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Musicals. Geschichte – Shows – Komponisten

Das Buch blendet. In mehrfacher Weise. Schon allein in Größe und Ausstattung. Es ist im besten Sinne dem Genre des Coffee Table Book zuzuordnen. Ein Großformat mit 25 mal 30 Zentimeter Größe, funkelnde Glitzereffekte am Cover, mehr als 570 Fotos im Innenteil. Wow. Vorfreude. Das könnte doch mal ein ideales Weihnachtsgeschenk sein. Das englischsprachige Original ist im Oktober 2015 bei Random House erschienen, mit einem Vorwort von Elaine Paige. Das fehlt in der deutschen Ausgabe. Geschrieben hat die einleitenden Worte zur deutschen Ausgabe Kristin Freter. Wer das ist? Keine Ahnung. Nicht mal Google findet halbwegs brauchbare Details zu ihr. Und das Vorwort beginnt so: »â€šDas Phantom der Oper‘, ‚Starlight Express‘ oder ‚Das Dschungelbuch‘: Schon allein die Namen dieser Musicals stehen für außergewöhnlich emotionale Momente.« Was für ein Musical namens »Das Dschungelbuch« mag hier wohl gemeint sein? Ein Blick ins Register führt zu einem Kurzeintrag: Es handelt sich um eine Show von Christian Berg, die 2002 ihre Uraufführung hatte, im Sommertheater Cuxhaven. Na klar, da hätte man doch gleich draufkommen können. Unter dem Vorwort, gleich neben dem Bild eines schönen Theaterinnenraums, steht, statt einer Information, um welches Theater es sich handelt, der Satz: »Musicals unterhalten und machen immer gute Laune, ganz gleich, ob man sie live im Theater oder auf dem heimischen Bildschirm verfolgt.« Wie kann man ein Genre nur so leichtfertig auf eine derart billige Aussage reduzieren? Musical kann weit mehr als nur gute Laune machen, und Musical ist in erster Linie ein Live-Erlebnis.
Ein paar Highlights noch auf der Textebene: »Das dramatische Bühnenbild und die atmosphärische Musik erinnern an Wagner-Opern« (gemeint ist Levay/Kunzes »Elisabeth«). Jason Robert Brown »erregte durch seine kultige Off-Broadway-Show ‚Songs for a New World‘ (1995) Aufsehen, die den Kabarett-Liebling ‚Stars and the Moon‘ hervorbrachte.« »Kabarett« also – womit wir beim klassischen schweren Übersetzungsfehler angelangt sind. Bill Russell sucht man in diesem Buch vergeblich, ebenso Michael John LaChiusa …
Was die Bildebene betrifft, hat man leider bei der arbeitsintensiven Bildbearbeitung gespart. Etliche Fotos scheinen qualitativ nicht geeignet, dermaßen vergrößert zu werden, sodass sie nun unscharf wirken, sehr viele sind freigestellt, aber auf eine so hässliche Art und Weise, wie es bei einem solchen Buch nicht sein sollte. Retusche ist kostenintensiv, mag sein, schlecht retuschierte Bilder wirken billig.
Das Werk ist sicher ganz gut geeignet dafür, einen groben ersten Blick auf die bekanntesten Musicals zu werfen, dafür hat man auch ein flippiges Magazin-Layout gebastelt. Wer mehr erwartet, wird enttäuscht. Schade drum. Fazit: Mit jedem Geschenk gibt man auch etwas von sich her. Ich würde dieses Buch nicht verschenken wollen.
Musicals. Geschichte – Shows – Komponisten. Dorling Kindersley Verlag. München 2016. 320 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-8310-3157-3. EUR 34,95. dorlingkindersley.de

Max Reinhardt Seminar: Premieren nun als Livestream

Am 14. Dezember 2016 bringt Simon Dworaczek, Regie-Student am Max Reinhardt Seminar, seine Diplominszenierung »Frei heraus!« zur Aufführung. Das Stück ist auf der Neuen Studienbühne des Max Reinhardt Seminars zu sehen – und es wird erstmals live auch per Stream live im Netz gezeigt. (–> MDW-Mediathek)

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Frei heraus!
Ein Stotterstück von Simon Dworaczek
Diplominszenierung

Cast
Eva Dorlass, Maria Lisa Huber, Philip Leonhard Kelz, Christoph Florian Kohlbacher, Tony Marossek

Leading Team
Regie: Simon Dworaczek
Bühnenbild und Kostüme: Lea Steinhilber
Licht: Gerhard Fischer
Choreografie: Grant McDaniel
Musik und Sounddesign: David Lipp
Regieassistenz: Simon Scharinger
Inspizienz: Hans-Christian Hasselmann

Termine
Mi 14. Dezember 2016 | Premiere
Die Premiere ist im Livestream der mdw-Mediathek zu sehen!

