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Archiv - Rezensionen

Uwe Kröger: »Ich bin was ich bin«

hitsquad_records_uwekroeger_ichbinwasichbin_cover-kopie.pngNach der Veröffentlichung seiner Autobiografie bringt Uwe Kröger nun auch eine neue CD auf den Markt. »Ich bin was ich bin – Meine großen Musicalerfolge« heißt die Scheibe, die am 21. November 2014 erscheint (Label: HitSquad).

Tracklist
01 Ich bin was ich bin (La Cage Aux Folles)
02 Starlight Express (Starlight Express)
03 Hilf mir durch die Nacht (Rebecca)
04 Etwas gut (The Sound Of Music)
05 Roseanne (Dracula)
06 Der letzte Tanz (Elisabeth)
07 Liebe endet nie (Der Besuch der alten Dame)
08 Gott, warum? (Rebecca)
09 Sweet Transvestite (Rocky Horror Show)
10 Edelweiß (The Sound Of Music)
11 Ich hab die Angst besiegt (Der Besuch der alten Dame)
12 Musik der Nacht (Das Phantom der Oper)
13 Das Phantom der Oper (Das Phantom der Oper)
14 Jenseits der Nacht (Rebecca)
15 Wenn das Schicksal dich ereilt (Rudolf)
16 Nosferatu (Dracula)
17 Meine Herzwunschliste (A Musical Christmas)
18 They can’t take that away from (Bonustrack)
19 Style up your life (Bonustrack)

Die Mary-Poppins-Killer: Dinosaurier! in Wien

dino2.jpg

Ehrlich gestanden hätte ich mir ja nie im Leben gedacht, mir jemals freiwillig ein Musical über Dinosaurier anzusehen. Ich bin vermutlich einer der wenigen, die schon bei Elton Johns König-der-Löwen-Odyssee spätestens nach gefühlten 599 Minuten selig entschlummert sind und reflexartig bis heute runterratschen: Hast du die ersten fünf Minuten vom König gesehen, hast du alles gesehen. Mehr kommt dann eh nich mehr.

Heute also »Dinosaurier!«, ein Musical von Robert Reale (Musik) und Willie Reale (Buch und Texte). Machen wir’s kurz, soll auch nur ein schneller Eindruck sein: Was ich heute im Renaissancetheater gesehen habe, war ein perfekter zweiter Akt. Wer auch immer sich mit Musicals beschäftigt, sollte versuchen, ein Ticket für diese Show zu bekommen. Jeder Platz, der leer bleibt (und das sind ohnedies nicht viele), wäre eine Schande. Das muss man einfach gesehen haben.

Man kann über den ersten Akt diskutieren, freilich sollte man nicht vergessen, dass hier viel von jener Dynamik aufgebaut wird, die im zweiten Akt wie ein einstündiges Feuerwerk über das Publikum hereinbricht: glänzende Soloszenen von Carin Filipcic, von Patricia Nessy, Lukas Satori, Armin Kahl, vom gesamten Ensemble. Ein Highlight nach dem anderen. Jazzy Balladen, poppige Songs, all das oft so subtil und wahnsinnig witzig als Parodie angelegt und manchmal als richtige Hammer-Showstopper. Eine glaubhafte Figurenzeichnung, so wohl dosiert in Komik und Outrieren, und auch hier wieder vom gesamten Ensemble umgesetzt. Wie umwerfend etwa Patricia Nessy die Sängerin Carlotta Devries anlegt, die nichts sehnlicher als an ihrem Comeback arbeitet und sich in … Aber hier ist jetzt keine Zeit, den Plot zu erzählen. Oder Carin Filipcic, die in einer furios-grandiosen Szene den Saal zum Kochen bringt, in der sie uns lehrt, wie Dinosaurier die Spaghetti erfunden haben. Und bleiben wir doch gleich bei den Spaghetti. Da fällt mir Mary Poppins ein … und die »sentimentalen Erinnerungen«, die viele angeblich damit verbinden. Bullshit. Ich frage mich ja nach wir vor: Wer bitte hat in Österreich »Mary Poppins« gelesen, wer hat den Film im Kino gesehen, und wie alt sind diese Leute heute? Ich schätz mal 70+, der Rest hat den Film vielleicht mal im TV gesehen, aber kann man davon »sentimentale Erinnerungen« ableiten? Von Thema/Bekanntheitsgrad/Relevanz her ist diese Show ein ebenso großer Fehlgriff wie »Legally Blonde«. Kinder werden wohl dieses Ronacher-Ammenmärchen sehen, wenn ihre Großeltern sie reinschleppen. Die hilflosen Hascherln. Fragt sich, was sie dann davon haben. Wie ich auf »Mary Poppins« komme? Im Gegensatz zu der realitätsfremden Kindermädchenstory haben die Dinos eine Message: Vegan ist hier ein Thema, und für Lehrer ist das ganz sicher ein interessanter Ansatzpunkt, über dieses Thema mit den Kindern zu reden.
Armin Kahl. Wie groß ist die Gefahr, als T-Rex Reginald van Cleef, Anführer der Rà©sistance gegen die Fleischfresser und tougher Super-Dino, zum lächerlichen Tiefpunkt der Show zu werden, wenn man so, wie man es von einigen Musicaldarstellern kennt, hemmungslos outriert, und wie gut spielt er diese Rolle. Lukas Satori, als Swifty Malone, ehemals »Vorgruppe« von Sängerin Carlotta Devries: was für eine Bandbreite an Talent von Stand-up bis Step, elegant mit Understatement serviert. Simon Eichenberger (Choreo) macht hier wieder vieles wett, was er beim »Besuch der alten Dame«, dem für mich schlechtesten Musical, das die VBW jemals aufgeführt haben, »verbrochen« hat. Hier passen die Choreografien, hier arbeitet er sogar mit genialen Zitaten, das macht Sinn und zeugt wohl auch davon, dass bei dieser Show mit Werner Sobotka ein Regisseur leitend war, der tatsächlich weiß, was Musical ist, was Humor ist, und was Timing ist, und: wie man das alles zu einem perfekten Ganzen kombiniert. Dazu gehört etwa auch das Licht. Das Lichtdesign stammt von Michael Grundner, und die Vielzahl an Stimmungen, die er schafft, ist nicht allein eine Ausgeburt des Rekordwahnsinns, damit der Intendant dann bei einer PK von 3,9 Millionen Lichteinstellungen, die in 276 Wochen programmiert werden mussten, faseln kann, sondern, und vor allem bei den Dinos, das Licht erzählt die Geschichte mit, und bei den Dinos mehr als bei vielen anderen Musicals. Aber das sollte jeder selbst miterleben. Nähere Infos –> hier.

