Archiv - Bücher
Martin Bruny am Mittwoch, den
9. März 2005 um 10:07 · gespeichert in Rezensionen, Bücher, 2005
Für viele ist es DAS Cast-Album der letzten Jahre schlechthin, am Broadway ist es mit wöchentlich 15.000 zahlenden Besuchern eine der derzeit erfolgreichsten Shows, seit 2005 feiert eine Tourproduktion in den USA Zuschauerrekorde, und im Herbst 2006 steht die West End-Premiere an, kurz: “Wicked”, Stephen Schwartzs Zaubermärchenmusical, das Prequel zum legendären Musical “Der Zauberer von Oz”, das die Geschichte der bösen Hexe Elphaba und ihrer Rivalin, der guten Hexe Glinda, erzählt (basierend auf einem Bestseller von Gregory Maguire), ist drauf und dran, vom Broadway aus die Welt zu erobern. Und während man von den meisten Musicals Tassen, Anhänger etc. vor Ort im Theater kaufen kann, manchmal auch Plüschtiere, Libretti oder anderes nettes Zeugs, gibt es von “Wicked” eine ganz spezielle, wertvolle Erinnerung: “Wicked: The Grimmerie” nennt sich ein Buch, das im Großformat (23 x 31 cm), und zwar äußerst aufwendig, produziert wurde. Falls Sie so wie ich auch zu jener Sorte Mensch gehören, die bei einem neuen Buch zuerst mal das Cover streichelt, an den Seiten riecht und die Qualität der Verarbeitung und des Papiers prüft – das haptische Vergnügen bei diesem Buch ist unbeschreiblich, das muss man schon selbst erleben.
In der Broadway-Show “Wicked” ist “The Grimmerie” ein altes Buch mit Zaubersprüchen, das Elphaba verwendet, und auch das bei Hyperion erschienene “Grimmerie” ist ganz auf altes Zauberbuch gestylt. Das beginnt schon beim Cover, das als vergilbter Prachteinband designt und luxuriös mit Schaumstofffüllung verarbeitet wurde. Der Innenteil des Buches ist durchgehend vierfärbig auf qualitativ hochwertigem Papier gedruckt, und was das Layout, die Grafiken und die Bilder betrifft, so waren hier Vollprofis am Werk, die fast keine Wünsche offen ließen. Sicher, ein paar Fans hätten sich eine ungekürzte Version des Librettos gewünscht, aber was sonst alles geboten wird, ist beeindruckend, denn außen hui, heißt in diesem Fall nicht innen pfui. Eine informativ bebilderte Entstehungsgeschichte des Musicals, Artikel zu den ersten Workshops, den Try-outs, der Broadway-Version und der Tourproduktion, Interviews mit den Machern der Show, Stephen Schwartz, Marc Platt, Joe Mantello, Gregory Maguire, Winnie Holzman, ausführliche bebilderte Biographien der Cast (sowohl der Broadway-Show als auch der Tourproduktion), ein kleines verspieltes Quiz, “Bist du eher Glinda oder eher Elphaba?”, ausführliche Beschreibungen und Interpretationen jedes Songs durch Stephen Schwartz, ein Wörterbuch der Sprache von Oz, eine genaue Dokumentation, wie die Darstellerin der Elphaba jeden Abend vor der Show grün eingefärbt wird, faksimilierte Original-Notenblätter sowie Entwürfe von Kostümen, Bühnenbild, technischen Details … die Fülle an Informationen, optisch blendend umgesetzt, ist überwältigend. Für Fans der Show ein Muss, und auch für all jene, die ein bisschen hinter die Kulissen dieses Erfolgsmusicals schauen wollen.
