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Folkwang Hochschule (Hrsg.): „20 Jahre Folkwang Musical“

„20 Jahre Folkwang Musical“ – als Buchtitel klingt das zuerst einmal nicht besonders spektakulär. Und mit Begriffen wie „spektakulär“ ist dieses Printprodukt, eine Idee des Studiengangs Musical der Folkwang Hochschule, die gemeinsam mit Prof. Patricia Martin und Prof. Gil Mehmert entwickelt wurde, auch nicht bewertbar – aber es ist ein wichtiges Buch für den Ausbildungssektor des Musiktheaters. Nicht etwa, weil hier geheime Erkenntnisse der Lehre preisgegeben werden, sondern weil Bücher wie dieses essentielle Marketingtools jeder Ausbildungsstätte sein sollten – und es doch so selten sind.
Irgendwann, etwa nach 20 Jahren, nach zehn Jahren, alle fünf Jahre oder aber permanent stets aktuell und umfassend online, sollte jede Schule auf diesem Gebiet darangehen, das eigene Standing möglichst öffentlichkeitswirksam darzustellen, die eigene Position schriftlich festzuhalten und beispielsweise über alle jene Produktionen Auskunft zu geben, die man gemeinsam mit den Studenten erarbeitet hat. Mit allen Studenten – auch mit jenen, die nicht die große Karriere machen, mit denen man sich als Schule nicht imagemäßig schmücken kann. Ein Buchprojekt wie das der Folkwang Hochschule holt die Studenten etwas aus dem verschulten halbanonymen Puppenstadium heraus, in dem sich doch einige von ihnen befinden, während sie studieren (und in dem so manch einer auch danach noch eine Zeit verharrt). Sucht man auf den offiziellen Websites der Musicalschulen nach Informationen über die Studenten, findet man oft erstaunlich wenig. Ab und an ergreifen die jungen Künstler selbst die Initiative und coden eigene Sites – dann allerdings kommt es gar nicht mehr so selten vor, dass diese Bemühungen von den Schulen nicht so gerne gesehen werden. Sinnvolle Begründungen dafür gibt es nicht.
Das hier besprochene Buch ist ein Schritt in die richtige Richtung. Ein weiterer wäre vollbracht, wenn Marketingexperten der Musicalschulen jedem einzelnen Studenten ein Plätzchen im Web zur Verfügung stellten, inklusive einer Mindestausstattung wie einem Blog und einer kleinen Einschulung, was man zu tun hat, um die Website mit Inhalt zu befüllen (oder befüllen zu lassen). Selbstvermarktung ist alles, und das Netz ist dabei heute nicht mehr wegzudenken. Die Realität sieht freilich anders aus. Sucht man auf den offiziellen Websites der Schulen unter dem Stichwort „Absolventen“, kommt man an abstruseste Angaben. Auf einmal tauchen mitten im Web Excel-Sheets zum Download auf, die nichts weiter als die Namen der Absolventen und Angaben zum Abschlussjahr enthalten. Wieder andere Lehranstalten versuchen sich mit Bilderrätseln, indem sie auf einer Site acht Passbilder und irgendwo anders die dazugehörigen Namen posten. Die seit rund 85 Jahren bestehende Folkwang Hochschule geht hier einen eigenen, guten Weg.