PS: Und wer ein Programmheft kauft, bekommt nen echten Dino dazu. Na, wenn das nicht wirklich sentimentale Erinnerungen weckt :)

Schaun Sie sich das an: [Title of Show] im Theater Drachengasse

Warum ich meine, dass man das Musical [Title of Show] gesehen haben sollte.

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Es gibt wahnsinnig viele Gründe, sich Musicals anzusehen oder auch nicht anzusehen. Oft sind all diese Beweggründe natürlich reine Geschmackssache und sprechen weder für noch gegen eine Produktion an sich. Fliegende Autos zum Beispiel oder fliegende Kindermädchen. Ich fand das schon als Kind sterbenslangweilig. Ich weiß auch nicht, welcher Rechtepool da übergeschwappt sein muss, dass wir derzeit in Wien und weiterer Umgebung (salopp definiert) mit all diesen Kinder- oder meinetwegen auch Familienmusicals geradezu überschwemmt werden. Ich lass mir noch einreden, dass das erste Musicaltheater der Stadt, die Wiener Volksoper, derartige Shows am Spielplan hat: »The Wizard of Oz« mit großem Orchester, das könnte ja wenigstens nett klingen. Ich schätze mal, man wird in Presseerklärungen des Hauses auch nirgendwo einen Satz finden wie: Leider dürfen wir aus rechtlichen Gründen nur die Version für arme Würschtln spielen, Sie wissen schon, uns sind die Hände gebunden, wir haben zwar 2809 Musiker, aber wenn unser geschätzter Rechtepartner will, dass wir nur 16 (fiktive Zahl) Musiker einsetzen, was sollen wir tun?
Wie auch immer, interessiert mich also nicht, kann man sich natürlich mal ansehen, um am Laufenden zu bleiben, outputmäßig.
Wobei ich mich frage: Gab’s früher so an ein oder zwei Häusern der Stadt nicht Musicals mit einem gewissen Kultfaktor? Shows, die man sich öfter angesehen hat? Und war nicht zuletzt das einer der Erfolgsfaktoren für den Wiener Musicalboom? Und sollen fliegende Kindermädchen ernsthaft da auch nur irgendwie anschließen? Hat man den Traum, mal wieder einen wirklichen Treffer landen zu können, eh schon mit der Außerbetriebsetzung der letzten Vampirfluganlage begraben?

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Thema? Ja. Was mich interessiert, also. Zum Beispiel ein Plot, der erzählt, wie ein paar junge Typen ein Musical schreiben. Als Hunter Bell und Jeff Bowen 2004 den Beschluss gefasst hatten, ein Musical beim New York Musical Theatre Festival einzureichen, hatten sie ein Problem. Sie wussten nicht, worüber sie ein Musical schreiben sollten. Die fliegenden Sekretärinnen und Kindermädchen waren wohl grad aus, fliegende Autos vermutlich etwas zu teuer, und die Idee, einen »Vampir« an einem Seil durch ein Theater zu ziehen, fanden sie wohl ziemlich deppert. So machten sie schlicht und einfach aus nichts eine Show. Im Formular, in dem im Feld »Title of Show« der Name der geplanten Show einzutragen war, trugen sie ein: »[Title of Show]«. Und wie wir alle wissen: Anzufangen ist schon mal die halbe Miete. Wie sie also aus nichts eine Show machten, die es schlussendlich bis zum Broadway brachte und dort gnadenlos floppte, das ist die Geschichte, die hier erzählt wird.
Das mit dem Flop am Broadway hat seine eigenen Gründe. »[Title of Show]« ist ein typisches Off-Broadway Musical, eventuell sogar Off-Off-Broadway, und als es am 2o. Juli 2006 im Vineyard Theatre Premiere feierte, kamen die Leute, weil sie neugierig waren. Im intimen Rahmen funktionierten die zahllosen Insider-Anspielungen auf den Musicalbetrieb bestens, die melodiösen Pop-Nummern hatten Power und boten diverse musikalische Anspielungen (etwa auf Stephen Sondheims »Into the Woods«). Das Ganze auf Broadway aufzublasen: schlechte Idee. Zehn Wochen spielte man mit tollem Erfolg Off-Broadway und genau für diese Dimension ist diese Show maßgeschneidert, also auch für das Theater in der Drachengasse.

