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Jonathan Cott: Leonard Bernstein – Kein Tag ohne Musik

Jonathan Cotts Buch »Leonard Bernstein – Kein Tag ohne Musik« ist die Idealform, wie ein ausführliches Interview mit einem Künstler publiziert werden kann, und sei es 23 Jahre, nachdem das Interview selbst stattgefunden hat. Am 20. November 1989, elf Monate vor Bernsteins Tod, führte der damals 46-jährige Cott mit dem Künstler ein zwölfstündiges Gespräch. Man hörte gemeinsam Platten, nahm ein Abendessen ein, trank – redete über Gott und die Musik. Eine Kurzversion des Gesprächs (achttausend Wörter) erschien wenige Wochen danach im Magazin »Rolling Stone«, das den Auftrag an Cott erteilt hatte, das Interview zu führen.
Die ungekürzte Version, die nicht nur die Fragen und Antworten enthält, sondern auch die Szenerie beschreibt, in der das Ganze stattgefunden hat, die Gefühlslage von Cott und was Bernstein in jedem Moment des Interviews gemacht hat, erschien vor wenigen Wochen in deutscher Sprache und wird im Januar 2013 unter dem Titel »Dinner with Larry: The Last Long Interview with Leonard Bernstein« als Publikation der Oxford University Press auf den Buchmarkt kommen.
Jonathan Cott wurde 1944 geboren und war viele Jahre als Redakteur für Magazine wie »Rolling Stone« oder »The New Yorker« tätig. Er verfasste Bücher zu Literatur, Musik und Kunst und ist bekannt für seine Interviews, die er unter anderem mit Bob Dylan, Glenn Gould, Henry Miller, Werner Herzog, Elizabeth Taylor oder John Lennon führte.
Gerade in Zeiten, in denen Interviews, nicht zuletzt auch im Musicalbereich, oft jeglicher Sinnhaftigkeit beraubt sind, ist es aufbauend zu lesen, wie es sehr wohl Künstler gibt beziehungsweise in diesem Fall gegeben hat, die nicht fürchten, mit ihren Statements eventuell ihre »Klientel« zu verletzen. Es kommt ja heutzutage nicht selten vor, dass Interviews als reines Marketingtool gesehen werden. Die Marketingabteilung plant maximal 60 Minuten, aus denen im letzten Augenblick 45 werden, man bekommt manchmal nicht mal die Gelegenheit, mit dem oder den zu Interviewenden alleine zu sprechen – erraten, die Marketingabteilung passt auf, ein Fräulein sitzt daneben, spielt mit dem Handy, geht mal kurz raus und kommt mal kurz wieder rein, und bevor das Interview dann in Druck gehen darf, natürlich, liest auch die Marktingabteilung die Ausführungen, es könnte ja … man sollte doch … Bei einem solchen Vorgehen, bei einer solchen Inszenierung, weiß man bald nicht mehr, ob hier tatsächlich ernsthaftes Interesse an einem Interview besteht oder ob nur platte Werbung erwünscht ist.
Jonathan Cott konnte mit Leonard Bernstein ein Vier-Augen-Gespräch führen, ohne die Anwesenheit von kontrollierenden Zuhörern, der Leser des Interviews bekommt keine gefilterte Restmeinung zu lesen, keine Harmlosigkeiten, die manchmal haarscharf an der Lüge vorbeischrammen. Natürlich, und auch das wird in diesem Buch beschrieben, im dritten Teil, dem sogenannten »Postludium«, gab es nach diesem Interview vieles zu klären an Bezügen, verwirrenden Bemerkungen und so weiter, und so fand am 3. Dezember 1989 zwischen Cott und Bernstein ein Telefongespräch statt, in dem dieser Rest an Unklarheiten beseitigt werden konnte. Es wurden aber keine Teile des Gesprächs gelöscht oder gar zensuriert.
Was dieses dritte Kapitel so interessant macht, ist die Art und Weise wie Cott seine sagen wir mentale Lage beschreibt, in der er sich befand, als er Bernstein erneut »belästigen« musste, also die Thematisierung der Rolle des Interviewers. Es ist ihm nicht peinlich, seine Unsicherheiten und Befürchtungen (unbegründete Befürchtungen, wie sich herausstellt) mit seinen Lesern zu teilen. Auch dieses Telefongespräch wird im Wortlaut und kommentiert wiedergegeben.
Bernstein nahm sich die Zeit, das Interview (die Kurzversion) nicht nur schriftlich zu autorisieren, sondern auch mit erklärenden Anmerkungen zu versehen. Und genau das ist der Punkt: Ein Interview macht nur dann wirklich Sinn, wenn es beide Gesprächspartner ernstnehmen, wenn sie davon überzeugt sind, dass der Inhalt des Gesprächs relevant ist.
Das eigentliche Interview findet sich im zweiten Kapitel des Buchs abgedruckt unter dem Titel »Dinner mit Lenny«. Auf rund hundert Seiten schafft es Cott mit seinen Fragen ein faszinierendes Porträt von Leonard Bernstein, seiner musikalischen Welt, seinen jüdischen Wurzeln, seiner Philosophie zu skizzieren. Er lässt dieses Interview lebendig werden durch die Art und Weise, wie er auch alle Begleitumstände der Unterhaltung auf hohem Niveau beschreibt, indem er den Ort, an dem das Interview stattfindet, beschreibt, das Dinner und so weiter.
Im Rahmen des Interviews erleben wir einen Bernstein, der über seine Träume spricht, über den Zauber der Musik, den Klang eines Orchesters, immer wieder auch über die Wiener Philharmoniker – sogar ganz erstaunliche Anekdoten erzählt er über sein Verhältnis zu diesem ganz besonderen Klangkörper –, er erklärt die Möglichkeiten eines Dirigenten, referiert über die Kunst des Dirigierens: »Ich schlage nicht den Takt, und ich erlaube es meinen Studenten nicht, das zu tun. Tatsächlich sage ich ihnen im Unterricht, sie sollen nicht diese diagonale Abwärtsbewegung auf dem dritten Schlag machen, wie es die sogenannten Dirigierlehrer tun – das ist, als würde man ein totes Pferd peitschen.« Bernstein erzählt von seinem Umgang mit Kritik, es gibt sehr spannende Passagen, in denen er über das richtige Casting etwa für die »West Side Story« spricht und darüber, wie er seine Plattenfirma Columbia Records mühsam davon überzeugen musste, eine Aufnahme des Musicals zu produzieren. Letztendlich wurde diese LP zum Renner und für Columbia die Rettung, die sie vor dem Bankrott bewahrt hat.
Bernstein erweist sich als blitzgescheiter, schlagfertiger Gesprächspartner, der eine Vielzahl von Zitaten, ganze Gedichte auswendig in das Gespräch einzubringen vermag: »Es gibt eine innere Geografie des Menschen, die von der Musik eingefangen werden kann, und von nichts anderem«, sagt Bernstein zu Jonathan Cott, »das ist der tatsächliche Zauber der Musik.«
Ein großartiges Buch, das man nicht mehr aus den Hand legen mag, wenn man einmal angefangen hat, darin zu lesen.

Jonathan Cott: Leonard Bernstein – Kein Tag ohne Musik. Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann. München 2012. 158 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-570-58037-0. EUR 17,99. [www.edition.elke-heidenreich.de]

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