Martin Bruny am Dienstag, den
14. Februar 2017 um 03:41 · gespeichert in West End, Musical
Erst kürzlich hat sich Sir Andrew Lloyd Webber zu Wort gemeldet mit dem Statement, im Vergleich zum Broadway würde das West End zunehmend ins Hintertreffen geraten:
The thing we have to think about right now in Britain is that America has basically taken the lead again. There are 13 new musicals coming on to Broadway this year and there are only two new musicals in London. What’s happened is that in America there are masses and masses of theatres where you can try things out and perfect material before they ever get near to Broadway. (itv.com)
Doch es gibt Hoffnung. Vielleicht entwickelt sich ja das neue Musical »Everybody’s Talking About Jamie« zu einem Hit. Bevor es aber möglicherweise ab ans West End geht, ist die Show noch bis 25. Februar in Sheffields »Crucible Theatre« zu sehen, wo sie am 13. Februar ihre Uraufführung feierte. Dan Gillespie Sells (geboren 1979), Leadsänger der englischen Band The Feeling, komponierte für »Everybody’s Talking About Jamie« schmissige Popsongs, Tom MacRae (geboren 1980) ist für das Buch verantwortlich. MacRae hat sich als Autor für das englische TV einen Namen gemacht, so lieferte er unter anderem das Buch für eine Episode des Erfolgsserie »Dr. Who«.
Wie die beiden einander kennengelernt haben, erzählt Gillespie Sells gerne als amüsante Anekdote: »I was at a demonstration against Pope Ratzinger (Pope Benedict XVI) and his stance on using condoms to prevent the spread of HIV and my friend Russell Tovey introduced me to a mutual friend of his who turned out to be Tom. We just hit it off straight away and realised we had a lot of common interests and realised very quickly that we would like to work with each other.«
»Everybody’s Talking About Jamie« basiert auf wahren Erlebnissen des Engländers Jamie Campbell, der bereits als Fünfjähriger seine Liebe für Frauenkleidung entdeckt und mit 16 Dragqueen werden will. Zum Abschlussball an seiner Highschool geht er in einem Kleid. Das Leben des heute 21-jährigen Campbell wurde einer breiten Öffentlichkeit durch die 2011 entstandene BBC3-Doku »Jamie: Drag Queen at 16« bekannt – eine Doku, die Jamie selbst angeregt hat. Seine Überlegung, wie er in einem Interview erzählte: »Wenn ich von fünf Kameramännern begleitet werde, werden sich die Kids an meiner Schule nicht trauen, mich zu verprügeln.«
Das Musical selbst ist nicht streng autobiografisch gehalten, um der Story mehr dramatische Sidesteps zu ermöglichen. Die Hauptstory erzählt vom 16-jährigen Jamie, der vor seinen CGSEs steht. Der Vater hat die Familie verlassen, in der Schule ist Jamie ein Außenseiter. Sein Ziel ist es, Dragqueen zu werden, aber er traut sich nicht, das auch durchzuziehen. Schließlich fordert ihn seine beste Freundin Pritti, ein muslimisches Mädchen, heraus, zum Schulball in einem Kleid zu gehen. Eine klassische Coming-of-age-Geschichte soll es sein, keine Coming-out-Story, wie die Macher der Show betonen, denn geoutet hat sich der Protagonist schon lange, das ist von Anfang an klar.
Erste Kritiken fielen recht euphorisch aus (siehe –> hier und –> hier)
Leading Team
Buch: Tom MacRae
Musik: Dan Gillespie Sells
Regie: Jonathan Butterell
Musical director: Tom Brady
Choreografie: Kate Prince
Design: Anna Fleischle
Licht: Joshua Carr
Sound: Paul Groothuis
Cast John McCrea, Mina Anwar, Luke Baker, Tamsin Carroll, Charles Dale, Spencer Stafford, Josie Walker, Daniel Anthony, Courtney Bowman, Gabrielle Brooks, Raj Ghatak, James Gillan, Barney Hudson, Kush Khanna, Harriet Payne, Shiv Rabheru, Lucie Shorthouse, Kirstie Skivington
Bei Wilson Way Records ist das Concept Album zur Show erschienen. Zu hören sind John McCrea (Jamie), Josie Walker (Margaret) und Gillespie Sells sowie Sophie Ellis Bextor und Betty Boo.
