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Archiv - Theater

Theater am Spittelberg: Zwischen Wohlfühlkonzert und Ärgernis

Theater am Spittelberg (Foto: Martin Bruny)

Ein Doppelkonzert, das stand am Programm des Theaters am Spittelberg vor rund einer Woche, am 15. September 2006. Den ersten Teil des Abends gestalteten Anne-Marie Höller und Mario Berger mit ihrem Programm “Die 20 schönsten Lieder der Welt”, den zweiten Teil Tini Kainrath & Geri Schuller mit “A Tribute To Burt Bacharach”.
“Die 20 schönsten Lieder”, das hört sich an wie die gesammelten Schmachtfetzen der letzten 40 Jahre, tatsächlich jedoch war die Songauswahl eine ganz andere. Songs aus Frankreich, Spanien, Portugal, eine wahre Vielfalt an Musikstilen und Sprachen, das wurde in der ersten Stunde dieses kurzweiligen Abends geboten. Mario Berger gilt als einer der besten Gitarristen (zumindest) Österreichs. Es gibt kaum eine heimische Popgröße, die er nicht schon live oder im Studio begleitet hat. Er war mit Georg Danzer, Rainhard Fendrich, Mo, Joe Zawinul und vielen anderen auf Tour, komponierte für Sandra Pires, Marianne Mendt, Manuel Ortega, … Ihm zuzuhören ist immer wieder ein Vergnügen, im Duo mit Anne-Marie Höller gestaltete er ein relaxtes Konzert zwischen Soul und Jazz über Chansons und lateinamerikanische Musik bis hin zu klassischen Gitarrenstücken.

Mario Berger (Foto: Martin Bruny)

Zu hören unter anderem “Find my love” von Fairground Attraction, die Eigenkomposition “Take it easy”, eine Arie aus Mozarts “Zauberflöte”, gespielt von Mario Berger auf der Gitarre. Ein virtuoses Wohlfühlkonzert erster Güte, das die beiden hoffentlich bald wieder in Wien spielen werden.

Mario Berger und Anne-Marie Höller (Foto: Martin Bruny)

Bei Tini Kainrath und Geri Schuller stand alles im Zeichen von Burt Bacharach, einem der erfolgreichsten Pop-Komponisten der USA, bekannt durch Welthits wie “Raindrops Keep Falling On My Head”. Kainrath und Schullers Performance muss man trennen in das, was man Moderation nennen könnte - und in die tatsächliche Performance.

Tini Kainrath (Foto: Martin Bruny)

Wenn man einen Abend über Burt Bacharach gestaltet, so könnte man normalerweise ja davon ausgehen, dass es sich um eine Art Hommage handelt. Das war an diesem Abend definitiv nicht der Fall. Die Interpretationen der größten Hits von Bacharach waren zwar vom Feinsten, die Moderationen allerdings nur zum Lachen, Weinen oder Ärgern, je nachdem, wie man drauf war.
Burt Bacharach, einen der größten Songschreiber aller Zeiten, als Schlagerkomponisten abzutun, ist schon etwas dreist, dann noch zu behaupten, keiner seiner Songs wäre in dem, was die Amerikaner als “The Great American Songbook” nennen, also die “Hall of Fame” der Songs der letzten, sagen wir 100 Jahre, ist schlichtweg falsch. Da kann man den beiden Künstlern nur das Buch “America’s Songs” von Philip Furia & Michael Lasser empfehlen, ein Standardwerk zum Thema “The Great American Songbook”, und selbstverständlich ist darin auch Burt Bacharach aufgenommen worden. Das Ärgerliche an diesem zweiten Teil des Konzerts war die Art und Weise, wie mit dem Publikum umgegangen wurde. Da wird von den Veranstaltern ein Konzert mit Liedern von Burt Bacharch angekündigt, und die erste Frage der Interpreten lautet: “Wer kennt denn Burt Bacharach überhaupt?” Dass auf eine solch doofe Frage niemand antwortet, ist klar. Weswegen war ich gleich nochmal auf diesem Konzert? Kenne ich eher Oscar-Preisträger Bacharach oder einen Geri Schuller? Nun, die Nichtreaktion des Publikums war natürlich eingeplant, denn das Motto des Abends schien zu lauten: “Burt Bacharach ist ein altbackener Schlagerkomponist, der in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein paar Hits hatte, dann Pferde züchtete und gut ist.”
Normalerweise sollte man da eigentlich aufstehen und gehen, aber das war noch nicht alles. Nicht nur Burt Bacharach ist laut Kainrath & Schuller ein Spießer, auch beispielsweise Hal David war ein richtiger, also wirklich wirklich richtiger spießiger Geselle, der nur schlechte und frauenfeindliche Texte verbrochen hat. Jaja, gemeint ist Hal David, verantwortlich für die Texte von Welthits wie “Raindrops Keep Falling on my Head”, “This Guy?s in Love With You”, “I’ll Never Fall in Love Again”. Für “Raindrops” wurde David mit einem Oscar ausgezeichnet, Lieder wie “Don?t Make Me Over”, “Close to You” and Walk on By” wurden in die “Grammy Hall of Fame” aufgenommen. “What The World Needs Now” wurde noch 2004 von der “Songwriters Hall of Fame” als “The Towering Song” bezeichnet, mit folgender Begründung: “distinguished by its unforgettable melody and prayerful plain-spoken words that sound utterly contemporary today when conflict is so wide-spread around the world, even though it was written in 1965″.

