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Archiv - 2006

Mike Evans: Musicals: Facts, Figures & Fun

Lektüre für die Sommermonate. Unterhaltend, nicht zu schwer, damit man nicht zu viel schleppen muss; amüsant, etwas, womit man beispielsweise andere im Auto, in der Bahn oder im Flugzeug ein bisschen unterhalten kann – so könnten in etwa die Anforderungen an die perfekte Lektüre für den Weg zum Urlaubsort, für heiße Stunden am Strand, oder auch nur für die Zeit am stillen Örtchen lauten. Da kommt Mike Evans’ kleines Büchlein “Musicals: Facts, Figures & Fun” gerade recht. Im handlichen Format auf 96 Seiten zusammengefasst findet man hier ein kunterbuntes Sammelsurium von Listen, Charts, Biografien und Zitaten aus der Welt des Musicals. Wie viele und welche Musicals basieren auf Werken Shakespeares? Welche Musicals waren die größten Flops? Welches Musical konnte in welchem Jahr einen Tony-Award abstauben? Das sind nur einige der Themen, die in diesem Büchlein behandelt werden.
„Musicals: Facts, Figures & Fun“ ist fürs Auge gefällig inszeniert. Kleine verspielte Layouteinfälle, klug eingesetzte Illustrationen – so macht es Spaß, mit Mike Evans durch die Musicalgeschichte zu cruisen. Wir starten unsere Musicalsurfpartie bei den Wurzeln des Genres, im 17. Jahrhundert, landen schon nach einer Seite bei Gilbert & Sullivan, und ab Seite 17 beschäftigen wir uns mit dem “klassischen” Musical. Auf zwei Seiten werden einige Fachbegriffe erläutert, um dann gleich mal in den Biografien einiger der populärsten Broadway-Diven zu schmökern, …
Man kann “Musicals: Facts, Figures & Fun” auf ganz verschiedene Art und Weise lesen. Auf die herkömmliche Art und Weise, von vorn nach hinten, von hinten nach vorn, oder einfach ein Hölzchen zwischen die Seiten stecken und grade dort beginnen, wo man gelandet ist. Der Spaß wird immer derselbe sein. Oder man inszeniert ein kleines Musicalquiz: Anregungen, Fragen, verblüffende Facts liefert Mike Evans auf alle Fälle zur Genüge. Wer sich für das Büchlein interessiert, möge bei http://amazon.co.uk Ausschau halten oder sich direkt an info@ffnf.co.uk wenden.

Mike Evans: Musicals: Facts, Figures & Fun. Facts, Figures & Fun, an imprint of AAPPL Artists’ and Photographers’ Press Ltd., London 2006, 96 S.; ISBN: 1-904332-38-2. £ 5,99 (Hardcover). www.ffnf.co.uk

