleinschätzungen auftreten, meine ich. So wird Stephen Sondheim etwa unter ferner liefen als einer der führenden Komponisten der »1940er- bis 1960er-Jahre« abgehandelt, und zwar genau so: »Stephen Sondheim (A Funny Thing Happened on the Way to the Forum)«. Das war’s. Mehr gibt’s dazu im gesamten Buch nicht. Unter den »Rockmusicals der 1970er-Jahre« findet sich, Zitat: »The Rocky Horror Picture Show (Richard O’Brian, 1975)«. Das macht genau drei Fehler in dieser kurzen Angabe: 1) Die Bühnenversion heißt »The Rocky Horror Show«, 2) sie hatte 1973 Premiere und 3) der Mann heißt Richard O’Brien. Unter dem Begriff »Book-Musical« findet sich der lustige Satz: »Nach wie vor sind Book-Musicals wie (…) Wicked (…) eine bestimmende Musicalform, von der sich andere Formen wie Jukebox- oder Disney-Musical ableiten bzw. gegen die sie sich abgrenzen, wie das Konzeptmusical.« Und dann gibt es doch tatsächlich einen eigenen Eintrag zur »Musicalform« »Disney-Musical«. Das kann man nur noch so toppen: »Musicaldarsteller sind vielseitige Akteure, idealerweise Bühnenschauspieler mit guter Gesangs- und Tanzausbildung. Sie müssen gleichzeitig tanzen, spielen, singen und sprechen können (…)« Das muss echt ein triple threat sein, das gleichzeitig singen und sprechen kann. Die Popularität Lloyd Webbers mag für die Ausführlichkeit sprechen, mit der er im Vergleich zu Sondheim behandelt wird, aber dann nichts zu »Tanz der Vampire« (außer in einer Statistik) oder »Elisabeth«? Positiv ist zu vermerken, dass die insgesamt 841 Stichwörter leicht verständlich formuliert sind und ein großes Spektrum abdecken – nur für das Musicalgenre hätte ich mir einen etwas genaueren Blick gewünscht.

Arnold Jacobshagen, Elisabeth Schmierer: Sachlexikon des Musiktheaters. Praxis. Theorie. Gattungen. Orte. Laaber 2016. 672 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-89007-781-9. EUR 88,–. laaber-verlag.de

Claus G. Budelmann, Thomas Collien und Ulrich Waller (Hg.): Broadway auf dem Kiez.

175 Jahre St. Pauli Theater, das ist ein Grund, um zu feiern. Claus G. Budelmann (Bankier, Gründer und Vorsitzender des Fördervereins für das St. Pauli Theater), Thomas Collien (seit 2001 Leiter des Theaters) und Ulrich Waller (Regisseur, Intendant und seit 2003 künstlerischer Leiter des Theaters) haben aus diesem Anlass eine prächtige Monografie des ältesten Privattheaters in Hamburg herausgegeben. 240 Seiten stark, mit mehr als 200 Abbildungen. 13 Gastautoren konnten sie gewinnen, u. a. Journalisten von »Die Welt«, »Spiegel«, »BILD Hamburg« und »Hamburger Abendblatt«.
Die Autoren führen uns bis an den Beginn der Geschichte des Theaters mit Bedeutung zurück, ins Jahr 1841. Da wurde am 30. Mai das »Urania Theater« eröffnet. Man spielte den eigens für dieses Ereignis geschriebenen Prolog »Uranias Weihe« und Ernst Raupachs Stück »Schule des Lebens«. Eine im Buch abgebildete Lithografie zeigt das Theatergebäude, eine weitere den Spielbudenplatz zwischen Hamburg und Altona, der damals bereits eine Vergnügungsinsel mit Spiel- und Holzbuden war. Immer schon kamen die Hamburger gern nach St. Pauli, um sich zu amüsieren. Das heutige St. Pauli Theater war ein Theater der vielen Namen. So hieß es von 1844 bis 1863 Actien-Theater, 1863 bis 1895 Varietà©-Theater, 1895 bis 1941 Ernst Drucker Theater, 1941 bis 2011 St. Pauli Theater und ab 2001 St. Pauli Theater – ehemals Ernst Drucker Theater. Es ist ein Erlebnis, das Buch allein anhand der Bilder durchzugehen. Da findet man etwa ein Szenenfoto aus »Der Junge von St. Pauli« (1970) mit Freddy Quinn, der diesem Theater lange Jahre verbunden war, ebenso Schnappschüsse von Marika Rökk, Manfred Krug oder etwa ein berührendes Bild von Monica Bleibtreu in »Nachtgespräche mit meinem Kühlschrank« (2007), ihrer letzten Theaterrolle. Auch das Musicalgenre kommt nicht zu kurz, fand doch hier z. B. 1988 die deutschsprachige Erstaufführung von »Little Shop of Horrors« statt. Und die Idee, ein Udo-Lindenberg-Musical zu schreiben, ging vom St. Pauli Theater aus. Sie wurde bereits 2002 geboren, erste Songs gab es auf einer Gala 2010 im St. Pauli Theater, das Musical selbst aber wurde woanders produziert. Knapp formuliert es Armgard Seegers so: »Ein Udo-Lindenberg-Musical zu schreiben, wurde dann aber doch ein so gigantisches Projekt, dass es für das gar nicht mal so kleine St. Pauli Theater zu groß wurde und Lindenberg zusammen mit Regisseur Uli Waller für das Musical ein Theater suchte, das zu den größten in Deutschland zählt, das Stage Theater am Potsdamer Platz in Berlin (…)« Anekdoten, Hintergrundinformationen, Interviews – es ist ein Vergnügen, diese Theatergeschichte zu lesen. Kleines Manko: Gerade bei einer solchen Theatergeschichte würde man sich im Anhangsteil mehr Datenfülle wünschen. Produktionen bis 1970 finden sich gar nicht aufgelistet, jene von 1970 bis Mitte 2003 nur als Auswahl, und erst ab dann ist die Auflistung perfekt. Dennoch: empfehlenswert.