Do 15. | Fr 16. | Sa 17. Dezember 2016
Beginn jew. 19.30 Uhr

Aufführungsort
Neue Studiobühne im Max Reinhardt Seminar
1140 Wien, Penzinger Straße 7

Karten
Bestellung per E-Mail oder Tel. 01 711 55 2802
Preise: € 10,– / ermäßigt € 5,–

Das Phänomen des Stotterns begleitet uns, seitdem es Sprache gibt. Circa ein Prozent der Menschheit stottert. Seit Aristoteles versuchen Experten und Betroffene, dieses Phänomen zu ergründen. Doch die Wissenschaft tappt noch immer im Dunkeln. Sowohl in der Literatur als auch am Theater sind stotternde Figuren entweder »Deppen« oder hyperintelligente Autisten. Damit ist nun Schluss.
»Stottern ist der große Weiße Wal der Sprechstörungen«, sagt der international renommierte Sprachforscher Oliver Bloodstein. »Scharen von Suchenden spürten ihm mit Hingabe, ja Besessenheit in den entlegensten Winkeln nach. Doch all denen, die die Kühnheit besitzen, sich mit ihm anzulegen, macht es immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Das Stottern bewahrt seine Geheimnisse.«
Der 23-jährige Regisseur Simon Dworaczek stottert seit frühester Kindheit. Bereits im Kindergarten entdeckte er, dass er beim Spielen von Rollen nicht stottern musste. Er flüchtete ans Theater. 18 Jahre später stellt er sich zusammen mit seinem Ensemble jener Macht, die ihn dorthin trieb. Ist das Stottern wirklich ein Fehler? Wie fühlt es sich an? Wie geht unsere Gesellschaft damit um? Und kann nicht jede Schwäche auch eine Stärke sein?
Entstanden ist eine komödiantische Reise des Andersseins auf der Suche nach der eigenen Identität.

Weitere Infos: –> hier

Wiens Off-Theater: Good News / Bad News

APOSTELHOF
Das Wiener Theater im Rabenhof, ursprünglich eine Dependance des Theaters in der Josefstadt, ist dermaßen erfolgreich, dass es sich nun eine eigene Dependance geschaffen hat. Der ehemalige Probenraum und das Lager des Theaters im Rabenhof werden ab sofort bespielt – der neue »Apostelhof« bietet 50 Zuschauern Platz. Unter dem Label »Fringe@Rabenhof« läuft hier derzeit eine wilde Westernshow in drei Teilen. Mehr Infos –> hier

BRONSKI & GRÜNBERG
Das ehemalige International Theatre, ein Juwel, das unter unwürdigen Umständen geschlossen werden musste, wird neu eröffnet. Die Stadt Wien fördert, ein Zehn-Jahres-Plan steht, gespielt wird ganzjährig. 70 Plätze bietet das Theater, geleitet wird es von Kaja Dymnicki, Alexander Pschill, Julia Edtmeier und Salka Weber. Am 9. November geht’s los. Ein voller Spielplan steht auch schon: »Dracula«, »Gefährliche Liebschaften«, »Brave New World«, »Lolita«. Mehr Infos –> hier

OFFSTAGE
Der Theaterverein OFFstage, drei Jahre geleitet von Oliver Arno, wurde einem neuen Leitungsteam übergeben. Bad News. Mit »Tick, Tick … BOOM!« brachte der Verein unter Arno im Sommer 2016 die letzte Produktion an den Start, unter der Regie von Erhard Pauer spielte neben anderen Aris Sas und bewies auch hier wieder einmal, dass man als Musicaldarsteller nur dann glaubhaft bleibt, wenn man Rollen klug wählt. Für mich hat er in dieser Inszenierung neue, ungewohnte Facetten gezeigt. Es war eine jener Shows, die auch von der Regie her eine interessante Handschrift hatten und zumindest versuchten, klug in den Originalstoff einzugreifen.
Über diesen Verein unter der neuen Leitung wird hier nichts mehr zu lesen sein.