Wenn man einen Abend über Bacharach gestaltet, so müsste man meiner Ansicht nach auch ein bißchen sicher sein, was seine Biographie betrifft, und nicht ständig Falsches in den Raum stellen. So wird zwar Carole Bayer Sager als “seine Frau” bezeichnet, ohne aber darauf Bezug zu nehmen, dass er zuerst einmal mit dem Kinostar Angie Dickinson verheiratet war. Was wäre das doch für eine treffende Überleitung zu Filmkompositionen Bacharachs gewesen, hat ihn doch Dickinson dazu gebracht, für Filme zu komponieren. Lustig auch die Bemerkung der beiden Künstler, Bacharach hätte sich nach seinem Hit “Arthur’s Theme” vom Komponieren abgewandt und der Pferdezucht zugewandt und das wars mit seiner Karriere. Woher haben die beiden diesen Schmonzes nur? Gerade in den 80ern nach “Arthur’s Theme” konnte Bacharach einige seiner größten Hits erzielen. Und Carole Bayer Sager, die Schuller & Kainrath den ganzen Abend mit so viel Begeisterung als die viel bessere Texterin lobten, nun mit ihr arbeitete er erst ab “Arthur’s Theme” zusammen, die beiden heirateten 1982.
Bacharach, so viel sei gesagt, ist nach wie vor kreativ tätig, Ende 2005 ist seine viel beachtete Solo-CD “At This Time” erschienen, auf der er mit aktuellen Trendsettern wie Rufus Wainwright zusammengearbeitet hat.
Fazit: Musikalisch war das Doppelkonzert vom Spittelberg ein Fest, was die Anmoderationen des zweiten Teilkonzerts betrifft, so sollte man das lieber vergessen und hoffen, dass dieses Event ein einmaliges bleibt. In den Raum gestellt wurde von Kainrath & Schuller die Idee, ein “Great Austrian Songbook” als Konzert zu veranstalten. Viel Spaß dabei, das dürfte ein kurzer Gig werden.

Geri Schuller, Mario Berger, Tini Kainrath und Anne-Marie Höller (Foto: Martin Bruny)

Francesca Zambello: Von “Rebecca” zur kleinen Meerjungfrau

Am 28. September 2006 geht in Wien die Uraufführung von Sylvester Levays & Michael Kunzes Musical “Rebecca” über die Bühne. Für die Regie verantwortlich: Francesca Zambello.
Auch eines der nächsten Projekte der vielbeschäftigten Regisseurin nimmt nun Form an: “The Little Mermaid” aus dem Hause Disney. Wieder mal eine Adaption eines Zeichentrickfilms für die Musicalbühne. Die Filmvorlage stammt aus dem Jahr 1989, die Bühnenversion wird im Juni 2007 am “Denver Center for the Performing Arts” starten.
Für die Choreographie der Show wurde Stephen Mear angeheuert, weiters wurden verpflichtet: George Tsypin (Scenic Design), Tatiana Noginova (Costume Design) und Natasha Katz (Lighting Design). Das Buch zur Show stammt von Doug Wright, die Songs steuern Alan Menken, Glen Slater und Howard Ashman bei.
Nach den Try-outs in Denver geht’s natürlich an den Great White Way, und so wird Francesca Zambello mit einem Disney-Musical ihr Broadway-Debüt geben. Disneys Theatrical Productions President Thomas Schumacher ist jedenfalls schwer begeistert von Zambello, seit er 1996 an der Oper von San Francisco ihre Inszenierung von Borodins “Fürst Igor” gesehen hat, eine Produktion, in der seine langjährige Freundin, die Opernsängerin Lauren Flanigan, engagiert war.
Alan Menken hat für die Bühnenversion der Meerjungfrau jede Menge neuer Titel komponiert, zusätzlich zu jenen fünf, die in der Zeichentrickversion zu hören waren. Die Original-Filmsongs werden gänzlich neu bearbeitet, ausgebaut. Die Texte von Howard Ashman (1951-1991) überarbeitet Glen Slater.
Derzeit aus dem Hause Disney am Broadway zu sehen: “Beauty and the Beast”, “The Lion King” und “Tarzan”. “Mary Poppins”, eine Koprodukion von Disney mit Cameron Mackintosh, feiert am 16. November 2006 seine Broadway-Premiere. Mit “The Little Mermaid” rückt der Broadway dann im nächsten Jahr ein Stück näher an das Horrorszenario der “klassischen Musicalfans”: Mit fünf Shows am Great White Way ist Disney drauf und dran, sich den Traum vom eigenen Themepark in New York zu erfüllen: Broadwayland.

dieTheater präsentiert Peter Kerns “Liebesgesänge”: Wenn der Schmerz zur Lust wird

Künstlerhaus Theater  (Foto: Martin Bruny)

Am 29. August 2006 ging im Wiener Künstlerhaus die Premiere von Peter Kerns neuestem Theaterstück “Liebesgesänge 1-2″ über die Bühne. In den Hauptrollen: Oliver Rosskopf (Java, ein Mörder), Andreas Bieber (Lucien, ein Sexualverbrecher), Miriam Goldschmidt (Altstar), Heinrich Herki (Aufseher/Ehemann) und Günter Bubbik (Coco/Beppo).