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Drachengasse. Mein Lieblingstheater, was sehenswerte Musicals betrifft. Intimer Rahmen, die Darsteller spielen keinen Meter von den Zuschauern entfernt, und sie können spielen. Da das hier keine Kritik sein soll (die folgt in musicals im Dezember), lass ich das mal so pauschal formuliert stehen. Aber hier sind schon mal drei weitere Gründe, warum man »[Title of Show]« gesehen haben sollte:

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Das Theater in der Drachengasse entdecken, falls man es noch nicht kennt, ist einer.

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Ein weiterer: »[Title of Show]« wurde vom Vienna Theatre Project in Szene gesetzt, einer kleinen Gruppe von Leuten rund um Joanna Godwin-Seidl (Regie) und Birgit Zach (Musikalische Leitung), die englischsprachige Stücke in Wien produzieren, unter anderem auch Musicals, großteils ohne/mit wenig finanzielle(r) Hilfe. Die Musicals werden professionell und nicht mit dieser geschleckten Disney-Arschfreundlichkeit aufbereitet, sondern mit, na sagen wir: Herz. So was kann man dann auch mal mit einem Besuch unterstützen. Und jetzt hier der Megadeal: Kaufen Sie sich statt einer Kategorie-I-Karte einer VBW-Produktion doch mal eine etwas billigere, und schon ist der Besuch der Drachengasse querfinanziert. Und wer weiß, wo Sie dann besser unterhalten wurden.

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Noch ein Grund: Oliver Watton entdecken. Es gibt Darsteller, die eine besondere Gabe haben. Er gehört dazu.

[Title of Show]: 4. Oktober und 6. bis 11. Oktober im Theater Drachengasse
Nähere Details: –> hier

Neuübersetzung: Christopher Isherwood – »Leb wohl, Berlin«

isherwood.jpgAm 8. Oktober 2014 erscheint im Verlag Hoffman und Campe Christopher Isherwoods »Leb wohl, Berlin« (»Goodbye to Berlin«) in der Neuübersetzung von Kathrin Passig und Gerhard Henschel.
John van Druten verwendete Isherwoods autobiografische Romane »Mr. Norris steigt um« (1935) und »Leb wohl, Berlin« (1939) als Basis für sein Bühnenstück »I Am a Camera« (1951), das wiederum als Basis für das Buch des Musicals »Cabaret« diente (1966, Musik: John Kander/Fred Ebb; Buch: Joe Masteroff).

Handlung
Ein melancholischer Abgesang auf eine verlorene Welt: Kosmopolitisch, libertin, glamourös und dekadent – mit fotografischer Präzision erfasst Christopher Isherwood die letzten Tage der Weimarer Republik in Berlin und zeichnet unvergessliche Porträts der Menschen, die seinen Weg kreuzen und unterschiedlicher nicht sein könnten: zwei junge Männer, die in fataler Weise voneinander abhängen, eine vermögende jüdische Familie, die das nahende Unglück nicht wahrhaben will, und zahlreiche Mitglieder der Halbwelt, unter ihnen die hinreißend leichtsinnige Sally Bowles, die in der Literatur ihresgleichen sucht. Im Hintergrund der Szenerie marschieren bereits die Nazis auf. Isherwoods Figuren aber verschließen die Augen vor der drohenden Katastrophe und feiern sich um den Verstand.

CHRISTOPHER ISHERWOOD
wurde 1904 in der Grafschaft Cheshire als Sohn eines englischen Offiziers geboren. Nach erfolglosen Studien der Geschichte und Medizin in Cambridge und London ging er 1929 nach Berlin. Von 1942 bis zu seinem Tod im Jahr 1986 lebte er im kalifornischen Santa Monica. Mit Werken wie »Leb wohl, Berlin«, »A Single Man«, »Mr. Norris steigt um« und »Praterveilchen« zählt Christopher Isherwood zu den berühmtesten Schriftstellern seiner Generation.

DIE ÜBERSETZER
Kathrin Passig, geboren 1970, ist Autorin und Übersetzerin. 2006 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. Sie lebt in Berlin.

Gerhard Henschel, geboren 1962, lebt als freier Schriftsteller bei Berlin. Zuletzt erschien von ihm bei Hoffmann und Campe »Bildungsroman« (2014). 2013 wurde er für sein schriftstellerisches Werk mit dem Nicolas-Born-Preis ausgezeichnet.