Anthony Rapp: Without you: a memoir of love, loss, and the musical Rent

Anthony Deane Rapp, am 26. Oktober 1971 in Chicago geboren, aufgewachsen in Joliet, Illinois, USA, entdeckt seine Liebe zum Performen bereits als Kind. Mit sechs Jahren spielt er in einer Schulproduktion die Rolle des Löwen in „The Wizard of Oz“. 1981, neun Jahre alt, beginnt er seine professionelle Karriere mit einer Tourproduktion von „Evita“. An der Seite von Yul Brynner tourt Rapp 1982 in „The King and I“ durch die USA, mit zehn Jahren gibt er sein Broadway-Debüt in dem Musical „The Little Prince and the Aviator“, einer wenig erfolgreichen Show, basierend auf Antoine de Saint-Exupéries Werk „Der kleine Prinz“. 1986 spielt Rapp die Hauptrolle in der Broadway-Produktion „Precious Sons“ an der Seite von Ed Harris und Judith Ivey. Für seine Leistung erhält er einen Outer Critics Circle Award. Am Off-Broadway ist Rapp 1992 in „Sophistry“ und „The Destiny of Me“ zu sehen. 1991 wird er Mitbegründer der Theatergruppe „Mr und Mrs Smith Productions“, für die er bei den Produktionen „The Bald Soprano“ und „Marco Polo Sings a Solo“ Regie führt. Gemeinsam mit seinem Bruder Adam Rapp schreibt Anthony das Theaterstück „Ursula’s Permanent“, bei dessen Uraufführung 1993 er Regie führt. 1994 spielt er in Adam Rapps Schauspiel „Prosthetics and the $ 25,000 Pyramid“ in New York die Hauptrolle. Rapps Filmkarriere startet mit dem Chris Columbus-Streifen „Adventures in Babysitting“ (1987). In den folgenden Jahren wirkt er unter anderem in „School ties“ (1992), „Dazed and Confused“ (1993) und „Six Degrees of Separation“ (1993) mit.
Wir schreiben das Jahr 1994, September. Anthony Rapp hat’s eilig. „I sat down on the curb of Forty-fourth Street between Seventh and Eighth avenues, in front of the St. James Theatre, and glanced at my watch: no way was I going to be on time for my audition. Fuck. I raced to get my shoes off and my skates and helmet on, and launched myself into traffic, my skates gliding, my arms pumping, my breath quickening, my skin relishing the balmy autumnal breeze that flowed around me …” Mit derartiger Verve startet der Performer in seine Autobiografie “Without you: a memoir of love, loss, and the musical Rent”. Eben noch bei einem Gedenkgottesdienst für einen nahen Freund, rast er zur Audition für einen neuen Job: die Workshop-Produktion eines neuen Musicals eines gewissen Jonathan Larson mit dem Titel „Rent“. Zur gleichen Zeit bekommt Anthony Rapps Mutter von ihren Ärzten eine erschreckende Diagnose: Sie ist erneut an Krebs erkrankt.
“Without you“ ist eine berührende, fesselnde und bewegende Mischung von Familiengeschichte, Charakterstudie und Blick hinter die Kulissen der Bühnenproduktionen des Musicals “Rent”. Beginnend mit der Audition für die Workshop-Produktion von „Rent“ im September 1994 schildert der Autor vier Jahre seines Lebens. Vier Jahre, in denen er in der Rolle des „Mark Cohen“ mit „Rent“ endgültig zum Star avanciert, privat aber einen schweren Schicksalsschlag zu verkraften hat: die zweite Krebserkrankung, das Leiden und schließlich den Tod seiner Mutter. Sie stirbt 1997, knapp ein Jahr nach der Broadway-Premiere von „Rent“. Rapp hat zeitlebens ein sehr enges Verhältnis zu seiner Mutter, die Sorge um sie scheint ihn in manchen Momenten dieser vier Jahre schier zu zerreißen. Der Musicalstar schildert sich in seinem Buch ganz offen als Mensch, der Probleme, Angst und Wut über lange Zeit in sich hineinfrisst – so lange, bis alles auf einmal aus ihm herausbricht. Als kleiner Junge, von seiner Mutter geohrfeigt, passiert dies das erste Mal. Er schreit sie an: „Wenn du das noch einmal machst, schlage ich zurück.“ Und tatsächlich kommt es zum Exzess: Als ihn seine Mutter noch einmal ohrfeigt, schlägt er zurück. Jahre später verliert er unmittelbar vor einer “Rent”-Vorstellung völlig die Kontrolle, als er und sein Freund sich nach einer Auseinandersetzung trennen. Wild schlägt er auf ihn ein. Rapps Geschichte ist die eines liebenden, verzweifelten Begeisterten. Er lernt in diesen vier Jahren, mit seinem Aggressions-Problem umzugehen und begibt sich in therapeutische Behandlung. Letztlich liest sich seine Autobiografie in manchen Passagen wie eine Selbstanalyse. In vielen kleinen Flashbacks und Miniszenen erzählt er von den Problemen, die er mit seiner Familie, seiner Mutter, seinen Lebenspartnern hat, aber auch, wie sehr seine Liebe zu ihnen davon letztendlich unberührt bleibt. Eines der Hauptthemen des Buchs ist Anthony Rapps Bisexualität, mit der seine Mutter nie wirklich fertig wird, womit seine ganze Familie anfangs nicht klarkommt. Der Künstler outet sich im Privaten schon sehr früh (1990), sein öffentliches Coming-out hat er 1992, als er sich in einem Theaterprogramm bei einem ehemaligen Lebenspartner bedankt. Seitdem ist er ein bekannter Gay-, Lesbian-, Bisexual- und Transgender-Aktivist, er selbst bezeichnet sich als „queer“.