David Cote/Joan Marcus: Wicked: The Grimmerie – A behind-the-scenes look at the Hit Broadway Musical. Hyperion, New York 2005, 192 S. ISBN: 1-4013-0820-1. 40 $. (Hardcover) [www.hyperionbooks.com]
Martin Bruny am Mittwoch, den
9. März 2005 um 10:06 · gespeichert in Rezensionen, Bücher, 2005
Richard O’Briens Musical “The Rocky Horror Show” wurde 1973 an der experimentellen “Theatre Upstairs”-Bühne des Londoner Royal Court Theatres uraufgeführt und im selben Jahr zum “Best Musical” gekürt. Am 21. Oktober 1974 begannen unter der Regie von Jim Sharman und Autor Richard O’Brien die Dreharbeiten zur “Rocky Horror Picture Show”. Den Großteil der Rollen übernahm die Londoner Originalbesetzung: Tim Curry als Frank N. Furter, Richard O’Brien als Riff Raff und Patricia Quinn als Magenta. Susan Sarandon und Barry Bostwick verkörperten Janet und Brad.
Am 24. März 1975 feierte der Film in den USA Premiere. Als “Kitsch-Schund” von den Kritikern verrissen, blieb der Erfolg zunächst aus. Die “Rocky Horror Picture Show” drohte in der Versenkung zu verschwinden. Dank einer äußerst hartnäckigen Fangemeinde, einigen neu geschnittenen Szenen und eines geänderten Marketingkonzeptes wurde der Film sechs Monate später doch noch als Midnight-Movie zum Kinoerfolg.
In seinem großformatigen (24 x 30 cm) Bildband “Rocky Horror” zeigt Starfotograf Mick Rock auf 272 Seiten über 300 Fotos, die er während der Dreharbeiten zur “Rocky Horror Picture Show” aufgenommen hat.
Mick Rock, geboren 1948, ist bekannt als “der Mann, der die 70er fotografierte” – die Welt des “Glam Rock”, berühmt für ihr Glitzer-Make-up, bizarre Kostüme und theatralische Bühnenshows. Im Laufe seiner Karriere fotografierte er Stars wie David Bowie, Alice Cooper, Roxy Music, Lou Reeds, Iggy Pop, Queen, Sex Pistols, Ramones, Talking Heads, Blondie bis hin zu Kate Moss, Michael Stipe und den Chemical Brothers.
Der durchwegs zweisprachige Bildband, ergänzt durch Erinnerungen an diese Zeit und einige Anekdoten des Rockfotografen, ein Vorwort von Richard O’Brien sowie Zitate vieler Beteiligter ist ein Mix von porträtartigen, wunderschönen Großaufnahmen und stimmungsvollen Schnappschüssen, eine Mischung aus gestochen scharfen Bildern und atmosphärisch dichten “Zufallstreffern” – wobei man mit dem Begriff “Zufallstreffer” leicht in Versuchung kommen könnte, das Genie Mick Rock zu unterschätzen. Er wusste schon genau, wann er auf den Auslöser drücken musste, um ein Zeitdokument zu knipsen: “Ich konnte knipsen, was auch immer mir gerade ins Auge fiel und meine Fantasie anregte”, so Mick Rock. Als “Special Photographer” war er nah am Drehgeschehen. Seine Fotos zeigen beispielsweise, wie Tim Curry als Frank N. Furter während der Drehpause im Swimmingpool planscht, wie sich Richard O’Brien in Riff Raff verwandelt oder wie die illustre Gesellschaft die Erschaffung des Liebesmonsters “Rocky” zelebriert.
“Rocky Horror” ist ein Buch geworden, das mit jedem Durchblättern gewinnt, immer wieder entdeckt man Details, an denen man hängen bleibt: Gesten, ein für immer festgehaltener Gesichtsausdruck, das laszive Spiel mit der Kamera – ein voyeuristischer Kunstgenuss der besonderen Art. Jedes Bild erzählt seine eigene Geschichte, die man sich selbst erschließen, für sich selbst auf eine bestimmte Art und Weise erfinden muss. So gesehen kann es durchaus vorkommen, dass man nach hastigem erstem Durchblättern noch viele weitere Stunden mit diesem Buch verbringt.