Arnold Jacobshagen, Elisabeth Schmierer (Hg.): Sachlexikon des Musiktheaters

Als Richard Nixon 1972 Peking besuchte, plauderte er bei der Gelegenheit mit dem chinesischen Ministerpräsidenten Tschou En-lai u. a. über die Auswirkungen der Französischen Revolution, einem Ereignis, das 200 Jahre davor stattgefunden hatte. Tschou konnte nichts Verbindliches dazu sagen. Seine knappe Antwort: »Too early to say.«
An diese kleine Anekdote musste ich beim Studieren vorliegenden Lexikons denken. Vielleicht ist auch die Musicalgeschichte einfach zu aktuell für die Autoren gewesen, um sie adäquat zu fassen. Einfach: »Too early to say.«
Ich beschränke mich bei meiner Einschätzung, das muss ich meiner Kritik voranstellen, aus Platzgründen vor allem auf den Musicalteil dieses »Sachlexikons des Musiktheaters«, und auch da auf wenige Punkte. Leider sind sie relevant.
Natürlich schlägt man bei einem Lexikon, das unter anderem auch Musicalbegriffe und Musicalgeschichte behandelt, recht bald nach, wie denn die Autoren »Musical« definieren. Und trotz des knapp bemessenen Raums sollten nicht derart massive Fehleinschätzungen auftreten, meine ich. So wird Stephen Sondheim etwa unter ferner liefen als einer der führenden Komponisten der »1940er- bis 1960er-Jahre« abgehandelt, und zwar genau so: »Stephen Sondheim (A Funny Thing Happened on the Way to the Forum)«. Das war’s. Mehr gibt’s dazu im gesamten Buch nicht. Unter den »Rockmusicals der 1970er-Jahre« findet sich, Zitat: »The Rocky Horror Picture Show (Richard O’Brian, 1975)«. Das macht genau drei Fehler in dieser kurzen Angabe: 1) Die Bühnenversion heißt »The Rocky Horror Show«, 2) sie hatte 1973 Premiere und 3) der Mann heißt Richard O’Brien. Unter dem Begriff »Book-Musical« findet sich der lustige Satz: »Nach wie vor sind Book-Musicals wie (…) Wicked (…) eine bestimmende Musicalform, von der sich andere Formen wie Jukebox- oder Disney-Musical ableiten bzw. gegen die sie sich abgrenzen, wie das Konzeptmusical.« Und dann gibt es doch tatsächlich einen eigenen Eintrag zur »Musicalform« »Disney-Musical«. Das kann man nur noch so toppen: »Musicaldarsteller sind vielseitige Akteure, idealerweise Bühnenschauspieler mit guter Gesangs- und Tanzausbildung. Sie müssen gleichzeitig tanzen, spielen, singen und sprechen können (…)« Das muss echt ein triple threat sein, das gleichzeitig singen und sprechen kann. Die Popularität Lloyd Webbers mag für die Ausführlichkeit sprechen, mit der er im Vergleich zu Sondheim behandelt wird, aber dann nichts zu »Tanz der Vampire« (außer in einer Statistik) oder »Elisabeth«? Positiv ist zu vermerken, dass die insgesamt 841 Stichwörter leicht verständlich formuliert sind und ein großes Spektrum abdecken – nur für das Musicalgenre hätte ich mir einen etwas genaueren Blick gewünscht.

Arnold Jacobshagen, Elisabeth Schmierer: Sachlexikon des Musiktheaters. Praxis. Theorie. Gattungen. Orte. Laaber 2016. 672 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-89007-781-9. EUR 88,–. laaber-verlag.de

Claus G. Budelmann, Thomas Collien und Ulrich Waller (Hg.): Broadway auf dem Kiez.

175 Jahre St. Pauli Theater, das ist ein Grund, um zu feiern. Claus G. Budelmann (Bankier, Gründer und Vorsitzender des Fördervereins für das St. Pauli Theater), Thomas Collien (seit 2001 Leiter des Theaters) und Ulrich Waller (Regisseur, Intendant und seit 2003 künstlerischer Leiter des Theaters) haben aus diesem Anlass eine prächtige Monografie des ältesten Privattheaters in Hamburg herausgegeben. 240 Seiten stark, mit mehr als 200 Abbildungen. 13 Gastautoren konnten sie gewinnen, u. a. Journalisten von »Die Welt«, »Spiegel«, »BILD Hamburg« und »Hamburger Abendblatt«.
Die Autoren führen uns bis an den Beginn der Geschichte des Theaters mit Bedeutung zurück, ins Jahr 1841. Da wurde am 30. Mai das »Urania Theater« eröffnet. Man spielte den eigens für dieses Ereignis geschriebenen Prolog »Uranias Weihe« und Ernst Raupachs Stück »Schule des Lebens«. Eine im Buch abgebildete Lithografie zeigt das Theatergebäude, eine weitere den Spielbudenplatz zwischen Hamburg und Altona, der damals bereits eine Vergnügungsinsel mit Spiel- und Holzbuden war. Immer schon kamen die Hamburger gern nach St. Pauli, um sich zu amüsieren. Das heutige St. Pauli Theater war ein Theater der vielen Namen. So hieß es von 1844 bis 1863 Actien-Theater, 1863 bis 1895 Varietà©-Theater, 1895 bis 1941 Ernst Drucker Theater, 1941 bis 2011 St. Pauli Theater und ab 2001 St. Pauli Theater – ehemals Ernst Drucker Theater. Es ist ein Erlebnis, das Buch allein anhand der Bilder durchzugehen. Da findet man etwa ein Szenenfoto aus »Der Junge von St. Pauli« (1970) mit Freddy Quinn, der diesem Theater lange Jahre verbunden war, ebenso Schnappschüsse von Marika Rökk, Manfred Krug oder etwa ein berührendes Bild von Monica Bleibtreu in »Nachtgespräche mit meinem Kühlschrank« (2007), ihrer letzten Theaterrolle. Auch das Musicalgenre kommt nicht zu kurz, fand doch hier z. B. 1988 die deutschsprachige Erstaufführung von »Little Shop of Horrors« statt. Und die Idee, ein Udo-Lindenberg-Musical zu schreiben, ging vom St. Pauli Theater aus. Sie wurde bereits 2002 geboren, erste Songs gab es auf einer Gala 2010 im St. Pauli Theater, das Musical selbst aber wurde woanders produziert. Knapp formuliert es Armgard Seegers so: »Ein Udo-Lindenberg-Musical zu schreiben, wurde dann aber doch ein so gigantisches Projekt, dass es für das gar nicht mal so kleine St. Pauli Theater zu groß wurde und Lindenberg zusammen mit Regisseur Uli Waller für das Musical ein Theater suchte, das zu den größten in Deutschland zählt, das Stage Theater am Potsdamer Platz in Berlin (…)« Anekdoten, Hintergrundinformationen, Interviews – es ist ein Vergnügen, diese Theatergeschichte zu lesen. Kleines Manko: Gerade bei einer solchen Theatergeschichte würde man sich im Anhangsteil mehr Datenfülle wünschen. Produktionen bis 1970 finden sich gar nicht aufgelistet, jene von 1970 bis Mitte 2003 nur als Auswahl, und erst ab dann ist die Auflistung perfekt. Dennoch: empfehlenswert.