Track List
Don’t Even Know It
The Wall in My Head
Spotlight
The Legend of Loco Chanel (and the Blood Red Dress)
If I Let Myself
Work of Art
Over the Top
Everybody’s Talking About Jamie
At 16
It Means Beautiful
He’s My Boy
My Man, Your Boy
Martin Bruny am Samstag, den
11. Februar 2017 um 23:27 · gespeichert in Musical
Crowdfunding nennt sich eine Finanzierungsmethode, die immer populärer wird. Die Crowd, das sind, wenn sich das Ganze via WWW abspielt, alle Internetuser, die mit einem finanziellen Beitrag helfen, Projekte zu unterstützen. Die WKO hat recherchiert, dass bereits im Jahr 2012 mehr als 1,1 Millionen Kampagnen weltweit via Crowdfunding abgewickelt wurden.
Auch im Musicalbereich wird diese Finanzierungsmethode immer öfter eingesetzt. Zum Teil geht es darum, CD-Einspielungen zu unterstützen oder etwa das Set Design mitzufinanzieren. Was die Art der Abwicklung betrifft, gibt es je Crowdfunding-Plattform unterschiedliche Umsetzungsmethoden. Nehmen wir die Plattform startnext.com. Hier setzt derjenige, der ein Projekt von der Crowd finanzieren lassen möchte, einen Betrag fest, den er erreichen will. Schafft er sein Ziel, bekommt er ihn ausbezahlt (abzüglich Gebühren etc.). Wird der Betrag nicht erreicht, bekommen alle Unterstützer ihr Geld zurück. Eine faire Angelegenheit. Die natürlich von hintertriebenen Schurken auch ausgenützt werden kann.
Ein fiktives Beispiel. Ich möchte mir gerne eine CD-Einspielung von der Crowd finanzieren lassen. Dafür hätte ich gerne 15.000 Euro. Ich habe das Prinzip dieser Finanzierungsform verstanden und beginne die bei startnext »Dankeschöns« genannten Gegenleistungen für die Summen, die die Crowd zur Verfügung stellt, schon bei einem Euro. Ich staffle und staffle, kümmere mich intensiv um das Projekt, poste Updates etc. und schaffe am Ende die Finanzierungsphase mit Hunderten Kleinspenden. Wie man erfolgreich über Crowdfunding Projekte diese Art abwickelt, kann man zum Beispiel von Amanda Palmer lernen.
Anders machen es die hintertriebenen Schurken. Sie rechnen folgendermaßen: Ein paar Leute werden sich für das Projekt interessieren, Sie werden vielleicht »Dankeschöns« wie eine signierte CD wollen oder eine Erwähnung im Booklet. Was man dafür als Unterstützer zahlen muss, hält sich im Rahmen und ist völlig üblich. Aber der typische hintertriebene Schurke rechnet nicht damit, dass sein Crowdfunding-Projekt wirklich Erfolg haben wird, das entspricht nicht seinem Charakter. Er hat Angst, dass all das Geld, dass ihm die Leute, die sich für das Projekt begeistert haben, zur Verfügung stellen, durch die Lappen gehen könnte, wenn nicht die gesamte Summe aufgebracht wird. Daher baut er in seine »Dankeschöns« Sicherheitsstufen ein. Jede einzelne dieser Sicherheitsstufen kostet unverhältnismäßig viel, einige wenige »Dankeschöns« reichen, um 50 Prozent des Ziels zu finanzieren. Zum Beispiel verkauft er eine Werbeseite im Booklet, Producer-Credits oder vielleicht eine Privatshow. Es ist natürlich relativ leicht, am Ende des Projekts zu prüfen, ob »verkaufte« Werbeseiten auch tatsächlich im Booklet aufscheinen und ob »verkaufte« Producer-Credits auch tatsächlich vermerkt sind. Ist keine Werbeseite im Booklet zum Beispiel, darf munter spekuliert werden, wer und und warum dieser jemand Geld dafür ausgegeben hat. Hat man den Verdacht, dass jemand Missbrauch betreibt, kann man das melden. Aber vielleicht ist es noch interessanter, zu warten, bis die Machenschaften solcher Leute bei einem anderen, noch viel peinlicheren Fall auffliegen.