Christopher Isherwood, Leb wohl, Berlin
Originaltitel: Goodbye to Berlin, Originalverlag: Hogarth Press, 1939
Aus dem Englischen von Gerhard Henschel und Kathrin Passig
250 Seiten, gebunden, € 20,– [D] / € 20,60 [A]
Warengruppe 1110 ISBN 978-3-455-40500-2 Oktober 2014

Peter Filichia: Strippers, Showgirls, and Sharks. A very opinionated History of the Broadway Musicals that did not win the Tony Award

Peter Filichia, einer der bekanntesten Autoren, die über den Broadway schreiben, ist mit seinem jüngsten Buch ein richtiger Treffer gelandet. Er hat es wieder einmal geschafft, zu polarisieren. Feiern es die einen als »Pageturner«, kritisieren die anderen, dass der Autor außer persönliche Meinungen und Inhaltsangaben der von ihm erwähnten Musicals nicht viel biete. Nun, in Wirklichkeit sollte man sich, wenn man sich ein Buch eines Broadway-Kritikers kauft, bewusst sein, dass Kritik immer subjektiv ist – und mehr als »a very opinionated history« kann man ja im Titel schon nicht mehr schreiben, um dies auch deutlich zu machen.
Filichias Ausgangspunkt: Es kann jedes Jahr nur einen »Tony Award«-Gewinner in der Hauptkategorie »Best Musical« geben – die »Verlierer« wähnen sich nicht selten betrogen oder beraubt. Warum wurde 1972 »Two Gentlemen of Verona« als bestes Musical ausgezeichnet und nicht »Follies«, wie konnte sich »The Music Man« am 13. April 1958 gegen »West Side Story« durchsetzen? Das versucht der Autor mithilfe aller ihm zur Verfügung stehenden Mittel, selbstverständlich gefiltert durch Interpretation und auch persönliche Vorlieben, zu vermitteln – in einem sehr leicht lesbaren Stil, äußerst unterhaltsam und oft auch mit dem sogenannten Quizfaktor-Touch. Beispiele: »West Side Story« hätte vielleicht in den Kategorien »Bestes Buch« oder »Score« gewonnen, nur gab es 1958 diese Kategorien gar nicht. Man setzte sie Anfang der 1950er Jahre aus und führt sie erst wieder 1961/62 ein. Aber hätte »West Side Story« tatsächlich gewonnen? Zwei Songs aus »The Music Man« wurden damals in TV-Shows rauf und runter gespielt: »Seventy-six Trombones« und »Till there was you«. »Maria« und »Tonight«, die zwei Hits aus der »West Side Story«, dagegen wurden erst später, durch die Verfilmung, zu echten Hits. In der Zeit der Tony-Vergabe kannte die amerikanische Öffentlichkeit aus der Show vor allem das Fingerschnippen der Jets, denn das wurde in einem TV-Werbespot für »Ban«, ein Deo, eingesetzt.
Nicht immer kann Filichia alles sachlich erklären, aber es ist so wunderbar, wie er sein umfangreiches Wissen in bester Marcel-Prawy-Manier demonstriert. Empfehlenswert.

Peter Filichia: Strippers, Showgirls and Sharks. A very opinionated history of the Broadway Musicals that did not win the Tony Award. St. Martin’s Press. New York 2013. 288 S.; (Hardcover) ISBN 978-1-250-01843-4. 19,56 $ [www.stmartins.com]

Hans Salomon mit Horst Hausleitner: Jazz, Frauen und wieder Jazz

Der Wiener Saxofonist Hans Salomon komponierte, arrangierte für Art Farmer und Toots Thielemans, spielte mit Louis Armstrong, Ray Charles und Sarah Vaughan – mit dem Hit »Wia a Glock’n«, den er für Marianne Mendt komponierte, löste er die Austropop-Welle aus. Für die Entwicklung des Musicalgenres in Wien erlangte Salomon als Mitglied des 1955 gegründeten »Orchesters Johannes Fehring« Bedeutung. In der All-Star-Big-Band spielten u. a. Joe Zawinul, Erich Kleinschuster oder Robert Opratko, im Wiener Volksgarten begeisterte die Formation oft bis zu 2500 Zuschauer – Gilbert Bà©caud, Ella Fitzgerald u. a. begleitete sie auf Tourneen. Diese Big Band engagierte Rolf Kutschera 1965, um für seine Musicalpläne am Theater an der Wien über einen passenden Klangkörper zu verfügen.
Horst Hausleitner, der Hans Salomons privates und berufliches Leben in Buchform brachte, ist seit 1987 Mitglied des Orchesters der VBW und Autor zweier Bücher, in denen er über seine Erlebnisse in Afrika berichtet. Salomon und Hausleitner verbindet ihre Tätigkeit im Orchester der VBW. Doch seit wann gibt es eigentlich dieses Orchester? Das ist eines der Themen der vorliegenden Biografie.
Am 21. Dezember 1965 ging im Theater an der Wien die deutschsprachige Erstaufführung von »Wie man was wird im Leben, ohne sich anzustrengen« über die Bühne. Im Orchestergraben spielte jener Klangkörper, der in der Ära Kutschera bei an die 38 Premieren für den perfekten Klang sorgen sollte und 1987 – umstrukturiert – als »Orchester der VBW« weitergeführt wurde. Insofern haben die VBW 2015 ein bedeutendes Jahr vor sich, nämlich 50 Jahre Orchester der VBW – so betrachtet war das Jubiläum »25 Jahre Orchester der VBW«, das 2012 von den VBW gefeiert wurde, fast sinnwidrig, handelte es sich doch 1987 um keine Neugründung, sondern maximal um eine Umbenennung, ähnlich wie auch die Wiener Philharmoniker nicht immer unter ihrem heute bekannten Namen firmierten, aber nie auf die Idee kämen, eine 170-jährige Tradition aufgrund von Marketingideen zu zerdrechseln.
Das Kapitel VBW nimmt in der vorliegenden Biografie nicht viele Seiten ein, ist aber eines der Mosaiksteinchen, aus denen man Erkenntnisse über die Entwicklung des Musicalgenres in Wien ziehen kann: »Kutschera besuchte uns im Volksgarten und machte Fehring das Angebot, ihn und seine Musiker zumindest für ein Jahr zu engagieren. Nur eine moderne Big Band mit erweiterter Streicherbesetzung würde Musical authentisch spielen können. Fehring besprach das Angebot mit uns. ‚Rolf braucht uns, er braucht Qualität, denn er hat Großes vor‘, machte Fehring den Mund wässrig. ‚Aber es wird weniger Geld geben‘, ergänzte er, und die Münder waren schlagartig wieder trockengelegt. Wir waren dennoch einverstanden, gegen ein fixes Standbein war nichts einzuwenden, auch wenn die Gage mickrig ausfallen würde. Das gesamte »Orchester Johannes Fehring übersiedelte zwei Monate später vom Volksgarten direkt in den Orchestergraben des Theater an der Wien.« Das war der Beginn. Salomon leitete das Orchester auch als Dirigent, war bis 2000 als Musiker und Jazzkonsulent im Orchester der VBW engagiert, initiierte Konzerte mit Toots Thielemanns, Dave Brubeck und Joe Zawinul. Es war die Zeit, in der sich das Orchester einen Ruf erarbeitete. Lesenswert!