Claus G. Budelmann, Thomas Collien und Ulrich Waller (Hg.): Broadway auf dem Kiez. 175 Jahre St. Pauli Theater. Ellert & Richter Verlag, Hamburg 2016. 240 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-831-90641-3. EUR 25,–. ellert-richter.de

Wenn der Kritiker den Schauspieler zwei Mal ignoriert

Folgendes Szenario. Ein Schauspieler tritt in einer Sommertheaterproduktion auf, er hat nicht einmal eine so kleine Rolle und wird vom Sommertheaterpublikum frenetisch gefeiert. Euphorisch gestimmt, liest er sich die Kritiken durch. All die süßen Regionalblättchen bilden seinen Triumpf in blumigen Phrasen ab. Er ist zufrieden.

Szenenwechsel. Wann immer ich mit Schauspielern ins Gespräch komme, lenke ich das Gespräch irgendwann auch auf das Thema Kritiken. Wie sie mit Kritiken umgehen, wann und ob sie sie lesen. Immer wieder erfahre ich von neuen Umgangsweisen mit Kritiken und auch Kritikern. Es sind immer durchaus interessante Gespräche. Von einem jüngst verstorbenen Publikumsliebling habe ich den Spruch: »Positive Kritiken lese ich immer gern zwei Mal, negative vier Mal, und Kritiken von Produktionen, in denen ich mitgespielt habe, in denen ich aber nicht namentlich erwähnt werde, sechs Mal.«

Führen wir beides zusammen. Unlängst gab es den Versuch eines Schauspielers – ich habe leider den Namen der Produktion und auch jenen des Darstellers bereits wieder vergessen –, in den sozialen Medien eine Art Shitstorm zu provozieren, weil er in einer Kritik doch tatsächlich nicht erwähnt wurde. Ich interpretiere seine Meinungsäußerung dahingehend, dass er dem Rezensenten (den ich nicht kenne), böse Absicht unterstellen wollte. In Wirklichkeit lässt der Darsteller erkennen, dass er eine ganz bestimmte Vorstellung davon hat, wie Kritiken auszusehen haben. Ganz bestimmt, unterstelle ich ihm, fordert er, dass alle wichtigen Darsteller (aus wessen Sicht?) erwähnt werden. Das muss eine Kritik aber nicht. Es kann Gründe geben, die zu der Entscheidung führen, bestimmte Rollen oder Darsteller im Kontext einer Produktion nicht zu erwähnen. Welche das sind, ist irrelevant. Wichtig ist, dass es solche geben kann. Vielleicht ist ein Rezensent zu der Auffassung gelangt, dass eine Interpretation dermaßen schlecht war, dass sie eine Erwähnung schlicht nicht verdient. Die Reaktion des Publikums vor Ort ist kein Gradmesser für einen Kritiker. Wie oft musste ich selbst schon Darbietungen etwa von Musicalsängern hören, die jenseits von Gut und Böse waren – aber den Fans war das egal. Jeden falschen Ton haben sie einzeln bejubelt. Nein, der Maßstab eines Kritikers ist sein Erfahrungshorizont. Und eine Kritik ist kein allumfassender »Bericht« einer Vorstellung, sondern eine Beurteilung. »Kritik« stammt aus dem Griechischen und bedeutet: »Kunst der Beurteilung«. Berichte kann man in Klatschmedien verfolgen, in den »Seitenblicken«, das ist ein gänzlich anderes Genre.

Szenenwechsel. Soziale Medien. Eine Kritikerplattform postet in einer »Gruppe« eine Kritik über eine Vorstellung an einer angesehenen deutschsprachigen Sprechtheaterbühne. Eine positive Kritik. Ein Schauspieler dieser Bühne, der aber in der besprochenen Produktion nicht mitgewirkt hat, postet daraufhin: »Jetzt mal ganz ehrlich: Wen interessiert deine Meinung. Warum schreibst du das? Würde mich interessieren.« Auch ein spannender Zugang. Warum schreibt man über das Theater. Nächstens fragt noch wer, warum man eigentlich Theater spielt.