Das Musical „Rent“ nimmt in Anthony Rapps Autobiografie einen wichtigen, jedoch nicht dominanten Stellenwert ein. Für Rentheads sind aber jede Menge interessante Passagen und Stories enthalten: beispielsweise Details des ersten Meetings von Jonathan Larson mit Rapp und der Workshop-Cast, der Arbeit an der Workshop-Produktion, der Off-Broadway-Version und schließlich der finalen Broadway-Inszenierung. Für Fans sicher interessant ist das erste Treffen Rapps mit Adam Pascal, das sich wie folgt liest:
“I said my hellos, giving Daphne a huge hug, and then Jonathan pulled me aside.
„I want you to meet the guy playing Roger. His name’s Adam Pascal. We’re really excited about him. He’s never done anything on stage before, but he’s got an amazing voice. He can really sing.”
“Great, “ I said, and Jonathan took me to him. Never done anything? Not anything? This should be interesting, I thought.
“Adam,” Jonathan said, “this is Anthony. Anthony, Adam.”
“Hey, nice to meet you,” Adam said, and grabbed and shook my hand vigorously.
“You, too,” I said. If Jonathan hadn’t told me that this guy was playing Roger, I never would have predicted it. His disposition was too outgoing and friendly, and the combination of his dyed blonde hair, in a caesar cut; his close-cropped, dirty-blond beard; and his outfit – a forest green sweatshirt with a medieval-style lace-up collar, underneath denim overalls – made him seem to me more like one of Robin Hood’s Merrie Men than an ex-junkie wannabe rock star. But I trusted Jonathan; I knew how long they’d sought a good Roger. I looked forward to hearing him sing.”
Dieser kleine Ausschnitt aus “Without you” ist repräsentativ für den Stil Rapps. Er rekreiert Szenen aus seinem Leben in einer sehr lebendigen Form, wenn möglich, versucht er Dialoge aus der Erinnerung wiederzugeben. Der Leser kann natürlich nicht prüfen, ob diese Szenen tatsächlich so stattgefunden haben, aber man kann sich nur schwer der Sogwirkung entziehen, die diese emotionalisierende Schreibweise ausübt. Packend auch die Schilderung, wie das „Rent“-Ensemble vom Tod Larsons erfährt, wie diese menschliche Tragödie aufgenommen, verarbeitet und in einen kreativen Prozess umgewandelt wird.
Ein Fleckerlteppich der Erinnerungen an vier wichtige Jahre ist Anthony Rapps Biografie geworden. Nicht mit Tinte oder Schlepptop, sondern mit Herzblut und purer Energie scheint sie geschrieben. Es ist faszinierend, beim Lesen mitzuerleben, welche Energien bei den Proben und Aufführungen von „Rent“ entstehen, wie sich etwa die Clintons beim Besuch einer Vorstellung verhalten, oder aber auch, wie sehr sich Rapp bemüht, von seiner Mutter akzeptiert zu werden.
In einem Epilog schildert Rapp auf vier Seiten einige Eindrücke der Dreharbeiten zur Verflmung von “Rent”. Da hätte man sich doch ein paar Informationen mehr gewünscht, aber andererseits – der Künstler Anthony Rapp mag zwar 2005 die Rolle des Mark Cohen für die große Leinwand noch einmal verkörpern, in seinem Lebensweg jedoch liegen die „Rent“-Jahre schon wieder weit hinter ihm. Im Jahr 2000 veröffentlicht er mit „Look around“ seine erste Solo-CD, wird Leadsänger der Band „Albinokid“. 2001 wirkt er im vielfach ausgezeichneten Blockbuster „A Beautiful Mind“ mit. Neben seiner Filmkarriere kann er sich im Fernsehen mit Gastrollen in Serien wie „X-Files“, „Law & Order“ oder „The Beach Boys: An American Family“ ein Standbein schaffen; musicalmäßig erweitert er sein Repertoire um Paraderollen in „Hedwig And The Angry Inch“ (2003) und „Little Shop of Horrors“ (2004). Privat scheint er nach Jahren des Suchens eine stabile Beziehung aufbauen zu können, oder wie heißt es so schön: „He lives in New York City with his partner, Rodney To, and their three cats, Emma, Sebastian, and Spike.“
Fazit: „Without you“ ist eine faszinierende Autobiografie geworden. Sie beschränkt sich auf vier prägende Jahre, erwähnt die Karrierestationen vor und nach diesen vier Jahren kaum, ist dermaßen brutal offen und ehrlich, dass man immer wieder ins Staunen kommt. Auf jeden Fall hält das Buch, was es im Titel verspricht: Exakt in der Reihenfolge „love, loss and the musical Rent“ ist Rapps Buch eine Geschichte voller Liebe, Verlust, und auch mit vielen interessanten Schilderungen rund um das Musical „Rent“. Anthony Rapp ist mit diesem Werk nicht einer jener vielen Künstler, die halt auch mal ihre Memoiren zu Papier bringen wollen, er ist angetreten als Schriftsteller, und hat mit diesem Erstling auf jeden Fall Lust auf mehr gemacht.

