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Körper als Austragungsort von Gewalt, Projektion, Widerstand und Überleben

Die diesjährigen Wiener Festwochen versammeln mehrere Arbeiten, die Performance nicht als Illustration politischer Themen begreifen, sondern als eigenständige Praxis der Erkenntnis und der Zumutung. Besonders deutlich wird das an »Repertório N.1« von Davi Pontes & Wallace Ferreira, »CLAP & SLAP« von Agniete Lisickinaite und Igor Shugaleev sowie »Voyage Into Infinity« von Narcissister – drei sehr unterschiedliche Performances, die dennoch eine gemeinsame Achse erkennen lassen: den Körper als Austragungsort von Gewalt, Projektion, Widerstand und Überleben.
»Repertório N.1« ist der konzentrierteste Beitrag dieser Linie. Pontes und Ferreira entwickeln ihre Arbeit aus gestischen Repertoires Schwarzer und queerer Communities in Rio de Janeiro: kleinen Signalen der Zugehörigkeit und Warnung, mit denen sich Körper im öffentlichen Raum orientieren und schützen. Die Reihe entstand ab 2018 auch als Reaktion auf den zunehmenden Rechtsruck und staatliche Gewalt in Brasilien – »Repertório N.1« ist der radikale Auftakt dieser Reihe, die als offizielle Koproduktion der Festwochen im MAK (Museum für angewandte Kunst) zu sehen war. Die Performer stehen nackt, in leuchtend pinken Sneakern, ohne Musik und dicht vom Publikum umgeben im Raum; in der Mitte zwei kniehohe Podeste, rundherum Sesselreihen – die Zuschauer:innen werden so Teil des Bewegungsfelds. Aus Wiederholung, Verschiebung und Stillstand entsteht eine Anti-Inszenierung, die jeder dekorativen Virtuosität widersteht.
In einem Moment ungefähr zur Hälfte des Abends verdichtet sich die Spannung schlagartig: Während die Performer erneut ihr Aneignungsspiel beginnen – Taschen von Zuschauer:innen tauschen, Schuhe entführen –, wird eine Besucherin sichtbar unruhig. Sie greift in ihre Tasche, versucht offenbar, Kontrolle über ihre Dinge zu behalten, während das Stück genau diese Sicherheit unterminiert. Schließlich rafft sie ihre Tasche an sich, steht abrupt auf und flüchtet durch den Saal in Richtung Toiletten. Diese kleine Szene – kein Eklat, sondern ein stiller Rückzug – legt offen, wie sehr »Repertório N.1« nicht nur von abstrakter Gefahr erzählt, sondern reale Körper in eine Situation bringt, in der Besitz, Schutz und Durchlässigkeit neu verhandelt werden müssen. Die Performer erscheinen nicht als bloße Träger einer Botschaft, sondern als lebendige Archive von Gewalt- und Lustgeschichten, deren Bewegungsrepertoire aus Capoeira, Vogueing und Baile Funk ebenso schöpft wie aus zeitgenössischer politischer Theorie – und das Publikum zwingt, seine eigenen Strategien von Distanz und Nähe zu überdenken.
»CLAP & SLAP« setzt an einem anderen historischen und geografischen Nerv an. Igor Shugaleev beteiligte sich 2020 an den Protesten in Belarus und musste sein Heimatland verlassen, nachdem die Revolution niedergeschlagen worden war. Die litauische Choreografin Agniete Lisickinaite hatte aus Protest beschlossen, nicht mehr mit russischsprachigen Künstler:innen zusammenzuarbeiten. Und nun stehen die beiden gemeinsam auf der Bühne – und verhandeln die Spannungen eines von Kriegserfahrung gezeichneten Osteuropa, in dem Verantwortung, Opposition, Patriotismus und Mitschuld nicht mehr bloße Begriffe, sondern biografische Bruchlinien sind. Das Klatschen und Schlagen, das der Performance ihren Titel gibt, bildet den formalen Kern: als Rhythmus, als körperliche Selbstbefragung und als Moment der Selbstgeißelung. Wo »Repertório N.1« auf radikale Verknappung setzt, arbeitet »CLAP & SLAP« mit Überlagerungen aus Präsenz, Sprache und Material – und macht sichtbar, wie sehr geopolitische Gewalt in Haltungen, Reflexen und Sprechweisen sedimentiert, ohne dabei einfache moralische Eindeutigkeiten zu liefern.
Noch einmal anders operiert »Voyage Into Infinity«. Die New Yorker Künstlerin Narcissister bringt eine überladene Kettenreaktionsmaschine aus recycelten Alltagsgegenständen in die Halle G des MuseumsQuartiers auf die Bühne, in der ein Auslöser die nächste kleine Katastrophe nach sich zieht. Drei maskierte, puppenhaft kostümierte Performerinnen treiben dieses System an, zwischen Slapstick, Ritual und kalkulierter Überforderung. Die Arbeit versteht sich als feministische Neuschreibung von Peter Fischli und David Weiss’ Videoarbeit »Der Lauf der Dinge« (1987): Wo dort die männlichen Schöpfer hinter dem Filmschnitt verborgen blieben, stellt Narcissister die weiblich gelesenen Performerinnen explizit als treibende Kräfte in den Vordergrund. Feuer, mechanische Kettenreaktionen und popkulturelle Zitate verschränken sich zu einem Bildraum, in dem weiblich codierte Körper zugleich Fetisch, Spielzeug und Störgröße sind. Gerade dadurch fügt sich die Arbeit in die gleiche Fragestellung ein: Welche Bilder produzieren wir von Körpern, und wie lassen sie sich performativ unterlaufen?
Was diese drei Performances bei den Festwochen verbindet, ist eine gemeinsame Härte gegen Vereinfachung. »Repertório N.1« denkt Performance aus alltäglichen Verteidigungspraktiken Schwarzer, dissidenter Körper; »CLAP & SLAP« aus der moralischen und affektiven Überforderung eines postsowjetischen Kriegsraums; »Voyage Into Infinity« aus dem feministischen Maschinenraum des Spektakels.

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