Pia Douwes: Augen.Blicke aus dem Barock

Pia Douwes hat ein Buch am Markt. Es ist keine Autobiografie, und das ist vielleicht sogar eine gute Sache. Sicher würden Fans der Künstlerin und auch viele andere am Musicalgenre Interessierte gerne eine Autobiografie der Musicalsängerin lesen, vielleicht würden sie dann aber auch enttäuscht werden, denn: Wie oft wird mit der Wahrheit in diesen Druckwerken ein wenig zwangsoriginell umgegangen. Man möchte kein »Kollegenschwein« sein – andererseits, warum sollte man Kollegen loben, oder überhaupt erwähnen? Und wen? Man muss aufpassen bei der Preisgabe von Informationen, die eventuellen weiteren Karriereschritten hinderlich sein könnten. Schwer. Am besten schreibt man wohl erst über sein Leben, wenn man in Rente ist. Wobei: Rente als Künstlerin? Also dann eher ab 80.
Nein, Pia Douwes hat gemeinsam mit der Wiener Fotografin Simone Leonhartsberger einen Bildband herausgebracht. Thema: das Barock.
Leonhartsberger hat Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien studiert, orientierte sich dann in Richtung Grafik, Design und Fotografie. Seit 13 Jahren arbeitet sie als selbstständige Fotografin. Beim vorliegenden Bildband, der im Eigenverlag erschienen ist, fungiert sie gemeinsam mit Pia Douwes als Herausgeberin. Daneben war sie verantwortlich für die Fotos (Set Design: Matthias Büchse; Make-up & Hair: Bobby Renooij), Cover, Satz und Layout. »Augen.Blicke« ist im Moment exklusiv über die Website von Pia Douwes erhältlich (piadouwes.com/webshop). Apropos Website. Auch die ist eines von mehreren Projekten, die Leonhartsberger mit/für Douwes konzeptuell und grafisch umgesetzt hat. Als Teil der Wiener Designfirma KOMO (»Büro für visuelle Angelegenheiten«) gestaltete sie aber nicht nur die Website der Künstlerin, sondern auch zum Beispiel das Artwork der CD »Dezemberlieder«.
Ein Bildband also. Aber mit Texten. Da wird die Sache interessant. Ein Teil der Texte besteht aus Zitaten von Künstlern aus der wohl eher kunst-, nicht literaturgeschichtlich definierten Zeit des Barock, also in etwa aus dem 17. Jahrhundert. Das Problem der Zuordnung zu einem bestimmten Stil betrifft die im Buch zitierten Dichter Ben Johnson und Shakespeare. Barock, oder doch Renaissance beziehungsweise Manierismus? Darüber werden aber wohl nur Literaturwissenschafter diskutieren wollen. Weiters mit dabei: Robert Herrick, Angelus Silesius, Anna Maria van Schurman, Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau, Friedrich von Logau, Joost van den Vondel und Andreas Gryphius. Es sind also auf jeden Fall ein paar echte Barock-Götter dabei. Eine bunte Mischung. Großteils werden die Texte auf Deutsch gebracht, einen Ausschnitt aus dem Brief der holländischen Kurtisane, Salonià¨re und des Stars am Hofe Ludwigs XIV., Ninon de Lenclos, an Marquis de Sà©vigne bekommen wir auf Holländisch, ebenso ein kurzes Gedicht von Joost van den Vondel. Alles nachvollziehbar, bis auf die Zitate von Molià¨re, die wir im Buch auf Englisch finden, eines etwa aus dem Stück »Der Bürger als Edelmann« (1670).
All die Texte, die Pia Douwes selbst zu diesem Buch beigesteuert hat, sind auf Deutsch, Englisch und Holländisch abgedruckt. Es sind die Gedanken der Darstellerin unter anderem zu Schlüsselbegriffen des Barock, wie etwa »Melancholie«. Douwes: »Manchmal frage ich mich, warum die Melancholie mich begleitet hat. Hat sie mich eingehüllt, fast liebevoll, in der Sicherheit der bereits gelebten Erfahrungen? Oder hat sie mich beschützt, wie eine fürsorgliche Mutter, vor einem Alltag, der nicht zu bewältigen war? Sich von der Schwere der Vergangenheit zu befreien, bedeutete Abschied zu nehmen, loszulassen, das gehen zu lassen, was ohnehin schon gegangen war. Nach diesem Abschied erwartete mich die Leichtigkeit der Gegenwart – das Leben!« Weitere Schlüsselbegriffe: »Begierde«, »Schein und Sein«, »Langeweile«, »Sinnlichkeit«, »Opulenz«, »Memento Mori«/»Carpe Diem«, »Selbstverwirklichung«. Es sind die Extreme, die Polaritäten, die Douwes am Barock faszinieren. Der Tod war im Barock allgegenwärtig. Pia Douwes über das Älterwerden: »Mein Vater möchte alles noch abschließen, alles ordentlich hinterlassen und noch jeden Tag genießen, bevor er von dieser Welt gehen muss. Deshalb digitalisiert er alle Familienfotos und Dokumente, als Nachlass für uns jüngere Generationen. Meine Mutter lebt in ihrer eigenen inneren Welt, und ihre Antwort auf die Frage, wie es ihr geht, lautet immer: ‚Wir sind jetzt Tages-Menschen …‘ Sie leben von Tag zu Tag, nicht wissend, ob auf den einen Tag der nächste folgen wird.« Am Ende bekommen wir zwar keine Autobiografie, aber Texte, von denen wir wohl ausgehen können, dass die wahr sind. Das zählt doch einiges.
Pia Douwes’ Lust am Verkleiden, am Hineinschlüpfen in andere Rollen, all das macht aus dem Buch einen optischen Genuss. An die 100 Fotos von Douwes in opulenten Kostümen, prächtigen Perücken, geschminkt, eingeleuchtet und in Szene gesetzt bietet das Buch. Tolle Fotos. Ein großer Wunsch sei es gewesen, schreibt die Künstlerin im Vorwort, für ein paar Augenblicke in ein längst vergessenes Zeitalter einzutauchen und so ein paar Erfahrungen zu dieser Zeit zu machen, wie »Suske en Wiske« (ein holländischer Comic), »die in einer Zeitmaschine ins Mittelalter oder in die Urzeit zurückversetzt wurden. Was für ein Abenteuer!«. Schöne, lustige und berührende Bilder sind es geworden. Für mich das beste: auf Seite 68/69. Pia Douwes, in schlafender Pose, in vollem Barockkostüm am Boden liegend. Beim Lesen ist sie eingeschlafen. Das Buch liegt neben ihrem Gesicht, die (wenig geschminkten) Hände liegen auf dem Buch. Sie scheint entspannt und glücklich. Das Foto strahlt etwas aus, sodass man eine Weile auf dieser Seite bleibt. Auf den letzten Seiten des Buchs findet man ein kleines Making-of in Form einer Bildserie, bekommt einen kleinen Eindruck davon, wie groß der Aufwand war, der in dieses Buch investiert wurde. Er hat sich gelohnt.

