Martin Bruny am Dienstag, den
6. Oktober 2009 um 10:53 · gespeichert in Musical, Wien, 2009
Tanz der Vampire, Ronacher, 5. Oktober 2009
Graf von Krolock: Thomas Borchert
Professor Abronsius: Gernot Kranner
Alfred: Sebastian Smulders
Sarah: Barbara Obermeier
Chagall: Jamas Sbano
Rebecca: Katharina Dorian
Magda: Maike Katrin Schmidt
Herbert: Marc Liebisch
Koukol: Thomas Weissengruber
Gesangsensemble
Cornelia Braun, Esther Mink, Dà³ra Strà³bel, Marianne Tarnowskij, Christina van Leyen, Alexander diCapri (Carpe Noctem, Solo 2), Sven Fliege (Carpe Noctem, Solo 1), Kai Hüsgen, Kevin Perry, Martin Planz
Tanzensemble
Daniela Harbauer, Christa Helige, Marcella Morelli (Rote Stiefel Tanzsolo), Jennifer Pöll, Susan Ten Harmsen, Nick Fleuren, Ivo Giacomozzi, Csaba Nagy (Schwarzer Vampir Tanzsolo), Gernot Romic (Weißer Vampir Tanzsolo), Florian Theiler
Swings
Nina Weiss, Jerome Knols
Dirigent
Caspar Richter
Wenn man das Gefühl hat, der Obervampir von “Tanz der Vampire” sei bei einer österreichischen Komikertruppe in die Lehre gegangen, dann - nun zumindest würde dann das ansonsten völlig sinnfreie Schlussbild (das wohl ein Bild von Wien sein soll) der “neuen Wiener Fassung” von Roman Polanskis Erfolgsmusical Sinn machen. Krolock, verkörpert von Thomas Borchert, wirkt wie eine Spinne an Fäden, die nicht er, sondern andere ziehen, wie eine Marionette der Mascheks, die mit ihrer Puppen-/Marionettensatire “Bei Faymann” derzeit für volle Häuser sorgen. So ist man also “Bei Krolock” zu Gast.
Und eigentlich ist es kaum zu glauben, dass man hier einen Darsteller erlebt, der die Rolle schon so viele Jahre spielt. Was würde Samy Molcho dazu sagen, wie hier mit Gestik derart outriert wird, dass man Mühe hat, nicht lauthals vor Lachen loszubrüllen. Wie soll man sich die Probenarbeit da vorstellen? Hat man Thomas Borchert die Winkel für seine Armstellungen in Graden angegeben: “45 Grad Thomas, jetzt 67 Grad, bitte konzentrier dich, das ist jetzt wichtig, danach kommt ein schwungvolles 90 Grad und ein Legato von 46 zu 67 Grad mit Mantelwurf.” Genau so wirkt das. Es ist, als hätte der Darsteller zwei Arme, die nicht zu seinem Körper gehörten. Und auch sein Gang, wie er in den Saal kommt, wie er seinen Abgang von der Bühne zelebriert, das hat etwas völlig Unnatürliches. Zepperlt er da unter seinem Mäntelchen mit ganz kleinen Schritten, damit es so wirkt, als würde er schweben? Krolock ist ja kein UFO, Mann, er darf ruhig auch mal gehen, einfach GEHEN.
Fairerweise muss man sagen, dass man “Tanz der Vampire” heutzutage immer für zwei Zielgruppen rezensieren müsste. Einmal für alle jene, die Steve Barton in der Rolle des Krolock erlebt haben, und einmal für alle anderen. Aber trotzdem, wenn “Tot zu sein ist komisch” das Highlight der Show ist (in der Rolle der Magda die ganz wunderbare Maike Katrin Schmidt mit kraftvoller Stimme), dann stimmt etwas nicht. Nicht, weil das etwa ein schlechter Song ist, sondern weil die Essenz von “Tanz der Vampire” in den Soli von Krolock oder meinetwegen im einen oder anderen Lied von Alfred liegen müsste. Ich kann alle verstehen, die meinen, dass Thomas Borchert heute einer der besten Darsteller in dieser Rolle ist. Er singt keinen falschen Ton, er hat Bühnenpräsenz, er spielt effektvoll. Großes Kompliment.
Wenn man aber seine Stimme mit der von Steve Barton vergleichen würde, und das wird jeder machen, der Steve Barton jemals erlebt hat, dann ist das wie, eine platte Metapher, der Wien-Fluss im Vergleich zum Indischen Ozean. In den Höhen, in den Tiefen, im Ausdruck - Steve Barton ließ bei seinen Soli die Zeit still stehen und packte das Publikum. Das waren die Momente, das war maximaler Gänsehautfaktor, das waren die Szenen, weswegen sich die Leute “Tanz der Vampire” nicht nur einmal, sondern mehrere Male angesehen haben. Vielleicht ist Thomas Borchert der Graf der neuen Generation und es reicht, so zu agieren und zu singen, gut für ihn, aber es ist von der Power, dem Gefühl, den leisen Zwischentönen, den ganz kleinen Gesten, dem Körpereinsatz, der Energie Bartons nur ein Bruchteil im Spiel des Thomas Borchert vorhanden. Aber das Publikum jubelt, und das Publikum hat immer recht. Und das ist gut so.
Sebastian Smulders als Alfred hat, wenn man von dem ausgeht, was er in der besuchten Vorstellung gezeigt hat, eine zu kleine Stimme für die Rolle. Man kann bei den Songs von Alfred in den Tiefen schöne Nuancen zeigen, oder kraftvolle Höhen demonstrieren, wenn man allerdings einfach nur unauffällig singt, könnte man meinen, dass das selbst für eine Zweitbesetzung ein wenig wenig ist. Da hilft es auch nicht viel, dass das Schauspiel Smulders recht natürlich wirkt, weniger übertrieben als es die meisten Alfred-Darsteller anlegen.
Barbara Obermeier ist eine entzückende Sarah mit kraftvoller Stimme, die durchaus in der Lage ist, Thomas Borchert stimmlich Paroli zu bieten, ohne ins Schreien zu verfallen. Eine hervorragende Zweitbesetzung von einer Darstellerin, die sobald wie möglich ein Engagement in einer großen Produktion als Erstbesetzung bekommen müsste.
Ein Alptraum: das Alptraumsolo. Meine Herren. Ich habe schon viele Carpe-Noctem-Soli gehört, aber derart präzise daneben war noch keines. Kein Ton getroffen, das ist in diesem Fall keine Übertreibung, sondern Beschreibung einer Misere, die die Vereinigten Bühnen Wien so rasch wie möglich lösen sollten, denn da könnte man glatt auf die Idee kommen, sein Geld zurückzufordern.
Völlig in seinem Element: Gernot Kranner als Professor Abronsius. Souverän, witzig, … man mag hier jeden beliebigen Superlativ einsetzen, er war der Star dieses Abends. Dass man im Ronacher seine Texte nicht mehr so gut versteht wie seinerzeit im Raimund Theater, mag eifrige Ronacher-Besucher nicht überraschen. Die Tonanlage ist ein Witz, und ein schlechter Gag ist die Ansage der VBW, den Sound für “Tanz der Vampire” verbessert zu haben. Links und rechts hat man wohl so etwas wie akustische Pinwände aufgeklebt, aber eine aktive Soundverbesserung gab es wohl kaum. Dafür ergäbe sich aufgrund dieser Tatsache ein unerwartetes neues Einsparungspotential: Da man die Streicher des Orchesters im Matschsoundteppich der Tonanlage sowieso nicht hört, könnte man sie ja ganz streichen.
Souverän James Sbano als Chagall. Ob nun die Rebecca tatsächlich eine gute Rolle für Katharina Dorian ist, soll dahingestellt bleiben. Marc Liebisch als schwuler Herbert - große Stimme, derb angelegt, kann man durchaus so gut finden. Absolut grauslich sein, war es magentafarben, Kostüm. Wobei das Update bei den Kostümen sonst durchaus gelungen ist. Lack und Leder und ein paar schwarze Sonnenbrillen am Ende, schön schön.
Das Bühnenbild führt den Besuchern vor allem die wahre Kleinheit der Ronacher-Bühne vor Augen. Damit man halbwegs einen koordinierten Ablauf zusammenbekommt, sind allerlei Drehelemente entwickelt worden. Die Projektionen (Schnee, Schloss etc.) sind, zumindest vom Parkett aus, stimmig. Die hautenge Treppe im Ballsaal wirkt wie klappriges Lego. Wenn Borchert da oben stehend losrockte, das wacklig wirkende Ding würde ihn wohl einfach abwerfen.