Anthony Rapp: Without you: a memoir of love, loss, and the musical Rent. SIMON & SCHUSTER, New York 2006, 320 S.; ISBN: 0-7432-6976-4. 25 $ (Hardcover). www.simonsays.com

Beryl Bainbridge: Front Row – Evenings at the Theatre: Pieces from “The Oldie”

Kritiken mal nicht von einem Journalisten verfasst, sondern von einer Schriftstellerin, das hat was – es ist ein anderer Blick, eine gewisse andere Art zu schreiben, man erfreut sich an ungewohnten Einstiegen, am oft gänzlich anderen Blick auf die Leistung der Darsteller und auf die Stücke, kurz: Manchmal würde man sich wünschen, dass auch hierzulande Schriftsteller mit Ernst die Profession des Theaterkritikers ausüben würden. In der Tat sind dann so verfasste Kritiken auch Kunst, und zwar unbestreitbar.
Dame Beryl Bainbridge wurde 1934 in Liverpool geboren und lebt heute im Norden von London. Sie begann ihre literarische Karriere in den 1950er-Jahren mit dem Roman „Harriet Said“. Bekannt wurde die Autorin mit ihren schwarzen Komödien, historischen Novellen und Dramen, die sie für Theater und Fernsehen schrieb. 1996 wurde Bainbridge mit dem Whitbread-Preis für ihren Roman “Nachtlicht” („Every Man for Himself“) ausgezeichnet, mit „The Bottle Factory Outing“ gewann sie 1974 den „Guardian Fiction Prize“. Sie gilt als eine der bedeutendsten britischen Schriftstellerinnen der Gegenwart und war mit ihren Romanen fünfmal in der Endauswahl für den begehrten Booker-Preis. Ihr Roman “An Awfully Big Adventure” („Eine sachliche Romanze“) wurde mit Hugh Grant und Alan Rickman verfilmt, “The Dressmaker“ 1988 mit Jane Horrocks und Tim Ransom.
85 Kritiken, geschrieben von 1992 bis 2002, sind in Bainbridges Buch „Front Row – Evenings at the Theatre“ enthalten, davon etliche über Musicals, beispielsweise über “Notre-Dame de Paris”, “Sunset Boulevard”, “Les Misérables”, “Passion”, “Blood Brothers” oder “Bombay Dreams”. Es handelt sich um eine Sammlung von Besprechungen, die Bainbridge für das monatlich erscheinende englische Print-Magazin „The Oldie“ verfasst hat. Nach wie vor publiziert sie in „The Oldie“ Monat für Monat eine Kritik, und es ist jedes Mal eine Freude, ihre so eigene Sicht auf Theaterproduktionen zu lesen.
Über „Notre-Dame des Paris“ schreibt die Autorin im Dezember 2000: „It’s interesting the way songs are now constructed: first there are four lines spoken more or less on one note, followed by another sliding upwards and ending in a prolonged and deafening shout. Example: “You are lying there / I see you lying there! You do not look at me / I who love you …/ YOUR LOVE WILL KILL ME”. I kept thinking of a description I’d read of how the theatrical gestures and articulation used by actors of a bygone generation, Kean and Irving and Garrick, if used today would cause modern audience to fall about laughing. I suppose every age has its own style, and no one doubt a pre-20th-century audience would find today’s performers equally comical. (…) If you do go and see it, there is no need to take hearing aids, as the sound is amplified fit to burst eardrums.”
Beryl Bainbridge, die nicht nur als Schriftstellerin eine Größe ist, sondern auch als Schauspielerin und Tänzerin auf der Bühne zuhause war, bevor sie 1960 dieses Kapitel beendete, legt großen Wert aus Artikulation, Mimik und Gestik. Ihre sehr genauen Beobachtungen verpackt sie in kleine Geschichten und unterfüttert sie mit Erlebnissen aus ihrer eigenen Zeit als Kinderstar – sie stand schon mit fünf Jahren auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Fazit: Wunderbare Lektüre über das Londoner Theater und Einblicke in das Leben einer großen Schriftstellerin, äußerst empfehlenswert.

