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Archiv - Juni, 2026

»Ernxst, or the Importance of Being«

»Tell Me« (Krysta Rodriguez · Andy Mientus)
Aus dem »electro-pop musical romp« »Ernxst, or the Importance of Being« von Justin Elizabeth Sayre (Buch), Kait Kerrigan (Texte) und Bree Lowdermilk (Musik).
»Ernxst«, so der Theaterverlag Concord, sei das erste Musical mit flexibler Partitur, was eine geschlechterübergreifende Besetzung ermöglicht. Das tatsächlich Neue daran mag sein, dass bei »Ernxst« die Musik von Anfang an so komponiert und arrangiert wurde, dass jede Rolle unabhängig von Geschlecht und Stimmlage gespielt werden kann. Es gibt keine »richtige« Stimmlage für die Hauptrollen. Die Tonarten werden erst nach der Besetzung festgelegt. Zusätzliche Versionen der Songs werden vom Verlag bereitgestellt.
Die Bonustracks auf der Cast-CD zeigen die genderoffene Konzeption. Am Beispiel »Tell Me«:
Original Cast Recording: Anna Zavelson (Algernon), J. Harrison Ghee (Jack)
Bonus Track: Krysta Rodriguez (Algernon), Andy Mientus (Jack)
Sänger:innen der Castaufnahme: J. Harrison Ghee, Jeff Hiller, Bonnie Milligan, Ryan McCartan, Joy Woods, Anna Zavelson, Beth Leavel, Wren Rivera, Jesse James Rose, AnaNia, Krysta Rodriguez, Andy Mientus, Ari Notartomaso, Jay Armstrong Johnson.

»Mermaids to Lovers« (RTL)

Mermaiding ist seit Mitte der 2010er-Jahre in Deutschland und Österreich ein Trendsport, wenn auch der einer eher kleinen, allerdings sehr aktiven Nische, so gibt es die von der Profi-Meerjungfrau »Mermaid Kat« gegründete Mermaid Kat Academy in Potsdam.
Entstanden ist das moderne Mermaiding ursprünglich in den USA mit Ausprägungen wie Unterwasser-Shows, ikonischen Filmen bis hin zu Freizeitparks.
Der Weg zum Massenphänomen wird hierzulande von ein paar administrativen Hürden behindert, zum Beispiel von Flossenverboten in den Wiener Sommerbädern. Aber vielleicht ändert sich das ja demnächst, wenn die brandneue deutsche Young-Adult-RomCom-Serie »Mermaids to Lovers« (RTL) zum Hit werden sollte.
Mermaiding ist natürlich mehr als eine Trendsportart. Es steht für Genderfluidität, einen Aspekt, den man in den klassischen Disney-Märchen – etwa in »Arielle« – nur in Ansätzen findet. Für die Kunsthistorikerin Petra Stegmann steht die Meerjungfrau heute »nicht mehr nur für reine Weiblichkeit, sondern für den fließenden – ›fluiden‹ – Übergang zwischen den Geschlechtern«. Sie betont das »Dazwischen« als zeitgemäßes Identitätsmodell. Indem „Mermaids to Lovers“ einen Meermann (Philip Günsch) ins Zentrum der sonst klar weiblich codierten Meerjungfrauenfantasie rückt, übersetzt die Serie diese Idee zumindest ansatzweise in eine Popkulisse aus Chlorwasser, Insta-Feeds und Glitzerflossen.