Claus G. Budelmann, Thomas Collien und Ulrich Waller (Hg.): Broadway auf dem Kiez. 175 Jahre St. Pauli Theater. Ellert & Richter Verlag, Hamburg 2016. 240 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-831-90641-3. EUR 25,–. ellert-richter.de

Wenn der Kritiker den Schauspieler zwei Mal ignoriert

Folgendes Szenario. Ein Schauspieler tritt in einer Sommertheaterproduktion auf, er hat nicht einmal eine so kleine Rolle und wird vom Sommertheaterpublikum frenetisch gefeiert. Euphorisch gestimmt, liest er sich die Kritiken durch. All die süßen Regionalblättchen bilden seinen Triumpf in blumigen Phrasen ab. Er ist zufrieden.

Szenenwechsel. Wann immer ich mit Schauspielern ins Gespräch komme, lenke ich das Gespräch irgendwann auch auf das Thema Kritiken. Wie sie mit Kritiken umgehen, wann und ob sie sie lesen. Immer wieder erfahre ich von neuen Umgangsweisen mit Kritiken und auch Kritikern. Es sind immer durchaus interessante Gespräche. Von einem jüngst verstorbenen Publikumsliebling habe ich den Spruch: »Positive Kritiken lese ich immer gern zwei Mal, negative vier Mal, und Kritiken von Produktionen, in denen ich mitgespielt habe, in denen ich aber nicht namentlich erwähnt werde, sechs Mal.«

Führen wir beides zusammen. Unlängst gab es den Versuch eines Schauspielers – ich habe leider den Namen der Produktion und auch jenen des Darstellers bereits wieder vergessen –, in den sozialen Medien eine Art Shitstorm zu provozieren, weil er in einer Kritik doch tatsächlich nicht erwähnt wurde. Ich interpretiere seine Meinungsäußerung dahingehend, dass er dem Rezensenten (den ich nicht kenne), böse Absicht unterstellen wollte. In Wirklichkeit lässt der Darsteller erkennen, dass er eine ganz bestimmte Vorstellung davon hat, wie Kritiken auszusehen haben. Ganz bestimmt, unterstelle ich ihm, fordert er, dass alle wichtigen Darsteller (aus wessen Sicht?) erwähnt werden. Das muss eine Kritik aber nicht. Es kann Gründe geben, die zu der Entscheidung führen, bestimmte Rollen oder Darsteller im Kontext einer Produktion nicht zu erwähnen. Welche das sind, ist irrelevant. Wichtig ist, dass es solche geben kann. Vielleicht ist ein Rezensent zu der Auffassung gelangt, dass eine Interpretation dermaßen schlecht war, dass sie eine Erwähnung schlicht nicht verdient. Die Reaktion des Publikums vor Ort ist kein Gradmesser für einen Kritiker. Wie oft musste ich selbst schon Darbietungen etwa von Musicalsängern hören, die jenseits von Gut und Böse waren – aber den Fans war das egal. Jeden falschen Ton haben sie einzeln bejubelt. Nein, der Maßstab eines Kritikers ist sein Erfahrungshorizont. Und eine Kritik ist kein allumfassender »Bericht« einer Vorstellung, sondern eine Beurteilung. »Kritik« stammt aus dem Griechischen und bedeutet: »Kunst der Beurteilung«. Berichte kann man in Klatschmedien verfolgen, in den »Seitenblicken«, das ist ein gänzlich anderes Genre.

Szenenwechsel. Soziale Medien. Eine Kritikerplattform postet in einer »Gruppe« eine Kritik über eine Vorstellung an einer angesehenen deutschsprachigen Sprechtheaterbühne. Eine positive Kritik. Ein Schauspieler dieser Bühne, der aber in der besprochenen Produktion nicht mitgewirkt hat, postet daraufhin: »Jetzt mal ganz ehrlich: Wen interessiert deine Meinung. Warum schreibst du das? Würde mich interessieren.« Auch ein spannender Zugang. Warum schreibt man über das Theater. Nächstens fragt noch wer, warum man eigentlich Theater spielt.

