Martin Bruny am Sonntag, den
16. Dezember 2012 um 03:53 · gespeichert in Musical, Wien
Am 20. Dezember 2012 feiert ein Multimedia-Musical über den Maler Friedensreich Hundertwasser im Wiener Pygmalion Theater seine Premiere. »Hundertwasser! The Play of Songs« erzählt die Lebensgeschichte, Träume und Visionen des österreichischen Künstlers, Architekten, Visionärs und Querdenkers.
Die Musik zur Show stammt von Roland Baumgartner, der als Musical-Komponist mit der Produktion »Sissi & Romy« auffiel. Das Musical über Kaiserin Elisabeth wurde im Jahre 1991 bei den Mörbischer Festspielen uraufgeführt und war unter dem Titel »Sisi – Kaiserliche Schönheit« 2001 auch im Wiener Ronacher zu sehen.
Besetzung
Friedensreich Hundertwasser: Martin GANTHALLER
Muse: Hiroko TAKEUCHI
Strassenkehrer/Baum: Helmut SEUFERT
Sopran: Micaela DI CATALANO
Alt: Ingeborg MAMMERLER
Tenor: Bogdan Gabriel POPESCU
Bass: Reinhold GUGLER
Komposition: Roland BAUMGARTNER
Regie: Geirun TINO
Martin Bruny am Samstag, den
15. Dezember 2012 um 01:10 · gespeichert in Rezensionen, Theater, 2012
Was für ein Kontrast: An einem Tag wohnt man einem semikonzertanten Fiasko im Wiener Ronacher bei, einer balletteusen Vergewaltigung eines Musical-Klassikers, geradezu vollgepfropft mit sinnbefreitem Gepose, emotionslosem Geträller oder völlig falsch verstandener Rolleninterpretation, im Widerschein von horrend schwülstigem Geflimmer, zusammengemixt wie nach einem feucht-fröhlichen Saufgelage in einer Wiener Geisterbahn – und all das zu Ehren eines Orchesters (eigentlich wollte man ja 25 Jahre Orchester der VBW feiern – nicht wahr? –, nicht den Beginn von Gergens Festspielen bei den VBW; allein die Optik seines Engagements durch Struppeck ist verheerend), das den Sound für einen inszenierten Scherz liefern musste. Da hatte der Regisseur wohl ganz offensichtlich seine Aufgabe nicht begriffen oder aber er war der Meinung, sein Ego habe es nötig, in dieser Form auf der Bühne illuminiert zu werden – und das war auch schon das einzige, was bei dieser Show illuminiert wurde. Da muss man auch in der Analyse in jener Sprache zurückgeben, in der hier ein Meisterwerk abgewrackt wurde, freilich nur von der Inszenierung her, aber was nutzt das beste Orchester, wenn die Optik schon zur Flucht nötigt, abgesehen von einigem anderen. Nicht nur, dass das Orchester durch die flimmernden Ausgeburten einer lächerlichen Idee in den Schatten gestellt wurde, auch die Darsteller wurden in den Hintergrund gedrängt – ein Ballettpärchen umhüpfte das Phantom und Christine bei entscheidenden Duetten. Der eine oder andere gestandene »Phantom«-Darsteller hätte schon beim ersten Auftauchen des Ballettwahnsinns wohl nur ein verzweifeltes »Geh schleichts eich« übrig gehabt. Hätte Liberace jemals das »Phantom der Oper« in Szene setzen dürfen, mehr Schwulst wäre selbst ihm nicht eingefallen – es war, das kann man wirklich sagen, die krasseste Worst-Case-Inszenierung, die überhaupt vorstellbar ist.