Der lächerlichste Moment des Abends. In jener Reihe, in der zufällig auch ich saß, schrieb ein Mitarbeiter des Hauses, wir wollen seinen Namen mal nicht erwähnen, Kommentare zu einzelnen Szenen mit. Das ist auch durchaus sinnvoll und gut so. Die Show ist vorbei, Schlussapplaus - und plötzlich stürmt eben jener Mitarbeiter, wie von einer Tarantel in den Allerwertesten gestochen, vier Reihen nach vorne und gestikuliert wild herum. Hat es doch tatsächlich ein Tourist gewagt, beim Schlussapplaus zu fotografieren. Das ist einfach nur mehr lächerlich. Und ich kenne sämtliche Einwände, die es gegen Bilder der Applausszenen geben mag, angefangen vom störenden (in diesem Fall nicht vorhandenen) Blitzlicht bis hin zu Rechten, die man verletzen würde, wenn man es denn gestatten würde. Und? Dann kümmert man sich eben um die Rechte. Fotos vom Schlussapplaus sind beste Werbung für das Stück. Und wenn sich ein Japaner aus Reihe zwölf oder elf mit seiner Handykamera ein paar Momentaufnahmen mit nach Hause nehmen möchte, ist das ein Grund, in Panik zu verfallen und wie ein Berserker durch den Saal zu stürmen? Was wird man auf den Bildern sehen? Wird er seine ach so tollen Aufnahmen an Glamour oder Playboy verkaufen um teures Geld? Werden die Russen auf das Geheimnis des Make-ups kommen. Gehts noch lächerlicher (abgesehen von den Bademänteln der Billeteure und der Puff-Beleuchtung im Foyer)?
“Tanz der Vampire”, wir habens also wieder. Es ist ein großer Publikumserfolg. Demnächst mal mehr zu anderen Erstbesetzungen (Alfred, Sarah), Orchestrierung etc.
Martin Bruny am Freitag, den
24. Juli 2009 um 22:32 · gespeichert in Musical, 2009
Ich bin ja kein großer Freund von dem, was man “Sommertheater” nennt. Nicht, weil die Produktionen unbedingt so schlecht wären, nein nein, das Ganze findet nur eben meistens im - Sommer statt, bei Sonne, hohen Temperaturen, hoher Luftfeuchtigkeit … all das begeistert viele “Sommermenschen”, und als deren genaues Gegenteil wäre ich ganz bestimmt ein begeisterter Besucher aller Wintertheater, nur gibt es da nicht allzu viel, was man direkt mit dem, was man so allgemein als “Sommertheater” bezeichnet, vergleichen könnte. Ein sogenanntes “Wintertheater” existiert zwar tatsächlich, beispielsweise das “Wintertheater Freilichtbühne Herdringen”, aber viel mehr davon müsste es geben. Ein Thrillermusical im verschneiten Prater, das wärs doch, oder eine verzweifelte Vampirliebe in den Katakomben Wiens?
Wie auch immer, glückliche Umstände und ein rasanter Autolenker (Gutenstein-Wien in 34 Minuten!) verhalfen mir dieser Tage zu einem Besuch der “Festspiele Gutenstein”, wo seit dem 2. Juli und noch bis 9. August gespielt wird. Im nun zweiten Jahr dieser neuen Festspiele, die die “Raimundspiele Gutenstein” abgelöst haben, steht wie im Vorjahr (”Tutanchamun”) eine Uraufführung” auf dem Programm, nämlich “Gustav Klimt”.
“Gustav Klimt”, das Musical, erzählt zum einem Gutteil die Karriere des Malers aus einer privaten Perpektive im Spiegel seiner Lebensmenschen, sei es nun sein Bruder Ernst Klimt, oder seine diversen Geliebten.
Die Malerei als eigentliches Thema eines Musicals zu nehmen, ist interessant und der spannendste Aspekt dieser Produktion, gleichzeitig aber auch relativ gewagt, vieles müsste man erklären, damit das Publikum, das nicht mit der Biographie des Künstlers vertraut ist, die Zusammenhänge versteht. Bei “Gustav Klimt” werden die Gründe, warum Klimt malte, wie er malte, entweder im Spiegel seiner Konkurrenten, Kontrahenten und Partner gezeigt oder es wird versucht, dies durch eine speziell eingeführte Kunstfigur, genannt “Genius”, zu vermitteln, auf die wir noch zu sprechen kommen.
Viele Zuschauer kommen sicher tatsächlich mit der Erwartung in die Show, etwas über die Beweggründe zu erfahren, die Klimt dazu gebracht haben, seine bekanntesten Werke zu schaffen. Ob sie diesbezüglich befriedigt die Vorstellung verlassen, ist die Frage. Woher beziehen die Besucher am Ende die Hauptinformationen über den Künstler und Menschen Klimt. Ist es die Musik, sind es die Texte und Dialoge? Vermutlich bleibt nicht viel mehr hängen als ein optischer Eindruck. Denn rein optisch hat die Show einige starke Momente. Vor allem im zweiten Akt werden Bilderlandschaften, komponiert aus den bekannten Werken Klimts, auf Vorhänge und Bühnenwände projiziert, die optisch beeindrucken. Nicht alles ist diesbezüglich geglückt, denn wie es bei Lichtspielen so ist: wo viel Licht, ist auch viel Schatten, und in den wirft man die Darsteller im zweiten Akt bei jedem Schritt, den sie aus dem sehr klein geratenen Lichtspot treten, der für sie gerade noch übrigbleibt, um nicht die Projektionsfestspiele allzu sehr zu stören. Es irritiert manchmal ein wenig, wenn ein Großteil der Darsteller fast im Halbdunkel spielt.
Was die Melodien »Gustav Klimts« betrifft, so kommt man sich bei einigen der Melodiekonstrukten Gerald Gratzers wie beim Tontaubenschießen vor. Wir haben da einige süße kleine Täubchen (Melodien, die hoch in die Luft steigen - könnten), aber wenn es so richtig ans Abheben geht, werden sie abgeknallt, und zwar in diesem Fall vom Komponisten selbst.
Bei Gratzer scheint die Regel zu gelten, dass eine Melodie nicht einfach einfach sein darf, das Prinzip aus einer einfachen Melodie mittels Steigerungen ein schönes Ganzes zu arrangieren, ist für ihn scheinbar tabu. Die meisten der Songs, beispielsweise “Entfesselt und pur”, das Duett von Genius und Gustav, haben durchaus einprägsame Refrains, aber was davor und danach abgeht, zerstört den melodischen Wohlklang und auch gleich jegliche Erinnerung an den Refrain.
Vollends werden die Melodiekonstukte bei der Figur des Genius problematisch. Genius ist in die Show integriert, um quasi die heimlichen oder wahren Beweggründe Klimts für seine Art, Kunst zu leben, durch Tanz und Lieder zum Ausdruck zu bringen. Nicht schlecht wäre es da zum Beispiel gewesen, wenn man die Chance gehabt hätte, Dana Harbauer, die diese Figur tänzerisch wunderschön verkörpert, auch akustisch zu verstehen. Geht aber nicht, weil die Tonanlage in Gutenstein entweder schlecht ist, oder aber vom Tontechnikteam (Tonmeister: Roland Milleret, Erich Fahringer, Tontechnik: Roland Tscherne, Sounddesign: Niki Neuspiel) einfach nicht richtig justiert wurde. Die Stimmen klingen hallig, bahnhofshallenmäßig, extrem schwer verständlich. Gerade bei einem solchen Stück, wo nicht alles selbsterklärend ist wie sagen wir bei ner simplen Vampir-Story, ist es wichtig, die Leute auch akustisch zu verstehen, wenn sie singen.
In Foren wurde die Theorie aufgestellt, dass man auf verschiedenen Plätzen im Zelt unterschiedlich hört. Schlecht! Das ist keine Erklärung, das ist die Beschreibung eines schlechten Istzustands. Meine Sounderlebnisse stammen aus der Gegend des Cercles, also in jener Kategorie, wo dem Theater unter dem Strich am meisten Einnahmen bleiben sollten, folglich sollte auch eine gewisse Priorität des Sounddesigns oder eben der Tontechnik in diesem Bereich liegen. Das geht, beispielsweise mit kleinen Zusatzboxen, keine Frage.
Was bei Genius aber am meisten irritiert: Die Figur ist schon an und für sich sehr abstrakt angelegt, ihr werden sehr abstrakte Texte (so verständlich) in den Mund gelegt, und sie muss beim angesprochenen Lied (”Entfesselt und pur”) teilweise (bis auf den Refrain) sehr abstrakte Melodiefetzen mit extrem hohen, verstörenden Tönen reproduzieren. Dass da das Publikum aussteigt, liegt auf der Hand. Geht man einen Schritt weiter, stellt sich grundsätzlich die Frage, was für einen Vorteil eine Figur wie Genius hat. Im Falle »Gustav Klimt« ist sie eigentlich nur Beiwerk, zierendes und zierliches, durchaus auch bezauberndes Beiwerk, aber nicht mehr. Alle wesentlichen Beweggründe des Malers für seine entscheidenden Karriereschritte lassen sich aus den Interaktionen mit den tatsächlich existierenden Figuren des Stücks ableiten. Hätten sich die Autoren der Show stärker darauf konzentriert, im Realen zu bleiben, und nicht ins Halbmystische, Pseudopsychologische abzugleiten, hätte aus diesem Musical noch wesentlich mehr werden können. Beweggründe eines Malers so zu malen, wie er malt, das lässt sich auch in Solosongs ausdrücken, wofür muss man da mit Krampf ein ballettartiges Element in die Show einbauen?