Liebesgesänge-Plakat  (Foto: Martin Bruny)

“Liebesgesänge 1″ ist ein zirka 15 Minuten kurzes Stück, frei nach Motiven des einzigen Kurzfilms von Jean Genet “Un chant d’amour”, geschrieben von Peter Kern, das gänzlich ohne Worte auskommt, nur aus Geräuschen, Percussion, Gesten, Körperflüssigkeiten, grellem Licht, Sirenen, Sex und Gewalt besteht. Den “Sound” erzeugen zwei Musiker (Toomas Täht: Schlagzeug; Miroslav Mirosavljev: Gitarre), die hoch oben in der Szenerie sitzen. Gespielt wird auf engstem Raum. In einer Gefängniszelle eingesperrt sehen wir drei Männer. Alle drei werden vom Gefängniswärter auf verschiedenste Weise missbraucht, gedemütigt, geschändet; einer der Gefangenen, er kann dem Gefängniswärter nicht mehr sexuell dienlich sein, da er völlig weggetreten die meiste Zeit nur mehr zuckend am Boden vor sich hin röchelt, wird von seinem Peiniger erschossen. Wir steigen mitten in einen typischen Tag der Gefangenen ein, die sich zwar nicht abgefunden haben mit ihrem Schicksal, aber teilweise schon so abgestumpft sind, dass sie die vom Gefängniswärter gewünschten Opferhaltungen, sexuellen Gesten bis hin zu gutturalen Lauten automatisch ausführen beziehungsweise sich an den Qualen, die ihre Mitgefangenen erleiden, aufgeilen. Die Szenerie ist brutal, die Geräusche unangenehm, die Handlung hart und sehr realistisch gespielt, wobei dennoch gewisse Grenzen nicht überschritten werden, freilich wird bei weitem ein realistischeres und sexuell expliziteres Szenario gespielt, als dies etwa an den staatlichen Bühnen normalerweise der Fall ist. Andererseits bewegt sich die Inszenierung im Rahmen des bereits auf Bühnen Stattgefundenen.

Liebesgesänge  (Foto: Martin Bruny)

“Liebesgesänge 1″ endet unwirklich. Der von Andreas Bieber verkörperte Gefangene stößt die Gefängnismauern um, aus der engen Gefängniszelle wird eine Art Strandlandschaft, man hört ein viel angenehmeres Geräusch: Meereswellen. Die Entspannung nach 15 Minuten purer Qual ist körperlich spürbar und perfekt in Szene gesetzt. Andreas Bieber singt das Lied “Die großen weiten Vögel” (Text: Ingrid Caven, Musik: Peer Raben, bearbeitet von M.Mirosavljev). Nahtlos geht es über in “Liebesgesänge 2″. Was sich dann abspielt, wird auf der “dieTheater”-Seite wie folgt beschrieben:

In einem Wiener Beisl sitzt ein berühmter alter Filmstar, umgeben von einem Haufen Zeitungsausschnitten und gesammeltem Abfall des Alltags. Hier liegt ihre Seele, gesammelt und aufbewahrt, verstaubt und getreten. Sie sitzt oft mit ihrem Mann hier und wartet, dass Leute vorbeikommen, die sie erkennen und bewundern, aus vergangenen Tagen. Sie hat in den 60-iger und 70-iger Jahren Hauptrollen in über 60 Filmen gespielt. Heute wurde der Wirt zu Grabe getragen und die Stimmung der beiden ist getrübt. Selbst der Kellner ist heute zu Hause geblieben; niemand da, der bedient. Ihr Ehemann zapft sich das Bier selber. Wieder sind es die alten Geschichten, die sie bewegen. Wie geizig der Moser war, dass er lieber auf Reisen gewesen ist, als dass er Texte gelernt hätte.
Zwei junge Männer, Java, ein Mörder, und Lucien, ein Sexualverbrecher, verirren sich in das Lokal, und damit tritt die Gegenwart in das Leben unseres Altstars. Die Lebensgeschichten der Jungen werden geprägt von Lust und Hass, von Flucht und Durst. Niemand ist da, der sie bedient. Der Junge schreit nach dem Ober und der Star bittet doch um mehr Respekt. Ein Generationskonflikt bahnt sich an. Doch der Konflikt hat keine Chance. Denn unser junges Paar stellt keine Fragen mehr. Die Jungen sehen die Gunst der Stunde: ein Beisl ohne Wirt, zwei alte Reiche ohne Glück?
So fangen sie ein Spiel von Schuld und Sühne an. Die Jungen sind die Schuld und die Alten können endlich rächen, was sie solange am Leben gehalten hat. Dabei entdecken die Jungen, dass die Welt aus Dreck und Zeitungsausschnitten besteht und die Alten nur das Werkzeug und die Handlanger der Lügen waren. Die beiden Alten wartend auf Zuneigung und Bewunderung erkennen nicht die Gefahr. Die Jungen lassen die Alten spielen. Jetzt darf der Altstar wieder singen. Irgendwann ersticken die Jungen an dem Dreck, der sie umgibt. Die Alten decken sie mit ihrem Müll, den Geschichten von Ordnung, Recht, Zusammenleben und Lügen zu.