… und am nächsten Tag fährt man auf den Gießhübl, in einen viel kleineren Saal natürlich, kein Vergleich mit dem Ronacher, aber das, was in diesem Saal präsentiert wurde, war das perfekte Gegengift zu dem am Vortag miterlebten grauslichen Klischeemusicalalptraum. Ein Teil des Musical-Konzertprogramms »Musical Unplugged« deckt mit viel Ironie auf, was an so manchem Musicalhaus an Lächerlichkeiten dem Publikum als »große Show« vertickert wird. Florian Schützenhofer und Jakob Semotan sezieren in ihren Duetten, witzigen Medleys von altbekannten »Wiener Klassikern« wie »Elisabeth«, »Rebecca«, »Tanz der Vampire« und einigen anderen, wie unsagbar dämlich manche Textpassagen sind. Sie karikieren die plumpe Mimik und Gestik, mit der man bisweilen an den großen Bühnen abgespeist wird, weil die engagierten Darsteller nicht können oder die Regisseure nicht wollen (oder umgekehrt), kontern Schwulst aus dem Gebiet des Musicals mit jenem aus dem Austropop wie Steffi Wergers »Stark wie ein Felsen«. All das in Duetten, in denen munter-fröhlich durch die Songs jeder mal den Frauen- oder auch den Männerpart übernimmt, was dem Ganzen noch einen Tick zusätzlichen Witz verpasst. Eine Art »Forbidden Broadway«, und Stoff gibt es mittlerweile ja schon wieder reichlich.
Ein anderer Part des »Musical Unplugged«-Programms sind dann tatsächlich ernst gemeinte Interpretationen von Musicalsongs. Da ist es interessant zu sehen, wie sich Nachwuchsdarsteller wie Jakob Semotan oder Peter Neustifter an ein paar Klassikern abseits des Mainstreams wie »Lost in the Wilderness« (»Children of Eden«/Stephen Schwartz) oder »Anytime« (»Infinite Joy«/William Finn) versuchen. Das muss man nicht beurteilen, es sind Versuche, die schon einmal deswegen großartig sind, wenn man diesen Aspekt herausgreifen will, weil sie erkennen lassen, dass Texte auch – oh Wunder – gut gebaut sein können, eine Aussage haben können, die aus mehr als einem dramamusicalischen Schlagwort besteht.
Was die Interpretationen von Klassikern wie »Dies ist die Stunde« oder etwa »I dreamed a dream« angeht, zweifle ich daran, dass es die perfekte Songwahl der Interpreten war, aber einen Versuch wars wert.
Als Gaststars bei Musical Unplugged dabei: die A-Capella-Gruppe Rock4, ein perfekt eingespieltes Team, das etwa mit Liedern von Queen oder Pink Floyd, aber auch bei Stoff von Lloyd Webber, erstaunliche Klänge auf die Bühne bringt. Ein anderes Highlight: Christof Messners Musicalcollage von »Singing in the Rain« und Rihannas »Umbrella«, bei der er sich selbst am Klavier begleitet hat.
Einen eigenen Reiz hat die Show dadurch, dass man manchmal nicht auf Anhieb weiß, was ernst gemeint ist und was als Parodie, heutzutage muss man ja (siehe Ronacher) überall mit dem Schlimmsten rechnen. Aber bei »Musical Unplugged« (musikalische Leitung & Klavier: Florian C. Reithner) kann man vielleicht auch mal Songs von Udo Jürgens hören, ohne seekrank zu werden, und das ist viel wert. Ein schöner Abend.
Musical Unplugged
Besetzung
Lucas Blommers, Luc Devens, Christof Messner, Luc Nelissen, Peter Neustifter, Florian C. Reithner, Florian Schützenhofer, Jakob Semotan, Björn Sterzenbach www.musical-unplugged.at
Fotos: Andrea Martin
Ms. Welsch, the young university graduate who came to see «Tarzan†in Hamburg recently, had seen the show twice before here. But it was the first musical for her father, Reiner. During an interview at intermission he said he hadn’t made up his mind about the art form. Lingering in the lounge of the Neue Flora theater, decorated with Restoration Hardware-like sofas, he noted he had no points of comparison. Germans did not grow up on this style of musicals, he said, and he had never heard of Stephen Sondheim or even Rodgers and Hammerstein.
« ‘The Sound of Music’?†he repeated when asked about the famous musical set in Austria just before World War II. «It sounds familiar. I had heard of ‘Tarzan.’ The music is O.K. Do many musicals have flying?â€
Martin Bruny am Dienstag, den
11. Dezember 2012 um 15:47 · gespeichert in Musical, Wien
Das neue Jahr fangt schon mal gut an. Im Theater Drachengasse bringt das Vienna Theatre Project die Produktion »West End Winters« auf die Bühne. Es handelt sich dabei um einen guten alten Cabaret-Abend, ein paar anregende Stunden mit Songs & Stories, interpretiert vom fabulösen Kieran Brown und der hinreißenden Caroline Frank.