Beryl Bainbridge: Front Row – Evenings at the Theatre. Continuum, London 2006, 214 S.; ISBN 978-0-826-482785. £ 9,99. www.continuumbooks.com

Jessica Sternfeld: The Megamusical

Es war in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als in der NEW YORK TIMES ein Begriff auftauchte, der bald ein ganzes Genre –bis heute – kennzeichnen sollte: jenes der „Megamusicals“. So wie der Terminus “mega” nicht nur positiv konnotiert ist, so subsumiert der Begriff “Megamusical” im Prinzip jene Shows, die die Puristen unter den US-Kritikern gar nicht mögen, ob sie nun weltweite Megaerfolge einfahren können oder nicht.
Was sind denn nun die typischen Eigenschaften eines Megamusicals?
1) Der Handlungsverlauf einer solchen Show ist wahrhaft episch breit angelegt, sie spielen meist in der Vergangenheit und sind vor allem eines: zeitlos. Leben und Tod, Krieg und Frieden, Religion und Versuchung – modern angelegte Storys werden nie zu Megamusicals verarbeitet.
2) Wie der Handlungsverlauf ist auch die Musik opulent. In einem Megamusical gibt es kaum oder gar keine Dialoge, es wird durchwegs gesungen.
3) Das Set Design ist beeindruckend, finanziell aufwendig, reich an Details, ganz auf Spektakel ausgerichtet.
All diese Faktoren haben die Macher der Megamusicals nicht etwa erfunden, sie waren nur die Ersten, die sie kombinierten.
4) Megamusicals sind nicht nur auf der Bühne groß, sondern auch was ihre Vermarktung betrifft, erreicht man immer wieder neue Dimensionen. Sie halten sich lange am Spielplan, jahrelang, manche mehrere Dekaden.
Von welchen Musicals sprechen wir also? Keine schwere Sache mehr: “Cats”, “Les Misérables”, “Starlight Express”,” The Phantom of the Opera”, “Miss Saigon”, “Chess”, … In der Tat stand am Beginn der Megamusicals Andrew Lloyd Webber, und so kristallisiert sich ein weiteres Merkmal von Megamusicals heraus: Die Komponisten stammen nicht aus Amerika. Megamusicals wurden an den Broadway importiert, umgelegt auf das Genre bedeutet das: Megamusicals sind bestens geeignet, exportiert, weltweit vermarktet zu werden.
Kritiker mögen Megamusicals traditionellerweise nicht, vor allem Broadway-Kritiker. Sie mussten durch das Aufkommen jener Shows in den achtziger Jahren eine enorme Einbuße ihrer Macht hinnehmen. „Cats“ bewies, dass eine Show auch mit negativen Kritiken zum Publikumsrenner werden kann, und so sind die große Akzeptanz durch das Publikum und die schroffe Ablehnung durch die Kritiker wesentliche Merkmale der meisten Megamusicals. Auch setzen sich Musikexperten nur selten intensiv mit Megamusicals auseinander. Im Kanon der „großen“ Musicals kommen „Mega“musicals selten vor. Sondheim oder Webber heißt die Devise, nicht Sondheim und Webber.
Jessica Sternfeld untersucht die Entwicklung des Megamusical-Genres auf sehr profunde Art und Weise. Sie beginnt bei „Jesus Christ Superstar“ und endet sehr treffend bei „The Producers“, also bei der Parodie eines Megamusicals. Sie widmet sich in einem eigenen Kapitel den Masterminds der ersten „Megamusicals“: Andrew Lloyd Webber, Tim Rice und Cameron Mackintosh, untersucht auf rund 70 Seiten „Cats“ und analysiert die Erfolgsstory dieses Musicals und einiger anderer auch mit Hilfe von Notenbeispielen und der kritischen Auseinandersetzung mit den wichtigsten musikalischen Motiven. Ein