Pia Douwes: Augen.Blicke aus dem Barock. Herausgeber: Pia Douwes und Simone Leonhartsberger, Wien 2016. 128 S.; (Hardcover) ISBN 978-3-200-04460-9. EUR 29,90. www.piadouwes.com / www.leonhartsberger.net

Tom Rowan: A Chorus Line FAQ

FAQ (Frequently Asked Questions) sind eine Zusammenstellung von häufig gestellten oder der meistgestellten Fragen zu einem Thema. Hatte ich bisher die fixe Idee, dass es sich meist um kurze Fragen und knappe Antworten handelt, wurde ich jetzt von Tom Rowan eines Besseren belehrt. Es gibt in seinem Buch »A Chorus Line FAQ« gar keine Fragen, sondern einfach 24 Kapitel. Und das ganze Werk umfasst schlanke 464 Seiten. Buchtitel und Inhalt sind also nicht fein abgestimmt, aber die Entstehungsgeschichte des Werks ist keine übliche.
Rowan ist Bühnenschriftsteller, Regisseur, Lehrer, Casting Director und »Fan« des Musicals »A Chorus Line«. Im Vorwort zu seiner Liebeserklärung an dieses Musiktheaterwerk schildert er seine jahrzehntelange Beziehung zu »A Chorus Line« sehr sympathisch. Er war zwölf, als 1975 die Broadway-Premiere der Show über die Bühne ging, das war auch das Jahr, in dem seine Familie von New York nach Colorado umzog. So kannte er zwar die Songs, aber das erste Mal sehen konnte er das Musical (in Denver) erst 1981, in dem Jahr, als er an der High School seinen Abschluss machte. Als er in den späten 1980er-Jahren Regie studierte, lief »A Chorus Line« noch immer am Broadway. Immer wieder, wenn er für Bewerbungsgespräche in die Stadt kam, war das Shubert Theater ein Fixpunkt seines Trips. Und, um das Ganze abzukürzen: Die Show begleitete ihn sein ganzes Leben. 2016 führte er bei einer Produktion des Stücks im Secret Theatre von Long Island City Regie, für ihn ein Höhepunkt seines Lebens. Ein anderer: der Moment, als er entdeckte, dass der Verlag Applause Theatre and Cinema Books einen Autorenwettbewerb sponserte. Der Gewinner sollte einen Band der FAQ-Serie des Verlags zu populären Musicals schreiben … Obwohl der Verlag also über sein Konzept für das vorliegende Buchs Bescheid wusste, konnte Rowan überzeugen. Und mag sein Werk auch kein »FAQ« im üblichen Sinn sein, liefert er eine Datenmenge ab, die beeindruckend ist. Er bietet eine zeitgenössische Musicalgeschichte, Biografien zu jedem Beteiligten aus dem Kreativteam, der Originalcast der ersten Broadway-Produktion, behandelt ausführlich die Auditions, Workshops, die Probenphase, die Previews, widmet sich der Geschichte des Public Theater (bis zu »Hamilton«), jenem Theater, in dem die ersten 101 Vorstellungen stattfanden, bis man ins größere Shubert Theater umzog. Er analysiert die einzelnen Charaktere der Show, jeden einzelnen Song, liefert ein Lexikon aller kulturellen Begriffe, die in der Show eine Rolle spielen, und behandelt die Kritiken zur Show. Er widmet sich ebenso den diversen Tourproduktionen und der Verfilmung. Rowan bietet einen kommentierten Überblick über die Literatur, die zu »A Chorus Line« erschienen ist, und er bespricht eingehend nicht weniger als 63 amerikanische Regional- und Amateurproduktionen der Show, alphabetisch geordnet und beginnend bei einer Inszenierung an der Analy High School, Sebastopol, CA, 1986. Ausführlich auch der Anhang. Es gibt eine Timeline beginnend 1974, als es erste Besprechungen von Michael Bennett, Michon Peacock und Tony Stevens bezüglich eines Projekts für Tänzer gab, bis zum 31. August 2013, als die Londoner Produktion im Palladium den letzten Vorhang hatte. In diversen Castlisten werden sämtliche Darsteller der Broadway Produktion von 1975 bis 1990 und weiterer Produktionen aufgelistet. Ich glaube, offene Fragen gibt es jetzt fast keine mehr.
Tom Rowan: A Chorus Line FAQ. All That’s Left to Know About Broadway’s Singular Sensation. Applause Theatre and Cinema Books. Montclair 2015. 464 Seiten (Softcover) ISBN 978-1-4803-6754-8. 19,99 $ [www.applausebooks.com]