Während man in Wien ja gern und oft großkotzig von Broadway- und West-End-Niveau faselt, lässt sich eines mit Sicherheit sagen: meistens alles Schmarrn. Bei »West End Winters«´dagegen haben wir mit Kieran Brown tatsächlich einen Darsteller auf der Bühne, der am West End in Produktionen wie »Love Never Dies« und »Wicked« zu sehen war – beste Voraussetzungen also für ein tolles Event. Und da die Regie der Produktion in den Händen der ebenfalls fabulösen Joanna Godwin-Seidl liegt, darf man sicher sein, dass nicht irgendwelche hirnrissigen Balletteinlagen den ganzen Abend zur Lachnummer degradieren.
Auf dem Programm stehen unter anderem Songs von Cole Porter, Stephen Schwartz, Stephen Sondheim, Adam Gwon, Jason Robert Brown, Oscar Hammerstein II und Scott Alan, begleitet werden die Sänger von Birgit Zach am Klavier.
Theater Drachengasse: »West End Winters«
Mit: Kieran Brown & Caroline Frank
Am Klavier: Birgit Zach
Inszenierung: Joanna Godwin-Seidl
10., 11. und 12. Jänner 2013
Beginn: 20 Uhr
Theater Drachengasse, Fleischmarkt 22, 1010 Wien
Die Frage, die man sich eigentlich stellen müsste, lautet: Wozu diese »Elisabeth«-Cast-CD? Nicht, warum »noch eine«, sondern, »warum diese«? Es kommt wohl kaum vor, dass von einem Musical innerhalb eines Jahres zwei Cast-CDs auf den Markt gebracht werden, die mit denselben beiden Hauptdarstellern aufwarten. Aber genauso gut könnte man an den Anfang aller Fragen die folgende stellen: Wollten uns die VBW verarschen, als sie die Cast mit etwa folgendem Argument vorgestellt haben, nämlich dass sie die BESTEN für die Rolle ausgewählt haben?
Wie maulfaul muss man eigentlich sein, um nicht erklären zu können, warum man wirklich einen Darsteller ausgewählt hat. Denn einen »Besten« gibt es nicht, die Wahl eines Darstellers ist immer ein Kompromiss zwischen mehreren Anforderungsprofilen. Eines davon sollte die stimmliche Qualität sein, ein anderes kann natürlich auch der Girlieanziehungsquotient sein oder die Bühnentürltauglichlichkeit, wobei die letzten beiden wohl eher bei den Chippendales Priorität genießen sollten … aber wenn die beiden Hauptdarsteller der aktuellen »Elisabeth«-Produktion tatsächlich die Besten aller Interessenten wären, was ihre stimmlichen Qualitäten betrifft, dann sollte man das Musicalgenre besser abwinken und sich etwas ganz anderem zuwenden.
»Der Beste aller Bewerber«, das ist eines jener Ammenmärchen der Marketingabteilungen, die sie mit ALT + STRG + FTW in ihre Pressemappen kopieren. Wer sich die Tour-CD, also die erste der beiden 2012 veröffentlichten »Elisabeth«-CD angehört hat, konnte da schon nur lachen. Nun, jetzt haben wir also einen neuen Versuch der beiden Hauptdarsteller, Leben in ihre Figuren zu bringen, und erneut ist das hemmungslos gescheitert.
