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Philip Furia, Michael Lasser: America’s Songs – The Stories Behind the Songs of Broadway, Hollywood, and Tin Pan Alley

In Interviews mit Komponisten, Textern und Autoren ist es eine der beliebtesten Journalistenfragen: „Wie läuft bei Ihnen der kreative Prozess ab. Wo fallen Ihnen die Ideen zu Ihren Geschichten/Songs ein?“ Wie ist beispielsweise ein Song wie „Gypsy“ (Text: Stephen Sondheim; Musik: Jule Styne) entstanden, wie erarbeiteten sich Alan Jay Lerner und Frederick Loewe „Camelot“, warum schaffte Frank Sinatra ausgerechnet mit seiner Interpretation des Songs „New York, New York“ (Text: Fred Ebb; Musik: John Kander) in den 70er-Jahren das Comeback?
Broadway, Hollywood, Tin Pan Alley (engl.: Blech-/Zinnpfannenallee), wie man die 28. Straße zwischen Fifth Avenue und Broadway im New Yorker Stadtteil Manhattan nennt, wo in den Jahren von 1900 bis 1930 die meisten amerikanischen Musikverlage ihre Büros hatten und deren Spitzname von Monroe Rosenfeld geprägt wurde, einem Journalisten, der das ständige Klimpern der Probeklaviere im New Yorker „Herald“ mit dem Klappern von Zinnpfannen verglich – das sind die magischen Orte, wo jene Songs entstanden die uns die Autoren von “America’s Songs”, Philip Furia und Michael Lasser, vorstellen. Philip Furia ist Autor vieler Bücher zur Geschichte des Musicals und des Songwritings, so hat er Biographien über Irving Berlin, Ira Gershwin und Johnny Mercer verfasst. Sein populärstes Buch trägt den Titel „The Poets of Tin Pan Alley: A History of America’s Great Lyricists“. Michael Lasser unterrichtete 40 Jahre Englisch, ist Theaterkritiker und seit 1980 Moderator einer Radioshow mit dem Titel „Fascinatin’ Rhythm“.

Die beiden Autoren haben in langer Recherchearbeit Geschichten über mehr als 600 Lieder zusammengetragen, Songs, die in den Jahren zwischen 1910 bis 1977 enstanden sind. Es mögen “America’s Songs” sein, aber letztlich handelt es sich um weltbekannte Evergreens. Lieder von Jerome Kern („Smoke gets in your eyes“), Irving Berlin („White Christmas“), Frank Loesser („Most happy Fella“), Cole Porter („Kiss me, Kate“), George & Ira Gershwin („Porgy and Bess“), Johnny Mercer („Come rain or come shine“), John Kander & Fred Ebb („Cabaret“), Oscar Hammerstein („Show Boat“), Alan und Marilyn Bergman („The Windmills of Your Mind“) und vielen anderen wurden zu „Standards“, sie formten das sogenannte „Great American Songbook“.
Die Autoren definieren dieses Songbook, das Werke umfasst, die von der der Zeit zwischen den Weltkriegen bis nach dem Vietnam-Krieg geschrieben wurden. Für Europäer mögen die Songs des „Great American Songbook“ einfach nur Evergreens sein, für Amerikaner spiegelt sich in vielen dieser Lieder ihre eigene Geschichte. Das arbeiten Furia und Lasser mit den von ihnen recherchierten Anekdoten sehr gut heraus, beispielsweise anhand des Songs „Sentimental Journey“ (Text: Bud Green; Musik: Les Brown und Ben Homer), der 1945 in der Aufnahme von Doris Day zur sentimantalen Heimkehrhymne von Soldaten wurde, die im Zweiten Weltkrieg kämpfen mussten.
Die Reise beginnt 1910 mit „Some of these days“, dem ersten großen Hit aus der Feder von Komponist und Texter Shelton Brooks (1886–1975). Brooks schrieb das Lied extra für eine der bekanntesten amerikanischen Entertainerinnen des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts: Sophie Tucker. Als der Komponist sein Lied Tucker vorspielen wollte, weigerte diese sich recht brüsk, ihn überhaupt zu sehen. Geschickt fädelte Brooks aber doch ein Treffen ein, und zwar über Tuckers Zofe, mit der er sich anfreundete. So konnte er der legendären Performerin sein Lied vorstellen, und die verliebte sich sofort in „Some of these days“. Es sollte ihr Theme-Song werden. „Alexander’s Rag Time Band“ (Irving Berlin) steht an zweiter Stelle in diesem chronologisch geordneten Buch und eröffnet den Reigen der Superhits und Klassiker, die in diesem Werk Erwähnung finden. 50 rare Fotos, eine ausführliche Bibliographie sowie ein 24 Seiten umfassender Index runden das Buch von Furia & Lasser ab.
„America’s Song“ ist ein höchst unterhaltsames und auch zum Teil berührendes Werk über die magischen Momente des Songwritings. Die Stories sind kurz gehalten, keine umfasst mehr als eineinhalb bis maximal zwei Seiten. Es sind durchwegs Geschichten, die man sich leicht merkt, die einen emotionalen Bezug zu den vorgestellten Liedern herstellen und so vielen Werken eine ganz neue Bedeutungsnuance verleihen.

“New York, New York” (Text: Fred Ebb; Musik: John Kander) bildet den Abschluss des Buches. Geschrieben 1977, der Definition der Autoren entsprechend vor einer Generation, ist dies der letzte Song, den man heutzutage schon dem “Great American Songbook” zuordnen kann – einer Güteklasse, die sich dadurch auszeichnet, dass sie über Generationen hinweg im Gedächtnis der Musikliebhaber lebendig bleibt.

Philip Furia, Michael Lasser: America’s ongs – The Stories Behind the Songs of Broadway, Hollywood, and Tin Pan Alley. Routledge, an Imprint of Taylor & Francis Group, New York 2006, 328 S.; ISBN: 0-415-97246-9. $ 29,95 (Hardcover). www.routledge-ny.com

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