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Peter Back-Vega: Theater an der Wien – 40 Jahre Musical in zwei Akten mit Prolog, Entr’Acte und Schlussapplaus

Einen „Überblick“ über 40 Jahre Musical am Theater an der Wien – das bietet Professor Peter Back-Vega in seinem Buch „Theater an der Wien – 40 Jahre Musical“. Back-Vega ist dafür ein berufener Mann, nach seinem Studium arbeitete er lange Zeit in Deutschland als Dramaturg und Regisseur. Seit 1981 in Wien, war er mehrere Jahre am Burg- und Volkstheater engagiert, bevor er 1989 Leiter der Dramaturgie der Vereinigten Bühnen Wien wurde. Er lehrte Kulturmanagement, Dramaturgie und Geschichte der Bühnengestaltung in Wien, Graz und Salzburg und ist Kolumnist der Kunstzeitschrift „Parnass“.
Im Vorwort erklärt der Autor, was im Rahmen der Ausführungen nicht geleistet werden kann: nämlich eine “Geschichte” des Musicals am Theater an der Wien, und zwar im Sinne einer umfangreichen “Chronik”, zu schreiben. Der Autor will sein Buch nicht als wissenschaftliche Abhandlung verstanden wissen, es gibt keine Fußnoten, keine Anmerkungen, die Zitate entstammen persönlichen Gesprächen und persönlicher Korrespondenz.
Einerseits also beste Voraussetzungen, um eine leicht lesbare, kurzweilige „Geschichte“ des Musicals am Theater an der Wien zu bieten, andererseits: Schade um die vertane Chance, ein wirklich umfassendes Werk abzuliefern. Wie viele Theatergeschichten werden schon im deutschsprachigen Raum publiziert? Aber das Buch soll sich ja verkaufen, und die Schlagzeilengesellschaft mag keine dicken Wälzer, auch nicht, wenn sie viele Bilder enthalten – obwohl, auf diesem Gebiet ist das von Back-Vega gebaute Buch sehr befriedigend. Mit Bildern wurde nicht gegeizt. 88 der 176 Seiten sind ganzformatig mit den Musicals am Theater an der Wien bebildert. Zwei bis vier Seiten pro Show (sechs für „Elisabeth“), vollgepackt mit stimmungsvollen Szenenfotos. Und auf den 88 verbleibenden Seiten verteilt nochmal 30 Bilder. Wenn man also in ganz lesefauler Laune ist, kann man die Produktionen des Theaters auch anhand der Photos Revue passieren lassen. Wirkungsvolle, gut ausgewählte und auch gut reproduzierte Aufnahmen, von „Wie man was wird im Leben, ohne sich anzustrengen“ (1965) mit Harald Juhnke und Theo Lingen bis hin zur Wiederaufnahme von “Elisabeth” (2003). Die Bilder aus den Produktionen ab dem Ende 60er und während der 70er Jahre dokumentieren, wie sehr man zeitweise dem Starprinzip vertraut hat: Josef Meinrad, Marika Rökk, Freddy Quinn, Vico Torriani, Michael Heltau oder Johannes Heesters füllten die Kassen, und dann kam Andrew Lloyd Webber. Ein Infokasten bietet auf den bebilderten Doppelseiten die Eckdaten: das Datum der Premiere, Angaben zu Regie und Choreographie, zu Kostümen, zur Musikalischen Leitung und zu den Darstellern – und die Anzahl der Vorstellungen sowie die Gesamtbesucherzahl.
Klug gebaut hat Back-Vega seinen Text, wobei das Werk vor allem auch ein Tribut ist an die (General-)Direktoren des Hauses, angefangen bei Frank Klingenbeck, über Rolf Kutschera, Robert Jungbluth, Peter Weck, Rudi Klausnitzer bis zu Franz Häußler. Wie die Direktion die Stückauswahl anlegte, welche Faktoren in den Entscheidungsfindungsprozess hineinspielten, das erklärt Back-Vega sehr schlüssig. So war beispielsweise die Bühnentechnik bzw. ein dringend nötiges Ugrading derselben dafür verantwortlich, dass 1998 „Elisabeth“ abgesetzt wurde. Die Sanierung des Schnürbodens stand an und man brauchte eine Produktion, die ohne Schürboden und Unterbühne auskam: „Chicago“ war perfekt.
Eines der großen Verdienste Peter Wecks war unter anderem die Gründung der Musicalschule „Tanz-Gesang-Studio Theater an der Wien“ im Jahre 1984. Es war der Start einer professionellen Musicalausbildung in Wien und nur so, das erkannte Weck, konnte man sich einen Pool an deutschsprachigen Profidarstellern für die eigenen Produktionen schaffen. Back-Vega: „Die Kosten der Schule waren im Theater an der Wien-Budget mit zehn Millionen Schilling jährlich veranschlagt. Das bedeutet, dass in jeden Darsteller, der daraus erfolgreich hervorging, 1 Million Schilling investiert wurde! Für den nachfolgenden Direktor, den kühlen Rechner Rudi Klausnitzer, ein zu hoher Einsatz. Er sperrte die Schule 1994 wieder zu – nicht ohne durch Kooperationen mit den Performing Arts Studios doch für eine gewisse Kontinuität der Ausbildung zu sorgen.” Leider ist dem unrühmlichen Ende der „Theater an der Wien-Studios“ nur diese eine recht knappe Passage gewidmet – den Problemen der Studenten, die mitten in ihrer Ausbildung waren, wird damit nicht gerecht getan, ein wenig zu geglättet ist hier diese Zäsur mit einem Neubeginn verwoben, der unter dem Begriff „Kooperation“ vielleicht nicht wirklich in der richtigen Begriffsschublade gelandet ist.