Pia Douwes: Augen.Blicke aus dem Barock

Pia Douwes hat ein Buch am Markt. Es ist keine Autobiografie, und das ist vielleicht sogar eine gute Sache. Sicher würden Fans der Künstlerin und auch viele andere am Musicalgenre Interessierte gerne eine Autobiografie der Musicalsängerin lesen, vielleicht würden sie dann aber auch enttäuscht werden, denn: Wie oft wird mit der Wahrheit in diesen Druckwerken ein wenig zwangsoriginell umgegangen. Man möchte kein »Kollegenschwein« sein – andererseits, warum sollte man Kollegen loben, oder überhaupt erwähnen? Und wen? Man muss aufpassen bei der Preisgabe von Informationen, die eventuellen weiteren Karriereschritten hinderlich sein könnten. Schwer. Am besten schreibt man wohl erst über sein Leben, wenn man in Rente ist. Wobei: Rente als Künstlerin? Also dann eher ab 80.
Nein, Pia Douwes hat gemeinsam mit der Wiener Fotografin Simone Leonhartsberger einen Bildband herausgebracht. Thema: das Barock.
Leonhartsberger hat Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien studiert, orientierte sich dann in Richtung Grafik, Design und Fotografie. Seit 13 Jahren arbeitet sie als selbstständige Fotografin. Beim vorliegenden Bildband, der im Eigenverlag erschienen ist, fungiert sie gemeinsam mit Pia Douwes als Herausgeberin. Daneben war sie verantwortlich für die Fotos (Set Design: Matthias Büchse; Make-up & Hair: Bobby Renooij), Cover, Satz und Layout. »Augen.Blicke« ist im Moment exklusiv über die Website von Pia Douwes erhältlich (piadouwes.com/webshop). Apropos Website. Auch die ist eines von mehreren Projekten, die Leonhartsberger mit/für Douwes konzeptuell und grafisch umgesetzt hat. Als Teil der Wiener Designfirma KOMO (»Büro für visuelle Angelegenheiten«) gestaltete sie aber nicht nur die Website der Künstlerin, sondern auch zum Beispiel das Artwork der CD »Dezemberlieder«.
Ein Bildband also. Aber mit Texten. Da wird die Sache interessant. Ein Teil der Texte besteht aus Zitaten von Künstlern aus der wohl eher kunst-, nicht literaturgeschichtlich definierten Zeit des Barock, also in etwa aus dem 17. Jahrhundert. Das Problem der Zuordnung zu einem bestimmten Stil betrifft die im Buch zitierten Dichter Ben Johnson und Shakespeare. Barock, oder doch Renaissance beziehungsweise Manierismus? Darüber werden aber wohl nur Literaturwissenschafter diskutieren wollen. Weiters mit dabei: Robert Herrick, Angelus Silesius, Anna Maria van Schurman, Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau, Friedrich von Logau, Joost van den Vondel und Andreas Gryphius. Es sind also auf jeden Fall ein paar echte Barock-Götter dabei. Eine bunte Mischung. Großteils werden die Texte auf Deutsch gebracht, einen Ausschnitt aus dem Brief der holländischen Kurtisane, Salonià¨re und des Stars am Hofe Ludwigs XIV., Ninon de Lenclos, an Marquis de Sà©vigne bekommen wir auf Holländisch, ebenso ein kurzes Gedicht von Joost van den Vondel. Alles nachvollziehbar, bis auf die Zitate von Molià¨re, die wir im Buch auf Englisch finden, eines etwa aus dem Stück »Der Bürger als Edelmann« (1670).
All die Texte, die Pia Douwes selbst zu diesem Buch beigesteuert hat, sind auf Deutsch, Englisch und Holländisch abgedruckt. Es sind die Gedanken der Darstellerin unter anderem zu Schlüsselbegriffen des Barock, wie etwa »Melancholie«. Douwes: »Manchmal frage ich mich, warum die Melancholie mich begleitet hat. Hat sie mich eingehüllt, fast liebevoll, in der Sicherheit der bereits gelebten Erfahrungen? Oder hat sie mich beschützt, wie eine fürsorgliche Mutter, vor einem Alltag, der nicht zu bewältigen war? Sich von der Schwere der Vergangenheit zu befreien, bedeutete Abschied zu nehmen, loszulassen, das gehen zu lassen, was ohnehin schon gegangen war. Nach diesem Abschied erwartete mich die Leichtigkeit der Gegenwart – das Leben!« Weitere Schlüsselbegriffe: »Begierde«, »Schein und Sein«, »Langeweile«, »Sinnlichkeit«, »Opulenz«, »Memento Mori«/»Carpe Diem«, »Selbstverwirklichung«. Es sind die Extreme, die Polaritäten, die Douwes am Barock faszinieren. Der Tod war im Barock allgegenwärtig. Pia Douwes über das Älterwerden: »Mein Vater möchte alles noch abschließen, alles ordentlich hinterlassen und noch jeden Tag genießen, bevor er von dieser Welt gehen muss. Deshalb digitalisiert er alle Familienfotos und Dokumente, als Nachlass für uns jüngere Generationen. Meine Mutter lebt in ihrer eigenen inneren Welt, und ihre Antwort auf die Frage, wie es ihr geht, lautet immer: ‚Wir sind jetzt Tages-Menschen …‘ Sie leben von Tag zu Tag, nicht wissend, ob auf den einen Tag der nächste folgen wird.« Am Ende bekommen wir zwar keine Autobiografie, aber Texte, von denen wir wohl ausgehen können, dass die wahr sind. Das zählt doch einiges.
Pia Douwes’ Lust am Verkleiden, am Hineinschlüpfen in andere Rollen, all das macht aus dem Buch einen optischen Genuss. An die 100 Fotos von Douwes in opulenten Kostümen, prächtigen Perücken, geschminkt, eingeleuchtet und in Szene gesetzt bietet das Buch. Tolle Fotos. Ein großer Wunsch sei es gewesen, schreibt die Künstlerin im Vorwort, für ein paar Augenblicke in ein längst vergessenes Zeitalter einzutauchen und so ein paar Erfahrungen zu dieser Zeit zu machen, wie »Suske en Wiske« (ein holländischer Comic), »die in einer Zeitmaschine ins Mittelalter oder in die Urzeit zurückversetzt wurden. Was für ein Abenteuer!«. Schöne, lustige und berührende Bilder sind es geworden. Für mich das beste: auf Seite 68/69. Pia Douwes, in schlafender Pose, in vollem Barockkostüm am Boden liegend. Beim Lesen ist sie eingeschlafen. Das Buch liegt neben ihrem Gesicht, die (wenig geschminkten) Hände liegen auf dem Buch. Sie scheint entspannt und glücklich. Das Foto strahlt etwas aus, sodass man eine Weile auf dieser Seite bleibt. Auf den letzten Seiten des Buchs findet man ein kleines Making-of in Form einer Bildserie, bekommt einen kleinen Eindruck davon, wie groß der Aufwand war, der in dieses Buch investiert wurde. Er hat sich gelohnt.

Pia Douwes: Augen.Blicke aus dem Barock. Herausgeber: Pia Douwes und Simone Leonhartsberger, Wien 2016. 128 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-200-04460-9. EUR 29,90. www.piadouwes.com / www.leonhartsberger.net