Martin Bruny am Samstag, den
4. Februar 2017 um 23:00 · gespeichert in Musical, Wien
Auf futurezone.at war in den letzten Tagen ein Beitrag zu lesen mit dem Titel »Wenn der Innenminister vor eure Türe scheißt«. Angeblich intervenierte die ÖVP ob der eindeutigen Wortwahl, der Chefredakteur des »Kurier«, Helmut Brandstätter, jedenfalls, gleich ob Intervention oder nicht, ließ den Titel und Teile des Inhalts ändern. Wer das nachverfolgen möchte, kann das –> hier gut nachlesen. Die Diskussion, ob das Zensur oder nicht ist, erspar ich mir.
Die Brücke zum eigentlichen Thema des Beitrags ist leicht geschlagen. Brandstätters Vorgehen brachte das Gegenteil des Gewünschten, der sogenannte »Streisand-Effekt« kam voll zur Wirkung. Als »Streisand-Effekt« bezeichnet man den Versuch, eine unliebsame Information zu unterdrücken oder entfernen zu lassen. Dieser Versuch zieht in der Folge öffentliche Aufmerksamkeit nach sich und man erreicht das Gegenteil dessen, was man erzielen wollte. Benannt nach Barbra Streisand – und schon sind wir beim Musical gelandet. Was für ein Zufall, genau in der Branche, in der gelogen wird wie sonst kaum wo. Wobei: Lügen … Wir leben ja in Zeiten der »alternativen Fakten«. Fast könnte man meinen, Donald Trump habe mal einen Fernkurs bei Thomas Drozda gebucht, denn was Drozda in seiner Zeit bei den VBW an alternativen Fakten geliefert hat, war sensationell.
Kann sich noch jemand daran erinnern, als er uns das Musical »Der Besuch der alten Dame« eine Zeit lang als »Uraufführung« oder »Wiener Uraufführung« andrehen wollte? Was haben wir gelacht. Es war am 27. Mai 2013, als Drozda im obersten Geschoß des Wiener Ronacher sich hinsetzte und diese alternativen Fakten zu einer Produktion, die in der Schweiz ihre Uraufführung erlebte, präsentierte. Nachlesen und nachhören kann man das –> hier. Übrigens eine der letzten Pressekonferenzen, für die ich eine Einladung erhalten habe, aber auch diese Vorgehensweise kennt man (siehe –> hier). Wunderbare »alternative Fakten« gab’s auch in Zusammenhang mit dem Orchester der Vereinigten Bühnen Wien. Hier musste man ernsthaft zwischen »Nichverlängerung« und »Kündigung« von Orchestermitgliedern unterscheiden.