1989 richteten die Verantwortlichen der Folkwang den „Studiengang Musical“ ein, und bereits im ersten Jahr traten die Studenten gemeinsam mit Gästen vom Broadway mit einem selbst erarbeiteten Programm an die Öffentlichkeit: „Broadway meets Musical“. Seit 1989 bietet diese Ausbildungsstätte Jahr für Jahr interessante Shows, beispielsweise „Jaques Brel Is Alive And Well And Living In Paris“ (1993), „Company“ (1994), „On The Town“ (1995), „Into The Woods“ (1998) mit Ramesh Nair als „Aschenputtels Prinz“ und Cornelia Drese als „Hexe“, „The Apple Tree“ (2000) mit Thomas Klotz als „Der Produzent“ und Thomas Schweins als „Flip“, „Girl Crazy“ (2002) mit Stefan Strara als „Danny“ und Serkan Kaya als „Sam“, „Merrily We Roll Along“ (2003), „How To Succeed In Business Without Really Trying“ (2004), „The Wild Party“ (2005), „Bat Boy“ (2006), „Pinkelstadt“ („2007), „Rent“ (2008) und „Into the Woods“ (2009) mit Gaststar Guildo Horn als „Erzähler“.
Im Folkwang-Buch berichten am Institut Lehrende des Fachbereichs Musical über mitunter recht Amüsantes aus der Praxis, beispielsweise Bernd Paffrath (seit 2001 Lehrbeauftragter für Stepptanz): „Und es sollte eine Ausnahme bleiben, dass eine ehemalige Studentin in großer Panik eine sms (in Großbuchstaben) mit der Frage versandte: „SCHNELL. BIN AUF EINER AUDITION FÜR Anything Goes. WAS IST NOCHMAL EIN WING??? BRAUCHE EINE SCHNELLE ANTWORT.“ Ich gebe zu, dass meine Antwort etwas gemein, aber der Situation durchaus angemessen ausfiel: „Ein Wing ist eine asiatische Hülsenfrucht!“ Leider habe ich vergessen, ob die betreffende Person den Job doch noch bekommen hat.“ Ein Thema, das in fast allen Artikeln vorkommt: die triple threats, die Alleskönner, oder anders formuliert: die drei Säulen der Ausbildung: Tanz, Gesang und Schauspiel – das, was Musicaldarsteller auszeichnet. Doch wie sehen Studenten diese Mehrfachbegabung – Segen oder Fluch? Matthias Davids, Gastregisseur an der Folkwang: „Abends nach der Probe in der nahe gelegenen Pizzeria. Meine jungen Darsteller diskutieren heftig, wie sie die zwei Versionen ihrer Bewerbungsunterlagen gestalten sollen. Ich bin irritiert – zwei? „Ja, die eine fürs Musical, die andere fürs Schauspiel“, lautet die lakonische Antwort. Bei einem Schauspielensemble empfehle es sich, die Ausrichtung des Studiums auf das Musicalgenre zu verschweigen, ansonsten verbaue man sich von Anfang an die Chance auf ein Engagement. Ich bin sprachlos. „Und was sagen eure Dozenten dazu?“, frage ich ungläubig und ernte mitleidige Blicke. „Es fängt doch hier an der Hochschule schon an.“ „So mancher Schauspielschüler straft und Musicalleute bloß mit Verachtung.“ „Wir gelten als die, die alles etwas, aber nichts richtig können.““ Viel hat sich verändert, und vieles so gar nicht. In recht freier Definition auch die besondere Qualität der Folkwang-Studenten. Derek Williams (Professor für Jazzdance und Choreographie) sieht den Schwerpunkt jener Absolventen, die einen Job finden, im Tänzerischen; Simone Linhof, Associate Producer bei Stage Entertainment, ortet den Ruf der Folkwang-Absolventen im Bereich der „Allrounder, Alleskönner, ohne spezielle Schwerpunktsetzung“.
Sehr klug hat die Redaktion (Dr. Wolfgang Jansen, Kommunikation & Medien, Folkwang Hochschule, Maike-Ilke Groß und Wiebke Busch) Unterhaltsames, Persönliches und Informatives gestreut, die Photos sind durchwegs erstklassig und das Design des Buchs (Henning Schlegel) ist modern-pfiffig.
Fazit: Vorbildlich und höchst nachahmenswert.

Folkwang Hochschule (Hrsg.): „20 Jahre Folkwang Musical“. Folkwang Hochschule, Essen 2009. 180 Seiten. EUR 10,–. Zu bestellen über den Online-Shop der Folkwang Hochschule: www.folkwang-hochschule.de/

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