Tom Rowan: A Chorus Line FAQ

FAQ (Frequently Asked Questions) sind eine Zusammenstellung von häufig gestellten oder der meistgestellten Fragen zu einem Thema. Hatte ich bisher die fixe Idee, dass es sich meist um kurze Fragen und knappe Antworten handelt, wurde ich jetzt von Tom Rowan eines Besseren belehrt. Es gibt in seinem Buch »A Chorus Line FAQ« gar keine Fragen, sondern einfach 24 Kapitel. Und das ganze Werk umfasst schlanke 464 Seiten. Buchtitel und Inhalt sind also nicht fein abgestimmt, aber die Entstehungsgeschichte des Werks ist keine übliche.
Rowan ist Bühnenschriftsteller, Regisseur, Lehrer, Casting Director und »Fan« des Musicals »A Chorus Line«. Im Vorwort zu seiner Liebeserklärung an dieses Musiktheaterwerk schildert er seine jahrzehntelange Beziehung zu »A Chorus Line« sehr sympathisch. Er war zwölf, als 1975 die Broadway-Premiere der Show über die Bühne ging, das war auch das Jahr, in dem seine Familie von New York nach Colorado umzog. So kannte er zwar die Songs, aber das erste Mal sehen konnte er das Musical (in Denver) erst 1981, in dem Jahr, als er an der High School seinen Abschluss machte. Als er in den späten 1980er-Jahren Regie studierte, lief »A Chorus Line« noch immer am Broadway. Immer wieder, wenn er für Bewerbungsgespräche in die Stadt kam, war das Shubert Theater ein Fixpunkt seines Trips. Und, um das Ganze abzukürzen: Die Show begleitete ihn sein ganzes Leben. 2016 führte er bei einer Produktion des Stücks im Secret Theatre von Long Island City Regie, für ihn ein Höhepunkt seines Lebens. Ein anderer: der Moment, als er entdeckte, dass der Verlag Applause Theatre and Cinema Books einen Autorenwettbewerb sponserte. Der Gewinner sollte einen Band der FAQ-Serie des Verlags zu populären Musicals schreiben … Obwohl der Verlag also über sein Konzept für das vorliegende Buchs Bescheid wusste, konnte Rowan überzeugen. Und mag sein Werk auch kein »FAQ« im üblichen Sinn sein, liefert er eine Datenmenge ab, die beeindruckend ist. Er bietet eine zeitgenössische Musicalgeschichte, Biografien zu jedem Beteiligten aus dem Kreativteam, der Originalcast der ersten Broadway-Produktion, behandelt ausführlich die Auditions, Workshops, die Probenphase, die Previews, widmet sich der Geschichte des Public Theater (bis zu »Hamilton«), jenem Theater, in dem die ersten 101 Vorstellungen stattfanden, bis man ins größere Shubert Theater umzog. Er analysiert die einzelnen Charaktere der Show, jeden einzelnen Song, liefert ein Lexikon aller kulturellen Begriffe, die in der Show eine Rolle spielen, und behandelt die Kritiken zur Show. Er widmet sich ebenso den diversen Tourproduktionen und der Verfilmung. Rowan bietet einen kommentierten Überblick über die Literatur, die zu »A Chorus Line« erschienen ist, und er bespricht eingehend nicht weniger als 63 amerikanische Regional- und Amateurproduktionen der Show, alphabetisch geordnet und beginnend bei einer Inszenierung an der Analy High School, Sebastopol, CA, 1986. Ausführlich auch der Anhang. Es gibt eine Timeline beginnend 1974, als es erste Besprechungen von Michael Bennett, Michon Peacock und Tony Stevens bezüglich eines Projekts für Tänzer gab, bis zum 31. August 2013, als die Londoner Produktion im Palladium den letzten Vorhang hatte. In diversen Castlisten werden sämtliche Darsteller der Broadway Produktion von 1975 bis 1990 und weiterer Produktionen aufgelistet. Ich glaube, offene Fragen gibt es jetzt fast keine mehr.
Tom Rowan: A Chorus Line FAQ. All That’s Left to Know About Broadway’s Singular Sensation. Applause Theatre and Cinema Books. Montclair 2015. 464 Seiten (Softcover) ISBN 978-1-4803-6754-8. 19,99 $ [www.applausebooks.com]

Sabine Coelsch-Foisner, Joachim Brügge: My Fair Lady. Eine transdisziplinäre Einführung

Die erste Broadway-Aufführungsserie von »My Fair Lady« (Premiere am 15. März 1956 im Mark Hellinger Theatre) dauerte sechs Jahre. 2717 Vorstellungen wurden gespielt, das war für die nächsten zehn Jahre nicht zu toppen (»Hello, Dolly!«, ab 1963 am Spielplan, brachte es dann auf 2844 Vorstellungen). Noch heute liegt »My Fair Lady« in der Liste der »Longest- Running Broadway Shows« auf Platz 20. In London schaffte man 2281 Vorstellungen (ab 1958), Produktionen in Mexiko, Australien, Asien, Lateinamerika und Kanada folgten. Auf europäischem Boden war das Musical 1959 erstmals zu sehen, in Stockholm, danach in Helsinki, Kopenhagen und Amsterdam. Über den nordeuropäischen Raum kam die Erfolgsshow nach Deutschland. 1961, als »My Fair Lady« seine holländische Erstaufführung feierte, war auch die deutsche Premiere in Vorbereitung, im Berliner Theater des Westens. Bis 1964 wurden da 757 Aufführungen gespielt. Die nächsten Stationen: München (1962), Hamburg (1963) und Zürich (1964). In Wien gastierte die Berliner Version 1963 am Theater an der Wien, 1969 brachte Rolf Kutschera am Theater an der Wien eine eigene Version an den Start, und 1979 feierte in Wien »My Fair Lady« in einer Inszenierung von Heinz Marecek Volksopern-Premiere. An diesem Haus ist es das meistgespielte Musical und steht immer wieder am Spielplan, aktuell in der von Robert Herzl 2008 aufgefrischten Version wieder im kommenden Dezember und Januar. 1964 wurde das Musical verfilmt und spielte als Leinwandversion in den 15 Jahren danach rund 90 Millionen Dollar ein. 1976, 1981 und 1993 gingen Broadway-Revivals über die Bühne, in London zuletzt 2001 (zu sehen bis 2004). Von 1965 bis 2006/2007 sind insgesamt 347 Inszenierungen des Musicals im deutschsprachigen Raum verzeichnet. 295 in Deutschland, 31 in Österreich und 21 in der Schweiz.
Eines der Ziele des vorliegenden Buchs ist es, zu ergründen, wieso gerade diese Show zu einem derart durchschlagenden Langzeiterfolg werden konnte. Bereits 2005 führten die Herausgeber Sabine Coelsch-Foisner und Joachim Brügge an der Universität Mozarteum Salzburg eine musik-, literatur- und kulturgeschichtliche Lehrveranstaltung zu »My Fair Lady« durch. Im Zentrum standen musikalische und philologische Songanalysen mit der Aufgabe, eine eigene Übersetzung anzufertigen. Dieser transdisziplinäre Ansatz brachte, so die Herausgeber, beiden Seiten neue Erkenntnisse. Ein fundiert geschriebenes Buch mit interessanten Reibepunkten, etwa was »My Fair Lady« zu einem »Operetten-Musical« macht (Andreas Jaensch), ein phänomenal guter Artikel von Joachim Brügge über formale und analytische Aspekte der Musik des Musicals mit vielen Notenbeispielen und eine fundierte Untersuchung zu Elizas Englisch in »Pygmalion« und »My Fair Lady«.