Mit »alternativen Fakten« haben wir es auch immer zu tun, wenn es um den Erfolg der Produktionen der VBW geht. Und da wird die Sache ärgerlich und in jüngster Zeit unerträglich. Die Rahmenbedingungen sind klar. Wir, die interessierte Öffentlichkeit, werden nie genau erfahren, wie erfolglos eine Show gerade ist. Punkt!, wie man bei Trumps Administration sagen würde. Wir werden deswegen nie erfahren, wie schlecht es um eine Produktion steht, weil eine wichtige Angabe zu den Ticketverkäufen verschwiegen wird: die genaue Anzahl der zum Vollpreis verkauften Karten, die genaue Anzahl an ermäßigten und verschenkten Karten pro Abend. Erfahren wir nicht. Insofern sind alle Angaben, die wir von den VBW zur Auslastung erhalten, uninteressant. Denn wir wissen nicht, worauf sich diese Angaben genau beziehen.
Ob Mark Seibert da mehr Informationen hat, wissen wir ebenfalls nicht, aber als nibelungentreuer VBW-Angestellter hat er sich vor einigen Tagen in die Schlacht geworfen und gepostet: »bei Schikaneder von Flop zu reden, finde ich schon etwas übertrieben…und ich versuche das so neutral wie möglich zu sehen…« Da würde ich doch nun gern mehr über die Faktenlage wissen. Mir ist klar, dass man den Flop eines Musicals nicht nach Besucherzahlen definieren muss. Ich habe abstruse Artikel in Musicalmagazinen über »Schikaneder« gelesen. Man konnte mitverfolgen, dass ein Hollywoodstar die Show besucht hat. Auch so kann man marketingmäßig »alternative Fakten« schaffen. Fakt ist, dass die Laufzeit verkürzt wurde. Fakt ist, dass es für diesen Sonntag bei Wien-Ticket 311 freie Karten gibt, wobei im 2. Rang nur Stehplatzkarten angezeigt werden, also vermutlich der 2. Rang gesperrt ist (Stand:4.2., 23.00 Uhr). Man sollte als Darsteller seinem Arbeitgeber loyal gegenüber sein, aber alles hat Grenzen. Das Schaffen von »alternativen Fakten« wäre eine Grenzüberschreitung.
Martin Bruny am Donnerstag, den
2. Februar 2017 um 02:58 · gespeichert in Musical, Broadway, News
Am Broadway war er 2015 als Melchior Gabor im Broadway-Revival von »Spring Awakening« zu sehen, einer Produktion des Deaf West Theatre, in der mit Gebärdensprache gearbeitet wurde (McKenzie hat Gebärdensprache am Columbia College Chicago studiert). 2017 startet der Film »Speech & Debate« mit ihm in den US-Kinos, und die Mini-TV-Serie »When We Rise« des Senders ABC, in der er ebenfalls zu sehen ist, soll eines der TV-Highlights des Jahres werden.
Martin Bruny am Mittwoch, den
1. Februar 2017 um 13:39 · gespeichert in Musical, Wien, Theater, News
Im neuen Wiener Theater Bronski & Grünberg feiert heute die Produktion »Anti_Gone«, Text/Dramaturgie und Musikalische Leitung: Aristoteles Chaitidis, Premiere. Der interessante Plot des Stücks, das die antiken Klassiker »Iphigenie« und »Antigone« in die Jetztzeit transferiert, liest sich wie folgt:
Im Wartezimmer von Prof. Freud sitzt die gelangweilte Iphigenie. Mit dem Handy in der Hand und manchmal in Zeitschriften blätternd, wartet sie auf ihre Mutter Klytämnestra. Als sich wenige Minuten später die unbändige Antigone, wegen zwangsverordneter Therapie, ebenfalls in den Wartebereich gesellt, wird sie von der jugendlich-naiven Iphigenie in therapeutischen Rollenspielen mit ihrem Schicksal konfrontiert. Antigone, beunruhigt, versucht immer wieder Sicherheit im Konsum einer Zigarette zu finden, doch Rauchen ist nicht gestattet. Und wieder sieht sie sich zerrissen zwischen dem Wunsch nach Freiheit und der gesellschaftlich kollektiven Vereinbarung. Dieser Konflikt lässt sich ohne Gewalt nicht lösen.