Liebe in allen ihren Facetten, Masochismus, Sadomasochismus, Homosexualität, Voyeurismus, Verzweiflung - Java und Lucien singen gemeinsam (”Scheiss mich zu”; Text: Peter Kern, Musik: M.Mirosavljev, gesungen von Andreas Bieber und Oliver Rosskopf), sie verletzen sich, schlagen sich, geilen sich auf, lieben sich. “Each man kills the thing he loves” singt der Altstar (Text: Oscar Wilde, Musik: Peer Raben, bearbeitet von M.Mirosavljev, gesungen von Miriam Goldschmidt) und stellt damit das Motto des Abends. Lucien, der Masochist, braucht den Schmerz, um sexuelle Erfüllung zu finden (”Ich bin die Hure an der Bar”; Text: M. Enzensberger, Musik: Peer Raben, bearbeitet von M.Mirosavljev, gesungen von Andreas Bieber). Andreas Bieber spielt Lucien mit bemerkenswertem Körpereinsatz und Intensität, Oliver Rosskopf lernt im Laufe des Stückes als dominanter Java seinem Lucien nicht nur die begehrten körperlichen Qualen zu bereiten. Er fordert von Lucien einen Mord als Liebesbeweis, er deckt Luciens Lebenslüge auf, würgt, stranguliert ihn - schneidet ihm bei lebendigem Leib sein Herz aus dem Körper, inszeniert als orgiastischer, verzweifelter Höhepunkt - Java selbst stirbt, vergiftet vom Altstar und ihrem Diener. Übrig bleibt der Altstar, vergeblich nach der längst verlorenen Liebe der Fans gierend.
Peter Kern hat mit “Liebesgesänge 2″ ein packendes Drama geschrieben und inszeniert, mit Zitaten von Edmund White, Jean Genet und Werner Schwab. Er lässt seinen Text um Rassismus und Medienhohn kreiseln, speist diese Themen aber nur als Absurditätsbrocken in die Handlung ein.
Es wäre schön, wenn Andreas Bieber bald wieder die Herausforderung (Sprech-)Theater annehmen würde. Er beweist auch in dieser faszinierenden Rolle, dass er nicht auf die Rolle des Musicalhäschens reduzierbar, sondern ein charismatischer Vollblutschauspieler ist. Oliver Rosskopf wird seinen Weg hoffentlich auch weiter am Wiener Theater finden. Miriam Goldschmidt glänzt verstörend in diesem Schauspiel, das zwar in einem Wiener Kaffeehaus spielt, aber so gar nichts Wienerisches an sich hat - andererseits, so absurd und morbid wie dieses Stück, das ist dann vielleicht doch das Wienerische an Kerns “Liebesgesängen”.

Liebesgesänge  (Foto: Martin Bruny)

Songs:
“Die großen weiten Vögel”
Text: Ingrid Caven, Musik: Peer Raben, bearbeitet von M. Mirosavljev
gesungen von Andreas Bieber

“Scheiss mich zu”
Text: Peter Kern, Musik: M.Mirosavljev, gesungen von Andreas Bieber

“Each man kills the thing he loves”
Text: Oscar Wilde, Musik: Peer Raben, bearbeitet von M. Mirosavljev, gesungen von Miriam Goldschmidt

“Ich bin die Hure an der Bar”
Text: M. Enzensberger, Musik: Peer Raben, bearbeitet von M. Mirosavljev, gesungen von Andreas Bieber

“Gehen sie nicht, sie fallen nur”
Text: Peter Kern, Musik: M. Mirosavljev, gesungen von Günter Bubnik, Miriam Goldschmidt und Toomas Thät

Eine Verein Kulturpolizei i. Gr. - Produktion
Geschäftsführung: Peter Kern
Produktionsdurchführung: Theater Kulturpolizei, im gemeinnützigen Auftrag

Regie: Peter Kern
Regieassistenz: Wilma Calisir
2. Regieassistent: Josef Prenner
Bühnenbild & Kostüm: Peter Baur, Jakob Neulinger
Bühnenbildassistent: Waltraud Brauner
Schlagzeug: Toomas Täht
Toningenieur: Baltasar Fischer
Gitarre: Miroslav Mirosavljev
Fotografin: Caroline Heider
Grafik, Flyer, Plakat: Elisabeth Laimer
Presse CD/Programm CD: Wolfgang Makula
Pressearbeit: Mag. Bina Köppl

“Liebesgesänge”, zu sehen von 29.08. bis 08.09. und 19.09. bis 23.09.06. Ticketreservierungen direkt auf der Homepage von dieTheater.