Mick Rock: Rocky Horror – Das Buch zum Kultfilm. Mit einem Vorwort von Richard O’Brien. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2005, 272 S. ISBN: 3-89602-666-6 2005. 39,90 €. (Hardcover) [www.schwarzkopf-schwarzkopf.de]
Martin Bruny am Mittwoch, den
9. März 2005 um 10:06 · gespeichert in Musical, Rezensionen, Bücher, 2005
US-Autor John Kenneth Muir ist ein Vielschreiber. Seit 1997 publiziert der Filmspezialist pro Jahr durchschnittlich zwei Bücher. Dem Horrorfilm gilt seine Leidenschaft. Er schrieb Biographien über Wes Craven, Tobe Hooper und Sam Raimi sowie zu diversen Spezialthemen den Horror- und Science-Fiction-Film betreffend. Nur ein Schelm würde nun eine Überleitung vom Horrorfilm zum Filmmusical wagen. Aber was soll’s.
Mit “Singing a New Tune” zeichnet Muir die Geschichte des englischsprachigen Filmmusicals von den 1920er Jahren bis in die Gegenwart in dicken Strichen auf die Filmleinwand. Er tut dies im Stile eines Anekdotenerzählers. “Namedropping” ist ein beliebtes Stilmittel amerikanischer Autoren: Zu einem Thema werden fünf, sechs, sieben Leute, möglichst prominent, als Zitatäußerer herangezogen – das können in Muirs Fall Kritiker sein, Filmproduzenten, Regisseure, Schauspieler … Aus ihren Statements konstruiert der Autor wie ein Puzzle die Geschichte des Filmmusicals. Die Frage, die sich bei diesem Buch grundsätzlich stellt: Was ist ein Filmmusical? Muir tut sich da relativ leicht. Alles, was Songs hat, passt rein, egal ob Animationsfilm, Drama oder Komödie. “South Park – Bigger, Longer & Uncut”, ganz klar, ein Filmmusical. Die Disney-Zeichentrickfilme? Klar, Filmmusicals. “From Justin to Kelly”, das gefloppte Promotion-Vehikel für die “American Idol”-Teilnehmer Justin Guarini und Kelly Clarkson – na logo, ein Filmmusical.
96 von 360 Seiten sind dem Zeitraum bis 1996 gewidmet, rund 180 Seiten dem Filmmusical ab 1996, und an die 70 Seiten umfasst der Anhang (u. a. mit etwas genaueren Cast- & Creative-Team-Angaben zu den besprochenen Filmen ab 1996, einem Stichwortregister und einem Verzeichnis der verwendeten Quellen). Im Hauptteil seines Buches widmet sich der Autor sehr ausführlich den Filmmusicals “Evita” (1996), “Everyone says I love you” (1997), “Velvet Goldmine” (1998), “Love’s Labour’s Lost” (2000) “Dancer in the Dark” (2000) “Moulin Rouge” (2001), “Hedwig and the Angry Inch” (2001), “Chicago” (2002), “Camp” (2003), “De-Lovely” (2004) und “The Phantom of the Opera” (2004). Da er im Zusammenstellen von interessanten Zitaten, Interviewausschnitten und Statements von an den Produktionen Beteiligten ein gutes Händchen hat, ist “Singing a New Tune” alles in allem ein leicht zu lesender, unterhaltsamer Führer durch die Geschichte des Filmmusicals. Man bekommt Lust, sich die alten und neuen Klassiker mal wieder anzusehen. Viel Neues hat Muir für den Zeitraum bis 1996 nicht zu bieten, zumindest nicht für Musicalkenner, dafür zeichnet er für die Neuzeit des Filmmusicals ein paar recht interessante Entstehungs- und Rezeptionsgeschichten. Ein bisschen ärgerlich sind die peinlichen Fehler, die Muir durchgerutscht sind. So wird Meat Loaf als Komponist der “Rocky Horror Show” abgefeiert (Richard O’Brien wird sich freuen), “Hopelessly devoted to you” wird als Song der Bühnenversion von “Grease” zitiert, und bei “Strictly Ballroom” werden Namen von Schauspielern mit jenen der Filmfiguren verwechselt, um mal nur ein paar Fehler aufzuzählen. Aber vielleicht ist das ja auch als Zusatznutzen konzipiert, nach dem Motto: Wer findet die meisten Fehler?
John Kenneth Muir: Singing a New Tune – The Rebirth of the Modern Film Musical from Evita to De-Lovely and Beyond. Applause Theatre & Cinema Books, New York 2005. 360 S. ISBN: 1-55783-610-8. 24,95 $. (Hardcover) [www.applausepub.com]
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