Hans Salomon mit Horst Hausleitner: Jazz, Frauen und wieder Jazz. Seifert Verlag. Wien 2013. 232 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-902924-04-9. 23,60 Euro. [www.seifert-verlag.at]

Petra Paterno: Lichterloh. Das Wiener Schauspielhaus unter Hans Gratzer von 1978 bis 2001.

Das Wiener Schauspielhaus hat im Theaterleben der Stadt einmal eine wesentlich bedeutendere Rolle gespielt, als es das derzeit tut. Es ist immer nur von ganz wenigen Personen abhängig, wohin ein Theater steuert. Im Extremfall von einer einzigen, wie im Fall des Theatermachers Hans Gratzer, der 1978 das Schauspielhaus gründete und ab da Theater- und Musicalgeschichte schrieb. Pam Gems’ »Piaf« mit Maria Bill (DE 1982), die »Rocky Horror Picture Show« (sic! ÖE 1983) mit Erich Schleyer und Alexander Goebel wurden Kassenschlager, begründeten Karrieren. Über Bills »Piaf« schrieb der »Kurier«: »Wir werden diese Nacht nicht vergessen […] Wenn uns in fernen Zeiten die Enkel fragen Opa, hast du noch die Piaf gekannt?, werden wir antworten: Ja und nein, mein Kind […] Die Piaf habe ich nicht gekannt, aber ich hab’ die Bill als Piaf gesehen.«
1986 gab Gratzer das Schauspielhaus ab, er wollte das Ronacher übernehmen, und es waren nur wenige Menschen, die diese Weichenstellung verhinderten. Seit 1976 stand das Ronacher leer, ein Kulturkampf war ausgebrochen. 1979 kaufte Gratzer den zerschlissenen Vorhang des Theaters aus dem Fundus für sein Schauspielhaus. 1984 präsentierte er ein Bespielungskonzept. Ohne Subventionen wollte er das Ronacher führen, mit einer Mischung von Eigenproduktionen und Gastspielen. Zur Eröffnung plante er ein neues Musical von Richard O’Brien. 1986 betrat mit dem Unternehmer Alexander Maculan ein Geldgeber die Szene. Am 27. Februar 1986 kündigte Bürgermeister Zilk die Rettung und Wiedereröffnung des Ronacher an. Maculan sollte das Theater kaufen und um 5,4 Millionen Euro renovieren. Nach der Wiedereröffnung würde die Gemeinde Wien mittels 25-jähriger Kaufmiete das Theater erwerben. Mit der Operette »Cagliostro« ging Gratzer im Ronacher an den Start. Die Premiere am 22. Mai 1986 wurde zum Desaster. – Am 13. Mai 1986, eine Woche zuvor, ist er zu Gast in der ORF-Diskussionssendung »Cafà© Central«. Unter den Studiogästen: Helmut Zilk, Peter Weck, Ursula Pasterk und Luc Bondy. Thema: die bevorstehenden Festwochen. Im Laufe der Sendung wird klar: Das Ronacher geht an Weck – an die VBW. Gratzer sitzt mit steinerner Miene da, kommentiert die Situation mit keiner Silbe. Die fast einhelligen Verrisse für »Cagliostro« waren seiner Meinung nach »gesteuert«, um ihn auch in der öffentlichen Wahrnehmung als Intendant zu diskreditieren.
2014 ist die Zukunft des Ronacher wieder einmal ein heißes Thema. Der Generaldirektor der VBW, Thomas Drozda, überlegte im Dezember 2013 in einem Interview mit »News«: »Eine der beiden Bühnen [Ronacher oder Raimund Theater] könnte in einer Kombination aus Vermietung und Eigenproduktion« betrieben werden. Im »Standard« vom 7. Januar 2014 konterten Ernst Woller (SPÖ-Kultursprecher) und Klaus Werner-Lobo (Grüne-Kultursprecher): »Es gebe in Wien genügend kreatives Potenzial, um das Etablissement in einer völlig anderen Form, in einer neuen Form des Musiktheaters, zu bespielen. Für Woller und Werner-Lobo ist es nicht vorstellbar, dass Drozda das Ronacher untervermietet; sie schlagen vor, das Haus auszugliedern und die Intendanz auszuschreiben. Was aber, wenn Drozda das Ronacher nicht aufgeben will? Die Eigentümerin der Immobilie ist die Stadt. Sie hat einen Auftrag zu formulieren – und Drozda hat sich an diesen zu halten.«