Mermaids to lovers

Körper als Austragungsort von Gewalt, Projektion, Widerstand und Überleben

Die diesjährigen Wiener Festwochen versammeln mehrere Arbeiten, die Performance nicht als Illustration politischer Themen begreifen, sondern als eigenständige Praxis der Erkenntnis und der Zumutung. Besonders deutlich wird das an »Repertório N.1« von Davi Pontes & Wallace Ferreira, »CLAP & SLAP« von Agniete Lisickinaite und Igor Shugaleev sowie »Voyage Into Infinity« von Narcissister – drei sehr unterschiedliche Performances, die dennoch eine gemeinsame Achse erkennen lassen: den Körper als Austragungsort von Gewalt, Projektion, Widerstand und Überleben.
»Repertório N.1« ist der konzentrierteste Beitrag dieser Linie. Pontes und Ferreira entwickeln ihre Arbeit aus gestischen Repertoires Schwarzer und queerer Communities in Rio de Janeiro: kleinen Signalen der Zugehörigkeit und Warnung, mit denen sich Körper im öffentlichen Raum orientieren und schützen. Die Reihe entstand ab 2018 auch als Reaktion auf den zunehmenden Rechtsruck und staatliche Gewalt in Brasilien – »Repertório N.1« ist der radikale Auftakt dieser Reihe, die als offizielle Koproduktion der Festwochen im MAK (Museum für angewandte Kunst) zu sehen war. Die Performer stehen nackt, in leuchtend pinken Sneakern, ohne Musik und dicht vom Publikum umgeben im Raum; in der Mitte zwei kniehohe Podeste, rundherum Sesselreihen – die Zuschauer:innen werden so Teil des Bewegungsfelds. Aus Wiederholung, Verschiebung und Stillstand entsteht eine Anti-Inszenierung, die jeder dekorativen Virtuosität widersteht.
In einem Moment ungefähr zur Hälfte des Abends verdichtet sich die Spannung schlagartig: Während die Performer erneut ihr Aneignungsspiel beginnen – Taschen von Zuschauer:innen tauschen, Schuhe entführen –, wird eine Besucherin sichtbar unruhig. Sie greift in ihre Tasche, versucht offenbar, Kontrolle über ihre Dinge zu behalten, während das Stück genau diese Sicherheit unterminiert. Schließlich rafft sie ihre Tasche an sich, steht abrupt auf und flüchtet durch den Saal in Richtung Toiletten. Diese kleine Szene – kein Eklat, sondern ein stiller Rückzug – legt offen, wie sehr »Repertório N.1« nicht nur von abstrakter Gefahr erzählt, sondern reale Körper in eine Situation bringt, in der Besitz, Schutz und Durchlässigkeit neu verhandelt werden müssen. Die Performer erscheinen nicht als bloße Träger einer Botschaft, sondern als lebendige Archive von Gewalt- und Lustgeschichten, deren Bewegungsrepertoire aus Capoeira, Vogueing und Baile Funk ebenso schöpft wie aus zeitgenössischer politischer Theorie – und das Publikum zwingt, seine eigenen Strategien von Distanz und Nähe zu überdenken.
»CLAP & SLAP« setzt an einem anderen historischen und geografischen Nerv an. Igor Shugaleev beteiligte sich 2020 an den Protesten in Belarus und musste sein Heimatland verlassen, nachdem die Revolution niedergeschlagen worden war. Die litauische Choreografin Agniete Lisickinaite hatte aus Protest beschlossen, nicht mehr mit russischsprachigen Künstler:innen zusammenzuarbeiten. Und nun stehen die beiden gemeinsam auf der Bühne – und verhandeln die Spannungen eines von Kriegserfahrung gezeichneten Osteuropa, in dem Verantwortung, Opposition, Patriotismus und Mitschuld nicht mehr bloße Begriffe, sondern biografische Bruchlinien sind. Das Klatschen und Schlagen, das der Performance ihren Titel gibt, bildet den formalen Kern: als Rhythmus, als körperliche Selbstbefragung und als Moment der Selbstgeißelung. Wo »Repertório N.1« auf radikale Verknappung setzt, arbeitet »CLAP & SLAP« mit Überlagerungen aus Präsenz, Sprache und Material – und macht sichtbar, wie sehr geopolitische Gewalt in Haltungen, Reflexen und Sprechweisen sedimentiert, ohne dabei einfache moralische Eindeutigkeiten zu liefern.
Noch einmal anders operiert »Voyage Into Infinity«. Die New Yorker Künstlerin Narcissister bringt eine überladene Kettenreaktionsmaschine aus recycelten Alltagsgegenständen in die Halle G des MuseumsQuartiers auf die Bühne, in der ein Auslöser die nächste kleine Katastrophe nach sich zieht. Drei maskierte, puppenhaft kostümierte Performerinnen treiben dieses System an, zwischen Slapstick, Ritual und kalkulierter Überforderung. Die Arbeit versteht sich als feministische Neuschreibung von Peter Fischli und David Weiss’ Videoarbeit »Der Lauf der Dinge« (1987): Wo dort die männlichen Schöpfer hinter dem Filmschnitt verborgen blieben, stellt Narcissister die weiblich gelesenen Performerinnen explizit als treibende Kräfte in den Vordergrund. Feuer, mechanische Kettenreaktionen und popkulturelle Zitate verschränken sich zu einem Bildraum, in dem weiblich codierte Körper zugleich Fetisch, Spielzeug und Störgröße sind. Gerade dadurch fügt sich die Arbeit in die gleiche Fragestellung ein: Welche Bilder produzieren wir von Körpern, und wie lassen sie sich performativ unterlaufen?
Was diese drei Performances bei den Festwochen verbindet, ist eine gemeinsame Härte gegen Vereinfachung. »Repertório N.1« denkt Performance aus alltäglichen Verteidigungspraktiken Schwarzer, dissidenter Körper; »CLAP & SLAP« aus der moralischen und affektiven Überforderung eines postsowjetischen Kriegsraums; »Voyage Into Infinity« aus dem feministischen Maschinenraum des Spektakels.