Regie: Steve Schmidt
Text/Dramaturgie/Musikalische Leitung: Aristoteles Chaitidis
Choreographie: Rino Indiono
Mit: Aleksandra Corovic (Antigone), Julia Edtmeier (Iphigenie), Jan Walter (Wächter), Alfred Pschill (Klytämnestra)
Musik: Antonio Chorbadzhiyski
Kostüm: Katharina Kappert
Destruktion
Neues am Theatersektor entsteht in Wien oft durch die Vernichtung alter Strukturen. Ein wunderbares Beispiel ist ebenjenes Theater, Bronski & Grünberg, in dem heute »Anti_Gone« zum ersten Mal über die Bühne geht. Dieses Theater konnte in den Räumlichkeiten, die es bespielt, entstehen, weil ein Wiener »Beamte« sich vor einigen Jahren entschlossen hatte, dem ehemaligen International Theater, das an die 27 Jahre ebenda gespielt hatte, die Zuschüsse zu kürzen, und zwar um 50.000 Euro pro Jahr. Das International Theater verlor damit seine Existenz.
Nicht immer gelangen Meldungen über finanzielle Maßnahmen vonseiten der Stadt an die Öffentlichkeit. Oft hört man, dass Theaterfreaks reihenweise ihre Theater einfach so aufgeben wollen, natürlich nie unter Druck, versteht sich. Unter die Zuständigkeit desselben »Beamten« fiel ja auch die Schließung des stadtTheaters in der Walfischgasse. Da wollte die Leiterin einfach nicht mehr. Jaja, das kann schon passieren. Man investiert lange Jahre sein Herzblut in ein Theaterprojekt, und dann will man halt einfach nicht mehr. Aus dem Theater Walfischgasse wurde eine Nebenstelle der Wiener Staatsoper, und aus dem International Theatre wurde vorerst mal nichts. Zumindest aus den Räumlichkeiten. Denn als »Nachfolger« der dem International Theatre gewährten finanziellen Mittel etablierte sich rund um den gebürtigen Steirer Eric Lomas der Theaterverein »Open House Theatre«, der diverse Räumlichkeiten bis heute bespielt, aber nicht jene des »Vorgängers«. Lomas’ Pläne waren groß, aber nach ein paar Jahren verabschiedete er sich von dem Theaterverein, der freilich weiterhin existiert, laufen doch die Förderungen noch.
Destruktion ist ein wesentliches Arbeitsmittel im Kulturleben der Stadt. Stichwort Ateliertheater. Stichwort Interkulttheater. Stichwort Kammeroper. Aktuell ist das Stadtkino bedroht. 150.000 Euro weniger an Subventionen bekommt es 2017 vom zuständigen »Beamten«, der sich laut Presseberichten nicht einmal zu einem Treffen mit den Leitern des Stadtkinos bereiterklärt.
Zerstören wir die VBW?
Was haben doch die VBW für ein Glück, dass sie ihre Subventionen auf andere Wege erhalten. Noch. Denn das Prinzip Destruktion würde auch in diesem Fall Wunder wirken. Wie? Das einzige Asset, über das die VBW verfügen, ist das Orchester. Selbst da wurde an Strukturen in den letzten Jahren so viel unwiederbringlich zerstört, dass man auch das infrage stellen könnte. Aber gehen wir davon aus, dass das Orchester jenes Asset ist, das bleiben muss. Wir haben zwei Theater und ein Orchester (für den Musicalbereich). Was wir nun brauchen, ist ein Plan. Und eine Vorgehensweise. Der Plan lautet, aus den VBW ein Unternehmen zu machen, das Musical als Kunstform auffasst. Dessen Leiter das Schaffen von Musicals, den kreativen Prozess, nicht als »Denksportaufgabe« bezeichnet. Er mag dies beim Bingospielen oder sonstwo in privatem Rahmen machen, aber nicht in einem Interview mit einer Tageszeitung. Um das zu erreichen, ist es notwendig, die VBW zu zerstören – und natürlich wieder aufzubauen.