Und so geht es stil- & arrangementmäßig kunterbunt zu in dieser Show. Da klingt manches fast wie für ein Esoterik-Musical hergrichtet, dann gehts wieder fast discomäßig daher, Walzer und Pop, auch völlig wirr ist die Auswahl der “Instrumente”, wobei man bei den gegebenen akustischen Verhältnissen nicht auszusagen vermag, ob bei der Herstellung des Playback-Bands auch echte Instrumente verwendet wurden oder ob alles aus der guten alten Synthiefabrik gezogen wurde.
Die Songtexte sind zum Teil banal: “Ich bin so frei, ich muss dir sagen, dass ich mich fadisier, und drum verrat ich dir, jetzt und hier, die Kunst ist in Wien ein erschlaffendes Glied”, singt Kolo Moser (Harald Tauber), und man muss in der Musicalgeschichte wohl ziemlich lange suchen, um eine noch abturnendere Metapher zu finden, abgesehen von der extremen Dichte an unnötigen Füllworten, die nur vorhanden sind, um im Takt sprechsingen zu können.
Das größte Problem vieler der Liedtexte ist die Metapherndichte und dadurch eine gewisse Unergiebigkeit an konkreten Aussagen, die man aus den Songs für den Fortgang der Handlung ableiten kann, gekoppelt mit ab und an patscherten Formulierungen, die das Ganze banaler klingen lassen, als es sein müsste. So singt Emilie (Sabine Neibersch, und wohl die ausdrucksstärkste Sängerin des Abends) in ihrem Lied “Wie kann denn Gift so süß sein”: “Wie kann ich hinsehn, wie kann ich wegsehn, was macht dieser Mann mit mir? Weg von hier … Wie die Lust ihn rafft … Wie verwerflich, schert sich nicht um Moral … Will ich auch einmal … Lieber sterb ich. Wie kann denn Gift so süß sein, will ich dieses Feuer spürn. Kann Gift süß sein, könnt ich durch ihn jeden Anstand und Würde verlieren? Will ich sie auch die Freiheit, die er sich einfach nimmt am Körper spürn. Ich will seinen Mund, seine Hände …” Ein Lied mit einem großartigen Refrain, einem nicht sehr geglückten Text und auch hier wieder mit dem Versuch, es durch kompositorische Spielereien etwas “komplizierter” zu gestalten als notwendig.
Dass trotz all der Kritik am Ende der Show nicht das Gefühl entsteht, man habe einen sinnlosen Abend erlebt, liegt zum Teil am optischen Overkill, der im 2. Akt wohl keinen unbeeindruckt lässt, zum anderen liegt es an Darstellern wie Wolter, Bauer, Neibersch und Smolej, die Leben in ein Regiekonzept tragen, das doch ein bisschen mehr auf Wirkung hätte erarbeitet werden sollen. Auch Manuela Gager und Stefan Bischoff bringen ein wenig Schwung als Klimt-Groupies (Serena und August Lederer), letztlich behält man diverse Einzelszenen in guter Erinnerung, aber was fehlt, ist die vereinende, sichtbare Handschrift des Regisseurs, der für die vielberüchtigte Continuity hätte sorgen müssen. Er hätte beispielsweise auch einen Aspekt herausarbeiten müssen, den wohl nur die wenigsten Zuschauer überhaupt mitbekommen: Vom Beginn der Show bis zum Ende erleben wir 37 Jahre im Leben Klimts. Mögen wir doch alle so unscheinbar altern wie die Darsteller in diesem Musical.
In Zeiten wie diesen das allerwichtigste: “Gustav Klimt” ist ein Musical. Es ist keine Nummernrevue der Zillertaler Alpenspätzler oder von Jürgen Drews. Das Thema ist interessant, bei Musik, Texten und Handlung könnte man noch feilen, aber bei welcher Show kann man das nicht. Gutenstein ist bald vielleicht ein kleines niederösterreichisches Idyll, in dem die Kunstform Musical sich noch erhalten konnte, denn auch 2010 wird dort eine Uraufführung stattfinden, während wir in Wien wohl bei Harald Junkeschem Tralalala im musikalischen Gewand eines Kärntner Liedermachers schunkeln - sollen. Aber man muss nicht bei allem dabei sein!
MUSIKLISTE GUSTAV KLIMT
(die in Großbuchstaben geschriebenen Titel sind auf der ab dieser Woche erhältlichen Cast-CD zu hören)
1 OUVERTÜRE
2 »DAS SELBE WIEN – EINE NEUE WELT« - Gustav, Franz, Ernst
3 »ENTFESSELT UND PUR« - Genius, Gustav
4 «WIE LEINWAND UND FARB’« - Ernst, Helene
»Gratulation der Tradition« - Ensemble
5 »DIE KUNST IN WIEN IST WIE EIN ERSCHLAFFENDES GLIED« - Kolo
6 »WIE KANN DENN GIFT SO SÜSS SEIN« - Emilie
Reprise Entfesselt und pur: »Das ist nicht mehr uns’re Welt« - Genius
7 »DEINE WELT« - Gustav, Mizzi
8 »NUR DICH LIEBE ICH WIRKLICH« - Gustav
9 »WIR KÖNNEN ES BESSER« - Emilie, Helene, Gustav, Franz, Ernst, Kolo
Das Versprechen 1 – »Am Totenbett« - Gustav, Ernst
»Der Zorn sticht in dein Herz« - Genius
10 «WARUM NUR†– Gustav
Das Versprechen 2 – »Beim Malen« - Gustav
11 »DER ZEIT IHRE KUNST, DER KUNST IHRE FREIHEIT« – Gustav, Kolo, Genius, Ensemble
12 »WIE GENIAL« - Ensemble, Gustav, Genius
13 »JA, JA« – Serena und August Lederer
14 »SO ZU LIEBEN« – Emilie, Helene
Was wahre Kunst ist, sagen wir! – Die Professoren
15 »NUR BEI DIR« – Gustav, Emilie
16 »OBEN, GANZ OBEN« - Gustav
17 »WIE EIN SCHATTEN IM NEBEL« – Mizzi
»Was verstehst denn du von der Liebe…« – Genius, Gustav, Emilie
18 »IM RAUSCH ALLER SINNE« – Franz, Genius
19 »WEITER, WEITER, JETZT UND IMMER« – Genius, Gustav, Emilie, Ernst, Franz, Mizzi.
20 »MEINE FREIHEIT WARST SCHON IMMER DU« – Gustav, Emilie
Leading Team
Künstlerische Leitung: Ernst Neuspiel
Musik: Gerald Gratzer
Buch/Producer: Niki Neuspiel
Buch/Lyrics/ Regieassistenz: Sissi Gruber
Lyrics: Birgit Nawrata
Regie: Dean Welterlen
Choreografie: Cedric Lee Bradley
Musikalische Einstudierung: Herwig Gratzer
Bühnenbild: Edi Neversal
Kostüm: Uschi Heinzl
Maske: Monika Krestan
Lightdesign: Richard Frank
VORSTELLUNGSTERMINE
Sa. 25. Juli 19:30
So. 26. Juli 18:00 Fam.vorstlg.
Fr. 31. Juli 19:30
Sa. 01. August 19:30
So. 02. August 18:00 Fam.vorstlg.
Fr. 07. August 19:30
Sa. 08. August 19:30
So. 09. August 18:00 Fam.vorstlg.
Martin Bruny am Sonntag, den
19. April 2009 um 01:34 · gespeichert in Theater, 2009
Während die ganze Theaterbranche derzeit in Schutt und Asche geht, über mangelnde Auslastung klagt und parallel die Kartenpreise in Regionen treibt, wo man dann tatsächlich dankend verzichtet, dreht das Kabarett Simpl scheinbar erst so richtig auf. Im Stammhaus in der Wollzeile Karten zu bekommen, ist wie bei der Lotterie. »Leider Nicht«, heißt es immer öfter. Kein Wunder also, dass man kurzerhand ein zweites Standbein geschaffen hat, das zirka 600 Sitzplätze fassende Palais Nowak, ein eigens errichteter Zeltbau in Wien Erdberg, in dem einige Monate bereits »Krawutzi Kaputzi«, die erfolgreichste Wiener Musicalproduktion der letzten Jahre, gelaufen ist und demnächst »Tschüss! Das war der ORF!« an den Start geht – und da das nun ja auch noch nicht alles sein kann, bespielt man ab Herbst noch ein drittes Haus, nämlich das Vindobona. Der genaue Spielplan dafür dürfte in den nächsten Wochen präsentiert werden.
Im Stammhaus, dem Kabarett Simpl, läuft seit vergangenen Oktober und noch bis zum 16. Mai 2009 die neueste Nummernrevue von Michael Niavarani und Albert Schmidleitner: »Ein großes Gwirks«. Genau das ist auch der Titel des musikalischen Intros zur Show. Zum Charts-Hit »New Soul« von Yael Naim schrieb Johannes Glück einen wienerischen Text, mit dem das Ensemble, bestehend aus Angelika Niedetzky, Alexandra Schmid, Christoph Fälbl, Ciro de Luca, Stefan Moser, Bernhard Murg und Thomas Smolej eine quasi sentimental-populärkabarettistische Abhandlung liefert, wie sehr unser aller Leben doch ein ganz ganz großes Gwirks sein kann. Eine von Cedric Lee Bradley nett choreografierte Einstimmung, bei der die Schauspieler als Marionetten stilisiert dem bitterbösen Schicksal ausgeliefert sind.