»Credere alle Maschere« (An Masken glauben) von Romeo Castellucci

Bei den Wiener Festwochen ist noch bis 10. Juni die Produktion »Credere alle Maschere« (»An Masken glauben«) von Romeo Castellucci zu sehen.

Heinz Sichrovsky schreibt darüber in der »Kronen Zeitung«:
»›An Masken glauben‹ ist eine installative Performance, die uns lehrt, dass alles alles sein kann. Eine antike Vase wird hereingebracht und heißt ›Pfeife‹, ein Glas Milch nennt sich ›Hammer‹, ein ausgestopfter Fuchs ›Pferd‹, Siegfrieds ›Ring‹-Hornruf ›Staub‹, Stan Laurel ›Wasser‹ (weil er weint?). Hat man das Prinzip nach 15 Minuten begriffen, wird ein elektrischer Stuhl aufgebaut, der ›Stuhl‹ heißt, auf dem Besucher Platz nehmen dürfen, um verlegen zuckend ihren eigenen Exitus zu simulieren.«

Ich war in ebendieser Vorstellung. Eine kleine Beschreibung der letzten Szene:
Letzter Gegenstand: ein elektrischer Stuhl.
Er steht länger da als die anderen Gegenstände.
Zuschauer beginnen, auf ihm Platz zu nehmen.
Jemand fragt: »Ist er bequem?«
Eine Zuschauerin lässt sich von ihrer Freundin festbinden.
Eine Zuschauerin setzt sich auf den Stuhl, ein anderer wartet. Plötzlich simuliert sie einen Todeskampf.
Der Wartende wartet nicht mehr, er geht wieder zu seinem Platz.
Ein recht bekannter Kritiker nach dem Ende der Vorstellung: »Diese Idioten.«

Verbirgt sich hinter dieser Produktion vielleicht ein Geheimnis? Sind es wirklich nur Zuschauer, die sich mit dem elektrischen Stuhl spielen? Meinetwegen auch: Sind es ausschließlich Besucher, die sich mit dem elektrischen Stuhl spielen?
Ich glaube: nein. Denn wenn man vor Beginn der Vorstellung einen Musicaldarsteller unter den Zuschauern sieht – und zwar einen, den man gerade in einer solchen Produktion nicht als Teil der Besucherzielgruppe vermuten würde –, dann dessen Website googelt, wo er gepostet hat: »Erstmals bin ich dieses Jahr bei den Wiener Festwochen dabei, und zwar in Romeo Castelluccis installativer Performance ›Credere alle Maschere‹«, dann darf man zweifeln.

Wohl mit Absicht steht bei den Credits auf der Website der Wiener Festwochen nichts von mitwirkenden Performern. Dass die Mitwirkenden den Trick, der sich möglicherweise hinter der Performance verbirgt, verraten, – wer konnte das ahnen?

Update. Nun ist es kein Geheimnis mehr:
»Der Standard«: »Nach und nach treten nun vier Performer mitten aus dem Publikum an den Stuhl heran und interagieren damit. Stellen – mal besser, mal schlechter gespielt – eine Tötung nach oder hocken sich teilnahmslos daneben. Dann ist es aus. Keine Pointe, keine Auflösung, kein Applaus. ›Geldverschwendung, Frechheit‹, tönt es vereinzelt aus dem Publikum. Zumindest die Maske darf man als Give-away behalten. Sie wird einen daran erinnern, wie man einst von Romeo Castellucci getrollt wurde. Oder war da doch mehr dahinter?« (Stefan Weiss, 7. 6. 2026)