Sabine Coelsch-Foisner, Joachim Brügge: My Fair Lady. Eine transdisziplinäre Einführung. Universitätsverlag Winter GmbH. Heidelberg 2015. 184 Seiten (Hardcover) ISBN 978-3-8253-6519-6. 35,– Euro [www.winter-verlag.de]

Landestheater Linz und Theater der Zeit (Hg): Wege entstehen dadurch, dass man sie geht. Landestheater Linz 2006 bis 2016

Schon wieder ein Buch über das Landestheater Linz … könnte man sagen – gab es doch schon 2o13 eines … Damals ging es allerdings um die Eröffnung des neuen Linzer Musiktheaters, der heute besprochene Band ist eine Abschiedspublikation des derzeitigen Intendanten Rainer Mennicken (65), der ab der Spielzeit 2016/2017 nach zehnjähriger Amtszeit von Hermann Schneider (52) abgelöst wird.
Das vom Landestheater Linz und dem Verlag Theater der Zeit herausgegebene Werk ist Rückblick und Analyse – auch der fünften Sparte des Hauses, des Musicals, die 2013 installiert wurde. Die Erweiterung des Vier-Sparten-Theaterbetriebs um das Musical mag zwar vor gar nicht langer Zeit erfolgt sein, aber selbst ein Rückblick auf bloß zweieinhalb Jahre Spielbetrieb liefert interessante Erkenntnisse. Nils Grosch und Jonas Menze berichten in ihrem lesenswerten Beitrag »Wider das Klischee: Das Musical im Repertoire«, ja, von einer Erfolgsgeschichte. Aber ist sie tatsächlich derart glorreich, wie in dieser Jubiläumspublikation beschrieben?
Linz verankerte als erstes Theater Österreichs und lediglich zweites Haus im gesamten deutschsprachigen Raum das Musical mit einem zunächst siebenköpfigen fest engagierten Ensemble unter der künstlerischen Leitung Matthias Davids’ sowie dem eigenen Kapellmeister Kai Tietje und dem Dramaturgen Arne Beeker fix im Repertoirebetrieb. Man entschied sich »gegen die gängige Praxis, Musicalproduktionen mit singenden Schauspielern zu besetzen«, so Grosch/Menze. Ja, schon, aber natürlich werden auch »singende Schauspieler« eingesetzt, etwa bei »Company« oder »Next to Normal« war das bisher der Fall. Und eines sollte man auch bedenken: die ursprüngliche Entstehungsgeschichte der »fünften Sparte«, die Thomas Königstorfer (bis 2013 Kaufmännischer Geschäftsführer des Hauses, derzeit Kaufmännischer Geschäftsführer des Wiener Burgtheaters) auf Seite 40 des Buchs so beschreibt: »Es war ein regnerischer Freitag, an dem wir wieder über Spielplan und Betriebsaufwand brüten wollten. Und diesmal überraschte Rainer Mennicken uns alle: Natürlich werde es zwei Musical-Premieren auf der großen Bühne geben, mehr noch: Eine eigene Musical-Sparte werde er begründen. Und alle Sparten sollten darin integriert werden, die Oper, das Ballett und auch das Schauspiel.«
Die Daten zur Auslastung wird man den Autoren glauben: Es sind »nahezu hundert Prozent«.
Etwas problematischer ist es, dass die Autoren zum Beispiel gar nicht auf die Nachteile eines festen Ensembles eingehen. Zweifellos ist dies »Möglichkeit und Herausforderung, die Hauptrollen nicht mit Gästen, sondern aus den eigenen Reihen zu besetzen«, doch da müssten wir dann bei Shows wie Stephen Sondheims »Company« über den Begriff »Hauptrolle« diskutieren, übrigens auch bei »Next to Normal«, und kämen zur Erkenntnis, dass mitunter Gäste die strahlenden Stars der einen oder anderen Produktion sind (was zweifellos eine subjektive Einschätzung ist).
Problematisch sehe ich auch eine Formulierung wie »Das Musical erstrahlt in künstlerisch überzeugenden Inszenierungen als eine ernste und ernst zu nehmende Gattung«. Derart glorios ist es eben nicht gewesen bis jetzt, kann man dem entgegensetzen. Ja, in Linz macht man Musical, das es auch wert ist, diskutiert zu werden. Und das ist schon mal eine tolle Leistung. Hier stehen Dramaturgen, Regisseure etc. dahinter, die ihre Bühne nicht zur reinen Abspielstation machen. Das ist großartig. Aber ein wenig Differenzierung wäre angebracht gewesen. Gerade in Musicalkreisen wurden dramaturgische Eingriffe bei einzelnen Produktionen besprochen, man denke etwa an das geänderte Finale von »Show Boat« (einer Produktion, die Grosch/Menze besonders hervorheben).
Ja, »die Werke Stephen Sondheims (gelten) in Deutschland und Österreich als problematisch aufzuführen«, aber wenn Sondheim gespielt wird, dann zählen die von Linz gewählten Shows »Company« und »Into the Woods« doch zu den Favoriten. Das soll nicht die Leistung des Linzer Landestheaters schmälern, nur fehlt mir bei Formulierungen wie der folgenden der genaue Maßstab: »Einem mehr als eingeweihten Publikum durch die Kinoversionen von ‚Sweeney Todd‘ und jüngst ‚Into the Woods‘ gerade ansatzweise bekannt, ist Sondheim im Mehrspartenbetrieb noch immer eine Seltenheit.« Oder anders formuliert: Das hat das Linzer Landestheater gar nicht nötig, so klein ist es gar nicht, dass man es so groß machen muss.
Nicht näher ausgeführt werden von Grosch/Menze einige tatsächlich äußerst bemerkenswerte Leistungen wie die österreichische Erstaufführung von »The World Goes Round«, die großartige Leistung des Jugendensembles bei der Linzer Produktion von »Leben ohne Chris«, die österreichische Erstaufführung von »Grand Hotel«, die deutschsprachige Erstaufführung von »The Wiz«, die österreichische Erstaufführung von »Next to Normal« mit einer eigens adaptierten Übersetzung. Fazit: Linz bringt mit einzelnen Produktionen tatsächlich Sensationelles auf die Bühne, da braucht man dann auch mit Jubelformulierungen nicht sparen. Zu diskutieren wäre, ob Nils Grosch und Jonas Menze diese Punkte getroffen haben.
Natürlich ist dem Musicalgenre in diesem Buch nicht übermäßig viel Platz gewidmet, man sollte es im Rahmen des Landestheaters auch nicht überschätzen, und so bieten rund 30 weitere Textbeiträge in dem reich und beeindruckend illustrierten Werk Gelegenheit nachzuvollziehen, wie wichtige Player der anderen Bereiche die letzten zehn Jahre erlebt haben. So hat etwa der österreichische Autor Franzobel, er hat drei Sprechstücke und drei Libretti für das Haus geschrieben, ebenso einen Beitrag abgeliefert wie der österreichische Dramatiker Thomas Arzt. Arzt kam 2011 als Thomas-Bernhard-Stipendiat ans Haus und schrieb hier in den drei Monaten seines Aufenthaltes das Theaterstück »Alpenvorland«. Sein Beitrag für den Jubiläumsband zeigt sehr schön, mit welchen Vorurteilen man Linz anfangs begegnen kann, wie aus einer »Linz ist Provinz«-Einstellung fast das Gegenteil wird.
»Wege entstehen dadurch, dass man sie geht«, der Titel des Buchs, ist ein Zitat von Franz Kafka. Einen neuen Weg wird der nächste Intendant im Musicalbereich gehen, nämlich den der Uraufführungen. Die erste große Uraufführung der Musicalsparte musste besetzungsbedingt in die erste Spielzeit der neuen Intendanz verschoben werden.

