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Dorothee Ott: Shall we Dance and Sing? Zeitgenössische Musical- und Tanzfilme

Das Filmmusical ist derzeit wieder angesagt. In den nächsten Monaten wird die Neuverfilmung von „Fame“ ebenso in die Kinos kommen wie die Filmversion von Maury Yestons „Nine“, 2010 steht unter anderem eine neue Version von „Footloose“ auf dem Programm und „High School Musical 4“ (allerdings als „TV-Musical“), 2011 ein Remake von „My Fair Lady“ – und auch Steven Soderberghs Cleopatra-3D-Rock’n’Roll-Musical „Cleo“ ist im Entstehen.
Ist nun“Fame“ ein Filmmusical oder ein Tanzfilm, wann vermischt sich alles mit Genres wie dem Ballettfilm wie beispielsweise in „White Nights“ (USA, 1985) oder „Billy Elliot – I Will Dance“ (UK, 2003) oder gar in Herbert Ross’ „The Turning Point“ (USA 1977) und Robert Altmans „The Company“ (USA, 2003). Wie grenzt man Musiker-, Musik- und Konzertfilm voneinander ab? Das sind einige der Themen, mit denen sich Dorothee Ott im Rahmen ihrer Dissertation im Fach Filmwissenschaft der Universität Mainz auseinandergesetzt hat. 2007 promovierte sie mit dem hier vorliegenden Werk, das 2008 als Buch erschienen ist. Derzeit arbeitet Ott beim Hessischen Rundfunk als Redakteurin.
Was die Autorin bietet, ist eine genaue und genau belegte Analyse der Entwicklung des Filmusicals (bleiben wir jetzt mal ungenau und schließen da sämtliche Gattungen ein) nicht nur im amerikanischen Sprachraum, sondern auch mit Abstechern nach Deutschland („Rhythm is it!“) und Japan („Shall we dansu?“) oder Australien („Moulin Rouge!“) – und auch beispielsweise mit einem spannend zu lesenden Kapitel zum Subgenre des Tangofilms mit seinen prominenten Regisseuren wie Carlos Saura („Bluthochzeit“, 1981, „Carmen“, 1983 und „El Amor Brujo“, 1986) und Fernando E. Solanas („Tangos – El Exilio de Gardel“, 1985 und „Sur“ 1987).
Dorothee Ott beginnt ihre Ausführungen mit einer genauen Untersuchung der Entwicklung des Musical-und Tanzfilms, beginnend bei der ersten Tonfilm-Revue, Harry Beaumonts „The Broadway Melody“ (USA, 1929), beschäftigt sich dann mit der Musik im Film generell und erzählendem Gesang im Musicalfilm, um sich schließlich der dramaturgischen Funktion des Tanzes in Musicalfilmen der 1930er, 1940er und 1950er Jahre zu widmen. In kurzen Kapiteln werden daran anschließend die Krisenjahre, die 1950er und 1960er, untersucht, um schließlich in die Gegenwart einzubiegen mit eigenen Kapiteln zur „West Side Story“ (USA, 1961) und zum Einfluss der Popmusik auf Musical- und Tanzfilme der letzten Jahre.
Langsam baut die Autorin ihr Instrumentarium auf und festigt die begrifflichen Grundlagen, als Voraussetzung für den Hauptteil des Werkes, die Untersuchung besonders interessanter Werke für das Genre. Für diesen Hauptteil hat Ott „Dirty Dancing“ (USA, 1987), „Strictly Ballroom“ (Australien, 1991) und den japanischen Film „Shall we dansu?“ (1996) von Masayuki Suo ausgesucht, der zum bis dahin erfolgreichsten japanischen Film in den USA wurde.
Nach einem Kapitel, in dem zeitgenössische Musicalfilme wie „Evita“ (USA, 1996), „Everyone says: I Love You“ (USA, 1996) und „Dancer in the Dark“ (Dänemark, 2000), Animationsfilme („Snow White and the Seven Dwarfs“, USA 1937 – bis hin zu „Corps Bride“, USA 2005) generell sowie das Bollywood-Kino besprochen werden, folgen ausführliche Auseinandersetzungen mit „Moulin Rouge!“ (Australien, 2001), „Chicago“ (USA, 2002) und „Rhythm is it!“ (BRD, 2004). Insgesamt werden 44 Filme ausführlicher behandelt, angefangen bei Filmklassikern wie „The Jazz Singer“ (USA, 1927) über „Swing Time“ (USA 1936) und „Sweet Charity“ (USA, 1968) bis hin zu „Mad Hot Ballroom“ (USA, 2005) und „Take the Lead“ (USA, 2006).
Interessant, weil auch in den kommenden Monaten wieder aktuell: Otts Vergleich zwischen aktuellem Filmmusical und Bühnenmusical: „Das zeitgnössische Publikum scheint eher nach der authentischen Bühnenerfahrung – nach dem Live-Erlebnis und der Live-Musik – zu verlangen als nach einer gesungenen Filmerzählung, das zeigt sich an der ungebrochenen Popularität der Bühnenmusicals, die Jahr um Jahr ein Massenpublikum ins Theater locken. Hier finden sich auch professionelle, solide ausgebildete Musicaldarsteller, die auf der Leinwand meistens noch fehlen. Denn mit der Rückkehr zur Formtradition geht im Musicalfilm eines leider nicht daher: das Casten echter Musicaldarsteller für den Film. Während es im zeitgenössischen Tanzfilm meist gelingt, professionelle Tänzer mit ausreichend schauspielerischem Talent einzusetzen (siehe Patrick Swayze oder Paul Mercurio), sucht der zeitgenössische Musicalfilm hauptsächlich unter bekannten Filmschauspielern seine Darsteller, was dem Genre nicht immer gerecht wird. (…) Sollte der Trend zur konventionellen Inszenierung von Musicalfilmen fortbestehen, dann bleibt zu hoffen,dass die Produzenten billantere Musicaldarsteller für die nächsten Filme engagieren als bis dato, damit das Publikum, in Ermangelung innovativer Regie-Ideen, zumindest wieder virtuose Gesangs- und Tanzdarbietungen genießen kann (…) Die Zukunft des Musicals wird auch mit dem richtigen Casting entschieden.“
Fazit: Man lasse sich nicht abschrecken von dem Umstand, dass dieses Buch ursprünglich als Dissertation geschrieben wurde. Dafür ist es nämlich sehr leicht lesbar, aber gleichzeitig basierend auf einem gefestigten Boden von Tatsachen und Fakten. Verwendete Fachbegriffe werden erklärt und so sparsam wie möglich eingesetzt. Das Buch ist bebildert, aber zweifellos textzentriert, ein Quellenverzeichnis sowie eine kleine Internetlink-Zusammenstellung bieten einen guten Überblick über bisher erschienene Literatur zum Thema. Trotz einer Konzentration im Hauptteil auf einige wenige Musicals bietet dieses Buch den wohl besten Gesamtüberblick und die beste Analyse zum Genre des Filmmusicals und Tanzfilms auf dem Gebiet der deutschsprachigen Fachliteratur.

Dorothee Ott: Shall we Dance and Sing? Zeitgenössische Musical- und Tanzfilme. UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz 2008, 362 S.; (Softcover) ISBN 978 3 86764 045 9. EUR 39,00 www.uvk.de

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