Denken wir zurück an die 1980er-Jahre. Peter Wecks großes Verdienst war es, das Long-Run-Musical in Wien zu etablieren. Und die Idee, Musicals in Auftrag zu geben, die ebenso lange liefen wie internationale Erfolgsshows. Seinem Nachfolger ist das weniger gut geglückt, und spätestens in der Ära Zechner hätte man merken müssen: Wenn wir es nicht schaffen, für die VBW eine Leitung zu engagieren, die ähnlich innovativ wie damals Peter Weck denkt, dann müssen wir neue Wege gehen. Sehen wir uns das Theater an der Wien an. Da protzt der Leiter damit, dass er genau ausrechnen kann, wie viele Zuschauer pro Produktion möglich sind, und genau so viele Vorstellungen werden dann angesetzt. Zwei, drei, vielleicht vier. 20 Schließtage pro Monat (oder etwas weniger)? Kein Problem. Warum? Es handelt sich um Opern und um höchste Qualität (und demgemäß um eine andere Organisationsstruktur). Und das ist das Grundübel in der Wiener Musicallandschaft. Musical wird nicht der Stellenwert beigemessen, den es haben könnte. Aufgabe der VBW muss es sein, die Kunstform Musical zu bedienen, nicht »Elisabeth« nach Shanghai und Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch zu exportieren, auch wenn die Gemeinde in Wales sicher recht hübsch ist. Dazu ist es nötig, neu zu denken. Es gab diesen Plan, es gab einen Mann, der das Unternehmen VBW neu denken wollte, aber er kam bei der letzten Intendantenwahl nicht zum Zug. Die Spaltung der VBW in Musical und Oper muss aufgebrochen werden, das Theater an der Wien, das Raimund Theater und das Ronacher müssen Oper und Musical zur Verfügung stehen. Es gilt neue Strukturen zu schaffen. Wenn Long-Run nicht mehr funktioniert, dann wird dieses Prinzip aufgegeben. Es kann nicht das Modell der Kulturstadt Wien sein, Musical als Quatschtheater zu finanzieren. Das mag vielleicht noch eine Zeit lang gutgehen, aber dann wird man die finanziellen Mittel anders verteilen, und aus dem Ronacher wird vielleicht wirklich ein Schwimmbad, wie das in einer Musicalparodie der VBW schon einmal herbeifantasiert wurde.
Martin Bruny am Dienstag, den
31. Januar 2017 um 00:53 · gespeichert in Musical, Wien
Was mich wundert. Die VBW betreiben auf Facebook mehrere Info-Sites. Für praktisch jede Produktion eine eigene. Dennoch bekommt man relevante Infos nur selten. Beispiel »Musical meets Opera 8«. Da ging das Ankündigungsposting des Vorverkaufsstarts mit der lakonischen Notiz online: Nur mehr Restkarten. Egal ob es dafür eine Erklärung gibt, sie ist nicht relevant.
Nun liest man online, allerdings nicht auf einer der Facebook-Sites der VBW, dass der Vorverkauf zu »Tanz der Vampire« und »I am from Austria« heute, am 31. Jänner um 14 Uhr startet. Ist es so wahnsinnig schwer, ein Facebook-Posting zu formulieren?
Was das Performing Center Austria betrifft, so habe ich schon lange keine große Eigenproduktion außerhalb der natürlich nach wie vor stattfindenden Abschluss- und Weihnachtsshows gesehen. Früher gab es tolle Produktionen etwa im KlubOst (»1070 Wien«), im Raimund Theater (»Finix«) oder (anfangs interessante, danach weniger gute) in der Wiener Stadthalle. Das scheint derzeit nicht stattzufinden – aber vielleicht habe ich es auch einfach nicht mitbekommen.