Landestheater Linz und Theater der Zeit (Hg.): Wege entstehen dadurch, dass man sie geht. Landestheater Linz 2006 bis 2016. Theater der Zeit. Berlin 2015. 208 S. (Broschur) ISBN 978-3-95749-044-5. 20,00 Euro. [www.theaterderzeit.de]

Peter Filichia: The Great Parade

filichia.jpgDer Autor und Journalist Peter Filichia (1946) ist einer der pointierten Erzähler auf dem Gebiet der amerikanischen Theaterliteratur (»Strippers, Showgirls and Sharks: A Very Opinionated History of the Broadway Musicals That Did Not Win the Tony Award« (2013), »Broadway Musical MVPs: 1960–2010: The Most Valuable Players of the Past Fifty Seasons« (2011)). Nach seiner aktiven Berufslaufbahn als Theaterkritiker bei diversen Zeitungen ist er neben der Tätigkeit als Buchautor nun online als Kolumnenschreiber präsent, so etwa für Kritzerland (kritzerland.com/filichia.htm; wöchentlich), masterworksbroadway.com und Music Theatre International (mtiblog.mtishows.com). Vier Mal wurde er zum Präsidenten der Drama Desk Awards gewählt, darüber hinaus ist er Verfasser vieler Booklets für Cast CDs.
Worum es in seinem neuen Buch geht, erschließt sich aus dessen Untertitel: Broadway’s Never-to-be-forgotten 1963–1964 Season«. 75 Produktionen (Sprech- & Musiktheater) kamen 1963/64 in die Broadway-Theater, die brandneuen Musicalshows hießen: »Hello, Dolly!«, »Funny Girl«, »Here’s Love«, »Anyone Can Whistle«, »110 in the Shade«, »The Girl Who Came to Supper«, »High Spirits«, »The Student Gypsy«, »What Makes Sammy Run?«, »Jennie«, »Fade Out – Fade In«, »Rugantino« und »Cafà© Crown«, dazu gab’s noch Revivals von »West Side Story« und »My Fair Lady«.
Es war die Saison der Stars. Carol Channing in »Hello, Dolly!«, Barbra Streisand in »Funny Girl«, Carol Burnett in »Fade In – Fade Out«. Aber auch das Sprechtheater hatte in diesem Jahr die Großen zu Gast: Richard Burton gab den Hamlet, Sir Alec Guiness spielte Dylan, Albert Finney Luther, Kirk Douglas und Gene Wilder waren die Stars von »Einer flog über das Kuckucksnest«, Paul Newman & Joanne Woodward waren in »Baby Want a Kiss« zu sehen, Robert Redford in »Barefoot in the Park«, Gene Hackman in »Any Wednesday« – und das waren längst nicht alle.
Diese Spielzeit ist wie geschaffen für den Anekdotenspezialisten Filichia. Er bietet Hintergrundinfos zu den großen Flops der Saison und zu den Hits. Im Anhang findet man zu jeder Produktion die Anzahl der Aufführungen, die erreicht wurde, sowohl die für einen Tony Nominierten und mit einem dieser Awards Ausgezeichneten als auch die prominentesten Nichtnominierten werden aufgelistet.
In einem eigenen Kapitel behandelt Filichia die veröffentlichten Tonträger der Shows von 1963/1964. 1983 veröffentlichte das Fachmagazin BILLBOARD eine Auflistung der »Top 20 Original Cast Albums of The Last 20 Years«, beginnend mit 1962. In den Top 5: »Hello, Dolly!« (1964): 90 Wochen in den Charts, erreichte Platz 2; »Funny Girl« (1964): 51 Wochen in den Charts, erreichte Platz 2; weiters in den Top 20: »What Makes Sammy Run?« (1964): 14 Wochen in den Charts, erreichte Platz 28, »The Girl Who Came to Supper« (1963): 14 Wochen in den Charts, erreichte Platz 33 und »110 in the Shade« (1963): 15 Wochen in den Charts, erreichte Platz 37. Auffallend: Elf der 20 erfolgreichsten Cast Records von 1962 bis 1983 stammen von Shows, die in einem engen Zeitraum ihre Broadway-Premiere feierten, nämlich in den zwei Jahren von März 1962 bis März 1964.
Ein weiteres Kapitel ist einem der bedeutendsten politischen Ereignisse dieser Zeit gewidmet: der Ermordung von John F. Kennedy am 25. November 1963 – und wie man am Broadway darauf reagierte. Das Magazin »Variety« textete flapsig: »All Show Biz Dims in Grief«. Eine kleine Anekdote darf nicht fehlen: »A week after the assassination, Jacqueline Kennedy gave an interview to noted historian Theodore H. White. While musing about the human side of the president, she said, ‚The song he loved most came at the very end of this record, the last side of Camelot, sad Camelot: ‚Don’t let it be forgot, that once there was a spot, for one brief shining moment that was known as Camelot.‘‘ Since then, of course, ‚Camelot‘ has been the unofficial name of the Kennedy administration.« Alle Shows gingen 24 Stunden nach dem Tod des Präsidenten zwar wieder über die Bühne, doch bei etlichen hinterließ das Attentat Spuren. Es wurden Szenen und Texte geändert (im Titelsong der Show »Here’s Love« wurde etwa aus der Textzeile »JFK to U.S. Steel« nun »C.I.A. to U.S. Steel«, was völlig sinnbefreit war, aber der Hektik geschuldet war, in der man Anpassungen dieser Art vornehmen musste) , die für den 23. November geplante TV-Premiere des Films »Singin’ in the Rain« wurde in den Dezember verlegt … Filichia rekonstruiert all die Folgen der Ermordung Kennedys detailliert.
1963/1964 waren Minderheiten ein wichtiges Thema. Dazu bietet der Autor einiges an Material, etwa über eine der Minderheiten, die doch noch ein paar Jährchen auf Akzeptanz warten musste. Filichia zitiert aus der 1964 erschienenen Ausgabe des »Webster’s Dictionary« die Definitionen des Wortes »gay«. Eine Bedeutung im Sinne von »homosexuell« sucht man vergeblich, und viele Broadway-Autoren hielten sich streng an die Webster’s-Definition. Filichia: »Were Broadway’s playwrights unaware of a more sexually charged meaning of ‚gay‘? Of course not. But they knew what the word still meant to much of the theatregoing public.« Ja, 1963 hatte Musical wohl tatsächlich eine andere Zielgruppe? Filichia: »The erroneus belief that musicals were the exclusif province of gays wouldn’t take hold for some years. In 1963–64, musicals were still considered the domain oft he upper middle class (and higher) with decidedly heterosexual inclinations.«
Ein Buch, das viele Musicalfans wohl ganz gern unterm Weihnachtsbaum finden würden.