Zurück zu Hans Gratzer. Er kehrte Wien 1986 den Rücken, ging nach New York, um 1990 wieder ans Schauspielhaus zurückzukehren und erneut Theatergeschichte zu schreiben, etwa mit einer eigenwilligen Version von »The Sound of Music« (ÖE 1993), Tony Kushners Drama »Angels in America« (ÖE 1994/1995) und Eve Enslers »Vagina Monologen« (DE 2000). »Die Wiener Theater waren fad, fad, fad«, erzählte Toni Wiesinger (Betriebsleiter/Kostümbildner am Schauspielhaus) der Autorin des Buches, über die 1970er Jahre. »Die Stadt war öd und grau, mit dem Schauspielhaus haben wir eine Insel geschaffen.« Michael Schottenberg, derzeitiger Direktor des Wiener Volkstheaters: »Jung und dynamisch war er […] Ein Magier, der alle, Schauspieler wie Publikum, in seinen Bann zog, der ein neues Gefühl in die Stadt brachte, eine neue Lebendigkeit.« Musical konnte damals Teil dieses neuen Gefühls sein, Musical, das relevant war, auf der Höhe der Zeit, nicht was etwa die Knalligkeit von Projektionen betrifft, sondern das Handwerk, die Umsetzung, die Qualität der Darsteller, der Regie, der Visionen – und was den Mut betrifft. Erich Schleyer über die »Rocky Horror Picture Show«: »Ich habe zuvor weder Rock ’n’ Roll gesungen, noch konnte ich, wegen meiner Herkunft aus der DDR, Englisch. […] Eine Stunde vor Vorstellungsbeginn war ich in der Garderobe, habe mich selbst geschminkt und ganz allein für mich eine Flasche Sekt getrunken, das war meine Art der Vorbereitung auf die Aufführung. Während dieser Zeit habe ich viele andere Rollenangebote erhalten, aber alles abgeschlagen, was karrieretechnisch nicht unbedingt klug war, aber ich konnte nicht anders […] Das war die Rolle meines Lebens – und ich habe sie wirklich gelebt. Ich war zu 100 Prozent Frank N. Furter.« Die wahre Bedeutung dieser Produktion schildet Toni Wiesinger: »Die ganze Stadt war damals homophob – ist sie im Grunde heute noch. Aber am Anfang, in den 70er-Jahren, war es ganz offensichtlich. Unsere Schaufenster sind morgens regelmäßig angespuckt gewesen. Die armen Putzfrauen, die das wegwischen mussten. Der neunte Bezirk war damals kein Ausgehviertel wie heute, es war ein durch und durch bürgerlicher Wohnbezirk. Man mochte uns dort anfangs nicht besonders. Das hat sich erst verändert, als wir mit der Rocky Horror Picture Show diesen Riesenerfolg hatten. Da haben die Anrainer gesehen, dass die Leute bis auf die Straße hinaus um Karten angestanden sind, daraufhin wurden sie neugierig.« In Wien bracht der »Hedonismus aus. Drogen, Sex, Alkohol, Kreativität. Wir haben zehn Jahre eine Orgie in der Stadt gefeiert«. (Karl Welunschek, Regisseur)
Petra Paterno, Redakteurin der Wiener Zeitung für den Bereich Theater, ist mit ihrem Buch »Lichterloh« ein spannendes, blendend recherchiertes und komponiertes Buch zu einem wichtigen Stück Wiener Theatergeschichte geglückt. Pointierte Zitate aus Kritiken, Aufführungsanalysen aus den Privatarchiven von Dramaturgin Ingrid Rencher und Interviews mit den Protagonisten aus der Zeit Gratzers wie Michael Schottenberg, Erich Schleyer, Justus Neumann oder Beatrice Frey machen das Werk zu einer lesenswerten Hommage an Hans Gratzer.