eigenes Kapitel ist „Les Misèrables“ gewidmet und bietet beispielsweise eine sehr interessante Zusammenschau der wichtigsten Kritiken, auch im Vergleich zu anderen Megamusicals wie „Cats“. „The Phantom oft he Opera“ ist das dritte und letzte Megamusical, dem sich Sternfeld auf sehr ausführliche Weise widmet. Die folgenden Kapitel skizzieren das Schicksal von Shows wie „Blondel“, „Chess“, „“Starlight Express“, „Miss Saigon“ und konzentrieren sich dann auf die Erfolge einzelner Komponisten in den neunziger Jahren wie Andrew Lloyd Webber und Frank Wildhorn.
Was Wildhorn betrifft, so beschreibt Sternfeld ihn als Künstler, der den Ansatz von Megamusicals, ein möglichst breites Publikum anzusprechen, auf die Spitze treibt. Sternfeld: „Where Lloyd Webber and Rice were interested in appealing to audiences, they also felt the importance of creating a complete, artistic, even challenging work. Wildhorn certainly seems to care about his shows as shows, not just a collection of pop songs, but his overriding interest in accessibility and mass appeal tips the scale. His scores bear little consideration for context, so that many songs sound like pop ballads of the 1970s or 1980s regardless of the time period or the character‘s personality. Indeed, there seems to be a sense that he prides himself on being a from-the-gut pop composer, rather than a trained one like Lloyd Webber, Schönberg or Sondheim.”
Letztlich sind es die neunziger Jahre, die den Begriff “Megamusicals” etwas obsolet werden lassen. Letztlich ist die Wildhorn-Passage im Buch von Jessica Sternfeld eine Art Wendepunkt, ab dem die klar skizzierten Kriterien von Megamusicals immer weniger greifen. In den neunziger Jahren liegt die Produktion vieler großer Broadway-Musicals wieder verstärkt in den Händen der Amerikaner, das spiegelt sich auch in den Schauplätzen der Shows: Wildhorns „The Civil War“, Maury Yestons „Titanic“, Jonathan Larsons „Rent“, Flahertys &Ahrens‘ „Ragtime“, sie alle spielen in Amerika, können aber in keinster Weise als reine Megamusicals bezeichnet werden. In dieser Schiene bewegt sich dann schon eher Disney mit „The Lion King“ und „Aida“.
So einfach es ist, Trends der achtziger Jahre zu analysieren, so schwer fällt es Sternberg am Ende des Buches, die jüngsten Broadway-Trends in ihr Megamusical –Theoriegebäude einzuordnen. Ist „Wicked“ ein klassisches Megamusical, wie steht‘s mit „Mamma Mia!“, „Taboo“, „The Producers“? Immerhin zieht sie sich am Ende gekonnt aus der Affäre: „The influence of the megamusical of course continues, in similar as well as opposing forms of shows. Just as the megamusical’s innovations had their own roots in earlier forms of music theater, but recombined them in ways that required its own label, so too the shows being written today reflect the unprecedented successes of the megamusical.”
Fazit: Ein lesenswertes Buch, dessen Autorin am Ende eingestehen muss, dass sich ihr eigentliches Thema auf die achtziger Jahre beschränkt. Alle Versuche, „Megamusicals“ im Sinne der achtziger Jahre auch im 21. Jahrhundert aufzuspüren, erweisen sich als flau.

Jessica Sternfeld: The Megamusical. Indiana University Press, Bloomington 2006, 442 S.; ISBN 978-0-253-34793-0. $ 29,95. www.iupress.indiana.edu

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