Peter Filichia: The Great Parade. Broadway’s Astonishing Never-to-be-forgotten 1963–1964 Season. St. Martin’s Press. New York 2015. 290 S.; (Hardcover) ISBN 978-1-250-05135-6 [www.stmartins.com]

Grace Barnes: Her Turn On Stage

Dieses Buch weckt schon bei der Danksagung meine Neugier: »My profound thanks to Cameron Mackintosh and Des McAnuff for so clearly demonstrating to me just how deeply prejudice against women in musical theatre can run and for inspiring me to write this book.«
Grace Barnes, die 1965 in Schottland geborene Autorin des Werks »Her Turn on Stage«, hat ihre Erfahrungen mit Mackintosh gemacht, etwa als Resident Director Anfang der 2000er-Jahre bei dem von ihm produzierten Musical »The Witches of Eastwick« im Londoner Theatre Royal Drury Lane. Als Einleitungszitat zum Buch, prominent auf einer eigenen Seite platziert, findet sich folgende nette Erinnerung an Sir Cameron: »â€šThere’s too many bloody women in that building.‘ – Sir Cameron Mackintosh in 2001, referring to the Theatre Royal Drury Lane, where The Witches of Eastwick were playing.«
Barnes ist als Regisseurin und Bühnenschriftstellerin bekannt. Gemeinsam mit Matt Connor (Musik) schrieb sie die Musicals »Nevermore« (2007) und »Crossing« (2013), aber auch Sprechtheaterstücke. In Deutschland, England und Australien war sie im Kreativteam von Shows wie »My Fair Lady«, »Fiddler on the Roof«, »Sunset Boulevard« oder »Martin Guerre«.
Die Rolle von Frauen im Musicalgenre analysiert die Autorin gelassen: »No accusations, no threats; just a truthful exploration of the current state of affairs.« Als Kampfemanze geriert sie sich in ihrem Buch wahrlich nicht, vielmehr als eloquente Insiderin mit einer großen Leidenschaft für das Musicalgenre. Ein paar Zahlen am Beginn: Zwei Drittel der Theaterbesucher am Broadway sind Frauen (8,2 Mio. Frauen vs. 4,4 Mio. Männer; Stand 2011). Diesen Umstand interpretiert sie pointiert: »This is an industry that relies on women and their financial input for support. Remove them from the audience, and the few gay men are left will not guarantee the genre a future.« Barnes hat eine ganze Reihe von Punkten, die sie dem männerdominierten Musicalgenre vorwirft. Der simpelste Vorwurf wäre, dass dem frauendominierten Publikum nur so wenige Frauen auf der kreativen Seite gegenüberstehen. Doch das ist noch ihr harmlosestes Argument.
Eine gewichtigere These: In den letzten beiden Jahrzehnten, so die Autorin, gehe der Trend da hin, Frauen aus dem Rampenlicht zu verdrängen. Schrieben früher Musicalautoren Glanzrollen für weibliche Stars (Julie Andrews/My Fair Lady; Patti LuPone/Evita, Angela Lansbury/Mame; Chita Rivera/West Side Story; Barbra Streisand/Funny Girl etc.), waren früher also Frauen die Stars der Shows, so dominieren nun die Jungs. Die Valjeans, Mormonen, die Boys der Four Seasons, Newsboys, Boxer, Dragqueens, Balletttänzer und Bodyguards oder die Show an sich. Frage: »Are male writers and producers deliberately removing women from Center stage and demoting them to ensemble roles, or is this simply a reflection of the changing style of the genre?«
Weitere Beobachtungen. Beispiel: »Les Misà©rables«. In einem Interview, das Barnes mit Anneke Harrison führte, meinte diese: »The students are all great characters, they’ve all got names, they were all very well researched from the book, and that’s fantastic. They’ve all got very individual looks, and they’re all young, beautiful, idealistic young men. But the women are not named. It’s Crone One, Crone Two. Whore One, Whore Two.«
Oder: 2011, Premiere des Broadway-Revivals von »On a clear day«. Ben Brantley (»The New York Times«) schreibt in seiner Kritik: »The big difference is that Daisy is now David, a gay florist with commitment issues« … und geht dann darauf ein, was dieser Umstand für die musikalische Umsetzung bedeutet. Er beurteilt das vorgenommene Gender Switching in keiner Weise, David Rooney vom »Hollywood Reporter« lobt sogar die Idee: »Respect to Michael Mayer …« Und Barnes fragt: »Respect for what exactly? Getting rid of another leading lady? (…) What would Brantley and Rooney’s reaction be to (…) Patti LuPone announcing her intention to play Jean Valjean with a lesbian subtext?«
In dem hochinteressanten Kapitel »He’s No Good, but I’m no Good Without Him« beschäftigt sich die Autorin mit Musicals, in denen die weibliche Hauptrolle aus der Perspektive des männlichen Protagonisten dargestellt wird. Dazu zählt auch »Next to Normal«. Barnes: »Let’s be honest here: It is a male view of a female depression, and the writers appear to be stuck in theories from the 1950s in terms of the causes and treatment of mental illness among women. (…) It may claim to be Diana’s story, but it is told from her husbands’s point of view. A female lyricist would perhaps have led us to a deeper understanding of the sufferings of the female patient rather than focusing our attention on how her husband copes.« Ein Song aus der Show bringt die Problematik auf den Punkt: »Superboy and the Invisible Girl« – genau der Umstand sei, so Barnes, für die Musicalbranche kennzeichnend.
Was zeichnet dieses Buch aus? 1) Es wurde von einer Frau geschrieben, die von der Praxis kommt und aus der Praxis schreibt. Sie braucht keine 2000 Querverweise auf 4000 Werke der Sekundärliteratur. Der Anhangteil zu jedem der acht Kapitel ist überschaubar. 2) Für ihr Buch führte sie ausführliche Interviews mit Damen wie Susan Stroman, Rebekka Luker, Geraldine Turner, Rebecca Caine und anderen. 3) Barnes hat alles andere als eine feministische Suada abgeliefert. Ihre Analysen sind pointiert formuliert, knackig und haben einen ganz eigenen Humor. So meint sie etwa zu »Wicked«: »Can Glinda and Elphaba really claim to being empowering role models when they are fulfilling every sterotype – the cute one is good, the ugly one bad – and they spend most of the show fighting for the same boy?« 200 Seiten Musicalgeschichte aus einer ganz eigenen Perspektive. Nicht nur für FeministInnen.