Auch diesmal, wie schon im letzten Programm, kämpft Bernhard Murg in einer der besten Nummern des Abends mit der Technik. Er hat so sein rechtes Gwirks mit den Passwörtern seines Laptops. Gemeinsam mit Thomas Smolej, der als sein Sohn in dieser Szene zu sehen ist, und Alexandra Schmid als seine Frau liefert Murg eine herrlich komische Parodie eines partiellen Informationszeitalter-Analphabeten, und auch der berühmte Simpl-Dreh am Ende, der den Sketch von der überzeichneten Alltagssituation ins völlig Abstruse kippt, gelingt köstlich. Wutentbrannt springt der Laptop-Gescheiterte auf seinen Sessel, stampft wütend auf und schreit:
»Jetzt reichts aber mit den DEPPERTEN Passwörtern. Jetzt werd ich an Usernamen und a Passwort schreiben, dass da schwindlig wird. So! Username: Schastrommel. Do host deine zwölf Buchstaben. Und weiter geht’s. Passwort: O-A-S-C-H-L-O-C-H-1. Und ENTER. AHA. I bin drin. I BIN DRIN!”
Eine unheimlich komische Nummer, in der alle Schauspieler, sei es Murg, Smolej oder Schmid, herrlich interagieren – und Murgs Rumpelstilzchen-Finale ist wunderbar.
Die gewisse Derbheit, die in den Gags der Simpl-Programme als Grundlinie vorhanden ist, macht die Shows deswegen noch lange nicht vulgär oder primitiv, sie ist vielmehr wie eine Art Unterlage, auf der die Schmähs im besten Fall abgehen wie Lumpi. Jeder Satz ein Lacher, das ist und bleibt das Ziel. Der derbe wienerische Slang ist das kleinste gemeinsame Verbindende aller Simpl-Stammgäste, und wenn die Darsteller hemmungslos Grimassen schneiden und Vokale im Mund zerquetschen, bevor sie sie genüsslich rausmurgeln, dann ist das ein Ergebnis von präzisem Timing und erarbeiteter Gestik.
Ein Lieblingsthema der Simpl-Macher, bei dem man dieses Zermurgeln genüsslich zelebriert, ist unser Lieblingsnachbar, Deutschland. Schick einen Deutschen in ein Wiener Kaffeehaus, film mit, und eigentlich braucht man Pointen dann nur mehr transkribieren. Und genau so einen Fall bietet auch das aktuelle Programm. Bernhard Murg (»Heißen tu ich Hans, rufen dürfen Sie mich ,Lieber Herr Ober‘) als typischer Wiener Ober in einem Kaffeehaus trifft auf das leibhaftige Klischee eines deutschen Pärchens, köstlich in Szene gesetzt von Regisseur Hannes Muik und herrlich gespielt von Thomas Smolej und Alexandra Schmid, die vom Wiener Original nicht bedient, sondern bestenfalls abgefertigt werden. Eine Variante dieser Situation bietet gleich der nächste Sketch, in dem ein Bauern-Pärchen (Bernhard Murg und Angelika Niedetzky) auf zwei Ober der ganz speziellen Sorte (Christoph Fälbl und Ciro de Luca) trifft. Das ist dann die Kür der gutturalen Lautfabrikation, und jeder Satz ein Lacher.
Absurdes hat Hauptsaison im »Gwirks«. So wird in einer Szene eine Leichenfeier zelebriert. Die schene Leich: die Zeitansage (Tel.: 1503), aber auch die Glühbirne und das Plastiksackerl und etliche Straßenbahnen. Die treffende Schlusspointe:
Er: »So ist das mit den Sachen, die ausgedient haben. Was die Gesellschaft nicht mehr braucht, stirbt, so is es.«
Sie: »Jösas, schauns a mal da drüben!«
Er: »Wo denn?«
Sie: »Na da drübn! Da schaufelns das Grab fürn ORF!«
Er: »Na endlich.«
Eine Parodie auf die Landeshauptmänner von Niederösterreich und Wien zeigt, mit wie wenig Mitteln Ciro de Luca und Bernhard Murg Charaktere skizzieren können. Mutierte Murg im letzten Programm zur ehemaligen Gesundheitsministerin Kdolsky, so gibt er diesmal den Wiener Bürgermeister Michael Häupl genauso gekonnt. Und auch de Luca zeigt, wo vor allem seine Talente liegen.
Von den Songs, die im “Gwirks” eingestreut sind, ist “u.s.w.”, ein von Johannes Glück komponiertes und getextetes Lied, das sich mit dem Abkürzungswahn bei Kontaktanzeigen beschäftigt und textmäßig ausschließlich aus Abkürzungen besteht, sicher das gelungenste. Es hat einen leicht sentimentalen Touch, und Angelika Niedetzky und Bernhard Murg interpretieren es grandios. Aber letztendlich erfüllt auch das Rausschmeißer-Lied “Warum san mir Ami a Weh”, in dem nach Simpl-Logik bewiesen wird, warum die USA ein Entwicklungsland sind, ebenfalls von Johannes Glück geschrieben, seinen Zweck. Das Publikum geht danach gut gelaunt nach Hause.
“Ein großes Gwirks” ist wieder ab 27. April und nur noch bis 16. Mai 2009 zu sehen.
Ein großes Gwirks
Eine Kabarettistische Revue
von Michael Niavarani und Albert Schmidleitner
Mit: Angelika Niedetzky, Alexandra Schmid, Christoph Fälbl, Ciro de Luca, Stefan Moser, Bernhard Murg und Thomas Smolej
Martin Bruny am Mittwoch, den
4. März 2009 um 00:35 · gespeichert in Fotos, Theater, 2009
Maya Hakvoorts drittes Soloprogramm (”Maya’s Musical Life”), das am 27. Februar 2009 im stadtTheater Walfischgasse Premiere feierte, sollte es werden, zu dem man nach “Maya Goes Solo” (2005) und “In My Life” (2008) endlich uneingeschränkt gratulieren kann. Und zwar gleich aus mehreren Gründen.
Erstens gibt sie mit der dritten Show ihren Fans das, was die ganz offensichtlich am liebsten haben: Musicalmelodien (”Elisabeth” inklusive) - nicht nur Hits, auch Rareres, gesungen in einer Art und Weise, die erkennen lässt, dass die Künstlerin Musicals tatsächlich auch singen will und ihren Job nicht nur als nervenden Brotberuf empfindet.
Tatsächlich ist es ja so, dass relativ wenige Musicaldarsteller Solokonzerte mit Musicalsongs bestücken. Oft hört man alles andere bei Soloausflügen, angefangen bei Jazz über Rock bis hin zu Metal. Was an und für sich eine tolle Sache ist, zeigt es doch die Bandbreite, die ein Sänger drauf hat, wären da nicht die üblichen Bashings, die bei solchen Gelegenheiten jene Shows abbekommen, mit denen man es zum Publikumsliebling geschafft hat. Da stellt sich dann mitunter die Frage, ob ausgerechnet Musicalfans für Soloexperimente das richtige Publikum sind, und so beginnt der eine oder andere Musicaldarsteller seine Karriere als Soloperformer in Häusern wie dem Theater an der Wien und endet im Akzent, Metropol oder im Cenario vor deutlich minimierter Schar. Bei Maya Hakvoort muss man sich da wohl keine Sorgen machen. Der 20 Jahre umfassende Rückblick auf ihre bisherige Karriere ist ein Hit und wird sein Publikum finden.
Maya Hakvoort bietet zwei Stunden Musicalmelodien aus all jenen Produktionen, in denen sie bis dato mitgespielt hat, angefangen bei der Tournee-Produktion “Jeans” bis zu “High Society”, einer Show, die sie 2008 ins Stadttheater Baden geführt hat. Einen kleinen Ausblick bietet Hakvoort auch auf das Jahr 2010 mit der von Herman van Veen (Text) gemeinsam mit Lori Spee (Musik) geschriebenen Nummer “A child of our own”. Der Song stammt aus dem Musical “The First Lady” und wird nächstes Jahr seine deutschsprachige Erstaufführung im stadtTheater Walfischgasse erleben. Maya Hakvoort wird dabei die Hauptrolle übernehmen und als Produzentin (gemeinsam mit Anita Amersfeld) fungieren. Wer sich für die Songs dieses Musicals interessiert: Im Webshop von Herman van Veen ist “The First Lady” (gesungen von Lori Spee) erhältlich.
Warum ist “Maya’s Musical Life” noch sehenswert? Erstmals lässt sich die Musicaldarstellerin auch von einem kleinen Ensemble unterstützen und bietet damit sechs jungen Musicalschülern der Konservatorium Wien Privatuniversität (Stefan Bleiberschnig, Thomas Dapoz, Sarah Laminger, Martina Lechner, Patrizia Leitsoni und Dustin Peters) die Gelegenheit zu einem öffentlichen Auftritt. Das nützen einige der sechs zu einer echten Talentprobe, anderen wird ihre Performance sicher dazu dienen, einiges feinzujustieren. Maya Hakvoort jedenfalls war die Freude deutlich anzusehen, mit ihren jungen Kollegen auf der Bühne zu stehen.