Wobei man sich, bevor man sich der Qualität dessen, was man hört, widmet, noch eine dieser Fragen, die man uns nie beantworten wird, stellen sollte, nämlich: Wie ist denn diese CD entstanden? Nun, es fanden sich zwei Partner, einer, der die CD produzieren wollte, und ein zweiter, wobei die Rollenverteilung vielleicht nicht ganz so klar ist, wie manche es vermuten wollen. Man einigte sich, die CD LIVE aufzunehmen. Anders wird das auch in unserer Zeit fast nicht mehr möglich sein …
… oder vielleicht doch bald wieder, aber momentan haben wir es noch im Falle von »Elisabeth« mit einer Produktion zu tun, bei der 28 Musiker spielen. Da kommt es doch weit billiger, ihren Sound live aufzufangen, als ihn im Studio oder im Theater unter Studiobedingungen neu einzuspielen. Freilich handelt es sich beim Orchester der VBW um ein nach wie vor sehr gutes, auch wenn beinhart an dessen Ruf gesägt wird, und zwar nicht von außen …
… beinhart etwa, indem in den letzten zwölf Jahren die Zahl der Vollstellen geschrumpft wurde. Bei »Elisabeth« spielt man noch mit 28 Musikern, aber es könnte das letzte Mal sein, dass man in dieser Stärke bei einem Musical antritt (abgesehen von Alibi-Aktionen wie dem »Phantom der Oper«, bei dem man auf Substitute setzen muss, weil man bei gleichzeitiger Bespielung des Raimund Theaters, etwa im Geigen-Bereich gar nicht mehr genügend Mitglieder des VBW-Orchesters zur Verfügung hat, was dann die ganze Veranstaltung eigentlich zur Farce macht, wenn doch 25 Jahre Orchester gefeiert werden sollten und man teilweise von Substituten unterhalten wird, aber das führt uns nun dann doch zu weit, und wir alle können uns vorstellen, wie gefinkelt man von seiten der VBW mit 16-tel Stellen etc. argumentieren wird und der Definition, was ein Orchester ist. Nun, nochmal zur Klarstellung, ein Klang eines Orchesters, der wiedererkennbar und als solcher verwertbar sein soll, kann nur dann gegeben sein, wenn er von Musikern erzeugt wird, die regelmäßig miteinander spielen, ich gehe also von Vollstellen aus, eine Ansicht, die man nicht teilen muss.
Ein weiteres Indiz für den Weg in eine VBW-Epoche, in der das Orchester eine unwichtigere Rolle spielen wird: die Verkleinerung des Orchestergrabens im Ronacher im Rahmen der Umbauarbeiten für »Legally Blonde«, damit man eine zusätzliche Reihe im Theater gewinnt. Diese Reihe wird die Spezialkategorie sein, die VBW nennen sie »Silver Chair«, die Fans Nuttensprudel-Reihe, weil man zum überteuerten Eintrittspreis ein Glas Sekt, ein Programm und eine »Überraschung« bekommt, vielleicht ja ein Säckchen mit Glitter oder einen pinkfarbenen Lippenstift, vielleicht gibts für die Burschen noch ein paar Unterhosen oder Kondome aus dem traurigen Merchandising-Trödelladen vergangener Produktionen, man wird es sicher rechtzeitig erfahren …
… aber wir waren bei der Frage, wie diese CD entstanden ist, und ja, auch wieder ein Punkt, der nie offiziell geklärt werden wird, nämlich die Frage, was an dieser CD live ist, außer den Bühnengeräuschen, dem Applaus und dem Orchester. Fragen wird man sich ja wohl dürfen, zumal, wenn man bei jenen Vorstellungen, bei denen aufgenommen wurde, vor Ort war und etwas VÖLLIG anderes gehört hat, zumal, wenn es zumindest einen Darsteller gibt, der auf seinem öffentlichen Facebook-Profil gepostet hat, dass er zu »Elisabeth«-Nachaufnahmen ins MG-SOUND-Studio unterwegs ist. Was ist also live, wie viel ist an dieser CD live?
Ich stelle mir die entsetzten Gesichter der Toningenieure, eventuell des Texters, des Komponisten, des Dirigenten vor, als sie die Aufnahmen gehört haben. Was haben sie sich wohl gedacht? Schmeißen wir das Ganze einfach in den Gulli? Wir werden es nie erfahren, denn die Musicalwelt ist eine blankpolierte, es wird gelogen, schöngeredet, nur die Wahrheit, die erfährt man nicht. Rein fantasiemäßig weitergedacht, könnte man beschlossen haben, einfach alle Darsteller nachsitzen zu lassen und ihre Parts im Studio neu einsingen zu lassen. Immerhin, es wird nicht so arg gewesen sein wie die ganz besondere Arbeit mit einem der »großen« Musicalstars vergangener Zeiten, bei der man sicher tagelang bit by bit Songstückchen aneinanderkleistern musste, um dann ein Lied herauszubekommen, das wie die gephotoshoppte Fratze von Bambi ohne Seele und ohne Charakter klingt, aber - keine falschen Töne - Gott sei Dank.