Grace Barnes: Her Turn On Stage. The Role of Women in Musical Theatre. McFarland & Company, Inc., Publishers. Jefferson 2015. 210 S.; (Softcover) ISBN 978-0-7864-9861-1 [www.mcfarlandpub.com]

Johannes Kunz: Frank Sinatra und seine Zeit

Am 12. Dezember 2015 jährt sich zum 100. Mal Frank Sinatras Geburtstag. Aus diesem Anlass erscheinen diverse Neuauflagen seiner Platten als CDs, Konzerte als DVDs und natürlich Bildbände und Biografien.
Das vorliegende Buch sticht heraus. Vor allem durch seinen Verfasser, Johannes Kunz. Er hat nicht nur den Salzburger Jazz-Herbst gegründet und ihn von 1996 bis 2012 geleitet hat, sondern war von 1986 bis 1994 ORF-Fernseh-Informationsintendant und von 1973 bis 1980 Pressesprecher des österreichischen Bundeskanzlers Bruno Kreisky. Diese Verbindung von Jazz, Showbusiness und Politik im Berufsleben des Buchautors lässt ihn eine ganz eigene und hochinteressante Erzählperspektive bei seiner Sinatra-Biografie wählen. Er achtet darauf, die Karriere des Entertainers im Kontext von Politik und Gesellschaft zusammenzufassen und zu analysieren. Herausgekommen ist ein Stück spannende Lektüre, stets auch im Spiegel von Pressemeldungen geschrieben. Etwa wenn Kunz Sinatras Hollywoodstreifen wie die Verfilmung des Musicals »Higher and Higher« (Richard Rodgers & Lorenz Hart) aus dem Jahr 1943 behandelt oder einen der wohl wichtigsten Faktoren der Karrriere Sinatras herausarbeitet: Song Choice. 1946 »Ol’ Man River« (im Film »Till The Clouds Roll By« und viele Jahre bei Konzerten) zu singen, war unter anderem ein Statement. Kunz: »Der Song stammt aus dem Musical ‚Show Boat‘ und passte zur damaligen politischen Einstellung Sinatras. Denn Kern und Hammerstein griffen ein Tabuthema auf: In ‚Show Boat‘, basierend auf dem gleichnamigen Roman der amerikanischen Schriftstellerin Edna Ferber, tritt ein gemischtrassiges Künstlerpaar auf, während die Rassengesetze im Süden der USA ‚Mischehen‘ untersagten. Und im Evergreen ‚Ol’ Man River‘ bedient sich der Heizer Joe des afroamerikanischen Idioms. Farbige wurden nicht mehr als Clowns dargestellt, ganz im Gegenteil. (…) Frank Sinatra kannte den Rassismus aus nächster Nähe. Viele afroamerikanische Künstler mit denen er arbeitete, waren mit der Segregation konfrontiert. Zwar jubelte ihnen das weiße Publikum zu, doch mussten sie auf Tourneen durch den amerikanischen Süden in schlechten, ausschließlich Afroamerikanern vorbehaltenen Hotels nächtigen. Dazu kamen verbale Demütigungen und oft auch Gewalttaten.« Die Kritiker konnte Sinatra mit seiner Version übrigens nicht überzeugen. Kunz: »(Sie) vermerkten negativ, dass er dieses Klagelied der Afroamerikaner über die Unterdrückung durch die Weißen in kitschiger Aufmachung auf einem weißen Podest in einem weißen Smokig mit weißen Schuhen interpretiert habe. ‚Life‘ sprach sogar von der ‚schlimmsten Leinwandzumutung‘ des Jahres.«
»Guys and Dolls« und »High Society« widmet sich Kunz ebenso wie der Bedeutung Sinatras als Interpret des »Great American Sonkbook«. Sein Fazit: »Als Frank Sinatra geboren wurde, tobte der Erste Weltkrieg, als er zum Schallplattenstar wurde, begann der Zweite Weltkrieg, und als er starb, lebten sechs Milliarden Menschen auf der Erde, der Kommunismus war implodiert, China eine neue Supermacht und das digitale Zeitalter längst ausgebrochen. In mehr als sechzig Jahren, in denen Sinatra mehrere Generationen als Sänger begleitet hat, lieferte er den Soundtrack zum Leben seiner Zeitgenossen.«
50 Seiten umfasst der Anhang. Eine Kurzbiografie, eine Diskografie (Auswahl) und eine Filmografie sowie eine Bibliografie und ein Register sind mit dabei. Und natürlich gibt es auch einen 22-seitigen Bildteil. Gelungen und lesenswert.

Johannes Kunz: Frank Sinatra und seine Zeit. LangenMüller, München 2015. 272 S., (Hardcover) ISBN 978-3-7844-3384-4. EUR 22,00

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