Weitere Termine von “Maya’s Musical Life”:
Dienstag, 31. März 2009, Beginn: 20 Uhr
stadtTheater walfischgasse, Walfischgasse 4, 1010 Wien
Kartenpreise: zwischen € 23,- und € 38,- (je nach Kategorie)
Tickets erhältlich unter Tel.: 01 / 512 42 00 und www.stadttheater.org
Donnerstag, 14. Mai 2009, Beginn: 20 Uhr
Gloria Theater, Prager Straße 9, 1210 Wien
Kartenpreise: zwischen € 28,- und € 38,- (je nach Kategorie)
Tickets erhältlich unter Tel.: 01 / 278 54 04 und www.gloriatheater.at
Martin Bruny am Montag, den
15. Dezember 2008 um 18:25 · gespeichert in Wien, Theater, 2008
Ein fixer Bestandteil der Weihnachtszeit in Wien ist seit (mittlerweile) vielen Jahren das alljährliche Weihnachtsmusical der Musicalschule, genauer: Tanz-, Gesangs- und Schauspielschule, Performing Center Austria. Junge Talente von 10 bis 19 Jahren erarbeiten, beginnend im Sommer (und noch früher), viele Monate lang Jahr für Jahr eine neue Show rund um das Thema Weihnacht und präsentieren diese dann in den letzten drei Dezemberwochen im Theater Akzent vor praktisch immer restlos ausverkauftem Haus. So auch dieses Jahr, als am 11. Dezember 2008 “XMAS 3″ Premiere feierte.
Die Kids stehen auf der Bühne und erleben eine Weihnachtszeit lang, wie es ist, Showstar zu sein. Nicht alle werden später den Beruf des Darstellers ergreifen, aber das ist auch nicht das primäre Ziel. Bühnenerfahrung gesammelt zu haben, schadet im Berufsleben nie, und für all jene, die sich doch dafür entscheiden, die Bühne als Ziel anzustreben, könnten nicht zuletzt die Shows des Performing Center Austria, an denen sie damals, als sie 10, 11, 12 oder älter waren, mitgewirkt haben, das aussschlaggebende Sprungbrett sein.
Sieht man das so, ist das alljährliche “Xmas-Projekt” eine der Schienen, um sich auf eine professionelle Karriere vorzubereiten. Neben diesem Talenteprojekt bietet das Performing Center Austria auch andere, ähnliche Module für Kinder von 4 bis 18 Jahren, wie die Performing Center Kids, die Performing Youth Company, das Kiddy Contest Tanzensemble und die Performing Talents. Für junge Erwachsene ab 18 Jahren gibt es dann schließlich die professionelle Ausbildung zum Musicaldarsteller (Performing Arts).
Im Laufe der Jahre wurden die XMAS-Shows der Musicalschule immer aufwendiger, man arbeitet mit einem großartigen Techniker-Team zusammen, das ein sehr wirksames, farbenprächtiges Bühnenlicht entwickelt, es werden Filmprojektionen eingesetzt, die Kulissen sind, man könnte sagen comicartig, im Detail sehr witzig - im Rahmen des immer satirisch angelegten Weihnachtsmusicals des Performing Center Austria genau passend. Die Texte leben vom Wortwitz, die Musik von der klugen Auswahl und dem Geschick, Unerwartetes ineinader zu montieren beziehungsweise aufeinander folgen zu lassen, wie beispielsweise in der aktuellen Show eine Sequenz, die aus Stephen Schwartz’s “Pippin” und “Godspell” sowie Michael Jacksons “Thriller” besteht.
Mit “XMAS 3″ beweist das Performing Center Austria auch innerhalb von nur vier Minuten, dass man Andrew Lloyd Webbers “Joseph” durchaus wieder einmal als witzige, durchgeknallte Show auf die Bühne stellen könnte, und nicht wie jüngst in der Stadthalle als langatmiges Stück aus dem 16. Jahrhundert - jedenfalls aus grauer Vorzeit.
Und bewiesen wird auch, was es braucht, damit ein Musical zum Leben erwacht: nämlich Leute, die strahlen, denen man die Lust am Performan auch ansieht, wie beispielsweise einem Lukas Ruziczka, der als Tänzer in dieser Produktion eine Liga für sich ist.
Das Zielpublikum der Weihnachtsshows des Performing Center Austria sind nicht primär die Väter und Mütter (und Onkeln, Tanten, Nichten und Katzen) der Mitwirkenden, und, Gott sei Dank, muss man nicht unter 18 sein, um sich gut zu unterhalten. Alle, die Freude an Tanzshows und Musicals haben, werden ihre “Momente” haben. So zum Beispiel bei einer Szene aus “I love you, you’re perfect, now change”, die herrlich, fast slapstickmäßig daherkommt. Gut gespielt von Nicolas Huart (Vater), Johanna Mucha (Mutter), Max Resch (Toni), Theresa Barborik (Melanie) und Annakathrin Naderer (Sophie), und auch gut in Szene gesetzt (Thomas Augustin: Regie & Lichtdesign)
Der künstlerische Rahmen, in dem die Kids agieren, ist ein absolut professioneller. Die Choreographien stammen von Rita Sereinig und Sabine Arthold, Jeff Frohner hat die Musikalische Leitung. Buch und Liedtexte stammen von Tommy Tatzber, für Bühnenbild & Requisiten zeichnen Sandor Coti und Thomas Poms verantwortlich. Regie führen Thomas Augustin und Thomas Frank.
Eine Liste aller Mitwirkenden bietet das Perfoming Center Austria –> hier. Zu sehen ist “XMAS 3″ noch an folgenden Tagen:
16.12.2008: 10:00 Uhr
18.12.2008: 10:00 Uhr
18.12.2008: 14:00 Uhr
22.12.2008: 10:00 Uhr
22.12.2008: 19:00 Uhr »XMAS 3«
Theater Akzent, Theresianumgasse 18; 1040 Wien
Tickets:
€ 28,- / 24,- / 19,- / 14,-
Kartenbuchung unter Theater Akzent, Theresianumgasse 18; 1040 Wien, Telefon: 01/501 65/3306
Martin Bruny am Freitag, den
12. Dezember 2008 um 02:04 · gespeichert in Fotos, Theater, 2008
Sie müssen sich das so vorstellen. Sie betreten das Wiener ODEON-Theater, diesen herrlichen, großen Saal der ehemaligen Wiener Getreidebörse, im klassizistischen Stil der italienischen Renaissance in den Achtziger-Jahren des 19. Jahrhunderts erbaut, von der Taborstraße - und schrittweise wandern sie in eine andere Sphäre. Abgedroschen, ja, das ist immer im Theater so, dass man abschaltet, sich eine Auszeit vom Alltag nimmt … O. K.! Kennen Sie “Stargate”? Diese Serie, in der es um eine Vorrichtung geht, eine Art Rad, in dessen Mitte ein waberndes, durchlässiges Gel pulsiert, in das die Menschen eintauchen, um so in eine andere Dimension zu gelangen. Eine ähnliche Wirkung können Sie am eigenen Leib verspüren, wenn Sie sich dazu aufraffen, “Treibgut” im Wiener ODEON-Theater zu besuchen. Zwei Stunden lang schwebt man in Musik, und am Ende der Show fühlt man sich - erholt. Es ist nur Musiktheater, und doch von einer ganz eigenen Magie.
Es machte keinen Sinn, hier eine Art Handlung zu skizzieren, denn in “Treibgut” geht es vor allem um eines: pure Musik, um den Wohl-, Ein- und Vielklang von Stimmen. Es mag um vieles andere auch gehen, das Thema ist die Donau, Menschenschicksale zwischen Schwarzwald und Schwarzem Meer, und neben dem musikalischen Part gibt es auch einen schauspielerischen, das kann man trennen, man muss es aber nicht, denn alle Texte, die in “Treibgut” gesungen oder vorgetragen, gesprochen oder geflüstert werden, sind Teil des Gesamtkonzepts Musik. Natürlich wird Literaturkennern einiges geboten, die Zitate aus bekannter und sehr wenig bekannter Literatur sind jedoch auf so kunstvolle Weise verflochten, dass sie ein neues Ganzes ergeben und man nicht unbedingt Literatur studiert haben muss, um die Vorstellung zu genießen.
Der Schauspielteil von “Treibgut” ist, streng genommen, als Collage gebaut aus Tagebüchern und Briefen, Chroniken, Gedichten, Mirakelberichten und Reisebrichten. So steht beispielsweise die britische Romanautorin und Reiseschriftstellerin Frances Trollope in einigen wunderbar gespielten Szenen im Mittelpunkt des Geschehens. Sie hat 1838 ein immens witziges Buch mit dem Titel “Vienna and the Austrians” publiziert (2003 vom Promedia Verlag unter dem Titel “Ein Winter in der Kaiserstadt” neu herausgegeben). Gespielte Zitate aus diesem Buch setzen zu Melancholischem einen ironisch-witzigen Gegenpart.