Nun, all das sind Spekulationen, nichts dran ist wahr, nicht klagbar, auch wenn ich da schon den einen oder anderen besonders Klagfreudigen sehe. Manchmal könnte man ja vermuten, dass ein paar Geschäftsleute im Business fehlende Umsätze durch miese Tricks mit Anwälten aufzubessern versuchen, aber … nein, kommen wir zum tollen Endergebnis, also zur Doppel-CD »Elisabeth«, die nun in all ihrer Schönheit vorliegt. Positiv zu erwähnen ist das Booklet, das alle Texte enthält und das, wenn man die Farbe Lila mag, als durchaus hübsch bezeichnet werden kann. Eine Prägung am Cover, sehr schöne Fotos, da passt alles.
Geht man jetzt davon aus, und das ist natürlich nur meine Meinung, dass vieles von dem, was man auf dieser CD hört, nicht aus dem live aufgenommenen Material stammt, sondern nachträglich neu aufgenommen wurde, ist das für mich ganz persönlich, nein, nicht Betrug, aber nicht ernstzunehmen. Man schneidet den Applaus, der teilweise nach Darbietungen gespendet wurde, die fast schön körperlichen Schmerz verursacht haben (ich spreche natürlich nur von mir), an Sequenzen, die nun natürlich nicht mehr falsch klingen (aber bisweilen immer noch körperlichen Schmerz verursachen), das Ganze ist ein so absurder Vorgang der Geschichtsumschreibung, unglaublich. Man müsste sich ja fast fragen, ob das noch legitim ist, schließlich haben Kritiker die Premiere, die hier angeblich LIVE vorliegt, gesehen, besprochen … Hier nun vorzugeben, dass alles ganz anders war …
… und es ist ja nicht so, dass man – sogar mit all dem schnieken High-Tech-Studiozeugs – heutzutage tricksen kann, ganz ohne dass man den Umstand merkt, dass getrickst wurde. Wenn ich da eventuell auf den Beginn von »Ich gehör nur mir« (CD 1, Track 14) verweisen darf, wo man den Übergang von einer Live-Passage zu einem Teil, na ja, es ist dann zufällig der gesungene Teil des Liedes, hört, eindeutig hört, das Ausfaden des Halls, aber was schreibe ich, sicher alles nur Einbildung. Sicher, Annemieke van Dam hat vielleicht erst im Studio einen entscheidenden Hinweis bekommen, dass »Elisabeth« am Ende der Show doch ein Eitzerl älter klingen sollte als am Beginn. Auf der Studioaufnahme hört sich die »Totenklage« im ersten Moment dann auch an, als würde sie jemand ganz anderer singen. Live wurde das so nicht serviert. Den Übergang zur Neuaufnahme hört man, wenn man genau hinhört, sogar als ganz unauffälligen Knackser auf der CD (CD 2, Track 21).
Das alles ist kein Vorwurf an die Plattenfirma, es ist vielleicht ein Appell, ein wenig mehr Ehrlichkeit Raum zu geben und in das Booklet zu schreiben, welche Nummern nachträglich im Studio synchronisiert wurden. Insgesamt gesehen hat sich natürlich an der Einschätzung der Cast auch anhand dieser Cast-CD nichts geändert. Die beiden Hauptdarsteller sind in ihren gesanglichen Qualitäten auch im Studio in ihren Limits gefangen. Wie krass der Unterschied zwischen der Cast-CD und dem Live-Erlebnis ist, muss jeder für sich erfahren. Ich persönlich empfehle sogar den Kauf der Cast-CD und dann den Besuch einer Vorstellung – bei der Rory Six den Tod singt. Das ist, als würde man auf der Cast-CD einen Sänger erleben, dessen Stimmvolumen, aber vor allem Interpretationsfähigkeit extrem limitiert ist, während man bei Rory Six das Gefühl hat, dass erst bei ihm die Figur des Todes zu leben beginnt. Er muss sich nicht darauf konzentrieren, die hohen Töne aus sich rauszuquetschen, er gestaltet sie, macht sie zu einem Erlebnis. Wenn sich Seibert ins Stöhnen, Ächzen und Quetschen flüchtet, weil er meint, das würde … ja, was eigentlich, so kann man bei Six davon ausgehen, dass er es versteht, die Interpretationsmöglichkeiten der Songs auszuschöpfen. Das ist nicht der Unterschied zwischen Live-Erlebnis und CD, das ist der Unterschied zwischen Rory Six, dem herausragenden Künstler, und der derzeitigen Erstbesetzung des Todes bei einer VBW-Produktion, womit wir eigentlich noch ausführlich über die Castingmethoden an diesem Haus … aber das hat ja auch ein anderes Mal Zeit.
