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Ulrich Müller: Andrew Lloyd Webbers Musicals (unter Mitarbeit von Peter Back-Vega)

Alle Musicals Andrew Lloyd Webbers auf kompakten 128 Seiten im handlichen Kleinformat abgehandelt – und mehr braucht man auch nicht darüber zu wissen … so könnte man das Büchlein „Andrew Lloyd Webbers Musicals – Ein musikalischer Werkführer“ von Ulrich Müller in ein paar Worten umreißen. Man würde dabei aber der Intention des Autors nicht gerecht, dem gerade diese abwertende Haltung einem/dem (finanziell) erfolgreichsten Musicalkomponisten der Gegenwart gegenüber fern liegt. Vielmehr ist Ulrich Müller um eine sachliche Haltung bemüht und definiert das gleich auf der ersten Seite des Buches in seiner Einleitung: „Um es von vornherein klarzustellen: Mein Verhältnis zu den Werken von Andrew Lloyd Webber ist durch kritische Sympathie geprägt (…) Ich sehe in diesem Interesse keinen Gegensatz zu meiner Liebe zu anderen Gattungen des Musiktheaters, von Mozart bis Wagner, von Johann Strauß, Oscar Straus und Richard Strauss bis György Ligeti und und (sic!) Karija (sic!) Saariaho.“ Abgesehen von den zwei Fehlern in nur einem Satz: Wie weit ist es eigentlich gekommen in diesem Genre, dass man sich am Beginn eines Sachbuches quasi dafür entschuldigen muss, es geschrieben zu haben.

In aller Kürze sehen wir also die Musicals von Andrew Lloyd Webber abgehandelt. Man könnte sich vorstellen, dass Schüler, die sich einen raschen Überblick verschaffen wollen oder ein Referat vorbereiten, damit gut bedient sind, oder auch Musicalbesucher, die, Gott weiß wo, zum ersten Mal eine der Webber-Shows sehen und sich vorab informieren möchten. Ulrich Müller bietet zu allen Webber-Musicals die „Handlung“, einen Einblick in die „Entstehungsgeschichte und Einspielungen“ sowie eine „Charakterisierung“ der Werke. Das klappt ganz ausgezeichnet und ist in der Tat sehr informativ. Der Leser wird auch mit einer kurzen Biographie des Komponisten versorgt und erfährt en détail, ob nun „Andrew Lloyd-Webber“ oder „Andrew Lloyd Webber“ beziehungsweise „Baron Andrew Lloyd-Webber of Sydmonton Court“ die korrekte Schreibweise für den Namen des „Cats“-Komponisten ist – oder ob das am Ende egal ist und man alle Variationen verwenden kann.

Ein Kapitel des Buches schrieb Peter Back-Vega, Dramaturg der Vereinigten Bühnen Wien. Unter dem Titel „Andrew Lloyd Webbers Auftritt auf dem Kontinent“ analysiert er, wie die Shows des englischen Komponisten von Wien aus in Europa Fuß fassten. Auf engstem Raum (acht Seiten) stellt er dar, wie, angefangen mit „Evita“ und „Jesus Christ Superstar“, Webber der Grund war für eine tiefgreifende Änderung der Produktionsbedingungen an den Musicalhäusern – und letztlich indirekt auch bei den Ausbildungsmöglichkeiten für Musicaldarsteller. Back-Vega schließt seine Ausführungen mit der Erwähnung der Gründung des „Tanz-Gesang-Studios Theater an der Wien“, in dem Darsteller der ersten Webber-Jahre in Wien unterrichtet haben. Back-Vega: „Die Choreographen und Dance Captains, die in den großen Produktionen gelernt haben, bestreiten heute noch die Mehrzahl der Musical-Inszenierungen im deutschsprachigen Raum. Im Musicalbetrieb gibt es noch künstlerische Stammbäume, und wie manche ihre Wurzeln bei Jerome Robbins haben, so haben sie andere in den Musicals von Andrew Lloyd Webber.“
Man sollte noch den unrühmlichen Rest hinzufügen: Als eine der ersten Handlungen der Intendanz Rudi Klausnitzer erfolgte die Schließung des „Tanz-Gesang-Studios Theater an der Wien“, aus Kostengründen. Auch das ist eine spannende Geschichte, die man einmal ausführlich erzählen sollte.

Ein Lektor hätte dem Buch übrigens ganz gut getan, es ist eher unüblich, einen solchen Haufen an Tippfehlern auf so wenigen Seiten zu finden. Nichtsdestotrotz: Für eine allererste Einführung in die Musicals Andrew Lloyd Webbers ist dieses Büchlein durchaus empfehlenswert, einzige Ausnahme: Der Vergleich Webber–Sondheim im Kapitel „Zussammenfassung (sic!) und Ausblick“ ist zu verknappt und – mag sein ungewollt – tendenziös, schlicht und einfach nicht haltbar. So wie sich dies in diesem Büchlein liest, könnte man meinen, der Ruf Sondheims wäre primär auf die Meinungsmache eines Grüppchens Intellektueller der New York Times und anderer Zeitungen zurückzuführen. Bezugnehmend auf „Pacific Ouvertures“ und „Assassins“ liest man auf Seite 113: „Eine solche scharfsinnige Analyse von Gesellschaft und Politik, durchaus wirkungsvoll verpackt in verschiedene Musical-Formen, erklärt zum beträchtlichen Teil auch den fast legendären Ruf Sondheims, der durch eine in den Medien höchst einflussreiche Gruppe von Intellektuellen (insbesondere in der sogenannten Qualitätspresse) verbreitet und propagiert wird (…)” Da warten wir dann doch lieber auf einen Beck’schen Band zu Stephen Sondheim – sollte je einer publiziert werden.

Ulrich Müller: Andrew Lloyd Webbers Musicals – Ein musikalischer Werkführer (unter Mitarbeit von Peter Back-Vega). Verlag C. H. Beck, München 2008, 128 S.; ISBN: 978-3-406-44814-0. € 7,90 (Paperback). www.beck.de

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