New York: Bühne frei für »The Fartist«

Joseph Pujol
Für alle, die schon Urinetown als Titel für ein Musical etwas merkwürdig fanden, und dann mit der deutschen Übersetzung Pinkelstadt ihre ärgsten Befürchtungen bestätigt sahen, gibt es eine gute/schlechte Nachricht: Man kann alles toppen.
Am 1. Juni 1857 wurde Joseph Pujol geboren. In die Theatergeschichte ist er unter seinem Künstlernamen »Le Pà©tomaneq eingegangen. Der Name leitet sich von dem französischen Verb pà©ter (furzen) ab. Bereits in seiner Jugend entdeckte Pujol sein Talent, durch Kontrolle seines Darmschließmuskels Luft anzusaugen, in Form geruchsfreier Darmgeräusche wieder auszustoßen und dabei die Tonhöhe zu modulieren, wobei er später bei seinen Bühnenauftritten auch einen Schlauch einsetzte oder Blasinstrumente mit dem Hintern spielte. Sein erstaunliches Repertoire umfasste populäre Melodien wie das Kinderlied »Au clair de la lune« oder »Le bon roi Dagobert«, die Imitation von Musikinstrumenten wie der Tuba bis hin zu einer eigenen Improvisation über die Geräuschkulisse des Erdbebens in San Francisco von 1906.
Beim diesjährigen New Yorker Fringe Festival feiert am 11. August im Harry de Jur Playhouse ein Musical über das Leben von Joseph Pujol unter dem Titel »The Fartist« seine Uraufführung. Charlie Schulman zeichnet für das Buch verantwortlich, Michael Roberts für Musik und Texte. Unter der Regie von John Gould Rubin sind Kevin Kraft (The Fartist), Mark Baker (Toulouse Lautrec), Jim Corti (Charles Zidler), Rebecca Kupka (Elizabeth), Lyn Philistine (La Goulue) und Nick Wyman (Aristide Bruant) sowie Molly Curry, Tom Gamblin, Rachel Kopf, Lindsay Northen, Charly Seamon und Steven Scott zu sehen.

Wer braucht schon das Wiener Off-Theater?

Theater haben es nicht leicht in der Ära Schüssel und ihrem ausführenden Organ, Kunststaatssekretär Franz Morak. Früher mal, früher mal, da war Franz Morak Schauspieler, Rebell, ein Rockstar, den man vor allem als “Ich möchte Rockstar sein (bins aber nich)” wahrgenommen hat, heute ist er ausführendes Organ einer politischen Partei.

Anno dazumal sang Franz Morak in “Sieger sehen anders aus“:

“Es ist ihr Spiel, sie sind am Drücker, und du wirst es nicht überstehn. Sie lassen dir nicht eine Chance,und bedienen dich extrem. Sie setzen hoch, sie schlagen tief. Und keiner kommt da raus. Nur ich hab sie gesehn, und ich weiß genau: Sieger sehen anders aus!”

In diesen Tagen hat das ausführende Organ eine für die Wiener Off-Theater-Szene folgenschwere Entscheidung getroffen: Fördersummen des Bundes wurden zum Teil völlig gestrichen. Das Odeon beispielsweise wurde bisher mit jährlich 160.000 Euro unterstützt. Nun wurde beschlossen, diese Fördersumme zu kürzen, auf exakt 0 Euro (Kosmos Theater: minus 184.000 Euro/ dietheater: minus 93.000 Euro / Ensembletheater: minus 135.000 Euro / Schauspielhaus: minus 36.000 Euro). Man mag ja zu staatlich geförderter Kunst stehen, wie man will, aber es hat etwas Kafkaeskes, wenn aufgrund eines “Kontrollamtsberichts” ein hochambitioniertes Theaterprojekt “gekillt” wird. Die Off-Theater-Szene ist kein Kunstbereich, in dem es viel zu verdienen gibt. Wer da wirkt, will etwas bewirken, auch wenn er keine nennenswerten Gagen einstreifen kann. Man sollte doch ein wenig mehr Achtung vor der Kunst haben und nicht wie ein Schlachter mit einer Sau umgehen und beschließen: So, heut bist dran. Sag doch einer mal dem Direktor der Wiener Staatsoper, dass er ab nächstem Jahr 100.000 Euro weniger zur Verfügung hat, er würde glatt seinen Spielplan für das Jahr 2020 umwerfen müssen.

Der Bund, so Morak vor einiger Zeit, wolle Wiener Kulturinstitutionen weniger fördern. Weniger Geld von der ÖVP-Regierung an die von der SPÖ regierte Stadt, so der Hintergrund. Auf der Strecke bleibt: die Kunst.

Dass nicht genug Geld da ist, daran kanns nicht liegen. Medienwirksam wurde in den vergangenen Tagen die bröckelnde Fassade der Volksoper präsentiert. Kostenpunkt der Renovierung: über eine Million Euro. Noch medienwirksamer wurde die Misere des Volkstheaters ans Tageslicht befördert. Hier hat Direktor Schottenberg einen Mehrbedarf von 3 Millionen erkennen lassen. Bei manchen Stücken beträgt die Auslastung im Wiener Volkstheater um die 50 Prozent und weniger - und dennoch schreit niemand wirklich auf. Schottenberg ist anerkannt, hat einen Namen. Wie ungleich leichter ist es da, einem Odeon einfach alle Fördergelder zu streichen. Selbst wenn da wer schreit, wen juckts? Renovieren wir die Volksoper, kaufen wir dem Volkstheater einen neuen Stern, verpassen wir dem Theater an der Wien noch eine neue Eingangstür, wer braucht schon das Wiener Off-Theater.