Fazit: Kaufen, warum nicht, die CD ist ein Dokument für ein sehr gut spielendes und geleitetes Orchester, die Plattenfirma hat getan, was sie konnte, um eine perfekte Arbeit, bei den gegebenen Sängern, abzuliefern, die Aufnahme bestätigt, dass Anton Zetterholm ein großartiger Rudolf ist, der es auf CD und live schafft, große Momente zu gestalten, und ich glaube, es gibt Karaoke-Maschinen, mit denen man ja einzelne Tonspuren ausblenden kann, wenn man das Bedürfnis haben sollte.
Die letzte Tournee von Peter Kraus, die der Altrocker 2012 rund 75 Mal in deutsche und österreichische und vermutlich auch Schweizer Hallen brachte, wurde bei einem seiner Wien-Auftritte von MG SOUND festgehalten und dieser Tage als DVD veröffentlicht. Ein völlig unpeinliches, unterhaltsames Spektakel mit einem Entertainer, der weiß, wie er seine Zielgruppe optimal bedient. Das Buch und die Dialoge steuerten Peter Kraus, Markus Gull, Peter Hofbauer und Wuchtel-King Dieter Chmelar bei. Regie führte Thomas Smolej und dass diese Tour ein solcher Erfolg war, ist, neben dem musikalischen Faktor, sicher auch darauf zurückzuführen, dass in dem rund zweieinhalbstündigen Konzert auch kurzweilig geblödelt und einfach gut unterhalten wurde. Die Musik wird von einer routinierten Band beigesteuert, und es darf bezweifelt werden, dass Peter Kraus allzu viel Arbeit im Studio noch hatte, um etwaige unsaubere Sellen auszubessern. Das, was man in der Halle beim Konzert zu hören bekam, war ein guter, voller Sound. Das musikalische Programm ist eine gelungene Mischung aus den alten Hadern von Kraus wie “Mit Siebzehn”, “Diana”, Tracks von aktuelleren CDs des Altmeisters bis hin zu Klassikern wie “Don’t worry, be happy” und “Rockin’ all over the world” sowie Gesangseinlagen seiner Gäste Mike Kraus und Andy Lee Lang. Eine sehr schön produzierte DVD für alle Fans. Die DVD ist im Fachhandel erhältlich.
Martin Bruny am Donnerstag, den
22. November 2012 um 02:39 · gespeichert in Theater
Im Haus der Begegnung Mariahilf zeigt die Scene 22 am 13. Dezember 2012 »Die ferne Lust«, ein Stück von Thomas Hold nach Arthur Schnitzlers »Das weite Land”. Es kommen sechs Charaktere aus Schnitzlers Original vor. Allerdings gibt es nur zwei Darsteller.
Zur Handlung
Die Geschichte nimmt ihren Lauf, kurz nachdem der Klavierspieler Korsakow beerdigt wurde. Friedrich ahnt eine dunkle Geschichte zwischen seiner Frau Genia und Korsakow. Ein verhängnisvoller Brief an Genia lässt das Karussell der Seitensprünge und Intrigen sich immer schneller drehen. Alle Charaktere suchen die ferne Lust in sich und in anderen Personen. Jedoch bleibt nur eine leere Fassade zurück. Oder schafft eine Person doch den Ausbruch aus der eintönigen Lügerei?
Martin Bruny am Montag, den
19. November 2012 um 17:05 · gespeichert in Musical, Wien
Die Wiener Kammerspiele bringen 2013 die europäische Erstaufführung des Musicals »Catch Me If You Can«. Die Auditions dafür finden Mitte Dezember statt. Nähere Infos –> hier.
»Catch Me If You Can” wurde 2011 für drei Tony Awards nominiert. Norbert Leo Butz konnte den Award in der Kategorie »Best Performance by an Actor in a Leading Role in a Musical« für sich entscheiden. Die Show wurde weiters für sechs Drama Desk Awards nominiert und auch hier holte sich Norbert Leo Butz einen Award.
»Catch Me If You Can«
Von: Terence McNally, Marc Shaiman und Scott Wittman
Choreografie: Simon Eichenberger
Musikalische Leitung: Christian Frank
Regie: Werner Sobotka