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Ulrich Khuon (Hrsg.): Beruf: Schauspieler – Vom Leben auf und hinter der Bühne

berufschauspieler.jpg“Sag: ‚Viele Versprecher, du Schlampe.’ Jetzt mach schon Junge, ich muss auf die Bühne!” forderte eine große alte Dame des Theaters vor vielen Jahren vom jungen Dramaturgen John von Düffel. „Man sagt nicht ‚viel Glück’, wenn man jemandem viel Glück wünscht!“ schimpft sie ihn so laut, dass es jeder im Gardereobentrakt hören kann. Düffel weiß noch nichts von den Do’s und Dont’s am Theater, er hat noch keine Ahnung, warum man auf der Bühne nicht pfeifen darf, warum „Teufel, Teufel, Teufel“ als Premierenwunsch dann doch noch um einen Deut besser als „Toi, toi, toi“ ist, warum man auf der Bühne nicht isst und keine Hüte und Mäntel tragen darf, sofern sie nicht zum Kostüm gehören. Die ungeschriebenen Theatergesetze – sie sind ihm noch alle fremd. „Bitte nicht pfeifen! – Eine Verteidigung des Aberglaubens auf der Bühne“, verfasst von Dramaturg, Film- und Theaterkritiker John von Düffel, ist ein Artikel in einer Buchneuerscheinung mit dem Titel „Beruf: Schauspieler“, einem faszinierenden Sammelband, herausgegeben vom Intendanten des Thalia Theaters Hamburg, Ulrich Khuon.
Auf Stichwort brechen sie in Tränen aus, schreien und lachen, singen und tanzen, sind wütend oder fröhlich. Darsteller stehen im Rampenlicht und müssen in ihrer Rolle überzeugen: mit ihrer Stimme, ihrer Mimik und Gestik, ihrem ganzen Körper. Mit Haut und Haar schlüpfen sie in ein anderes Ich, auf der Bühne oder vor der Kamera. Der Schauspieler, das zerbrechliche Wesen. Auch das einer von vielen Ansätzen, wie man sich dem Leben vor und hinter der Bühne in diesem Buch nähert: mit einfühlsamen Porträts und Interviews. Zu Wort kommen Newcomer und arrivierte Stars wie Paula Dombrowski, Caroline Ebner, Maren Eggert, Judith Engel, Fritzi Haberlandt, Alexandra Henkel, Dietmar König, Hans Kremer, Stefan Kurt, Susanne Lothar, Michael Maertens, Annette Mayer, Annette Paulmann, Wiebke Puls, Sylvie Rohrer, Stefanie Stappenbeck, Ulrich Tukur, Susanne Wolff und Martin Wuttke. Interessant dabei ist nicht nur, wie der/die Interviewte antwortet, sondern wie das Frage-Antwort-Spiel von den Autoren des Buches aufbereitet wird. Ganz verschiedene Ansätze haben da die Autoren dieses Buches: Sonja Anders, Eva Behrendt, Klaudia Brunst, Werner Burckhardt, Petra Castell, Robin Detje, John von Düffel, Jürgen Flimm, Gerhard Jörder, Hellmuth Karasek, Andreas Kriegenburg, Brigitte Landes, Frauke Meyer-Gosau, Monika Nellissen, Thomas Oberender, Peter Reszczynski, Hermann Schreiber, C. Bernd Sucher und Egbert Tholl.
Man liest viel von “Angst” in diesem Buch, aber auch viel von Leidenschaft, Begeisterung, Illusionen und Desillusionierung. Sehr kritisch setzt sich beispielsweise die Kulturjournalistin Monika Nellissen in ihrem Beitrag “Alle Kellner sind Schauspieler” mit der Arbeitsmarktsituation auseinander: „Kellnern, sagt Michael Schäfermeyer, Leiter der Schauspielabteilung der Zentralen Bühnen-, Fernseh- und Filmvermittlung (ZBF) der Bundesagentur für Arbeit, und meint das nicht zynisch, sei ja noch ein honoriger Beruf. Im Extremfall werden Pornogeschichten gemacht, und sei es nur als Overvoice, um ein paar Euro zu verdienen.” Die Prognosen sind düster. Nach den Hartz-IV-Gesetzen dürfen Schauspieler nur noch dann Arbeitslosengald beziehen, wenn sie innerhalb von zwei Jahren an mindestens 360 Tagen sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren. Davor galt ein Zeitraum von drei Jahren. Etatkürzungen, Theaterfusionierungen und -schließungen … natürlich müssen nicht alle Darsteller als Kellner arbeiten. Aber Statistiken, wieviele es tun, gibt es nicht. Da Realität, dort die Formulierung des Ziels: „Wenn ihr die Menschen erreicht, wenn sie über euch weinen, lachen, wenn ihr sie nachdenklich macht oder ihnen vielleicht sogar eine Lebenshilfestellung gebt, dann erfüllt ihr unseren Beruf. Ihr erfüllt unsere Berufung“, so Boy Gobert, der legendäre Theatermann. Als Intendant, Schauspieler und Regisseur war das Theater sein Leben. Was das Theaterleben so einzigartig macht, den Zauber des Theaters, ihn versucht dieses Buch ein wenig zu entschlüsseln. Wie gehen Schauspieler mit Verrissen um, Lampenfieber, Neid, Ängsten, wie mit Erfolg? Wie hat sich der Beruf in den letzten Jahrzehnten verändert. Fragen, die auf spannende Weise beantwortet werden, und neue, unbeantwortet bleibende Fragen aufwerfen. Ein Fragebogen rundet die Interviews, Portraits ab: „Stören Sie hustende Zuschauer?“, „Wie gehen Sie mit Buhs um?“, „Haben Sie Hemmungen, auf der Bühne nackt zu sein?“, „Spielen Sie gerne in einer Uraufführung“, „Was tun Sie gegen Lampenfieber?“, „Gibt es Kritiker, deren Meinung Ihnen wirklich wichtig ist?“, „’Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze’. Hier irrt Schiller?“, „Sind Sie abergläubisch?“ – nur einige der interessanten Fragen.
Insgesamt eine anregende Lektüre, die man allen Darstellern, aber auch Rezensenten und einfach begeisterten Theatergehern ans Herz legen kann.

Ulrich Khuon (Hrsg.): Beruf: Schauspieler – Vom Leben auf und hinter der Bühne. edition Körber-Stiftung, Hamburg 2005, 368 S.; ISBN: 3-89684-045-2. € 18,00 (Hardcover). www.edition-koerber-stiftung.de

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