Was das Kons betrifft, ist seit der Ablöse Erhard Pauers nichts Wesentliches zu berichten. Die letzte Musicalproduktion gab es dort vor einem Jahr unter dem damaligen Leiter Werner Sobotka: »Verschlingt Raoul« – eine völlig missglückte Veranstaltung. Die traditionellen Shows des ersten Jahrgangs zu sehen, ist reines Glücksspiel und hängt meistens davon ab, ob man es irgendwie schafft, an die Information zu gelangen, wann diese stattfinden. Was von Jahr zu Jahr schwieriger wird.
Doch es gibt auf beiden Seiten erfreuliche Neuigkeiten. Das Performing Center Austria hat im aktuellen Abschlussjahrgang zumindest ein großes Talent aufzubieten: Paul Csitkovits. Er war bei der VBW-Produktion »Messiah Rocks« dabei, ebenso bei »Into the Woods« (Vienna’s English Theatre). Die diesjährige Abschlussshow des PCA, »Dernià¨re« lautet der Titel, ist am 28. Februar und am 3. März 2017 im Theater Akzent zu sehen (Infos siehe –> hier).
Die diesjährige Musicalproduktion des Kons, »Grimm!« (Zaufke/Lund), wird mit dem Theater der Jugend erarbeitet. Die Vorstellungen finden vom 15. bis 27. Februar im Wiener Renaissancetheater statt. Regie: Werner Sobotka (siehe Infos –> hier). Ein beide Ausbildungsinstitute verbindendes Element ist der musikalische Leiter der Show, Michael Schnack. Er war von 1994 bis 2010 künstlerischer Leiter der Performing Arts Studios Vienna und setzte in Wien entscheidende Impulse im Off-Musical-Bereich, unter anderem mit einer Serie von Produktionen an der Wiener Kammeroper, bevor sie zweckentfremdet wurde. Nun ist er also »bei der Konkurrenz« (als Studiengangsleiter »Musikalisches Unterhaltungstheater«). Und auch sonst scheint das Kons derzeit gut aufgestellt. Hauptrollen bei den VBW sind nicht selten von Kons-Absolventen abonniert. Das ist an sich positiv und spricht für ihr Niveau. Man muss eines aber dennoch bedenken: Seit Franz Patay Rektor des Kons und Geschäftsführer der VBW ist, wird man auf die Besetzungen genauer hinsehen. Zum Beispiel bei jener des angekündigten Fendrich-Musicals. Ein Abo auf Hauptrollen kann es nicht geben, aber wir werden uns nicht wundern, wenn es dennoch so ist.
Martin Bruny am Samstag, den
8. Oktober 2016 um 12:51 · gespeichert in Musical
APOSTELHOF
Das Wiener Theater im Rabenhof, ursprünglich eine Dependance des Theaters in der Josefstadt, ist dermaßen erfolgreich, dass es sich nun eine eigene Dependance geschaffen hat. Der ehemalige Probenraum und das Lager des Theaters im Rabenhof werden ab sofort bespielt – der neue »Apostelhof« bietet 50 Zuschauern Platz. Unter dem Label »Fringe@Rabenhof« läuft hier derzeit eine wilde Westernshow in drei Teilen. Mehr Infos –> hier
BRONSKI & GRÜNBERG
Das ehemalige International Theatre, ein Juwel, das unter unwürdigen Umständen geschlossen werden musste, wird neu eröffnet. Die Stadt Wien fördert, ein Zehn-Jahres-Plan steht, gespielt wird ganzjährig. 70 Plätze bietet das Theater, geleitet wird es von Kaja Dymnicki, Alexander Pschill, Julia Edtmeier und Salka Weber. Am 9. November geht’s los. Ein voller Spielplan steht auch schon: »Dracula«, »Gefährliche Liebschaften«, »Brave New World«, »Lolita«. Mehr Infos –> hier
OFFSTAGE
Der Theaterverein OFFstage, drei Jahre geleitet von Oliver Arno, wurde einem neuen Leitungsteam übergeben. Bad News. Mit »Tick, Tick … BOOM!« brachte der Verein unter Arno im Sommer 2016 die letzte Produktion an den Start, unter der Regie von Erhard Pauer spielte neben anderen Aris Sas und bewies auch hier wieder einmal, dass man als Musicaldarsteller nur dann glaubhaft bleibt, wenn man Rollen klug wählt. Für mich hat er in dieser Inszenierung neue, ungewohnte Facetten gezeigt. Es war eine jener Shows, die auch von der Regie her eine interessante Handschrift hatten und zumindest versuchten, klug in den Originalstoff einzugreifen.