Petra Paterno: Lichterloh – Das Wiener Schauspielhaus unter Hans Gratzer von 1978 bis 2001. edition atelier. Wien 2013. 288 S.; (Broschur) ISBN 978-3-902498-69-4. 19,95 Euro. [www.editionatelier.at]

Forschungs- und Dokumentationszentrum für Theaterwissenschaften und -betriebslehre – Theater in der Josefstadt und Kammerspiele (Hrsg.): Das Theater in der Josefstadt

Öffentlichkeitsarbeit in allen Facetten, das scheint das Credo des Direktors des Theaters in der Josefstadt, Herbert Föttinger, zu sein. So sind in den letzten Jahren bereits zwei Bücher über die Kammerspiele bzw. das Theater in der Josefstadt erschienen: »Wenn’s euch nur gefällt: 100 Jahre Kammerspiele 1910–2010« (Amalthea, 2010, siehe musicals 148, S. 74) und »Das Theater in der Josefstadt: Eine Reise durch die Geschichte eines der ältesten Theater Europas« (Picus, 2011). Der Brandstätter Verlag legt nun 2013 einen Prachtband über das Theater in der Josefstadt vor und punktet mit fantastischen Bildern und einer Collage von neu verfassten und bereits veröffentlichten Texten prominenter Schauspieler und Autoren wie Robert Schindel, Franz Schuh oder Heinz Marecek, einem Gespräch von Herbert Föttinger mit Peter Turrini u. v. m. Musical an sich gibt es im Theater in der Josefstadt im engeren Sinn zwar nicht, aber gerade im aktuellen Spielplan findet sich ein hinreißendes Musterbeispiel unterhaltsamen Musiktheaters: Franz Wittenbrinks »Forever Young« (siehe musicals 160, S. 28). Und für den vorliegenden Band über die Josefstadt verfasste Christoph Wagner-Trenkwitz, der Chefdramaturg der Wiener Volksoper, den informativen Artikel »Eine vergessene Tradition – Beethoven, Lanner, Strauß. Suppà©, Wagner … Die Josefstadt hat eine reiche musikalische Vergangenheit«. Darin verweist er nicht nur darauf, dass das Theater am 3. Oktober 1822 mit einer von Beethoven eigens komponierten Ouvertüre eröffnet wurde, die der Gigant selbst dirigierte (allerdings, aufgrund seiner Taubheit, mit einem Hilfsdirigenten), sondern auch auf Singspiel- und Operettenuraufführungen im Theater in der Josefstadt. Eine großartige Dokumentation eines Stücks Wiener Theatergeschichte.

Forschungs- und Dokumentationszentrum für Theaterwissenschaften und -betriebslehre – Theater in der Josefstadt und Kammerspiele (Hrsg.): Das Theater in der Josefstadt – Legendäre Geschichten und unvergessene Stars (Konzept, Zusammenstellung und Redaktion: Christiane Huemer-Strobele). Christian Brandstätter Verlag, Wien 2013. 232 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-85033-729-8

Benedict Nightingale, Martyn Palmer: Les Misà©rables – From Stage to Screen

Ein perfektes Weihnachtsgeschenk für die einen, eine Anregung, wie man prächtige Musicalbücher machen kann, für andere: Benedict Nightingales und Martyn Palmers Buch »Les Miserables – From Stage to Screen«. Die beiden Journalisten haben in Zusammenarbeit mit Cameron Mackintosh Ltd. und Universal Pictures eine Art Schatzbüchlein designt. Mackintosh steuerte ein Vorwort bei, danach wird in 20 Kapiteln die ganze Les-Mis-Faszination von den Anfängen bis zur Verfilmung von 2012 abgehandelt. Was die Kinoversion betrifft, darf man sich kein kritisches Wörtlein erwarten – bei den Kooperationspartnern eigentlich logisch. Die Superlative zum Bühnenklassiker bekommt man alle serviert: 11.209 Vorstellungen der Show gab es allein am West End (Stand: Oktober 2012), 100 professionelle Produktionen generierten weltweit 48.000 Aufführungen in 42 Ländern und 318 Städten. 60 Millionen Zuschauer sahen das in 21 verschiedene Sprachen übersetzte und mit 97 Preisen ausgezeichnete Musical von Boublil und Schönberg. Und wie kam es überhaupt zur Show? Dazu bieten die Autoren eine von vielen, gut gewählten Anekdoten: »The seeds (…) were sown in 1973, when Boublil, then a Paris-based music publisher and successful lyricist, saw Andrew Lloyd Webber and Tim Rice’s ‚Jesus Christ Superstar‘ on Broadway. After the performance he walked the New York streets until the early hours, excitedly pondering the possibilities of sung-through rock opera. Back in Paris he contacted the record producer, singer and composer with whom he had already started collaborating on pop songs, Claude-Michel Schönberg (…).« Ausgehend davon erfahren wir einiges über Victor Hugo und seine Zeit, über die Umstände, wie Cameron Mackintosh dazu kam, die Show am West End zu produzieren, über die Vorbereitungen der Londoner Premiere und die Premiere selbst, die Charaktere des Musicals und die Darsteller, die sie verkörperten, über die Les-Mis-Schulversion, von der es alleine in den USA bisher über 2000 verschiedene Produktionen gab, die mehr als fünf Millionen Zuschauer gesehen haben; ein Kapitel widmet sich der Art und Weise, wie die Songs von »Les Mis« in Castingshows, in Wahlkämpfen (Stichwort: »Les Misbarack«), … verwurstet wurden, und schließlich erfahren wir »alles«, was man über die Verfilmung wissen muss. Der Textteil des Buches ist durchaus in Ordnung, leicht zu lesen, mit Fakten unterfüttert und auch nicht zu knapp. Aber der Knüller des Werks sind die »Beigaben«. Vier knallvoll gefüllte Kuverts sind im Buch eingeklebt. In diesen Taschen bzw. Kuverts finden sich Faksimile-Drucke von Zeitdokumenten. Diese sind wertig produziert, durchdacht bis hin zur Papierwahl. Es gibt Faksimiles von Plakaten, so zum Beispiel von der Originalproduktion am Barbican Centre (Premiere: 8. Oktober 1985), diverse Auszüge aus Programmen von Produktionen der Show (unter anderem Paris, Palais des Sports, 1980, oder Duisburg, 1996). Ein besonders interessantes Faksimile bekommt man von John Napiers Originalentwurf der Bühne der Londoner Produktion. Mittels einer beweglichen Drehscheibe ist nachvollziehbar, wie die schnellen Szenenwechsel möglich wurden. Auch dabei: Ein Faksimile einer Liste von Requisiten, die für die Show notwendig sind, Skizzen von Kostümentwürfen, ein Auszug des Skripts von Ken Caswell, der in der Londoner Aufführung von 1985 Bischof von Digne spielte und danach bei diversen Produktionen der Show für die Regie (mit-)verantwortlich zeichnete. Kurzum: Lauter kleine Schätze für Les-Mis-Fans. Empfehlenswert.