Back-Vegas Buch ist ein starkes Plädoyer für das Musical-Genre. Längst fällig war eine sarkastische Abrechnung der VBW mit den Kritikern der Tagesjournaille. In einem Werk, geschrieben vom Chefdramaturgen des Hauses, darf man daher Passagen wie die folgende auch als offizielles Statement auffassen: „Schade, dass die Wiener Presse, speziell das Feuilleton, sich in all den vierzig Jahren kaum mit dieser Qualität anfreunden konnte. Das Theater an der Wien sollte „gerettet“ werden, sollte – in noch schlimmerer Diktion – „musicalfrei“ (wie ungezieferfrei) gemacht werden. […] Die vielen Menschen, die aus den Bundesländern oder gar aus dem Ausland anreisten, um in Wien einen schönen Musiktheater-Abend zu erleben, ohne in die Oper zu gehen, wurden menschenverachtend als letztklassig verspottet. […] Man tat so, als würden jährlich 300.000 bis 500.000 Zuschauer mit der Peitsche ins Theater getrieben. Es lässt sich ja noch verstehen, dass ein Journalist über Theater, das er jahrelang nicht neu besprechen kann, die Nase rümpft und durch pure Polemik versucht, Inhalte und Qualitäten des Musicals zu „verreißen“. […] Noch erschreckender ist allerdings, mit welcher Häme und zum Teil Niedertracht das Musical und sein Publikum pauschal angegriffen wurden, indem auf das „Synthetic-Gedröhne“ geschimpft und die auch von vielen Theaterleuten bewunderten, großartigsten Bühnenaufführungen auf die lächerlichste Weise zerpflückt und niedergemacht wurden.“
Wo es beim abrupten Ende der Musicalschule des Theater an der Wien an Exaktheit und Transparenz mangelt, da ist eine Offenheit bei der Aufschlüsselung der Subventionen vorhanden, die das Theater im Laufe der 40 Jahre erhalten hat. Aus der Defensive in die Offensive strebend liefert der Autor konkrete Zahlen, bis hin zu einer genauen Aufschlüsselung der Tantiemen, die Andrew Lloyd Webber, Regisseure, Bühnenbildner und Kostümbildner, Licht- und Sounddesigner sowie Produzenten bei einer Show wie „Cats“ erhalten haben. Gut herausgearbeitet wird das Subventionswesen im Vergleich zu den Produktionsbedingungen am Broadway. Einen weiteren Schwerpunkt legt der Autor auf die Vermarktung der Musicals, bis hin zur Entwicklung des Merchandisings, beispielsweise des „Elisabeth“-Fächers: „Den Fächer für „Elisabeth“ und das ganze damit zusammenhängende Artwork, vom Programmheft über die Souvenirs bis zu Ferienflieger-Prospekten hat Loys Eggs Grafikabteilung allein entwickelt. Die grafische Präsenz war ein äußeres Zeichen dafür, dass sich da etwas etabliert hatte.“ All diese Details sollen klar machen, dass das Musical in Wien keine sinnlose Geldvernichtungsmaschinerie ist, sondern letztendlich ein Geschäft für die Stadt: „Die Stadt Wien hat ihre „Subvention“, die man richtiger „Investition“ nennen sollte, schon durch indirekte Steuern der Theaterbeschäftigten und der Firmen, die für das Theater tätig sind, zurückerhalten! Durch die lang laufenden, qualitativ gleich gut bleibenden Aufführungen wurde gleichzeitig die Attraktivität eines Wienbesuchs in einer Weise gesteigert, dass der Stadt zusätzliche Einnahmen in derselben Höhe der zur Verfügung gestellten Summer erwuchsen. Wien hat also von jedem ins Theater an der Wien gesteckten Schilling deren zwei zurückbekommen.“
In einer Art Anhang schildern u. a. einige Darsteller ihre „innere“ Verbindung zum Theater an der Wien und zum „weltweit längst dienenden Theaterdirektor“ Franz Häußler. Die Auswahl jener Darsteller, die man hier antrifft, mutet ein wenig zufällig an: Es fehlen Namen wie Máté Kamarás, Rainhard Fendrich, Luzia Nistler, Dennis Kozeluh, Rob Fowler, Peter Faerber, um nur einige zu nennen – und es fehlt Sylvester Levay, während Michael Kunze die Bedeutung des Theaters an der Wien in seinem Leben ausführt. Mehr zu Sylvester Levay fehlt generell in diesem Buch. Immerhin ist „Elisabeth“ das erfolgreichste Produkt der VBW bisher und hat „bis heute fast so viele Besucher rund um die Welt erreicht wie in vierzig Jahren alle Musicals am Theater an der Wien zusammen!“ Dass Levay also in diesem Buch fast nur als „Name“ Erwähnung findet (ganz im Gegensatz zu Michael Kunze), ist etwas befremdlich.
Fazit: „Theater an der Wien – 40 Jahre Musical“ bietet neben einem Schnelldurchgang durch 40 Jahre Musical auch bislang weniger Bekanntes sowie eine Standortbestimmung des Theaters an der Wien im internationalen Umfeld und viele interessante Blicke hinter die Kulissen des erfolgreichen Theaterbetriebs. Sehr empfehlenswert!

Peter Back-Vega: Theater an der Wien – 40 Jahre Musical in zwei Akten mit Prolog, Entr’Acte und Schlussapplaus. Amalthea Signum Verlag, Wien 2008, 176 S., ISBN: 978-3-85002-664-2. € 29,95 (Hardcover). www.amalthea.at

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