Der Name von Tron und Retten Sie den Stephansdom, Schlingensief

Lustig ist es ja derzeit in der schönen neuen Medienwelt. Ein digitales Nachschlagewerk wird geschlossen, weil darin der Name Boris Floricic verankert ist, also der Realname jenes Hackers, der als “Tron” durch das verpixelte Paralleluniversum geistert, wobei Paralleluniversum, das ist auch so eine Sache. Halten wir uns an Schlingensief, der derzeit im Wiener Burgtheater predigt und die Meinung vertritt, dass es aus der Sicht des Paralleluniversums selbst kein Paralleluniversum gibt, weil sich jedes Universum als das absolute Universum begreift. “Bekennen wir uns zur Scheisse”, das ist das Motto des Projektkünstlers, der aus einer Mischung aus Dreck, digitaler High-Tech-Kulisse, gepaart mit Low-Tech-Verarbeitung, Lärm, begeistert mitmachenden Künstlern und ein paar weiteren geheimen Ingredienzien einen orgiastischen 5,5-D-Jahrmarkt in den Zuschauerraum und auf die Bühne des Burgtheaters verpflanzt hat. Ganz ernsthaft erläutert Schlingensief in Vorträgen sein Konzept, um es dazwischen immer wieder aufzubrechen und mit Genuss der Lächerlichkeit preiszugeben, unverbindliche Kunst, running arts, das serviert er den “Zuschauern”, die in die Burg kommen. Jeder darf nehmen, soviel er will, was er will, was er verträgt. Wer davon das Kotzen bekommt, selbst schuld, hier gibt es keine 3 Akte, kein perfekt geformtes Menü, das runtergeht wie warme Milch, hier ist jeder selbst aufgefordert, zu entscheiden, welchen Batzen an Performance er verschlingen will. Schlingensief ernst zu nehmen wäre vielleicht ein Fehler, aber was kann man derzeit schon ernst nehmen. Fünf Bilder von Gustav Klimt, die Österreich nicht rechtmäßig in Besitz hat und daher der rechtmäßigen Besitzerin retournieren muss, sind der Republik zu teuer, um sie zurückzukaufen. Man suche Sponsoren, heißt es. Rettet Klimt versus Rettet den Stephansdom, wird es vielleicht bald heißen. Und so wie alle paar Monate Schüler durch Wien laufen, um für den Stephansdom Spenden zu sammeln, wird vielleicht auch bald eine Spendenaktion für Klimt durchgeführt. Rettet unseren Fremdenverkehr. Wir haben ja sonst nichts. Außer vielleicht die Sängerknaben, die in den abgebrannten Sofiensälen vielleicht einmal einen neuen Proberaum finden werden, oder auch nicht, denn diesbezügliche Pläne wurden bereits wieder dementiert. Die Bundesregierung sollte Schlingensief engagieren, nein, sie sollte ihm ein Ministerium schaffen, der Mann hat wenigstens Ideen. Für den Stephansdom wird ihm was einfallen, und für Klimt, mein Gott, fragt ihn, redet mit ihm, wenn ihr schon mit der rechtmäßigen Besitzerin der Bilder nicht reden wolltet. Österreich braucht Schlingensief. Und gebt ihm um Himmels Willen das Theater an der Wien als Ministerium der Träume, es wird ohnedies an mehr als 264 Tagen nicht gebraucht.

“Best of 2005″ da capo

Und noch ein kleiner Nachschlag zum Thema Bestenlisten. Diesmal die Theater Top-10-Listen von bekannten US-Zeitschriften und -Magazinen.

TIME
01. PRIVATE FEARS IN PUBLIC PLACES, by Alan Ayckbourn
02. KA, written and directed by Robert Lepage
03. THE LAST DAYS OF JUDAS ISCARIOT, by Stephen Adly Guiggis
04. THE WOMAN IN WHITE, book by Charlotte Jones, music by Andrew Lloyd Webber, lyrics by David Zippel
05. THE PILLOWMAN, by Martin McDonagh
06. SEASCAPE, by Edward Albee
07. THE 35TH ANNUAL PIUTNAM COUNTY SPELLING BEE, book by Rachel Sheinkin, songs by William Finn
08. MISS WITHERSPOON, by Chistopher Durang
09. ORSON’S SHADOW, by Austin Pendleton
10. DARLING OF THE DAY, by Jule Styne and E.Y. Harburg, and IT’S A WONDERFUL LIFE, by Joe Raposo and Sheldon Harnick, in concert revivals

THE DAILY NEWS Top 10 (alphabetisch)(Howard Kissel)
Boozy
Doubt
Jersey Boys
The Light in the Piazza
Moonlight and Magnolias
Private Fears in Public Places
Souvenir
The Trip to Bountiful
Walking Down Broadway
Who’s Afraid of Virginia Woolf?

