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Denny Martin Flinn: The Great American Book Musical: A Manifesto, A Monograph, A Manual

Denny Martin Flinn (1947–2008) war Tänzer („Fiddler on the roof“), Choreograph („Six“, „Sugar“), Schauspieler und Drehbuch- sowie Sachbuchautor. Er schrieb das Musical „Groucho“, das unter seiner Regie am Off-Broadway und danach als Tourproduktion zwei Jahre lief. Er choreographierte Rock-Videosequenzen für Soaps wie „Another World“ oder „Search for Tomorrow“ und einige Szenen im Filmblockbuster „Ghost“ (1990). Als Drehbuchautor schrieb er an „Star Trek VI: The Undiscovered Country“ (1991) mit, als Darsteller tourte er eineinhalb Jahre mit „A Chorus Line“. Sein erstes Sachbuch war eine Making-off-Story ebendieser Show mit dem Titel „What They Did For Love: The Untold Story Behind the Making of A Chorus Line“. Es folgten viele weitere Bücher mit meist werbewirksam formulierten Titeln wie “How Not to Write a Screenplay: 101 Common Mistakes Most Screenwriters Make” (1999), “How Not To Audition: Avoiding the Common Mistakes Most Actors Make” (2003) oder “Little Musicals for Little Theatres: A Reference Guide for Musicals That Don’t Need Chandeliers or Helicopters to Succeed” (2005). 2007 starb Denny Martin Flinn an den Folgen einer Krebserkrankung, seine letzten Bücher, „Ready for My Close-Up!: Great Movie Monologues“ und „The Great American Book Musical“, erschienen 2007 beziehungsweise 2008 posthum.
Für das hier besprochene Buch „The Great American Book Musical“ hatte Flinn drei Untertitel als Auswahl vorliegen: „A Manifesto“, „A Monograph“ und „A Manual“. Dass er sich letztlich dafür entschieden hat, alle drei zu verwenden und damit auch die Ansprüche, die diese Titel stellen, erfüllen zu wollen, mag eine Schwäche des Autors oder des Werks sein, denn zumindest als „Manual“, also quasi als Anleitung, wie man ein Book Musical schreibt, taugt das Buch ganz und gar nicht. Zumal das Book Musical, laut Flinn, längst tot ist, und zwar genauso tot wie „Höhlenmalerei und Impressionismus“, so der Autor. Und zumal es für Flinn extrem schwer scheint, den Begriff Book Musical überhaupt zu fassen beziehungsweise die Kriterien dafür zu erstellen, wann ein Book Musical als gelungen zu bezeichnen ist, und wann nicht. Für Flinn beginnt die Ära der Book Musicals 1944 mit „On the town“ und endet 1975 mit „A Chorus Line“ beziehungsweise 1981 mit „Dreamgirls“. Dass man den Beginn des modernen Musicals eigentlich 1927 mit „Showboat“ ansetzt, spätestens 1943 mit „Oklahoma!“, kümmert ihn nicht besonders, er gibt auch keine Gründe für seine Entscheidung an.
„Cats“ beispielsweise ist für Flinn, der besonderen Wert auf das Staging legt, kein „echtes“ Book Musical, weil die Choreographie alles andere als originär sei. Was hätte aber daraus werden können, wenn ein Bob Fosse oder Jerome Robbins hier federführend gewesen wären, so der Autor. Es sind letztlich solche Passagen, die das Buch eher zu einer Art riesigen Ideeensammlung machen denn zu einem „Manifest“ oder einer „Anleitung“.
Es ist ein durchaus sympathischer Ansatz, den Flinn hier skizziert, wenn er meint, „It’s the songs that carry the musical“, und Ira Gershwin zitiert, der sagte: „Words deliver an idea to the head. Music delivers an emotion to the heart. A song delivers an idea to the heart.“ Kaum meint man, eine klare Linie in Flinns Argumentationsreigen gefunden haben, bietet er die folgende Anekdote: „Mrs. Oscar Hammerstein was at a party, and overheard someone say, „I just love Jerome Kern’s ‚Old Man River‘“ Mrs. Hammerstein replied, „Jerome Kern didn’t write ‚Old Man River‘. Jerome Kern wrote, dum, dum, dum-dum, dum-dum, dum, dum-dum.“ Dass bei einem Musical die Lyrics wichtig sind, das Libretto und die Melodie, das hätten wir wohl auch ohne den Autor gewusst, ob die Betonung des Stagings nun den entscheidenden Schritt zum Book Musical macht, ist die Frage.
Im Kern ist Flinns Werk eine Art Liebeserklärung an die Kunst des Stagings, sozusagen das „Herz“ des von ihm sizzierten „guten“ Book Musicals, neben dem Libretto. Da wird sein Werk dann zur im Untertitel angesprochenen Monographie, wenn er unter dem Motto „Dance is the hidden language of the soul“ (Martha Graham) Minibiographien der großen Broadway-Choreographen ausarbeitet wie Robert Alton, Jack Cole, Agnes de Mille, Jerome Robbins, Michael Kidd, Gower Champion, Bob Fosse und Michael Bennett. Da erweist sich Flinn als blendender Anekdotenerzähler und da bietet er auch einiges an interesanten Einblicken in die Arbeitsweise der Choreographen von Shows wie „West Side Story“, „A Chorus Line“, „Company“, „My Fair Lady“ und vielen anderen. Ob es nun notwendig war, ellenlange Listen zu schreiben mit den ursprünglichen Stoffen bekannter Musicals wie „Peter Pan“, „Hello, Dolly!“, „Gypsy“ und so weiter, bleibt dahingestellt.
Es macht immer Spaß Flinns Bücher zu lesen, man kann sie zumindest meistens als Sammlung lesenswerter Zitate verwenden. Bei diesem seinem letzten Buch könnte es sein, dass der Autor die tatsächliche Bearbeitung noch nicht abgeschlossen hatte, als er am 24. August 2007 starb. Es wirkt in vielen Zügen unfertig, viele Schlussfolgerungen und Kapiteltitel, die provokant gemeint waren, wie „Nur Choreographen sollten auch Regie führen“, sind nicht wirklich schlüssig mit Material unterfüttert. Und letztlich ist ein unterhaltendes Anekdotenbuch noch keine fundierte Analyse. Flinn bietet gute Materialskizzen, keine Frage, schießt aber manchmal übers Ziel und wird ein wenig geschmäcklerisch, beispielsweise, wenn er gegen Ende des Buches zum Schluss kommt: „You gonna have heart: It may be that in a good production of „Les Misérables“, we are applauding the fact that the cast got through all that singing; in „Miss Saigon“, the sets; in „Cats“, the virtuoso singing and dancing. In the great American book musical, an ovation is, well … from the heart.” Das ist dann fast schon … platt.

Denny Martin Flinn: The Great American Book Musical – A Manifesto, A Monograph, A Manual. Limelight Editions, New York 2008, 268 S.; (Softcover) ISBN 978-0-87910-362-0. $ 19,95. www.limelighteditions.com

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