Über diesen Verein unter der neuen Leitung wird hier nichts mehr zu lesen sein.
Martin Bruny am Dienstag, den
10. Mai 2016 um 00:24 · gespeichert in Musical, Wien, Tonträger, News
Am 20. Mai 2016 veröffentlicht HitSquad Records die erste Solo-CD des Musicalsängers Oedo Kuipers. Er spielte in der großartigen aktualisierten Version des VBW-Musicals »Mozart!« 2015/2016 die Titelrolle, und nach wie vor bin ich der Meinung, dass seine Leistung einerseits nicht verstanden und andererseits unterschätzt wurde. Die Hardcore-Fans wollten ihren Original-Mozart wiederauferstanden wissen auf der Bühne. Jede Abweichung interpretierten sie nicht als anderen Zugang, sondern als Fehler. Die Art und Weise, wie Kuipers Mozart spielte, wurde als »er ist halt noch nicht in der Rolle« bezeichnet, ohne zu bemerken, dass er die ganze Zeit in der Rolle war, auf seine Art. Es ist auch die Kunst eines Darstellers, in einem Stück, dessen Dialoge sagen wir mal nicht gerade auf hohem Level sind, wenigstens eine gewisse Atmosphäre zu vermitteln, durch sein Schauspiel in Schwingung mit der Musik zu gelangen. Man mag zur Musik von Levay stehen, wie man will, man mag sie als rhythmusbasiert, nicht gerade kompliziert gebaut bezeichnen, aber sie spricht durch ihre einfachen Melodien und im besten Fall durch ein bisschen raffinierter gebaute Arrangements Gefühle sehr effizient an. Und das konnte auch Kuipers durch sein Schauspiel.
Wie auch immer. Längst ist Mozart! wieder Geschichte. Da müsste man eigentlich schon wieder viel über die Umstände erzählen, die dazu führten, aber ersparen wird uns diese VBW-Interna.
Erfreulich ist, dass es wieder mal eine Solo-CD eines Musicalsängers gibt, den man ernstnehmen kann. Produzent Martin Böhm über das CD-Projekt: »Ziel war, für die heutige Zeit etwas Ungewöhnliches zu produzieren und zwar: Songs aus vollkommen unterschiedlichen Epochen und Stilen zu einem! konsistenten Hörerlebnis zu vereinen. Von Unchained Melody aus den 60ern bis Chandelier aus der Jetztzeit wird alles zu einer homogenen Klangwelt vereint.« Begleitet wird Kuipers von einem Sinfonieorchester der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien
Tracklist:
1 Wonderful
2 Broken Wings
3 Unchained Melody
4 Lady In Red
5 How Am I Supposed
6 Now And Forever
7 You Raise Me Up
8 Don‘t Dream It‘s Over
9 Say Something
10 1000 Years
11 Wind Beneath My Wings
12 Chandelier
13 Send In The Clowns
Titel: Cover art
Interpret: Oedo Kuipers
EAN: 9120006683708
Katalog: 668370
Packaging: CD Jewel Case
Label: HitSquad Records
VÖ: 20.05.2016
CREDITS (Foto): Hilde van Mas