NEW JERSEY STAR-LEDGER (Michael Sommers)
01. Dirty Rotten Scoundrels
02. Drumstruck
03. In the Continuum
04. Jersey Boys
05. The Light in the Piazza
06. Private Fears in Public Places
07. Romance
08. See What I Wanna See
09. The 25th Annual Putnam County Spelling Bee
10. Who’s Afraid of Virginia Woolf?

ENTERTAINMENT WEEKLY
BEST:
01. Sweeney Todd
02. Who’s Afraid of Virginia Woolf?
03. The Last Days of Judas Iscariot
04. Orson’s Shadow
05. Glengarry Glen Ross
06. The Pillowman
07. Jersey Boys
08. The 25th Annual Putnam County Spelling Bee
09. After Ashley
10. The Ruby Sunrise

WORST:
01. In My Life
02. Lennon
03. The Blonde in the Thunderbird

NEWSDAY (Linda Winer)
01. Glengarry Glen Ross
02. Spamalot
03. Sweeney Todd
04. The Pillowman
05. Third
06. Seascape
07. Miss Witherspoon
08. In the Continuum
09. See What I Wanna See
10. Movin’ Out

THE NEW YORK TIMES (Ben Brantley)
“Dream Teams”
Glengarry Glen Ross
Hurlyburly
Spirit
Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street
Who’s Afraid of Virginia Woolf?

“CELESTIAL STAR TURNS”
Victoria Clark in Light In The Piazza
Rebecca Hall in As You Like It
Antony Sher in Primo
Lois Smith in A Trip To Bountiful
John Lloyd Young in Jersey Boys

Das Theater an der Wien - ein Nachruf

Foto: © Martin Bruny
Der 10. Dezember 2005 bedeutete das Aus für die Kunstform Musical im Theater an der Wien. Um 19:30 Uhr dieses Tages hob sich noch ein letztes Mal der Vorhang für “Musical Christmas”. Der Orchestergraben war schon geräumt, faserfrei präsentierte sich die gähnende Leere. Das Orchester der Vereinigten Bühnen Wien war ja, wie immer bei den Weihnachtskonzerten, auf der Bühne platziert. Der Eingangsbereich zum Theater - eine Baustelle. Schnell schnell muss man den Eingangsbereich für W. A. Mozart umgestalten. Ka schöne Leich.
Es ist müßig, all die Musicalproduktionen des Theaterhauses aufzulisten, es ist müßig, darauf hinzuweisen, dass das Haus immer geprägt war von einem gesunden Wechsel von Schauspiel, Oper, später Operette und Musical, nun wird das Theater an der Wien geschlossen, und nur fallweise, ca. 100 Mal im Jahr, für den Monokultur-Opernbetrieb geöffnet. Die Kartenpreise werden in manchen Kategorien mehr als verdoppelt, der Pool an potentiellem Publikum verengt sich auf die Staatsopern-Klientel, die nun einen zusätzlichen Opernabend pro Jahr einplanen darf.
Es stellt sich allerdings die Frage nach dem Sinn. Wo steckt der Sinn dahinter, ein täglich ausverkauftes Haus umzuwidmen? Macht es Sinn, ein technisch bestens ausgerüstetes Haus downzugraden auf den “Opernbedarf”? Macht es Sinn, ein Jahr lang nur Mozart aufzuführen, den armen Kerl endgültig zu Tode zu spielen? Macht es Sinn, ein gut gehendes Musicalhaus umzuwidmen ohne zu versuchen, die entsetzlich schlecht funktionierende Volksoper auf Vordermann zu bringen. Macht es also Sinn, in Wien ein zusätzliches Opernhaus zu installieren, wenn eines der bestehenden ohnedies so gar nicht funktioniert? Fragen über Fragen … Antworten sind müßig, denn das Ergebnis ist keine Folge von logischen Überlegungen. Lassen wir es dabei bewenden.
Musical am Theater an der Wien - das ist eine Geschichte von großen Momenten und so manch vergebener Chance. Nehmen wir Freudiana, die erste große Eigenproduktion der Vereinigten Bühnen Wien, als Angel- und Endpunkt. Was für ein wunderbarer Score, was für herrliche Lieder - eines der meist unterschätztesten Musicals, die je im Theater an der Wien gespielt wurden. Ein Revival ist längst überfällig, eine baldige konzertante Aufführung ein Muss. “Don’t let the moment pass” mag hier als letzter Tribut an das Theater an der Wien als Musicalhaus stehen. Auf Wiedersehen!

This golden day will be mine
For every moment in time
If time should lose her way

A symphony in the night
Of stars that dance in the light
And music far away

They say that love is but a dance
Don’t let the music fade away
Don’t let the moment pass

Without a reason or rhyme
The sweet bouquet of the wine
Will vanish in the air

The innocence of the rose
She leaves where ever she goes
That all the world may share

Some days when clouds are drifting by
I open my eyes to watch them go
And wonder where they fly

Some nights Orion runs too fast
I look to the stars as if to say
Don’t let the moment pass

But soon a golden age is past
Just when it seemed that miracles
Where not too much to ask

And though the world may turn too fast
If it should seem like paradise
Don’t let the moment pass
[Eric Woolfson/Lida Winiewicz und Brian Brolly]