Die Stimmen, die Michael Schnack (Vokal-Arrangements und Musikalische Leitung) engagiert hat, sind ein Crossover von Oper und Musical, von Klassik und (Musikalischem Unterhaltungs)theater. Diese Stimmen interpretieren Volkslieder in einer Unzahl von Sprachen, angefangen bei Rumänisch, über Jiddisch, Slowakisch, Deutsch, Ungarisch, Tschechisch, Ukrainisch … wenn man alle Sprachen zusammenzählte, man käme auf um die 30.
Michael Schnack hat an “Treibgut” gute sechs Jahre gebastelt, und dass sein Herzblut in der Show steckt, sieht man, wenn man ihn beobachtet, wie er vor, während und nach der Vorstellung praktisch an allen Ecken und Enden gleichzeitig ist. Keine Stelle im riesigen ODEON-Spielsaal, von der aus er nicht entweder halb versteckt oder offen seine Künstler dirigiert, ihnen die Einsätze signalisiert, darüber hinaus singt und spielt er sich die Seele aus dem Leib, richtet Programme, Poster und Postkarten her - und ist dabei noch ansteckend fröhlich. So muss man Theater machen, wenn man begeistern will.
Sie kommen teilweise frisch von der Schauspielschule bzw. Musicalschule, wie beispielsweise Florian Graf (Studio der Erfahrungen von Elfriede Ott) oder Gernot Romic (Performing Arts), sind dabei durchzustarten, wie man es beispielsweise von Max Mayerhofer (Gustav Mahler Konservatorium) erwarten könnte, können teilweise auf Engagements an den ersten Häusern verweisen wie Kaoko Amano (Burgtheater), Eva Maria Neubauer (Theater in der Josefstadt) oder sind bekannt aus Film und Fernsehen - wie Alexander Pschill, der für die Regie verantwortlich zeichnet und mit dieser Produktion sein Regiedebüt gibt. Ein mehr als gelungenes, eine bis in die kleinsten Einzelheiten fein justierte Arbeit, die ständig spannend bleibt. Ein Traum von Farben und Gesang, mit Vokal-Arrangements von Paul Hille und Michael Schnack.
“Treibgut” ist, und das ganz ohne zu übertreiben, eine der sehenswertesten Musiktheaterproduktionen, die in diesem Jahr in Wien Premiere feierten. Zwei Vorstellungen stehen noch am Spielplan: am 16. und 17. Dezember 2008. Wer sich was Gutes tun will im Weihnachtsstress, sollte ins ODEON pilgern. Ticketinfos ->> hier
Leading Team
Regie: Alexander Pschill (Österreich)
Musikalische Leitung: Michael Schnack (USA)
Arrangements: Paul Hille (Deutschland) und Michael Schnack (USA)
Martin Bruny am Montag, den
1. Dezember 2008 um 22:59 · gespeichert in Wien, Fotos, Theater, 2008
Tu Gutes und sing dafür, diesem Motto verschrieben sich am 1. Dezember 2008 Marika Lichter, Uwe Kröger, Ruth Brauer-Kvam, Michael Dangl, die idance company, Herwig Gratzer und drei BackgroundsängerInnen. In den Wiener Kammerspielen traten sie zugunsten der ORF-Spendenaktion “Seitenblicke - Licht ins Dunkel” in Anwesenheit von unter anderem Arik Brauer und Oscar-Preisträger Maximilian Schell auf.
7500 Euro kamen durch den Abend zusammen. Ein schönes Ergebnis, und auch durchaus ein gelungenes Event, das jedoch nur langsam auf Touren kam. Das Konzert oder das “bunte Programm”, wie immer man das sehen möchte, eröffnete eine Gruppe von Backgroundsängern (nicht akustisch verständlich namentlich vorgestellt), zwei Sängerinnen und ein Sänger, mit einem Weihnachtsliedermedley. Das hatte, leider, ein bisschen zu wenig Weihnachtsdrive und hat mich persönlich an so manchen Weihnachtsabend erinnert, als ich als 5-Jähriger gefühlte drei Trillionen Lieder, mal weniger und mal noch weniger spannend gesungen, über mich ergehen lassen musste, um zum real deal, zum Weihnachtsbaum und zu den Geschenken, zu kommen. Aber wollen wir nicht ungnädiger sein als nötig, die drei Sänger(Innen) müssen es ohnehin verkraften, nicht mal richtig vorgestellt worden zu sein.
Marika Lichter war stimmlich blendend drauf und auch sonst bei bester Laune. Sehr schön ihr “Have yourself a merry little Christmas” oder “Someone to watch over me”.
Dass an einem solchen Abend nicht nur gesungen wird, war vor allem dem Hausherrn, Direktor Herbert Föttinger, der die Kammerspiele zur Verfügung stellte, ein Anliegen.
Mit Ruth Brauer-Kvam und Michael Dangl brachte er zwei Schauspieler in die Show, die mit ihren Lesungen weihnachtlicher Kurzerzählungen und Gedichte die Stimmung in die richtige Lage schraubten, sodass am Ende dann, als auch Uwe Kröger und Marika Lichter sich vollends weihnachtlichen Schwingungen hingaben, ein ganzer Saal in “Leise rieselt der Schnee” einstimmte, wie das folgende kleine File demonstrieren soll:
Die Konzertreihe “k.spiele.montagabend”, in dessen Rahmen “It’s Christmas Time” stattfand, wird am 19. Januar 2009 mit dem Programm “Gershwin On A String” fortgesetzt. Tini Kainrath, Willi Resetarits & Stringfizz widmen sich darin ganz dem Gershwin-Songbook. Tickets sind bereits –> hier <– erhältlich.
Martin Bruny am Sonntag, den
30. November 2008 um 12:48 · gespeichert in Theater, 2008
Es gibt Lieder, die sind wie ein Stück Alltagspoesie
weil sie machen uns womöglich das Alltägliche erträglich
Zeitlos ist das Konzept, das Peter Hofbauer, der Direktor des Wiener Theaters Metropol, mit “Words” nun schon in vier verschiedenen Formaten seinem Publikum vorgestellt hat.
Am Anfang stand 2005 die Idee, im Rahmen einer Radiosendung auf Radio Wien Evergreens, Popsongs, Rockhymnen, Powerballaden, also musikalische “Ohrwürmer” zu “erklären” - ihre Texte, ihre Entstehungsgeschichten, interessante Details, Absurdes, Lustiges, Trauriges, Berührendes. Das hat Tradition. Keine Chartssendung ohne kleine Stories “über” Songs. Sie sind oft das Besondere von Sendungen wie Casey Kasems “Top 40″. Wer oder was war mit “Sunny” und “Angie” wirklich gemeint? Welche Liebesgeschichten verbergen sich hinter Songs wie “Jessie” oder “Sarah”?
Der oben kurz angerissene musikhistorische Aspekt ist die eine Intention Hofbauers, eine andere liegt darin, die lyrische Qualität der Lyrics einer neuen Beurteilung zu unterziehen. Peter Hofbauer hat in seinem Bühnenprogramm “Words” meist englische Texte ausgewählt, und oft reicht es da aus, die “Worte”, aus denen sie gebaut sind, einfach einmal ins Deutsche zu übertragen, damit sie vom Publikum neu bewertet werden. Dass das Ganze bei “Words” in Reimform passiert, ist nicht unclever, birgt das doch die Möglichkeit, sich allein durch den gesprochenen (mal mehr mal weniger satirisch angelegten) Vortrag (durch Peter Hofbauer) der Übersetzung eine Möglichkeit offenzuhalten, die postulierte Qualität der Texte gleich wieder zu relativieren. So ist es entweder die gelungene Story eines Songs oder aber die Qualität des Textes, die als einer der Erfolgsfaktoren eines Songs herausgearbeitet wird. Aber nur wenn das Zusammenwirken von Text, Story - und Melodie - klappt, wird daraus Magie, wie Hofbauer meint:
Wenn man sich grundsätzlich die Frage stellt, was denn nun eigentlich die Qualität eines Liedes ausmacht, dann wird man unweigerlich zu der Erkenntnis gelangen: Der Text allein ist es ebenso wenig wie der melodische Einfall oder die mehr oder weniger gefällige Harmonienfolge. Wie bei einer- noch nicht entschlüsselten- chemischen Verbindung müssen Wort und Musik zu einer unverkennbaren und untrennbaren Einheit verschmelzen.
Nicht zu vernachlässigen bei dieser von Hofbauer angesprochenen “chemischen” Verbindung ist auch der gesungene Vortrag der Hits.
Hier kommen die “Metropol Singers” unter der Leitung von Marcus Hagler (& Band) ins Spiel. “Words” Live besteht zum einen aus Moderator Peter Hofbauer, und zum anderen aus einer Band und vier Sängern.
Am 25. November 2008 mit dabei: Dagmar Bernhard, Markus Richter, Sonja Schatz und Andreas Wanasek. Vier Interpreten, die alle einen mehr oder weniger “musicalischen” Background haben. Dagmar Bernhard hat an der Konservatorium Wien Privatuniversität “Musikalisches Unterhaltungstheater” studiert, Andreas Wanasek wird ebenda 2009 sein Diplom machen. Sonja Schatz hat ihre Musicalausbildung an der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Wien absolviert, Markus Richter ist in Gablitz am 82er Haus eine Institution.