Sabine Coelsch-Foisner, Joachim Brügge: My Fair Lady. Eine transdisziplinäre Einführung

Die erste Broadway-Aufführungsserie von »My Fair Lady« (Premiere am 15. März 1956 im Mark Hellinger Theatre) dauerte sechs Jahre. 2717 Vorstellungen wurden gespielt, das war für die nächsten zehn Jahre nicht zu toppen (»Hello, Dolly!«, ab 1963 am Spielplan, brachte es dann auf 2844 Vorstellungen). Noch heute liegt »My Fair Lady« in der Liste der »Longest- Running Broadway Shows« auf Platz 20. In London schaffte man 2281 Vorstellungen (ab 1958), Produktionen in Mexiko, Australien, Asien, Lateinamerika und Kanada folgten. Auf europäischem Boden war das Musical 1959 erstmals zu sehen, in Stockholm, danach in Helsinki, Kopenhagen und Amsterdam. Über den nordeuropäischen Raum kam die Erfolgsshow nach Deutschland. 1961, als »My Fair Lady« seine holländische Erstaufführung feierte, war auch die deutsche Premiere in Vorbereitung, im Berliner Theater des Westens. Bis 1964 wurden da 757 Aufführungen gespielt. Die nächsten Stationen: München (1962), Hamburg (1963) und Zürich (1964). In Wien gastierte die Berliner Version 1963 am Theater an der Wien, 1969 brachte Rolf Kutschera am Theater an der Wien eine eigene Version an den Start, und 1979 feierte in Wien »My Fair Lady« in einer Inszenierung von Heinz Marecek Volksopern-Premiere. An diesem Haus ist es das meistgespielte Musical und steht immer wieder am Spielplan, aktuell in der von Robert Herzl 2008 aufgefrischten Version wieder im kommenden Dezember und Januar. 1964 wurde das Musical verfilmt und spielte als Leinwandversion in den 15 Jahren danach rund 90 Millionen Dollar ein. 1976, 1981 und 1993 gingen Broadway-Revivals über die Bühne, in London zuletzt 2001 (zu sehen bis 2004). Von 1965 bis 2006/2007 sind insgesamt 347 Inszenierungen des Musicals im deutschsprachigen Raum verzeichnet. 295 in Deutschland, 31 in Österreich und 21 in der Schweiz.
Eines der Ziele des vorliegenden Buchs ist es, zu ergründen, wieso gerade diese Show zu einem derart durchschlagenden Langzeiterfolg werden konnte. Bereits 2005 führten die Herausgeber Sabine Coelsch-Foisner und Joachim Brügge an der Universität Mozarteum Salzburg eine musik-, literatur- und kulturgeschichtliche Lehrveranstaltung zu »My Fair Lady« durch. Im Zentrum standen musikalische und philologische Songanalysen mit der Aufgabe, eine eigene Übersetzung anzufertigen. Dieser transdisziplinäre Ansatz brachte, so die Herausgeber, beiden Seiten neue Erkenntnisse. Ein fundiert geschriebenes Buch mit interessanten Reibepunkten, etwa was »My Fair Lady« zu einem »Operetten-Musical« macht (Andreas Jaensch), ein phänomenal guter Artikel von Joachim Brügge über formale und analytische Aspekte der Musik des Musicals mit vielen Notenbeispielen und eine fundierte Untersuchung zu Elizas Englisch in »Pygmalion« und »My Fair Lady«.

Sabine Coelsch-Foisner, Joachim Brügge: My Fair Lady. Eine transdisziplinäre Einführung. Universitätsverlag Winter GmbH. Heidelberg 2015. 184 Seiten (Hardcover) ISBN 978-3-8253-6519-6. 35,– Euro [www.winter-verlag.de]