Verkaufts mei Gwand, i fohr in Himmel oder die “Elisabeth”-Pseudo-Derniere

Dernieren sind für Theaterfans etwas ganz Besonderes. Das gilt nicht nur für das Musical, sondern auch für das Sprechtheater, für das Theater allgemein. In Dernieren, das ist bekannt, findet man zu einem Großteil Theaterverrückte, die die betreffende Produktion viele Male, oft Hunderte Male, gesehen haben. Es ist ein Abschied, der mit Begeisterung gefeiert wird und immer in Wehmut endet, und ja, geweint wird bei Dernieren nicht selten, sowohl auf der Bühne als auch im Publikum. Es ist zu einem großen Anteil ein Haufen Irrer, der sich noch einmal versammelt, um gemeinsam die Magie zu erleben, ein Haufen Kunst- und Kulturbegeisterter, der noch einmal zur Gefühlskulisse wird, ohne die die Kulissen der Bühne nur ein Haufen Pappmachà© und Metall blieben.
Gelten Premieren oft als Schickimicki-Events, für die man Prominenz braucht, um in die Schlagzeilen zu kommen, ist das bei Dernieren nicht wirklich der Fall. Hier ist alles gelaufen; sicher, Artikel in der Presse sind immer von Vorteil, aber Kartenvorverkauf muss keiner mehr angekurbelt werden. Namen von Promis sind nicht mehr nötig, um in irgendwelchen Klatschkolumnen Erwähnung zu finden. Es ist ein Abschiedsfest, bei dem man gemeinsam einer doch schönen Zeit “gedenkt”.
Anders im Fall von “Elisabeth”. Hier legt der Veranstalter scheinbar Wert darauf, zur Derniere am 4. Dezember 2005 Prominenz ins Theater an der Wien zu laden und, so vermutet man, große Kartenkontingente en gros & exklusiv zu verkaufen. Der allgemeine Kartenvorverkauf für die letzte Vorstellung von “Elisabeth” wurde nie eröffnet, die Show wurde vielmehr zur “Geschlossenen Veranstaltung” erklärt. Das kann man ganz nüchtern sehen, und vermutlich hat sich der für diese Entscheidung Verantwortliche etwas dabei gedacht. Vielleicht ist es aus buchhalterischen Gründen und zum Wohle des Geschäftsjahrs nötig, Gewinn zu lukrieren, wo es auch nur möglich ist.
Man kann das Ganze auch ein wenig weniger nüchtern sehen, man kann auch die Meinung vertreten, dass hier den Fans die Derniere geraubt wird. Natürlich ist das mit “Fans” immer so eine Sache. Mal liebt man sie, mal würde man sie am liebsten auf den Mond schießen. So manche Show wurde von allzu mitgerissenen Fans zur Farce zerschrien und zerjubelt, von den Exzessen und Gelagen am Bühnentürl gar nicht zu reden. Aber andererseits: Was wären Musicals ohne die hysterischen, ehthusiasmierten Musicalfans, die auch dann für Stimmung sorgen, wenn der Altersdurchschnitt im Saal bei 66 und das Stimmungsbarometer bei “Gähn” liegt. Natürlich verdient man nicht mit Leuten, die um 2,5 Euro die Stehplätze belagern, aber andererseits, wie ätzend leer ist ein Theater, wenn die “Fans” mal nicht da sind.
Ich muss gestehen, ich habe kein Verständnis für das Phänomen “Dernierenraub”. Ich habe keine Lust, um billige Restkarten zu betteln und dann in der Vorstellung zusehen zu müssen, wie in den ersten Reihen Baumeister einschlafen, Direktoren anderer Theater angewidert die Mundwinkel nach unten verziehen und Starlets sich bei ihren Begleitungen erkundigen, wer denn die arme Frau in Weiß eigentlich sei.
“Elisabeth” wird als das Musical in Wiens Theatergeschichte eingehen, das keine Derniere hatte. Das mag traurig sein, aber vielleicht passt es zur Story, denn auch der Habsburgerin blieb keine Zeit, in Würde Abschied von dieser Welt zu nehmen.

Wiens Theaterszene vor dem Kollaps?

Wiens Theaterszene hat in den letzten Jahren zunehmend mit schwerwiegenden Existenzsorgen zu kämpfen. In Zeiten immer knapper ausfallender Budgets werden die Prioritäten der jeweiligen Verantwortlichen klar ersichtlich. Meldungen wie jene der eventuell bevorstehenden Schließung des Vindobona und der wieder aufflammenden Probleme des Akzent sprechen eine deutliche Sprache. Einige Theater haben sich nun zusammengeschlossen in ihrem Kampf ums Überleben. Den für dieses Desaster politisch Verantwortlichen wird dies wohl egal sein. Lieber sperren sie de facto das Theater an der Wien zu (87 Vorstellungen pro Jahr sind völlig inakzeptabel und eine völlige Unfähigkeitsbescheinigung des zuständigen Planers) und investieren in einen nur durch diese Schließung nötigen Unmbau des Ronacher. Die Lösung liegt auf der Hand: sofortiger Stopp der Pläne, das Theater an der Wien in ein Opernhaus umzuwandeln, Stopp des Umbaus des Ronacher und Investition in die so wichtige Theaterszene.

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