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Theater in der Josefstadt: »Man darf nicht nur die unterstützen, die schlechte Zahlen bringen«

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Auf der Probebühne im Theater in der Josefstadt ging heute die Präsentation der Spielzeit 2014/15 des Theaters in der Josefstadt und der Kammerspiele der Josefstadt über die Bühne. Es wird in der kommenden Saison keine Musicalproduktion wie in den vergangenen Jahren geben – warum, darauf war nicht wirklich eine Antwort zu erhalten. Wie auch immer, es wird sehr wohl Musiktheater-Produktionen geben, siehe –> hier. Das Gesamtprogramm kann dem Spielzeitheft 2014/15 entnommen werden, das zum Download (PDF) bereitsteht –> hier. (Und im Stream – unten – nachgehört werden.)

Hier soll es kurz um die einleitenden Worte vom Stiftungsvorstand des Theaters in der Josefstadt, Günter Rhomberg, gehen (siehe auch den Mitschnitt der Pressekonferenz als Stream unten). Rhomberg fasste kurz die finanzielle Situation des Theaters zusammen: Das Theater in der Josefstadt kommt zusammen mit den Kammerspielen der Josefstadt auf eine Sitzplatzauslastung von 90 Prozent (Zeitraum: September 2013 bis Ende April 2014; Josefstadt: 86 Prozent; Kammerspiele 94 Prozent). Ha, werden nun einige sagen, andere Theater haben da noch bessere Auslastungen: 96 Prozent konnte man in den Medien lesen, und mehr, grade, dass nicht von 189 Prozent gesprochen wurde. Das mag vielleicht stimmen. Man wird aber von diesen Theaterunternehmen eine Zahl nie bekommen, und dabei handelt es sich um die sogenannte wirtschaftliche Auslastung, also um Angaben zum verkauften Kartenwert im Vergleich zur möglichen Höchsteinnahme. Der macht im Fall des Theaters in der Josefstadt 69,78 Prozent aus und im Fall der Kammerspiele der Josefstadt 78,25 Prozent, insgesamt also 75 Prozent. Wahnsinnig gerne würde ich dazu Angaben der Vereinigten Bühnen Wien haben. Werden wir sie je bekommen?

Kein anderes vergleichbares deutschsprachiges professionell geführtes Theater, so Rhomberg, kann so wie die Josefstadt 40 Prozent seines Budgets selbst einspielen, der Durchschnitt liegt bei den deutschsprachigen und Schweizer Bühnen bei 16 bis 25 Prozent. Das allerdings ist im Falle des Josefstadt und der geringen Subventionen, die sie erhält, eine unbedingte Notwendigkeit, um nicht in die Schuldenfalle zu geraten.

6,2 Millionen Euro brachte die Josefstadt für die Renovierungen der vergangenen Jahre (2006/2007) im Theater in der Josefstadt privat auf, mehr als Bund und Stadt beigetragen haben. Privat heißt, so Rhomberg: durch Sammeln, Betteln und Bitten.

Im Fall der Renovierung der Kammerspiele der Josefstadt war die Ausgangssituation noch extremer: 12 Millionen Euro betrug das Investitionsbudget, und es ging um nichts weniger als die Existenz der Kammerspiele. 100 Jahre nach der Eröffnung des Hauses war das Theater desolat, es war abzusehen, dass das Haus in wenigen Jahren geschlossen werden würde. 8 Millionen Euro wurden vom Theater in der Josefstadt aufgebracht, Bund und Land gaben je 1,8 Millionen Euro. Rhomberg: »Das ist eigentlich dann doch ein Glück gewesen, denn hätte der Bund, der als Letzter zugesagt hat, diese 1,8 Millionen nicht gebracht, wäre das ganze Gehäuse zusammengebrochen. Viele Großspender haben ihre Geldzusagen natürlich davon abhängig gemacht, ob die öffentliche Hand mitmacht oder nicht.«

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In den vergangenen Wochen haben Gespräche des Theaters mit Andreas Mailath-Pokorny, dem Stadtrat für Kultur und Wissenschaft, sowie Josef Ostermayer, dem Bundesminister für Kunst und Kultur, Verfassung und öffentlichen Dienst, bezüglich zusätzlicher Mittel stattgefunden. Schließlich dürfe man doch nicht nur die unterstützen, die schlechte Zahlen bringen. Ergebnis: null. Standardsatz von Ostermayer, so Rhomberg: »Jetzt gibt’s nix.« Sollte es auch 2016 zu keiner Erhöhung des Budgets oder gar zu einer Kürzung kommen, dann würden, so Rhomberg, Strukturen brechen, professionelle Theaterstrukturen, die weltweit einzigartig sind.