Die vier Darsteller haben die Aufgabe, das Publikum einerseits in eine Art “wickie, slime & piper”-mäßige Nostalgie-Trance zu versetzen und andererseits wesentliche Merkmale des musikalischen Vortrags der Originalsänger durch künstliche Überhöhung oder auch Parodie in Erinnerung zu rufen. Das gelingt wunderbar. Dagmar Bernhard outriert herrlich eine Aretha Franklin-Parodie, Sonja Schatz drückt sich bei “The Winner Takes It All” ein paar Tränchen aus den Augenwinkeln, Andreas Wanasek macht unter anderem durch seine wiedererkennbare interessante Stimmfarbe auf sich aufmerksam und arbeitet geschickt mit Markus Richter bei “Gente di Mare” das kratzige Italo-Endtonröchelvibrato heraus - ein kleiner Showstopper.
Die Qualität der musikalischen Darbietungen tänzelt recht pfiffig im Dreiländereck von Kitsch, Karaoke & Nostalgie, und auch der Humor bleibt nicht auf der Strecke. Ganz im Gegenteil, “Words” Live ist sehr unterhaltend, und viele haben an diesem Abend wohl mehr gelacht als bei so manch einer Big-Budget-Produktion. Das Metropol hat mit “Words” Live ein Format im Spielplan, das man viele Jahre immer wieder aufnehmen könnte. Nichts spräche zum Beispiel dagegen, entsprechende Motto-Shows zu Themen wie Austropop oder Filmhits zu entwickeln.
“Words” Live ist vermutlich wider im März 2009 im Metropol zu sehen.
Martin Bruny am Mittwoch, den
12. November 2008 um 19:15 · gespeichert in Musical, Fotos, Theater, 2008
Fragt man Frank Wildhorn, welches seiner Musicals er am ehesten für “abgeschlossen” hält, in dem Sinn, dass eine Veränderung nicht mehr zwingend notwendig sei, so bekommt man von ihm stets nur eine Antwort, nämlich dass er ständig am Verändern und Adaptieren seiner Werke ist. Und doch ist der Komponist mit einer Show ziemlich zufrieden: “The Scarlet Pimpernel“. Wildhorn:
«The Scarlet Pimpernelâ€, ob Sie es glauben oder nicht, kommt meiner ersten Vorstellung vom Klang des Scores am nächsten. In dieser Hinsicht käme also »The Scarlet Pimpernel†einer «endgültigen Version†am nächsten.
Das freilich ist das Resultat einer Menge “Veränderungsarbeit”, die die Show im Laufe der Jahre zu dieser von Wildhorn angesprochenen Einheit werden ließ. Im Programmheft zur aktuellen Baden-Fassung von 2008 (Premiere am 18. Oktober 2008) geht Regisseur Robert Herzl näher auf diese “Veränderungsarbeit” ein. Zu dem Zeitpunkt, als er im Jahr 2003 die “Scarlet Pimpernel”-Fassung von Halle konzipierte, lagen bereits folgende Versionen vor:
- Eine “Original Broadway-Produktion”, die am 9. November 1997 am Minskoff Theatre Premiere hatte.
- “The New Version” (”The Scarlet Pimpernel 2.0″): eine totale Überarbeitung, die am 10. Oktober 1998 zur Aufführung kam, ebenfalls im Minskoff Theatre.
- Die dritte - reduzierte - Version (”The Sarlet Pimpernel 3.0″): Premiere am 10. September 1999 am Neil Simon Theatre in New York. Letzte Vorstellung: 2. Januar 2000.
Für die deutsche Erstaufführung in Halle (am 14. Februar 2003) stellte Herzl eine wiederum neue Version der Show zusammen, “mit allen Musiknummern” … aber das ist so eine Geschichte, denn es war einmal ein Song - “Only love” -, der ursprünglich für “Rudolf” gedacht war, dann in “The Scarlet Pimpernel 1.0″ zum Einsatz kam und schließlich, als “Rudolf” konkretere Formen annahm, doch wieder aus “The Scarlet Pimpernel” gestrichen wurde. Freilich gibt es auch andere Erklärungen, beispielsweise jene von Nan Knighton, die man auf ihrer Website findet.
Fakt ist, dass “The Scarlet Pimpernel” zwar vom Klang her “endgültig” erscheinen mag - das liegt aber nicht daran, dass die Songs immer alle vorhanden sein müssen oder die Szenen immer in derselben Reihenfolge gespielt werden müssen. Wildhorn hat für diese Show einen ganz eigenen Ton geschaffen und eine eigenständige Atmosphäre. So, wie ihm das auch bei “Jekyll & Hyde” geglückt ist.
Freilich ist diese Eigenständigkeit der Wildhorn’schen Musicals nicht unumstritten. Immer wieder wird eine gewisse willkürliche Austauschbarkeit der Songs des Komponisten postuliert (und dann durch Geschichten wie “Only love” unterfüttert). Generell aber erinnert mich das immer an den Witz über die zwei Analphabeten, die an einem Buchgeschäft vorbeigehen. Sagt der eine: “Fad!” Darauf der andere: “Du sagst es, lauter Bücher, immer das Gleiche.”
Wir hier im Kultur-Channel erkennen die Eigenständigkeit der Wildhorn’schen Musicals unumschränkt an, wie wir auch jene der Lloyd Webber’schen Shows hören, und auch jene von Stephen Sondheim. Das schließt nicht aus, dass man Werke der drei Komponisten intuitiv “erkennt”. Ganz im Gegenteil. Denn das Gütesiegel “Wildhorn” verspricht auf alle Fälle immer eines: wuchtige Balladen, oder, wie man das gerne formuliert: Bigger-than-life-Balladen. Und gerade in “The Scarlet Pimpernel” haben wir davon eine Menge.
Gesungen und interpretiert werden sie in Baden von einem Ensemble hervorragender Sänger. Man mag bei den schauspielerischen Leistungen bei dem einen oder anderen eventuell ein paar Ungereimtheiten erkennen, beispielsweise bei Chris Murray (Chauvelin), der manchmal ein wenig zu unbeteiligt an “Mauern” herumlehnt, dessen Motivation nicht klar genug gezeichnet scheint, der vielleicht hie und da ein wenig outriert und bei den Weggabelungen der verschiedensten Interpretationsmöglichkeiten vielleicht mal in die falsche Richtung geht - aber was hat er doch für eine Stimme und wie gut und wirkungsvoll “spielt” er die meisten seiner Gesangsnummern (beispielsweise “Falke auf der Jagd”).
Man mag entweder die Art und Weise, wie Darius Merstein-McLeod seinen Sir Percy Blakeney - einen Dreh zu albern vielleicht manchmal - anlegt, aber immerhin, die Szenen kommen gut rüber, und stimmlich ist Merstein eine Wucht. Völlig überzeugend in einer kleinen, aber feinen Rolle: Klaus Ofczarek als Prince of Wales, nie zu schmierig oder zu übertrieben blasiert.
Wenn sich also manchmal das Gefühl einschleicht, dass sich alle - Schauspieler und Publikum - bei den Songs viel wohler als bei den Sprechszenen fühlen, dann mag das ein rein subjektiver Eindruck sein, und immerhin gibt es eine ganze Menge an blendenden Musiknummern bei “The Scarlet Pimpernel”, warum sich also nicht darauf konzentrieren? Wie ein Traum wunderschön beispielsweise “Ich vertrau auf dich”, gesungen von Darius Merstein und Maricel Wölk, die schon in Halle das Publikum begeisterten. Das geht fast nicht eindrucksvoller.
Eine Inszenierung mit Pomp und Gloria hat Robert Herzl auf die Bühne des Stadttheaters Baden geknallt. Und recht hat er. Bei einer Show wie “The Scarlet Pimpernel” muss man klotzen, nicht kleckern. Mit Wucht und Gespür für Wirkung kommt “Mitten ins Feuer” daher. Fast erwartet man noch Böllerschüsse und “echtes” Feuer. Die Schauspieler gehen mal links, mal rechts in den Zuschauerraum ab, dann stürmen sie wieder durch die Mitte auf die Bühne, blendend bei Stimme auch das Grüpplein Aristokraten (Alois Haselbacher, Sam Madwar, Stephan Wapenhans, Dietmar Seidner, Jan Hutter sowie Christian Zmek), das mit Percy im Untergrund gegen die Schrecken der französischen Revolution kämpft. Genau so muss das stimmlich besetzt sein: voluminös, beeindruckend. Jan Hutter singt sich schön langsam ins Musicalschlaraffenland und besitzt die nötige Ausstrahlung, um bis in die letzten Reihen zu wirken - etwas, was er auch nächstes Jahr im Ensemble von “Rudolf” beweisen wird. Es ist immer wieder schön, jemanden zu sehen, auch im Ensemble, dem man es dermaßen deutlich ansieht, dass er das, was er macht, auch gerne macht.