Fußnoten zur Spielplankonferenz des Burgtheaters 2016/17

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Fußnote 1

Uns allen geht es so, manchmal begegnen wir Menschen, bei denen wir uns denken: Na, die sind auch nicht allein zu Haus. So ähnlich startete Karin Bergmann bei der heutigen Pressekonferenz des Burgtheaters für die Spielzeit 2016/2017 ihre Begründung, warum sie in der kommenden Saison unter anderem wieder auf Boulevard im großen Haus setzt.
Boulevard ist ein Reizthema für Kritiker der Burg. Hat nichts da verloren, hieß es über Hermann Bahrs »Das Konzert«, als es am Akademietheater am 7. Februar 2015 Premiere feierte. Dann wurde es zum Kassenmagneten, man übersiedelte an das große Haus, die Produktion wurde aufgezeichnet und im TV ausgestrahlt. Dass eine Produktion im TV ausgestrahlt wird, ist kein Qualitätsmerkmal. Sie wird dadurch nicht besser, aber solche Produktionen senken vielleicht für einige die Hemmschwelle, mal, wenigstens ein Mal, ins Theater zu gehen. Okay, solche Stücke könnte man eher der Komödie am Kai überlassen, und für manche ist es ja wirklich wurscht, in welches Theater sie gehen, es ist immer alles prinzipiell fulminant, weil sie gar keinen Vergleichshorizont haben, vor dem sich ihre jeweiligen Theaterbesuche abspielen, oder weil sie sich weigern, Inszenierungen zu vergleichen, ein ehrliches Urteil abzugeben. Das sind dann oft jene Leute, die Kritiken als »Berichte« bezeichnen. Das Phänomen des fehlenden Vergleichshorizonts kennt man auch bei Darstellern, die mitunter ganz schockiert sind, wenn man, manchmal durch einen blöden Zufall, zu erkennen gibt, dass man eine ihrer Rollengestaltungen im Gesamtkosmos all der Interpretationen, die man kennt, nicht top-notch fand. Da kommen dann ganz merkwürdige Repliken wie, es »stecke viel Herzblut in dieser Show«, man habe manchmal nur zwei Shows im Monat, und so seien die Möglichkeiten der Entwicklung »sehr gering«, andererseits sei das doch eine Rolle, die »mit der Zeit wächst«. Ja. Eh. Sorry auch, wird nicht wieder vorkommen.
Zurück zu Frau Bergmann. Sie begründete ihre Absicht, weiterhin auch sagen wir ein Boulevardstück in der Saison zu spielen, so: Die Schauspieler wünschen es sich, das Publikum liebt es, und sie wolle »Publikum nicht belehren, aber anregen, mit allem, was uns unser Metier zu Verfügung stellt«. Und ja, natürlich wolle sie auch Publikum ködern. Also wird es ab 22. Oktober 2016 am Burgtheater »Pension Schöller« (Regie: Andreas Kriegenburg) geben. Ein Werk, das »zu dieser Zeit zu Recht seinen Platz findet. Wir alle erleben ständig, wenn wir auf der Straße unterwegs sind, im Geschäft oder in öffentlichen Verkehrsmitteln, dass man sich bei der Begegnung mit dem Gegenüber fragt: Der ist aber nicht allein zu Haus? Es geht darum, wer ist verrückt? Sind wir verrückt? Ist der andere verrückt? Was ist normal? Und was ist angeblich nicht normal? Das wird in Pension Schöller verhandelt. Das wird Andreas Kriegenburg intelligent und mit dem, was er besonders gut kann, mit Slapstick und mit Körpertheater mit ner tollen Truppe hier auf die Bühne bringen.«
Eine fantasievolle Begründung. Es geht natürlich auch darum, eine Cashcow zu installieren, und das ist durchaus okay. Das Burgtheater bietet auch in der kommenden Saison eine Vielzahl an ambitionierten Projekten. Mit ungefähr demselben Argument, nämlich »Publikum ins Theater zu holen«, begründete auch mal eine Dramaturgin der Vereinigten Bühnen Wien die Entscheidung des Unternehmens, »Mamma Mia!« zu spielen. Wäre das eine von vielen Produktionen gewesen, kein Mensch hätte sich darüber aufgeregt, aber es sollte der programmierte Hit des Unternehmens sein und wurde, aus meiner Sicht, eine qualitativ besonders minderwertige Produktion, was die musikalische Umsetzung und den Sound betraf, was bei einem Musical ein eher gröberes Problem ist. Keine Rede auch davon, dass damit kleine ambitionierte Produktionen querfinanziert werden sollten. Na, kein Wunder, wenn man dann ein paar Saisonen später ein Musical wie »Schikaneder« einplant und dafür beim Kreativteam international shoppen geht. Regie, Orchestrierung, Choreographie, Lichtdesign, Sounddesign … kein Österreicher dabei. Alle zu schlecht? Glaubt man bei den VBW wirklich, dass man mit solchen teuer erkauften Namen mehr Publikum anlockt?

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Fußnote 2

Was ging für ein Raunen durch die Medien, als Martin Wuttke bei einer Preisverleihung im TV live wissen ließ, er sei mit der Burg fertig, er würde nicht mehr hier spielen.
Bergmann heute: »Martin Wuttke war nie weg. Martin Wuttke ist hier fest im Ensemble. Martin Wuttke wird in neuen Produktionen spielen. Und so wie ich immer Peter Zadek zitiere, obwohl es viele für sich beanspruchen: Was interessiert mich mein dummes Geschwätz von gestern. Das ist bei Künstlern so. Ich zoff mich mit vielen von denen. Das bleibt auch nicht aus in meiner Position. Und vor allem, weil ich jemand bin, die den Leuten ins Gesicht ganz klare Dinge sagt, die ich eigentlich erwarte in einer Partnerschaft. Das hat aber meist auch etwas Bereinigendes,«

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Fußnote 3

In der Saisonübersicht findet man die Ankündigung: »Geächtet. Ayad Akhtar. Österreichische Erstaufführung.« Dabei handelt es sich um das Stück »Disgraced«, das seine Österreichische Erstaufführung (in englischer Sprache) allerdings schon 2015 hatte, am 9. Februar im Theater Drachengasse in einer Produktion des Vienna Theatre Project.

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Fußnote 4

Eine Übersicht über alle kommenden Premieren gibt es –> hier

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