Für Herbert Föttinger wäre jede weitere Steigerung der Auslastung der beiden Häuser fast schon gefährlich. Nicht immer müsse man Stücke zum Wohlgefallen des Publikums programmieren: »Nebst der beglückenden Seligmachung soll Theater ja auch etwas Verstörendes sein. Das ist bei einem Betrieb wie dem Theater in der Josefstadt nicht so einfach, denn eine Prämisse von 40 Prozent Einspielergebnis ist im deutschsprachigen Raum einzigartig, und auch im europäischen. Ich kenne nur noch zwei Theater, die mit einer derartigen Quote arbeiten müssen, das ist die Comédie-Française (muss 37 Prozent einspielen) und das National Theatre (muss 35 Prozent einspielen), um das Gesamtbudget zu halten. Manchmal würde man radikaler Theater machen wollen, aber wir müssen mit den Gegebenheiten umgehen.«

Föttingers Baudrang ist noch nicht gestillt. Aus ökonomischen Gründen, so der Direktor, sei ein Vorhaben ganz wichtig: Am Beginn jeder Saison gebe es eine Premierendichte, die nach einer Probebühnendichte verlange. Die Josefstadt hat aber nur zwei davon, eine dritte muss immer angemietet werden, um 60.000 Euro pro Jahr. Föttingers Rechnung – ja, auch Theaterdirektoren können rechnen: In fünf Jahren kommt da eine Summe von 300.000 Euro zusammen, warum also nicht eine eigene dritte Probebühne errichten, und zwar im Dekorationsdepot des Hauses in Aspern (eine Minute von einer U-Bahnstation entfernt). Der Plan wird noch in diesem Sommer umgesetzt. In Aspern wird eine Probebühne errichtet, die genau den Erfordernissen der Josefstadt entspricht, inklusive Drehbühne. Baukosten: 250.000 Euro, die aus dem Investitionsbudget (150.000 Euro) und mittels Fundraising-Dinner (100.000 Euro) bestritten werden. Und wenn Föttinger ein paar Donatoren findet, dann wird das Investitionsbudget vielleicht doch nicht belastet. Föttinger: »Und daher brauchen wir keine öffentliche Hand, das machen wir einfach – so.«
Und noch ein Projekt steht am Plan: die Renovierung und Modernisierung der Dekorationswerkstätten 2015. Werden Werkstätten geschlossen oder in angrenzende Länder transferiert, bedeutet das eine Schwächung des Arbeitsmarktes. Dagegen setzt die Josefstadt ein deutliches Zeichen.

Eine letzte Neuerung: Ab der kommenden Saison gibt es für das Theater in der Josefstadt und die Kammerspiele einen Jahresspielplan, das macht es dem Publikum leichter, Wunschtermine zu finden. Die einzelnen Produktionen werden in kleinen Blöcken gespielt, aber natürlich bleibt die Josefstadt ein Repertoiretheater. Für Föttinger ist der Jahresspielplan zukunftsweisend – und selbstverständlich gibt es keine Schließtage. (Apropos Schließtage: Im Mai gibt es im Theater an der Wien laut Folder des Theaters an der Wien an lediglich zehn Tagen Aufführungen, im Juni an vier Tagen. Man sieht also, dass das ein wichtiges Thema ist.)

1 Kommentar »

  Markus wrote @ Juni 3rd, 2014 at 20:42

Die Josefstadt ist einfach “Spitze” und bei weitem mein liebstes Theater. Herausragende Inszenierungen, eine Unzahl außergewöhnlicher Darsteller/innen und immer wieder neue Ideen.
Den neuen Jahresspielplan finde ich sehr gut, gerade als deutscher Besucher, der eigens Besuche in Wien plant und bislang immer mit großen “Risiko” zu planen hatte: jetzt weiß ich, wann ich was sehen kann, und kann meine Besuche in Wien danach ausrichten. Danke dafür!
Auch der neue Spielplan bietet wieder unglaublich viele spannende Aufführungen, auf die ich mich sehr freue. Schade, dass es kein Musical mehr gibt (vor allem nach dem Erfolg der ablaufenden Spielzeit und da in den “neuen” Kammerspielen die Möglichkeiten dafür ja jetzt besser geworden sind), aber für mich ist dies nicht entscheidend.

Was die Finanzierung betrifft, ich bin froh, auch in Deutschland seit der ablaufenden Saison ein “Josefstädter” (Inhaber der Karte) zu sein, was ich auch für die kommende Saison wieder sichergestellt habe. Gern leiste ich damit einen bescheidenen Beitrag für den Betrieb meines absoluten Lieblingstheaters.

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