Projektionen, eine effektvolle Lichtregie, ein stimmiges Bühnenbild, tolle Kostüme, bei dieser Produktion passt fast alles, und es sollte nicht nur bei einer Spielzeit von einer Saison bleiben. “The Scarlet Pimpernel” ist im November noch an folgenden Tagen zu sehen: November: 15/16 (15.00)/28/29/30 (15.00).
Leading Team
Musikalische Leitung: Franz Josef Breznik
Inszenierung: Robert Herzl
Bühnenbild: Manfred Waba
Kostüme: Götz Lanzelot Fischer
Kostüm-Koordination: Friederike Friedrich
Choreographie: Rosita Steinhauser
Cast
Sir Percy Blakeney: Darius Merstein-MacLeod
Marguerite St. Just, seine Frau: Maricel Wölk
Chauvelin: Chris Murray
Armand St. Just, Marguerites Bruder: Zoltan Tombor
Marie Grosholtz: Christa Hertl
Tussaud, ihr Verlobter: Robert Sadil
Mercier, Chauvelins Adjutant: Franz Joseg Koepp
Lord Anthony Dewhurst: Alois Haselbacher
Sir John (Ozzy) Osbert: Sam Madwar
Frederic Elton: Stephan Wapenhans
Lord Andrew (Andy) Farleigh: Dietmar Seidner
Hal Stanton: Jan Hutter
Benjamin Stubbs: Christian Zmek
Marquis de St. Cyr: Mario Fancovic
Jessup, Percys Butler: Franz Födinger
Robespierre: Robert Herzl
Der Prince of Wales: Klaus Ofczarek
Helene: Dessislava Philipova
Cloe: Sonja Fischerauer
Martin Bruny am Montag, den
27. Oktober 2008 um 15:22 · gespeichert in Theater, Theater, 2008
Atmosphäre in einen doch recht kühlen, arenaartigen Raum wie in jenen der Wiener Urania zu zaubern, das können die Schauspieler und der Regisseur, das ganze Leading Team der “Volkstheater in den Außenbezirken”-Produktion “La Strada”.
Sie schaffen eine Stimmung, die zwischen italienischem Film und einem Gefühl, das der französische Schriftsteller Philippe Djian in Romanen wie “Betty Blue” so wunderbar vermittelt, mäandriert. Für die Schauspieler ist der Prozess des Erzeugens dieser speziellen Stimmung, dieses, wie Fellini über seinen Film “La Strada” gesagt hat, “schwebenden Tons, der in mir das Gefühl unendlicher Traurigkeit weckte”, jeden Abend eine neue Herausforderung - denn die Produktion spielt fast wöchentlich in einem anderen Raum, und jeder Raum, in dem die Darsteller Station machen, ist auch anders, ganz anders. Im persönlichen “La Strada” der Protagonisten von “La Strada” gibt es mal eine Bühne, dann wiederum ist nicht mal für die ganze Deko Platz, die Auftritts- und Abgangsmöglichkeiten variieren. So kommt keine Routine auf, jeder Abend ist eine kleine Premiere.
Man tritt zum Großteil vor dankbarem Publikum auf, das mit dieser Produktionsschiene des Volkstheaters Theaterabende direkt in den Bezirk geliefert bekommt. Das darf man nicht unterschätzen. Hier werden Barrieren gekippt - du musst nicht zum Theater kommen, das Theater kommt zu dir, man will extra für dich spielen. Ein Großteil läuft auf Abo-Basis zu vernünftigen Preisen, mit denen man Publikum gewinnen und nicht vergraulen will, das Durchschnittsalter des Publikums ist ein etwas gehobeneres, und wer sich einmal gut unterhalten hat, kommt vielleicht auch öfters ins Haupthaus.
“La Strada - Das Lied der Straße” ist ein Schauspiel von Gerold Theobalt nach einem Drehbuch von Frederico Fellini, Tullio Pinelli und Ennio Flaione.
Der Schausteller Zampano braucht eine neue Assistentin. 10.000 Lire zahlt er für Gelsomina, ein einfaches, ein bisschen zurückgebliebenes Mädchen. Nun zieht sie mit ihm von Ort zu Ort, spielt den Clown, sammelt das Geld ein, kocht und wäscht für ihn. Zampano ist brutal, jähzornig, rücksichtslos und unfähig Gefühle zu zeigen. Er schlägt sie, schläft aber auch hin und wieder mit ihr und betrügt sie mit anderen Frauen. Sie hängt trotzdem an ihm. Dann lernt sie den Seiltänzer Il Matto kennen. Er spricht mit ihr, hört ihr zu und nimmt sie ernst. Von ihm lernt Gelsomina auch die kleine Melodie, die sie auf der Trompete spielt. Als er nicht aufhört, Zampano zu verspotten, kommt es zur Katastrophe …
Ein schwebender Ton, ein Gefühl unendlicher Traurigkeit, das sich in der wechselseitigen Abhängigkeit von Gelsomina und ihrem brutalen Zampano spiegelt, aber auch in der Beziehung zwischen Zampano und Il Matto, dem Seiltänzer, sowie Zampano und seinen Damenbekanntschaften, dieser schwebende Ton ist es, der bei dieser Produktion alles andere, auch die Handlung an sich, dominiert.
Doris Weiner gibt das einfache, etwas zurückgebliebene Mädchen nicht als ver-rückte Studie, sondern zeichnet es als liebenswert ent-rückt, auf eine ganz bezaubernde Weise. Es lebt in seiner eigenen Welt und in diese Welt dringt der Alltag so wie wir ihn alle kennen nur gefiltert ein. Andy Hallwaxx (Regie) setzt eine Vielzahl an Stilmitteln ein, um die Gefühlswelt der Gelsomina zu skizzieren. Er spielt mit Zeit und Realität, mit der Welt der Akrobatik, setzt einen ausgeklügelten Sound- und Musikteppich wie eine Art Underscore ein - alles scheint ineinander zu verfließen, die Zeit an sich wird unwesentlich. Die clownesquen Kunststückchen Gelsominas liefert Weiner manchmal mit einer Charlie Chaplinesquen Attitude, sie sind Teil ihres Wesens, nicht unbedingt als “Zirkuseinlagen” interpretierbar. Die vielen Brechungen in dieser Rolle, beispielsweise dass Weiner natürlich schon lange kein “kleines Mädchen” mehr ist, die traumartigen Sequenzen, das überragende Timing der Schauspielerin, mit dem sie Zeit und Raum balanciert und stets die völlige Aufmerksamkeit des Publikums auf sich fokussiert, das allein macht diesen Abend zu einem großen Erlebnis.
Zampano, der, so stellen wir uns das vor, muskelbepackte Grobling, wird von Thomas Bauer mit Wucht als Seelenkrüppel und Schwächling interpretiert. Er reagiert nicht mit Worten und Gefühlen, sondern ausschließlich körperlich, mit Gewalt.
Marjan Shaki spielt eine Wirtin, eine Hure und einige Szenen später eine Nonne - ein derartig breites Spektrum verlangt eine nuancenreiche Mimik und Gestik sowie Intonation, und mit all dem verleiht die Schauspielerin souverän ihren Auftritten Wirkung. Von der etwas spleenigen Nonne zur derben, karaokesingenden (”Stand by your man”), quietschigen Hure in wenigen Szenen, und beides glaubhaft dargestellt. Ein schöner Einstieg in die Wiener Sprechtheaterszene, abseits der Musicals.
Die restlichen Nebenrollen, auch jene der Mutter Gelsominas, spielt Reinhold G. Moritz, der im Verlauf der Stücks immer stärker wird und im direkten Aufeinandertreffen von Il Matto und Zampano ein paar glänzende Szenen hat.
Set Design und Lichtregie arbeiten nicht mit dem Aufwand einer Hightech-Bühne, aber wenn es darauf ankommt, welche Wirkung erzielt wird, so schaffen wenige Requisiten, die die Phantasie der Zuschauer anregen, oft mehr als noch so tolle Bühnenlandschaften. Ein paar Möbelstücke, verschiebbare Wände, einige wenige Requisiten, auch da ein poetisches Spiel mit Licht - wunderbar. “La Strada” sollte man gesehen haben. Nur noch wenige Termine sind auf dem Tourplan:
27. Oktober: Haus der Begegnung, Donaustadt
28. Oktober: Haus der Begegnung, Donaustadt
30. Oktober: Da capo (VH Inzersdorf)
31. Oktober: Volksheim Groß-Jedlersdorf
04. November: VHS Hietzing
05. November: VHS Hietzing
La Strada - Das Lied der Straße
Österreichische Erstaufführung
Schauspiel nach einem Drehbuch von Frederico Fellini, Tullio Pinelli und Ennio Flaione von Gerold Theobalt
Zampano: Thomas Bauer
Gelsomina: Doris Weiner
Matto: Reinhold G. Moritz
Wirtin/Hure/Nonne: Marjan Shaki
Regie: Andy Hallwaxx
Bühne: Judith Leikauf/Karl Fehringer
Kostüme: Erika Narvas
Dramaturgie: Hannah Lioba Egenolf
Regieassistenz/Souffleuse/Inspizienz/Abendspielleitung: Elisabeth Balog/Katja Knebel