Benedict Nightingale; Martyn Palmer: Les Misà©rables. From Stage to Screen. The Story so far of the World’s Longest Running Musical in Words, Pictures and Rare, Facsimile Memorabilia. Foreword by Cameron Mackintosh. Carlton Books, London 2013. 96 S.; (Hardcover) ISBN 978-1-78097-264-0. EUR 32,10. www.carltonbooks.co.uk

»Musical Unplugged« in Carnuntum 2013

»Musical Unplugged«, eine Konzertserie, organisiert von Florian Schützenhofer mit einem Stammensemble und wechselnden Gastsängern, machte Ende August 2013 in Petronell/Carnuntum Station. In einem Zelt, das zwar manchmal den geräuschkulissenartigen Charme einer Ritterburg hatte, aber in dem der Abend bis inklusive des Caterings perfekt organisiert ablief, stand am 20. August die »Solo-Show« auf dem Programm. Jakob Semotan, Rory Six, Riccardo Greco, Luc Devens und Martin Pasching interpretierten, begleitet von Florian C. Reithner am Klavier, Musicalhits & Co.
Für mich haben Solokonzerte dieser Art vor allem dann einen Sinn, wenn man an den Interpretationen erkennt, dass der Sänger zu all den hinlänglich bekannten Varianten eine ganz eigene hinzufügen möchte. Es gibt freilich Musicalevergreens, da will man nicht zwingend noch eine Variante hören. Nummern wie »The Music of the Night« etwa, ein Song, der außerhalb des Kontexts der Show in den letzten Jahren immer wieder zu Tode geschächtet wurden. Könnte man vielleicht noch als Dubstep-Variante versuchen, mit einem Justin-Bieber-Rap-Solo, aber sonst? Der Pathos, der innerhalb einer Musicalproduktion wirkt, führt sonst leicht zum Fremdschämen (»Das ist so typisch Musical.«).
Wie auch immer, Martin Pasching hatte mit seiner »Musik der Nacht« einen schweren Einstieg. Fast hätte ich mir da gedacht: Das wird schlimm – so wie in den ersten Sekunden in Baden vor einigen Monaten, als die Tschinderassa-Formation des Orchesters sich an ELO-Hits versuchte – aber es sollte alles noch gut werden.
Jakob Semotans Variante von »Wie kann es möglich sein?« – die starke Schlusssequenz, das Waterloo für so manch Sänger, Semotan hat sie perfekt geliefert, auch mit seinem »Engel aus Kristall« konnte er punkten. Rory Six für »Musical Unplugged« zu verpflichten, war eine tolle Idee, verfügt er doch über eine geniale Gestaltungskraft und –kunst. In Carnuntum demonstrierte Six, was für Nuancen selbst in Levay- oder Disney-Songs enthalten sein können, wenn man in der Lage ist, sie zu fühlen und diese Gefühle auch für den Zuschauer fühlbar zu machen – nicht nur zu singen, sondern das, was man singt, auch zu meinen. Mit Riccardo Greco als weiteren Solisten konnte Schützenhofer einen der Aufsteiger schlechthin im Musicalbusiness der letzten Jahre engagieren. Seine Performances sind charmant – und stimmlich mutig, was auch einen großen Teil der Attraktion ausmacht, die er ausstrahlt: Er interpretiert und ist bereit, das Überschreiten von Grenzen nicht nur zu akzeptieren, sondern geradezu zu suchen. Der große Stilist Luc Devens lieferte in gewohnter Qualität virtuose A-Capella-Variationen zu Queens »Love of My Life« oder Andrew Lloyd Webbers »Heaven on their minds«. Einer der Höhepunkte des Konzerts war nicht ein Musicalsong, sondern Martin Paschings Version von Ulli Bärs Kultlied »Alle Lichter« – manchmal ist ehrlicher Dialekt die direkteste Verbindung vom Hirn zum Herz. Furios am Klavier begleitet wurden die Interpreten von Florian C. Reithner, der stets auf der Suche war, das Bekannte durch Unerwartetes, etwa in Form von Rhythmusvariationen oder muskalischen Zitaten, aufzufrischen. »Die Schatten werden länger« mit einem muskalischen Zitat aus dem Horrorfilm »Halloween« zu unterfüttern, das hat was. Ein gelungener Abend.

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